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Überfallkommando

Edgar Wallace: Überfallkommando - Kapitel 20
Quellenangabe
pfad/wallacee/ueberfal/ueberfal.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleÜberfallkommando
publisherGoldmann Verlag
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
printrun17. Auflage
isbn3442000750
year1982
created20111027
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Kapitel 19

Das Versorgungsheim oder das ›Heim für verlorene Seelen‹, wie Bradley es ironisch nannte, diente seiner Bestimmung nicht mehr. Als Tiser von Bristol zurückkam, fand er nur noch den Portier, der allein in der Küche vor einem kleinen Gasfeuer saß und vor sich hinbrütete.

»Sie sind alle gegangen, Mr. Tiser«, sagte er über die Schulter.

»Gegangen? Wer ist gegangen?«

Der Portier zeigte mit dem Daumen nach dem gemeinsamen Wohnraum. Langsam kam es Tiser zum Bewußtsein, daß die Insassen der Herberge nicht mehr hier waren.

»Was, sie sind alle fort?« fragte er ungläubig. »Es sollten doch noch heute drei neue kommen. Sind sie denn nicht erschienen?«

»Nein, ein paar Leute von hier haben sie heute morgen getroffen, als sie herauskamen, und da sind sie gar nicht hergekommen. Wir haben nur noch den alten Sedeman hier.«

Tiser machte ein dummes Gesicht.

»Wo ist er denn?«

»Er ist gerade beim Essen. Ich wollte Geld von ihm haben, aber da schimpfte er und drohte, mir einen gehörigen Kinnhaken zu geben. Und da ich glaubte, ein Spektakel wäre Ihnen nicht angenehm, habe ich ihn in Ruhe gelassen.«

Das Heim als solches war nicht mehr zu halten. Mark hatte viel Geld darauf verwandt; da es aber nun keinem ihm nützlichen Zweck mehr diente, hatte er einem Agenten den Auftrag gegeben, es zu verkaufen.

Tiser ging in den Gastraum und fand dort Sedeman, der bei den Resten seiner Mahlzeit saß. Der alte Mann warf ihm einen unliebenswürdigen Blick zu.

»Wir haben keinen Platz mehr für Sie, Sedeman«, sagte Tiser.

»Bilden Sie sich etwa ein, daß es mir Spaß macht, in diesem Haus der Bosheit und der Sünde zu schlafen?« fragte Sedeman böse. »Ich gebe zwar zu, daß es etwas gesünder und ruhiger ist, seit die anderen Kerle verschwunden sind. Aber sogar jetzt dürfte sich ein Mann von meiner sozialen Stellung nicht gestatten, hier zu wohnen, selbst wenn er noch so betrunken wäre – das bin ich aber, Gott sei Dank, nicht!«

Er schien jedoch schon etwas zuviel zu sich genommen zu haben, und Tiser war klug genug, ihn zu besänftigen.

»Wir freuen uns immer, wenn wir Sie hier haben, mein lieber Freund. Haben Sie etwa Mark gesehen?«

»Nein«, erwiderte Sedeman laut und winkte dem Portier, der in der Tür stand. »Geben Sie mir etwas zu trinken, Arthur.«

Tiser gab ihm ein Zeichen, daß er es tun solle.

Als er später hörte, daß Sedeman gegangen war, sagt er dem Portier, daß er ihn nicht wieder einlassen dürfe.

»Sie können ihm ja beibringen, daß das Heim jetzt geschlossen ist.»

Tiser setzte sich dann selbst mit einem großen Glas Whisky nieder, um einen Bericht über seine heutige Tätigkeit zu schreiben. Seine Reise nach Bristol war ein voller Erfolg gewesen. Glücklicherweise hatte das Syndikat – so nannte er McGills Organisation eine große Menge Rauschgifte verborgen, bevor die großen Schwierigkeiten mit der Polizei kamen, und obwohl es schwer war, hatte er doch mit Erfolg alles verteilen können. Er war noch mit seinem Bericht beschäftigt, als die Glocke läutete. Kurz darauf trat Mark ins Zimmer und schloß die Tür hinter sich zu.

»Ist jemand im Haus?«

»Sedeman war hier, aber er ist gegangen.«

Mark biß sich auf die Unterlippe.

»Der Kerl steckt mit Bradley im Bunde – er darf nicht wieder herein.«

Tiser schob ihm seinen Bericht hin, aber Mark warf keinen Blick darauf.

