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Überfallkommando

Edgar Wallace: Überfallkommando - Kapitel 16
Quellenangabe
pfad/wallacee/ueberfal/ueberfal.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleÜberfallkommando
publisherGoldmann Verlag
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
printrun17. Auflage
isbn3442000750
year1982
created20111027
projectid915718f9
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Kapitel 15

Mark McGill verfügte über noch mächtigere Hilfsmittel als über Tiser und seine Herberge. Der plumpe Überfall auf Bradley war noch die geringste Folge von Marks Feindschaft; gefährlicher war schon ein Unfall, der hervorgerufen winde durch die heimliche Entfernung einer Radschraube an dem Wagen des Polizeiinspektors. Als er mit einer Geschwindigkeit von etwa siebzig Kilometern auf der Great West Road entlangfuhr, löste sich eines der Vorderräder – und nur durch ein Wunder wurde die Besatzung vor schwerem Unheil bewahrt. Es war kein zufälliger Unglücksfall, das zeigte schon eine oberflächliche Prüfung der gelösten Schraube.

Scotland Yard war stark beunruhigt durch das Überhandnehmen von Gewalttätigkeiten im ganzen Land. Ein bewaffneter Einbrecher ist eine seltene Erscheinung in England; gewöhnlich ist er ein ungeschickter Laie. Aber nun tauchten fast überall bewaffnete Verbrecher auf.

Bradley kannte die Verbrecher so gut wie sich selbst. Er kannte sie in all ihrer Häßlichkeit und fand nichts Gutes an ihnen. Er machte sich über den Charakter dieser Leute keine Illusionen mehr, denn seine Erfahrungen hatten ihn gelehrt, was er von ihnen zu halten hatte. Er verachtete sie weder, noch haßte er sie; aber er hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, diese Schädlinge aus der menschlichen Gesellschaft auszumerzen.

Bradley nahm eines Tages an einer Konferenz teil, die im Polizeipräsidium abgehalten wurde.

»McGill hat augenblicklich in seiner Tätigkeit stark nachgelassen – zur Zeit macht er keine Geschäfte. Die Verhandlung gegen Miss Perryman wird ihn wohl abgeschreckt haben«, sagte er.

»Es ist wirklich schade, daß Sie nicht einen seiner Helfershelfer dazu bringen können, ihn zu verraten«, meinte sein Vorgesetzter.

Aber der Polizeiinspektor schüttelte den Kopf.

»Sie haben alle so große Furcht vor ihm, daß sich niemand finden wird, der gegen ihn aussagt. Und selbst dann hat er so viele Vorsichtsmaßregeln getroffen, daß man ihn nicht so leicht überführen kann.«

»Können Sie denn nicht vorwärtskommen, wenn Sie sich mit Miss Perryman gut stellen?« fragte ein anderer höherer Beamter.

Bradley richtete sich steif auf.

»Wie denken Sie sich denn das?« fragte er kühl.

»Nun ja, Sie sind doch ein ganz hübscher Kerl –«

»Wir wollen hier keine Komplimente austauschen, sondern uns an Tatsachen halten«, sagte Bradley kurz. »Ich werde Mark McGill schon fassen, aber ich habe schwerere Anklage gegen ihn zu erheben als den Handel mit Rauschgiften.«

Kurze Zeit nach dieser Konferenz erhielt Mark von seinen Agenten die Nachricht, daß die Polizei die Nachforschungen gegen ihn und seine Organisation eingestellt habe und daß man ihnen jetzt nicht mehr nachspüre. Die Sperren, mit denen man alle größeren Städte umgeben hatte, wurden aufgehoben; Autos konnten wieder frei verkehren, ohne angehalten und durchsucht zu werden. Die zahlreichen Detektive, die alle Eisenbahnstationen bewacht hatten, wurden zurückgezogen und nur einige auf den Posten belassen.

Mark nahm wieder Fühlung mit seinen Lieferanten in Belgien und Frankreich auf. Besonders von Belgien wurde viel Rauschgift nach England geliefert; aber er mußte jetzt neue Methoden und Wege ausfindig machen, um die Zollbeamten zu täuschen. Seitdem Ann der Führerschein entzogen worden war und außerdem eine Kontrolle der Wassergrenzen durch Flugzeuge ausgeübt wurde, schienen die Schwierigkeiten fast unüberwindlich zu werden. Li Yoseph war eine großartige Stütze seiner Organisation gewesen; er wußte alle Mittel und Schleichwege und kannte Hunderte von Seeleuten. Sein Haus lag so günstig, daß bei ihm leicht Schmuggelware gelandet werden konnte. Es gab allerdings unzählige Diebe auf dem Fluß, aber man konnte ihnen in keiner Weise trauen, wenn man nicht einen zuverlässigen Hehler hatte, und ein solcher Mann war schwer zu finden.

Als Mark eines Tages mit Ann zu Mittag aß, machte er ihr einen Vorschlag.

»Es wäre vielleicht ganz gut, wenn ich ein Haus am Fluß kaufen würde«, sagte er leichthin. »Irgendwo zwischen Teddington und Kingston, mit einem hübschen Rasen zum Ufer hin. Wie denken Sie darüber?«

»Das klingt ja sehr verheißungsvoll«, erwiderte sie.

»Das Geschäft ist fast vollständig zum Stillstand gekommen, und ich verliere Geld. Sie können keine Fahrten mehr unternehmen. Ich glaube, das Haus am Fluß ist ein sehr guter Gedanke – aber es muß unterhalb der Schleusen liegen.«

Jetzt schaute sie ihm voll ins Gesicht.

»Versuchen Sie einen weiblichen Li Yoseph zu finden?«

»Ich weiß nicht ...«

»Was erwarten Sie denn von mir ... was soll ich denn in diesem Haus tun – mit einem Rasen, der sich zum Ufer hinzieht? Läge das Haus nicht besser an einer Bucht, die man nicht übersehen kann?«

»Ich weiß nicht, was ich von Ihnen halten soll, Ann. Sie wollen doch nicht behaupten, daß ich ...«

Ann lächelte.

»Ich dachte, Sie brauchen einen Ersatz für Lady's Stairs; einen Ort, wo Ihre Leute unbeobachtet – die Ware abliefern können. Ich muß wirklich sagen, daß ich diesen Plan sehr schätze. Ich fürchte, ich bin ein schlechter Schmuggler.«

»Es handelt sich ja gar nicht um Schmuggel«, sagte er düster. »Sie sind wirklich merkwürdig! Wenn ich irgend etwas für Sie tun will, suchen Sie stets eine böse Nebenabsicht hinter meinem ...«

»Wohlwollen«, ergänzte sie. »Nein, Mark, ich glaube nicht, daß mir das zusagen würde. Ich bin der Polizei zu gut bekannt – ich stand vor Gericht, und ich habe Bradley beleidigt. Sie können sicher sein, daß jeder meiner Schritte überwacht wird. Und ich möchte nicht noch einmal etwas Ähnliches erleben wie damals.«

Er sprach nicht weiter über die Sache, aber er war bitter enttäuscht. Wäre sie auf seinen Plan eingegangen, dann wären all seine Schwierigkeiten auf leichte Weise gelöst gewesen.

In seiner ärgerlichen Stimmung machte er eine boshafte Bemerkung.

»Bradley ist wohl bis über die Ohren in Sie verliebt?«

Zu seiner Genugtuung errötete sie tief, aber dann wurde sie bleich.

»Reden Sie doch nicht so törichtes Zeug«, sagte sie, ohne ihn anzusehen.

»Sie haben das doch vor Gericht selbst gesagt«, fuhr er rücksichtslos fort. »Es ist allerdings merkwürdig, daß ein solcher Mann sich überhaupt verlieben kann! Ich vermute ja, daß er jetzt davon geheilt ist. Immerhin könnte er Sie beschwatzt haben. Diese Menschen gehen sogar mit Schwerverbrecherinnen aus, um wichtige Angaben aus ihnen herauszulocken. Ich glaube, im Grunde seines Herzens haßt er Sie.«

Beinahe hätte sie ihm widersprochen.

»Wollten Sie etwas sagen?«

»Nein«, erwiderte sie kurz. Gleich darauf stand sie auf und verließ das Zimmer.

Sie sah den Tatsachen jetzt mutig ins Gesicht. Als sie in ihrem Zimmer angekommen war, nahm sie kurz entschlossen das Bild des Detektivs aus dem Doppelrahmen heraus und zerriß es in kleine Stücke. Sie konnte ihn nicht länger hassen. Auch glaubte sie nicht mehr, daß er ihren Bruder getötet hatte. Sie glaubte vielmehr, daß ...

Aber sie wollte noch keine weiteren Schlußfolgerungen ziehen. Bradley hatte sie geliebt, dessen war sie sicher. Er wollte sie nicht beschwatzen, wie Mark behauptete. Er hatte sie geliebt, aber konnte seine Liebe jene Demütigung überleben, die sie ihm angetan hatte?

