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Überfallkommando

Edgar Wallace: Überfallkommando - Kapitel 4
Quellenangabe
pfad/wallacee/ueberfal/ueberfal.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleÜberfallkommando
publisherGoldmann Verlag
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
printrun17. Auflage
isbn3442000750
year1982
created20111027
projectid915718f9
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Kapitel 3

Mark schloß das Fenster, trat zurück und drehte das Licht wieder an. Mit einem scharfen Blick musterte er das Zimmer, verkorkte schnell das Tintenfaß und stellte es beiseite. Dann zeigte er auf die Tür.

»Geh nach unten und laß sie herein!«

Das Klopfen ertönte lauter und dringlicher als zuvor.

»Warte noch einen Augenblick!« rief Mark, als Tiser schon in der Türöffnung stand. Mit größter Eile rollte er den Teppich zurück, riß die Falltür auf und leuchtete mit seiner Taschenlampe nach unten. Aber nur das schwarze Wasser gähnte ihm entgegen. Plötzlich fiel ihm seine Pistole ein; rasch warf er sie hinunter, wartete noch, bis er das Aufschlagen auf dem Wasser hörte, schloß dann die Tür und legte den Teppich wieder darüber.

»Laß sie jetzt herein!« sagte er kurz.

Bradley trat zuerst ein. Einer der vier Detektive, die ihm folgten, hatte eine Pistole in der Hand.

»Durchsuchen Sie die beiden«, befahl Bradley.

Mark hob sofort die Hände in die Höhe.

»Wo ist Ihr Schießeisen?« fragte der Detektiv, der schnell alle Taschen Marks abtastete.

»Wenn Sie damit eine Pistole meinen«, entgegnete McGill kühl, »dann verschwenden Sie nur unnötig Ihre Zeit. Darf ich mir aber die Frage erlauben, was dieses ganze Theater zu bedeuten hat?«

»Wo ist Li Yoseph?«

Mark zuckte die Schultern.

»Das möchte ich auch gerne wissen. Ich unterhielt mich noch vor kurzem mit ihm in der freundschaftlichsten Weise. Dann ging er fort, um noch einen Bekannten aufzusuchen. In zehn Minuten wollte er zurückkommen.«

Der Detektiv verzog verächtlich die Lippen.

»So, er wollte einen Bekannten aufsuchen? Wollte ihn wohl nach seinem Hund fragen, was?« Er zog die Luft prüfend durch die Nase ein und runzelte die Stirn. »Es riecht hier ganz verdächtig nach Kordit.«

Bradley ging zu dem kleinen Schlafraum, sah sich dort um, nahm die Violine und den Bogen und betrachtete sie nachdenklich.

»Sein Instrument hat er nicht mitgenommen, wie ich sehe.« Er nahm die Violine unters Kinn und spielte eine kurze Melodie. »Sie wußten wohl nicht, daß ich Geige spiele?« fragte er, als er sie wieder auf den Tisch legte.

»Ich weiß nur, daß Sie sich hier aufspielen wollen. Ihre künstlerische Veranlagung scheint sich irgendwie betätigen zu müssen«, erwiderte Mark bissig.

Bradley sah ihn scharf an.

»Sie müssen sich von dem Wahn freimachen, daß Sie hier als Volksredner vor einer großen Versammlung stehen, McGill. Sagen Sie mir lieber, wo ich Li Yoseph finden kann.«

Marks Gesicht wurde dunkelrot, offener Haß flammte aus seinen Blicken.

»Wenn Sie wissen wollen, warum ich hierher kam, dann werde ich es Ihnen sagen. Tiser und ich versuchen etwas Gutes in der Welt zu tun und den Leuten zu helfen, die Sie unterdrückt und zugrunde gerichtet haben, Bradley –«

Der Detektiv lächelte.

