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Überfallkommando

Edgar Wallace: Überfallkommando - Kapitel 14
Quellenangabe
pfad/wallacee/ueberfal/ueberfal.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleÜberfallkommando
publisherGoldmann Verlag
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
printrun17. Auflage
isbn3442000750
year1982
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Kapitel 13

Mark McGill ging in seinem großen Wohnzimmer auf und ab und blieb zuweilen stehen, um auf den düsteren Platz hinunterzuschauen. Auf dem Tisch lagen viele Zeitungsausschnitte verstreut, die ihm eine Nachrichtenagentur gesandt hatte. Sie bezogen sich auf die Gerichtsverhandlung gegen Ann.

Durch Tisers Ankunft wurde er in seinen Betrachtungen unterbrochen. Im Versorgungsheim ging nicht alles nach Wunsch. In kurzer Zeit hatte die Polizei zweimal das Haus durchsucht; einer der Insassen war verhaftet und zu neun Monaten Gefängnis verurteilt worden. Auch war die Polizei in der Provinz in letzter Zeit sehr tätig gewesen, und Marks Einkommen hatte sich dadurch beträchtlich verringert. Er besaß zwar ein ansehnliches Vermögen, das er durch seinen illegalen Handel zusammengebracht hatte, aber seine Ausgaben und Spesen waren auch sehr groß. Außerdem bereitete ihm die Einziehung von Anns Führerschein Schwierigkeiten, mit denen er nicht gerechnet hatte.

Er wandte sich unfreundlich und brummend um, als Tiser ins Zimmer trat, ging dann zur Tür und schloß sie. Tiser sah ihn furchtsam an. Das Zucken seines Gesichtes und die nervösen Bewegungen seiner Hände verrieten Mark, daß etwas Besonderes vorgefallen sein mußte.

»Nun, was ist denn mit dir los?« fuhr Mark ihn an. »Laß dich um Gottes willen in diesem Zustand nicht vor Ann Perryman sehen!«

»Vor Ann?« Tiser hob seine zitternde Hand. Er versuchte zu lächeln, aber sein Gesicht verzog sich nur zu einer greulichen Grimasse. »Ist dir an Ann nichts aufgefallen in der letzten Zeit? Sie spricht kaum mit mir, und sieht mich überhaupt nicht mehr an. Hat sie etwas gegen mich?«

»Sie hat noch nie viel mit dir gesprochen«, brummte Mark. »Ich verstehe nicht, daß ein Mädchen oder eine Frau, die nur ein bißchen Selbstachtung besitzt, mit dir überhaupt reden mag. Aber jetzt will ich wissen, was mit dir los ist!«

»Ich mache mir schwere Sorgen um sie, Mark«, sagte Tiser leise. »Sie war so ruhig. Denke doch, als wir gestern zusammensaßen, hat sie nicht ein Wort gesagt.«

»Das zeigt nur, daß sie vernünftig ist. Was hätte sie denn auch mit dir reden sollen?« fragte Mark ungeduldig. Er wollte seine eigene Unruhe verbergen, denn auch ihm war der Wandel an Anns Wesen aufgefallen.

»Ich habe einen dieser Leute von Lady's Stairs gesprochen«, sagte Tiser eindringlich. »Der hat mir etwas erzählt, was mich sehr beunruhigt, Mark. Wenn ich es früher gewußt hätte, wäre ich vor Furcht gestorben.«

»Was denn? Wenn du dich fürchtest, ist noch lange nicht gesagt, daß man die Sache ernst nehmen muß.«

»Sie haben die ganze Zeit nach Li gesucht«, fuhr Tiser in heiserem Flüsterton fort. »Wir dachten damals, sie hätten die Nachforschungen aufgegeben, aber das stimmt nicht. Jeden Tag haben sie sich in der Gegend von Lady's Stairs zu schaffen gemacht. Der Kerl hat mir gesagt, daß sie vor vierzehn Tagen einen Taucher hinuntergelassen haben. Der sollte unter dem Haus alles absuchen. Niemand hat etwas davon erfahren, sie haben es nachts gemacht. Aber der Mann hat mit eigenen Augen gesehen, wie sie den Taucher hinabgelassen haben.«

Mark schwieg. Diese Nachricht hatte ihn doch überrascht.

»Sie haben aber wohl nichts gefunden. Mein Mann kam nahe genug an die Beamten heran, daß er ihre Unterhaltung hören konnte. Sie haben die Nachforschungen jetzt endgültig aufgegeben.«

Mark strich sich mit der Hand über sein Kinn.

»Das hätten sie gleich tun können. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist Li mit der Flut in den Fluß gekommen und ins Meer gespült worden.«

Aber Tiser war nicht davon überzeugt.

