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Über Liebe und Ehe

Ellen Key: Über Liebe und Ehe - Kapitel 8
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authorEllen Key
titleÜber Liebe und Ehe
publisherS. Fischer Verlag
printrunSechzehnte Auflage (31.?32. Tausend)
year1914
translatorFrancis Maro
correctorreuters@abc.de
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Die Befreiung von der Mutterschaft

Für das Denken, das von der Oberfläche des Lebens zu den Tiefen dringt, ist die Forderung des Rechtes auf Mutterschaft ein Zeichen der Gesundheit, ein Beweis dafür, dass in einem Volke der starke, gesunde Frauenwille rege ist, die Erde zu erfüllen, ohne den das Volk nicht lange auf Erden leben kann. Wenn auch gewisse Äusserungen dieses Willens das lebensteigernde Ziel verfehlen, an und für sich ist der Wille verehrungswürdig.

Bezeichnend für die Begriffsverwirrung in diesen Fragen ist es jedoch, dass der Beweis der Gesundheit den Sittlichkeitswächtern Entsetzen einflösst, während sie ruhig die Zeitrichtung betrachten, die von Stoff zu Tragik für die einzelnen, wie für die Völker erfüllt ist: den Willen zur Befreiung von der Mutterschaft.

Das Christentum mit seiner Vertiefung des Persönlichkeitsbegriffes bei gleichzeitiger Rücksichtslosigkeit gegen die Gattung stempelte im Gegensatz zu der Antike die Ehe zur Privatangelegenheit der Individuen. Die Entwicklung der Liebe setzte die Befreiung fort, die das Christentum begann. Wie ich schon früher dargelegt habe, gestehen die Vertreter des Christentums noch immer das Recht zu, unverheiratet zu bleiben und das Kindergebären einzuschränken, wenn nur beides unter Enthaltsamkeit geschieht.

Für den Evolutionisten hingegen ist nicht die Form das Entscheidende, sondern nur die Gründe. Die Gefahr für die möglichen Kinder oder für die Mutter selbst; die Furcht, ökonomisch oder persönlich für die Erziehung der Kinder nicht zuzureichen; der Wille, all seine Kräfte für eine bedeutungsvolle Lebensarbeit einzusetzen; ein malthusianischer Standpunkt in der Bevölkerungsfrage – diese und andere Motive erscheinen dem Evolutionisten als gute Gründe, die Elternschaft einzuschränken oder ganz davon abzustehen. Und den einzelnen wird nach dieser Richtung auch Wahlfreiheit in Bezug auf die Art zuerkannt, die am besten mit der Meinung der Wissenschaft über die Gesundheit und mit ihrer eigenen über Sittlichkeit und Schönheit übereinstimmt.

Und sobald man der Ansicht ist, dass der einzelne auch Selbstzweck ist, mit dem Rechte und der Pflicht, der Art seines Wesens gemäss in erster Linie eigene Forderungen zu erfüllen, muss es die Angelegenheit des einzelnen bleiben, wenn er seine Bestimmung als Geschlechtswesen überhaupt nicht erfüllen oder die Erfüllung der Aufgabe einschränken will.

Aber da der einzelne nur im Zusammenhange mit der Menschheit seine höchste Lebenssteigerung erreichen, seinen Selbstzweck erfüllen kann, so hat er auch Pflichten gegen die Gesamtheit und nicht zum wenigsten als Geschlechtswesen. Hat das Leben dem einzelnen das Schicksal gegeben, das eine sittliche Elternschaft ermöglicht, die Voraussetzungen, die den neuen Leben günstig sind, dann wird eine Einschränkung der Kinderzahl nur dann sittlich sein, wenn sie – durch die Lebenssteigerung der einzelnen selbst, wie der Kinder – dem Ganzen zu gute kommt.

Aber wenn ausschliesslich kleinliche und selbstische Gründe – wie die Rücksicht auf das Erbteil der Kinder, eigenes Wohlleben und Wollust, eigene Schönheit und Bequemlichkeit – Väter und Mütter bestimmen, die Anzahl der Kinder unter der das Wachstum des Volkes sichernden Durchschnittszahl zu halten, dann ist diese Handlungsweise antisozial. Wer sich hingegen mit wenigen oder gar keinen Kindern begnügt, weil er ein Werk auszuführen hat, der kann der Gesellschaft durch die Hervorbringung eines anders gearteten Wertes Ersatz leisten.