Mark war klug und deutete die Symptome ihrer Gemütsverfassung richtig, welche die kleine Unterhaltung an den Tag gebracht hatte. Als sie ihn verlassen hatte, blieb er noch lange sitzen und dachte über die verwirrte Lage nach.

Sie hatte Bradley gern; sie liebte ihn natürlich noch nicht – aber wohin sollte das führen? Ihr Zutrauen zu ihm war erschüttert, und jeder Versuch, es wiederherzustellen, war vergeblich. Ein Bündnis zwischen Bradley und Ann würde die schlimmsten Konsequenzen für ihn haben. Er glaubte zwar nicht, daß sie vor Gericht als Zeugin gegen ihn auftreten würde; aber er wußte sehr wohl, daß die gefährlichsten Aussagen nicht in der Öffentlichkeit gemacht wurden, sondern in einem kleinen Zimmer in Scotland Yard.

Ann wußte mehr von der Art seines »Geschäftes«, als sie selbst ahnte. Sie mochte vielleicht nicht wissen, was sie nachts im Auto transportiert hatte, aber sie kannte die Leute, zu denen sie die Waren brachte. Alle Fäden seiner Organisation waren in ihrer Hand. Früher hatte er niemals an eine Heirat gedacht, aber jetzt wurde dieser Gedanke ein Teil seines Plans. Wenn Bradley sie liebte, erreichte Mark durch eine Heirat mit Ann einen doppelten Zweck – einmal beseitigte er eine sehr gefährliche Zeugin gegen sich, und außerdem kränkte er den verhaßten Mann aufs tiefste.

Er hatte von verschiedenen Ereignissen erfahren, die ihm schwere Sorgen bereiteten. Die Tätigkeit der Polizei mochte auf dem Land und in der Provinz nachgelassen haben, aber in der Hauptstadt selbst wurden die Nachforschungen um so systematischer und rücksichtsloser durchgeführt. Zunächst wurden die Autodiebe und Hehler von diesen scharfen Maßnahmen getroffen. Eines Abends kam Mark auf eine dringende telefonische Einladung hin mit einem guten Bekannten zusammen, der gestohlene Autos weiterverschob und der ihm früher sehr nützliche Dienste geleistet hatte.

»Die Polizei durchstöbert jetzt die ganze Gegend am Fluß unten bei den Docks«, erklärte dieser Mann. »Das große Lagerhaus von Bergson ist durchsucht worden, und dabei haben sie drei gestohlene Wagen gefunden, die nächste Woche mit einem Frachtdampfer nach Indien abgehen sollten. Der alte Bergson und sein Sohn sind verhaftet, und ich weiß aus sicherer Quelle, daß man den beiden versprochen hat, ihnen die Sache leichtzumachen oder sogar die Strafe ganz zu erlassen, wenn sie nähere Angaben über Ihren Rauschgifthandel machen.«

»Ist denn mein Name erwähnt worden?« fragte Mark schnell.

»Nein, Ihr Name ist nicht gefallen, aber es ging aus allem hervor, daß man Sie meinte. Haben Sie denn jemals die Hilfe der Bergsons bei der Verteilung Ihrer Ware in Anspruch genommen?«

Mark dachte nach.

»Nein, bis jetzt noch nicht.«

»Es handelt sich nämlich um folgendes. Die Leute glauben, daß Ihr Handel mit Koks Scotland Yard so wild gemacht hat, und sie sind natürlich verärgert darüber. Ich habe alle meine Autos nach Birmingham gebracht – wie steht es denn bei Ihnen?«

»Ich habe tatsächlich keine Wagen hier – höchstens zwei, und die laufen unter anderen Namen.«

Obwohl er es nicht sagte, war sicher der eine dieser Namen Ann Perryman.

»Ich kann Ihnen nur raten, sich in acht zu nehmen« warnte sein Freund. »Noch eins: Hat Sedeman etwas gegen Sie? Er ist heute aus dem Gefängnis gekommen, und er schwingt große Reden. Der Alte war ein Freund von Li Yoseph. Wenn er sich nicht in Ihrem Versorgungsheim einnistete, schlüpfte er bei dem alten Li unter. Was weiß der eigentlich?«

»Gar nichts«, erwiderte Mark ärgerlich.

Die beiden hatte sich am Kensington Square getroffen und trennten sich jetzt, als von weitem ein anderer Fußgänger näher kam.

Mark ging nachdenklich nach Hause. Lange Zeit saß er vor dem Kaminfeuer und rauchte. Plötzlich erinnerte er sich an ein kleines Lederetui, das am Nachmittag angekommen war; er nahm es aus dem Safe heraus, öffnete es und betrachtete die funkelnden Steine auf dem blausamtenen Grund. Dann klingelte er, und Ledson trat ein, der zugleich das Amt eines Hausmeisters und eines Dieners versah.

»Gehen sie hinüber zu Miss Perryman und fragen Sie, ob sie so liebenswürdig sein möchte, eine Minute zu mir zu kommen.«

Als Ledson die Tür öffnete, stand Tiser auf der Schwelle. Der nervöse Mann trocknete seine Stirn ab, als ob er in großer Eile angekommen wäre, aber das hatte bei ihm nicht viel zu sagen.

»Ist Mr. McGill zu Hause?« flüsterte er. »Sagen Sie mir, mein lieber Ledson, ist er in guter Stimmung?«

»Das weiß ich nicht. Soll ich Sie anmelden?«

»Nein, ich gehe schon allein hinein.«

Er schlich so leise in das Wohnzimmer, daß Mark ihn zunächst nicht bemerkte.

»Was, zum Teufel, willst du denn schon wieder?« fragte er barsch, als er ihn sah.

Tiser war aufgeregt wie immer. Er ging durch das Zimmer zu Mark hin und rieb die Hände aneinander.

»Mein lieber Freund«, sagte er leise und vertraulich. »Was glaubst du wohl, was die Polizei heute abend unternommen hat? Sie haben die Herberge durchsucht.«

Mark runzelte die Stirn.

»Bradley?«

»Ach, dieser Schuft!« sagte Tiser kläglich. »Nein, der war es nicht. Einer seiner Untergebenen. Sie haben Benny und Walky, den kleinen Lew Marks und noch ein paar andere mitgenommen – im ganze sechs der besten Leute. Und dabei haben sie doch wirklich nichts getan! Ich schwöre dir, das ist der gemeinste Fall von ungerechter Verfolgung, den ich jemals erlebt habe. Die armen Kerle saßen gerade zusammen und tranken Bier ...«

»Hat die Polizei Koks oder anderen Stoff bei dir gefunden?« fragte Mark schnell. »Ich habe dir doch ausdrücklich gesagt, daß nicht eine Prise dort aufbewahrt werden darf.«

Tiser war bedrückt.

»Aber mein lieber Mark, du weißt doch ganz genau, daß ich mich an deine Vorschriften halte und niemals Ware in der Herberge unterbringe. Mark, du traust mir nicht mehr. Ich schufte und quäle mich ab, ich denke von morgens bis abends daran, wie ich das Geschäft heben kann. Mein ganzes Leben besteht nur noch aus elender Sklavenarbeit – meine beste Kraft verpuffe ich für dich ...«

»Halt den Mund!« brummte Mark. »Warum hat die Polizei denn die Bude durchsucht?«

Die Ankunft Anns enthob Tiser einer Antwort.

»Guten Abend, Ann!« sagte Mark so heiter und liebenswürdig wie möglich. »Hier ist wieder unser Angsthase, aber seien Sie deshalb nicht böse. Er fürchtet sich und muß mir seine Sorgen mitteilen.«

»Wollten Sie mich sprechen? Soll ich später wiederkommen?«

»Nein, nein. Tiser bleibt nicht hier. Er wollte mir nur sagen, daß die Polizei heute abend die Herberge durchsucht und einige Leute verhaftet hat.«

Sie sah ihn nur durchdringend an. Es wäre ihm lieber gewesen, wenn sie Aufregung oder Bestürzung gezeigt hätte.

»Warum hat die Polizei das getan?« fragte sie.

Mr. Tiser mischte sich ins Gespräch.

»Wegen einer Sache, die vor etwa einer Woche passierte. Irgendeine Bande hat Bradley überfallen – das war natürlich sehr schlecht von den Leuten ...«

»Überfallen?« fragte sie erschrocken. Beinahe hätte sie hinzugefügt: »Davon hat er mir ja gar nichts gesagt.«

»Ja, das gibt die Polizei an. Aber den Menschen kann man doch nicht trauen.« Tiser schüttelte traurig den Kopf. »Das scheint schon der zweite Angriff gewesen zu sein – jemand hat ihn mit einem Rasiermesser angefallen.«

»Wie niederträchtig und gemein!« rief Ann empört.

