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Überfallkommando

Edgar Wallace: Überfallkommando - Kapitel 17
Quellenangabe
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typefiction
authorEdgar Wallace
titleÜberfallkommando
publisherGoldmann Verlag
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
printrun17. Auflage
isbn3442000750
year1982
created20111027
projectid915718f9
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Kapitel 16

In der Umgebung von Lady's Stairs verbreitete sich das Gerücht mit Windeseile. Li Yoseph war zurückgekommen!

Jedermann wußte nun, warum die Nachforschungen nach ihm eingestellt worden waren. Wie ähnlich sah es dem alten Li, der Polizei soviel Umstände zu machen und bis zur letzten Minute zu warten, bis er sich wieder zeigte!

Niemand hatte ihn bisher gesehen, aber die etwas unordentliche Mrs. Shiffan, die ihm früher den Haushalt besorgt und allerlei Botengänge für ihn gemacht hatte, war mit ihrem Mann nach Lady's Stairs gekommen und hatte feierlich die Tür geöffnet. Am Abend vorher hatte man ihnen die Schlüssel mit einer schriftlichen Mitteilung zugeschickt, daß sie die Wohnung in Ordnung bringen sollten.

Mr. Shiffan, der häufig im Gefängnis gesessen hatte, wurde plötzlich ein Mann von Bedeutung; aber auch er konnte nach seiner Rückkehr von Lady's Stairs nichts Näheres über Li Yoseph berichten.

Ann Perryman war nicht im mindesten über das Auftauchen Li Yosephs bestürzt, im Gegenteil, sie interessierte sich lebhaft für ihn; aber zu ihrem größten Erstaunen hatte sie beobachtet, welch sonderbare Wirkung das Wiedererscheinen dieses Mannes auf Mark McGill und Tiser ausübte. Mark war in düsterer Stimmung, brütete vor sich hin und sprach kaum. Als sie einmal zu ihm hinüberging, sah sie im Kamin einen Aschenhaufen verbrannten Papiers.

Tiser war ja schon immer aufgeregt gewesen. Er war niemals ganz nüchtern und niemals richtig betrunken; aber seine Äußerungen waren jetzt zusammenhangloser und verwirrter denn je.

Es war eigentlich kein besonderer Grund für Marks schlechte Laune vorhanden, denn die ihm unmittelbar drohende Gefahr war vorübergegangen. Durch einen unverhofften Glückszufall war es ihm gelungen, einen Insassen des Versorgungsheims zu bestimmen, den gefährlichen Transport nach Bristol zu übernehmen. Der Mann fuhr gerade rechtzeitig ab – eine halbe Stunde später kam die Polizei und durchsuchte die Garage bis in den letzten Winkel.

Mark rühmte sich, daß er eiserne Nerven besitze; aber Bradleys Hartnäckigkeit hatte seine Kraft doch bis zu einem gewissen Grad erschüttert, und nach Li Yosephs Rückkehr erkannte er, wie ernst seine Lage geworden war. Er hatte ihn seit jenem Abend, an dem er so plötzlich in seiner Wohnung erschienen war, um gleich wieder zu verschwinden, nicht mehr gesehen. Auch in Lady's Stairs hatte er nur Mr. und Mrs. Shiffan angetroffen, die mit der Reinigung der Wohnung und den Vorbereitungen für den Einzug des alten Mannes beschäftigt waren.

»Gebranntes Kind scheut das Feuer, mein guter Mark«, sagte Tiser mit zitternder Stimme. »Du glaubst doch nicht, daß er dir noch einmal Gelegenheit geben wird, ihn umzulegen!«

»Li Yoseph steckt mit Bradley unter einer Decke«, erwiderte Mark rauh. »Wenn du das nicht glaubst, wirst du noch sehen, was uns bevorsteht. Er hat Bradley alles erzählt!«

»Aber warum läßt Bradley dich nicht wegen versuchten Mordes verhaften?«

»Er will mich wegen Ronnie an den Galgen bringen – das ist doch ganz klar. Außerdem genügt das Zeugnis Li Yosephs nicht, um mich zu überführen. Er wartet, bis er noch einen anderen Verräter findet.«

Sein scharfer Blick durchbohrte Tiser, und ein sonderbarer Ausdruck erschien auf seinem Gesicht.