Zu den das eine Mal sittlichen, das andere Mal unsittlichen Motiven, keine oder wenige Kinder zu haben, kommt nun noch der Wunsch der Frau, ihre rein menschlichen Eigenschaften anderen Aufgaben zu widmen. Damit sind jedoch nicht jene Frauen gemeint, die ihre Ehe auf eigene Erwerbsarbeit neben der des Mannes gründen mussten, eine Notwendigkeit, die sie bis auf weiteres von der Mutterschaft abhält, obgleich sie noch stets von dem künftigen Kinde träumen. Hier ist nur die Rede von der persönlichen Selbstbehauptung der Frauen.

Die Frauen wollen nicht mehr die Einkünfte des Mannes verwalten, sondern eigene verdienen; sie wollen nicht den Mann als Vermittler zwischen sich und der Gesellschaft, sondern sie wollen selbst ihre Interessen vertreten; sie wollen ihre Begabung nicht auf das Haus beschränken, sondern sie auch im öffentlichen Leben zum Ausdruck bringen. Und nach allen diesen Richtungen haben sie Recht. Aber wenn sie, um so »das Leben leben« zu können, »von der Last des Kindes befreit« sein wollen, dann wird man nachdenklich. Denn solange keine Kinderpflegeautomaten erfunden sind, keine männlichen Volontäre sich angemeldet haben, muss ja diese Last auf andere Frauen fallen, die – mit oder ohne eigene Mutterschaft – dann gezwungen sind, doppelt zu tragen. Wirkliche Befreiung ist also für die Frauen nicht möglich, nur eine neue Verteilung der Lasten.

Die schon »Befreiten« versichern, dass sie – indem sie erwerben, studieren, schaffen, politisieren – die Empfindung haben, ein höheres Dasein mit grösseren Seelenbewegungen zu leben, als die Kinderstube es ihnen hätte bieten können. Sie sehen auf die »passive« Tätigkeit, Kinder zu gebären, herab – und mit Recht, wenn sie nur passiv bleibt – ohne einzusehen, dass sie die Möglichkeit birgt, wie keine andere ihre ganze Persönlichkeit in Aktivität zu versetzen. Und der Mensch hat ja das Recht, sein eigenes Glück zu wählen – oder sein Unglück!

Aber worauf diese Frauen kein Recht haben, ist, als ebenso grosse Gesellschaftswerte angesehen zu werden wie jene, die ihre grössten Seelenbewegungen durch ihre Kinder erfahren, die Wesen, die nicht allein den feinsten Stoff für menschliche Bildkunst darstellen, sondern auch die einzigen Werke, durch die die Unsterblichkeit eines Schaffenden gewiss ist! Was diese das Kind fürchtenden Frauen auch nicht erwarten können, ist, dass man ihre Erfahrung als ebenso wertvoll ansehe wie die der Frauen, die – nachdem sie ihre unmittelbaren Mutterpflichten erfüllt haben – im öffentlichen Leben ihre im Privatleben gewonnene Entwicklung nutzbar machen.

 

Der Naturtrieb besitzt ebensowenig wie der Kulturtrieb einen geheimnisvollen und unfehlbaren Leitstern. Beide können den einzelnen sowohl wie das Menschengeschlecht in bezug auf das Ziel irre führen, das beide unbewusst oder bewusst suchen: höhere Lebensformen. In der Mütterlichkeit hat die Menschheit ihre bisher vollkommenste Lebensform innerhalb der Gattung als Ganzes genommen erreicht. Die Mutterschaft ist ein natürliches Gleichgewicht zwischen dem Glück des einzelnen und dem der Gesamtheit, zwischen Selbstbehauptung und Selbsthingebung, zwischen dem Sinnlichen und dem Seelenvollen. Eine grosse Liebe, eine geniale Schaffenskraft kann in einzelnen Fällen dieselbe Einheit erreichen. Aber der ungeheure Vorzug der Mutter ist, dass sie mit ihrem Kinde in den Armen – ohne bewusste Mühe und ohne zu den begünstigten Ausnahmen zu gehören – die Einheit zwischen Glück und Pflicht besitzt, die die Menschheit in ihrer Gesamtheit erst nach unendlichen Mühen auf anderen Gebieten erreichen wird. Aber wenn die persönliche Selbstbehauptung, das eigene Glück sich im Bewusstsein der Frau immer mehr vom Zusammenhange mit dem Kinde löst, dann wird diese Einheit erschüttert.

