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Über Liebe und Ehe

Ellen Key: Über Liebe und Ehe - Kapitel 9
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authorEllen Key
titleÜber Liebe und Ehe
publisherS. Fischer Verlag
printrunSechzehnte Auflage (31.?32. Tausend)
year1914
translatorFrancis Maro
correctorreuters@abc.de
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Die Mütterlichkeit der Gesellschaft

Auf einem kürzlich abgehaltenen Frauenrechtlerinnenkongress wurde eine Kantate gesungen, die verkündete: dass die Menschheit unter der Herrschaft des Mannes in Dunkelheit und Verbrechen umhergetappt sei. Aber aus der Seele der Frauen würde die Menschheit wieder geboren werden, der Sonnenaufgang würde das nächtliche Dunkel zerstreuen und das Erscheinen des Messias gewiss sein!

Dass die Männer in der Zeit ihrer Gewaltherrschaft doch einige Kleinigkeiten zusammengebracht haben – beispielsweise Religionen und Gesetze, Wissenschaften und Künste, Entdeckungen und Erfindungen – dass ihre Winternacht wenigstens eine Winterstrasse Die schwedische Benennung der Milchstrasse. gehabt hat, das geruhte Ihre Majestät die Frau zu vergessen!

Wenn der Mann rachsüchtig genug wäre, nachzuforschen, was denn die Frau im Laufe der Zeiten geleistet habe, das ihr schwindelndes Selbstgefühl berechtigen oder, mit andern Worten, den Vergleich mit den eben genannten Werken des Mannes bestehen könnte, dann fände er nur eines!

Als die Natur den Geschlechtstrieb schuf, da wandelte die Frau ihn in Liebe um; als die Notwendigkeit die Wohnstätte hervorrief, da schuf die Frau daraus das Heim. Ihr grosser Kultureinsatz war also die Zärtlichkeit.

Und dieses Werk ist in Wahrheit bedeutungsvoll genug, um den Einsatz des Mannes aufzuwiegen – nicht aber, um ihn wertlos zu machen!

 

Glücklicherweise verstummt die Behauptung immer mehr, dass die »Unterdrückung« durch den Mann der Frau die Möglichkeit geraubt habe, auch auf seinen Gebieten ihre Kraft zu erproben. Mehr und mehr sieht man ein, dass im Daseinskampfe die Notwendigkeit der Gesellschaftsarbeit der Frau die Form der häuslichen Arbeit gab. Dieselbe Notwendigkeit hat nun – im grossen gesehen – die an die häusliche Arbeit gebundenen Kräfte freigemacht, obgleich die Frau niemals, zu keiner Zeit, von dem Gebrauch ihrer geistigen Fähigkeiten ausgeschlossen war. Dieser Gebrauch war jedoch selbstverständlich nur ein gelegentlicher, solange die ganze Hauptsumme ihres Kraftverbrauchs einem andern Gebiete angehörte.

Aus dem Gesichtspunkte der nun befreiten weiblichen Persönlichkeit verlangen die Frauen – und viele Männer für sie – das Recht, diese persönlich-menschlichen Kräfte für die Gesellschaftsarbeit einzusetzen. Sie weisen besonders auf die Versäumnisse des Staates in jenem Pflichtenkreise hin, der schon im Heim ihr eigenster ist, nämlich das Dasein der Zarten oder Schwachen zu schützen und zu heben. Und die Männer beginnen einzusehen, dass, je fester die Gesellschaft sich organisiert, desto unentbehrlicher das Zusammenwirken aller ihrer Teile wird, wenn der soziale Organismus wirklich sein Ziel, die Wohlfahrt aller, erreichen soll; sie sehen ein, dass die neuen Formen der Staatshilfe wie der Selbsthilfe, die man nun immer zielbewusster sucht, nicht den wirklichen Bedürfnissen angepasst werden können, wenn nicht die Frau auf allen Gebieten mit dem Manne zusammen arbeiten und an der Gesetzgebung teilnehmen kann, die über ihre eigene Wohlfahrt wie über die ihrer Kinder entscheidet.

Aber dass die Organisierung der Gesellschaft nun so weit vorgeschritten ist, dass der Mann sich nach der Hilfe der Frau umsieht, das sollte kein Grund für die Frauen sein, dem Manne die ganze Schuld an der langsamen Entwicklung der Gesellschaft aufzubürden! Die Langsamkeit ist in gleichem Grade der bisherigen Natur der Frau wie der des Mannes zuzuschreiben, der Begrenzung, der Gebundenheit beider durch die Gesetze der Entwicklung. Das Fortschreiten zu höheren Zuständen beruht in gleichem Masse auf Umwandlungen in beider Wesen, beider Idealen, beider Kulturmitteln und Kulturzielen. Diese Umwandlungen nehmen ihren allerersten Anfang mit der Erziehung, die die Frauen der neuen Generation geben, welche dann Gesetze erlassen, die Arbeit ordnen und den Verbrauch nach den Bedürfnissen bestimmen wird, die sie mit ins Leben bringen, nach den Werten, die sie im Heim lieben gelernt haben.

Unsere Zeit ist diejenige, die sich ihrer eigenen Mängel wahrscheinlich am meisten bewusst ist. Aber nichts ist für das Rechtsgefühl empörender, als wenn dieses Bewusstsein die Form des Grössenwahnsinns der Frauen annimmt, die meinen, dass es in ihrer Machtvollkommenheit stehe, den Weltverlauf zu wenden!

Nach der ersten grossen Einteilung der Menschheit durch die Natur haben Natur und Kultur vereint eine feinere getroffen, die des Schöpfers auf der einen Seite, des Stoffes auf der anderen. Nächst dem, selbst ein Schaffender zu sein, ist es gross, edler Stoff in der Hand eines Schaffenden zu werden. Und Kultursteigerung in geistigem wie in materiellem Sinne vollzieht sich dadurch, dass es den Schöpfern gelingt, Macht über den Stoff zu gewinnen. In bezug auf das Menschenmaterial bedeutet dies, dass die Schöpfer – oder Führer – es zustande bringen, die übrigen zu wirklich wollenden und wägenden Mitarbeitern zu machen. Von Hirten vorwärts getriebene Herden oder Massen mit diesen gleichwertigen Köpfen an der Spitze haben nie dauernde Wirkungen im Kulturverlauf hervorgebracht. Diese treten erst dann ein, wenn ein Schöpfer die Vielen für neue Ziele entflammt oder sie lehrt, die Mittel zu veredeln, durch die sie erstrebenswerte Ziele erreichen können.

Ob es den Frauen gelingen wird, der Gesellschaftsentwicklung eine ganz andere Richtung zu geben, als es die Männer bisher getan haben, hängt also davon ab, ob unter den Frauen Führerinnen erstehen werden, die auf höhere Ziele hinweisen und reinere Mittel gebrauchen, als selbst die besten Männer bisher.

Aber was gibt uns die Berechtigung, dies von den Frauen zu erwarten? Die Berechtigung kann nirgends anderswo gesucht werden, als auf dem Gebiete ihrer eigenen Schöpfungen, der Liebe, der Mütterlichkeit, des Heims, des Haushalts. Wenn es sich zeigt, dass die Frauen all diesen Gebieten die Vollendung gegeben haben, deren sie fähig sind, dann ist wirklich vollauf Grund vorhanden, auch an ihre wunderwirkende Macht auf dem Gebiete der Gesellschaftsorganisation zu glauben.

Aber wenn man auch voll die Hindernisse anerkennt, die die Gesellschaftsordnung des Mannes, seine Gesetzgebung, seine Natur den Frauen in den Weg gestellt hat – gibt es eine einzige denkende Frau, die zu behaupten wagt, dass sie selbst, dass die Frauen im allgemeinen doch auf ihrem besonderen Gebiete alles getan haben, was sie konnten; dass sie bis zum äussersten alle Gelegenheiten benützt haben, die ihnen zugänglich waren? Welche gewissenhafte Frau sieht nicht ein, dass die meisten noch die grossen Erfindungen ihres Geschlechtes durch die Art verpfuschen, wie sie als Pflegerinnen und Erzieherinnen der Kinder wirken, als Geliebte, Gattinnen, Heimgründerinnen, Hausmütter! Auf jedem Gebiete lassen sie Kunst und Wissenschaft, Klarblick und Fürsorge vermissen. Sie haben oft nicht die primitivsten Voraussetzungen, ein Liebesglück zu vertiefen und zu verfeinern; wertvolle Kinder zur Welt zu bringen und zu erziehen; mit den geringsten Ausgaben an Kräften und Mitteln die grösste Summe materiellen Wohlbefindens für die Mitglieder der Familie zu erzielen; den geistigen Einkommen- und Ausgabenetat so zu ordnen, dass die höchstmögliche Lebenssteigerung der Reingewinn ist. Ganz so wie die Mehrzahl der Männer nur langsam und teilweise die Gedanken, die Schönheitswerke, die Erfindungen, die ihre Führer ihnen bringen, aufnehmen und umsetzen, so nehmen auch die Frauen nur langsam und teilweise die führenden Ideen auf ihrem Gebiete auf.

Es muss also, nicht nur in der Natur des Mannes, sondern auch in der des Weibes, etwas geben, das die Vollkommenheit erschwert und den Fortschritt aufhält?!

Wenn dem so ist – und die Annahme dürfte wohl nicht als zu kühn angesehen werden – dann wird man vielleicht auch wagen dürfen, einen leisen Zweifel daran auszusprechen, ob die Menschheit es wirklich so viel weiter gebracht haben würde, wenn in den vergangenen Jahrhunderten die Frauen die Führung innegehabt hätten? Und hat man sich einmal so weit gewagt, dann wird man sich auch erkühnen können, zu fragen: ob diese selben Frauen – die ihre eigenen Werke so wenig vervollkommnet haben – wenn sie nun dahin gelangen, an der Gesellschaftsorganisation teilzunehmen, sogleich das vervollkommnen werden, was der Mann verpfuscht hat: die Schwerter in Pflugscharen umwandeln und das Reich des Messias schaffen, wo Friede und Gerechtigkeit sich den Bruderkuss geben?!

Erst nachdem sie sich von jeder Gemeinschaft mit Frauenüberhebung und Frauenverherrlichung losgesagt hat, kann eine Frau von intellektuellem Anständigkeitsgefühl sich mit der Frage der Gesellschaftsarbeit ihres Geschlechtes befassen.

 

Die Vertreterinnen der Frauenbewegungen bilden in allen Ländern eine Rechte und eine Linke, jede wieder mit einem äussersten Flügel.

Der eigentliche religiöse Kult der Rechten ist die Frau als Idealwesen. Daneben umfasst ihre Dogmatik das Christentum, die Monogamie und im übrigen die bestehende Gesellschaftsordnung. Innerhalb der alten Formen wollen sie die Frau dem Manne gleichgestellt sehen. Für den äussersten Flügel dieser Gruppe sind die Pflicht, die Arbeit und die Nützlichkeit die grossen Worte des Lebens: das Glück, die Liebe und die Schönheit fallen nicht in den Kreis der Rechte und Pflichten der Frau! Die Flecken des jetzigen Gesellschaftsgebäudes weiss zu übertünchen; den Raum für sich durch einen rechten Flügel zu vergrössern – das ist ihr höchstes Ziel; das Hauptgebäude selbst wollen sie in unveränderter Gestalt bewahren.