»Aber du kannst dich beruhigen, sie werden dein Zeugnis nicht annehmen«, sagte er höhnisch. »Den Gedanken kannst du dir aus dem Kopf schlagen.«

»Ich schwöre dir ...«, begann Tiser.

Aber Mark unterbrach ihn sofort.

»Das ist die einzige Genugtuung, die ich habe, daß du nichts gegen mich machen kannst. Wenn schon gehenkt werden soll, so werden wir beide zum Galgen gehen – um Mr. Steen zu treffen.«

Tiser zitterte.

»Ich wünschte nur, du würdest nicht so leichtsinnig reden«, wimmerte er. »Wozu sprichst du immer vom Galgen? – Was sagt eigentlich Ann dazu, daß Li Yoseph wieder da ist?«

Mark schwieg. Ann hatte sich kaum darüber geäußert, aber ihre Haltung sagte ihm genug.

»Du glaubst doch nicht; daß sie – schwach wird?« fragte Tiser ängstlich. Dann dachte er einen Augenblick nach. »Ich hatte schon die Idee ...«

»Das erstemal, daß ich einen eigenen Gedanken von dir höre«, erwiderte Mark unfreundlich. »Du denkst natürlich an Ann – und Bradley?«

Tiser nickte.

»Du nimmst doch nicht etwa an, daß sie in ihn verliebt ist?« brummte Mark.

Zu seinem größten Erstaunen bejahte Tiser.

»Glaubst du wirklich, daß Ann ihn liebt? Und daß er es weiß?« fragte er bestürzt.

Tiser ging zur Tür und schaute hinaus. Als niemand zu sehen war, schlich er auf Zehenspitzen zu Mark zurück, der diese Geheimnistuerei zur Genüge kannte.

»Ist es dir schon einmal aufgegangen, daß Ann eventuell für uns von größtem Wert sein kann?«

McGill wandte sich plötzlich zu Tiser und sah ihn kalt an.

»Natürlich – daran habe ich nie gezweifelt. Vor allem, wenn sie ihren Führerschein wieder hat.«

Tiser zog einen Stuhl an den Tisch heran und setzte sich.

»Wir wollen einmal scharf nachdenken.«

Mit einer Handbewegung forderte er Mark auf, ebenfalls Platz zu nehmen.

Seine Geste war im Augenblick so befehlend, daß Mark ihm verwirrt gehorchte. Erst als er in dem Sessel saß, kam ihm zu Bewußtsein, daß er zum erstenmal in seinem Leben unter Tisers Einfluß gehandelt hatte. Er war bestürzt und ärgerlich über sich selbst.

»Na, was hast du denn für eine große Idee?« fragte er unfreundlich.

Tiser sah an ihm vorbei.

»Bradley leistete fast einen Meineid, um Ann zu retten, aber ein schweres Verbrechen könnte er nicht verheimlichen.«

Mark betrachtete ihn unter halb gesenkten Augenlidern.

»Ich weiß nicht recht, worauf du hinauswillst.«

Tiser lächelte bedrückt und unterwürfig.

»Wir können doch unserem Freund Bradley eine Beschäftigung geben, die ihn vollständig in Anspruch nimmt, so daß er keine Zeit mehr für uns hat. Ich will nicht im geringsten etwas vorschlagen, was Ann schaden oder sie in irgendeine Gefahr bringen könnte, aber nimm einmal an, – ich meine, du sollst es nur einmal annehmen, mein lieber Mark –, gegen Ann Perryman würde eine andere Anklage erhoben werden ... eine sehr ernste, schwere, und er müßte gegen seinen Willen selbst als Zeuge gegen sie auftreten – weil sie im Verdacht steht, einen Mord begangen zu haben.«

Mark erhob sich schnell.