»Es ist möglich, daß wir noch vor morgen früh die größten Unannehmlichkeiten bekommen. Ich habe Ann ausgeschickt, um ein Paket Koks zu holen, das in Ashdown Forest abgeworfen wurde.«

»Sie hat es doch nicht in deine Wohnung gebracht? fragte Tiser ängstlich.

»Unterbrich mich nicht«, fuhr ihn Mark an. »Nein, sie hatte den Auftrag, es ins Wasser zu werfen. Das hat sie auch getan – aber sie hat eine Kleinigkeit in eine Büchse gefüllt und nach Hause mitgenommen. Das hat mich stutzig gemacht. Ich habe sie die ganze Zeit über beobachtet – ich traue ihr nicht mehr. Sie ist zu sehr mit Bradley befreundet. Ich glaube allerdings nicht, daß sie uns verraten wird, aber ich bin beunruhigt. Heute abend machte ich noch eine weitere Entdeckung. Sie hatte eine Verabredung mit Bradley; er hat sie in ihrer Wohnung angerufen.«

»Woher weißt du denn das?«

»Eine Mitteilung von Bradley. Ich traf den Boten, als er die Treppe heraufkam, und nahm sie ihm ab.«

Die Nachricht war nur kurz und formell:

›Meine liebe Ann, es tut mir sehr leid, daß ich heute abend nicht kommen kann. Es ist eine sehr wichtige Sache zu erledigen. Darf ich Sie morgen abend sehen?‹

»Was soll denn das bedeuten?« stotterte Tiser.

Mark sah ihn verächtlich an.

»Wirst du gleich wieder Krämpfe bekommen, wenn ich es dir sage? Entweder hat sie das Kokain für Bradley aufbewahrt – das wäre sehr schlimm für uns –, oder sie hat es zurückbehalten, um festzustellen, daß sie wirklich Kokain transportiert hat. Wie es nun auch immer sein mag, sie ist gefährlich geworden. Irgend jemand muß morgen früh nach Paris fahren und von Boulogne aus in Anns Namen ein Abschiedstelegramm an Bradley senden.«

Tiser hob den Blick langsam.

»Was soll denn mit Ann geschehen?« fragte er erregt.

»Das Haus ist doch leer – es ist doch sehr einfach ...«

Das Telefon klingelte, und Tiser fuhr erschrocken in die Höhe.

»Sieh zu, wer anruft!« befahl Mark.

»Wer ...« begann er, als er schon die andere Stimme hörte:

»Ist es der gute Tiser? Ist Mark bei ihm? Ich wollte mit ihm sprechen.«

Tiser bedeckte die Sprechöffnung mit seiner zitternden Hand.

»Es ist Li«, flüsterte er heiser. »Er will mit dir reden.«

McGill riß ihm den Hörer aus der Hand.

»Nun, Li, was willst du von mir?« fragte er mit scharfer Stimme. »Von wo aus sprichst du denn?«

Er hörte ein leises Lachen.

»Nicht von Lady's Stairs. Dort haben wir noch kein Telefon. Das ist zu modern für das alte Haus. Ich werde dich bald sehen, Mark.«

»Wo bist du denn?«

»Komme nach Lady's Stairs, Mark – nicht morgen, aber an einem der nächsten Tage, und bringe die junge Dame mit, Ronnies Schwester. Der arme Junge ...«

Mark hörte, wie er wieder zu seinen kleinen, unsichtbaren Kindern sprach, und lächelte verächtlich.

»Lady's Stairs – gut, ich werde hinkommen.«

»Und den guten Tiser wirst du auch mitbringen? Ich hoffe doch, daß du kommst Mark. Mein Gedächtnis, das mich im Stich gelassen hatte, ist wieder besser geworden.«

Mark verstand die versteckte Drohung wohl, die in diesen Worten lag, und konnte nicht gleich antworten.

»Also am Freitag – um wieviel Uhr?«

Der alte Mann erwiderte nichts darauf, und Mark hörte, wie drüben aufgelegt wurde.

»Was wollte er denn eigentlich, Mark? Er wird doch nichts gegen uns unternehmen?«

»Er sagt, daß er sich wieder an alles erinnert. Aber wer wird diesem alten, verrückten Teufel ein Wort glauben?«

Er nahm den Hörer wieder ab und wählte eine Nummer, die Tiser wohlbekannt war.

