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Überfallkommando

Edgar Wallace: Überfallkommando - Kapitel 19
Quellenangabe
pfad/wallacee/ueberfal/ueberfal.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleÜberfallkommando
publisherGoldmann Verlag
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
printrun17. Auflage
isbn3442000750
year1982
created20111027
projectid915718f9
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Kapitel 18

Am nächsten Morgen klingelte Anns Telefon.

»Kommen Sie doch bitte zu mir herüber.« Mark war am Apparat.

Sie legte den Hörer auf und kleidete sich erst in Ruhe an. Die Morgenpost hatte ihr einen Brief aus Paris gebracht, in dem ihr mitgeteilt wurde, daß sie ihre alte Stellung wieder einnehmen könne. Ihre Freude darüber war jedoch nicht ganz ungeteilt. Dies sollte also das Ende ihres großen Werkes für Ronnie sein! Sie kehrte zu den traurigen Schulräumen zurück! Ein seltsamer Schmerz quälte sie, aber es war ein anderes Gefühl als jenes, das sie über Ronnies Tod empfunden hatte.

Es war ihr nun gleichgültig, ob Mark McGill mit ihr zufrieden war oder nicht. Sie war Herr ihrer selbst wie noch nie, als sie bei ihm eintrat.

»Sie haben sich Zeit gelassen, meine Liebe«, sagte er etwas unfreundlich. »Nach den Morgenzeitungen zu urteilen, scheint es Bradley gestern abend nicht gutgegangen zu sein. Im Hydepark hat jemand auf ihn geschossen. Aber das überrascht Sie wohl gar nicht?« fügte er scharf hinzu.

Ann lächelte.

»Ich habe die Zeitungen auch gelesen.«

Mark rieb sich sein eckiges, unrasiertes Kinn.

»Bradley denkt natürlich, daß ich dahinterstecke. Das ist bei ihm schon zur fixen Idee geworden.«

»Hat man denn die Leute gefaßt, die geschossen haben?« fragte sie.

Mark lächelte niederträchtig.

»Ich glaube überhaupt nicht, daß die Geschichte wahr ist. Bradley sieht sich gern in der Zeitung, das ist seine Schwäche – wenigstens eine. Seine Zuneigung zu Ihnen ist eine andere.«

Sie hörte diese herausfordernden Worte an, ohne mit der Wimper zu zucken.

»Haben Sie ihn kürzlich gesehen?«

»Ja, gestern – spät in der Nacht.«

Sie wußte, daß ihm das bekannt war. Wahrscheinlich hatte ihm der Portier davon erzählt.

»Was wollte er denn? Fürchtete er nicht, daß Sie seinen späten Besuch abweisen würden?«

»Warum sollte er denn das fürchten?«

Mark zuckte die Achseln.

»Sie haben mir nicht freiwillig gesagt, daß Sie ihn gesehen haben. Sie haben mir erzählt, Sie hätten es in der Zeitung gelesen. Ann, Sie werden sich doch nicht gegen Ihren alten Freund wenden?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Wenn Sie damit meinen, daß ich Sie anzeigen und verraten würde – nein. Konnte ich mehr tun, als jene Geschichte vor dem Polizeigericht erzählen? Er weiß, daß ich – Sacharin schmuggle.«

Er sah sie forschend an.

»Warum machten Sie eben eine Pause vor Sacharin? Sie glauben doch nicht etwa jetzt an das Märchen von Kokain?«

Sie antwortete ihm nicht.

Mark lachte und klopfte ihr freundlich auf den Arm.

»Wie skeptisch Sie geworden sind, Ann! Sie denken wohl, ich bin Ihnen böse wegen Ihrer Freundschaft mit Bradley?«

»Man kann es kaum eine Freundschaft nennen.«

»Was es auch immer sein mag«, sagte er achselzuckend, »ich kümmere mich nicht darum. Wenn Sie ihn nur davon überzeugen können, daß ich mein Geschäft für immer aufgegeben habe – ich meine den Schmuggel mit Sacharin, oder was es sonst sein mag und daß ich nicht dieser Verbrecherkönig bin, von dem man immer in den Kriminalromanen liest. Sie würden mir einen großen Gefallen tun, wenn Ihnen das gelänge, Ann. Das Geschäft ist mir jetzt so über, ich habe genug Geld, um davon leben zu können, und ich will mein Geschäft für immer liquidieren. Es würde eine gute Belohnung für Sie dabei abfallen.«

»Ich brauche keine Belohnung«, erwiderte sie ruhig. »Ich gehe nach Paris zurück.«

»An Ihre alte Schule?« Er war sichtlich überrascht.

