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Überfallkommando

Edgar Wallace: Überfallkommando - Kapitel 21
Quellenangabe
pfad/wallacee/ueberfal/ueberfal.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleÜberfallkommando
publisherGoldmann Verlag
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
printrun17. Auflage
isbn3442000750
year1982
created20111027
projectid915718f9
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Kapitel 20

Mark hörte Sedeman zu, ohne sich scheinbar im mindesten darüber aufzuregen. Sein gleichgültiges Gesicht hätte niemand verraten können, welchen mörderischen Haß er gegen diesen Mann empfand.

»Will er die Regenröhre hinaufklettern, um Sie zu sehen?« fragte er.

Mark schloß die Tür.

»Setzen Sie sich, Sedeman«, sagte er freundlich. »Ich möchte gern von Ihnen hören, was die ganze Geschichte zu bedeuten hat. Was wollten Sie denn Bradley berichten?«

»Daß es mir gutgeht und daß ich wahrscheinlich die Nacht vorzüglich schlafen werde«, entgegnete Sedeman ernst. »Der Mann sorgt sich nämlich um mich – das ist eine ganz neue Erfahrung für mich. Der Gedanke, daß ein Mensch an einen denkt ...« Er schüttelte begeistert den Kopf.

»Mit anderen Worten: Bradley zahlt Ihnen Geld, damit Sie mich beobachten – das wollten Sie doch wohl sagen? Nun, Sie werden eine leichte Aufgabe haben.« Plötzlich änderte er das Thema. »Haben Sie den alten Li Yoseph gesehen?«

»Ich habe allerhand Gerüchte gehört – es ist wirklich eine merkwürdige Sache –, die Toten kehren ins Leben zurück.«

»Er war doch niemals tot«, sagte Mark laut. »Er war ...«

»Mark!«

Er schaute sich um. Tiser stand in der Nähe des Fensters. Sein Gesicht war verzerrt vor Furcht.

»Was ist denn, du verdammter Narr?« fragte Mark wild.

»Höre doch!«

Der Klang einer Violine tönte herüber. Mark beugte den Kopf etwas vor.

»Hörst du das?«

Mark ging an ihm vorüber und riß die Vorhänge auseinander. Aber er konnte nur den schwachen Schimmer einer Straßenlaterne sehen.

»Mach das Fenster sofort auf«, sagte er ungeduldig zu Tiser.

»Mark, um Gottes willen, das wäre die größte Dummheit ... Wir könnten doch jemand schicken, der ihn heraufholen soll.«

»Wen haben wir denn? Ich will auf jeden Fall hinaussehen – öffne das Fenster.«

Tiser lockerte den Riegel und versuchte ihn mit zitternden Händen zu öffnen, aber es mißlang ihm. Mark stieß ihn unsanft beiseite, riß das Fenster auf und lehnte sich hinaus. Der Klang der Violine war jetzt lauter zu hören. Als er die Straße entlangsah, entdeckte er zwischen zwei Laternen eine Gestalt.

In dem Augenblick hörte das Spiel auf, und eine rauhe Stimme ertönte. Ein Polizist trat aus dem Schatten heraus und ging quer über die Straße auf den Musikanten zu.

Die beiden auf der Straße waren zu weit entfernt; ihr Gespräch war nicht zu verstehen. Aber jetzt kamen sie langsam auf das Haus zu, und plötzlich hörten sie Li Yosephs Stimme.

»Mein lieber Freund, ich mache doch Musik für meine lieben, kleinen Kinder.«

»Für Ihre kleinen Kinder?« Der Polizist neigte sich zu dem gebückten Alten hinunter.

»Sie sind ein Fremder, nicht wahr? Nachts dürfen Sie doch nicht auf der Straße musizieren – gehen Sie jetzt weiter.«

Mark beobachtete die beiden, bis sie in der Dunkelheit verschwanden.

»Wenn der Polizist nicht dabeigewesen wäre, hätte ich den alten Esel angesprochen.«

»Li Yoseph!« Sedeman war aufs höchste erstaunt.

»Sie haben ihn gesehen?« fragte ihn Mark. »Ist er nun lebendig oder tot?«

Er füllte ein Glas mit Whisky und goß nur ein wenig Sodawasser hinzu. Es war nicht leicht, Mr. Sedeman in Aufregung zu bringen. Tiser sah betrübt, wie der Whisky verschwand.

»Gut, gut!« sagte Sedeman, als er getrunken hatte. »Dieser alte Li Yoseph!«

Mark sah ihn scharf an. »Waren Sie wirklich so überrascht?«

»Ich habe es Ihnen ja gesagt«, erklärte Sedeman vergnügter denn je.