»Sind Sie dort, Ann? Hier ist Mark. Ich bin in dem Versorgungsheim. Bradley ist auch hier. Er möchte Sie wegen des Stoffes sprechen, den Sie von Ashdown Forest mitgebracht haben.«

Ann holte tief Atem. »Welchen Stoff ...«

»Na, Sie wissen doch, Ann. Er sagte, Sie hätten eine kleine Büchse Koks mitgebracht – ja, Kokain; tun Sie doch nicht so, Sie wissen doch, was Koks ist.«

Er sprach absichtlich ungeduldig und erregt, und sein rauher Ton überzeugte sie, daß er die Wahrheit sprach. Sie glaubte, daß Bradley dort war, um eine Untersuchung durchzuführen.

»Ich werde sofort kommen.«

»Nehmen Sie ein Auto«, sagte Mark und legte auf.

Tiser starrte ihn an.

»Warum soll sie denn herkommen?« fragte er zitternd, aber Mark gab ihm keine Antwort.

Er steckte sich eine Zigarette an und blies den Rauch zur Decke.

»Erinnerst du dich noch an den Spektakel, den wir vor etwa vier Jahren im Hause hatten, als ein paar Leute das Delirium bekamen?«

Tiser nickte langsam.

»Weißt du noch, was wir mit ihnen machten?«

Tiser holte tief Atem.

»Mein lieber Mark, wir befolgten deinen eigenen Vorschlag. Wir haben sie in Zimmer Nr. 6 gesperrt. Aber seit vielen Jahren ist der Raum nicht mehr gebraucht worden.«

Mark nickte.

»Wir haben sie in Nr. 6 gesteckt, weil sie da soviel schreien konnten, wie sie wollten, ohne daß sie jemand hörte. Das war doch eine glänzende Idee von mir, was? Ist die Zelle jetzt frei?«

»Ja, Mark ... aber du willst doch nicht... Das ist doch der erste Raum, den sie nach ihr durchsuchen würden ...«

»Das glaube ich nicht. Wenn Bradley morgen früh ein Telegramm bekommt, in dem sich Ann von ihm verabschiedet, wird er uns vorläufig nicht belästigen. Ich werde dafür sorgen, daß ihre Koffer aus der Wohnung verschwinden.«

Tiser schwankte in seinem Stuhl hin und her und rang die Hände.

»Tu das nicht – das darfst du nicht tun. Dieses arme junge Mädchen ...«

»Du scheinst überhaupt nicht mehr an dich selbst zu denken«, sagte Mark barsch. »Hast du dir schon einmal vorgestellt, wie die letzten vierundzwanzig Stunden in der Zelle eines zum Tode Verurteilten aussehen? Wenn sie den Aussagen des alten Li Glauben schenken und sie voll bewerten, dann kommen wir beide an den Galgen, du und ich, Tiser. Sie könnten uns aber nur einmal henken, selbst wenn wir alle Menschen im Lande umbrächten.«

»Du willst sie doch nicht ermorden?« schrie Tiser. »Mark, das lasse ich nicht zu ...«

McGill schloß ihm mit seiner großen Hand den Mund und drückte ihn wieder in seinen Stuhl.

»Bleib ruhig sitzen, oder ich nehme Mr. Steen eine Arbeit ab«, zischte er. »Warum fürchtest du dich denn so, du Feigling?«

Es dauerte lange, bis Tiser wieder sprechen konnte. Es klopfte an die Tür. Mark riß sie auf und sah Ann vor sich.

»Wie sind Sie denn ins Haus gekommen?« fragte er schnell.

»Die Tür stand offen.«

Mark eilte an ihr vorbei. Der Portier war gegangen. Er wußte ja, daß man ihn entlassen wollte, und hatte deshalb seine Stellung selbst aufgegeben. Allerhand für ihn wertvolle Sachen hatte er mitgenommen. Mark warf die Haustür krachend zu und kam in das Zimmer zurück.

»Wo ist Mr. Bradley?« fragte Ann.

»Er ist eben hinausgegangen, in einer Minute wird er zurück sein. Er muß die Tür offengelassen haben. Setzen Sie sich, Ann. Das ist doch ein Märchen, daß Sie Koks nach London mitgebracht haben?«

Eine Weile saß sie mit gesenkten Blicken da, aber plötzlich schaute sie ihm voll ins Gesicht.

»Nein – ich habe Kokain zurückgebracht. Ich wollte Gewißheit haben. Sie haben mich die ganze Zeit angelogen, Mark. Es war immer Kokain, was ich zu Ihren Leuten brachte. Mr. Bradley hatte vollkommen recht.«

»So? Sehen Sie einmal an!« spottete er. »Hat dieser Musterbeamte immer recht? Sie haben mich in eine sehr schlimme Situation gebracht, Ann. Jetzt müssen Sie sehen, daß ich wieder herauskomme. Bradley hat einen Vorrat von dem Stoff hier gefunden und möchte, daß Sie die Ware mit Ihrer Probe identifizieren.«

Sie sah ihn groß an.