Sie nickte.

Mark atmete erleichtert auf.

»Nun, das ist vielleicht ganz klug von Ihnen. Wir wollen später einmal über die Geldfrage sprechen.«

»Hat Mr. Tiser seinen Brief bekommen?«

Ihre plötzliche Frage brachte ihn in Verwirrung.

»Ich – ich glaube, ja. Aber warum fragen Sie?«

Er versuchte, ihren Blick auszuhalten, aber es gelang ihm nicht.

»Ich habe ihn heute morgen in der Herberge angerufen, und es wurde mir gesagt, daß er gestern mittag nach Bristol gefahren sei. Da haben Sie gestern abend im Hydepark lange warten müssen.«

Seine Züge verfinsterten sich.

»Ich verstehe nicht ganz ...«

»Ich meine im Park, gegenüber von Queen's Gate, um elf Uhr abends«, sagte sie langsam. »Dort wollten Sie doch Mr. Tiser treffen, nicht wahr?«

Er schwieg.

»Und an derselben Stelle und zur selben Zeit wurde Mr. Bradley überfallen. Man könnte fast annehmen, daß er durch irgendein Mißverständnis den Brief erhielt, den ich geschrieben habe, und dorthin ging, um mich zu treffen.«

Mark zwang sich zu einem Lächeln.

»Dann wäre er wohl sehr enttäuscht gewesen?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Sie waren dort?« fragte er ungläubig.

»Ja. Was wäre geschehen, wenn er getötet worden wäre und man meinen Brief in seiner Tasche gefunden hätte?«

Mark lachte laut auf, aber es klang gequält. Er pflegte immer so zu lachen, wenn er Zeit gewinnen wollte, um nachzudenken.

»Was für verrückte Ideen haben Sie denn im Kopf? Tiser hat Ihren Brief bekommen. Er rief mich gestern abend noch an und sagte mir, daß er nicht kommen könne.«

»Hat er von Bristol aus angerufen?«

»Nein! Sie bilden sich doch nicht ein, daß Tiser seinen Leuten im Heim immer genau sagt, was er tut? Er hat London gar nicht verlassen. Ich habe ihn gestern beim Abendessen ein paar Minuten gesehen.« Er betrachtete Ann nachdenklich. Seine kalten Blicke hatten etwas Unheimliches.

»Sie sind also hingegangen und haben Mr. Bradley gewarnt? Das sieht allerdings verflucht nach Verrat aus, meine Liebe! Sind Sie denn so heillos in ihn verschossen?«

Er sprach mehr ironisch als vorwurfsvoll, und die Sache schien ihn in gewisser Weise zu belustigen. Mark besaß die besondere Gabe, sich von den Dingen loslösen zu können. Er konnte sich gewissermaßen von sich selbst trennen und leidenschaftslos die übrige Welt und sich selbst betrachten.

»Sie wollen mir keine Antwort geben? Aber täuschen Sie sich nicht, Ann! Dieser Mensch spielt nur mit Ihnen. Er würde sich ebenso mit einem Dienstmädchen einlassen, um etwas über ihren Liebsten zu erfahren. Trauen Sie ihm nicht. Erinnern Sie sich daran, was Sie von ihm vor dem Polizeigericht gesagt haben? Er lebt von ruinierten Existenzen und gebrochenen Herzen! Ich möchte nicht erleben, daß Sie eines Tages auch noch zu seinen Opfern gehören das wäre zu schade!« Plötzlich änderte er das Thema.

»Sie haben doch auf Ihren Spaziergängen nichts von Li Yoseph gesehen? War er zufällig im Hydepark?«

»Ich habe ihn nicht mehr gesehen, seit er hier in der Wohnung war.«

»Auch niemand anders hat ihn entdeckt. Der Alte ist längst tot. Von seinem Violinspiel habe ich nichts mehr gehört.«

Als sie gehen wollte, rief er sie noch einmal zurück.

»Sie haben doch Ronnie noch nicht vergessen, Ann? Es kommt nicht darauf an, was ich bin oder was ich getan habe, ob ich mit Rauschgiften oder mit Saicharin handle – das ändert nichts an der Tatsache, daß Bradley Ihren Bruder ermordet hat.«

»Nun sagen Sie mir einmal die Wahrheit: Womit haben Sie Handel getrieben?«

Er lächelte geheimnisvoll.