Die Linke hat auch ihre Gottheiten – aber »die Frau« gehört nicht zu ihnen. Sie will die jetzige Ehe durch eine neue Sittlichkeit umbilden, die jetzige Gesellschaft durch eine höhere Organisation, die ein tieferes Solidaritätsgefühl ausdrückt. Sie sieht also das Recht und die Freiheit des Weibes wie des Mannes im Zusammenhang mit der Wohlfahrt der Gesamtheit. Aus diesem Gesichtspunkt hält sie die Freiheit der Frau in der Liebe und ihr Recht auf die Mutterschaft für ebenso wichtig, wie das Recht, zu stimmen und die Freiheit, zu arbeiten.

Hier tritt jedoch eine Scheidung von der äussersten Linken ein, die der Frau dadurch volle persönliche Bewegungsfreiheit geben will, dass sie die Kinder der Obhut der Gesellschaft überantwortet.

Der äusserste Flügel des alten Feminismus begegnet so dem äussersten Flügel des neuen Feminismus darin, dass beiden die Kraftentwicklung der Frau in dem Masse Selbstzweck ist, dass ihr Recht ihnen ganz unabhängig davon erscheint, ob die Kraftentwicklung die Lebenstauglichkeit des ganzen Organismus verringert oder steigert.

In allem übrigen ist der Gegensatz diametral, ausser auf dem Felde, wo alle Gruppen sich begegnen: in der Forderung der juridischen und politischen Gleichstellung der Frau mit dem Manne.

Diejenigen, welche für die Frau politische Rechte als Äquivalent für ihre Steuerpflicht und ihre Muttermühen verlangen, haben gute Gründe für ihre Forderungen.

Anmerkung: Eine in diesem Falle sprechende Ziffer ist, dass – während auf den Schlachtfeldern Hunderttausende von preussischen Männern geopfert wurden – in den Jahren 1816–1875 nicht weniger als 363 624 preussische Frauen im Kindbett gestorben sind.

Noch stärker wird jedoch die Position, wenn der Anspruch sich auf das Bedürfnis der Gesellschaft stützt, dass jedes Mitglied innerhalb derselben mitwirke, die Befriedigung seiner eigenen Bedürfnisse zu fördern. Denn die moderne Gesellschaft entspricht immer mehr dem Begriffe eines immer höheren Organismus, wo jeder Teil mehr und mehr wesentlich für das Ganze wird, mit seinen Forderungen und Kräften immer mehr die Wohlfahrt oder das Unheil des Organismus bestimmt, und selbst seinerseits immer mehr Nutzen oder Schaden durch den Zustand des ganzen Organismus hat.

Die Gesellschaft, das sind die Menschen – Männer, Frauen und Kinder, Tote, Lebende und Ungeborene – nicht mehr, aber auch nicht weniger; die Menschen, zusammengeschlossen, um so das Leben des einzelnen und das Leben aller immer höher zu steigern. Dieser Zusammenschluss nimmt zuerst einfache, dann immer zusammengesetztere Organisationsformen an: einfache, solange die Bedürfnisse es sind, da nur die Bedürfnisse den Menschen in Bewegung setzen, um zu organisieren. Eine steigende Kultur bedeutet eine immer vollkommenere Befriedigung immer zusammengesetzterer und veredelterer Bedürfnisse. Aber da die Bedürfnisse uns in Bewegung setzen, ruft auch jede Hemmung der Bewegung unmittelbare Leiden hervor, dadurch dass wir die Ursache unserer Unlust nicht aufheben können; mittelbare, weil wir das Lustgefühl einbüssen, das die Bewegung uns gebracht haben könnte.

Wenn man einsieht, dass es das Ziel des Staates ist, dass jedes seiner Mitglieder seine Kräfte im höchstmöglichen Grade für die höchstmöglichen Ziele gebrauche und entwickle, dann wird man nicht mehr in abstrakten staatsrechtlichen Konstruktionen, sondern in den Gesetzen des Menschenlebens die Kriterien der Gesundheit eines Gemeinwesens suchen.

Die Gesellschaftsordnung muss die Lebenssteigerung der einzelnen begünstigen; die Freiheitseinschränkung des einzelnen muss der Lebenssteigerung des Ganzen zugute kommen – dies ist der Grund, warum der Evolutionist das eine Mal die Bewegungsfreiheit des Individuums erweitern, das andere Mal sie einschränken will.

Der Parallelismus mit dem menschlichen Organismus ist ein greifbarer. Die Gestaltung und die Tätigkeit der einzelnen Zellen entscheiden über den Bau des Organismus; der Grad, in dem ihre Bedürfnisse befriedigt werden, über die Gesundheit des Organismus. Sämtliche Lebensforderungen des Organismus begrenzen die »Machterweiterung« und »Selbstbestimmung« der Zellen, denn ohne die Gesundheit des ganzen Organismus würden auch die Zellen verkümmern.

Jede starke Volksbewegung – und die Wahlrechtsforderung der Frauen ist schon eine solche – wird durch den Willen vieler einzelner hervorgerufen, die Gesellschaft nach einer gewissen Richtung hin zu modifizieren, um ihre besonderen Bedürfnisse und damit die der Gesamtheit besser zu befriedigen. Eine solche Bewegung wird anfangs stets aus dem Gesichtspunkte des Zusammenhalts, des Gleichgewichts und der Gesundheit der Gesamtheit zurückgewiesen. Und da sich eine Umwandlung in einem Gemeinwesen niemals gleichzeitig oder gleichmässig vollzieht, da das Bedürfnis nach neuen Formen lange von geringer Ausbreitung ist, haben die Konservativen in der Regel im Anfang mit ihrem Widerstand recht; recht, bis die Umwandlung so weit vorgeschritten ist, dass die Gesundheit des ganzen Organismus es erheischt, dass die betreffende Gesellschaftsklasse, Glaubensgenossenschaft oder Meinungsgruppe jene Freiheit der Kraftausübung erhalte, ohne die sie sich schlecht befindet. Denn das schlechte Befinden vieler schadet dem Ganzen. Der Konservatismus hat folglich schliesslich Unrecht durch die sich stets wiederholende Erfahrung: dass, wenn die Lebenskraft irgend eines bedeutungsvollen Organs sich erhöht, zugleich die Lebenskraft des ganzen Organismus sich steigert. Und das Wahlrecht der Frau muss also vor allem aus dem Gesichtspunkt des gesellschaftlichen Wertes der Frauenkräfte gefordert werden, aus dem sich ihr Recht auf Bewegungsfreiheit ergibt.

»Es fällt uns nicht ein,« antworten die Gegner, »irgend etwas davon zu bestreiten. Die Frau hat schon, zwar nicht der Art, jedoch dem Grade nach, dieselbe Macht wie der Mann, ebenso gewiss wie das Herz ein ebenso lebenswichtiges Organ ist wie das Hirn. Aber der ganze Organismus ginge unter, wollte sich das Herz die Funktionen des Gehirns anmassen. Die Frau ist das Organ des Gefühls im Menschenleben geworden – aber die Gefühle können keine leitende Aufgabe in der Öffentlichkeit haben. Die Frau muss dort entweder sich selbst untreu werden, oder sie kann nicht zu Bedeutung gelangen. Es wäre ein unerhörter Kulturverlust, wenn sie in die Bahnen des männlichen Egoismus gedrängt würde, anstatt ihre ganze Kraft für die Erziehung der künftigen Männer einzusetzen. So würden neue Geschlechter gross gesinnter und gross sehender Männer die Gesellschaft nach den Idealen der Frau umgestalten, anstatt dass sie selbst die Ideale in Parteistreitigkeiten verliert, bei denen Sieg mit allen Mitteln, nicht das Ziel zur Hauptsache wird.« »Wenn,« bemerkte so eine denkende junge Arbeiterin, »der Knabe Mutter wie Vater als Machtstreber sähe, mit all der Härte und Rücksichtslosigkeit, die dies im Gefolge hat, dann wäre der Idealismus in der Welt bald ausgestorben, während hingegen die Frauen, wenn sie rücksichtslos an Väter und Brüder, Männer und Söhne die höchsten idealen Anforderungen stellen, allmählich mittelbar idealere Zustände hervorrufen können.«

Diese Anschauung, die innerhalb des Gesellschaftsorganismus der Frau die Aufgabe des einen Zentralorgans, dem Manne die des anderen zuweist, entspricht jedoch nicht der Wirklichkeit. Sowie das Individuum vom Wirbel bis zur Sohle von seinem Geschlecht bestimmt ist, so ist auch die Gesellschaft vom Gipfel bis zum Grunde durchwegs zweigeschlechtlich; jede Funktion der Leitung beeinflusst daher alle Frauen ebenso wie alle Männer. Doch nur die letzteren haben jetzt die Möglichkeit, unmittelbar ihrer Lebenshemmung abzuhelfen und ihre Lebenssteigerung zu fördern, indem sie ebenfalls Teil an den Funktionen nehmen, durch die sie beeinflusst werden.

Weil jede »Zelle«, die mittelbar oder unmittelbar den Gesellschaftsorganismus aufbaut, eine männliche oder weibliche ist, ist es undenkbar, dass nicht eine höhere Organisation der Gesellschaft schliesslich mit Notwendigkeit diesen ihren zweigeschlechtlichen Charakter ausdrücken muss. So wie die Familie – der erste »Staat« – muss sich auch der endliche Staat als eine Einheit des männlichen und des weiblichen Prinzips darstellen. Oder mit anderen Worten, er muss eine »Staatsehe« werden, nicht wie bisher nur ein »Staatszölibat!« Nur indem sie selbst funktionieren, nicht die männlichen Zellen es für sich tun lassen, können die weiblichen als Gesellschaftsmitglieder ihre höchstmögliche Lebensteigerung erfahren. Solange die Frauen sich damit begnügten, sich von den Männern vertreten zu lassen, störte die Rechtlosigkeit der Frauen nicht das Wohlbefinden des Organismus. Nun ist jedoch die Störung eingetreten und kann nur durch eine Umwandlung behoben werden. Aber was die Gesundheit des Organismus im höchsten Grad erfordert, das ist, dass die weiblichen Zellen, wenn sie sozial zu funktionieren beginnen, ihren Geschlechtscharakter beibehalten, denn sonst wäre keine höhere Entwicklungsform erreicht. Nicht das männliche Geschlecht, wohl aber die Leitung der Gesellschaft kann in Wahrheit mit deren Hirn verglichen werden, sowie die Repräsentation mit ihrem Nervensystem. Die jetzige Gesellschaft leidet an einseitiger Lähmung, solange die eine Hälfte von der Möglichkeit ausgeschlossen ist, durch das Nervensystem dem Hirn von ihren Forderungen Kunde zu bringen. Und die Gesellschaft leidet unter diesem Zustand ebenso sehr, wie der Körper unter einem ähnlichen leiden würde. Man kann dies am besten einsehen, wenn man den Staat beobachtet, wo der ganze Körper gelähmt ist und nur das Hirn arbeitet, nämlich Russland. Da sprechen nur die Wunden davon, dass der Organismus in seiner Gesamtheit lebt. Aber alle Staaten Europas tragen noch ein Russland in sich, jenen Teil der Gesellschaft, den Camilla Collet mit Recht »das Lager der Stummen« genannt hat. Mit derselben inneren Notwendigkeit, mit der eine Anzahl Männer in den Ländern, wo der Zustand einstmals dem Russlands glich, die landesväterliche Fürsorge abschüttelten und sich die Freiheit nahmen, selbst ihre Bedürfnisse zu erkennen zu geben, selbst über die Voraussetzungen ihres Wohlbefindens zu entscheiden, müssen auch die Frauen – und die Arbeiter – dieses Recht erlangen. Dies bedeutet nicht, dass die weibliche Hälfte vollkommener oder unter geringeren Fährnissen arbeiten wird als die männliche. Aber es bedeutet, dass der ganze Organismus mehr arbeiten, sich besser befinden und sich zu einem höheren Zustand entwickeln wird. Die jetzigen Rechtsinhaber werden von den Frauen wie von den Arbeitern Lügen gestraft, wenn sie behaupten, dass sie die Bedürfnisse der Unrepräsentierten voll berücksichtigen und ihre Kräfte richtig leiten. Und nicht den mit sich selbst und ihrer Macht Zufriedenen, sondern den Missvergnügten muss man Gehör schenken, wenn höhere Zustände erreicht werden sollen!