Eine vorübergehende Erschütterung war notwendig. Denn die Befreiung des Weibes bedingte – wie jede andere Befreiung – gerade die Störung der Gleichgewichtslage, die der Druck der Übermacht und die Trägheit der Tradition geschaffen hatte, des gekünstelten Gleichgewichts, das nur der Druck auf der einen, die Trägheit auf der anderen Seite erhalten konnte. Es war notwendig, dass die Töchter sich gegen das Frauenideal der Väter erhoben, die Schwestern gegen den brüderlichen Löwenanteil, der auf ihre Kosten so reichlich zugemessen war, die Mütter gegen die Auffassung ihres Berufes, die sie in der Pflichtensphäre des Tierweibchens festhielt.

Sie mussten die Emanzipation durchführen, die es möglich gemacht hat, dass sie ihr Hirn – nicht nur ihr Herz – gebrauchen, um ihre ewige Aufgabe zu erfüllen: die neuen Leben zu erziehen und zu bewahren.

Schon die gebildete – ja selbst die ungebildete – Mutter von heute verwendet bei ihrer Kinderpflege doppelt so viel Hirnkraft, aber nur halb so viel Muskelkraft, als ihre Grossmutter verbrauchte. Sie versteht es besser, zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem zu unterscheiden; sie kann durch Umsicht Mühen und Plagen vermeiden. Und wenn alle Mütter die praktische und theoretische Ausbildung in der Gesundheits- und Krankenpflege der Kinder erhalten, die ihre Wehrpflicht bilden muss, dann wird die Aufgabe in der Richtung des Unpersönlichen noch mehr vereinfacht sein, aber sich in der Richtung des Persönlichen immer mehr vertiefen. Die Mutter wird ihre Intelligenz und ihre Phantasie, ihren Kunstsinn und ihr Naturgefühl, ihre Kenntnisse der Physiologie und Psychologie gebrauchen, um dem Kinde die Bedingungen zu schaffen, durch die es sich am besten und freiesten selbst entwickeln kann; sie wird hingegen davon abstehen, das Kind – umzuarbeiten! Sie wird auf diese Weise viel Zeit gewinnen, die jetzt für unnötige Wartung und schädliches Erziehen vergeudet wird.

Aber sich der persönlichen Pflege entziehen, das wird die Mutter nie können, ohne die Schmach der Desertion auf sich zu laden.