»Mit Sacharin«, sagte er dann ruhig. »Aber würde das den geringsten Unterschied machen, soweit es Ronnies Tod angeht?«

Es machte sehr viel aus, das war ihr vorher noch nie klargeworden. Wenn Bradley Leute im Schmuggeln unschuldiger Gebrauchsmittel hinderte, mußte man das anders beurteilen, als wenn er den gemeinen Handel mit Rauschgift bekämpfte.

»Ich weiß es nicht.« Es fiel ihr schwer zu sprechen und sie erschrak fast vor dem Urteil, das sie gab. »Wenn ich ein Polizeibeamter wäre und die Leute kennen würde, die dieses schreckliche Zeug unter die Menschen bringen, würde ich mich wahrscheinlich keinen Augenblick besinnen, diese Leute – zu töten. Es ist schrecklich, das zu sagen, Mark, aber so fühle ich.«

Mark sah sie erstaunt an.

»Würden Sie das auch sagen, wenn es sich um Ronnie handelte?«

»Von jedem Menschen – ohne Ausnahme«, erwiderte sie ruhig.

Er lachte wieder.

»Sie sollten sich eigentlich mit Tiser zusammentun und bei einer seiner Versammlungen unter freiem Himmel eine Rede halten. Ann, Sie sind einfach prachtvoll! Ich hätte mir nicht im Traum einfallen lassen, daß Sie jemals einen solchen moralischen Standpunkt einnehmen würden! Herein!«

Die Tür öffnete sich, und der Diener überreichte Mark ein Telegramm. Er riß es auf, während er zu ihr sprach.

»Würden Sie sehr erstaunt sein, wenn Sie hörten, daß Ronnie dieselben Gewissensbisse hatte? Aber bei ihm dauerten sie wenigstens nicht sehr lange – er war zu geldgierig. Er schuldete mir fast tausend Pfund, als er starb. Ich habe Ihnen das noch nie gesagt, es ist auch unwesentlich; er hat überall viel Geld geborgt.«

Mark schaute auf das Telegramm und runzelte die Stirn.

»Das ist allerdings unangenehm«, sagte er.

Ann unterdrückte ihre Empörung; es hatte keinen Zweck, sich mit Mark zu streiten.

Er zeigte mit den Fingern auf das Formular.

»Vor einem Monat wäre das noch eine gute Nachricht für mich gewesen, aber da Sie nun keinen Führerschein mehr haben, so argwöhnisch geworden sind und mit der Fliegenden Kolonne auf so gutem Fuß stehen, bedeutet das eine große Gefahr für mich.«

Sein Ton klang gleichgültig, aber sie sah, daß er bestürzt war.

»Ist wieder – Sacharin angekommen?« fragte sie mit einem schwachen Lächeln.

Er nickte und reichte ihr das Telegramm. Es kam aus Birmingham und lautete:

›L.75.K.K. gesichtet.‹

Eine Unterschrift fehlte. Sie konnte die Bedeutung dieser Nachricht nur vermuten.

Mark grübelte finster vor sich hin. »Ich habe den dummen Kerlen doch gesagt, daß sie nichts mehr schicken sollen. Das muß die Sendung von Luteur aus Brüssel sein.«

Er schaute sie an und lachte grimmig.

»Wenn ich Sie darum bitten würde, die Sendung abzuholen, würden Sie vermutlich sofort Bradley benachrichtigen und mich hinter Schloß und Riegel bringen?«

»Ist es denn Sacharin?«

»Ich schwöre es Ihnen.«

Er sprach so ernst, daß sie sich täuschen ließ. Einen Augenblick zögerte sie allerdings noch.

»Ich kann es doch aber nicht holen – selbst wenn ich wollte.«

»Sie sollen die Ware keineswegs hierherbringen. Aber es ist unter allen Umständen notwendig, daß jemand das Paket sucht und es in das nächste Wasser wirft. Wenn das Flugzeug gesehen wurde, wird das ganze Gelände abgesucht. Und haben sie erst das Paket gefunden, dann werden sie auch den Flugzeugführer feststellen – und sie haben mich.«

»Wo ist es denn abgeworfen worden?«

»L. bedeutet Ashdown Forest, soviel ich weiß.«

Er ging zu seinem Schreibtisch und nahm ein flaches Paket heraus, das wie eine Schreibunterlage aussah. Obenauf war auch wirklich Löschpapier befestigt, aber darunter befand sich eine Tasche, aus der er ein Dutzend dünner Pauspapierbogen nahm. Sie waren mit einer Quadratur überzogen, deren einzelne Felder mit Buchstaben und Nummern bezeichnet waren. Aus einem Bücherregal holte er einen großen Atlas, der aufgeschlagen fast die ganze Schreibtischplatte bedeckte. Er blätterte die einzelnen Karten um, bis er die richtige gefunden hatte.

