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Überfallkommando

Edgar Wallace: Überfallkommando - Kapitel 24
Quellenangabe
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typefiction
authorEdgar Wallace
titleÜberfallkommando
publisherGoldmann Verlag
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
printrun17. Auflage
isbn3442000750
year1982
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Kapitel 23

Lady's Stairs stand plötzlich im Mittelpunkt des Interesses für alle Nachbarn. Der alte Li Yoseph war zurückgekommen. Mrs. Shiffan hatte ihn spät abends gesehen – wie er etwas vornübergeneigt von Zimmer zu Zimmer geschlichen war und zu sich selbst und den unsichtbaren Kindern gesprochen hatte.

Merkwürdigerweise erschien Mr. Sedeman auf der Bildfläche. In unregelmäßigen Zwischenräumen tauchte er auf und betrat auch die Wohnung. In diesen Tagen hielt er sich hauptsächlich in der Nachbarschaft auf; er wohnte bei einer noch rüstigen Witwe, aber meistens konnte man ihn am Schanktisch des nahen Wirtshauses treffen. Er stand nicht nur wegen seiner besseren Bildung bei den Leuten im Ansehen, sondern vor allem wegen seiner vielen Vorstrafen. Außerdem besaß er trotz seines hohen Alters eine unheimliche Kraft.

Er tat sehr geheimnisvoll und sprach in dunklen Andeutungen von seiner Freundschaft mit Li Yoseph, lehnte es aber ab, etwas Genaueres von dem Aufenthalt des alten Mannes während des letzten Jahres zu sagen. Nach seinen Aussagen hatte er allein ihn gesehen und mit ihm verkehrt.

In diesen Tagen galt Sedeman als das Orakel von Lady's Stairs. Eines Abends wurde er in schwerbetrunkenem Zustand von dem Polizisten des Bezirks aufgegriffen; aber obwohl er den Mann heftig beschimpfte, brachte ihn dieser nach Hause und verhaftete ihn nicht.

An dem Morgen, an dem sich Mark McGill entschlossen hatte, Lady's Stairs zu besuchen, begab sich auch Mr. Sedeman dorthin, und er trat mit einer solchen Wichtigkeit auf, daß die Leute ihm ehrfürchtig und verwundert Platz machten.

Mr. Shiffan öffnete Sedeman die Tür. Gleich darauf kamen Mark McGill und Tiser.

»Daß Sedeman hier ist, erinnert etwas mehr an die Wirklichkeit, Mark«, sagte Tiser. »Wenn man am hellen, lichten Morgen hier ist, hat man eigentlich keine Ursache, sich zu fürchten. Ich war wirklich sehr dumm – ich hoffe, du nimmst mir das nicht übel.«

Mark kümmerte sich nicht um ihn, sondern wandte sich an Sedeman.

»Sie sind wohl hier, um auf billige Weise zu einem guten Trunk zu kommen?«

»Ich dachte, bei dem Empfang des nach langer Zeit Heimgekehrten würde man etwas abbekommen.«

Mark lächelte unfreundlich.

»Sie wissen doch, daß Sie jetzt Ihre Pension verloren haben? Ich habe Ihnen schon sehr viel Geld gegeben, seitdem Li Yoseph verschwand. Jetzt werden Sie arbeiten müssen, um Ihren Lebensunterhalt zu verdienen.«

»Reden Sie doch keinen Unsinn!« rief Sedeman.

McGill ging zu dem Fenster und schaute auf die Schiffe, die in der Bucht lagen.

»Haben Sie Li schon gesehen?« fragte er über die Schulter.

»Ja, aber ich habe noch nicht mit ihm gesprochen«, entgegnete Sedeman ernst.

»Warum treiben Sie sich eigentlich in der letzten Zeit soviel hier herum? Ich habe sogar gehört, daß Sie seit einiger Zeit in der Nähe wohnen sollen.«

Sedeman antwortete ihm nicht, sondern sah nach seiner Armbanduhr.

»Sie werden mich entschuldigen. Drüben im Wirtshaus wird gerade aufgemacht. Ich bin dort, wenn Sie mich brauchen.«

»Mark, erinnerst du dich noch?« fragte Tiser ängstlich. »Li sah so merkwürdig aus, als er an jenem Abend in Cavendish Square war. Er hat aber nichts von Ronnie gesagt.«

»Nein, er hat nichts gegen uns gesagt.«

»Er hat sich nicht beschwert – er hat nichts Böses gesagt –, meinst du, daß er sich jetzt an uns rächen will? Ich hatte den Eindruck, daß er sich auf nichts mehr besinnen konnte – ich meine, was ihn selbst betraf.«

Mark schüttelte den Kopf. »Es war ein Wunder, daß er überhaupt davongekommen ist. Aber wenn ich ihn nicht verletzt habe, müßte ich doch den Fußboden getroffen haben.«

Er schob den Teppich zurück, der die Falltür bedeckte, und nahm eine genaue Untersuchung vor.

»Ich sehe aber keine Kugelspuren hier, selbst keine alten. Ich habe von hier aus geschossen, und ich kann ihn unmöglich verfehlt haben.«

»Ist Ann wieder vernünftig?« fragte Tiser ängstlich. »Glaubst du, daß sie einen Verdacht hat – wegen Ronnie meine ich? Das wäre schrecklich, Mark! Natürlich kann man sie nie wieder brauchen. Je eher sie aus dem Lande kommt, desto besser.«

Mark hörte ihm nicht zu. Er berührte den Geheimhebel an der Wand hinter dem Schrank. Die Falltür öffnete sich ebenso leicht wie früher, und die quadratische Öffnung erschien im Fußboden. Unten spülte das Wasser um die moosgrünen Pfähle, die das Haus trugen.