Zu diesen allgemeinen Gesichtspunkten kommt – für die kleinen Völker – noch der, dass je lebendiger und durch und durch aktiver der ganze Gesellschaftskörper ist, desto mehr Widerstandskraft er im Kampfe um sein Dasein besitzt. Die Völker, bei denen jeder Mensch zugleich mit den Interessen der Gesellschaft seine eigenen wahrnehmen kann, werden – unter im übrigen gleichen Bedingungen – die anderen ebenso weit übertreffen, wie ein Heer von Sportsmännern ein Heer von Invaliden.

 

Die Gesellschaft steht vor immer komplizierteren Aufgaben. Eine bisher ungenützte Kraft bietet nun ihre Mitwirkung zur Lösung an: die zum Gesellschaftsbewusstsein erwachte Frau.

Immer inbrünstiger wünschen alle Denkenden neue Zustände herbei. Aber solche entstehen nicht allein durch neue äussere Verhältnisse, wie der Sozialist allzu willig glaubt. Auch nicht durch neue Gedanken und Erfindungen, wie der Gelehrte allzu einseitig meint. Neue Zustände entstehen vor allem durch neue Menschen, neue Seelen, neue Gefühle. Nur diese schaffen neue Lebenspläne, neue Handlungsweisen; nur sie werten die Werte um, die unzählige einzelne dann tagein tagaus erstreben. Ein neuer Gedanke wird zuerst bei einem Einzelnen Gefühl und Triebkraft, dann bei Einigen, dann bei Vielen, schliesslich für das Ganze. Wer das bei irgend einer bestimmten Idee verfolgen konnte, weiss, dass das so ist wie im Frühling, wo zuerst eine einsame Birke auf der Sonnenseite ihre gelbgrüne Fahne entfaltet; dann zieht das Gelb, Rotbraun und Grün einen immer dichteren Schleier über das Grau, bis schliesslich alle Kronen sich in Fülle runden, alle Farben auf einen Ton gedämpft sind und man sich kaum mehr erinnert, wie es in der farbenschillernden Zeit war, als der Faulbaum weiss im Grün stand, die Butterblumen in wilder Sonnenfreude sich über das Gras ausstreuten, die Maiglöckchen aus dem Blattversteck perlten und der Kuckuck den Sommer kündete!

Die Gefühle sind der Lebenssaft, der ansteigt, wenn die menschliche Landschaft Farbe und Form ändert. Darum ist nie eine tiefe geistige Umwälzung gelungen, ohne dass die Frauen mit dabei beteiligt waren. Auf diese grosse, schon mittelbar wirksame Macht der Frau kann man mit Recht die Hoffnung gründen, dass ihre unmittelbare Machtausübung noch wirksamer werden wird – wenn sie dabei ihre weibliche Eigenart bewahrt!

Die Frauen haben seit urdenklichen Zeiten nicht nur mittelbar, nein auch unmittelbar an der Regierung der Völker und an ihren Kämpfen teilgenommen, ohne dadurch irgend einen neuen Einsatz zu machen.

Es ist in dieser Hinsicht bezeichnend, dass die Frauen in Frankreich und in England – durch den Grundbesitz – in früheren Zeiten eine Form des Wahlrechts hatten, das sie in ersterem Lande bei der grossen Revolution, in letzterem durch die grosse Wahlrechtsreform wieder verloren. Aber dieses ihr Stimmrecht hat keine sichtbaren Spuren in den Gesetzen, politischen Ideen und Gesellschaftsverhältnissen ihres Landes hinterlassen. Alles vollzog sich damals wie später nach der Führung der Männer. Nicht das Wahlrecht der Frauen also, sondern nur ihre Art, es zu gebrauchen, wird das bedeutungsvolle sein.

Ganz wie die strengere Geschlechtsmoral die Liebe der Frau seelenvoller machte – bis sie nun die Freiheit der Liebe fordern kann, weil sie damit einen neuen Einsatz zu leisten hat – so dämmten die Hindernisse, die der äusseren Tätigkeit der Frau gesetzt waren, ihr Gefühlsleben ein. Während der Arbeitsteilung in ein »männliches« und ein »weibliches« Gebiet wurde die Eigenart der Frau gefestigter; ihr Gefühl vertiefte sich nach der Richtung, in der sie nun bereit ist, es unmittelbar im Dienste der Menschheit zu betätigen. Die Liebe hat ihrer ganzen Art zu denken und zu fühlen, zu wollen und zu wirken den Stempel aufgedrückt. So ist sie zu jener Verschiedenheit von dem Manne gelangt, die sie nun im öffentlichen Leben behaupten muss.

Es ist ebenso natürlich wie erfreulich, dass die Frau mit ihrer Forderung, an den gesellschaftlichen Pflichten und Rechten Teil zu haben, gerade in unserer Zeit hervortritt, wo der Begriff des Zusammenhanges, das Gefühl der Solidarität in jedem einzelnen Volke wie auch unter den Völkern immer bewusster geworden ist. Denn ein klareres Bewusstsein des Zusammenhanges wird die Frau vor einer Anzahl männlicher Irrtümer bewahren; ein tiefer gefasstes Solidaritätsgefühl wird sie vor einer Anzahl weiblicher Schwächen behüten – während die besten Züge der weiblichen Eigenart für die Vertiefung des Solidaritätsgefühls unschätzbar sein werden. Der moderne Mensch ist immer empfindlicher gegen seine eigenen Leiden geworden, und dies ist die erste Voraussetzung dafür, auch die der anderen zu empfinden. Aber nun handelt es sich darum, auch wirklich das Gefühl für andere so sehr zu vertiefen und zu verfeinern, dass der Gesellschaftsorganismus es nicht mehr erträgt, wenn eines seiner Glieder eine Lebenshemmung erleidet, der abgeholfen werden kann. Hier wird die tiefere Sensibilität der Frau, ihre reichere Zärtlichkeit ihre grosse Aufgabe erfüllen können. Allerdings beginnt es, – wie schon an anderer Stelle dargelegt wurde – immer unmöglicher zu werden, vom »Manne« oder von der »Frau« im allgemeinen zu sprechen, weil die Individualisierung jedes Geschlecht immer verschiedener in sich macht, während die Entwicklung die beiden Geschlechter einander immer mehr nähert. Dutzendfrauen wie Dutzendmänner haben mehr Verstand als Gefühl. Aber wo bei dem Manne Empfindungsfähigkeit vorhanden ist, ist sie heftiger und vorübergehender, bei der Frau hingegen inniger und werktätiger. Die Mehrzahl der Männer wie der Frauen denken selten. Aber wenn Mann und Frau denken, dann ist der Weg des Mannes in der Regel der der Deduktion und Analyse, der Weg der Frau der der Intuition und Synthese. Sie vereint Instinkt und Reflexion, so wie sie beim Dichter vereint sind. Beider Denken bildet nur in dem Sinne eine zusammenhängende Lichtlinie, wie eine perspektivisch gesehene Laternenreihe es tut. Ihre Handlungen haben – wie seine Gedichte – die unbewusste Zielbewusstheit der Eingebung.

Diese allgemeinen Kennzeichen sind freilich in vielen einzelnen Fällen aufgehoben. Es ist z. B. Tatsache, dass die strahlendsten Erscheinungen der christlichen Barmherzigkeit Männer waren. Dies hindert doch nicht, das bei den Frauen »the milk of human kindness« reicher fliesst als bei den meisten Männern.

Diese Überlegenheit ist die natürliche Folge der Mütterlichkeit, die sich im Frauengeschlecht allmählich zu einem unmittelbaren Gefühl für alles Schwache und Hilfsbedürftige, alles Keimende und Werdende entwickelt hat.

Aber daraus geht hervor, dass die Frau, wenn sie durch ihre Teilnahme am öffentlichen Leben eine grosse neue, zukunftsteigernde Kraft werden soll, nicht allein nichts von der Macht des Mitgefühls, die sie schon hat, verlieren darf, sondern dass sie sie im Gegenteil vertiefen und erweitern muss. Mütterlichkeit ist nicht bei allen zu finden, die schon Mütter sind, und wir sind ja in der wunderlichen Lage, dass – während der Mann einzusehen beginnt, wie sehr die Gesellschaft die Mütterlichkeit braucht – eine Anzahl Frauen nicht mehr Mütter sein wollen, weil ihre persönliche Entwicklung und ihre bürgerlichen Aufgaben dadurch gehemmt werden. Nichts ist unumgänglicher, als dass die Frau für ihre neue Gesellschaftsaufgabe intellektuell vorgebildet wird. Aber verliert sie dabei ihre weibliche Eigenart, dann tritt sie an die Gesellschaftsaufgabe heran, wie ein Landmann mit vervollkommneten Ackergerätschaften, aber – ohne Aussaat!

Bei aller privaten Tätigkeit ist die Individualität die vornehmste Aussaat, während auf dem Arbeitsfelde der Gesellschaft hingegen die Frauen auf lange hinaus durch ihre allgemein-weibliche Eigenart am meisten bedeuten dürften. Leider ist es nämlich im öffentlichen Leben oft noch so, dass die Individualität ein Hemmnis für die gemeinsame Arbeit bildet, die sich da eher durch Parteigemeinsamkeit der Interessen und Ansichten vollzieht, als durch das Zusammenwirken von Verschiedenheiten. Nur in seltenen Fällen hat ein »Wilder« die Möglichkeit, in die Beschlüsse einzugreifen. Weniger als einzelne Persönlichkeit, eher als ein neues, starkes Prinzip, als ein grosser Einsatz eines bisher ungebrauchten Wertes, dürfte die Frau bis auf weiteres die Gesellschaft beeinflussen können. Gewiss werden einzelne Frauen – durch geistige Überlegenheit, intellektuelle Entwicklung, Willensstärke und Arbeitskraft – zur Lösung der Gesellschaftsaufgaben viel von allgemeinmenschlichem Werte beitragen. Aber im letzten Grunde muss man doch auf den Artunterschied zwischen Mannes- und Frauenwesen die Hoffnung gründen, dass die Teilnahme der Frauen an der Gesellschaftsarbeit eine tiefgehende Wirkung hervorrufen werde.

Wenn die Frauen – mit einem atavistischen Rückfall in die alten Kochbuchvorschriften, »nach Geschmack zu nehmen« – das zu können glauben, was die ganze Summe von männlichem Mut, Genie, Begeisterung, Opferwilligkeit und Idealismus bisher nicht vermocht hat; wenn sie bei jeder Meinungsverschiedenheit über Mannes- und Frauenwesen dem Manne auch alle weiblichen Fehler beilegen, aber für sich den Anspruch auf alle männlichen Verdienste erheben, dann überzeugt uns dies nur von – der Entbehrlichkeit der Frau, bis sie bescheidener wird.