Mr. Tiser war erstaunt.

»Ja, unglücklicherweise – ich wollte sagen, glücklicherweise ging der Schlag fehl. Die Sache war ganz schrecklich ...«

»Hast du denn etwas davon gewußt?« Marks Gesicht war weiß vor Ärger.

»Nein, Mark, ich schwöre dir, daß ich nichts davon geahnt habe! Einer von den Kerlen war wütend, daß ihn Bradley neun Monate ins Gefängnis gebracht hatte.«

»Also hast du doch etwas davon gewußt, du alter Schleicher! War das wieder einer deiner verheißungsvollen Pläne, du Idiot?«

Ein Blick Anns ließ ihn verstummen.

»Sie wissen, wer es getan hat?« fragte sie Tiser.

Er lächelte schwach und sagte etwas von »allgemeinem Gerede«.

»Ist er verletzt worden?«

»Kommt es denn darauf überhaupt an?« unterbrach sie Mark ungeduldig. »Ich wünschte nur, sie hätten diesem verdammten Kerl die Kehle durchschnitten! Dann wäre der Überfall wenigstens gerechtfertigt. Tausend Pläne machen, alles Mögliche versuchen und nachher ihn nicht einmal erwischen ...«

In seiner Erregung vergaß er jede Vorsicht.

»Du bist der dümmste Idiot, Tiser, der mir jemals begegnet ist. Du kannst nur mit der einen Hälfte deines Gehirns denken, und damit nicht einmal richtig. Wenn du ihnen wenigstens etwas gegeben hättest, um sie anzufeuern, und ihnen dann eine Pistole in die Hand gedrückt hättest, brauchten wir uns jetzt nicht mehr über einen Mr. Bradley zu ärgern.«

»Etwas geben, um sie anzufeuern?« wiederholte Ann langsam.

Mark sah, daß er zu weit gegangen war, und lachte verlegen.

»Um Gottes willen, Ann, nehmen Sie doch nicht gleich jeden Scherz tragisch!«

»Was sollte er ihnen denn geben, um sie anzufeuern?«

»Natürlich etwas zum Trinken, Tiser, nimm dir einen Whisky, du sollst hier nicht vor Durst umkommen!«

Tiser ließ sich nicht zweimal auffordern, ging zu dem Schrank, schenkte sich ein Glas ein und kam dann wieder zurück.

»Ich wundere mich nur, daß dieser Mann nicht damals aus der Polizeitruppe entlassen wurde, als er sich so lächerlich machte.« Plötzlich nahm er seine Brieftasche heraus und öffnete sie. Bevor er aber Ann ein dickes Paket Zeitungsausschnitte zeigte, trank er erst sein Glas aus. »Die habe ich immer bei mir getragen – eines Tages werde ich sie noch rahmen lassen.«

Er fischte einen heraus und lachte.

»›Eine unerhörte Szene im Gerichtssaal! Ein bekannter Detektiv und seine Gefangene!‹« las er vor. »›Liebe im Gefängnis! Eine Frau erhebt ungeheuerliche Anklagen gegen einen höheren Polizeibeamten ...‹«

Ann riß ihm das Papier aus der Hand. Sie war bleich, und ihre Augen blitzten vor Erregung.

»Wenn Sie Unterhaltung brauchen, dann müssen Sie sich etwas anderes suchen!« rief sie heftig.

Selbst Mark war über sie erstaunt.

»Was ist denn mit Ihnen los, Ann?« fragte er.

Es dauerte einige Sekunden, bevor sie sich wieder gefaßt hatte.

»Glauben Sie denn, daß ich mich ebenso verhöhnen lasse wie Bradley? Denken Sie, ich will, daß dieser« – sie suchte nach einer Bezeichnung für Tiser – »Mensch die Zeitungsausschnitte mit sich herumträgt, sie seinen blöden Freunden zeigt und dann mit den Kerlen über mich lacht?«

»Vor einer Woche hätten Sie noch gar nichts dazu gesagt«, erwiderte Mark vorwurfsvoll. »Ich weiß wirklich nicht, was in Sie gefahren ist. Sie springen anderen Leuten bei dem geringsten Anlaß an die Kehle.«

Mr. Tiser konnte sich nicht genug entschuldigen.

»Aber Miss Perryman, Sie sind doch die letzte, die ich irgendwie beleidigen würde. Ich habe die Zeitungsausschnitte doch nur zur Erinnerung aufgehoben.«

Ann beruhigte sich wieder. »Wer wurde denn verhaftet?« fragte sie, um das Gespräch in andere Bahnen zu lenken.

»Nur unbedeutende Leute«, versicherte Tiser schnell. »Bradley sagte zwar, er hätte sie wiedererkannt, aber das ist eine Lüge. Denn erstens hatten sie die Kragen hochgeschlagen, als sie ihn überfielen ...«

»Wenn man dich sprechen hört, sollte man meinen, du wärst dabeigewesen.« Mark warf ihm einen wütenden Blick zu, dann wandte er sich an Ann. »Wir wollen von etwas Freundlicherem sprechen. Ich habe ein kleines Geschenk für Sie.« Er ging zum Kamin und griff nach dem Lederetui. »Wir haben in den letzten Tagen ziemlich gut verdient.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Ich wünschte, Sie würden mir nichts schenken.«

»Aber warum denn nicht?«

Es dauerte einige Zeit, bevor sie ihre Gedanken in Worte fassen konnte, ohne ihn dadurch zu verletzen.

»Ich werde es Ihnen sagen, Mark. Die Gegenwart Mr. Tisers stört mich nicht, denn er weiß ebensoviel von Ihren Geschäften wie Sie selbst. Ich war über ein Jahr für Sie tätig. In dem Monat vor meiner Verhaftung habe ich zwanzig längere Fahrten gemacht und habe bei keiner Fahrt mehr als zwei Pfund von dem Stoff mitgenommen.«

»Nun, was wollen Sie damit sagen?« fragte Mark, als sie eine Pause machte.

»Das sind also im Monat vierzig Pfund. Sechshundertvierzig Unzen. Sie sagten mir früher einmal, daß wir an einer Unze Sacharin drei Schilling verdienten – das ist weniger als ein Pfund Verdienst im Monat. Dabei sind die Unkosten nicht berücksichtigt, die ich und das Auto verursachen – und das sind ungefähr auch hundert Pfund im Monat.«

»Aber das ist doch kein schlechter Verdienst, liebe Miss Perryman«, versicherte Tiser schnell. »Viele Firmen würden mit einem Verdienst von hundert Pfund monatlich sehr zufrieden sein.«

»Bedenken Sie doch, daß Sie nicht die ganze Ware verteilen, die hereinkommt«, sagte Mark mit überlegenem Lächeln. »Sie sind doch nur einer der vielen Agenten.«

Er überreichte ihr das Lederetui.

Sie schlug den Deckel zurück und war überrascht.

»Wie prachtvoll! Achteckig geschliffene Diamanten!«

»Diese Form ist nicht ungewöhnlich«, erklärte Mark. »Ein Juwelier hat dieses Stück für mich gearbeitet.«

Auch Tiser bewunderte den Schmuck begeistert.

»Achteckige Diamanten!« wiederholte Ann langsam. »Ist nicht in der Bond Street vor ungefähr zwei Monaten ein großer Einbruch verübt worden? Richtig, damals wurden doch auch achteckige Diamanten gestohlen. Ein gewisser Smith hat dabei einen Angestellten der Firma erschossen.

Sie sah, daß sich Mark verfärbte.

»Nun seien Sie doch nicht komisch! Es gibt Tausende von achteckigen Diamanten, Sie glauben doch nicht, daß ich Ihnen gestohlene Edelsteine schenken würde ...?«

Sie drückte ihm das Etui hastig wieder in die Hand. In ihren Zügen zeigte sich Entsetzen.

»Als wir damals im Gang vor den Zellen warteten, brachten sie den Mörder Smith«, sagte sie leise. »Wir wurden in unsere Zellen zurückgeführt und eingeschlossen, damit wir nicht das Gesicht dieses schrecklichen Menschen sehen sollten. Es war fürchterlich!«

»Sie sehen Gespenster!« rief Mark böse und klappte das Etui heftig zu. »Was ist nur mit Ihnen los?« Er wandte sich plötzlich an Tiser und wies in nicht mißzuverstehender Weise mit dem Kopf nach der Tür. »Ich werde später mit dir sprechen.«

Tiser schüttelte Ann die Hand. Der Druck seiner feuchten Finger war ihr unangenehm.

»Ich habe viel zu tun. Zunächst muß ich zur Polizeistation gehen und nach diesen armen Kerlen sehen, die sie gefangengesetzt haben. Die Polizei würde sie einfach verhungern lassen, wenn sie könnte. Gute Nacht, Miss Perryman!«

Mark wartete, bis sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte.

