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Überfallkommando

Edgar Wallace: Überfallkommando - Kapitel 22
Quellenangabe
pfad/wallacee/ueberfal/ueberfal.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleÜberfallkommando
publisherGoldmann Verlag
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
printrun17. Auflage
isbn3442000750
year1982
created20111027
projectid915718f9
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Kapitel 21

Ann Perryman konnte mit ihrer letzten Kraft gerade noch das Haus erreichen. Als sie ihre Tür verschlossen und verriegelt hatte, sank sie erschöpft in einen Stuhl.

Sie kannte nun Mark McGill und zum erstenmal wurde ihr die Rolle klar, die sie bei seinem nichtswürdigen Treiben gespielt hatte. Ein kalter Schauer überlief sie bei dem entsetzlichen Gedanken, daß sie persönlich für eine Reihe von Verbrechen verantwortlich war, die sie nicht einmal kannte.

Sie hörte ein Klopfen und schrak auf. Mark wollte sie nicht hereinlassen, sie konnte sich jetzt keiner Gefahr mehr aussetzen. Am nächsten Morgen wollte sie diese Wohnung verlassen.

Sie ging in den Korridor, als sich das Klopfen wiederholte.

»Wer ist da?« fragte sie.

Zu ihrer größten Beruhigung antwortete ihr die Stimme des Portiers. Sie zog den Riegel zurück und öffnete die Tür.

»Ihr Taxi wartet noch unten, Miss. Der Fahrer möchte wissen, ob Sie noch weiterfahren wollen.«

In Ihrer Aufregung hatte sie vergessen, den Mann zu bezahlen. Sie ging ins Zimmer zurück, um ihre Handtasche zu holen. Dabei entdeckte sie ihren Verlust. Aber sie bewahrte noch Geld in ihrem Schreibtisch auf, so daß sie die Fahrt begleichen konnte.

»Könnte ich Sie einen Augenblick sprechen, Miss?«

»Jetzt?« fragte sie überrascht. »Nun gut, kommen Sie zurück, wenn Sie den Chauffeur bezahlt haben.«

Sie führte den Portier in ihr Wohnzimmer, als er wieder heraufkam.

»Ich habe etwas auf dem Herzen, was ich gern mit Ihnen besprechen möchte«, sagte der Mann. »Ich bin in einer fatalen Lage, die ich Ihnen schwer erklären kann.«

Sie lächelte schwach.

»Das klingt aber sehr geheimnisvoll, Ritchie.«

Sie hatte den Mann ganz gern; er war ein älterer pensionierter Beamter, der das Gebäude schon seit über zwanzig Jahren betreute.

»Miss Findon kam gestern aus Schottland zurück«, begann er. »Sie war auf dem Weg nach Paris und kam hierher, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist.«

»Ist das die Tochter Sir Arthur Findons, die Violine spielt?«

»Ja. Sie hat einen etwas heftigen Charakter, und ich kann nicht gerade behaupten, daß ich sie gern sehe. Aber darum handelt es sich jetzt nicht. Sie entdeckte, daß jemand ihren Violinkasten geöffnet und den Bogen herausgenommen hatte – ich glaube, sie hat ihn gar nicht eingeschlossen, und da ich den einzigen Schlüssel zu der Wohnung habe, wird die Sache recht unangenehm werden. Wenn Sir Arthur hier wäre, ließe sich alles ja sehr leicht erklären. Aber wie die Dinge nun einmal liegen, komme ich in große Unannehmlichkeiten, ob ich nun schweige oder rede.«

Ann erinnerte sich an das Violinspiel; sie wußte, wer den Bogen genommen und vergessen hatte, ihn zurückzubringen.

»Kennen Sie Mr. Li Yoseph?« fragte sie.

Er war über die direkte Frage erstaunt.

»Nein – aber ich habe einen alten Herrn hereinkommen sehen. Ich dachte, er hätte die Erlaubnis, die Wohnung zu betreten. Ein Polizeibeamter hat mir auch mitgeteilt, daß ich ihn nicht hindern solle ...« Er hielt plötzlich inne, als ob ihm klargeworden sei, daß er zuviel gesagt habe.