»Ja, es ist Ashdown Forest.«

Sorgfältig legte er zwei Pauspapierbogen über die Karte.

»Sehen Sie, hier ist die Stelle, wo das Paket abgeworfen worden ist.« Er zeigte auf ein Quadrat. »Natürlich kann der Flugzeugführer nur ungefähre Angaben machen, wenn er nicht sehr niedrig geflogen ist. Jedenfalls finden wir die Sendung in einem Umkreis von etwa fünfzig Metern. Die Stelle liegt nicht weit von der Straße entfernt und muß leicht zu finden sein – sie liegt auf der Südseite eines Teiches. Die Piloten nehmen gern ein offenes Gewässer als Richtungsanzeiger an.« Er deutete auf einen kleinen Kreis.

»Der Teich kommt uns gerade gelegen, dort kann die Ware gleich verschwinden. Was sagen Sie dazu, Ann?«

Sie antwortete nicht gleich.

Mark McGill konnte allerdings ahnen, welche Gedanken sie bewegten. Er hatte den Eindruck, daß sie sich fürchtete, und konnte nicht glauben, daß sie überlegte, ob sie ihn Bradley ausliefern sollte. Soweit er Ann kannte, war das unmöglich.

Aber Ann dachte an etwas ganz anderes. Hier hatte sie einmal die Möglichkeit, ihre Zweifel ein für allemal zu beseitigen. Seitdem sie Mark nicht mehr vertraute, hatte sich noch keine Gelegenheit geboten, seine Behauptungen nachzuprüfen.

»Aber wie soll ich das machen? Wenn ich selbst fahre, wird man mich erkennen und wahrscheinlich verhaften.«

Mark war überrascht über ihre Bereitwilligkeit, den Auftrag auszuführen.

»Das läßt sich schon einrichten«, sagte er. »Ich werde an eine Mietautofirma telefonieren, daß man Sie irgendwo abholt. Sie können ja Miss Smith, Jones oder Robinson sein. Sagen Sie dem Fahrer nur, daß er Sie nach Ashdown Forest bringen soll. Dann steigen Sie aus, um einen kleinen Spaziergang zu machen – oder, noch besser, geben Sie an, daß er Sie nach einer Stunde wieder abholen soll. Sie brauchen das Paket ja nicht zurückzubringen, also ist auch keine Gefahr damit verbunden.«

Sie nickte.

Ann ging in ihre Wohnung und zog sich für die Fahrt um. Als sie zu Mark zurückkam, hatte er den Wagen bereits bestellt. In einer halben Stunde sollte er am Landbroke Grove, an dem Ende nach Kensington zu, auf sie warten.

»Sie können ja in einem Taxi dorthin fahren. Geben Sie dem Fahrer ein gutes Trinkgeld, bevor Sie abfahren, und sagen Sie ihm, er soll Sie nach East Grinstead bringen.« Er sah sie nachdenklich an. »Ich brauche Sie wohl nicht darum zu bitten, diese kleine Fahrt als eine Geheimmission zu betrachten, denn ich vertraue Ihnen, Ann. Ich weiß, daß Sie mich nicht absichtlich in Gefahr bringen werden, wie Sie auch immer zu Bradley stehen mögen.«

»Es ist bestimmt Sacharin?«

»Ich schwöre es Ihnen – ich gebe Ihnen mein Ehrenwort.«

Sie hatte das Gefühl, daß Bradley das Haus beobachten ließ, aber als sie zur Bond Street ging, konnte sie keinen Detektiv entdecken, der ihr folgte. Hier nahm sie ein Auto und war zehn Minuten später schon an dem bezeichneten Treffpunkt. Aber der bestellte Wagen ließ noch weitere zehn Minuten auf sich warten. Es war eine große, schöne Limousine. Nachdem sie den Mann bezahlt und ihm die nötigen Instruktionen gegeben hatte, machte sie es sich in dem geräumigen Wagen bequem.