»Nun setzen Sie sich, Ann, und seien Sie wieder gut und vernünftig. Irgend etwas stimmt mit Ihnen nicht – sprechen Sie sich doch aus.«

Sie legte ihre Handtasche auf den Tisch und ging zum Kamin.

»Was Sie vorhin über unseren Verdienst sagten, ist richtig«, begann Mark leichthin. »Der Gewinn war in der letzten Zeit nicht so gut, wie er eigentlich sein sollte. Ich habe mir tatsächlich schon überlegt, wie wir die Unkosten verringern könnten.«

»Ich werde wahrscheinlich einer der größten Posten auf dem Ausgabenkonto sein«, erwiderte sie, ohne den Kopf zu wenden.

»Ja, das stimmt.« Er lächelte. »Wenn ich es überschlage, wird Ihre Wohnung drüben etwa zweihundert Pfund im Jahr kosten.«

Jetzt wandte sie sich ihm zu.

Ich habe ja schon immer billiger wohnen wollen, Mark.«

Aber er lachte nur laut.

»Ich will Sie doch nicht auf die Straße setzen, meine Liebe! Das ist keineswegs meine Absicht ...«

Er vermied es aber, ihr in die Augen zu sehen, und betrachtete das Teppichmuster.

»Ich habe hier zwei Zimmer, die ich überhaupt nicht benutze ...«

»Sie meinen in dieser Wohnung?« fragte sie schnell. »Sie denken doch nicht etwa daran, daß ich in diese beiden Zimmer ziehen soll?«

»Es wäre doch nichts Schlimmes dabei«, meinte er, aber sie schüttelte lächelnd den Kopf.

»Das würde auch nicht viel billiger sein – für mich.«

»Aber jetzt ist die Sache doch eigentlich recht unpraktisch eingerichtet. Überlegen Sie doch einmal«, sagte Mark freundlich. »Sie sitzen drüben allein in der großen Wohnung, und ich sitze hier allein. Keiner von uns kann den Platz gebrauchen, der ihm zur Verfügung steht!«

Aber offenbar war sie anderer Meinung.

»Fürchten Sie, daß Sie ins Gerede kommen?« neckte er sie.

»Ach, nein, das kümmert mich nicht. Tiser hat uns ja eben selbst daran erinnert, daß man über mich in der Herberge und in den Gefängnissen spricht.«

Er trat an ihre Seite und klopfte ihr auf die Schulter.

»Sie denken, die Leute glauben, wir leben zusammen – wie Bradley es auch annimmt.«

Sie sah schnell auf. »Nimmt er das an?«

»Natürlich! Er hat es Ihnen doch im Gerichtssaal ins Gesicht gesagt!«

Sie lächelte ungläubig.

»Nein. Er sagte nur: ›Wenn Sie den Weg noch nicht gegangen sind.‹ Aber er war damals wütend auf mich – er hätte in seiner Erregung wohl noch ganz andere Dinge gesagt.«

Er faßte sie vorsichtig am Arm, aber zu seinem Verdruß machte sie sich sofort wieder frei.

»Es würde keinen größeren Triumph für Sie geben. Sie wollten doch diesen Schuft tödlich treffen, und das war auch meine Absicht. Sie können ihn nicht tiefer und schwerer verletzen, als wenn Sie –« er machte eine bedeutsame Pause – »Ihre Wohnung ändern.«

»Vielleicht würde das mich am meisten treffen« erwiderte sie ruhig.

Er hielt es für ratsam, ihr im Augenblick nicht zu widersprechen.

»Dieser Bradley ist ein merkwürdiger Kerl. Ronnie sprach oft stundenlang mit ihm, man könnte fast sagen, daß sie Freunde waren ...«

Er brach plötzlich ab und fluchte innerlich über sich selbst. Wie kam es nur, daß er sich in letzter Zeit so entsetzlich gehenließ? An ihrem Erstaunen erkannte er, daß sie schon aufmerksam geworden war:

»Nun ja, sie waren nicht direkt Freunde ...«

»Aber Sie haben mir doch früher ausdrücklich gesagt, daß die beiden die größten Feinde waren ...«

Sie schüttelte den Kopf.

»Das stimmt auch«, sagte er laut, aber sie schien nicht überzeugt zu sein.

»Ich kann kaum mehr glauben, daß Bradley meinen Bruder getötet hat – es wird mir von Tag zu Tag schwerer. Ich weiß nicht, woher das kommt, aber es ist nun einmal so. Bradley hat doch auch gesagt, daß er Ronnies Freund war – und nun haben Sie es bestätigt«, fügte sie leise hinzu.

Mark McGill fühlte sich unbehaglich.

»Es bestand also doch eine Art Freundschaft zwischen ihnen? Wissen Sie, Mark, Sie haben mich wirklich beunruhigt!«

»Es liegt gar kein Grund zur Beunruhigung vor«, sagte er etwas erregt.

Er hatte sich in einer Sackgasse gefangen, aus der es kein Entrinnen gab, wenn er nicht den Rückweg antrat.

Ann stand am Kamin und starrte in das Feuer.

»Ist es nicht möglich, daß Bradleys Angaben richtig sind? Ich meine nicht über Ronnie, ich denke jetzt an die Ware, die ich im Auto transportierte – waren es Rauschgifte?«

Er lachte gezwungen auf.

»Großer Gott, Sie glauben doch nicht, was Bradley Ihnen sagt? Der Mann hat immer gelogen. Der durchschnittliche Polizeibeamte lügt mehr als der durchschnittliche Verbrecher. Rauschgifte! Was für eine schreckliche Anklage erheben Sie da gegen mich!«

Sie schüttelte den Kopf.

»Ich habe es niemals glauben wollen – ich habe Ihnen blind vertraut –, der Gedanke, daß ich Ronnies Werk fortsetzte, erfüllte mich mit Genugtuung, so daß ich nicht weiter darüber nachdachte. Aber ich bin davon überzeugt, daß ich töricht gehandelt habe.«

»Steter Tropfen höhlt den Stein. Heißt es nicht so im Sprichwort? Bradley hat durch seine dauernden Reden tatsächlich Ihr Zutrauen zu mir und uns allen untergraben. Ann, Sie fangen an, ihm zu glauben!«

»Ich kann diesen Smith nicht vergessen. Zufällig war das Guckloch in meiner Zelle offen, und ich sah ihn, als er vorbeigeführt wurde – er war wie ein wildes Tier.«

»Gestern ist er zum Tode verurteilt worden«, sagte Mark rücksichtslos. Ann stieß einen Schreckensruf aus. »Nun, das ist doch ganz klar: Wenn jemand so etwas tut, dann muß er eben auch die Folgen dafür tragen. Er wird mit Mr. Steen, dem Henker, zusammenkommen.«

»Aber Mark!« rief sie entsetzt.

Er grinste.

»Ich bin nur froh, daß Tiser damals Mr. Steen nicht gesehen hat. Er hätte tausend Anfälle und Krämpfe bekommen. Ich möchte wetten, daß er tot umgefallen wäre!«

»Sie müssen eiserne Nerven haben!«

»Ich habe überhaupt keine«, erwiderte Mark liebenswürdig. »Nun wollen wir aber wieder einmal über das Zusammenlegen der Wohnung sprechen. Meiner Meinung nach werden Sie sich hier sehr wohl fühlen. Von mir sehen Sie nicht mehr, als Sie wünschen. Und um Ihnen die Sache leichter zu machen, werde ich neue Dienstboten engagieren.«

»Warum denn?« fragte sie schnell.

»Nun, es wäre dann weniger peinlich.«

Mark geriet in Verlegenheit, als er ihr ruhiges Lächeln sah.

»Ach so«, sagte sie dann.

Plötzlich packte ihn ein wildes, heißes Verlangen nach ihr, das ihm alle Besinnung raubte. Sie stand dicht vor ihm – er brauchte nur seine Hand auszustrecken, um sie zu berühren. Im nächsten Augenblick riß er sie an sich und küßte ihre bleichen Lippen. Sie wehrte sich nicht, aber sie blieb starr aufgerichtet stehen. Ihre kalte Unnahbarkeit flößte ihm Furcht ein, und er gab sie wieder frei.

Ruhig trat sie an den Tisch, auf dem ihre Handtasche lag, öffnete sie und nahm etwas heraus.

»Sehen Sie dies, Mark?«

Er erkannte einen kleinen Browning.

»Aber warum tragen Sie denn eine Schußwaffe bei sich?« fragte er atemlos.

Sie antwortete ihm nicht.

»Wenn Sie mir das nächstemal zu nahe kommen, schieße ich Sie nieder!«

Ihre Stimme klang stahlhart, und Mark erschrak.

»Sie machen eine Szene wegen nichts«, sagte er schließlich.

In diesem Augenblick klopfte es an die Tür.

»Für mich ist es bedeutungsvoll genug«, erwiderte sie und verließ das Zimmer.