»Welcher Polizeibeamte war das – etwa Mr. Bradley? Kennen Sie ihn?«

Er nickte.

»Ja, Miss, ich kenne den Polizeiinspektor sehr gut. Ich kannte auch Ihren Bruder sehr gut.«

Sie schaute ihn groß an. Bisher hatte sie noch nicht daran gedacht, daß auch ihr Bruder in diesem Haus aus und ein gegangen war.

»Wie, Sie kannten Ronnie – meinen Bruder?«

»Ja, sehr gut«, erwiderte Ritchie. »Er schlief gewöhnlich hier in der Wohnung Mr. McGills, wenn er zuviel...« Er vollendete den Satz nicht, aber sie wußte, was er sagen wollte.

»Was kann ich nun für Sie tun, Ritchie? Soll ich mit Mr. McGill sprechen ...?«

»Nein, sagen Sie ihm nichts«, unterbrach er sie schnell. »Wenn Sie mir einen Gefallen tun wollen, dann erzählen Sie bitte Mr. Bradley, was geschehen ist. Ich weiß, er ist Ihr Freund. Ich möchte natürlich nicht gern diese gute Stellung verlieren, auf der anderen Seite möchte ich auch nicht sagen, warum ich den alten Mann in Sir Arthurs Wohnung gelassen habe – da käme ich in noch größere Schwierigkeiten.«

»Ich werde Mr. Bradley alles erzählen, wenn ich ihn sehe. Es tut mir sehr leid, daß Sie in solche Unannehmlichkeiten gekommen sind. Mr. Bradley kannte doch meinen Bruder gut?«

»Ja, Miss. Er und Mr. Perryman waren sehr gute Freunde. Das heißt, Mr. Bradley war immer freundlich und nachsichtig zu ihm. Sie gingen oft abends zusammen aus, und ich weiß, wie nahe es Mr. Bradley ging, als Ihr Bruder starb. Er hat sein Bestes getan, um ihn zu retten.«

Ann dachte an Ronnie, als Ritchie gegangen war, und empfand große Genugtuung darüber, daß sich Marks Geschichte, mit der er sie gegen Bradley aufhetzen wollte, als Lüge erwies. Ronnie mußte durch ein Unglück ums Leben gekommen sein – vielleicht war er aus dem Boot gefallen, als er den Polizeibeamten entfliehen wollte.

Aber dann erinnerte sie sich an den Wortlaut der gerichtlichen Erklärung: Anklage gegen einen oder mehrere unbekannte Täter wegen vorsätzlichen Mordes. Sie hatte es nicht über sich gebracht, alle Einzelheiten zu lesen; aber der Fall war eingehend untersucht worden, und die Ärzte hatten ihr Urteil abgegeben. Es war zweifellos Mord.

Bradley war nicht der Täter, aber sie wußte auch nicht, wen sie sonst mit der Schuld belasten sollte.

Mark? Das war undenkbar. Und doch hatte sie genügend Beweise für seine Rücksichtslosigkeit und Verwegenheit. Der alte Li Yoseph mußte es wissen. Sie erinnerte sich jetzt genau an das dunkle Zimmer in Lady's Stairs – Li hatte damals einen Augenblick gezögert, als Mark darauf bestand, daß er ihr die Geschichte erzählen sollte. Seine Antworten waren kurz und einsilbig gewesen.

Plötzlich hörte sie ein leises Klopfen in bestimmtem Rhythmus an ihrer Wohnungstür.

Das war Marks Signal. Sie drehte das Licht behutsam aus, schlich geräuschlos in den Flur und schob vorsichtig den Sicherheitsriegel vor. Soviel sie wußte, hatte Mark keinen Schlüssel zu ihrer Wohnung, aber nach all ihren Erlebnissen wollte sie sich keiner weiteren Gefahr aussetzen. Ihre Befürchtungen waren auch gerechtfertigt, denn gleich darauf wurde ein Schlüssel in das Schloß gesteckt und umgedreht. Die Türklinke senkte sich. Aber der Sicherheitsriegel war stark und hielt. Der Schlüssel wurde wieder abgezogen, und Ann hörte, daß sich die Tür zu Marks Wohnung schloß. Sie legte jetzt auch noch die Sicherheitskette vor.

