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Überfallkommando

Edgar Wallace: Überfallkommando - Kapitel 23
Quellenangabe
pfad/wallacee/ueberfal/ueberfal.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleÜberfallkommando
publisherGoldmann Verlag
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
printrun17. Auflage
isbn3442000750
year1982
created20111027
projectid915718f9
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Kapitel 22

Ann war sehr erstaunt, als Mark am nächsten Morgen bei ihr anrief und fragte, ob er zu ihr hinüberkommen dürfe, aber sie blieb merkwürdig unberührt von seinem Ansinnen. Neue Kraft und neuer Lebensmut waren in ihr erwacht. Sie gestattete ihm zu kommen und begrüßte ihn mit einem fast fröhlichen »Guten Morgen«. Als er begann, sich wegen seines gestrigen Verhaltens zu entschuldigen, unterbrach sie ihn.

»Das war das Ende unserer Freundschaft, Mark«, sagte sie ruhig. »Sie endete ja eigentlich schon vor langer Zeit – als ich entdeckte, daß Sie meine Unkenntnis mißbrauchten.«

Er machte nicht die geringste Anstrengung, dagegen zu protestieren, sondern betonte obendrein noch die Art seiner Geschäfte.

»Man kann viel Geld damit verdienen und hat wenig Konkurrenz«, meinte er kühl. »Ich hatte den Handel gerade organisiert, als Bradley das Dezernat für Rauschgifte erhielt. Es wird Jahre dauern, bis ich die Verluste überwunden habe, denn in der Zwischenzeit ist ein neuer Händler aufgetaucht. Ich hätte meine Organisation für hunderttausend Pfund verkaufen können. Ich hoffte auch, jemand zu finden, der mir ein gutes Angebot machte. Aber als ich unter polizeiliche Beobachtung kam, wurden mir alle Agenten von diesem großen Unbekannten abspenstig gemacht – das heißt, daß in kurzer Zeit jemand auf Grund meines Verstandes und meines Fleißes reich werden wird.«

Mark kam auf den eigentlichen Zweck seines Besuches zu sprechen.

»Ich weiß nicht, wie lange Sie noch hier im Land bleiben, aber es ist ganz sicher, daß diese Gesellschaft Sie um Auskunft bitten wird, ehe Sie abreisen. Es gibt einige Agenten hier im Land, die nur wir beide kennen – ich habe Ihnen vertraut wie sonst keinem Menschen auf der Welt. Wenn irgend jemand Informationen von Ihnen verlangt, teilen Sie mir bitte mit, wer es ist.«

»Ich werde nur noch sehr kurze Zeit in England sein.«

Er nickte.

»Das wissen die anderen ebensogut wie ich. Deshalb bin ich auch heute morgen gekommen und habe riskiert, daß Sie mich abweisen würden. Sie haben doch Bradley nichts von meiner Organisation erzählt?« fragte er schnell.

Sie schüttelte den Kopf.

»Ich habe gewußt, daß Sie das nicht tun würden. Aber es wäre doch möglich, daß Sie zu einem anderen darüber sprechen würden. Es wäre gar nicht so furchtbar, wenn Sie Bradley mitteilten, wer meine Geheimagenten waren. Im schlimmsten Fall werden sie verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. Es ist mir gleichgültig, ob sie den Rest ihres Lebens in Dartmoor zubringen, aber ich möchte nicht, daß ein anderer meine Organisation für sich ausnützt.«

Plötzlich änderte er das Gesprächsthema und fragte nach ihren Plänen. Mit keiner Silbe erwähnte er die Szene in der Herberge, auch gab er ihr keine Erklärung für seine Anwesenheit in ihrer Wohnung, als sie gestern von Lady's Stairs zurückkam. Von Li Yoseph sprach er erst, als er sich erhob, um zu gehen.