Es wäre jedoch um das Recht der Frau, am öffentlichen Leben teilzunehmen, schlecht bestellt, wenn sie ihm nicht etwas wirklich Unentbehrliches, Neues, Eigenartiges zuführen könnte.

Dieses Neue ist nicht ihr Idealismus und Enthusiasmus, wie schön und leicht er auch aufflammen mag, weil die Frau um so viel entzündlicher ist als der Mann, um so viel eifriger, ihre Begeisterung in Tat umzusetzen.

Denn bedeutungsvoll wird nur der Enthusiast und Idealist, der die Flamme seiner Begeisterung in seiner blossen Hand tragen kann, sie tragen kann trotz Brandwunden, sie brennend erhalten trotz Windstössen und so Schritt für Schritt sich dem Ideale nähern kann. Aber solche Enthusiasten und Idealisten – weibliche oder männliche – sind selten, viel seltener als Genies. Sie sind des Lebens Wein und des Lebens Salz. Doch das tägliche Brot auf dem Tische der Gesellschaft können nur die Werte sein, die die Mehrzahl aufzuweisen vermag.

Sehen wir nun die Mehrzahl an, so dürfte bei den Männern das Gerechtigkeitsgefühl, bei den Frauen das Zärtlichkeitsgefühl der grösste Wert sein. Dies bedeutet nicht, dass Männer nicht unerhörte Ungerechtigkeiten dulden wie begehen, ebenso wie Frauen Grausamkeiten. Aber es bedeutet, dass für das öffentliche Handeln des Mannes – bei Revolten wie Revolutionen – die stärkste Triebfeder das Gerechtigkeitsgefühl ist, während das Zärtlichkeitsgefühl hundert Frauen in Bewegung setzt, wenn die Gerechtigkeitsleidenschaft eine antreibt. Nichts ist gewöhnlicher, als schon von den Lippen des Knaben die Worte zu hören: »Recht ist ihm geschehen;« von denen des Mädchens hingegen: »er tut mir aber doch leid!«

Bisher ist nur das männliche Gefühl für die Gesellschaftsgestaltung entscheidend gewesen. Erst wenn das weibliche den gleichen Spielraum erhält wie das männliche; erst wenn das eine dem Extrem des anderen die Wage halten kann, wenn das seine ihre zu grosse Weichheit, das ihre seine zu grosse Härte ausgleicht, erst dann wird die Gesellschaft wirklich durch Väterlichkeit und Mütterlichkeit den berechtigten Bedürfnissen aller ihrer Kinder gerecht werden können.

Aber verkümmert das weibliche Zärtlichkeitsgefühl – dann stehen wir auf demselben Standpunkte, wie bevor die Frau in das Spiel eintrat. Dann werden wir immer weiter »die Steine rücken«, und es wird uns nicht gelingen, »das Spiel umzuwerfen«.

Es ist einmal dargelegt worden, dass das soziale Hirn sich im Laufe der Zeiten mehr entwickelt hat als das einzelne: dadurch dass man mehr gemeinsam dachte und fühlte, hat sich auch die Fähigkeit gesteigert, Mittel zur Förderung des gemeinsamen Wohls zu finden!

Es ist wahrscheinlich; dass die weiblichen Gehirne ihre Tüchtigkeit vor allem dadurch zeigen werden, dass sie die Mittel finden, die das Leben steigern und bewahren, was für die Frau um so viel bedeutungsvoller ist als für den Mann. Denn jedes Leben hat irgend eine Frau unendlich mehr gekostet als irgend einen Mann; jeder auf der Wahlstatt des Krieges oder der Arbeit Verstümmelte hat einmal irgend eine Frau durch sein Kinderlächeln beglückt, hinterlässt immer irgend eine Frau in Tränen.

Aber um so erfindungsreich zu werden, müssen die Frauen das bleiben, was sie sind: ungestüm in der Stärke ihrer Liebe, rasch vibrierend, sonst können sie die Einseitigkeiten des Mannes in der Kulturarbeit nicht ausgleichen. J. S. Mills Buch von der Hörigkeit der Frau hat keine vortrefflicheren Seiten als jene, wo er die Gabe der Frau hervorhebt, von ihren individuellen Beobachtungen geleitet, intuitiv eine allgemeine Wahrheit zu finden und sie, unbehindert von allem Theoretisieren, unbedenklich und klarblickend, in einem bestimmten vorliegenden Falle anzuwenden. Die Frau hält sich, meint er, an das Wirkliche, wenn der Mann sich in Abstraktionen verliert; sie sieht, was ein Beschluss in dem einzelnen Falle bedeuten wird, während er diesen Blick über den allgemeinen Wahrheiten verliert, welche er aus der Wirklichkeit abstrahiert hat, die er in die Abstraktion hineinzwingen will. Diese Eigenschaften der Frau machen sie im guten Sinne rücksichtsloser, rascher, unmittelbarer in ihrem Handeln, während ihr gleichzeitig ihr innigeres oder leidenschaftlicheres Gefühl Mühen, Enttäuschungen und Leiden gegenüber mehr Ausdauer und Geduld verleiht.

Und dieser Meinung Mills entspricht die Ibsens, dessen Grundanschauung von der Frau gerade die ist, dass sie an Selbstbehauptung und Rücksichtslosigkeit stärker wird, sobald es sich um die Werte der Persönlichkeit handelt, aber auch hingebender und opferwilliger auf dem persönlichen Gebiete. Er sieht sie weniger gehemmt von religiösen und sozialen Dogmen, aber von grösserer Frömmigkeit und tieferem Gemeingefühl erfüllt, als der Mann es ist; er sieht bei ihr mehr Einheit zwischen Denken und Handeln, mehr Spontaneität im Handeln, ein sichereres Erfassen des Daseins, mehr Mut es zu leben. Mit einem Worte: er meint, dass die Frau öfter etwas ist, weil sie nicht gestrebt hat, etwas zu werden; dass sie häufiger Wunder zu wirken vermag, weil sie sich nicht mit dem Möglichen begnügen kann.

Anmerkung: Man sehe »Der Torpedo unter der Arche« in »Die Wenigen und die Vielen«.

Nicht vollkommner also, aber – zum Glück für die Fülle des Lebens – anders wurde die Frau, schon als das Leben die Naturfunktion der Mutter und des Vaters verschieden gestaltete; sie zu ungleich gearteten Wesen machte, keines über-, keines untergeordnet, nur unvergleichbar. Diese Differenzierung muss fortbestehen – nicht zum wenigsten in der Politik. Denn sonst würden die Stimmen der Frauen nur die Stimmenzahl verdoppeln, nicht die Beschlüsse ändern; und ihre Beteiligung an der Politik würde ihre kostbaren Kräfte nur vergeuden.

Auch im öffentlichen Leben muss die Frau also den Wunderglauben ihrer Liebe bewahren, ihren Mut zur scheinbaren Unvernunft, diesen Mut, der schon in den Sagen und Märchen der Völker die schönsten Sinnbilder gefunden hat. Was das Privatleben sie gelehrt hat, muss sie nun das öffentliche Leben lehren!

Die Aufgabe ist die denkbar schwerste. Denn es gilt hier, die raschaufflammende Empörung oder Begeisterung des Gefühls zu bewahren, aber befreit von Willkür und Ungerechtigkeit. Es gilt, auf das schlafwandlerisch sichere Pfadfinden des Gefühls zu vertrauen, aber sich gegen die Gefahren der Dummdreistigkeit zu panzern. Es gilt, seinem Gefühle die Beweglichkeit zu lassen, aber es von dem Zusammenhange mit Launen und Unzuverlässigkeit zu lösen. Es gilt, den Blick für das Einzelne zu behalten, aber ihn doch zum Ganzen erheben zu können!

Um all dies zu vermögen, muss die Frau willig sein, vom Manne da zu lernen, wo er seine Stärke hat, ohne sich durch den männlichen Hohn über weibliche Schwächen, durch die männlichen Ansprüche an Überlegenheit verleiten zu lassen, jene Art Stärke anzustreben, die nicht die ihre sein kann. Denn so könnte sie nur jene Stärke einbüssen, die sie sich zu eigen gemacht hat.

 

Leider sprechen nicht alle Zeichen dafür, dass die Frau Akademien absolvieren und Staatsanstellungen bekleiden kann, ohne Schaden an der Sicherheit des Blicks, der Feinheit der Beobachtung, der Milde der Seele und des Wesens zu nehmen. »Die Resultate der Wissenschaft«, »die Gesetze der Geschichte«, »die Erfordernisse der gesellschaftlichen Sicherheit«, »die Opportunität der Kompromisse«, und all das andere, was die Männer auf dem Wege der Neugestaltung aufstapeln, schüchtern auch den Mut der Frau ein, machen auch sie beweissüchtig anstatt ahnungsstark.

Auch die Frauenseele kann in Universitätssälen, Amtsstuben und Geschäftslokalen Gefahr laufen, amtsmässig trocken, kleinlich formelkrämerisch zu werden, schmiegsam gegenüber öffentlicher Ungerechtigkeit, nüchtern gegenüber dem Enthusiasmus. Solche Amts- und Berufsfrauen fürchten sich ebenso sehr wie die Männer, für Träumer oder Volksaufwiegler gehalten zu werden, sie können ebenso logisch die Unvernünftigkeit der Zukunftsgedanken beweisen. Mit einem Worte: wenn die Frauen die Lasten der Männer tragen, dann bekommen sie auch deren krumme Rücken; wen sie ihr Brot auf den allgemeinen Arbeitsfeldern suchen, wird auch die Haut ihrer Hände härter. Aber man kann hoffen – und alles hängt von dieser Hoffnung ab – dass die Frau ihre Gesellschaftsmacht erreicht, ehe sie noch im grossen Ganzen ihre Eigenart verloren hat, und dass sie dann ihren ganzen Sinn darauf richtet, neue Verhältnisse zu ermöglichen, unter denen sie ihre Hand weich, ihre Haltung aufrecht bewahren kann.

Wenn diese Hoffnung fehlschlägt, dann wird der Eintritt der Frau ins öffentliche Leben es nicht hindern, dass man noch in tausend Jahren die Sicherheit über den Wagemut stellt, die Begeisterung durch Klugheit dämpft, die Inspiration durch Fakten zerstampft und die Ideen durch praktische Rücksichten erstickt. Dann wird man auch weiter die Forderungen seines Menschlichkeitsgefühls durch die mit vielen geteilte Verantwortung beschwichtigen; ja, man wird auch sehen, wie sich die Frauen mit der Mehrheit verbinden, um die idealistischen Tollköpfe klug oder – wenn dies nicht gelingen sollte – unschädlich zu machen!

Man hat in diesem Zusammenhang traurigen Anlass sich zu erinnern, wie die Mehrzahl der französischen Frauen gegen Dreyfus war und die Mehrzahl der Engländerinnen gegen die Buren.

Diese Beispiele – neben unzähligen anderen gleichzeitigen oder früheren – berechtigen wohl kaum zu der Hoffnung, dass die Mehrzahl der Frauen in bezug auf die öffentliche Moral schon jetzt über den Männern steht. Die Hoffnung der Zukunft gründet sich darauf, dass die Frau sich klar bewusst wird, dass sie einen anderen Weg zu gehen, eine andere Wirkung zu erreichen hat.