Bald darauf ging wieder eine Tür. Anscheinend wollte Mark noch ausgehen. Er klopfte noch einmal bei ihr an, aber sie verhielt sich ganz ruhig.

Das Klopfen wiederholte sich nicht. Sie löschte von neuem das Licht und ging ans Fenster, um hinauszusehen. Nach einer Weile trat Mark aus dem Haus, überquerte den Platz, schlug die Richtung nach der Regent Street ein und verschwand.

Ann wollte sich nun zu Bett legen und schlafen, aber sie war noch zu erregt. Immer wieder mußte sie darüber nachdenken, wer Ronnies Mörder sein könnte. Es quälte sie das unwiderstehliche Verlangen, die Wahrheit darüber zu erfahren. Und es gab nur einen Menschen, der es ihr sagen konnte – Li Yoseph!

Es war nach Mitternacht, als sie plötzlich einen wilden Entschluß faßte. Sie verwarf ihn zuerst wieder, weil es zu absurd war; aber schließlich gewöhnte sie sich immer mehr an den Gedanken, und als sie zu Mantel und Hut griff, erschien ihr der Plan ganz natürlich und vernünftig.

Sie verließ das Haus und schlug dieselbe Richtung ein wie Mark. Es war charakteristisch für ihre Gemütsverfassung, daß es ihr ganz gleichgültig gewesen wäre, wenn sie ihn getroffen hätte.

Die Regent Street lag verlassen da. Nur ab und zu sah sie ein Auto oder einen verspäteten Fußgänger. Sie mußte eine ziemliche Strecke gehen, bevor sie einen Wagen fand.

Als der Fahrer hörte, daß sie nach Lady's Stairs fahren wollte, machte er ein langes Gesicht.

»Das ist aber eine recht verrufene Gegend. Ich würde an Ihrer Stelle nicht allein dorthin gehen, wenn Sie nicht jemand dort besuchen wollen. Ich kenne das Haus – früher lebte ein alter Einsiedler dort.«

Der Mann hatte selbst bis vor kurzem in der Nachbarschaft gewohnt.

»Aber jetzt steht es leer, Miss. Ich war letzte Woche dort, und da wurde mir erzählt, daß der alte Li Yoseph noch nicht zurückgekommen sei.«

Als sie die Regent Street hinunterfuhr, sah sie zwei Herren am Rand des Gehsteigs stehen. Der eine gab dem Auto ein Zeichen zu halten, da er in der Dunkelheit nicht gesehen hatte, daß es besetzt war. Als sie hinausschaute, erkannte sie Mark McGill. Erleichtert atmete sie auf. Mark wollte wahrscheinlich zu einem der Nachtklubs fahren, deren Mitglied er war.

Ann war nur von dem einen Wunsch beseelt, Li Yoseph zu sprechen; sie fürchtete sich in keiner Weise, selbst als ihr Wagen durch die engen, schmutzigen Straßen fuhr, die in der Nähe von Lady's Stairs lagen. Sie ließ das Auto direkt vor dem Haus halten und stieg aus. Kein Licht fiel aus den schmalen, düsteren Fenstern. Die Wellen der steigenden Flut schlugen gegen die Boote, die in der Bucht festgemacht waren. Ann fröstelte leicht.

»Ich habe Ihnen doch schon gesagt, daß das Haus leer ist. Sie werden wahrscheinlich niemand hier finden – höchstens einen Polizisten, der Wache hält.«

Als sie über das Pflaster ging, kam ihr ein Gedanke, und sie kehrte noch einmal um.

»Wenn ich in das Haus kommen kann, warten Sie bitte in der Nebenstraße auf mich.« Sie gab ihm einen Geldschein.

Vor der Haustür suchte sie nach der Klingel. Sie erinnerte sich, daß der Knopf versteckt unter einem Gesims lag. Dabei drückte sie gegen die Tür, die sofort nachgab. Es schien fast so, als ob Li Yoseph sie erwartete. Einen Augenblick lang blieb sie unentschlossen auf der Schwelle stehen, dann betrat sie den kleinen dunklen Gang.