»Ich weiß genau, was ich von dem Alten zu erwarten habe. Er hat sich selbst der Polizei verkauft – schon bevor er verschwand. Er steckt mit diesen Leuten unter einer Decke. Wenn Bradley einen unabhängigen Zeugen finden könnte, würde ich längst hinter Schloß und Riegel sitzen. Aber das kann er nicht.«

»Glauben Sie, daß Li Yoseph Sie verraten und angezeigt hat?«

»Verraten!« grollte Mark. »Das hat er natürlich nicht getan! Fünfhundert Menschen in diesem Land würden mich anzeigen, aber keiner von ihnen kann einen Beweis erbringen.«

Am Nachmittag ging Ann aus und sah unterwegs in einiger Entfernung Sedeman. Er hatte anscheinend wieder zuviel getrunken, denn er schwankte hin und her und sang mit lauter Stimme. Ein Polizist folgte ihm langsam und brachte ihn bis zum nächsten Revier. Ann war nur mit halbem Herzen bei den Einkäufen für ihre Reise nach Paris. Es kam ihr selbst sonderbar vor, daß sie so wenig bei der Sache war. Sie trat in ein Kaufhaus ein und wußte nicht, was sie eigentlich kaufen wollte. Denn wenn ihr Verstand Paris sagte, so sagte ihr Herz Brasilien. Und die Dinge, die sie kaufte, schienen sich merkwürdigerweise auch mehr für Brasilien als für Paris zu eignen.

In einem Kaufhaus in der Oxford Street entdeckte sie Tiser unter dem Publikum. Sie glaubte, ihn auch schon vorher einmal gesehen zu haben. Er war stets gut gekleidet, aber heute fiel ihr das besonders auf. Er kam mit einem vielversprechenden Lächeln auf sie zu und rieb sich die Hände, als ob er ein gutes Geschäft gemacht hätte.

»Guten Tag, Miss Ann. Hoffentlich störe ich Sie nicht in einem ungelegenen Augenblick ... Es wäre eine große Ehre für mich, wenn Sie mit mir Tee trinken würden ... Der Erfrischungsraum ist oben im vierten Stock.«

Zuerst wollte sie seine Einladung ablehnen, aber sie war gutmütig und wollte ihn nicht verletzen.

»Ich werde schon nach oben gehen und einen Tisch reservieren«, sagte er eifrig, als sie ihm zunickte. »Ich bin sicher, daß ich mich auf Sie verlassen kann, Miss Ann. Sie werden mich nicht um das Vergnügen bringen.«

Tiser wußte auf geschickte Art zu verschwinden. Seine Bewegungen waren so schnell und gewandt, daß man ihm kaum folgen konnte. Einige Zeit später fuhr sie mit dem Fahrstuhl zu dem Restaurant. Tiser hatte einen Ecktisch in der Nähe eines Fensters belegt, von dem aus man die Oxford Street gut überschauen konnte. Er erhob sich so begeistert, daß er den Tisch fast umgeworfen hätte, und drückte seinen Dank etwas zusammenhanglos aus.

»Vor allem muß ich Ihnen sagen, daß ich nicht an dem schuld bin, was sich gestern abend im Versorgungsheim ereignete«, begann er, als sie sich gesetzt hatte. »Ich war ganz außer mir, als Mark ...«

»Wir wollen nicht weiter darüber sprechen, Mr. Tiser«, sagte Ann mit abwehrender Geste.

