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Überfallkommando

Edgar Wallace: Überfallkommando - Kapitel 9
Quellenangabe
pfad/wallacee/ueberfal/ueberfal.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleÜberfallkommando
publisherGoldmann Verlag
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
printrun17. Auflage
isbn3442000750
year1982
created20111027
projectid915718f9
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Kapitel 8

Mark McGill ging in seinem Wohnzimmer auf und ab. Alle paar Minuten sah er nach der Uhr, die jetzt zwei zeigte. Von Ann war noch keine Nachricht eingetroffen. Er hatte an einen seiner Agenten in Oxford telefoniert und erfahren, daß sie dort nicht angekommen war. Das war allerdings kaum beunruhigend. Ann war klug und würde wahrscheinlich einen langen Umweg machen, um all den Kontrollstellen aus dem Weg zu gehen, wo sie von der Fliegenden Kolonne aufgegriffen werden konnte. Aber nun war es doch an der Zeit, daß er bald von ihr hörte. Sein Mann in Oxford hatte versprochen zu telefonieren, wenn sie angekommen war; aber seit einer Stunde war kein Anruf mehr erfolgt.

Ann begann etwas schwierig zu werden. Er wußte, daß ihr Glaube an ihn bis zu einem gewissen Grad erschüttert war. Erfolglos versuchte er, die alte Begeisterung für ihre Rache wieder in ihr wachzurufen. Viele Einflüsse arbeiteten gegen Mark McGill. Die erbärmliche Feigheit Tisers schien bei Ann Zweifel zu wecken, denn er hatte beobachtet, daß sie stets skeptischer wurde, wenn sie mit diesem furchtsamen Menschen zusammengekommen war.

In der Diele summte es dreimal. Er schaute schnell auf und ging zum Fenster, um hinauszusehen. Cavendish Square lag verlassen da, kein Auto war in Sicht. Es mußte Ann sein – sie drückte immer den zweiten Knopf, der unter der gewöhnlichen Klingel verborgen war, und den zufällige Besucher nicht kannten.

Er ging in den Flur, öffnete die Haustür und trat einen Schritt zurück, als er den Besucher sah. Polizeiinspektor Bradley trat ihm entgegen, und hinter ihm tauchten zwei Polizeibeamte auf.

Die kalten Blicke des Detektivs musterten Mark.

»Haben Sie jemand erwartet?« fragte er.

Mark hatte seine Selbstbeherrschung sofort wiedererlangt.

»Natürlich – ich erwarte Nachricht von Tiser. Er ist heute abend sehr krank geworden.«

»Ist denn Ihr Telefon auch krank geworden, daß Sie es nicht benützen?«

»In der Herberge ist niemand, der richtig telefonieren kann«, erwiderte Mark lächelnd. »Sie wissen doch, wie wenig intelligent diese Leute sind. Ich glaube, ich muß wirklich noch einen Assistenten für Tiser anstellen. Wollten Sie mich sprechen?«

Bradley nahm ein amtliches Dokument aus seiner Brieftasche.

»Ich habe eine Vollmacht zur Durchsuchung Ihrer Wohnung«, sagte er. »Ich hoffe nur, daß ich nicht zu spät gekommen bin!«

McGills selbstbewußtes Auftreten war beunruhigend, Bradley war enttäuscht – er kam zu spät. Mark McGill würde nicht so harmlos lächeln, wenn er sich vor einer Visitation seiner Wohnung fürchtete.

»Treten Sie bitte näher«, sagte Mark fast liebenswürdig.

Die Polizeibeamten folgten ihm in das Wohnzimmer. Mark ging geradenwegs zu seinem Schreibtisch und legte einen der beiden Hebel um, die an dem Tisch befestigt waren.

»Lassen Sie ihre Hände von den Schaltern«, sagte Bradley scharf. »Was haben sie zu bedeuten?«

Mark zuckte die Schultern.

»Es ist nur eine elektrische Vorrichtung, um die Haustür automatisch zu schließen. Sie haben die Tür offenstehen lassen, und ich bin sehr empfindlich gegen Zugluft.«

»Wir haben die Tür geschlossen«, erwiderte Bradley kurz. »Wozu dient der andere Hebel?«

»Damit kann man die Tür öffnen«, antwortete Mark.

Bradley legte seine Hand auf den einen Schalter und gab einem seiner Leute einen Wink.

»Gehen Sie einmal in den Flur und sehen Sie, was passiert.«

Er legte den Hebel um, und der Beamte bestätigte die Richtigkeit der Angaben McGills. Bradley legte nun den anderen Hebel um.

»Was geschieht jetzt?« fragte er.

»Ich kann nichts bemerken.«

»Dieser Hebel schließt also die Tür nicht. Wozu ist er da?«

McGill sah Bradley ins Gesicht, ohne mit der Wimper zu zucken.

»Vielleicht ist der Mechanismus nicht in Ordnung. Versuchen Sie doch den ersten Hebel. Beide öffnen und schließen die Tür.«

Bradley drehte den ersten Griff wieder und hörte, wie sich die Haustür schloß.

Die Durchsuchung der Wohnung dauerte eineinhalb Stunden. Die Beamten zogen alle Schubladen heraus, drehten jeden Gegenstand um, durchwühlten alle Schränke und Kommoden, machten alle Matratzen auf und klopften an die Holzpaneele. McGill beobachtete mit sichtlichem Vergnügen die Durchsuchung des Raumes, in dem er sich befand. Nach einer Weile holte er einen Schlüssel aus der Tasche.

»Dort, hinter der Tapete, zur linken Hand des Kamins, ist ein kleiner Safe eingebaut. Hier haben Sie den Schlüssel.«

Ohne ein Wort zu entgegnen, nahm Bradley den Schlüssel, öffnete den Schrank und prüfte den Inhalt.