Es gibt eine Anzahl von Frauen, welche meinen, dass das Muttergefühl selbst unabhängig von den mütterlichen Mühen und der mütterlichen Verantwortung für das Kind bestehen könne; dass dieses folglich von der Gesellschaft betreut werden, aber dennoch den Reichtum der Mutter- und Vaterliebe besitzen könnte. Diese Frauen müssen nie bedacht haben, dass beim Menschen wie beim Tiere die Elternzärtlichkeit aus Mühen und Opferwilligkeit entsteht, dass sie damit steigt und dass sie um so geringer wird, je weniger Anforderungen an sie gestellt werden. Wenn ein Vater zeitweilig eine Mutter ersetzt, wird er zärtlich wie diese; wenn ein krankes Kind die Kräfte der Mutter aufsaugt, kommt es ihrem Herzen am nächsten; wenn die Kinder heranwachsen, wird die Zärtlichkeit weniger spontan innig, obgleich sie sich dann anstatt dessen durch den persönlichen Austausch vertiefen kann. Die staatliche Pflege der kleinen Kinder wäre gleichbedeutend mit dem Hinwelken der Innigkeit der elterlichen Liebe. Die durch die körperliche Nähe des Kindes geweckte Zärtlichkeit beweist besser als irgend ein anderes Gefühl die Einheit der Sinne und der Seele. Ohne die sinnliche Nähe verliert die seelische, ohne den seelischen Eindruck verliert der körperliche seine Macht. Der Mutterinstinkt hat sich wie alle anderen Instinkte durch die Stetigkeit der äusseren Bedingungen gebildet. Er ist durch bestimmte Empfindungen und Begriffsverbindungen erworben. Als gewisse dieser zuerst bewussten Seelenregungen unbewusst wurden, so dass sie automatisch von niedrigeren Nervenzentren ausgeführt werden konnten, wurden die höheren Nervenzentren, die früher bei diesen Verrichtungen tätig gewesen waren, für höhere Aufgaben freigemacht. Aber werden die Empfindungen und Begriffsverbindungen, die ursprünglich den Instinkt schufen, geschwächt, dann verliert dieser seine schlafwandlerische Sicherheit. Was leicht »von selbst« ging, wie der Sprachgebrauch es richtig nennt, wird wieder mühsam. Mit der Erschütterung des Instinkts kommen, wenn auch äusserst langsam, entsprechende Erschütterungen der Organe, mit denen dieser verbunden ist. So war das Nähren vielleicht eine erworbene Fähigkeit, die »natürlich« wurde. Jetzt ist es so schwierig geworden, dass in den oberen Klassen die Mehrzahl selbst beim besten Willen diese Funktion kaum ein paar Monate oder überhaupt nicht erfüllen kann. Die Wissenschaft steht schon fragend vor der Möglichkeit, dass die Milchdrüsen und damit der besondere Charakter des Frauenbusens verschwinden könnte. »Aber,« fährt ein schon citierter Gelehrter fort, »wenn die Muttermilch wirklich unentbehrlich ist, damit die Nachkommenschaft die höchste Kraft und beste Qualität erreiche, dann werden die so Aufgezogenen die physisch und psychisch Tauglichsten sein; folglich auch Sieger im sexuellen Wettbewerb, und so würde die Fähigkeit, Muttermilch hervorzubringen, erhalten bleiben ... Wenn nicht, so werden wertvollere Eigenschaften an Stelle der verlorenen errungen werden.«

Anmerkung: Man sehe Chr. v. Ehrenfels: »Die aufsteigende Entwicklung des Menschen« (Politisch-Anthropologische Revue, April 1903). Der Gedankengang in seiner Gesamtheit ruht hier auf einer von Darwins jetzt umstrittenen Ansichten, die jedoch durch den berühmten Gehirnanatomen Bechterew (man sehe »Bewusstsein und Hirnlokalisation« 1898) eine Stütze erhalten haben. Die Anwendung der Ansicht auf das Nähren ist nur eine Annahme von mir. Im Zusammenhang damit muss an solche Fakten, wie dass – nach einer Angabe aus Wien – drei Viertel der gestorbenen Säuglinge nicht von ihren Müttern gestillt wurden, erinnert werden. Ein französischer Arzt, Lulaing, hat statistische Beweise dafür erbracht, dass die Säuglinge in doppelt so grosser Anzahl sterben, wenn sie nicht von ihren Müttern genährt werden. Er hat nicht weniger als 13 952 Kinder armer Familien untersucht. Bei den Kindern, die an der Mutterbrust aufgezogen wurden, stieg der Sterblichkeitsprozentsatz nur auf 14,24, während er bei denen, die Ammenmilch erhielten, 31,29 betrug, und bei den mit der Flasche aufgezogenen Kindern war der Prozentsatz noch höher! Von den untersuchten 13 952 Kindern erhielten nur 6409 – also nicht einmal die Hälfte – die Mutterbrust. Die Ursache liegt in den sozialen Verhältnissen: die Mütter sind gezwungen, kurze Zeit nach der Geburt des Kindes auf Arbeit zu gehen, und können ihnen darum nicht die Brust, ja nicht einmal selbst die Flasche geben. Dr. L. hält es für absolut notwendig, dass jeder Mutter (die es kann) Gelegenheit gegeben werde, ihr Kind sechs Monate lang zu stillen. Und er befürwortet, dass für diesen Zweck Pflegeanstalten errichtet werden.