»Ach, ich kenne Ihre Herberge, wenn Sie dieses Heim für Obdachlose meinen«, entgegnete er trocken. »Das ist doch weiter nichts als ein Ihnen angenehmer Treffpunkt für Verbrecher, die Sie für Ihre Zwecke brauchen können. Eine geniale Idee. Ich habe gehört, daß Sie dort fromme Predigten halten, Tiser?«

Der Mann grinste nur furchtsam, er war noch nicht fähig zu sprechen.

»Sie wollen mir doch nicht etwa erzählen, daß Sie Li Yoseph aufsuchten, damit er Ihnen bei der Besserung der Sträflinge helfen sollte? Wenn Sie das –«

In diesem Augenblick wurde Bradley von einem Beamten dringend auf den Gang gerufen. Er ging sofort hin und sprach mit ihm. Mark McGill sah das Erstaunen in seinem Gesicht.

»Nun gut, sagen Sie Miss Perryman, daß sie hereinkommen kann.«

Ann Perryman trat langsam ein und schaute von einem zum andern.

»Wo ist Mr. Yoseph?«

»Dieselbe Frage habe ich eben auch gestellt«, erwiderte Bradley freundlich.

Sie beachtete ihn nicht und wiederholte ihre Frage.

»Ich weiß es nicht«, entgegnete Mark. »Vor einigen Minuten war er noch hier. Er ist aus irgendeinem Grund fortgegangen und bisher noch nicht wieder zurückgekommen.«

Ann fühlte plötzlich, wie jemand ihren Arm faßte und sie herumzog. Sie zitterte vor Entrüstung, als sie Inspektor Bradleys Blick begegnete.

»Miss Perryman, wollen Sie so liebenswürdig sein und mir sagen, warum Sie jetzt hierherkamen? Ich frage Sie in meiner Eigenschaft als Polizeibeamter.«

»Ich kam, weil er mir schrieb, daß ich ihn besuchen solle«, erwiderte sie atemlos.

»Bitte, zeigen Sie mir seine Mitteilung.«

Tiser starrte sie mit offenem Mund an; auch Mark McGills Züge verrieten ungewöhnliche Bestürzung.

Ann Perryman zögerte, dann riß sie mit einer hastigen Bewegung ihre Handtasche auf und zog ein Blatt Papier hervor. Bradley las die beiden schnell hingeworfenen Zeilen:

»Ich muß Sie um zehn Uhr sehen. Es ist äußerst dringend.«

»Wo ist der Briefumschlag?«

»Den habe ich weggeworfen.« Sie atmete schnell, und ihre Stimme zitterte; aber Bradley wußte, daß nicht Furcht die Ursache ihrer Erregung war.

»Der Brief wurde Ihnen wohl durch einen Boten überbracht? Li hatte zuerst die Absicht, ihn durch die Polizei zu schicken. Er wollte Sie morgen abend sehen – ich hatte auch eine Verabredung mit ihm für dieselbe Zeit«, warf Mark ein.

Bradley sah ihn durchbohrend an, aber McGill hielt den Blick aus.

»Wollen Sie mir bitte erklären, was dies alles zu bedeuten hat?« fragte Ann.

Mühsam hatte sie ihre Selbstbeherrschung wiedererlangt.

»Was das bedeutet?« erwiderte Bradley kühl. »Die Fliegende Kolonne ist hier – oder wenigstens eine Abteilung von ihr. Ich kam hierher, um Li Yoseph in Schutzhaft zu nehmen, bevor ihm etwas zustoßen konnte. Er wollte mir heute einen Brief schicken, und ich nahm an, daß er denselben Boten benützen würde, den er Ihnen gesandt hat. Ich verrate kein Dienstgeheimnis, wenn ich Ihnen sage, daß ich um Li Yoseph ernstlich besorgt war und ihn in Sicherheit bringen wollte, bevor ihn dasselbe Schicksal erreicht wie Ihren Bruder.«

Ann Perrymans Lippen zitterten, aber wieder gelang es ihr, sich zu beherrschen.