Manche Leute erhoffen von der Frau in der Öffentlichkeit eine um so viel höhere Moral als die des Mannes, weil sie schon im Privatleben um so viel besser sein soll als er. Man weist z. B. darauf hin, um wie viel grösser die Anzahl der männlichen Verbrecher im Vergleiche mit den weiblichen ist, und vergisst, dass, wenn der Mann aus Not oder Genusssucht zum Diebe wird, die Frau eine eingeschriebene – noch häufiger eine uneingeschriebene – Prostituierte wird. Man vergisst, dass, wenn der Mann im Rausche ein Verbrechen begeht, ihn nicht selten häusliche Vernachlässigung und Zänkerei der Trunksucht in die Arme getrieben haben; man vergisst, dass, wenn der Mann aus Eifersucht mordet, ihn in der Regel eine Frau wahnsinnig gemacht hat; wenn er veruntreut, so haben ihn häufig die Luxusansprüche, die Geldforderungen einer Frau, einer Geliebten dazu getrieben. Es ist ja sprichwörtlich, bei dem Verbrechen eines Mannes nach der Frau zu forschen, und in gleicher Weise ist auch bei dem ihren der Mann selten weit entfernt. Auch das Verbrechen ist in der Regel zweigeschlechtlich, obgleich die erotische Leidenschaft den Mann, die entartete Mütterlichkeit die Frau unmittelbarer zum Verbrechen treibt. Sowie ansteckende Krankheiten selten die werdende oder stillende Mutter angreifen, so halten sich auch die geistigen Seuchen leichter von den mütterlichen Naturen ferne, während die im buchstäblichen oder geistigen Sinne unfruchtbaren eher lasterhaft werden. Aber ihre Laster bleiben – aus Angst vor den Folgen – in unzugänglicheren Gebieten als die des Mannes. So ist die Hand der Frau redlicher als seine, nicht aber ihr Auge und Ohr, nicht ihre Lippen! Es gibt leider keine Verbrecherstatistik von – Ehrendieben!

Das prozentuale Verhältnis der Frau und des Mannes zum Strafgesetz hat überhaupt nur eine mittelbare Bedeutung für den Wert ihrer Wahlrechtsausübung im Verhältnis zu seiner. Denn weder Verbrecher noch Steuerhinterzieher wählen Reichstagsabgeordnete oder werden zu Reichstagsabgeordneten gewählt! Bedeutungsvoll wird nur ein Vergleich zwischen den Unbescholtenen in beiden Lagern sein, wenn er auch dann so ausfällt, dass man annehmen kann, die Frauen werden weniger bestechlich – von Vorteilen oder Phrasen – sein; weniger leicht zu Konzessionen gegen ihr Gewissen zu veranlassen; weniger zugänglich für Ränke, weniger von Missgunst bestimmt. Aber Frauenkongresse, Frauenpresse, Frauenvereine – sowie auch das Stimmenwerben der Damen in England, Amerika und anderswo – zeigen leider, dass die Frauen männlich rücksichtslos werden, wenn sie den Satz von der Macht des Zweckes, die Mittel zu heiligen, anwenden; männlich bereit, die Wahrheit zum Vorteil der Anhänger, aber zum Nachteil der Widersacher zu drehen und Fakten nach »den Erfordernissen der Verhältnisse« zu beugen. Und während die Frauen so traurig gelehrig in der Aneignung besonderer männlicher Schwächen sind, hat sie noch keine akademische Bildung immun gegen die allgemein menschliche Krankheit der Unbildung gemacht, die eine seelenvolle Frau mit einem einzigen Worte charakterisiert hat: die Schlechtgläubigkeit.

Es hilft nichts, wenn die Frauen beweisen, dass auch Männer Gerüchte verbreiten, Geheimnisse verraten, Beweggründe missdeuten. Denn die Erfahrung, dass Männer in dieser Weise gegenseitig ihren besten Bestrebungen entgegenarbeiten, sollte nur eine heftige Aufrüttelung für das Gewissen der Frau sein. Nicht durch Lobgesänge zum Ruhme ihres Geschlechtes, sondern durch grosse, unerschütterliche Forderungen an sich selbst und an alle anderen Frauen kann jede einzelne Frau am besten an der Erziehung ihres Geschlechtes für das öffentliche Leben mitarbeiten. Nur die seelische Bildung, die jeder sich selbst gibt, wird in der Politik fehlerhafte Bewertungen und irrige Rechtsbegriffe verhindern. Denn das politische Leben gibt in dieser Hinsicht dem, der nichts hat, nichts: dort, im Gegenteil, gilt das Bibelwort, dass dem, der nichts hat, auch noch dieses wenige genommen wird! Die Öffentlichkeit macht an und für sich niemanden weitblickend oder weitherzig; dafür liefern unsere Gemeindeverwaltungen und Landtage, unsere Stadträte und Reichstage den besten Beweis.

Nicht nur die Unbildung hat ihre besonderen Schattenseiten, sondern in ebenso hohem Grade die Halbbildung. Und Halbbildung ist die Bildung, die Schule und Hochschule noch der Mehrheit vermitteln: Examenskenntnisse ohne Persönlichkeitsgestaltung, Fachgelehrsamkeit ohne seelische Kultur. Das Merkmal dieser Halbbildung ist, dass sie das Kleine gross, das Grosse klein macht, Urteile ohne Gründe abgibt, dass sie blind gegen den Zusammenhang der Dinge ist, dass sie die Individualität aufsaugt und den Instinkt entwurzelt.

Dieses letztere Übel wird vor allem der besonderen Gabe der Frau, der Intuition, gefährlich. Der ganze jetzige Bildungsplan geht darauf aus, die Eigenart des Mannes zu schärfen, und dies hat den Erfolg, dass er in seiner Halbbildung, wenn auch einseitig, so doch stark wird. Die Frau hingegen wird schwach, da sie ihr ihre Eigenart raubt, ohne ihr doch die des Mannes geben zu können. Man findet oft bei einer Frau ohne Schulgelehrsamkeit einen Instinkt für das Wesentliche, den die Halbgebildete verloren hat oder dem sie sich wenigstens nicht mehr anzuvertrauen wagt. Und vor allem gilt dies von den für die Frau selbst wesentlichen Eigenschaften. Gemeinnützig wirkende Frauen zeigen oft ihre Abneigung gegen die freudeschaffende Macht anderer, junger und reizvoller Frauen, die auf demselben Gebiete wirken. Mögen diese Schönheitshasserinnen den Orthodoxen des Christentums oder der Frauensache angehören, so sind sie doch einig darin, dass die einnehmende Frau auch die minderwertige ist und dass die Männer ihre Urteilslosigkeit zeigen, wenn sie sich so leicht von ihr bezaubern lassen. Aber ganz so schlimm steht es doch mit dem Verstande der Männer nicht, wenn sie auch häufig den Schein für das Wesen nehmen! Denn was der Mann vor allem beim Weibe sucht – und am tiefsten liebt, wenn er es findet – ist der Frohsinn der Güte. Er ist es, der in allem echten Reize sichtbar wird und seine berechtigten Siege erringt. Und nur wenn die Frauen diesen Frohsinn der Güte besitzen und dem öffentlichen Leben etwas von seinem Zauber mitzuteilen wissen, wird ihre Mitwirkung es verschönen.

Wenn man augenblicklich die Sachlage beurteilt, muss man sich vergegenwärtigen: dass nicht nur Schwiegermütter, sondern auch Schwiegertöchter, nicht nur Hausfrauen, sondern auch Köchinnen das allgemeine Wahlrecht erhalten würden. Aber keine dieser Gruppen scheint bis auf weiteres geneigt, sich die andere – im Privatleben – mit den denkbar grössten Vollkommenheiten ausgerüstet zu denken! Es dürfte also nicht zu kühn sein, wenn ein Aussenstehender zu zweifeln wagt, dass sie im politischen grössere Vollkommenheiten zeigen werden?!

Mit einem Worte: wir dürfen nicht vergessen, dass die entwickelten Frauen im Verhältnis zu den unentwickelten nicht zahlreicher sind als die entwickelten Männer gegenüber den unentwickelten. Dieselben oder andere Vorurteile, Eigennützigkeiten und Torheiten, die von Seiten der Männer den Fortschritt verzögern, werden ihm auch von weiblicher Seite begegnen. Sowie man jetzt Herden männlicher »Stimmochsen« an unrechter Stelle sieht, wird man auch Scharen von weiblichen »Stimmgänsen« sehen. Und ›an unrechter Stelle‹ bedeutet hier weder die Rechte noch die Linke, sondern ganz einfach den Platz, dem man ohne persönliche Wahl zugetrieben worden ist und auf dem man doch ohne Scham verbleibt.

Die Frau hat jedoch den Vorteil, aus den Irrtümern des Mannes lernen zu können, und sie lernt rascher als er. Aber nur die Macht, dort selbst tätig zu sein, wo man die Verantwortung tragen soll, und das Recht, Entschlüsse zu fassen, wo man handeln muss, wirken erziehlich. Die entwickelten Frauen werden natürlich ebenso ihre Einseitigkeiten aufweisen wie die entwickelten Männer; aber erst wenn sie beide ihre Eigenart entfalten können, wird die Gesetzgebung wie die Verwaltung allseitig werden.

Doch Allseitigkeit ist noch nicht Zusammenhang. Ob man mit einem Finger oder mit allen zehn auf einem Instrument klimpert, so wird es darum doch keine Musik. Erst wenn jeder Finger seine Sache versteht – und mit den übrigen zusammen spielen kann – entsteht Harmonie, mag es sich nun um instrumentale oder soziale Musik handeln! Was die letztere betrifft, so ist der jetzige politische Zustand – mit seiner Auflösung alter und der Gestaltung neuer Wohlfahrtsbegriffe – so chaotisch, dass man sich bei der Behandlung jeder grossen Frage an Geijers Ausruf erinnert: ein Schimmer von Zusammenhang wäre schon Glückseligkeit!