»Das wollen wir hoffen. Es wäre doch zu schrecklich, wenn er mit dem Leben davongekommen wäre und nun aus Rache uns bei der Polizei anzeigte. Erinnerst du dich daran, was er damals sagte?« Tiser schüttelte sich vor Furcht und sah sich ängstlich im Zimmer um. »Kurz bevor du ihn niederknalltest, Mark? Er sagte, er würde wiederkommen, du könntest ihn nicht töten. Ich habe ihn das auch schon früher sagen hören. Und dann denke doch einmal an die Geister, die er immer sah, an die kleinen Kinder ... und Ronnie ...«

McGill schaute ihn unwirsch an.

»Was, zum Teufel, ist denn in dich gefahren, Tiser? Bist du nicht mehr ganz richtig im Kopf oder hast du Koks genommen?«

»Nein, nein!« Tiser schüttelte energisch den Kopf, aber seine Stimme klang nur noch wie ein Winseln. »Ich möchte nur wissen – ob du glaubst, daß Geister auf die Erde zurückkommen können?«

»Du bist betrunken«, sagte Mark schroff.

»Nein, das bin ich nicht!« Tiser faßte ihn ängstlich am Arm. »Höre doch, vergangene Nacht, als ich im Bett lag ... ich hatte nur ein oder zwei Glas getrunken ...«

Mark ging zum Schrank, schenkte ein Glas Whisky ein und drückte es Tiser in die Hand.

»Trink einmal, damit du dich beruhigst, du feige Memme! Dann erzählst du mir, was du zu sagen hast. Wenn ich soviel Morphium und Koks schnupfte wie du, dann würde ich auch Gespenster sehen!«

Tiser goß das scharfe Getränk hinunter. Dann wurde er etwas ruhiger und erzählte seine Geschichte. Am Abend vorher war er früher als gewöhnlich zu Bett gegangen. Er gab wohl zu, daß er etwas getrunken habe, aber er protestierte heftig dagegen, daß es zuviel gewesen sei. Mehrere Male wachte er auf, und beim drittenmal kam ihm plötzlich zum Bewußtsein, daß er nicht allein im Zimmer war. Das Mondlicht fiel hell durch das Fenster.

»Er war da, Mark!« Tisers Stimme klang kläglich und weinerlich, seine Zähne klapperten, und er konnte kaum sprechen. »Er saß in einem Stuhl, hatte die Hände auf die Knie gelegt und sah mich an!«

»Wer denn, wer?«

»Li Yoseph! Er hatte den schmutzigen, alten Kaftan an und trug seine Pelzkappe. Ich sehe noch jetzt sein gelbes Gesicht! Ach Gott, es war zu schrecklich!«

Er bedeckte das Gesicht mit den Händen, als ob er dadurch die entsetzliche Erinnerung verscheuchen könnte.

»Du lagst doch im Bett, nicht wahr? Und dann bist du aufgestanden und hast gesehen, daß du geträumt hast!« suggerierte ihm Mark.

Aber Tiser schüttelte den Kopf.

»Nein, ich habe nicht geträumt. Er war wirklich da, er saß auf dem Stuhl und sah mich an. Zuerst hatte er nichts gesagt – aber dann sprach er wieder zu den Geistern und streichelte die kleinen Kinder. Was nachher geschah, weiß ich nicht mehr, ich habe wohl die Besinnung verloren. Als ich wieder zu mir kam, hatte ich ein fürchterliches Gefühl. Es war schon hell, und bald darauf ging die Sonne auf ...«

»Und er war nicht in deinem Zimmer!« fuhr ihn Mark an. »Ich glaube, du mußt dir eine andere Whisky-Marke aussuchen.«

»Ich habe ihn aber ganz bestimmt gesehen«, beharrte Tiser kläglich. »Glaubst du denn, ich könnte mich täuschen?«

»Entweder faselst du mir etwas vor, oder du warst besoffen!« erwiderte Mark verächtlich. »Warum sollte denn Li Yoseph ausgerechnet zu dir kommen? Er müßte doch wohl bei mir erscheinen! Das hätte noch eher Sinn und Verstand! Entweder hast du Gespenster gesehen, oder einer dieser Verbrecher aus der Herberge hat deinem Zimmer einen Besuch abgestattet, um zu sehen, ob er dort nicht etwas finden könnte.«

»Die Tür war aber verschlossen«, unterbrach ihn Tiser.

»Kann man denn nicht durch das Fenster einsteigen? Es ist doch für einen erfahrenen Einbrecher die leichteste Sache von der Welt, in dein Zimmer zu kommen. Nein, durch dein Gefasel lasse ich mich nicht einschüchtern. Li Yoseph ist tot, er kommt nicht wieder. Hörst du, was ich dir sage? Du hast ihn weder gesehen noch gehört. Es war alles nur ein böser Traum ...«

Plötzlich sprang Tiser auf und starrte Mark entsetzt an.