McGill trat nahe an ihn heran und schaute ihn düster und versonnen an.

»Sie wußten, daß er lebt. Wo hält er sich denn auf? Seien Sie doch vernünftig, Sedeman«, sagte er dann in freundlicherem Ton. »Es hat doch keinen Zweck, daß wir gegeneinander arbeiten. Was ist los? Bradley hat ihn hierhergeschickt, nicht wahr?«

In diesem Augenblick klopfte es an die äußere Tür.

»Da kommt er selbst – Sie können ihn ja fragen.«

Tiser ging widerstrebend hinaus, um zu öffnen, Bradley kam allein. Er trat in das kleine Zimmer und grüßte Mark mit seinem undurchdringlichen Lächeln.

»Sie haben eben ein Ständchen bekommen, wie man mir erzählt? Li Yoseph ist ein äußerst zuvorkommender alter Herr, aber ich wußte nicht, daß seine Freundlichkeit so weit gehen würde, Sie musikalisch zu unterhalten.«

Bradley bekümmerte sich nicht um Sedeman, und der Alte machte auch keinen Versuch, ihn auf sich aufmerksam zu machen; er blieb ruhig sitzen. Bradley nahm sich unaufgefordert einen Stuhl und zog ein kleines Etui aus der Tasche, das Mark verstohlen betrachtete. Aber der Polizeiinspektor machte keinen Versuch, den Deckel zu öffnen.

»Sie hatten früher immer eine Pistole bei sich, McGill? Sie hatte ein großes Kaliber und war kein Browning?«

Mark antwortete nicht, und Bradley wiederholte seine Frage. Mark lächelte.

»Was soll denn das heißen? Hat etwa der alte Li gesagt, daß ich nach ihm geschossen habe?«

Tiser überlief es kalt bei dieser waghalsigen Frage.

»Das hat er nicht direkt gesagt«, erklärte Bradley bedächtig. »Aber nehmen wir einmal an, ich behauptete, daß ich bei der Untersuchung des Fußbodens in Lady's Stairs – ich meine den Raum, aus dem Li Yoseph verschwand – zwei Geschosse im Holz entdeckte? Ganz kürzlich«, fügte er gleichgültig hinzu.

Mark wartete.

»Nehmen wir einmal folgende Vermutung an«, fuhr Bradley fort. »Diese beiden Geschosse wurden aus einer Pistole abgefeuert, die damals in Ihrem Besitz war und, soviel ich weiß, auch jetzt noch Ihr Eigentum ist?«

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte Mark kühl. »Daß ich Schießübungen in Li Yosephs Zimmer abhielt? Man kann dort allerdings seine Pistole ruhig abschießen, ohne viel Schaden anzurichten. Aber ich kann mich nicht besinnen, daß ich jemals in Li Yosephs Zimmer betrunken war – oder daß ich jemals eine Pistole besaß«, fügte er schnell hinzu.

Bradley öffnete jetzt das kleine Etui. Mark sah zwei spitz zulaufende Nickelgeschosse auf einem Wattebausch liegen. Die Spitze des einen war so umgebogen, daß es beinahe einem Fragezeichen ähnlich sah.

»Haben Sie schon einmal so etwas gesehen?« Bradley nahm sie in die Hand. »Nicht anrühren – nur ansehen.«

»Ich wüßte nicht«, sagte Mark ruhig.

»Nun, dann nehmen Sie sie einmal in die Hand. Haben sie dasselbe Kaliber wie Ihre Pistole?«

McGill machte keinen Versuch, die Geschosse zu berühren.

»Ich besitze keine Pistole. Ich trage niemals eine Schußwaffe bei mir – ich denke, das habe ich Ihren Leuten schon oft genug erklärt. Aber Sie sind ja immer skeptisch!«

»Das gehört nun einmal zu meinem Beruf – Skeptizismus trägt gewöhnlich ebensoviel zu unserem Erfolg bei wie Geduld«, meinte Bradley lächelnd, als er die beiden Geschosse wieder in das Etui zurücklegte und den Deckel zuschob. »In welcher Tasche tragen Sie gewöhnlich Ihre Pistole? Ach, ich vergaß, Sie haben ja überhaupt keine.«

Schnell berührte er Marks Hüfttasche, aber sie war leer.

Nicht ein Muskel in Marks Gesicht bewegte sich. Nur ein grausames Lächeln lag auf seinen Zügen.

»Nun, sind Sie jetzt zufrieden?«

Bradley steckte das Etui in seine Westentasche.