»Gewiß nicht, wenn Sie es wünschen«, erwiderte er hastig. »Es war nur so schrecklich, ganz und gar nicht ritterlich ... Kein Mann durfte das tun. Ich schaudere noch, wenn ich daran denke! Aber Mark ist eben so – in seinem Zorn weiß er nicht, was er tut, Miss Ann. Aber wir wollen von etwas anderem sprechen.« Er zog ein großes Taschentuch heraus und trocknete sein Gesicht ab. »Eines Tages müssen Sie in meinem kleinen Haus mit mir Tee trinken nein, nein, ich meine nicht das Versorgungsheim –, ich habe jetzt ein eigenes Heim in der Bayswater Road.« Plötzlich hielt er inne. »Wie kam ich nur darauf?« fragte er ängstlich. »Sie werden doch Mark nichts davon erzählen, meine liebe Miss Ann? Ich weiß gar nicht, warum ich Ihnen dies eigentlich sage. Das zeigt nur, wie sehr ich Ihnen vertraue. Ich möchte Ihnen gerne meine neue Wohnung zeigen. Ich hab sie sehr schön ausgestattet, die Einrichtung kostete über dreitausend Pfund ... ja, ich habe mir im Lauf der Zeit etwas Geld gespart. Aber Sie werden doch nicht zu Mark darüber sprechen?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Ja, mit Mark ist es zu Ende.« Mr. Tiser schien sich beinahe darüber zu freuen. »Er war lang genug am Ruder, und wenn er jetzt klug ist, macht er sich aus dem Staub und läßt sich nicht wieder sehen. Die Eitelkeit hat ihn zu Fall gebracht. Wie traurig ist es doch, meine liebe Miss Ann, daß so mancher intelligente Mann an diesem Punkt scheitert.« Er schüttelte mutlos den Kopf.

»Inwiefern ist denn seine Eitelkeit daran schuld?« fragte Ann.

Tiser zuckte nur die Schultern.

»Er ist in vieler Beziehung eitel, zum Beispiel bildet er sich ein, daß nur er ganz allein diese Organisation aufgebaut hat und daß nur er allein sie leiten kann. Es ist ja wahr, daß es eine ganze Anzahl von Agenten gibt, die außer ihm niemand kennt.« Er lächelte verschlagen. »Aber Sie kennen die Leute doch auch, meine liebe Miss Ann? Ich zweifle keinen Augenblick daran. Da ist zum Beispiel dieser Agent in Cardiff – ein geheimnisvoller Mann! Sie haben ihm doch immer den Stoff geliefert, nicht wahr?«

Ann antwortete nicht, und Mr. Tiser sah sie schalkhaft an.

»Sie sind wirklich sehr diskret, Miss Ann! Ich hörte, Sie wollen nach Paris gehen und wieder ganz von neuem anfangen? Das wird Ihnen aber einigermaßen schwerfallen. Ich bin auch sicher, daß Mark sich Ihnen gegenüber nicht sehr vornehm gezeigt hat. Sie können es mir ruhig sagen, daß er Ihnen nicht genug Geld gegeben hat!«

»Ich habe ihm keine Gelegenheit dazu gegeben, sich vornehm zu zeigen.«

Mr. Tiser lächelte.

»Natürlich! Von dieser Art Menschen kann man keine Geschenke annehmen. Aber ich bin ganz anders. Ich sagte heute morgen zu mir, als ich aufwachte: ›Tiser, du mußt dieser jungen Dame gegenüber anständig handeln. Geh zu deiner Bank und hebe fünfhundert Pfund ab.‹ – Und das habe ich denn auch getan.« Er zeigte auf seine Rocktasche, und sie hörte das Rascheln der Banknoten. »Fünfhundert Pfund!« wiederholte er. »Damit könnten Sie doch wieder von vorne anfangen ...«

»Wenn ich Sie recht verstehe, möchten Sie den Namen des Agenten in Cardiff erfahren, und das soll der Preis dafür sein?« fragte sie offen.

»Stimmt ganz genau – Sie sind wirklich eine geniale Geschäftsfrau!«

Ein Lächeln spielte um ihren Mund, und er glaubte, daß ihr seine Schmeichelei gefallen habe.

»Sie sind also der große Unbekannte?«

»Wie bitte?« fragte Tiser erschrocken.

»Sie sind der Mann, über den Mark in der letzten Zeit sprach – Sie haben ihm sein entsetzliches Geschäft gestohlen?«

Tisers Gesicht zuckte nervös.