Im Flur traf sie Mr. Sedeman, den großen, alten Mann mit der patriarchalischen Gestalt. Als sie ihn sah, vergaß sie für einen Augenblick ihren Ärger.

»Guten Abend, meine liebe Miss Perryman«, sagte er in seiner vornehmen Weise. »Sehen Sie, nun bin ich wieder aus dem Gefängnis heraus. Sie hatten tatsächlich damals Glück.«

Sie lachte.

»Wenn ich Sie höre, fühle ich mich als Ihre Leidensgenossin, Mr. Sedeman. Es tat mir so leid, daß man Sie verurteilt hatte.«

»Sie kennen ja die Polizei auch, meine Liebe. Die Leute machen vor nichts halt, und es ist ihnen ganz gleich, ob sie die Existenz eines braven, ehrenwerten Menschen vernichten. Ich werde noch einmal ein Buch darüber schreiben«, fügte er ernst hinzu.

Mark kam auch auf den Gang heraus. Obwohl im Mr. Sedeman nicht willkommen war, freute er sich im Augenblick doch über seinen Besuch, da Ann dadurch in andere Stimmung gebracht wurde. Sie hatte etwas für diesen alten Sünder übrig und trat wieder mit ihm in das Wohnzimmer ein, ohne daß Mark sie besonders dazu auffordern mußte. Sie sah Marks Erleichterung und lächelte.

»Haben Sie Ihren Hausmeister fortgeschickt?« fragte Sedeman harmlos. »Er war ein netter Kerl – er bot mir früher immer etwas an.«

Mark zeigte auf den Schrank.

»Dort finden Sie etwas zu trinken. Wo wohnen Sie jetzt?«

»Ich habe es aufgegeben, in der Herberge zu logieren, und habe ein anderes Quartier. Der Mann meiner Wirtin ist allerdings schon wieder recht beleidigend zu mir gewesen. Ich mag sie ganz gern, aber Sie müssen nicht denken, daß etwas Unrechtes passiert ist.«

Offensichtlich wollte er McGill allein sprechen. Als Ann eine Bemerkung darüber machte, gab Sedeman dies auch ohne weiteres zu. Wenn es sich um geschäftliche Dinge handelte, machte er wenig Umstände. In der Tür drehte sie sich noch einmal um.

»Haben Sie gehört, Mark, was Mr. Sedeman über das Zusammenleben mit einer hübschen Frau in derselben Wohnung sagte?«

Sie wartete nicht auf die Antwort, sondern schloß die Tür hinter sich.

»Was wünschen Sie?« fragte Mark in seinem unfreundlichsten Ton, als sie allein waren.

»Ich möchte ein wenig pekuniäre Unterstützung haben. Am Montag muß ich eine große Rechnung zahlen – es ist für meinen Arzt ...«

Mark kniff die Augen zusammen.

»Wie lange soll das noch so weitergehen?«

»Ich hoffe, daß es so schnell kein Ende nimmt«, entgegnete Mr. Sedeman fromm.

Mark sah ihn wütend an, aber sein Besucher schien das nicht zu bemerken.

»Denken Sie denn, ich gehöre zu den Leuten, die sich dauernd erpressen lassen? Ich glaube überhaupt nicht, daß Sie damals in Lady's Stairs etwas gesehen haben.«

»Habe ich auch nicht behauptet, aber ich war zu der Zeit im Haus. Sie wußten es nicht, bis ich es Ihnen später erzählte. Ich habe für den lieben alten Li immer die Botengänge gemacht. Soviel ich weiß, wollte er an jenem Abend noch einen höchst wichtigen und interessanten Brief nach Scotland Yard schicken. Geradeheraus gesagt, es war eine Anzeige. Ich wartete unten ...«

»Li Yoseph ging aus«, sagte Mark langsam.

»Ich habe ihn gehört«, erwiderte Sedeman ruhig. »Er hat das Haus mit großem Spektakel verlassen!«

McGill ging zu der Tür und vergewisserte sich, daß Ann sie fest geschlossen hatte.

»Ist Ihnen noch nie der Gedanke gekommen, daß ich mit Ihnen auch einmal sehr schnell zu einem Ende kommen kann, wenn ich mit Li Yoseph fertig geworden bin?«

Mr. Sedeman murmelte etwas von ›Respekt vor dem Alter‹.

»Ich weiß, daß Sie nur alles vermuten. Aber nehmen wir einmal an, Ihre Vermutung wäre richtig, und Tiser würde alles anzeigen. Ist es Ihnen klar, daß Sie dann selbst bis über die Ohren in der Geschichte stecken?«

Mr. Sedeman sah sich unbehaglich in dem Zimmer um.

»Mr. Tiser wird niemals eine solche Schurkerei begehen. Ich kann mir wenigstens nicht vorstellen, daß er gegen den Mann, dem er alles verdankt, etwas unternimmt.«

Mark lächelte.

»Nun erscheint Ihnen die Sache doch in einem anderen Licht, was?«

Mr. Sedeman antwortete erst, nachdem er sich ein neues Glas Whisky eingeschenkt hatte.

»Wirklich gesehen habe ich nichts – ich habe alles nur vermutet. Ich habe Ihnen nur eine interessante Theorie erzählt, und Sie waren so liebenswürdig, mich zu unterstützen. Ich kann doch nichts dagegen tun, wenn die Leute gut und freundlich zu mir sind.«

Mark nahm eine Banknote aus seiner Tasche, prüfte sorgfältig, ob es auch nur ein Schein war, und schob sie ihm über den Tisch zu.

»Hier haben Sie zehn Pfund. Ich wünsche aber, daß Sie nicht soviel saufen und sich sobald nicht wieder hier sehen lassen.« Er zog ein flaches, goldenes Etui aus der Tasche, öffnete es und bot es ihm an. »Wenn Sie einmal eine Prise nehmen wollen – Sie werden über die großartige Wirkung erstaunt sein. Haben Sie diesen Stoff schon einmal probiert?«

Mr. Sedeman beugte sich herunter, um den kristallinischen Inhalt genauer zu betrachten.

»Sie wollen mich wohl auf Abwege bringen?« fragte er vorwurfsvoll.

»Sie werden von einer solchen Prise mehr Anregung und Vergnügen haben als von der größten Flasche Whisky«, sagte Mark ermunternd.

Plötzlich nahm ihm Sedeman das Etui aus der Hand, ging zum Kamin und schüttete den Inhalt ins Feuer, bevor Mark erkannte, was geschah.

»Sie verdammter, alter Esel – geben Sie mir sofort das Etui zurück!« rief Mark wild und packte Sedeman am Arm. Aber der Alte stieß ihn mit Leichtigkeit von sich, so daß Mark gegen den Tisch taumelte.

»Ich werde Ihnen das Genick umdrehen«, schrie er atemlos und bestürzt über die Stärke des Alten.

»Der Mann, der mir das Genick umdreht, muß erst noch geboren werden!«

Mark erinnerte sich etwas zu spät daran, daß Sedeman trotz seines Alters seit vierzig Jahren wegen seiner Körperkraft gefürchtet war.

»Versuchen Sie es nur, mir nahe zu kommen, mein Junge«, sagte er drohend zu Mark. »Dann gebe ich Ihnen einen Kinnhaken, daß Sie denken, Sie haben einen Puff von einer Dampfwalze gekriegt! Ich mag alt sein, aber ich habe noch Kraft!«

»Ja, Sie haben noch gute Muskeln – Sie Methusalem!«

»Das ist ein Kompliment für mich. Ich weiß, daß ich Ihnen da für fünf Pfund Koks ins Feuer geschüttet habe, aber das ist ein gemeines Zeug, mein Junge. Die Leute, die das nehmen, töten sich und andere oder enden im Irrenhaus. Wenn Sie mich schon in Versuchung bringen wollen, dann bieten Sie mir lieber einen recht guten, alten schottischen Whisky an – dafür bin ich zu haben.«

Plötzlich hörten sie eilige Schritte, und gleich darauf trat Tiser atemlos ein. Er war bleich und aufgeregt und konnte zuerst kein Wort hervorbringen. Mark wandte sich an Sedeman.

»Wir sind ja fertig miteinander – nehmen Sie Ihr Geld und verduften Sie.«

Der Alte steckte zufrieden auch den zweiten Schein ein, der ihm gereicht wurde; Mark hatte durch die Störung vergessen, daß er Sedeman schon eine Zehnpfundnote gegeben hatte. Aber der Alte zögerte noch zu gehen.

»Sie brauchen sich vor mir nicht zu genieren – Sie können in meiner Gegenwart ruhig alles sagen.«

Mark klingelte. Gleich darauf erschien der Hausmeister.

»Bitte, begleiten Sie Mr. Sedeman zur Haustür.«

Als sich die Tür geschlossen hatte, wandte sich Mark unwillig an Tiser.

