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Überfallkommando

Edgar Wallace: Überfallkommando - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/wallacee/ueberfal/ueberfal.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleÜberfallkommando
publisherGoldmann Verlag
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
printrun17. Auflage
isbn3442000750
year1982
created20111027
projectid915718f9
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Kapitel 5

Mark McGill war wie gelähmt. Er konnte sich weder rühren, noch konnte er sprechen. Aber schließlich löste sich die Starre.

»Was, Sie haben ihn gesehen – Li Yoseph?« fragte er mit heiserer Stimme. »Sie wollen doch nicht sagen, daß der alte Mann hier am Cavendish Square war? Sie leiden an Wahnvorstellungen!«

Er schüttelte sich, als ob er eine Last abwerfen wollte, die sie ihm plötzlich auf die Schultern gelegt hatte.

»Wo war er denn – reden Sie doch!«

Sie erzählte, wie sie den Mann auf dem Gehsteig neben dem wartenden Auto gesehen hatte. Mark stürzte zur Balkontür, riß die Vorhänge zurück und trat hinaus.

»Wo war er denn?«

Sie folgte ihm und zeigte ihm die Stelle, wo sie den Alten gesehen hatte.

»Dort – an jener Ecke stand er.«

Aber weder das Auto noch der Fremde waren zu sehen.

»Ach, das ist alles Unsinn! Großer Gott, was haben Sie mir für einen Schrecken eingejagt! Aber ich verstehe jetzt, warum Sie sich geirrt haben. Dort im Eckhaus wohnt ein russischer Adliger, der bekommt häufig Besuch, Russen und solche Leute...«

Als Mark seine Hand hob, zitterte sie. Ann hatte ihn noch nie in einer solchen Verfassung gesehen und wunderte sich über seine Erregung.

»Der alte Mann ist tot – ich weiß bestimmt, daß er gestorben ist was, zum Teufel –?«

Er fuhr stöhnend herum wie ein geängstigtes Tier, als Mr. Tiser ins Zimmer trat, der wie gewöhnlich schwarz gekleidet war. Mr. Tiser schien in der glücklichsten Stimmung der Welt zu sein. Er freute sich, daß er am Leben war, und er freute sich, daß er seinen Mitmenschen helfen konnte, indem er ihnen Unterkunft in der Herberge gab. Am glücklichsten war er, wenn er irgendeinen hervorragenden Besucher im Obdachlosenheim willkommen heißen konnte.

»Um Gottes willen, meine Lieben, ich habe Sie doch nicht etwa erschreckt? Ich muß tatsächlich in Zukunft anklopfen. Komme ich ungelegen? Aber, lieber Freund, du siehst wirklich nicht wohl aus«, wandte er sich dann an Mark. »Finden Sie das nicht auch, Miss Ann? Ich bin entsetzt. Vielleicht fällt mir das um so mehr auf, weil ich stets in einer Atmosphäre von robuster Gesundheit lebe. Wenn man zum Beispiel an den alten Sedeman denkt, diesen Seebären ein böser Kerl, aber gesund wie ein Fisch! Ha, ha! Ha, ha!«

Er trank einen Whisky, und der Ausdruck seiner wässerigen, blauen Augen zeugte davon, wie vorzüglich es ihm schmeckte.

»Im Heim geht alles gut –«

»Ann glaubt, daß sie heute abend Li Yoseph gesehen hat.«

Mr. Tisers Gesicht zuckte plötzlich nervös.

»Um Gottes willen! Reden Sie doch nicht solches Zeug, Miss Ann!« sagte er mit schriller Stimme.

»Li Yoseph ... was ist denn das für ein Gesprächsthema? Man soll die Toten ruhen lassen. Li Joseph!«

Er zitterte, als er das Glas auf den Tisch stellte. Schweißtropfen standen auf seiner Stirn, und seine Lustigkeit war plötzlich verschwunden. Die Nachricht hatte ihn vollständig außer Fassung gebracht.

»Li Yoseph ... erinnerst du dich noch, Mark? All diese Kobolde und Gespenster, die bei ihm herumspukten! Ich habe schon damals immer eine Gänsehaut bekommen! Und jetzt spukt er selbst herum – das ist wirklich sehr erfreulich!«

»Soweit wir wissen, ist Li Yoseph tot.« Mark zwang sich äußerlich zur Ruhe.

Tiser starrte ihn an. Seine Mundwinkel zuckten.

»Du wettest, daß er hin ist! Das ist für alle das beste. Kannst du dich noch darauf besinnen, Mark, wie er immer alle möglichen Dinge sah und immerzu mit Geistern sprach? Das ging mir fürchterlich auf die Nerven.« Er schaute ins Leere, als ob er selbst irgendwelche Gestalten sähe. In seiner Furcht vergaß er seine Umgebung vollständig und sprach seine Gedanken laut aus.