Als sie aus Grinstead hinauskamen, betrachtete sie die Kartenskizze, die ihr Mark mitgegeben hatte und die selbst ein Kind hätte verstehen können. Sie konnte danach dem Fahrer alle nötigen Angaben machen und erreichte ohne Zwischenfall die Stelle, wo sie mit ihren Nachforschungen beginnen wollte.

»Kommen Sie in einer halben Stunde zurück und holen Sie mich hier wieder ab. Meine Freundin hat hier kürzlich etwas verloren, und ich möchte es suchen.«

»Kann ich Ihnen nicht dabei behilflich sein?« fragte der Chauffeur diensteifrig und erhob sich schon halb von seinem Sitz.

»Nein, nein«, erwiderte sie hastig. »Ich möchte lieber allein danach suchen.«

Er zögerte, sie in dieser verlassenen Gegend allein zu lassen. Schließlich einigten sie sich, daß er in einer Entfernung von fünfhundert Metern auf sie warten sollte.

Zunächst ging sie zu dem Teich. Sie war vorher daran vorbeigefahren, ging nun zurück und suchte das Ufer ab. Sie bog jeden Busch mit ihrem Spazierstock auseinander, den sie mitgenommen hatte. Eine halbe Stunde verging, ohne daß sie etwas entdeckte, und sie fürchtete, daß der Fahrer zurückkehren würde, um ihr zu helfen. Vielleicht hatte die Polizei den Platz auch schon abgesucht und das Paket gefunden. Plötzlich kam ihr der Gedanke, daß sie vielleicht selbst beobachtet und mit dem Paket in Verbindung gebracht würde, und sie erschrak.

Sie wollte ihre Nachforschungen gerade einstellen, als sie einen abgebrochenen Zweig bemerkte. Er mußte erst vor kurzem von einem kleinen Baum abgeschlagen worden sein. Sie suchte das Unterholz sorgfältig ab. Dann fand sie das Paket. Die braune Papierhülle war durchnäßt, und der Bindfaden war an einer Stelle gerissen. Schnell entfernte sie mit einem Taschenmesser die Verpackung und fand innen einen viereckigen Zinnkasten, dessen Deckel verklebt war. Sie riß die Klebstreifen ab, hob den Deckel auf und nahm eine große Anzahl der ihr bekannten, kleinen Päckchen heraus.

Sie öffnete eins und sah das weiße, kristallinische Pulver. Rasch schüttete sie einen Teelöffel davon in eine kleine Büchse, die sie zu diesem Zweck mitgebracht hatte. Die anderen Päckchen tat sie wieder zurück, ging an das Ufer des Teiches und warf den Kasten, so weit sie konnte, ins Wasser. Er schwamm noch auf der Oberfläche, als sie die Stimme des Fahrers hörte. Glücklicherweise konnte er sie nicht sehen. Sie eilte auf die Straße zurück.

»Ich war schon sehr in Sorge um Sie, Miss. Gerade habe ich einen alten Landstreicher gesehen, der Sie beobachtete.«

»Wo ist er denn?« fragte sie schnell.

Sie sah sich um, aber sie konnte kein menschliches Wesen in der Nähe entdecken. Ihr Herz schlug rascher, als sie zum Wagen zurückkehrte. Die kleine Büchse mit dem »Sacharin« hielt sie krampfhaft in der Hand.

»Haben Sie gefunden, was Sie suchten?«

»Ja«, erwiderte sie atemlos.

Bevor sie in den Wagen stieg, hörte sie einen Ausruf des Fahrers und schaute zurück. Es mochte ein Landstreicher oder ein Arbeiter sein, den sie langsam fortschlendern sah.

»Ich habe den Autofahrer nicht gesehen – haben Sie ihn bemerkt?«

»Autofahrer?«

»Ich hörte einen Wagen, aber ich konnte ihn nicht sehen. Es muß ein Ford gewesen sein.«

Schnell überschaute sie die Straße, aber sie konnte nichts entdecken. Der Landstreicher war bereits verschwunden.

»Fahren wir nach Hause«, sagte sie. »Bringen Sie mich an den Cavendish Square.«

Während der Fahrt sah sie sich häufig um und erwartete, daß der geheimnisvolle Wagen hinter ihr herfahren würde, aber dies war nicht der Fall.

Als Ann wieder zu Hause war, verbarg sie zunächst die kleine Büchse. Dann ging sie zu Mark hinüber. Er lag ausgestreckt auf einer Couch und las in einem Magazin, stand aber schnell auf, als er sie sah.