Der oben zitierte deutsche Arzt Alsberg führt als Beweis für die geschlechtliche Entartung teils die zunehmende Notwendigkeit chirurgischer Hilfe beim Geburtsakt an, teils die Verkümmerung der Brustwarzen, durch die das Stillen unmöglich wird. Diese Verkümmerung wird teils durch das eigene Verschulden der Frauen verursacht, teils ist sie eine Folge des Alkoholismus der Väter.

Professor Bunge, der bekannte Antialkoholiker, hat darauf hingewiesen, dass die Unfähigkeit der Mütter, ihre Kinder zu stillen, in unmittelbarem Zusammenhange damit steht, besonders durch den gesteigerten Alkoholkonsum der Frauen, und der englische Arzt Dr. Sullivan hat gezeigt, dass die Trunksucht der Mütter einen unvergleichlich grösseren Einfluss auf die Kindersterblichkeit und auf die abnehmende Lebenskraft der Kinder hat, als die des Vaters. Und es ist zu hoffen, dass die Gesetzgebung in diesem Falle eingreifen wird, sowie man schon in Frankreich einen Gesetzvorschlag eingebracht hat, der darauf abzielt, den Mädchen bis zu zwanzig Jahren das Tragen eines Korsetts wegen der gefährlichen Folgen für die künftige Mutterschaft zu verbieten.

Es ist also denkbar, dass die abnehmende Neigung und Fähigkeit der Frau nach dieser Hinsicht unbewusst der Entwicklung der Gattung dient. Oft entscheidet erst die Zukunft, was Fortschritt, was Entartung war. Aber gewiss ist, dass nichts unwissenschaftlicher sein kann, als alle Sorge für die Zukunft mit dem Dogma zu beschwichtigen: dass der Wille, in der Nachkommenschaft weiter zu leben, so stark sei, dass nur die Entarteten ihn nicht besitzen; dass bei dem gesunden Weibe nichts dem Mutterinstinkt zu schaden vermöge!

Für den evolutionistisch Denkenden ist alles einer möglichen Umwandlung unterworfen, und nirgends wirkt etwas, das »nichts machen« kann. Nicht ein Hirn, nicht ein Nervensystem entzieht sich auch nur den unbewussten Eindrücken der Strasse. Sie versinken in das unterbewusste Seelenleben und können Jahrzehnte später daraus emportauchen. Nicht ein Mensch ist derselbe – oder wird je derselbe – wenn er z. B. von einer Vorlesung fortgeht, als der er hinkam. Immer sind irgendwelche Seelenwogen in Bewegung gesetzt worden, und diese Bewegung setzt sich bis ins Unendliche fort. Wenn dies schon von der Inschrift eines Strassenschildes gilt, von der flüchtigen ärgerlichen oder freudigen Stimmung des Augenblicks, um wie viel mehr dann von den Eindrücken, die unsere Tage, unsere Jahre beherrschen! Die Vorstellungen werden aus dem edlen oder unedlen Metall der Stimmungen geschmiedet, und als Werkzeuge bearbeiten sie dann ihrerseits die Bronze oder das Gold der Stimmungen. Alle Heiligung, alle Selbstkultur ruht auf der Fähigkeit des Menschen, gewisse Gedanken abzulenken, gewisse Vorstellungen zu unterdrücken, gewisse Willensimpulse abzuwenden; andere Gedanken einzuführen, andere Vorstellungen zu steigern, andere Impulse anzureizen; mit anderen Worten: sich gewisse Seelenzustände anzueignen, andere zu verwerfen. Dadurch entsteht die Entwöhnung von einer Art von Stimmungen, die Gewöhnung an andere. Wenn diese genügende Stärke erlangt haben, werden neue Handlungsweisen, neue Lebenspläne allmählich »natürlich«; neue Instinkte bilden sich, wo Wille und Widerwille oft die gerade entgegengesetzte Stellung einnehmen, als da diese Entwicklung begann. Die Sinnlichkeit wie die Seele sind also Schöpfungen der Entwicklung, und es ist die Wollust von vielen Jahrtausenden, die sich in der Mutter regt, wenn sie die Lippen des Kindes an ihrer Brust spürt; es ist die Zärtlichkeit von ebensovielen Jahrtausenden, die sich in der Gestalt jeder neuen Mutter über das Bett des Kindes neigt.