Er ließ sich auf ein Knie nieder, stützte sich mit den Händen auf den Rand und sah nachdenklich hinunter.

»Kannst du dich noch darauf besinnen, daß einmal eine goldene Uhr durch das Loch in den Schlamm fiel? Damals haben wir einen Arbeiter von der Kanalreinigung kommen lassen, der sie suchen sollte. Aber er hat sie nicht gefunden. Ein gewöhnlicher Mann, der dort hinunterfiele, würde nicht mit dem Leben davonkommen selbst wenn er schwimmen könnte.«

Er drehte sich langsam zu Tiser um.

»Aber wahrscheinlich würde er sich den Schädel schon vorher an der Leiter einschlagen.«

Tiser schrak zurück.

»Sieh mich nicht so an, Mark«, winselte er. »Was hast du vor?«

»Bradley wird in kurzer Zeit hiersein – ich habe es heute erfahren.«

»Was willst du damit sagen?« fragte Tiser kläglich und zog sich möglichst weit von der Öffnung zurück.

Mark schaute wieder nach unten in den Schlamm.

»Wenn nun Bradley hier ein Unfall passiert?« sagte er halb zu sich selbst.

Tiser wußte, welcher Entschluß in Mark auftauchte, und schrie vor Schrecken laut auf. »Ich will nichts damit zu tun haben, Mark– das kannst du doch nicht mit Bradley machen, du bist verrückt!«

McGill schaute nicht auf.

»Vor Zeugen habe ich nichts mit der Sache zu tun«, sagte er langsam. »Auch du hast nichts damit zu tun. Warum hast du denn eine solche Heidenangst? Das ist wirklich eine ganz wunderbare Falle.«

»Sprich doch nicht so«, bat Tiser leise. Er war kreidebleich geworden. »Schließ die Tür, Mark! Ich werde ganz krank, wenn ich das Loch sehe.«

McGill erhob sich und nahm den viereckigen Teppich auf, der steif vor Schmutz und Alter war. Sorgsam legte er ihn wieder über die gähnende Öffnung.

»Ich muß mir die Sache noch überlegen, laß mich etwas nachdenken.«

Langsam ging er um die Falltür herum und betrachtete den Teppich.

»Schon seit langem habe ich das geträumt. Nimm einmal an, er käme herein – ginge über den Teppich ...«

»Du hast ja recht, Mark, es ist eine wunderbare Idee, aber ...«

»Der Gedanke hat mich schon immer fasziniert ...«

Auf der Treppe klangen Schritte. Tiser vermutete, wer kam.

»Schließ die Falltür, schnell – schließe sie!« drängte er Mark. Als sich dieser nicht rührte, lief er zu dem Hebel. Aber bevor er ihn erreichen konnte, hatte Mark ihn gepackt und zurückgeschleudert. In diesem Augenblick trat Bradley ein.

Er war bester Stimmung und lächelte freundlich.

»Guten Morgen, McGill.« Er blieb in einiger Entfernung von dem Teppich stehen.

Tiser war nicht fähig, sich zu bewegen oder zu sprechen. Er starrte nur unentwegt auf die todbringende Falle.

»Sind Sie gekommen, um Li Yoseph zu begrüßen?« fragte Bradley. »Ich möchte mich gern einmal mit Ihnen allen zusammen unterhalten.«

»Es genügt auch, wenn Sie mit uns beiden sprechen«, erwiderte Mark kühl. »Li ist noch nicht gekommen – dieser alte, schlaue Fuchs! Ich vermute, daß er sich versteckt hält und Angst hat zu erscheinen. Ich möchte wetten, daß Sie wußten, wo er sich die ganze Zeit herumgetrieben hat. Offen gesagt, Bradley, Sie sind ein kluger Kopf. Ich wäre nicht erstaunt, wenn Sie befördert würden.«

Der Detektiv kam der gefährlichen Stelle immer näher.

Direkt am Rand blieb er stehen. Mark lachte, und Tiser mußte sich Gewalt antun, um einen Schrei zu unterdrücken.

»Sie sind hier nicht vor dem Polizeigericht, Bradley.«

»Ich werde auf meine eigene Weise mit Ihnen sprechen.« Bradley wandte sich wieder um und ging auf die Tür zu.

»Das heißt, wenn Sie zwanzig Polizisten zum Schutz um sich versammelt haben?«

Der Detektiv drehte sich blitzschnell um und kam wieder auf ihn zu. Mark hatte sich absichtlich so hingestellt, daß Bradley über den Teppich gehen mußte, wenn er ihn erreichen wollte.

»Glauben Sie, ich brauche Schutz vor einem solchen Kerl, wie Sie es sind?« fragte Bradley ironisch.

»Sie fürchten, daß ich Ihnen das Gesicht zerschlage, und Ihre liebe Ann würde Sie nicht gern so sehen ...«

»Erwähnen Sie ihren Namen nicht«, rief Bradley erregt.

»Verflucht, das mache ich ganz so, wie es mir gefällt!«

Bradley ging zwei Schritte vorwärts. Tiser sprang auf und preßte die Hände auf den Mund. Und dann ereignete sich das Wunder: Der Detektiv setzte einen Fuß auf den Teppich, aber der Boden hielt unter seinen Füßen. Selbst Mark verriet sich durch seinen entsetzten Gesichtsausdruck. Tiser schrie laut auf.

»Nun, was ist denn mit Ihnen los?« fragte Bradley und sah die beiden abwechselnd an. »Ist Ihnen ein Geist erschienen – oder hatten Sie einen kleinen Scherz vor?«

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