»Was hat Mark gesagt?« stotterte er. »... entsetzliches Geschäft – Sacharin?«

»Kokain! Mark weiß genau, daß irgend jemand seine Organisation ausnützt ...«

»Aber das bin doch nicht ich!« protestierte Tiser furchtsam. »Ich bitte, meine liebe, gute Miss Ann, sagen Sie ihm doch, daß ich das nicht bin, wenn er Sie fragen sollte. Ich wollte Sie doch nur auf die Probe stellen. Haha?« Er lachte, aber es klang wenig überzeugend. »Wissen Sie, Miss Ann, die Treue zu Mark ist der Angelpunkt meines ganzen Lebens.«

Ann schwieg einen Augenblick, dann fragte sie plötzlich:

»Wer hat meinen Bruder ermordet?«

Sie sah Tiser scharf an, und er fuhr erschrocken zusammen.

»Bradley«, brachte er endlich mit hohler Stimme hervor. »Mark hat Ihnen doch gesagt ...«

»Wer hat Ronnie getötet? Haben Sie es getan?«

Er sprang fast von seinem Stuhl auf.

»Ich? Großer Gott! Ich würde selbst gegen meinen schlimmsten Feind die Hand nicht erheben! Ich weiß nicht, wer ihn getötet hat. Vielleicht war es ein Unglücksfall.«

»Warum sagen Sie denn dann, daß es Bradley war?« fuhr sie erbarmungslos fort. »War es vielleicht Mark selbst?«

Er starrte sie entsetzt an.

»Ja, war es Mark?« wiederholte sie.

»Meine liebe, gute Miss Bradley – ich meine Miss Ann –, warum stellen Sie denn so fürchterliche Fragen? Die sind doch zu töricht – meinen Sie nicht auch? Ich kann Sie gar nicht verstehen – wirklich nicht –, ich weiß überhaupt nichts von der ganzen Sache.«

Ein fürchterlicher Gedanke tauchte plötzlich in ihm auf.

»Sie arbeiten im Auftrag von Mr. Bradley – jetzt weiß ich es, Miss Ann! Ich muß immer wieder sagen, wie ich ihn bewundere!«

»Ich arbeite für niemand, nicht einmal für Sie, Mr. Tiser. Sie werden die fünfhundert Pfund auf Ihre Bank zurücktragen müssen – oder wenn Sie ein Gewissen haben, verwenden Sie das Geld für die armen Leute, die von Ihnen und Mark ins Elend gestürzt worden sind.«

Sie trank ihre Tasse aus und stellte sie auf den Tisch. Dann erhob sie sich, ohne noch ein Wort zu sagen und ging fort. Das war aber eine viel zu vornehme Geste diesem Menschen gegenüber, wie sie später erkannte. Als sie unten im Erdgeschoß noch einen kleinen Einkauf machen wollte, entdeckte sie, daß sie ihre kleine Handtasche im Erfrischungsraum hatte liegenlassen. Ihre Lage war nicht gerade angenehm, aber sie lächelte nur darüber. Im schlimmsten Fall konnte ihr Tiser ja nur ein neues Angebot machen. Sie fuhr wieder nach oben und war erleichtert, als sie ihn eben aus der großen Tür treten sah. Halbwegs kam ihr schon die Kellnerin entgegen und brachte ihr die Tasche.

Sie hatte sie nun in der letzten Zeit schon zweimal verloren. Das erstemal hatte Bradley sie ihr wieder zurückgebracht. Sie streifte den Bügel über den Arm und trat auf die Straße hinaus. Mr. Tiser beobachtete, wie sie sich langsam in östlicher Richtung entfernte, und winkte einen Mann zu sich, der ohne Anns Wissen Tiser dauernd gefolgt war.

»Siehst du, dort geht die Dame – behalte sie im Auge«, sagte Tiser zu ihm. »Auf der Straße findest du mindestens ein halbes Dutzend Beamte – sage es dem ersten, den du triffst.«

Der Mann nickte und ging hinter Ann her. Mr. Tiser wartete noch, bis der andere außer Sicht gekommen war, dann rief er ein Taxi und fuhr nach Hause.