»Ja – beinahe.«

»Haben Sie die Geschosse aus dem Fußboden herausgeschnitten?« fragte Mark ironisch. »Wirklich, meine Achtung vor der Polizei ist um mehrere Grade gestiegen.«

»Wenn ich eben sagte, daß ich beide Geschosse in Lady's Stairs fand, dann habe ich einen kleinen Fehler gemacht. Ich fand nur eines dort – das andere entfernte ich aus einem Baum im Hydepark. Unsere Schießsachverständigen erklären, daß die beiden Geschosse aus demselben Pistolen-Typ abgeschossen wurden, aber es muß nicht notwendigerweise dieselbe Pistole sein. Das hätte ich den Leuten auch sagen können, denn Ihr Alibi war an jenem Abend unwiderleglich.«

Er holte das Etui wieder hervor und nahm das verbogene Geschoß heraus.

»Dieses fand ich in Lady's Stairs – zwölf Monate lang habe ich danach gesucht.«

McGills Lippen zuckten.

»Hat Li Yoseph Ihnen dabei geholfen?« fragte er leichthin.

»Ja, er hat mir geholfen.«

Bradley nahm ein Schriftstück aus der Tasche und legte es auf den Tisch.

»Ich werde jetzt dieses Haus durchsuchen – hier ist meine Vollmacht«, sagte er in geschäftlichem Ton. »Ich habe nämlich die Idee – es mag sein, daß ich mich irre –, daß ich in diesem Haus irgendwo ein Duplikat der Pistole finden werde. Wenn Sie nichts dagegen haben, werde ich hier beginnen.«

Nur einen Augenblick sah McGill finster drein. Bradley fing diesen Blick auf und lachte.

»Ich bin nicht allein, McGill. Meine Leute haben das Haus umstellt. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, werde ich ein paar hereinrufen.«

Die Durchsuchung wurde ebenso planmäßig und gewissenhaft durchgeführt wie alle früheren. Der entsetzte Tiser saß auf der Ecke eines Stuhles und stöhnte und seufzte, wie es selbst Bradley nicht für möglich gehalten hätte.

Ein Zimmer nach dem anderen kam an die Reihe. In einem Geheimfach im Fußboden fand man eine Menge altes Silber. Der Raum gehörte einem der Leute, die nach einem Überfall auf Bradley plötzlich verhaftet worden waren.

»Ich kann und will Sie dafür nicht verantwortlich machen«, erklärte der Inspektor, als die Gegenstände gebracht und auf den Tisch gelegt wurden. »Kein Kokain, Simmonds?«

»Nein.«

»Auch keine Pistolen?« fragte Mark unschuldig.

»Dies habe ich oben in dem schallsicheren Raum entdeckt«, erwiderte Simmonds.

Mark atmete schwer, als er Anns Handtasche sah.

Bradley nahm sie auf und betrachtete sie von allen Seiten.

Als Mark nicht antwortete, öffnete er die Tasche.

Zuerst fiel ihm eine Visitenkarte in die Hand. Er sah Mark scharf an.

»Was hatte Miss Perryman hier zu tun?«

»Sie kommt öfters hierher«, sagte Mark gleichgültig. »Wir sind sehr gute Freunde – Sie mögen es glauben oder nicht. Über solche Dinge spricht man gewöhnlich nicht mit anderen, aber Sie sind ja ein Polizeibeamter, und ich pflege der Polizei immer die Wahrheit zu sagen.«

»So, Sie sind gute Freunde?« fragte Bradley kühl und gelassen. Er drückte die Handtasche wieder zu. »Wie gute Freunde sind Sie denn?«

Mark lächelte geheimnisvoll.

»Nun, Sie sind doch ein Mann von Welt ...« begann er, aber Bradleys ironisches Lachen unterbrach ihn.

»McGill, Sie sind sehr heruntergekommen. Hätten Sie mir das vor einem Jahr gesagt, dann hätte ich es Ihnen vielleicht geglaubt. Sie haben sogar verlernt, geschickt zu lügen. Wenn ich Li Yoseph heute abend sehe, werde ich ihm sagen, daß es sich lohnt, nach Lady's Stairs zurückzukommen, um das zu hören.«

Bradley war schon gegangen, als Mark McGill wieder sprach. Sedeman hatte das Zimmer während der Durchsuchung verlassen, und als Tiser nach oben geschickt wurde, um ihn zu suchen, fand er ihn nicht auf seinem Zimmer.

Mark ging wie ein gefangener Löwe auf und ab. Plötzlich hielt er in seiner Wanderung inne und sah auf seine Uhr.

»Zieh schnell deinen Mantel an«, sagte er barsch zu Tiser.

»Du willst doch nicht, daß ich heute abend noch ausgehe, Mark?« fragte Tiser furchtsam.

»Du kommst jetzt mit mir – nach Lady's Stairs –, ich will mit Li Yoseph sprechen.«

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