»Es war schrecklich ... verdammt! Ich möchte das nicht noch einmal erleben. Mark, kannst du ihn noch sehen, wie er dort stand und uns angrinste und sagte – er – er – würde wiederkommen?«

Im Nu war Mark an seiner Seite, packte ihn am Arm und schüttelte ihn heftig.

»Komm zu dir«, sagte er barsch. »Und halt den Mund! Kannst du denn nicht sehen, daß du Ann beunruhigst?«

»Das tut mir furchtbar leid«, murmelte Tiser hilflos. »Habe mich wirklich schrecklich gehenlassen – noch dazu in Gegenwart einer Dame.«

Mark gab Ann ein Zeichen mit den Augen, aber das war nicht mehr nötig. Sie nahm Hut und Handtasche auf und verließ schnell das Zimmer. Auf dem Gang hörte sie noch Tisers schrille Stimme.

»Li Yoseph – Li Yoseph ... aber es gibt doch keinen Menschen, der unsterblich ist. Mark, du weißt doch bestimmt, daß er tot ist...! Zehn Schritte, alter Junge, was...?«

Ann war froh, als sie die Tür hinter sich schließen konnte und nichts mehr von diesem Winseln hören mußte.

Sie ging über den Treppenabsatz und öffnete die Tür zu ihrer eigenen Wohnung. Ihr Mädchen hatte den Tisch gedeckt und ein kaltes Essen serviert. Sie fühlte sich kaum hungrig, nahm deshalb erst ein Bad und kleidete sich um.

Ronnies Tod lag nun schon über ein Jahr zurück. Ann versuchte, wieder etwas von ihrem alten, blinden, unvernünftigen Haß gegen diesen äußerlich so freundlichen Polizeibeamten in sich zu entfachen. Sie wollte ihn wieder so bitter verachten wie einst. Die düsteren Rachepläne sollten wieder in ihr lebendig werden, um derentwillen sie mit Bradley in Verbindung geblieben war. Mark hatte sie in diesem Gedanken stets bestärkt. Sie hatte aus einer Zeitung ein Bild Bradleys ausgeschnitten und es neben das Bild ihres Bruders in einen Doppelrahmen gesteckt, damit ihre Rache nicht erlahmen sollte. Ronnie hatte ein schönes, klares Profil, und in seinen Augen lag das sorglose Lachen der Jugend; Bradley, sein Mörder, blickte finster drein, zynisch und hassenswert. Sie hatte sich vorgenommen, diesen Mann in sich verliebt zu machen. Auch zu diesem Vorhaben war sie von Mark ermutigt worden. Aber die Aufgabe war qualvoll, denn sie mußte immer mit der Erinnerung an ihren Bruder kämpfen. Aber allmählich hatte sie gelernt, sich so gut zu beherrschen, daß sie seinem Mörder gegenübersitzen und ihn anlächeln konnte, während sie die Asche ihrer Zigarette abstreifte.

Er mochte sie ganz gerne; das hatte sie am ersten Tag schon gefühlt, als sie die bittere Wahrheit über Ronnies Tod erfuhr. Aber er blieb sich stets gleich; er interessierte sich für sie und schien aufrichtig an ihrer Trauer teilzunehmen. Mark McGill hatte er heute zum erstenmal erwähnt, obgleich er oft mit ihr über Ronnie gesprochen hatte.

»Er kam leider in schlechte Gesellschaft«, hatte er einmal von ihrem Bruder gesagt. »Ich beobachtete, wie er tiefer und tiefer sank; und ich habe mein Bestes getan, um ihn zu retten. Wenn er mir nur ein einziges Mal gesagt hätte, wie weit er sich verstrickt hatte, so hätte ich ihm helfen können.«

Als sie sich ankleidete, setzte sie den Rahmen mit den beiden Fotografien direkt vor sich auf den Toilettentisch. Ihre Stirn lag in Falten, als sie ihre kurzgeschnittenen Haare zurückbürstete. War sie Bradley gegenüber wirklich so klug und schlau gewesen, wie sie sich vorgenommen hatte? Sie hatte nichts von ihm erfahren und war ihm nicht nähergekommen; ihr Verhältnis zu ihm blieb stets dasselbe, und er schenkte ihr sein Vertrauen nicht. Mark pflegte sie nach ihren Zusammenkünften mit Bradley zu fragen, was er gesagt hatte, aber sie konnte ihm niemals etwas Neues über seine Tätigkeit und über ihn selbst sagen.

Bradley stammte nicht aus einer vornehmen Familie, sein Vater war ein Schreiner gewesen und hatte sich sehr für das Leben der Vögel interessiert; seine Mutter war die Tochter eines Arbeiters.

Von jeher hatte er mit einer wahren Leidenschaft gelernt. Während er nachts sein Revier abpatrouillierte, wiederholte er die unregelmäßigen französischen Verben, und in seiner freien Zeit las er allgemeinverständlich geschriebene Bücher über Gesetzeskunde und Rechtswissenschaft.

Ann hatte ihr Abendessen beendet und sich eine Tasse Kaffee gekocht, als Mark sie antelefonierte.