»Wie kann ich das tun? Ich habe Kokain so selten gesehen.«

Sie nahm keine Notiz von Tiser, der zusammengekauert in seinem Stuhl saß. Sein Gesicht sah aschfahl aus, und seine großen, langen Finger waren ineinander verkrampft.

»Wenn Sie die Ware sehen wollen, so können Sie das jetzt tun«, sagte Mark. »Es sind ungefähr fünfzig kleine Packungen.«

Er öffnete die Tür und winkte ihr, ihm zu folgen. Ohne zu zögern, stieg sie hinter ihm die Treppe hinauf. Oben auf dem Absatz stieß er eine schwere, eichene Tür auf. Es war dunkel in dem Raum, aber er drehte außen einen Schalter an. An der Decke flammte ein Licht auf und beleuchtete einen spärlich möblierten Raum. In einer Ecke standen ein unsauberes Bett, ein zerbrochener Wasserkrug und ein Stuhl.

»Hier liegt das Zeug«, sagte Mark und zeigte hinter die Tür.

Unvorsichtigerweise ging sie hinein.

Im Nu schlug er die Tür zu. Eine Sekunde lang starrte Ann ihn verständnislos an, dann eilte sie an ihm vorbei. Aber Mark packte sie und hielt sie fest.

»Es ist vollkommen nutzlos, wenn Sie schreien. Dieser Raum ist schallsicher abgedämpft, damit die guten Leute von Hammersmith nicht gestört werden. Wir hatten schon mehrere Fälle von Delirium tremens hier – die Kerle wurden alle in dieses Zimmer gebracht –, es ist eine Art Tobzelle.«

Sie sah jetzt, daß die Wände mit Stoff bespannt und gepolstert waren. Es befand sich kein Fenster in dem Raum, an der Decke war nur ein kleiner Ventilator angebracht. Als sie die Gefahr erkannte, wurde sie bleich.

»Ihre Freunde von der Polizei werden sich anstrengen müssen, Sie zu finden«, sagte er spöttisch. »Sie haben sich recht nichtsnutzig benommen, Ann.«

»Lassen Sie mich bitte sofort hinaus.«

»Nein, Sie werden ein oder zwei Tage hierbleiben – bis ich glücklich außer Landes bin. Wenn Sie aber aufsässig werden oder uns Unannehmlichkeiten machen, haben Sie am längsten gelebt und werden von dieser Welt verschwunden sein, bevor ich Southampton erreicht habe.«

Ann Perryman war nicht leicht zu erschrecken, aber nun schauderte sie doch. Sie wußte, daß sich Bradley nicht in dem Haus befand und daß er auch nicht hier gewesen war. Die ganze Geschichte war erfunden.

»Warum lassen Sie mich denn nicht nach Paris gehen?« Obwohl sie sich zusammennahm, zitterte ihre Stimme. »Dann wäre ich doch aus dem Weg, Mark, und Sie brauchten keine Furcht zu haben, daß ich Mr. Bradley sehen könnte.«

»In ein paar Tagen können Sie nach Paris gehen. In der Zwischenzeit müssen Sie aber hier bleiben und dankbar sein, daß Sie heute abend einschlafen und morgen wieder gesund erwachen.«

Er wandte ihr einen Augenblick den Rücken zu und öffnete die Tür. Bevor er wußte, was vorging, hatte sie ihn am Arm gepackt und nach hinten gerissen, so daß er das Gleichgewicht verlor. Sie stieß die Tür auf und lief hinaus. Aber ehe sie die erste Stufe erreichen konnte, packte sie ein starker Arm.

»Was geht hier vor?«

Mark bot sich ein sonderbarer Anblick, als er sich umsah. Die schwache Treppenlampe beleuchtete Sedeman, der nur eine Hose und ein schmutziges Hemd trug. Sein großer, weißer Bart wurde von der Zugluft, die durch ein offenes Fenster kam, nach der Seite geweht. Er sah unheimlich aus; in den Händen hielt er einen schweren Stock aus Eschenholz.

»Was soll das heißen, Mark?«

McGill sah ihn wütend an und wollte Ann näher zur Tür ziehen. Aber mit einer Gewandtheit, die für seine Jahre erstaunlich war, sprang der Alte vorwärts und versperrte ihm den Weg.