Wie mächtig diese Regungen der Sinne und der Seele auch geworden sind, so ist doch – aus den eben angeführten Gründen – immerhin die Möglichkeit vorhanden, dass der gewaltige Zärtlichkeitsstrom versiegt, wenn er seiner Zuflüsse beraubt wird, und dass die Menschheit dadurch ihre unentbehrlichste Triebkraft der Kulturentwicklung verlieren könnte.

Aber auch die Frauen selbst würden dabei verlieren. Nichts ist tiefer wahr, als: ... »Was einmal du gelebt, hat sich in Schicksal schon verwandelt, in dein Schicksal ...«

Aber das gilt nicht nur von dem, was wir erlebt haben, sondern auch von dem, was wir zu erleben vermieden haben!

Unser bewusstes Ich, das sind unsere Seelenzustände, die Bilder, Gefühle und Gedanken, die durch unser früheres Leben unser inneres Eigentum geworden sind; die durch gewisse Verläufe miteinander und mit unserem gegenwärtigen Ich verbunden werden. Je weniger diese Bilder, Gefühle und Gedanken in der Vergangenheit einer Frau von Muttergefühlen – geahnten oder wirklichen – bestimmt waren, desto minderwertiger wird das »Ich«, das sie zu behaupten hat, das Schicksal, das sie sich schafft. Und die Frau, die von keinerlei höheren Gründen von der Mutterschaft abgehalten wird, gehört zu den Schmarotzerpflanzen des Baums des Lebens. Die Mehrzahl dieser Frauen verbindet nicht einmal einen tieferen Sinn mit ihrer Forderung, das Leben für sich selbst zu leben. Sie zersplittern sich in vielerlei und erleben dabei nicht viel, denn nur die grossen Gefühle geben grosse Werte.

Ob wohl die Frauen, die sich so ohne weiteres von der Mutterschaft lossagen, je ein Kind, nicht in ihrem Schosse, nein, nur auf ihren Armen getragen haben? Ob sie je jenen Rausch der Zärtlichkeit empfunden haben, den ein solches weichgliedriges, wie aus den zartesten Blättern und rosigsten Farben der Blumen geschaffenes Wesen hervorruft? Ob sie wohl je in Andacht vor der grossen wunderbaren Welt versunken sind, die man gedankenlos »eine kleine Kinderseele« nennt?

Sind sie das nicht, dann kann man begreifen, dass diese Armen, die ihre Armut nicht erkennen, die Reichen ebenso arm machen wollen wie sich selbst – anstatt dass alle Armen reich gemacht werden sollten!

Wenn der Frau diese »Befreiung« der Persönlichkeit gelingt, dann wird es ihr wohl ergehen wie der Prinzessin im Märchen, die sich in Sturm und Regen vor dem Königreiche sah, das sie um eines Spielzeugs willen geopfert hatte!

In einem modernen Gedicht »Paolo and Francesca« von Stephen Phillips bricht eine Frau, die man damit tröstet, dass Kinderlosigkeit viele Leiden erspart, in die Worte aus:

Spared! To be spared what I was born to have:
I am a woman, and this my flesh
Demands its nature's pangs, its rightful throes,
And I implore with vehemence these pains!

Hört dies auf, Weibeslust und Weibesqual zu sein, dann dürften sich die Voraussagungen pessimistischer Denker von dem freiwilligen Aussterben des Menschengeschlechts verwirklichen. Aber die Frauen besässen dabei nicht die Hoheit des folgerichtigen Gedankens, der den Weltverlauf lenken will: sie würden nur als ein dem Abgrund unbewusst zurollendes Rad wirken.