Oben sah sie einen schwachen Lichtschimmer, und mit klopfendem Herzen stieg sie die Treppe hinauf. Die Tür zu Li Yosephs Zimmer stand auf – der Lichtschein drang aus diesem Raum. Von Li Yoseph selbst war nichts zu sehen. Auch sonst schien kein lebendes Wesen in der Wohnung zu sein.

Sie stand in der Tür und überschaute das Zimmer.

»Ist jemand hier?« fragte sie nervös.

Aber nur das Echo ihrer Stimme antwortete ihr.

Es herrschte einige Unordnung hier, aber im allgemeinen war es bedeutend sauberer, als Ann erwartet hatte. Erst später erfuhr sie, daß Mr. und Mrs. Shiffan hier seit einigen Tagen an der Arbeit waren, den Schmutz zu beseitigen.

Drüben stand Lis eiserne Bettstelle. Das Bett war seit langem nicht bezogen worden. Die Fenster nach dem Wasser zu waren geputzt, sie konnte die Lichter der Dampfer auf dem Fluß sehen.

»Ist jemand hier?«

Diesmal hatte sie lauter gesprochen, aber wieder erhielt sie keine Antwort.

Sie wußte nicht, welche Räume hinter den beiden Türen lagen, die von diesem Zimmer aus gingen, und sie mußte allen Mut zusammennehmen, um sich zu einem Erkundungsgang aufzuraffen. Aber kaum hatte sie einen Schritt auf die eine Tür zu gemacht, da verlosch das einzige Licht in dem Raum, und sie befand sich in vollkommener Dunkelheit.

Sie erschrak und wandte sich wieder zu dem Eingang zurück. Plötzlich hörte sie ein Geräusch, als ob Holz gegen Holz gestoßen würde, und in der Mitte des Fußbodens erschien plötzlich eine viereckige Öffnung. Im nächsten Augenblick tauchte ein Kopf eines Mannes auf – die Gestalt stieg höher und höher, und Ann erkannte den Fremden in dem Licht der Lampe; die er trug.

Es war Li Yoseph!

Sollte sie ihn ansprechen? Bevor sie zu einem Entschluß gekommen war, hörte sie das Flüstern einer zweiten Stimme. Die Lampe wurde ausgelöscht. Noch mehr Leute stiegen von unten in den Raum – zwei – drei. Sie hörte ihre Schritte auf dem Boden. Sie unterhielten sich leise. Das viereckige Loch im Boden verschwand, und die Falltür schloß sich.

Sie wartete einige Sekunden und versuchte die geflüsterten Worte zu verstehen. Aber die Leute entfernten sich nach der hinteren Seite des Zimmers, eine Tür knarrte laut, und plötzlich flammte das Licht wieder auf. Der Raum war vollständig leer vor ihr.

Ann stand reglos in der Tür und wartete. Jetzt hörte sie von unten ein Geräusch, gleich darauf erklangen schwere Schritte auf der Treppe. Sie mußte gesehen worden sein, denn sie wurde angerufen.

»Ann! Was machen Sie denn hier?« fragte Mark erstaunt. Er war allein. Er drängte sie behutsam aus dem Zimmer, legte seine Hand auf ihre Schulter und sah sie argwöhnisch an.

»Wie sind Sie denn hierhergekommen?«

»Ich habe ein Auto genommen«, sagte sie so gleichgültig wie möglich.

»Warum sind Sie gekommen? Hat Bradley nach Ihnen geschickt?«

Sie sah ihn groß an. »Mr. Bradley? Nein, ich wollte Li Yoseph sprechen.«

»Warum denn?« fragte er ärgerlich. »Sie wollen mir doch nicht etwa erzählen, daß Sie aus reiner Neugierde hierhergekommen sind?«

»Ich erzähle Ihnen nur das, was mir beliebt, Mark«, sagte sie ruhig. »Ich habe Ihnen keine Rechenschaft abzulegen.«

Er dachte einen Augenblick nach, und seine Stirn legte sich in häßliche Falten.