»Lassen Sie diese junge Dame sofort los, oder ich schlage Ihnen den Schädel ein!«

Mark hatte schon früher eine Probe von Sedemans ungewöhnlicher Stärke erfahren und gab Ann frei. Sie stand gegen die Wand gelehnt, atemlos vor Aufregung und halb ohnmächtig.

»Nehmen Sie sofort die Hand von Ihrer Tasche – wollen Sie wohl?« brüllte Sedeman.

Aber Mark hatte seinen Browning schon gezogen und hielt seinen Gegner damit in Schach.

»Gehen Sie mir aus dem Weg!«

Ein breites Grinsen zeigte sich auf dem Gesicht des alten Mannes.

»Sie benehmen sich wie der Held einer Indianergeschichte, mein lieber Mark! Ich werde Ihnen nicht aus dem Weg gehen, und Sie werden nicht schießen. Warum? Weil auf der Straße unten, keine hundert Meter von hier entfernt, ein Polizist steht, der den Schuß hören könnte. Stecken Sie Ihr Schießeisen wieder ein.«

Er hatte ganz ruhig gesprochen; aber ehe Mark sich versah, fühlte er einen Schlag, der ihm fast das Handgelenk brach. Der Browning fiel klirrend auf die Treppe.

»Nun, Miss Perryman, wollen Sie gehen, oder wollen Sie noch einen Augenblick hierbleiben?«

»Ich werde gehen«, erwiderte Ann leise. »So dürfen Sie aber nicht auf die Straße«, sagte Mark, der sich mit erstaunlicher Schnelligkeit wieder gefaßt hatte. »Kommen Sie herunter und setzen Sie sich ein wenig in Tisers Zimmer. Ich verspreche Ihnen, daß Sie nichts mehr zu fürchten haben. Sedeman kann mitkommen – ich vermute, daß er etwas trinken will. Es tut mir furchtbar leid, Ann – ich bin ganz verzweifelt, das wissen Sie. Ich hätte das nicht getan, wenn ich nicht so bedrängt wäre und das Schlimmste fürchten müßte. Ich hätte Ihnen nichts getan – das schwöre ich Ihnen.«

Die Beine zitterten ihr, als sie die Treppe hinunterging. Sie folgte dem alten Sedeman nach unten. Tiser saß noch immer auf seinem Stuhl und rang die Hände.

Sedeman dagegen war in einer fast übermütigen Stimmung.

»Die Betten hier in der Herberge sind ganz vorzüglich, mein Junge«, sägte er zu ihm, als er sich ein Glas Whisky einschenkte. »Versuchen Sie einmal ein wenig hiervon«, wandte er sich an Ann. Aber sie wollte nichts nehmen.

»Es war doch ein Glück, daß ich hier war – ein wahrer Segen! Der gute Mark hatte ganz den Verstand verloren und handelte gegen seine bessere Natur – wirklich schauderhaft, ganz schauderhaft!« Er schüttelte traurig den Kopf, aber Ann sah, daß er den schweren Eschenstock immer noch fest umspannt hielt.

Mark erkannte, daß er keine Gelegenheit mehr hatte, allein mit Ann zu sprechen. Was er sagen wollte, mußte er in Gegenwart des alten Sedeman sagen.

»Können Sie mir verzeihen, Ann?«

»Ja, ich glaube«, sagte sie mit schwacher Stimme. Sie fühlte sich plötzlich matt und müde; aller Lebensmut war von ihr gewichen. Sie war nicht einmal imstande, Haß oder Furcht zu empfinden. »Ich will jetzt nach Hause gehen.«

»Also, dann wollen wir aufbrechen«, meinte Sedeman freundlich. »Ich werde Sie bis zum Ende der Straße bringen, dort stehen viele Taxis.«

Er erhob sich und stieß den unterwürfig kriechenden Tiser beiseite, der sie bis zur Hauptstraße begleiten wollte. Mit bloßen Füßen stand er auf dem kalten Pflaster, bis sie verschwunden war. Dann kehrte er zu Mark zurück, der dumpf brütend am Tisch saß. »Ich habe Sie vor einer großen Dummheit und vor vielen Unannehmlichkeiten bewahrt, mein lieber Freund«, sagte er vergnügt. »Glauben Sie nicht, daß ich recht habe? Bradley hat eine Verabredung mit mir um elf Uhr – und zwar hier!«

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