»Was gibt es schon wieder?«

»Einer dieser Kerle hat der Polizei alles gesteckt«, sagte Tiser, der sich nur mühsam erholte.

»Was für ein Kerl?«

»Es ist einer von denen, die Bradley beiseite bringen wollten – es ist der Fahrer.«

Mark runzelte die Stirn.

»Wen meinst du? Was hat denn der verraten können?«

Als Tiser den Namen nannte, erinnerte sich Mark. Es war ein kürzlich aus dem Gefängnis entlassener Lastwagenfahrer, der früher in seinen Diensten gestanden hatte.

»Die ganzen Autokolonnen der Polizei sind angesetzt, um unsere Depots auszukundschaften«, sagte Tiser zitternd. »Unsere einzige Hoffnung ist, daß dieser Kerl nicht angeben kann, wo der Stoff liegt. Er weiß nur, daß es eine Garage in London ist. Bradleys Leute sind dabei, alle Garagen systematisch zu durchsuchen. Und gestern ist doch die größte Lieferung gekommen, die wir jemals erhalten haben ...«

Mark brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen.

»Sie haben schon die letzte Woche Garagen durchsucht.«

Die Situation war gefährlich. Wenn die Polizei wirklich wußte, welche Mengen Rauschgift in der letzten Zeit durch ihn verteilt worden waren, dann drohte ihm der Ruin, Gefängnis, Zuchthaus ... Das Unglück konnte sofort hereinbrechen. Wenn ihn jetzt jemand nervös machte, so war es Tiser. Dieser heruntergekommene Mensch war des gemeinsten Verrats fähig.

»Ich werde dafür sorgen, daß der Stoff fortgeschafft wird.«

»Das wird aber verdammt schwierig sein«, wimmerte Tiser. »Auf allen Straßen, die aus London herausführen, patrouillieren die Autokolonnen des Spezialdienstes. In Savernake und Staines werden die Wagen angehalten und durchsucht – auf diese Weise habe ich ja erst erfahren, daß etwas im Gange ist. Ich habe schon lange vermutet, daß etwas nicht stimmt.«

»Alle Kolonnen des Spezialdienstes sind unterwegs?«

»Ja, Bradley hat die Oberleitung.«

Mark ging in dem großen Zimmer auf und ab.

»Der Stoff muß aus London hinaus«, sagte er halb zu sich selbst.

Tiser machte eine verzweifelte Geste.

»Wer es unternimmt, das Zeug fortzuschaffen, wird geschnappt.«

»Ob jemand geschnappt wird oder nicht, die Ware muß fort. Es ist leicht herauszubekommen, daß ich die Garage gemietet habe – außerdem ist noch ein Dutzend Pistolen dort versteckt.«

Die beiden sahen sich eine Weile an, ohne zu sprechen, jeder las die Gedanken des andern.

»Wir können nicht riskieren, daß Ann die Fahrt macht – oder meinst du doch?«

Mark biß sich auf die Lippen.

»Warum nicht? Es ist besser, daß die Polizei das Zeug in ihrem Auto als in meiner Garage findet.«

Obwohl Tiser ein ganz verkommener Mensch war, empfand er doch die Gemeinheit dieses Plans.

»Aber Mark! Das geht doch nicht! Wenn du sie losschickst, wird die Polizei sie bestimmt erwischen. Du weißt doch, wie schlau Bradley ist, und wenn er sie zum zweitenmal faßt ... Nein, das kannst du nicht tun!«

»Warum denn nicht?« fragte Mark kühl. »Bradley hat sie doch ganz gern, er hat sie ja schon einmal in Schutz genommen und entkommen lassen. Warum sollte er es diesmal nicht wieder tun? Wenn sie den Stoff dort in der Garage finden, bekomme ich eine böse Klage an den Hals. Ich würde unter zehn Jahren Zuchthaus nicht davonkommen. Das Schlimmste, was ihr passieren kann, sind sechs Monate.«

»Aber, mein lieber Mark«, sagte Tiser fast weinerlich. »Du kannst doch nicht dulden, daß das nette Mädchen ins Gefängnis gesteckt wird!«

Mark sah ihn düster an.

»Nun gut, dann wirst du die Sache fortschaffen, du kannst ja auch ein Auto lenken.«

Tiser schwieg, und Mark erwartete auch keine Antwort. Er klingelte nach Ledson.

»Kann ich einmal nach der Herberge telefonieren?« fragte Tiser. »Ich habe dort einen Mann zurückgelassen, der weitere Informationen sammeln soll. Ich möchte nur wissen, wie weit sie jetzt sind.«

Mark schüttelte den Kopf.

»Von diesem Telefon aus wird nicht gesprochen«, sagte er kurz. »Unten in der Regent Street ist eine Telefonzelle – geh dorthin, ich werde dich begleiten.«

Ledson trat ins Zimmer.

»Bringen Sie mir meinen Mantel und meinen Hut. Ich gehe für einige Minuten fort.«

»Was bist du doch für ein verdammter Feigling, Tiser«, sagte Mark, als Ledson gegangen war. »Im Schrank steht ein scharfer Whisky.«

Aber Tiser hatte schon selbst den Weg zu dem Schrank gefunden. Mark hörte, wie eine Flasche an das Glas schlug, das sich der Mann mit zitternder Hand einschenkte.

Ledson kam mit Hut und Mantel zurück.

»Bitten Sie Miss Perryman, in einigen Minuten herüberzukommen. Es handelt sich um eine wichtige Sache.«

Es kam nun auf jede Minute an. Mark war sich der Gefahr der Lage voll bewußt. Es mochte kommen, wie es wollte, der Stoff mußte aus London fortgeschafft werden. Und es gab nur eine Person, die er mit dieser Aufgabe betrauen konnte – Ann. Es war nicht nötig, daß Ledson zu ihr hinüberging; als Mark die Tür hinter sich schloß, rief sie an, und der Diener konnte ihr seinen Auftrag telefonisch ausrichten.

Er räumte gerade das Zimmer auf, als es an die Tür klopfte. Der Mann, den er erwartet hatte, stand vor ihm.

»Bitte, treten Sie näher, Mr. Bradley«, sagte Ledson etwas nervös und folgte dem Detektiv in das Wohnzimmer. »Mr. McGill wird bald zurückkommen. Ich dachte, Sie kämen erst später.«

»Wo ist er denn hingegangen?«

»Er wollte von einer öffentlichen Fernsprechzelle aus telefonieren. Ich glaube, es ist besser, wenn ich fortgehe – ich kann ja nachher sagen, daß Sie mich fortgeschickt haben.«

Bradley nickte. Als er allein war, ging er im Zimmer umher. Er machte keinen Versuch, die Papiere und Briefe durchzusehen, die auf Marks Schreibtisch lagen, oder das Zimmer sonst zu durchsuchen.

Nach einiger Zeit hörte er, daß die Wohnungstür aufgemacht und wieder geschlossen wurde. Er wandte sich um und erwartete, daß Mark ins Zimmer treten würde; aber es war Ann, die in der Tür stand und ihn bestürzt und überrascht ansah.

»Guten Abend«, sagte Bradley ernst.

»Ja, aber ... guten Abend, Mr. Bradley«, stotterte sie. Ihre Stimme und ihr Benehmen verrieten ihre Verlegenheit.

Ledson, der das Haus noch nicht verlassen hatte, trat in diesem Augenblick in das Zimmer.

»Es ist schon gut, Ledson, ich habe mir selbst aufgeschlossen«, sagte sie hastig. »Mr. McGill hat mir heute morgen den Schlüssel geliehen.« Sie betonte die letzten Worte besonders und legte den kleinen, flachen Schlüssel ostentativ auf den Tisch. »Erinnern Sie bitte Mr. McGill daran, daß ich ihn hierhergelegt habe.

Ich trage gewöhnlich nicht die Schlüssel anderer Leute mit mir herum«, erklärte sie, als der Hausmeister sich entfernt hatte. Es lag ein gewisser Trotz in ihrem Ton, als ob sie Bradley zu einer Entgegnung herausfordern wollte.

»Davon bin ich überzeugt«, sagte er lächelnd.

Es entstand eine peinliche Pause.

»Wollen Sie nicht Platz nehmen?« Er rückte ihr einen Stuhl zurecht.

»Ich habe mir schon oft überlegt, was ich Ihnen sagen wollte, wenn ich wieder die Möglichkeit hätte, mit Ihnen zu sprechen. Neulich abends kam ich nicht dazu. Ich muß gestehen, daß ich mich über mein Benehmen Ihnen gegenüber schäme.«

Er wußte sofort, worauf sie anspielte.