»Sie haben doch auch eine Garage?« fragte er, als er damit fertig war. »Von Ihrer Küche aus führt eine Tür direkt dorthin.«

»Ich will Ihnen gern den Weg zeigen«, sagte McGill höflich, erhob sich und ging voraus.

In der Küche sah Bradley den röhrenförmigen eisernen Ofen, der sich noch warm anfühlte. Er öffnete die Klappe und stocherte in der glimmenden Asche herum.

»Eine ganz praktische Einrichtung«, meinte er.

»Da haben Sie recht, hier verbrenne ich meine Liebesbriefe.«

Inspektor Bradleys Lippen zuckten. Er hatte Sinn für Humor, und diese Antwort machte ihm offensichtlich Spaß.

»Sind Sie denn ein solcher Don Juan?«

Bradley beobachtete Mark scharf, obgleich er sich einen Anschein von Gleichgültigkeit gab, als er weitersprach.

»Wer ist denn Ihre letzte Eroberung – doch nicht etwa Miss Perryman?«

Er sah, daß Mark die Stirn runzelte, und fühlte sich erleichtert. Bevor der andere antworten konnte, zeigte er auf die Tür, die zur Garage führte.

»Schließen Sie auf.«

Er folgte McGill die Stufen hinunter und wartete, bis er das Licht angedreht hatte. Dann schaute er sich um. Es war ein auffallendes Geräusch in dem Raum zu hören – das Rauschen von fließendem Wasser. Der Detektiv stellte sofort fest, woher es kam. Er entdeckte den eisernen Behälter, der die Form einer großen Zigarre hatte.

»Was ist denn das«, fragte er.

»Das ist eine neue Art von Kühlmaschine«, entgegnete Mark leichthin. »Ich stelle gern allerhand wissenschaftliche Versuche an.«

Bradley öffnete die Tür. Im Licht seiner Taschenlampe konnte er nur den Strahl des fließenden Wassers sehen. Schnell rollte er seinen Ärmel auf und langte mit der Hand hinein, bis er auf den Boden des eisernen Behälters kam, wo er den Ausguß fand. Es war eine runde Öffnung, durch die das Wasser abfloß.

»Haben Sie etwas gefunden?« fragte McGill höflich.

In einer Ecke der Garage stand ein großes Paket, das in braunes Papier eingewickelt war. Bradley riß es auf und hob eine kristallhelle Platte heraus. Sie war rund und zeigte in regelmäßigen Zwischenräumen Löcher, die die Größe eines Halbschillingstückes hatten. Er feuchtete seinen Finger an und prüfte den Geschmack.

»Salz!«

Er legte eine runde Scheibe in den Behälter. In einigen Sekunden hatte sie sich aufgelöst und war vollständig verschwunden.

»McGill, ich werde Ihnen Ihren schlauen Plan erzählen. Sie haben diese Öffnung mit einem runden Stück Salz oder Zucker verschlossen, dann haben Sie Ihre eingeschmuggelten Waren daraufgelegt und die Tür zugemacht. Bei der geringsten Gefahr lassen Sie das Wasser laufen – und das regulieren Sie natürlich oben mit dem Hebel an Ihrem Schreibtisch!«

Er nickte lächelnd und sah, daß McGill sich unbehaglich zu fühlen begann.

»Wenn Sie Polizeibesuch bekommen, legen Sie einfach den Hebel oben um, und das fließende Wasser wäscht dann alles Kokain oder was Sie sonst hier verbergen, weg. Bevor die Polizei hierherkommen kann, sind alle Beweise verschwunden. Die Sache ist ganz genial angelegt!«

Er klopfte McGill auf die Schulter.

»Versuchen Sie das nicht wieder – wenn ich das nächste Mal komme, werde ich die Garage zuerst durchsuchen, und das könnte dann sehr üble Folgen für Sie haben. Wo ist Miss Perryman?«

Er stellte die Frage so plötzlich, daß Mark in Bestürzung geriet.

»Miss Perryman wohnt nicht hier.«

»Aber Sie erwarten doch Nachricht von ihr? Sie haben doch auf sie gewartet?«

McGill lachte, aber es klang nicht sehr überzeugend.

»Wirklich, mein lieber Inspektor, Sie haben phantastische Ideen – woher haben Sie die bloß?«

»Sie erwarten Ann Perryman – aber da werden Sie wohl noch einige Zeit zu warten haben. Sie wurde heute nacht auf der Straße nach Oxford verhaftet!«

Nicht ein Muskel in Marks Gesicht rührte sich, und kein Zucken seiner Wimpern verriet, was in ihm vorging.

»Es tut mir leid, das zu hören – warum ist das geschehen?«

»Sie war im Besitz von verbotenen Rauschgiften.«

Unter gewöhnlichen Umständen wäre Mark sehr mißtrauisch gegenüber allen Äußerungen eines Polizeibeamten gewesen, aber im Augenblick hatte er die Fassung verloren und dachte nicht einmal an die Möglichkeit, daß Bradley ihn nur bluffen wollte.

»Ich weiß von der ganzen Sache nichts«, sagte er laut. »Wenn sie Rauschgift mit sich führt, so tut sie das ohne meine Kenntnis. Und wenn sie sagt, daß sie die Ware von mir hat, dann lügt sie – wo haben Sie denn das Zeug in ihrem Wagen gefunden?«

Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, als er einsah, wie unklug diese Äußerung war. Ann hatte das Paket doch sicher beim ersten Zeichen einer drohenden Gefahr weggeworfen. Und nun hatte er durch seine Unvorsichtigkeit dem Detektiv verraten, was selbst Ann nicht wußte – daß in ihrem Auto noch mehr versteckt war, als sie ahnte.

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