»Was soll denn das heißen?« fragte er rauh. »Ann Perryman hat doch niemand ermordet ...«

Aber im selben Augenblick erkannte er, wie unheimlich rasch Tiser manchmal denken konnte.

»Ann ist eine Last für uns«, fuhr Tiser fort. »Ich glaube, sie war in der letzten Zeit nicht sehr liebenswürdig zu dir – es wird wohl früher oder später zu einem Bruch mit ihr kommen ...«

»Woher willst du das wissen?«

»Ich sehe manche Dinge, die bestimmt kommen werden. Sie kann auch noch recht gefährlich für uns werden. Wäre es da nicht besser, wenn wir ...«, er sprach nicht weiter, machte nur eine vielsagende Geste und zuckte die Schultern.

Mark starrte ihn entsetzt an.

»Du möchtest also Bradley erledigen – und du erwartest, daß ich Ann zu diesem Zweck opfere?«

Tiser nickte.

»Überlege dir einmal«, fuhr er langsam fort, »daß sie wegen einer schweren Sache vor Gericht stand. Sie ist seit der Zeit unter Verdacht. Bradley war damals ihr Hauptankläger, und das brach ihm fast das Herz. Ich glaube nicht, daß er diese Tatsache geheimhalten konnte.«

Mark wandte keinen Blick von Tiser.

»Hast du dir etwa wieder einen so dummen Mordplan zurechtgelegt?« fragte er ironisch. Er dachte schnell nach.

»Ich glaube, daß ich dir eine bessere Lösung vorschlagen kann«, sagte er nach einiger Zeit. »Ich weiß einen viel wichtigeren Todeskandidaten.«

Die beiden trennten sich mit einem vielsagenden Blick.

Mark trat in sein Schlafzimmer und wickelte einen großen Verband um seine rechte Hand. Dann ging er über den Flur und klopfte an Anns Tür. Sie öffnete ihm selbst.

»Was haben Sie denn mit Ihrer Hand gemacht?«

»Ach, es ist nichts Besonderes. Ich war eben in der Garage und habe mir an der Tür die Hand gequetscht. Aber ich bin natürlich sehr behindert. Würden Sie wohl so liebenswürdig sein, einige Briefe für mich zu schreiben? Ich habe ein oder zwei dringende Sachen zu erledigen.«

Sie zögerte einen Augenblick. Ihr natürliches Mitgefühl drängte sie, ihm zu helfen, aber ihr ebenso natürlicher Argwohn hielt sie zurück.

»Ich kann leider nicht Schreibmaschine schreiben.«

»Das macht nichts. Es sind nur zwei kurze Mitteilungen zu schreiben. Ich bin wirklich in großer Verlegenheit.«

»Natürlich werde ich Ihnen helfen, Mark«, sagte sie und folgte ihm in seine Wohnung.

Der erste Brief, den er langsam diktierte, war an einen Mann in Paris gerichtet. Mark bat ihn, seinen Besuch zu verschieben.

Ann legte den nächsten Bogen auf die Schreibunterlage.

»Ich möchte nicht zu Tiser gehen. Telefonieren kann ich auch nicht, weil unser Freund Bradley wahrscheinlich alle meine Gespräche abhören läßt. Also muß ich an ihn schreiben. Überschrift: ›Mein lieber Freund‹ ...«

Ann schrieb:

›Ich habe Ihnen eine sehr wichtige Sache mitzuteilen und möchte Sie heute abend um elf Uhr im Park gegenüber von Queen's Gate sprechen. Kommen Sie, bitte, allein.‹

»Unterschrift brauchen wir nicht, er weiß genau, von wem die Nachricht kommt.«

Sie reichte ihm das Schreiben, und er las es durch, ohne auch nur im geringsten das Gefühl der Genugtuung zu verraten, das er empfand. Bradley würde ihre Handschrift sofort erkennen.

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