Bevor dieser inhärente Zusammenhang der Dinge – mit anderen Worten die Sozialpolitik – die Eigeninteressen- und Klasseninstinktpolitik abgelöst hat, werden wohl noch viele Lebenskräfte vergeudet werden, und unter ihnen auch die vieler Frauen, wenn diese inzwischen in die politische Arbeit eintreten. Aber weder der Grund, dass die Frauen zu gut, noch dass sie zu unreif sind, vermag ins Gewicht zu fallen, sie vom politischen Leben ferne zu halten. Denn in dem Masse, in dem sie ihren Wert bewahren, werden sie die Entwicklung beschleunigen; in dem Masse, in dem sie an derselben teilnehmen, werden sie die Reife erlangen, die ihnen noch fehlt. Man darf nicht vergessen, dass nur wirkend ein Werkzeug seiner Aufgabe immer angepasster, immer vollkommener für sie geeignet wird; nur funktionierend entwickelt sich das Organ für seine Zwecke. Und dazu kommt der ebenso wichtige Grund: dass die schon jetzt für die Entwicklung notwendigen Frauen ebenso wenig wie die Männer auf der einen Seite eines Geld- oder Geburts- oder Bildungszensus zu finden sind. Nur der grosse demokratische Grundsatz: – gleiche Möglichkeiten für alle – birgt trotz seiner Mängel die grösste Aussicht, dass der rechte Mann, die rechte Frau schliesslich auf den rechten Posten kommt. Es ist für das Ganze von grösserem Belang, dass ein Mann oder eine Frau durch Wahlrecht und Wählbarkeit zu jener Führerstellung gelangt, die die Natur ihnen zugedacht hat, als ob hundert andere als Wähler Irrtümer begehen. Wenn auch die wahlberechtigten Frauen – und in den meisten Ländern Europas würde dies sicherlich der Fall sein – bis auf weiteres der Reaktion dient, so wäre doch ihr unmittelbarer Einfluss ungefährlicher als ihr jetziger mittelbarer und verantwortungsloser. Denn die Möglichkeit wäre vorhanden, dass das öffentliche Leben sie überzeugte, dass – solange eine soziale und ökonomische Machtbesitzergruppe die Verhältnisse bewahrt, die zahllose andere Gesellschaftsmitglieder zu Opfern des Militarismus und Industrialismus, der Prostitution und des Alkoholismus machen – jede Gesellschaftsarbeit ein Säen in den Schnee genannt werden muss. Aber selbst wenn die Frauen sich nicht überzeugen liessen, sondern nur eine Stütze der jetzigen Machthaber würden, dürfte dies doch kein Hindernis für ihr Wahlrecht bilden. So wie nichts uns ausdauernder macht, als wenn wir für die Gerechtigkeit arbeiten, gibt es auch keinen besseren Beweis für die Reinheit unserer Rechtsforderungen, als wenn wir an ihnen festhalten, obgleich wir Radikalen überzeugt sind, dass ihre Erreichung noch lange Zeit nicht uns selbst, sondern unsern Widersachern zugute kommen wird!

 

Jeder mit Augen Sehende sieht in unserer Zeit immer klarer ein, dass neue Wege gesucht werden müssen. Auch Frauen sind jetzt immer häufiger unter diesen Sehenden, obgleich die weibliche Mehrheit durch ihre Unwissenheit, ihr Unverständnis, ihre kleinlichen Ziele noch vor denen, die den Boden urbar machen wollen, Dornenhecken auftürmt.

Aber selbst unter jenen Frauen, die sich des Gewichts der sozialen Fragen voll bewusst sind, findet man nur ein geringes Erfassen ihres Inhalts. Es gilt, ihre Einsicht zu erhöhen, aber vor allem den Begriff der Mütterlichkeit der Gesellschaft zu vertiefen, indem man ihn klipp und klar von dem der Wohltätigkeit scheidet. Diese mag im einzelnen Falle ihr Recht haben. Aber alle Gesellschaftsarbeit, die auf das Ganze gerichtet ist, muss als Ziel vor Augen haben, es im Recht-Denken so weit zu bringen, dass alles Wohl-Tun verschwinden kann. Die Mütterlichkeit der Gesellschaft muss mehr als ewiges, unterirdisches Feuer wirken, weniger als hoch emporlodernde, aber bald ausgebrannte Opferflamme. Es genügt nicht, dass der Trieb des Mitgefühls und der gegenseitigen Hilfe beim Weibe unmittelbarer ist als beim Manne. So wie die Zärtlichkeit allein bei der Pflege des Kindes nicht genügt, wenn die Kenntnisse der Lebensgesetze des Körpers und der Seele fehlen, so müssen die Frauen auch Einblick in die Biologie und Psychologie der Gesellschaft haben, um ihre Aufgaben im Volkshaushalte zu erfüllen und die Probleme zu verstehen, die man mit einem Worte die der Gesellschaftsorganisation nennt.

Anmerkung: Es ist in dieser Richtung ein erfreuliches Zeichen, dass – auf Vorschlag der Vorsteherin von Stockholms neuer Gemeinsamkeitsschule, Anna Whitlock – die meisten Mädchen- und Gemeinsamkeitsschulen Stockholms sich nun zusammengeschlossen haben, um für die achte Klasse der Schulen und für die gymnasiale Abteilung soziale Vorlesungskurse zu veranstalten. In Holland existiert schon eine soziale Hochschule für Frauen mit einem einjährigen theoretischen und einem einjährigen praktischen Kurs. Auch in England und Amerika wird an weiblichen Lehranstalten Gesellschaftslehre unterrichtet.

Nur so kann das Mitgefühl mit den Opfern der Gesellschaft die Frauen zu einem immer kräftigeren Widerstände gegen das Opferwesen der Gesellschaft führen. Sie werden so für den Anfang – und zwar sehr bald – die Macht erlangen, dieses wenigstens dort einzuschränken, wo Kinder und Jugend erzogen werden; wo Kinder und Frauen arbeiten oder verurteilt werden; wo man Alte und Kranke pflegt; wo für alle diese Gesetze gegeben werden. Die Mehrzahl der Frauen – die noch auf christlichem Boden stehen – predigen im besten Falle Barmherzigkeit als Pflicht der Begünstigten, Geduld als Pflicht der nicht Begünstigten. Aber ebensowenig wie die einzelne Mutter sich für ihr eigenes Kind mit Barmherzigkeit begnügt, sondern volle Gerechtigkeit will – das heisst volle Entwicklungsmöglichkeiten, volle Befriedigung gesunder Bedürfnisse, vollen Gebrauch persönlicher Kräfte – ebensowenig kann sich die Mütterlichkeit der Gesellschaft für irgend ein Kind der Gesellschaft mit weniger begnügen.

Erst wenn der Begriff Armenpflege gesellschaftsgeförderter, aber stolzbewahrender Selbsthilfe Platz gemacht hat, die Barmherzigkeit der Gerechtigkeit, die Geduld dem Rechte, zu fordern, erst dann wird man sich einem menschenwürdigen Dasein für die Vielen nähern. Wir brauchen nicht zu befürchten, dass darum die Tugend der Barmherzigkeit und der Geduld aussterben wird: jeder wird täglich genug und übergenug Verwendung dafür haben – sowohl Gott, wie sich selbst und seinem Nächsten gegenüber!

Aber auf dem Gebiete des Gesellschaftslebens ist ihre Zeit abgelaufen – oder wird es wenigstens sein, je mehr der Glaube an eine überirdische väterliche Vorsehung der Überzeugung von der Macht der menschlichen Vorsehung auf Erden weicht. Wenn weibliche Gehirne und Herzen anfangen, diese Vorsehung in solcher Weise zu üben, dass ihre Lebensanschauung und ihr Gesellschaftswerk einander nicht mehr widersprechen, erst dann werden ihre Gehirne und ihre Herzen eine umbildende Macht werden.

Jetzt zum Beispiel fürchten die meisten Frauen den Sozialismus, über den doch nur eine Meinung herrschen sollte: dass er als Parteipolitik in nächster Zukunft die unentbehrlichste Triebkraft der Entwicklung ist, während er als Anschauung – von den einander widerstreitenden Sätzen verschiedener Schulen befreit – in seiner weitesten Bedeutung den immer festeren Zusammenschluss der Gesellschaft zu einer immer innigeren Einheit ausdrückt. Wenn das schöne Bild, dass durch das Leiden des einen Gliedes alle Glieder leiden, Wahrheit geworden ist – dann ist der soziale Staat erreicht!

Die Furcht vor dem Sozialismus hindert jetzt die führenden Frauen der oberen Klassen, den übrigen in dem Kampfe beizustehen, der allein den Sieg des Guten herbeiführen kann, das diese Frauen fördern wollen. Sie haben Angst vor dem blossen Worte Forderungen – hinter dem sie die grossen Arbeiterscharen mit ihren roten Fahnen heranziehen sehen! Sie sprechen darum lieber von Wahlpflicht als von Wahlrecht. Sie hoffen, dass die Politik sich ebenso friedlich behandeln lassen wird wie ein Lehrerinnenkollegium, dass eine Volksversammlung ebenso leicht zu disziplinieren sei wie eine Schulklasse! Aber dieser Mangel an Proportionsgefühl verfehlt den Zweck wie die Mittel.

Die Frauen wollen so – und mit vollem Rechte – die Prostitution abschaffen. Aber die erste Voraussetzung ist eine durchgehende Erhöhung – für mindestens 50 Prozent eine Verdoppelung – der jetzigen Löhne der Fabrikarbeiterinnen und Handlungsgehilfinnen. Diese Erhöhung kann nur durch Fachvereine erreicht werden und, wenn es nötig ist, durch Streiks. Aber vor beiden Mitteln schrecken die christlichen Frauenrechtlerinnen zurück.

Diese wollen – und mit vollem Recht – den Missbrauch berauschender Getränke verhindern. Aber sie sehen nicht ein, dass dies nicht durch Verbote und Tea meetings geschehen kann; dass nur durch reichlicheren Anteil an den Freudequellen des häuslichen Behagens, der Bildung, der Schönheit, der Natur und durch erhöhte Genussfähigkeit die Lebensberauschung den Alkoholrausch zu verdrängen vermag. Doch diese erhöhten Lehensmöglichkeiten gehen erst aus dem ausdauernd geführten Klassenkampfe hervor, den die christlichen Frauen im allgemeinen missbilligen!

Eine Anzahl von Frauen will den Krieg abschaffen. Aber dieselben Frauen sind nicht imstande, sich auf dem Gebiete der Erziehung jene Machtmittel zu versagen, die rohe Leidenschaften züchten und niedrige Rechtsbegriffe hervorrufen; sie glauben noch immer, dass man Kinderseelen so reinigt wie Teppiche: durch Ausklopfen. Vergebens verdammen alle hervorragendsten Pädagogen unserer Zeit, sowie die modernen Kinderpsychologen und mehrere der bedeutendsten Kriminalisten wieder und wieder die Körperstrafen – die einer der ersten Rechtsgelehrten unserer Zeit die »zwecklose Blutarbeit« der Jahrhunderte nannte – weil die Erfahrung untrüglich gezeigt hat: dass physische Furcht niemals Sittlichkeit im wahren Sinne des Wortes schafft. Aber die Frauen machen sich doch noch immer die Arbeit in der Kinderstube durch Schreckmittel leicht. Mit anderen Worten: sie üben selbst Gewalttaten aus – und den Kindern ein – denen im Leben der Völker die Kriege entsprechen, die diese selben Frauen abschaffen wollen!

Diese Beispiele könnten beliebig fortgesetzt werden. Sie beweisen nicht, dass die Frau in ihrer Gesellschaftsarbeit unwissender, zusammenhangsloser ist als der Mann. Aber sie beweisen, dass Frauen und Männer durch ihre öffentliche Tätigkeit sehr wenig bedeuten werden, solange sie nicht im Dienste des Zusammenhangs, sondern nur in dem des Stückwerks arbeiten.

 

Für den Anfang werden also wahrscheinlich einzelne Frauen, nicht die Mehrheit, die zugleich weitblickende und warmherzige Gesellschaftsmütterlichkeit vertreten. Und diese Frauen können ebensowenig wie die einzelnen Männer erwarten, dass sie von Sieg zu Sieg schreiten werden. Diejenigen, welche mit ihren gegen alle Ungerechtigkeit heilig erglühenden Seelen, ihren von Mitgefühl heissen und unruhigen Herzen in die kalte Wirklichkeit treten, müssen gefasst sein, dort das zu erleben, was zahllose männliche Neuerer und Reformatoren schon erlebt haben: nämlich zu erringen, was für sie selbst das Beste ist, das Märtyrertum – aber nicht das, was für die Gesellschaft das Beste ist: den Sieg. Und es ist dann ein schwacher Trost, dass oft die Besten Märtyrer werden, während die Nächstbesten Sieger sind! Die ersteren sind die, die sich auf den Ruf der Gerechtigkeit oder der Menschenliebe oder der Freiheitsleidenschaft in den Kampf stürzen, ohne sich zu fragen, ob sie siegen werden, oder ohne doch wenigstens die Antwort auf diese Frage zu wissen. Die letzteren sind meistens diejenigen, welche diese Frage in ihrem Innern bejaht haben. Denn diese Siegesgewissheit verleiht ihnen die Macht, hinter sich ein Heer aufzustellen, und den Mut, ihm ihren Geist einzuflössen.