»Ich glaube, Sie waren an jenem Tag sehr aufgeregt und nicht ganz normal.«

»Ja, das mag sein ... ich bin froh, daß Sie so denken. Es ist sehr großzügig von Ihnen. Vor allem freue ich mich, daß Sie durch mein törichtes Verhalten keine weiteren Unannehmlichkeiten gehabt haben.«

Sie nahm den Schlüssel wieder vom Tisch auf und spielte damit. Er merkte, daß sie seine Aufmerksamkeit absichtlich darauf lenken wollte.

»Es ist doch sonderbar, daß ich mir heute abend selbst diese Tür aufgeschlossen habe. Mr. McGill lieh mir den Schlüssel, weil ich hereinkommen sollte, als er ausgegangen war. Ich wollte etwas suchen ... manchmal bin ich so zerstreut, daß ich Sachen liegenlasse ... Ich bin in letzter Zeit so vergeßlich und nachlässig ... ich will damit aber nicht sagen, daß ich öfters hierherkomme.«

Je mehr sie sich entschuldigen wollte, desto verwirrter wurde sie. Bradley lächelte innerlich darüber.

»Ja, es kann manchmal sehr unangenehm sein, wenn man einen Schlüssel hat.«

»Aber ich komme wirklich nicht oft hierher – ich glaube, ich habe ihn nur einmal von Mr. McGill geliehen.« Sie lachte nervös. »Ich weiß überhaupt nicht, warum ich Ihnen das alles erzähle. Aber Sie gehören sicher nicht zu den Leuten, die schlecht über andere denken ...«

Bradley dachte allerdings im allgemeinen nicht gut von den Menschen, aber sie machte eine Ausnahme. Als er ihr das sagte, freute sie sich kindlich darüber.

»Ist das auch wirklich Ihr Ernst?«

»Ich denke viel besser über Sie, als Sie über mich«, erwiderte er.

Sie schüttelte den Kopf.

»Ich weiß nicht, wie ich es Ihnen sagen soll, aber ich wünschte, ich könnte wieder gutmachen, was ich Ihnen angetan habe. Es war schrecklich, daß ich Sie schlug und daß ich Ihnen diese bösen Dinge an den Kopf warf.«

»Ich will Ihnen sagen, wie Sie es wieder gutmachen können. Sie müssen mir das feierliche Versprechen geben, heute nacht unter keinen Umständen Ihre Wohnung zu verlassen.«

»Ich habe gar nicht die Absicht auszugehen.«

»Es mag sein, daß Sie jetzt noch nicht die Absicht haben«, unterbrach er sie. »Aber Sie müssen mir versprechen, sich durch nichts dazu bestimmen zu lassen – hören Sie, unter gar keinen Umständen!«

»Ich will es Ihnen versprechen.«

»Ehrenwort?«

»Ehrenwort!« erklärte sie feierlich.

Sie reichten sich die Hände. Sie sah deutlich, daß er sich erleichtert fühlte, und fragte ihn, warum er ihr das Versprechen abgenommen habe. Aber er sagte nur, daß es eine schreckliche Nacht sei und daß sie deshalb besser zu Hause bliebe. Seine Begründung erschien ihr aber in keiner Weise überzeugend.

»Ich meine, es ist besonders gefährlich, in der Dunkelheit ein Auto zu lenken.«

Ann sah ihn ruhig an.

»Sie glauben, es könnte mir heute nacht etwas zustoßen? Sie sind wirklich mein Schutzengel! Aber das ist doch gar nicht möglich? Sie haben doch vorsichtshalber schon dafür gesorgt, daß mir der Führerschein entzogen wurde.«

»Es soll schon vorgekommen sein, daß Leute auch ohne Führerschein ausgefahren sind«, meinte er gutgelaunt.

Die Unterhaltung stockte.

»Haben Sie sich eigentlich – aber das wollte ich Sie nicht fragen ...«, brach sie plötzlich das Schweigen.

»Fragen Sie nur«, ermutigte er sie.

»Haben Sie sich – um Ronnie auch so gesorgt, wie Sie sich um mich bemühen?«

»Ich habe es versucht«, erwiderte Bradley ruhig, »aber Sie glauben mir das ja nicht.«

Ann seufzte schwer.

»Ich glaube es Ihnen jetzt.«

In diesem Augenblick hörten sie, daß die Wohnungstür geöffnet wurde.

Gleich darauf trat Mark mit düsterem Gesicht ein.

»Nun, Bradley, was wünschen Sie?«

Der Detektiv sah an ihm vorbei und bemerkte Tiser, der seinen Hut draußen aufhängte. Er wartete, bis er hereingekommen war.

»Ich möchte ein wenig mit Ihnen sprechen.«

»Freundschaftlich?« fragte Mark brummig.

»Mehr oder weniger, ja«, entgegnete Bradley kühl.

Mark schaute auf Ann.

»Es ist gut, meine Liebe. Ich werde in fünf Minuten mit Ihnen reden.«

Aber Bradley unterbrach ihn.

»Miss Perryman kann alles hören, was ich Ihnen zu sagen habe. Es handelt sich um Li Yoseph.«

Mark war sichtlich beruhigt.

»Ach so. Ich sah einige Autos Ihrer Kolonne unterwegs – sagen Sie mir nur nicht, daß Sie Li Yoseph gefunden haben. Ich bin davon überzeugt, daß er nach Holland gegangen ist – an demselben Abend, an dem er verschwand, fuhr ein großer holländischer Dampfer den Strom hinunter, und Li war mit allen Kapitänen befreundet.«

Ein fast unmerkliches Lächeln spielte um Bradleys Mund.

»Ja, das ist Ihre Theorie. Nun ja, wir haben schon seit einem Monat die Nachforschungen bei Lady's Stairs eingestellt.«

»Vor einem Monat?« wiederholte Mark mit leichter Ironie. »Ein ganzes Jahr nach seinem Verschwinden? Die Polizei hat wirklich große Geduld und Ausdauer.«

»Ja, Geduld ist unsere Haupttugend.«

»Die meine besteht darin ...« begann Mark.

»Andere Leute an den Bettelstab zu bringen«, sagte Bradley schnell. »Sie hatten doch Li Yoseph gern, Miss Perryman?«

»Ja, ich habe ihn zwar nur einige Minuten gesehen, aber es war etwas Besonderes an ihm – ich möchte fast sagen, etwas harmlos Liebenswürdiges. Die Kinder, mit denen er immer sprach – ich glaubte fast, sie selbst zu sehen.«

»Es war aber doch schrecklich. Auf die Dauer fiel einem das auf die Nerven«, warf Tiser mit seiner unangenehmen Stimme dazwischen. Er duckte sich hinter McGills breiten Rücken, als Bradley zu ihm hinsah.

»Hallo, Tiser, Sie sind ja auch hier! Fiel Ihnen Li Yoseph auf die Nerven?«

»Was wollen Sie denn über den Alten wissen?« fragte Mark barsch.

»Wissen Sie, wo Li Yoseph sich zur Zeit aufhält?« fragte Bradley.

»Ich habe Ihnen doch schon gesagt, daß ich das nicht weiß. Sie tun verflucht geheimnisvoll, Inspektor.«

»Mehr oder weniger haben wir stets mit ungelösten Geheimnissen zu tun«, sagte Bradley kühl. Er begegnete Anns Blick. »Sie haben sich natürlich nicht vor ihm gefürchtet«, meinte er lächelnd, nahm seinen Hut und ging zur Tür. »Gute Nacht, Miss Perryman – es ist ein scheußliches Wetter draußen.«

Sie wußte wohl, was er meinte.

»Gute Nacht, McGill – vermutlich werde ich Sie heute nacht nicht auf der Great West Road treffen.«

Nachdem er gegangen war, schwiegen alle.

»Was wollte er nur?« fragte Mark schließlich.

»Dieser Mann ist unmenschlich, Mark«, sagte Tiser nervös. »Da steckt irgend etwas dahinter – scheußliches Wetter – Great West Road –, glaubst du, er weiß Bescheid?«

Mark sah, daß sich Ann zur Tür wandte, und hielt sie zurück.

»Gehen Sie bitte noch nicht. Hoffentlich sind Sie noch nicht müde?«

»Warum?«

Mark schaute zu Tiser hinüber.

»Ich brauche heute nacht Ihre Hilfe, Ann.«

Tiser wäre am liebsten verschwunden.

»Kann ich nicht nach Hause gehen, Mark?« bat er. »Ich fühle mich wirklich nicht wohl.«

»Du bleibst hier. Du wirst Ann zur Garage begleiten.«

Sie schaute bei diesen Worten auf.

»Habe ich recht gehört – zur Garage – heute abend noch?«

»Ja, zur Edgware Road«, entgegnete Mark leichthin. »Ich habe Ihren Wagen nach jenen Vorkommnissen dort untergebracht. Ich dachte, es wäre besser, falls irgendein Zwischenfall einträte – und das ist heute abend geschehen.«

Sie kam wieder ins Zimmer und setzte sich auf einen Stuhl.