Ann ließ sich nicht träumen, daß sie verfolgt wurde. Ab und zu blieb sie stehen, um die Auslagen zu betrachten; besonders ein Schaufenster zog sie an. Es war ein Tropenausrüstungsgeschäft, und sie sah Hüte, Anzüge und Gegenstände, die für das Leben in einem heißen Klima erforderlich sind. Vor einem der Fenster stieß sie mit einem gutgekleideten, militärisch aussehenden Herrn zusammen. Er entschuldigte sich höflich, zog seinen Hut und ging weiter. Ann vergaß den Zwischenfall sofort wieder, aber plötzlich wurde sie angesprochen.

»Entschuldigen Sie, Miss.«

Die Stimme klang hart und dienstlich, und Ann wußte gefühlsmäßig, daß sie einen Detektiv vor sich hatte.

»Haben Sie diesen Herrn schon vorher gesehen?« Er zeigte auf den Mann, der kurz vorher mit Tiser gesprochen hatte. Ann schüttelte erstaunt den Kopf.

»Nein, er ist mir völlig unbekannt.«

»Haben Sie ihm jemals etwas zum Kauf angeboten oder mit ihm über einen Kauf verhandelt?«

»Zum Kauf angeboten?« wiederholte Ann bestürzt. »Wie käme ich denn dazu? Ich habe doch gar nichts zu verkaufen!«

»Haben Sie ihm nicht zwei Päckchen Kokain angeboten, die Sie in Ihrer Handtasche haben?«

»Aber nein!« sagte Ann entrüstet. »Ich habe nichts in meiner ...«

Sie schaute nach unten. Ihre Handtasche war weit offen und leer. Glücklicherweise bewahrte sie ihr Geld in einer kleinen, sicheren Nebentasche auf. Jetzt erinnerte sie sich wieder an den militärisch aussehenden Herrn.

»Ich bin bestohlen worden. Jemand ist mit mir zusammengestoßen ...«

Sie erzählte dem Detektiv die Geschichte, und er wußte, daß sie die Wahrheit sprach. Trotzdem bat er sie höflich, mit ihm zur Polizeiwache zu kommen.

Der Mann, der sie angezeigt hatte, wollte sich heimlich drücken, aber der Beamte behielt ihn im Auge.

»Also, mein Sohn, Sie gehen vor uns her.«

Der Mann gehorchte widerwillig.

Auf der Polizeiwache hörte Ann die sonderbare Geschichte. Der Mann hatte sich darüber beschwert, daß sie ihm zwei Päckchen Kokain angeboten habe, und schwor, daß er ein Dutzend anderer Päckchen in Anns Handtasche gesehen hatte.

Aber er hatte wenig Glück, denn auf der Wache befand sich ein Detektiv, der ihn sofort erkannte und als alten Freund begrüßte.

»Es tut mir außerordentlich leid, Miss Perryman«, sagte der Beamte, der sie hergebracht hatte, »aber Sie sehen ja selbst, die Polizei ist offenbar von diesem Mann zum besten gehalten worden. Würden Sie so liebenswürdig sein, mir den Herrn einmal zu beschreiben, der mit Ihnen zusammengestoßen ist?«

Als sie ihm alles erzählt hatte, lachte er vergnügt.

»Den kenne ich sehr gut.«

Ann verließ die Polizeiwache, und auch ihr Ankläger wollte verschwinden. Aber eine schwere Hand legte sich auf seine Schulter.

»Sie bleiben hier«, sagte der Beamte mit einem freundlichen Lächeln.

»Was haben Sie denn gegen mich?« fragte der Mann aufgebracht.

Es wurde ihm auseinandergesetzt, daß er sich am nächsten Morgen wegen Umhertreibens und wegen vorsätzlich falscher Anzeige zu verantworten habe.