»Ich weiß nicht, was mit Tiser los ist – es sieht mir ganz wie ein Nervenzusammenbruch aus. Er muß sich bei seiner Tätigkeit im Heim überarbeitet haben. Die Gesellschaft dort hat wohl auch nicht den besten Einfluß auf ihn. Hoffentlich hat Sie der Auftritt vorhin nicht zu sehr beunruhigt.«

Als er hörte, daß sie lachte, fühlte er sich erleichtert. Li Yoseph erwähnte er mit keiner Silbe.

Mark hatte viele bewundernswürdige Charakterzüge. Wer außer ihm hätte einen Teil seiner, wenn auch gesetzeswidrigen, Einkünfte dazu verwandt, die weniger glücklichen Gesetzesübertreter moralisch zu bessern und zu heben? Wenn sie es sich ruhig überlegte, war eigentlich etwas Widerspruchsvolles, Groteskes an dieser Idee, und doch war die Herberge ein wohlüberlegter Plan. Mark hatte ein altes, baufälliges Gasthaus gekauft, dem die Polizei die Konzession entzogen hatte. Dann hatte er es renovieren lassen und mit großen Kosten neu eingerichtet, damit entlassene Verbrecher hier wohnen konnten. Hier erhielten die von der menschlichen Gesellschaft Ausgestoßenen für wenig Geld Essen und Unterkunft.

Mark bezeichnete das Heim als sein »Steckenpferd«, und obwohl er jährlich mehr als fünftausend Pfund für das Haus ausgab, reute ihn das Geld nicht.

»Kommen Sie doch mit Ihrem Kaffee zu mir herüber – ich möchte gern noch mit Ihnen sprechen«, schlug er vor, als sie ihm durchs Telefon sagte, daß sie nichts anderes vorhatte.

Er erwartete sie in der offenen Tür und nahm ihr höflich die Tasse ab.

»Dieser Tiser wird immer unmöglicher. Ein normaler Mensch wäre bei dieser Trunksucht längst unter der Erde. Ich werde mich nach einem anderen Verwalter umsehen müssen.«

»Er war mir immer unsympathisch.«

»Ich freue mich, daß Sie dieselbe Ansicht haben wie ich. Ich habe noch furchtbar mit ihm zu tun gehabt, nachdem Sie gegangen waren. Er leidet an einem neuen Verfolgungswahn – er faselt immer von der Fliegenden Kolonne. Jedes Auto, das er auf der Straße sieht, ist für ihn ein Polizeiwagen. Er will aus der Organisation ausscheiden, und ich möchte ihn auch tatsächlich gehen lassen.«

Ann ergriff die Gelegenheit, mit Mark über seine Organisation zu sprechen.

»Sie müssen doch unheimlich viele Agenten und Vertraute haben – ich habe nun schon viele sonderbare Leute kennengelernt, die gar nicht nach Sacharinhändlern aussahen! Aber ich habe mir noch niemals ernstliche Gedanken darüber gemacht, wie die geschmuggelte Ware eigentlich vertrieben wird. Ich hielt Mr. Tiser für einen ehrenhaften Mann, und solche Leute interessieren mich nicht.«

Er war etwas erstaunt über diese Bemerkung.

»Er ist ein guter Kerl«, sagte er hastig. »Aber selbst die Besten betrügen das Zollamt. Ich habe mir niemals große Gewissensbisse wegen des Schmuggels gemacht, und ich glaube, er auch nicht. Aber eben fällt mir ein, daß Sie heute nacht noch mit einem kleinen Paket nach Oxford fahren müssen. Ich werde Ihnen die Straßenkarte geben und die Stelle bezeichnen, wo die Leute auf Sie warten.«

»Haben Sie keine Angst vor der Fliegenden Kolonne?« neckte sie ihn.

»Ich baue auf Ihre Freundschaft mit Bradley. Er wird es niemals fertigbringen, Sie festzunehmen. Und sollte er es wirklich tun – nun gut, dann muß ich mich auf Sie verlassen, Ann. Sie würden viele Leute ins Gefängnis bringen, wenn Sie nicht schwiegen.«

»Wenn ich nicht schwiege! Mark, Sie scheinen auch an dem neuen Verfolgungswahn zu leiden!«

Lange Zeit sah sie nachdenklich in die rote Glut des Kamins.

»Ist es nicht merkwürdig, daß jedesmal, wenn der Name Li Yosephs erwähnt wird...«

»Der Spuk von Li Yoseph scheint uns tatsächlich alle behext zu haben«, sagte Mark und änderte sofort das Thema. Aber es gelang ihm nicht auf Dauer. Nach einiger Zeit unterhielten sie sich doch wieder über den alten Mann und seine verfallene Wohnung in Lady's Stairs.

»Sind Sie wirklich sicher, daß Li Yoseph tot ist?«

Er holte tief Atem. Niemand wußte besser als er, daß Li Yoseph nicht mehr lebte.

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