»Ich weiß, Sie werden mir helfen, Ann. Ich bin wirklich in großer Verlegenheit. Zehn Kilo von dem Stoff sind in der Garage – außerdem ein Dutzend Brownings. Sie finden den Kasten mit den Waffen direkt hinter den Benzinbehältern.«

»Brownings?« fragte sie verwirrt.

»Ja, ich habe sie aus Belgien zum Verkauf erhalten«, erwiderte Mark nervös. »Man kann sie hier mit großem Verdienst wieder veräußern. Alle Sachen müssen noch in dieser Nacht nach Bristol gebracht werden. Dort habe ich einen Agenten, der sie an einen sicheren Platz schafft.«

»Miss Perryman. Sie haben es doch früher auch getan«, flehte Tiser. »Es ist ja nur eine Kleinigkeit ...«

»Bradley ist auch nicht im Dienst heute nacht«, fuhr Mark fort. »Sie dürfen natürlich nicht die Bath Road nehmen. Fahren Sie über Uxbridge und biegen Sie dann ...«

»Nein, ich kann nicht fahren« sagte Ann entschieden.

Mark kniff die Augenlider zusammen.

»Wie, Sie können nicht? Das soll wohl heißen, daß Sie nicht wollen?«

»Ich kann dieses Haus heute nacht nicht verlassen. Das muß Ihnen genügen. Abgesehen davon habe ich doch auch keinen Führerschein. Diese Kleinigkeit scheinen Sie ganz zu übersehen.«

»Ach, das weiß niemand. Sie würden mir wirklich den größten Gefallen tun!«

Ann schüttelte den Kopf.

»Ann, was haben Sie denn?«

»Ich werde heute nacht nicht aus dem Haus gehen«, wiederholte sie langsam und bestimmt. »Wenn Sie wollen, werde ich morgen fahren, aber heute nicht.«

»Morgen ist es zu spät«, erwiderte Mark düster. »Seien Sie doch vernünftig, Ann. Sie wissen genau, daß ich nicht darauf bestehen würde, wenn es nicht ganz dringend wäre. Ebensogut wissen Sie, daß ich Sie nicht schicken würde, wenn eine Gefahr für Sie damit verbunden wäre.«

»Ich schrecke nicht vor Gefahren zurück«, sagte Ann ruhig. »Aber ich will heute nacht nicht ausfahren – dabei bleibt es.«

Tiser stöhnte, aber Mark brachte ihn mit einem Fluch zum Schweigen.

»Laß sie in Ruhe. Es ist gut, Ann. Sie müssen selbst wissen, was Sie tun und lassen. Aber gehen Sie noch nicht.« Er nahm sich eine Zigarre und steckte sie an. »Was hat Ihnen denn Bradley erzählt?«

»Ach, nichts Besonderes.«

»Ich wundere mich nur, daß Sie mit dem Mann überhaupt noch sprechen können!« Tiser wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»War Bradley schon hier, als Sie hereinkamen?«

Sie nickte.

»Ledson sagte Ihnen nichts davon?«

»Nein, ich habe mir selbst aufgeschlossen.«

»Das war allerdings ein Faustschlag ins Gesicht für ihn.«

Sie dachte über seine Worte nach.

»Das glaube ich nicht«, sagte sie dann.

Sie ließ sich am Klavier nieder und spielte einige Takte.

»Er hat dauernd mit schlechten Leuten zu tun, und es fällt ihm sicher schwer, überhaupt noch gut von jemand zu denken«, sagte sie dann plötzlich. »Es war merkwürdig, daß er soviel von Li Yoseph sprach – ich habe heute den ganzen Tag an den alten Mann denken müssen.«

Mark lehnte am Kamin und betrachtete sie stirnrunzelnd.

»Ann, ich habe Sie noch niemals in einer solchen Stimmung gesehen«, rief er nervös. »Klimpern Sie doch nicht herum, spielen Sie ordentlich. Seit Wochen habe ich keinen Ton von Ihnen gehört.«

Sie schaute verlegen auf.

»Eigentlich bin ich nicht in der Verfassung, etwas zu spielen – aber gut, ich werde es tun.«

Sie drückte das Pedal und begann. Mark winkte Tiser zu sich heran.

»Mit Ann stimmt etwas nicht«, flüsterte er ihm zu.

»Ich verstehe sie auch nicht«, erwiderte Tiser zitternd. »Ich bin heute abend so furchtbar aufgeregt.«

Er kauerte sich ängstlich in seinem Sessel zusammen.

»Sie macht mich noch ganz verrückt mit ihren verdammten Nerven.«

Aber Mark hörte nicht auf ihn.

»Warum interessiert sich Bradley so für Li Yoseph?« fragte er. Tiser sah sich furchtsam um.

»Glaubst du, er hat erfahren, daß er noch lebt?«

»Daß er noch lebt? Du verrückter Kerl!« sagte Mark verächtlich. »Ich habe ihn auf sechs Schritte niedergeknallt! Ich konnte sehen, wo das Geschoß sein Rückgrat traf – der ist nicht mit dem Leben davongekommen. Das war unmöglich! Er liegt noch in dem tiefen Schlamm unter seinem Haus.«

Ann spielte jetzt Tostis »Chanson d'Adieu«. Tiser packte krampfhaft McGills Arm.

»Mark, hörst du nicht, was sie spielt! Sag doch, daß sie aufhören soll! Mark, um Gottes willen, ich werde noch verrückt! Das hat doch der alte Kerl immer auf seiner Fiedel gespielt!«

»Halt den Mund, du Jammerlappen!« brummte Mark. »Wenn ich bei jeder Melodie gleich in die Luft gehen wollte!«

Plötzlich schloß Ann mit einem lauten Akkord und sah zu ihnen hinüber.

»Was ist denn das – hören Sie nichts?«

»Nein – wahrscheinlich haben Sie Tiser sprechen hören.«

Ann schüttelte den Kopf.

»Es war der Klang einer Violine.«

»Einbildung!«

Aber plötzlich hörte auch Mark die leisen Töne. Es war die Melodie, die Li immer gespielt hatte, und sie fuhr an der Stelle fort, an der Ann aufgehört hatte.

Die Klänge kamen vom nächsten Raum – von Marks Schlafzimmer.

»Jemand hält uns zum besten«, sagte McGill und ging vorwärts. Aber die Tür seines Schlafzimmers öffnete sich langsam, und in den Lichtkreis trat ...

»Li Yoseph!« rief Mark entsetzt.

Der Alte war ein wenig grauer und ging etwas gebückter als früher; seine Haare waren unordentlicher. Die Astrachankappe sah schmutziger und abgetragener aus. Li trug die Geige unter dem Arm und hielt den Bogen in seiner Hand.

Ann hatte sich von dem Klaviersessel erhoben und beobachtete ihn. Sie fürchtete sich nicht, aber sie war ganz versunken in seine Erscheinung. Tiser schrie entsetzt auf und fiel zu Boden. Das Gesicht verbarg er in den Armen.

»Fort! Fort ...! Du bist doch tot ... auf sechs Schritte!«

»Li Yoseph!« keuchte Mark atemlos.

Der alte Mann zeigte seine Zähne in einem merkwürdigen Lachen.

»Ach, der gute Mark! Und der gute Tiser! – Kommt nur herein, meine lieben Kleinen!« Er winkte seinen unsichtbaren Begleitern. »Seht, hier sind gute Freunde von Li Yoseph ... Siehst du, Henry? Das ist der gute Mark.«

»Woher – woher kommst du denn?« fragte Mark heiser.

»Von all den bekannten Plätzen.« Der alte Mann lachte unheimlich. »Du kommst doch bald nach Lady's Stairs, Mark? Und Sie, meine liebe junge Dame, wollten mich doch auch besuchen? Sicher werden Sie bald zu mir kommen.«

Weiter sagte er nichts. Mit schlürfenden Schritten ging er quer durch das Zimmer. Mark hatte nicht die Kraft, ihn aufzuhalten; er beobachtete nur starr, wie der Alte den Raum verließ. Bald darauf fiel die Tür ins Schloß.

Dieses Geräusch schien Mark aus seinem traurigen Zustand zu wecken. Er eilte zur Tür und lief die Treppe hinunter – aber er konnte nichts mehr von Li Yoseph sehen. Als er ins Wohnzimmer zurückkam, läutete schrill das Telefon. Er ging zum Apparat.

»Sind Sie dort, McGill?« hörte er eine bekannte Stimme. »Hier ist Inspektor Bradley. Ich spreche von Scotland Yard aus. Wir haben in Erfahrung gebracht, daß Li Yoseph wieder in London aufgetaucht ist – ich wollte Sie nur warnen.«

»Warum wollten Sie mich denn warnen?« fragte Mark erregt.

»Wenn Sie das nicht wissen, weiß ich es auch nicht«, war die geheimnisvolle Antwort.

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