»Haben Sie Li Yoseph denn gesehen?«

Sie wollte ihm schon erzählen, was sie gesehen hatte, aber eine innere Stimme riet ihr zur Vorsicht.

»Nein, ich habe ihn nicht gesehen.«

Er wandte sich zu einer der Türen, stieß sie auf und ging hinaus. Fünf Minuten später kam er zurück und staubte seine Hände ab.

»Es ist niemand da«, sagte er.

Plötzlich hob er den Kopf. »Was ist das?«

Auch Ann hörte das leise, unheimliche Kichern und Lachen, das von dem Raum über ihnen zu kommen schien.

Ann schaute Mark an, der an ihrer Seite stand.

»Wer war denn das?« fragte sie leise.

»Es klang so, als ob es Li selbst wäre«, sagte er unsicher. »Er ist ein ganz merkwürdiger Kerl.«

Sie warteten, aber sie hörten nichts mehr. »Gehen Sie nicht«, sagte Mark, als sie sich zur Tür wandte. »Ich werde Sie nach Hause bringen.«

»Das ist nicht nötig – mein Wagen wartet unten.«

»Ach, das war Ihr Wagen? Ich sah ihn in der Seitenstraße stehen und dachte, er gehöre der Polizei.«

Er folgte ihr die Treppe hinunter auf die Straße und erstarrte bei dem unerwarteten Anblick, der sich ihm bot. Auf der anderen Seite der Straße standen drei Polizeiautos in einer Reihe. Außer den drei Fahrern, die ruhig am Steuer saßen, war nichts von der Fliegenden Kolonne zu sehen.

»Was mögen die hier zu tun haben? Als ich kam, waren sie noch nicht da.« Marks Stimme verriet seine Erregung. »Haben Sie zufällig Ihren Freund Bradley hier gesehen?«

Sie antwortete ihm nicht, sondern ging schnell zu der Seitenstraße, in der ihr Auto hielt. Der Fahrer war inzwischen eingeschlafen.

Mark gewann allmählich seine Selbstbeherrschung zurück.

»Sie würden mich vermutlich nicht gern mitnehmen? Nun, es ist auch nicht notwendig. Aber sagen Sie mir nur, warum Sie hierhergekommen sind, Ann? Hat Bradley Ihnen geraten, den alten Li aufzusuchen?«

»Nein«, antwortete Sie kurz, stieg ein und schlug die Tür hinter sich zu.

Sie war so müde, daß sie während der Rückfahrt in einen leichten Schlummer fiel. Erschrocken fuhr sie auf, als der Wagen vor ihrer Wohnung hielt. In geringer Entfernung sah sie einen Mann auf dem Gehsteig stehen. Er kam schnell auf sie zu, als sie den Fahrer bezahlt hatte. Es war Tiser.

»Haben Sie Mark gesehen, Miss Ann? Ich habe hier auf ihn gewartet.«

»Er ist in Lady's Stairs.«

»Er ist in Lady's Stairs!« wiederholte er entsetzt. »Und Sie sind auch dort gewesen? Aber, Miss Ann, wie leichtsinnig war das von Ihnen!«

Sie wollte an ihm vorbeigehen, aber er trat ihr in den Weg.

»Warten Sie einen Augenblick, Miss Ann. Ich habe Ihnen etwas zu sagen, etwas Wichtiges – Sie wissen doch, daß wir uns alle in einer sehr gefährlichen Lage befinden ...«

Sie war erstaunt über seine Aufregung und seine abgerissene Sprache. Zuerst hatte sie gedacht, er habe wieder zuviel getrunken, aber als sie ihn jetzt näher betrachtete, bemerkte sie, daß er vollständig nüchtern war.

»Ich möchte lieber morgen früh mit Ihnen sprechen, Mr. Tiser ...«, begann sie.

Aber plötzlich wandte er sich zu ihrem größten Erstaunen von ihr ab und floh in die Dunkelheit. Im selben Augenblick hörte sie das Knattern eines Motors und sah zwei helle Scheinwerfer. Mit einem Ruck hielt der Wagen an dem Rand des Gehsteigs. Es war einer der Polizeiwagen, die sie vorhin gesehen hatte, und sie erkannte Bradley, als er heraussprang.