Der Detektiv, der Ann zur Polizeiwache gebracht hatte, begleitete sie wieder auf die Straße hinunter. Er behandelte sie sehr zuvorkommend. Als er ihr später erzählte, daß er mit Bradley zusammenarbeite, empfand sie ein gewisses Unbehagen darüber, daß sie in Polizeikreisen nicht ganz unbekannt war.

»Ich kann nicht verstehen, daß dieser Mann Sie angezeigt hat. Er muß ganz sicher gewesen sein, daß Sie Koks in Ihrer Tasche hatten.«

»Aber das ist doch wirklich ...«

»... nicht so unerklärlich, wie Sie denken, Miss Perryman. Wahrscheinlich hat er Ihnen ein paar Päckchen zugesteckt, um Sie anzeigen zu können. Hatten Sie etwa Ihre Tasche irgendwo liegenlassen?«

Ann erinnerte sich plötzlich an ihr Zusammensein mit Tiser im Restaurant.

»Ja, ich hatte sie im Erfrischungsraum liegenlassen.«

»War jemand bei Ihnen?«

Sie zögerte.

»Ach, das war ein ganz unwichtiger Bekannter.«

Natürlich hatte Tiser ihr das angetan. Es lag etwas Hinterhältiges in dem Charakter dieses Mannes; sicherlich hatte er durch dieses Manöver Bradley schaden wollen.

Als sie nach Hause kam, stand Marks Wohnungstür offen. Anscheinend hatte er vom Fenster aus ihr Kommen beobachtet.

»Treten Sie bitte einen Augenblick näher, Ann, wenn es Ihnen recht ist«, bat er dringend. »Sie brauchen sich nicht zu fürchten, die Dienstboten sind alle in der Wohnung.«

Er schloß die Tür und folgte ihr ins Wohnzimmer.

»Warum sind Sie heute angehalten worden?«

Sie erzählte ihm ihr Erlebnis.

»Sie haben eine Tasse Tee getrunken und Ihre Handtasche liegengelassen? Mit wem waren Sie denn zusammen?«

Sollte sie es ihm sagen? Es kam eigentlich wenig darauf an. Trotzdem war sie entschlossen, Tisers Doppelrolle, die er Mark gegenüber spielte, nicht zu verraten.

»Mit Mr. Tiser. Aber ich kann mir wirklich nicht denken, daß er so niederträchtig sein könnte.«

Mark spitzte die Lippen, als ob er pfeifen wolle.

»Tiser? Sehen Sie einmal an! Er dachte wohl, er könnte mich dadurch treffen.«

»Das glaube ich nicht ...«

»Es konnte gar kein anderer sein!« Er kniff die Augenlider zusammen. »Es wäre doch merkwürdig, wenn ich Tisers wegen an den Galgen kommen sollte. Ich muß mich in acht nehmen, sonst bekomme ich durch die Geschichte noch die größten Unannehmlichkeiten.«

»Aber warum sollte er denn das tun?«

»Weil er ein Schuft ist und weil er wußte, daß man mich bei Ihrer Verhaftung in die Sache hineinziehen würde. Tiser ist nämlich der große Unbekannte – das habe ich heute nachmittag während Ihrer Abwesenheit entdeckt. Wollte er nicht auch die Adresse meines Agenten in Cardiff von Ihnen kaufen?«

Ann seufzte.

»Ich weiß nicht, was er alles vorhatte. Ich bin so müde von diesem ganzen schrecklichen Treiben – ich werde froh sein, wenn ich außer Landes bin.«

»Haben Sie immer noch die Absicht, nach Paris zu gehen?« er sah sie scharf an.

»Ja, ich glaube.«

»Es ist also doch nicht mehr so sicher? Ihre Stellung in London wird aber nach all diesen Vorkommnissen etwas peinlich sein. Sie stehen doch immerhin schon in einem gewissen Ruf bei der Polizei. Bradley würde wenig Vorteil davon haben – wenn Sie ihn heirateten.«

»Ich hätte wohl einen Rauschgifthändler heiraten sollen?« fragte sie langsam.