»Hör doch«, flüsterte er atemlos. »Mark! Kannst du es hören?«

McGill wollte ihm eben eine grobe Antwort geben, als auch er den Klang vernahm, der von der Straße kommen mußte. Es war der leise, singende Ton einer Violine, auf der jemand die Melodie von Tostis »Chanson d'Adieu« spielte. Mit einem unterdrückten Fluch eilte Mark zur Balkontür, zog die Vorhänge auf und trat hinaus.

Aber es war niemand auf dem Gehsteig vor dem Haus zu sehen, auch war nichts zu hören.

Er ging ins Zimmer zurück und schloß die Tür. Im selben Augenblick vernahm er auch die Melodie wieder. Jetzt schien sie von der Wand her zu kommen.

Dann brach das Spiel plötzlich ab.

Es klopfte, und Mark öffnete. Ann Perryman kam herein.

»Haben Sie die Violine gehört?« fragte sie.

»Ja. Treten Sie bitte näher.«

»Ich saß in meinem Schlafzimmer und nähte« – sie zeigte auf die Wand –, »als ich plötzlich das Spiel hörte. War es nicht die Melodie, die Li Yoseph liebte?«

Tiser blinzelte und schwätzte wie ein Verrückter.

»Sie haben es gehört?« wimmerte er. »Das war Li Yoseph. Niemand spielte die Melodie so wie er ... Er hat niemals den richtigen Takt gehalten ... Mark, ich will schwören, daß es Li ist! Bestimmt war er in meinem Schlafzimmer!«

McGill packte ihn an der Schulter und schleuderte ihn auf das Sofa.

»Du bleibst hier sitzen und hältst jetzt den Mund, du Affe!« sagte er rauh. »Achten Sie nicht auf ihn, Ann, er ist schon wieder betrunken.«

»Wann hat er denn Li Yoseph gesehen?«

»Er hat ihn überhaupt nicht gesehen – er hat doch nur geträumt. Was kann man denn von einem solchen Trunkenbold erwarten, der niemals nüchtern zu Bett geht?«

Tiser wollte protestieren, aber Mark achtete nicht auf ihn.

»Tiser ist verrückt. Jeder kann ihm doch ansehen, daß er nicht ganz bei Vernunft ist. Das war eben irgendein Straßenmusikant, in einer so stillen Nacht wie heute kann man eine Violine unheimlich weit hören. Wahrscheinlich spielte jemand in der Nähe. Sie wollen schon wieder gehen, Ann?«

Sie stand bereits an der Tür.

»Ja. Ich war nur neugierig, ob Sie es auch gehört hätten. Das war alles.«

Bevor er sie aufhalten konnte, war sie schon gegangen. Er hörte, wie sie die Tür ihrer Wohnung schloß. Mit einem Schritt war er am Sofa, packte Tiser, riß ihn in die Höhe und schüttelte ihn heftig.

»Wie oft habe ich dir Esel schon gesagt, daß du das Mädchen nicht durch deine Dummheiten erschrecken sollst! Nimm dich in acht, Tiser! Wenn du mir gefährlich wirst, gehst du denselben Weg wie Li Yoseph. Das kann ich dir ruhig sagen, denn du kannst mich ja nicht anzeigen, ohne selbst an den Galgen zu kommen.«

Er stieß Tiser vor sich her, der sich nur mit Mühe aufrecht halten konnte.

»Es ist schon gut, Mark«, sagte er unterwürfig. »Es tut mir schrecklich leid, daß ich dich gestört habe. Wahrscheinlich habe ich gestern zuviel getrunken.«

Er eilte aus dem Zimmer und rannte die Treppe hinunter. Als er die Oxford Street erreichte, war er außer Atem, aber er fühlte sich etwas erleichtert. Je weiter er ging, desto mehr schwand seine Furcht.

Die Herberge lag an einer Straßenecke hinter Hammersmith Broadway. Um diese Zeit lagen beide Straßen vollkommen verlassen da. Als Tiser um die Ecke bog, sah er einen Mann, der mit dem Rücken gegen eine Laterne lehnte. Er glaubte zuerst, der Fremde sei eingenickt, denn sein Kopf war auf die Brust gesunken. Tiser ging schnell, um an ihm vorbeizukommen. Das Licht aus dem Versorgungsheim schimmerte ihm schon einladend durch das große Fenster über der Haustür entgegen und flößte ihm Vertrauen ein. In einer sonderbaren Anwandlung von Mut sagte er »Guten Abend«, als er an dem Mann vorbeikam.

Der Fremde schaute auf. Tiser starrte einen Augenblick in das gelbe Gesicht, sah die Astrachanmütze und das wirre, graue Haar, das unter der Kappe hervorquoll; er sah die große, gebogene Nase und das runzlige Kinn ...

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