»Haben Sie es gefunden?«

Sie nickte.

»Und in den Teich geworfen? Großartig!«

Er trug einen alten Sportanzug aus Homespun. Das war ungewöhnlich, denn Mark kleidete sich gewöhnlich sehr elegant, aber nicht auffällig.

»Sie kommen auf dem längsten Weg zurück«, sagte er dann kühl und nahm seine bequeme Stellung wieder ein. »Es hat verflucht lange gedauert, bis Sie das Paket fanden. Ich fürchtete schon, Sie würden es überhaupt nicht sehen.«

»Woher wissen Sie denn das?« fragte sie erstaunt.

»Ich habe Sie beobachtet. Ich habe zwar nicht direkt gesehen, wie Sie es fanden, aber ich wußte, daß Sie es hatten.«

»Sie sind mir also gefolgt?« fragte sie halb entrüstet und halb belustigt.

»Selbstverständlich«, erwiderte er ruhig. »Ich kann kein Risiko auf mich nehmen.«

»Warum haben Sie dann nicht selbst nach dem Paket gesucht?«

»Ich wiederhole, daß ich kein Risiko auf mich nehmen kann. Es wäre eine große Gefahr für mich gewesen, wenn man mich im Besitz des Paketes gefunden hätte.«

»Sie haben also das Risiko lieber auf mich abgewälzt?«

»Für Sie war das kein Risiko«, sagte er leichthin. »Sie haben einen Schutzengel in Scotland Yard – aber für mich ist er ein unerbittlicher Racheengel.« Er schaute sie lächelnd an. »Also, ich danke Ihnen, Ann. Bradleys Detektiv hat Sie merkwürdigerweise zwischen Bond Street und Bayswater aus den Augen verloren. Ich sah ihn, wie er in seinem Zweisitzer an der Ecke wartete und ganz verzweifelt dreinschaute. Auf dem Rückweg hat er Sie wieder aufgefunden. Er wird nun zu der Garage gegangen sein, um weitere Nachforschungen anzustellen.«

Sie war bestürzt.

»Haben Sie ihn denn gesehen?«

»Ja, mir sind all diese Leute dem Aussehen nach bekannt. Sie sind gerade nicht besonders schön, aber es ist nützlich, sie zu kennen. Bradley wird in ein paar Minuten bei Ihnen anrufen und Sie fragen, wo Sie gewesen sind. Aber er wird sehr liebenswürdig zu Ihnen sein, weil er Sie gern hat.«

Sie war kaum zehn Minuten in ihrer Wohnung, als das Telefon läutete. Es war tatsächlich Bradley.

»Waren Sie heute nachmittag fort?«

»Ja.« Etwas gekränkt fügte sie hinzu: »Ich fürchte, Ihr Detektiv hat meine Spur verloren.«

»Sie haben ihn doch nicht etwa gesehen?«

»O doch«, log sie. »Sie brauchen mich nicht erst zu fragen, wo ich war – ich bin nach Ashdown Forest gefahren.«

Wieder folgte ein Schweigen auf der anderen Seite.

»Ich möchte nur eines wissen, Ann: Haben Sie von Ashdown Forest etwas zurückgebracht?«

»Nichts für Mark«, war ihre kurze Antwort.

Diesmal schwieg er so lange, daß sie dachte, sie wären unterbrochen worden. Sie rief ihn beim Namen.

»Ja, ich bin hier. Sie haben das Paket gefunden? Wir haben schon den ganzen Morgen vergeblich danach gesucht. Hoffentlich haben Sie es ins Wasser geworfen.«

Bevor sie ihm darauf antworten konnte, fragte er: »Kann ich Sie heute abend noch sprechen?«

Das war eine unerwartete Bitte.

»Wo?«

»In Ihrer Wohnung. Sind Sie um neun Uhr zu Hause? Es ist Ihnen doch gleichgültig, was McGill darüber denkt? Sie können es ihm ruhig sagen, wenn Sie wollen.«

»Ich erwarte Sie um neun«, sagte sie schnell und legte auf.

Sie machte sich nun daran, den Inhalt der kleinen Büchse zu prüfen, feuchtete den Finger etwas an und brachte eine Kleinigkeit von dem kristallinischen Pulver auf die Zunge. Es schmeckte nicht süß; außerdem war ihre Zunge an den Stellen gefühl- und geschmacklos geworden, wo das Pulver sie berührt hatte. Es war zweifellos Kokain – sie hatte nun den Beweis, den sie brauchte.

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