Björnson gebrauchte einmal, um die Wege der Ideen zu schildern, das Bild der feinen Striche, die auf den Weltkarten die Dampfschifflinien bezeichnen, Striche, die bei den grossen Häfen in einen einzigen dicken Strich zusammenlaufen. Und mit besonderer Beziehung auf die Linien der Friedens-, Arbeiter- und Frauenfrage ermahnte er zu fleissigem internationalem Verkehr. Aber jeder, der diese drei Linien beobachtet, wird finden, dass auch die »Herzenspolitik« kein sicherer Lotse ist; dass selbst Ozeandampfer, die sie befrachtet, einmal ums andere an – der Goldküste stranden!

Auch die voranschreitenden Frauen werden Zeuginnen solcher Schiffbrüche sein. Sie werden erfahren, wie unsäglich schwer es ist, die Demokratie zu aristokratisieren: denn das bedeutet nicht nur reinere Hände und feinere Gewohnheiten, sondern reinere Handlungen, feinere Gedanken. Und wenn sie ihre Empfindungsfähigkeit behalten – was sie müssen – dann werden die führenden Frauen nicht nur unter ihren eigenen Wunden leiden, oder unter dem Mitgefühl mit all der Qual, in die ihre Gesellschaftsarbeit ihnen Einblick gewährt, sondern auch unter der Beschämung, viele ihrer eigenen Geschlechtsgenossinnen ebenso unfähig wie die Männer zu sehen, eigene Vorteile – oder die eingebildeten Vorteile ihres Landes – zu opfern, wenn Menschlichkeit und Gerechtigkeit es erheischen. Und es wird diesen Frauen so ergehen wie so vielen Männern vor ihnen: der reine Wille, die reiche Persönlichkeit, die sich nicht beugen lässt, muss brechen.

Jeder, der der Politik nahe gestanden hat, wird wohl eines dieser Trauerspiele gesehen haben, wo ein hochgesinntes Herz stückweise gebrochen ward, und weiss darum, wie blutig diese unblutigen Kämpfe tatsächlich sind und in welchem Grade die Gesellschaftsarbeit ein Opferdienst sein kann.

Werden die besten Frauen imstande sein, Zeuge davon zu sein? Werden sie es ertragen zu sehen, wie es Politik und Presse – mittelbar, wenn nicht unmittelbar, von Geldinteressen bestimmt – Jahr für Jahr gelingt, die grösstmögliche Anzahl von halben Massregeln oder den grösstmöglichen Stillstand zu bewirken während der unvermeidlichen Selbstaufopferung von seiten der Besten und der unbedingten Selbstbefriedigung von seiten der Übrigen? Werden sie es ertragen zu sehen, wie in den Kulturfragen, wo der Eigennutz nichts bedeuten kann, die allweise Dummheit über die grossen Lebensinteressen des Volkes entscheidet?

Eine Versammlung von Männern kann in den nationalen Weihestunden zusammen grösser fühlen und handeln als jeder einzelne für sich. Aber in der Alltagsstimmung der Völker ist der einzelne häufig besser als im Zusammenwirken mit vielen. Was die Massendummheit, Massenfeigheit, Massenlüge zusammen ohne Scham im öffentlichen Leben zustandebringen, davor würde fast jeder von denen, die die Masse bilden, im Privatleben zurückscheuen. Die Funktionsfähigkeit der einzelnen Gewissen zu retten, und dabei doch für die grossen Augenblicke die Macht des gemeinsamen Gewissens zu bewahren – das wäre die grosse Aufgabe in der politischen Moral!

Man fühlt sich versucht, zu wünschen, dass die männlichen und weiblichen Reichstagsabgeordneten der Zukunft an einem und demselben Tage gewählt würden – durch Einsendung von Stimmzetteln von allen unbescholtenen Männern und Frauen – und dass die so gewählte Kammer unverzüglich in ein als Zellengefängnis gebautes Reichstagsgebäude gesperrt würde, ohne jede Möglichkeit der Verständigung zwischen den Mitgliedern – nicht einmal durch Klopfen an die Wände! So wäre jeder gezwungen, das für sich zu prüfen, was dann an einigen grossen gemeinsamen Rede- und Beschlusstagen entschieden werden würde! Diese Art Reichstag wäre einerseits ein vortrefflicher Prüfstein für die patriotische Opferwilligkeit, andererseits ein Mittel, die Sessionen erheblich abzukürzen! Und man muss in vollem Ernst wünschen, dass Anträge und Gesetzvorlagen nicht von unseren jetzigen Reichstagsausschüssen ausgearbeitet würden, sondern von teils zeitweiligen, teils ständigen Ausschüssen, gewählt von den Korporationen und Gesellschaften, welche alle grossen Hauptberufe und Kulturgebiete vertreten. Sie müssten ausserhalb wie innerhalb des Reichstags unter den in der betreffenden Frage sachverständigen Männern und Frauen gewählt werden. So würden Baufragen von Architekten und nicht von Juristen erörtert werden; Schulfragen von Schulleuten, nicht von Landwirten, während jetzt die alles verlangende Gemeinsamkeit die verantwortungslose Oberflächlichkeit zur Folge hat. Erhielten diese Ausschüsse jeder für sein Teil ein suspendierendes Veto gegen die Beschlüsse der vom Volk gewählten Kammer, dann könnten sie so die einzige notwendige erste Kammer bilden: die der Sachkenntnis, welche jedoch ihre retardierende Macht nicht länger ausüben dürfte, als bis die Volksmeinung – nach einer neuen Wahlperiode, durch den wiederholten Beschluss einer neuen Kammer – in der Meinungsverschiedenheit den Ausschlag geben würde. Denn auch die Sachkenntnis hat ihre Grenzen!

 

Bis diese und andere schöne Utopien verwirklicht sind, müssen die Frauen jedoch darauf gefasst sein, dass ihre Beteiligung am öffentlichen Leben sie nicht nur verschiedene unberechtigte Vorurteile, sondern auch viele Leiden kosten wird. Sie müssen ausserdem einsehen, dass sie ihrem Heim viel Zeit rauben wird. Denn das Ganze ist nicht so einfach, dass man nur seinen Stimmzettel abgibt, den Leitartikel anstatt des Feuilletons liest und zur Wahlversammlung anstatt zum Souper geht! Gibt man seinen Stimmzettel ab, ohne zu wissen, wie man stimmt, dann bedeutet die Beteiligung wenig. Will man dies jedoch wissen, dann muss man der Sache Zeit opfern. Und hat man einmal begonnen, am öffentlichen Leben teilzunehmen, dann wird man oft durch die Verhältnisse immer tiefer in seinen Strudel gezogen.

Familienväter, die »in der Politik stecken«, sind schon jetzt die Verzweiflung ihrer Familien. Und wenn nun die Familienmütter auch anfangen ...?!

Dies ist der Kernpunkt der Frage. Als Familienmutter steht die politisch tätige Frau vor der Wahl zwischen einer für das Heim und die Kinder unheilvollen Nachaussengekehrtheit und einer für sie selbst qualvollen Unselbständigkeit. Ihre privaten Vergnügungen kann sie opfern, ihre privaten Pflichten nicht. Aber gerade vor dieser letzteren Versuchung wird die Frau der unbemittelten Klassen stehen. Die Arbeiterfrau will mit dem Manne zur Wahlversammlung gehen – aber die kleinen Kinder? Dienstleute gibt es keine. Die Nachbarin? Sie will auch zur Wahlversammlung. Die Kinderkrippe? Die ist am Abend geschlossen, denn auch ihre Vorsteherin hat allgemeine Interessen! Es gibt also keinen anderen Ausweg, als dass diese Frau sich mit dem Urteil des Mannes begnügt?!

In der Wahlrechtsfrage – wie stets, wenn es sich um das Recht der Frau gehandelt hat – hat man die Sache zu einseitig aus dem Gesichtspunkte der unverheirateten Frauen der oberen Stände betrachtet. Aber diese sind so weit davon entfernt, die bedeutungsvollsten zu sein, dass man eher im Gegenteil behaupten kann, dass eine Mutter der Arbeiterklasse, die – unter all den Mühen und Entbehrungen, die dies für sie bedingt – ihren Kindern eine gute körperliche und geistige Pflege angedeihen liess, ihnen und dem Mann ein glückliches Heim geschaffen und sich dabei selbst Bildung und Einsicht in die Gesellschaftsfragen angeeignet hat – dass eine solche Mutter eine so ausserordentliche Gesellschaftskraft darstellt, dass es die gerechteste aller proportionalen Wahlmethoden wäre, ihr – wie allen anderen Müttern ausgezeichneter Kinder – zwei Stimmen zu geben!

Man steht hier abermals vor der schon früher betonten Schwierigkeit: dass gerade die besten, die für die Aufgabe unentbehrlichsten Frauen zwischen den Pflichten der Gesellschaftsmütterlichkeit und der Mutterschaft, sowie zwischen diesen und der individuellen Kraftentwicklung wählen müssen. Keine Frau kann in den ersten Lebensjahren der Kinder diese beiden Mutterberufe gut erfüllen. Und sie wird sich genötigt sehen, einzugestehen, dass wenn sie die Kinder über ihrer Gesellschaftsaufgabe vernachlässigen wollte, dies wahrlich hiesse, über den Fluss nach Wasser gehen – und es noch dazu im Fasse der Danaiden tragen.

Törichte Jungfrauen sprechen davon, dass die natürliche Mutterschaft nur ein Sinnbild der allumfassenden geistigen sein solle! Ebensogut könnte man die Wurzeln des Baumes Symbole seiner Krone nennen. Aber ebenso gewiss wie die schattenspendende Wölbung des Baumes ohne die Wurzel nicht da wäre, ebenso gewiss ist der Baum erst dann vollkommen gewachsen, wenn Wurzel und Stamm die breite Krone tragen. Und eine Frau ist erst dann nach dem Gesetze ihres Wesens vollendet, wenn aus der Naturkraft der Mütterlichkeit sich die Kulturmacht der Gesellschaftsmütterlichkeit erhebt. Dies bedeutet nicht, dass jede Frau eine wirkliche Mutter gewesen sein muss, um eine Gesellschaftsmutter zu werden. Aber es bedeutet, dass sie in ihrem Inneren das besitzen muss, was sie – nach Madame de Girardins Worten – »um die Kinder trauern lässt, die sie nie getragen«. Das bedeutet auch nicht, dass die Mutter, solange die Kinder klein sind, ihre menschliche Persönlichkeit unterdrücken muss. Es bedeutet im Gegenteil, dass sie in ihren häuslichen Aufgaben die Eigenschaften eines Staatsmanns, eines Seelsorgers, eines Feldherrn, eines Gesetzgebers, eines Nationalökonomen, eines Künstlers entfalten muss, um die stille, starke Autorität zu bewahren, durch die alle gelenkt werden, während alle glauben, ihrem eigenen Willen zu folgen; um bei allen die beste Seite hervorzulocken, um so Kinder und Hausgesinde zu erziehen, der Arbeit Schwung und Freude zu verleihen, aber auch die Stille und Schönheit zu schaffen, die alle das Resultat als ein fertiges Kunstwerk geniessen lässt, und um schliesslich das Alltagsleben durch Feststimmungen zu erneuen. Dabei kann sie vom Morgen bis zu Abend ein spannendes Drama erleben, dessen Fäden alle in ihrer Hand zusammenlaufen. Sie wird sehen, wie sich der ganze Verlauf der Entwicklung in dem Tropfen wiederspiegelt, der ihre Welt geworden! Sie wird erfahren, dass der Persönlichkeitseinsatz, den sie hier macht, der unentbehrliche ist, während der öffentliche Einsatz, den sie bis auf weiteres leisten könnte, in den meisten Fällen entbehrlich wäre. Und dabei lernt sie die Kunst, sich über- und unterzuordnen, sowie die Möglichkeit, physische und psychische Kräfte, die sie einstmals im öffentlichen Leben zu betätigen gedenkt, zu sammeln und zu steigern.