»Das hätten Sie allerdings nicht tun können«, erwiderte er mit größter Kaltblütigkeit. »Ich bin schon verheiratet. Ich weiß zwar nicht, wo sie ist, ich weiß nicht einmal, ob ich mich von ihr scheiden lassen kann. Aber ich glaube kaum, daß ich Gründe dafür hätte. Nun sind Sie doch erstaunt, was?«

»Ich bin über nichts mehr erstaunt, was Sie betrifft, Mark.«

Er klopfte ihr freundlich auf die Schulter, aber sie zuckte unter seiner Berührung zusammen.

»Seien Sie doch nicht so empfindlich – ich will Sie wirklich nicht umbringen. Wenn ich heute abend einem Menschen das Genick umdrehe, dann wird es – nun Sie wissen schon. Das ist alles, was ich mit Ihnen besprechen wollte, Ann.« Er öffnete die Tür für sie.

Langsam erhob Ann den Blick und sah ihm in die Augen.

»Wen haben Sie getötet, Mark?«

Es schien ihr, als ob er zusammenzuckte. Offenbar hatte auch dieser harte Mensch verwundbare Stellen.

»Ich habe vier Menschen umgebracht«, sagte er dann langsam. »Leid getan hat es mir nur in einem Fall. Aber nun gehen Sie.« Er schob sie beinahe aus dem Zimmer und begleitete sie, entgegen seiner sonstigen Gewohnheit, nicht bis zur Tür.

Tiser hatte einen ungemütlichen Abend hinter sich. Er besaß ein kleines Haus in der Bayswater Road, das er allein bewohnte. Tagsüber beschäftigte er zwei Dienstboten, die um sechs Uhr gingen. Wenn er abends zu Hause essen wollte, so kochte er sich etwas. Auch jetzt war er gerade dabei, sich einige Scheiben Schinken und Speck zu braten, als es läutete. Er machte die Tür auf und sah sich Mark gegenüber. Diesen Mann, der drohend auf der Schwelle stand, hatte er am letzten zu sehen gewünscht.

»Komm nur herein, mein lieber Mark«, sagte er schwach. »Ich wollte dir noch heute abend einen Brief schicken und dich bitten, dir einmal meine neue Wohnung anzusehen.«

»Dann habe ich dir ja das Porto erspart. Ist noch jemand im Haus?«

»Nur ein paar Dienstboten.« Er rief die Treppe hinauf: »Stören Sie mich jetzt nicht – Mr. McGill ist hier.«

Als er sich wieder umwandte, lachte Mark laut auf.

»Na, mir brauchst du doch keine Komödie vorzuspielen. Auch wenn ich nicht gesehen hätte, daß deine Leute weggegangen sind, wüßte ich, daß du allein bist. Aber du brauchst keine Furcht zu haben, du Angsthase, ich werde dir deinen Schädel nicht einschlagen.«

Die folgende Unterredung war nicht so unangenehm, wie Tiser gefürchtet hatte. Die Beleidigungen, die ihm Mark an den Kopf warf, ertrug er mit merkwürdiger Gelassenheit. Er hatte erwartet, daß Mark viel drastischer und handgreiflicher gegen ihn vorgehen würde.

McGill erriet seine Gedanken.

»Du hast Glück, Tiser! Wenn ich mehr Zeit gehabt hätte und die Sache nicht so dringend wäre, würde ich dich ein wenig später besucht haben, wenn mir kein Polizist auf den Fersen folgte.«

»Bist du verfolgt worden?« stammelte Tiser.

Mark nickte.