»Um Himmels willen, warum stehen Sie hier unten auf der Straße? Haben Sie keinen Schlüssel?« fragte er.

Seine Gegenwart brachte ihr große Erleichterung, und die Spannung der letzten Stunden lösten sich in einem beinahe hysterischen Lachen.

»Ich habe einen Schlüssel – aber Mr. Tiser wollte mich eben noch sprechen.«

»Ich dachte, der würde in McGills Wohnung warten. Was hat er Ihnen denn gesagt?«

»Nichts Wichtiges.«

»Sie waren in Lady's Stairs?« Dann sagte er lachend: »Ich will nicht zu geheimnisvoll sein, ich weiß, daß Sie dort waren. Ich wünschte mir, daß Sie nicht allein dorthin gingen, Ann, bis ich Sie darum bitte. Dann werde ich auch dasein, damit Ihnen nichts passiert. Kann ich einen Augenblick mit in Ihre Wohnung kommen?«

Sie fand seine Bitte ganz natürlich, obwohl es nahezu drei Uhr morgens war.

»Worüber sprach Tiser denn?« Bradley schien sich sehr für diesen Mann zu interessieren.

Sie konnte es ihm nicht sagen, da sie ja selbst nicht wußte, warum er unten auf sie gewartet hatte.

»Es ist doch merkwürdig«, sagte er, als sie ihm alles berichtet hatte, was sie wußte. »Es scheint fast so, als ob ...«

Er vollendete den Satz nicht, nahm die Schlüssel aus ihrer Hand, öffnete die Haustür und ging die Treppe vor ihr hinauf. Er schloß auch ihre Wohnungstür auf und trat zuerst ein.

Nachdem er das Licht im Wohnzimmer eingeschaltet hatte, blieb er einen Augenblick stehen und betrachtete mit Genugtuung Mark McGill, der am Tisch saß und sehr verdutzt dreinschaute. In derselben Weise hatte er Ann überraschen wollen.

»Sind Sie ohne Schwierigkeiten hereingekommen?« fragte Bradley höflich.

»Ich hatte meinen Schlüssel«, erwiderte McGill kühl.

Bradley nickte.

»Vermutlich kamen Sie eine Minute vor Miss Perryman hier an. Sie haben dann Tiser auf die Straße geschickt, um eine längere Unterhaltung mit ihr anzufangen und sie so lange aufzuhalten, bis Sie selbst hier oben Ihre Absicht erreicht hatten.«

Ann sah Mark McGill verwundert und sprachlos an. Sie erinnerte sich jetzt, daß in der Nähe der Westminster Bridge ein großer Wagen an ihr vorbeigefahren war, der ihr bekannt vorkam.

»Ich könnte nun zweierlei tun«, sagte Bradley langsam. »Wenn ich meinen primitiven Trieben folgte, würde ich das Fenster aufmachen und Sie hinauswerfen. Ich könnte Sie jetzt auf Grund einer der kleineren Anklagen, die ich gegen Sie vorbringen kann, verhaften. Aber ich ziehe es vor zu warten, bis ich alle Beweise für Ihr Kapitalverbrechen zusammengebracht habe.«

»Welches ist denn mein Kapitalverbrechen?« fragte Mark beinahe liebenswürdig.

Bradley lächelte.

»Ich glaube nicht, daß ich Ihnen das erklären muß. Sie gingen doch nach Lady's Stairs, um Li Yoseph aufzusuchen – nun gut. Sie werden ihn an einem der nächsten Abende sehen. Und Sie werden auch die Anklage hören, die er gegen Sie erhebt. Ich gebe sehr viel darauf, daß Sie Li Yosephs Anschuldigungen aufnehmen werden.«

Mark war belustigt.

»Wollen Sie Li Yoseph als Zeugen gegen mich auftreten lassen? Wollen Sie seinen Geist anrufen, daß er dieses Zeugnis bestätigt? Sie können mich nicht so leicht bluffen. Sie möchten gern wissen, warum ich hier bin? Nun, Miss Perryman weiß, warum ich kam. Sie gab mir ihren Schlüssel.«

Ann sah ihn an. »Wie dürfen Sie das sagen ...« begann sie, aber Bradley brachte sie durch einen Blick zum Schweigen.