So wird sie ruhig aus den Versammlungen wegbleiben können, sich damit begnügen so zu stimmen, wie ihre Gesinnungsgenossen, und sich allgemeinen Aufgaben entziehen, solange das Heim ihrer voll bedarf.

Dabei muss sie jedoch in Fühlung mit allen grossen Bewegungen der Zeit bleiben und sich empfänglich erhalten, um in Zukunft unmittelbar tätig sein zu können. Und sie muss dies auch aus dem Grunde, weil sie nur so für den Mann und die heranwachsenden Kinder in tieferem Sinne lebensteigernd wird.

Ringsum in der Welt begegnet man schon jetzt hier und da der einen oder anderen dieser starken, stolzen und schönen Mütter des zwanzigsten Jahrhunderts, die nichts von ihrer vollblütigen Weiblichkeit verloren, sondern sie nur durch eine persönliche Eigenart verstärkt haben, die sich Jahresring für Jahresring enger um den Kern ihres Wesens schliesst.

Mensch und Weib, Mitbürgerin und Persönlichkeit – weniger darf die Gesellschaftsmutter der Zukunft nicht sein! Sie hat alle Brücken abgebrochen, die sie zu dem Frauenideal früherer Zeiten zurückführen könnten: zu der kräftigen, aber kleinsinnigen Hausmutter, der gedankenlos nachgiebigen Ehefrau. Aber sie hat auch nichts mit der kurzsichtigen Frauenrechtlerin gemein, die ihre Ehre darein setzt, die rastlose Arbeitsmaschine oder das fachgelehrte, aber halbgebildete Examenslumen zu sein.

Sie hat von den älteren wie von den neuen Typen etwas gelernt. Aber sie gleicht keinem von ihnen, denn nur des Lebens Fülle ist für sie des Lebens Sinn.

 

Manches kleine Mädchen wird wohl, über ihr Geschichtslehrbuch gebeugt, sich über die Art früherer Zeiten, Menschen zu zählen, empört haben: so und so viel Männer, »ausser Frauen und Kindern«!

Es dauerte lange, bis die Frauen überhaupt anfingen, gezählt zu werden, und noch geschieht dies nur zur Hälfte. Kinder sind noch immer »ausser«. Aber wir werden wohl einmal in dem Gefühl für das Werdende so weit kommen, dass wir die Reihenfolge umkehren und »so und so viele Kinder« rechnen – »ausser Frauen und Männern«. Wir werden dann durch unsere Behandlung der Kinder unsere Ehrfurcht vor diesen tief weisen und geheimnisvollen Wesen zeigen, die wir niemals ergründen. Wir werden hinter der Gestalt jedes Kindes die unendlichen Reihen vergangener Geschlechter erblicken, und vor ihr die ebenso unüberschaubaren aller kommenden. Wir werden bei allen unseren Handlungen eingedenk sein, dass das Kind die Summe dieser Toten, die Hoffnung auf diese Ungeborenen ist. Wir werden die Kinder sich selbst offenbaren lassen und diese Offenbarungen mit einer heute ungeahnten Demut empfangen.

Noch harren die Tragödien der Kindesseele ihres Shakespeare, obgleich die Literatur die Kinder schon hervortreten lässt wie nie zuvor.

Anmerkung: Von literarischen Schilderungen der Kinderleiden und der Kinderseele muss in erster Linie Dickens, besonders mit »Dombey und Sohn« und »Oliver Twist«, sowie George Eliot genannt werden. Unter neueren englischen Schriften ist die anonyme »Autobiography of a child« bemerkenswert. Ferner Daudets »Jack« und Mme. Daudets »Kinderskizzen«. Unter den neueren deutschen Wildenbruch: »Kindertränen«; Hauptmann: »Hannele«; Lou Salomé: »Ruth« und »Im Zwischenland«; Wassermann: »Moloch«; Thomas Mann: »Die Buddenbrooks«; Emil Strauss: »Freund Hein« – die Selbstmordgeschichte eines gequälten Schülers; Hartwig: »Schnockelchen«. Einzig steht Robert Saudek mit »Drei Bühnendichtungen der Kinderseele« da. Ferner Schilderungen aus ihrer eigenen Kindheit von Goethe, Hebbel, Rousseau, George Sand, Jean Paul, Goltz (Buch der Kindheit). Und von Neueren Jules Vallès (L'Enfant, erster Teil seiner Selbstbiographie); Strindberg, Tolstoy, George Sand, Daudet, Anatole France, Sonja Kovalewsky, Herman Bang, Georg Brandes, ferner Kielland: »Gift«; K. A. Tavastjerna: »Der kleine Karl«; Gustaf af Geijerstam: »Das Buch vom Brüderchen«; Karin Michaelis: »Das Kind«; Carl Ewald: »Mein kleiner Junge« usw.

Und wie immer ist die Literatur auch hier die Vorläuferin der grossen Freiheitsbewegung, die die Rechtserklärung des Kindes bringen und der geistigen und körperlichen Kindesmisshandlung, die der Zukunft ebenso unerhört erscheinen muss wie uns heute die Negersklaverei, ein Ende bereiten wird.

Anmerkung: In Preussen allein haben sich in den letzten Jahren des neunzehnten Jahrhunderts jährlich durchschnittlich 57 Kinder aus Furcht oder Reue, Scham oder Kummer das Leben genommen! Gewisse Kloster- und Kinderheim-, sowie Lehrer- und Lehrerinnenmisshandlungen haben Formen, die man nur teuflisch nennen kann, und an vielen Orten macht die Kinderarbeit die Kindheit zu einer das ganze Leben zerstörenden Tortur. Der italienische Kriminalist Ferriani hat ein Buch »I drammi dei Fanciulli« herausgegeben, Dramen, in denen besonders die Schulangst eine grosse Rolle spielt. Ausser dieser Arbeit hat er mehrere andere Werke dem Seelenleben der Kinder gewidmet: wie »Minorenni Delinquenti«, »Nel mondo dell' infanzia« und schliesslich »Delinquenza precoce e senile«, wo er mehrere Fälle von kindlicher Grausamkeit anführt, die in unmittelbarem Zusammenhange mit den Roheiten und der körperlichen Züchtigung standen, der man die Kinder selbst unterworfen hatte. An anderer Stelle hat er gezeigt, welchen grossen Prozentsatz grausamer und gesellschaftsfeindlicher Individuen die Kinder stellen, die in ihrer Kindheit misshandelt wurden – eine Erfahrung, die noch zuletzt der Fall Dippold bestätigt hat.

In diesem Zusammenhang seien zwei Schriftchen (Verlag der Frauenrundschau, Leipzig) empfohlen: Adele Schreiber: »Kinderwelt und Prostitution« und »Prügelkinder«; und Dr. jur. Frieda Duensing: »Die Verletzung der elterlichen Fürsorgepflicht«.

Was die Kinderarbeit auch in den Ländern, wo man glaubt, in der Humanisierung der Arbeit am weitesten vorgeschritten zu sein, noch bedeuten kann, das ist unter anderem aus einem amerikanischen Aufsatz über die Kindersklaverei in Amerika zu ersehen. Man hat konstatiert, dass in den Webereien des Südens mindestens 20 000 Kinder unter 14 Jahren arbeiten. In Alabama allein werden 12 000 Kinder beschäftigt, über 7% sämtlicher Arbeiter sind Kinder. In Georgia beträgt die Anzahl der in Fabriken arbeitenden Kinder unter 12 Jahren 12% der erwachsenen Arbeiter und in Südcarolina über 9%. Ein grosser Teil dieser Ärmsten ist nur 5–6 Jahre alt, obgleich sie unter der Rubrik »unter 12 Jahre« gehen. So werden kleine Kinder zu Tausenden in die Fabriken des Südens gesandt, um dort 12–12½ Stunden für einen Taglohn zu arbeiten, der zwischen 45–50 Pfennig schwankt! Und ringsum in der ganzen Welt gibt es ähnliche und schlimmere Verhältnisse, gegen die nur das absolute Verbot aller Fabrikarbeit für Kinder unter 18 Jahren helfen könnte.

Die Erziehungsmethode, durch die Eltern und Lehrer Kinder zu Tode misshandeln können, wird nicht früher aufhören, bis nicht die Gesellschaft jede von Eltern und Lehrern erteilte körperliche Züchtigung eines Kindes von über drei Jahren bestraft – und auch die eines solchen von unter drei Jahren, sobald Misshandlung bewiesen werden kann. Diese Forderung, die man heut einen Wahnwitz nennen wird, wird – in hundert oder ein paar hundert Jahren – Gesetz sein, wenn die Menschen einmal eingesehen haben werden, dass jede Anwendung physischer Gewalt eine Schwäche des Erziehers ist und dass die Furcht nach Kants inhaltsreichen Worten »nur pathologische, niemals moralische Wirkungen hat.«

Auch die Kinder werden wohl ihr Stimmrecht erhalten ebenso wie ihre Repräsentanten und ihren Justizvertreter!

Es werden wohl die Gesellschaftsmütter sein, die schliesslich die Gesellschaftskinder befreien werden. Dann wird es sich zeigen, dass die Oktave der Kinderseele ebenso unentbehrlich war wie die der Frau und des Mannes, damit das grosse Saitenspiel, die Menschheit, volltönig erklinge.

Wenn dies geschieht, dann ist das dritte Reich angebrochen, dessen Messias die Zeit nun erwartet. Aber nicht der Schoss der Gesellschaftsmütterlichkeit wird ihn tragen.

Wieder und wieder werden der Menschheit Erlöser geboren werden. Aber stets von einem jungen Weibe mit lilienreiner Stirn und tiefen Augen. Und Bethlehem bleibt immer dort, wo eine junge Mutter in Andacht vor dem Bette des Kindes auf die Kniee sinkt.

Viele nennen diese Überzeugung reaktionär. Worte sind jedoch ungefährlich. Es hat wenig zu bedeuten, ob man eine Meinung grau oder schwarz nennt, wenn sie nur in Wirklichkeit rot ist.

Und diese wird nicht nur von dem Blute purpurn gefärbt, das durch das eigene Herz der Überzeugten geflossen ist. Dies brauchte nichts zu beweisen – hat doch schon viel rotes Blut grosse Irrtümer lebendig erhalten!

Aber die hier ausgesprochene Überzeugung empfängt ihre Farbe aus der Quelle, die für die ganze Menschheit die Quelle des Lebens ist und bleibt.

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