»Sie meinen, bevor er durch die Hand von Polizeibeamten umgebracht wurde?« sagte sie leise, beinahe flüsternd. »Auf diese Weise ist mein Bruder ums Leben gekommen – wollten sie mit Li Yoseph auf dieselbe Weise verfahren? Als Sie mich vorhin am Arm packten und herumrissen, als ob ich eine Ihrer Gefangenen wäre, erkannte ich, was für ein brutaler Mensch Sie sind!«

»Wer hat Ihnen denn gesagt, daß ich Ihren Bruder getötet habe?«

»Li Yoseph.«

Auf diese Antwort war Bradley nicht gefaßt.

»Das ist das Unglaublichste, was ich je gehört habe«, sagte er langsam. Dann war er plötzlich wieder der sachliche Beamte und sprach ganz geschäftsmäßig. »Es ist möglich, daß ich Sie, McGill und Tiser, heute abend noch einmal sehen muß. Inzwischen können Sie nach Hause gehen. Miss Perryman, mit Ihnen werde ich morgen früh sprechen. Jetzt werde ich Sie nach Hause bringen.«

»Ich brauche Ihre Begleitung nicht – ich gehe mit Mr. McGill.«

»Sie gehen mit mir«, erwiderte er bestimmt. »Ich will wenigstens die Genugtuung haben, Sie einen Abend lang vor schlechter Gesellschaft bewahrt zu haben.«

»Was soll das heißen, Bradley?« rief McGill zornig. »Was wollen Sie von mir? Ich habe nun allmählich genug von Ihren Andeutungen und dunklen Bemerkungen. Stehen Sie mir jetzt Rede und Antwort!«

Bradley winkte einen seiner Leute heran.

»Begleiten Sie Miss Perryman zu meinem Wagen!«

Einen Augenblick sah sie ihn trotzig an, dann drehte sie sich um und folgte dem Detektiv die Treppe hinunter. Nachdem sie gegangen war, wandte sich Bradley an McGill.

»Ich will Ihnen sagen, was ich gegen Sie habe. Im ganzen Land ist in letzter Zeit ein starkes Anwachsen von Gewaltverbrechen wahrzunehmen. Vorige Woche wurde in der Oxley Road ein Polizist erschossen, und als jene Bande bei den Juwelieren Isligton einbrach und auf frischer Tat überrascht wurde, haben die Leute durch eine regelrechte Schießerei ihren Rückzug gedeckt. Das ist ungewöhnlich. Sie wissen doch, daß der englische Verbrecher keine Schußwaffe bei sich trägt. Eine neue Generation von Revolverhelden ist im Land aufgetaucht – und deshalb bin ich empört über Sie.«

»Wollen Sie damit sagen, daß ich Schießstände eingerichtet habe, wo ich den Verbrechern das Knallen beibringe?«

Bradley nickte langsam.

»Ja, das meine ich. Sie benützen die schlimmste Methode, um die Leute zu solchen teuflischen Taten zu treiben. Jeder, der die Geschichte der amerikanischen Verbrecherbanden kennt, weiß, was jetzt in England vorgeht. Sie haben einen neuen Weg gefunden, den Verbrechern Rauschgifte zu liefern! Aber wenn ich Sie fasse, dann werde ich Sie auch ganz zur Strecke bringen. Zwanzig Jahre werden nach Ihrer Verurteilung vergehen, bevor Sie wieder aus Dartmoor herauskommen.« Er trat näher an McGill heran. »Und ich werde Ihnen noch etwas anderes sagen. Ich weiß nicht, was Sie mit Miss Perryman im Sinn haben, aber denken Sie daran, daß ich sie bewachen werde wie eine Katze die Maus. Und wenn Sie etwas Böses im Schilde führen, dann werde ich schon Mittel und Wege finden, Sie einzusperren – auch ohne Beweise.«

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