»Er will Sie ja gar nicht kränken, sondern mich. Aber ich bin wohl am schwersten von allen Leuten aus der Fassung zu bringen.« Er wies mit dem Kopf nach der Tür. »Machen Sie, daß Sie fortkommen, McGill.«

Mark schaute ihn haßerfüllt an, aber dann entfernte er sich achselzuckend. Sie hörten, wie er seine Tür heftig zuschlug.

»Haben Sie irgendwelche Verwandten oder auch Freunde in London, Ann?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Dann müssen Sie in ein Hotel ziehen – heute nacht werden Sie ja wohl hier sicher sein. Aber morgen müssen Sie in aller Frühe diese Wohnung verlassen. Haben Sie genügend Geld?«

»Ich habe das zu Unrecht erworbene Geld«, sagte sie niedergeschlagen. »Hoffentlich muß ich nicht viel davon anrühren. Ich möchte morgen nach Paris fahren.«

»Ich würde es gern sehen, wenn Sie London vorläufig nicht verlassen«, erwiderte er schnell. »Ich möchte McGill überführen, aber der eigentliche Grund liegt in meiner persönlichen Eitelkeit. Ich möchte Sie überzeugen, daß Ronnie ...«

Sie unterbrach ihn durch eine Handbewegung.

»Wenn Sie wollen, daß ich so lange bleibe, bis Sie sich von diesem ungerechtfertigten Verdacht befreit haben, dann könnte ich schon in dieser Minute abreisen.«

»Ist das Ihre wirkliche Überzeugung? Sie haben nicht mehr den geringsten Argwohn gegen mich?«

»Nein!«

Er schwieg eine Weile.

»Erinnern Sie sich noch an unsere erste Begegnung in der Wohnung des alten Li? Damals sagten Sie, Sie würden nicht wieder glücklich werden, bis Sie den Mörder Ihres Bruders aufs Schafott gebracht hätten.«

Sie zitterte.

»Ich glaube, ich fühle heute nicht mehr so – das war eine leere Phrase. Allmählich verstehe ich, wie schrecklich das alles ist, und ich ahne die Zusammenhänge.«

Sie schwiegen beide eine Weile. Er schien sie ungern allein zu lassen, und sie sah ihn ungern fortgehen.

»Alles, was mit dem Gesetz zusammenhängt, ist nicht angenehm«, sagte er. »Sie erinnern sich noch daran, wie wir das vor dem Polizeigericht erfuhren? Würde es Ihnen unmöglich sein« – es wurde ihm schwer, die Frage zu vollenden –, »einen Detektiv zu heiraten?« Als sie ihm keine Antwort gab, fuhr er fort: »Was auch immer geschehen mag, ich werde am Ende dieses Jahres aus der Polizeitruppe ausscheiden. Es ist mir die Leitung einer großen Kaffeeplantage in Brasilien angeboten worden. – Sie wissen wahrscheinlich noch nicht, daß ich ein Spezialist für Kaffee bin?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Das wäre Ihnen doch angenehmer, als die Frau eines Polizeibeamten zu sein?«

Ann sah ihn nicht an.

»Ja, ich glaube. Denken Sie daran, sich zu verheiraten, Mr. Bradley?«

Sie zwang sich dazu, ihn anzusehen.

»Ja, ich habe diese Absicht. Es ist nur die Frage, ob das Mädchen, das ich gern zur Frau hätte, mich auch mag.«

»Ich glaube, Sie müssen jetzt gehen, Mr. Bradley«, sagte sie und öffnete die Tür. »Halb vier Uhr früh ist nicht gerade die beste Zeit, sich über Heirat und dergleichen zu unterhalten.«

Aber er blieb noch einen Augenblick stehen.

»Trinken Sie eigentlich Kaffee gern?«

Sie antwortete ihm erst, als er außerhalb ihrer Wohnungstür stand.

»In Zukunft werde ich nichts anderes trinken«, sagte sie und schloß schnell die Tür.

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