»Ich kann dir nur die Versicherung geben, daß du auch am Galgen baumelst, wenn ich gehenkt werde. Du bist zu sehr in diese ganze Sache verstrickt, als daß du dich durch Verrat und durch ein Geständnis retten könntest. Bradley will dich ebenso haben wie mich.«

Dann sagte er plötzlich: »Wir werden morgen zusammen zu Li Yoseph gehen. Ich will endlich einmal diese Sache mit ihm ins reine bringen.«

Mark nahm ein zerknittertes Papier aus der Tasche und legte es auf den Tisch. Es waren einige Zeilen mit Bleistift draufgeschrieben. ›Komme morgen nach Lady's Stairs, guter Mark. Ich will dir dort etwas zeigen. Sei bestimmt um elf Uhr dort. Li.‹

»Du kommst morgen früh zu mir«, sagte Mark, als er den Zettel wieder zusammenfaltete.

»Nein, ich komme nicht mit!« schrie Tiser. »Ich will nicht wieder in das Zimmer gehen, Mark! Das ist ein Trick von Bradley ...«

»Was redest du da wieder für einen Blödsinn? Ein Trick von Bradley? Glaubst du, ich kenne seine Tricks nicht durch und durch? Du kommst mit, und wenn ich dich dorthin schleifen sollte! Warum fürchtest du dich denn? Du glaubst doch nicht, daß uns irgendein Gerichtshof auf das Zeugnis dieses verrückten, alten Esels hin verurteilen würde? Wenn Li Yosephs Zeugnis genügte, wären wir schon längst verhaftet. Er hat der Polizei alles verraten, aber Bradley ist viel zu schlau, um uns auf Li Yosephs Aussagen hin den Prozeß zu machen. Wir haben nichts zu fürchten.«

Er fing einen merkwürdigen Blick Tisers auf und lachte.

»Ich weiß, was du denkst. Aber ich glaube nicht, daß Bradley dich schont, wenn du ihm dein Zeugnis gegen mich anbietest. Wenn er das gewollt hätte, würde er dich schon längst darum gefragt haben. Aber du bist ja selbst viel zu sehr durch den Mord an Ronnie Perryman belastet. Du bist Mittäter ...«

»Ich wollte ihn retten – du weißt genau, daß ich seinen Tod nicht wollte, Mark!« winselte Tiser. »Du bist immer fair zu mir gewesen, Mark, du wirst doch nicht haben wollen, daß ich an den Galgen komme für deine Tat? Was sollte dir denn das nützen? Ich habe Ronnie retten wollen. Ich sagte dir ...«

»Du hast mir gar nichts gesagt«, fuhr ihn Mark barsch an. »Höchstens, daß es gut wäre, wenn wir ihn aus dem Weg schafften. Er warf dir jedesmal Beleidigungen an den Kopf, wenn er dich sah, und du haßtest ihn wie die Pest. Ich habe ihn niemals gehaßt. Es war notwendig, daß er wegkam, aber in gewisser Weise hat es mir leid getan. Du dagegen hast dich darüber gefreut. Glaubst du, ich habe vergessen, daß du ihn festhieltest, damit ich ihn erschlagen konnte?«

Tiser saß zusammengekauert in seinem Stuhl. Seine langen, nervösen Hände bewegten sich unruhig, sein Gesicht zuckte nervös.

»Dann will ich dir noch etwas sagen, Tiser. Du kannst das Haus ja überhaupt nicht verlassen. Mir ist ein Detektiv hierher gefolgt, aber als ich kam, sah ich noch einen zweiten, der hier deine Wohnung bewacht. Die Polizei ist im allgemeinen nicht dumm. Die wissen genau, was du getan hast und wie lange du hier wohnst. Sie können dich verhaften, wann sie wollen.«

Er nahm ein Paar Handschuhe aus der Tasche, zog sie an und knöpfte sie mit der größten Seelenruhe zu.

»Morgen um zehn Uhr wirst du dich in meiner Wohnung melden. Es gibt nur eine Entschuldigung für dein Nichtkommen – daß du tot bist. Und wenn du mir einen dummen Streich spielen willst, dann werde ich diese Entschuldigung wahrmachen!«

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