 

Die zunehmende Anzahl der zur Mutterschaft untauglichen oder unwilligen Frauen hat in den letzten Jahren eine Menge Schriften und Gegenschriften über diesen Gegenstand hervorgerufen, wobei von jenen, die niemals feinfühlig genug sind, um ohne Barometer den Luftdruck zu spüren, ohne Chronometer zu wissen, was die Uhr geschlagen hat, Beweise verlangt wurden.

Anmerkung: Man sehe »Missbrauchte Frauenkraft« und einige der gegen diese Brochüre gerichteten Streitschriften. Als einige der wichtigsten Beiträge zu dem sich jetzt abspielenden Kampfe nenne ich des Professors Möbius kleine Schrift »Der physiologische Schwachsinn des Weibes«, die eine Menge Gegenschriften hervorgerufen hat, zuletzt zwei von Dr. Johanna Elberskirchen: »Die Sexualempfindung bei Mann und Weib« und »Feminismus und Wissenschaft«. – »Das Weib in seiner geschlechtlichen Eigenart« von Medizinalrat Max Runge – mit der Gegenschrift von Marie Brühl: »Die Natur der Frau und Herr Professor Runge«; Artikel von Professor Platter in der »Zeit« über Frauenstudium und Rassetüchtigkeit, zunächst durch langjährige eigene Erfahrungen an der Universität Zürich veranlasst; und Mitteilungen aus Amerika wie das Buch von Dr. A. Plötz »Die Tüchtigkeit unserer Rasse und der Schutz der Schwachen« (1895) und Mr. Edsons Bericht. Als Kommissioner of Health im Staate und der Stadt New York entwarf Edson in North American Review ein düsteres Bild des Gesundheitszustands der Frauen der besitzenden Klassen in den Vereinigten Staaten. Das wichtigste Problem für die amerikanischen Ärzte, schreibt er, muss augenblicklich der Gesundheitszustand der gebildeten Frauen sein. Man hat die Diskussion des Problems bisher auf die medizinischen Fachzeitschriften beschränkt, aber daran hat man Unrecht getan. Der Zustand ist schon jetzt so, dass er die nationale Entwicklung ernstlich gefährdet. Die Anzahl der in diesen Klassen leidenden Frauen beträgt schon 60 000; die Zahl der zu solchen Leiden heranwachsenden Mädchen muss auf 65 000 geschätzt werden. Es ist schon ein typischer Fall, dass ein schönes, junges, mit reicher Schulausbildung ausgerüstetes Mädchen, das in die Ehe tritt, nach ein oder zwei Kindbetten eine vollständige Veränderung durchmacht. Ihr Aussehen wird müde und abgespannt, ihre Stimmung schlecht und launisch. Sie ist krank, nicht nur vorübergehend, sondern sie hat lange Jahre des Leidens vor sich. Ein immer wachsender Prozentsatz der amerikanischen Frauen kann, mit einem Worte, die Funktionen der Mutterschaft nicht mehr erfüllen. Nach Edson – wie nach Prof. Platter u. A. – legt die intellektuelle Überarbeit während der Entwicklungsjahre den Grund zu dieser Schwäche, die dann in der Ehe deutlich hervortritt. Man merkt auch – nach den Erklärungen der amerikanischen Ärzte – bei den amerikanischen Frauen eine immer weiter verbreitete Furcht vor der Mutterschaft. Bei den gebildeten Klassen hat diese Furcht ihre Ursache darin, dass sie ihre physische Schwäche fühlen und befürchten, die Schmerzen nicht ertragen zu können. Die Amerikanerin der oberen Klassen entschliesst sich zur Fruchtabtreibung – durch Massage – wenn die Schutzmittel den Zweck nicht erreicht haben. Dazu kommt, dass die studierenden Frauen, die eine Ehe schliessen, dies in viel späterem Alter tun, als die, welche keine höheren Studien betrieben haben. Dies gilt auch von den Arbeiterinnen, die ebenfalls Jahre vergehen lassen, ehe sie sich entschliessen, ihren Verlobten zu heiraten.

Ein späterer Ausspruch ist der des Präsidenten Roosevelt, der kürzlich seine Landsleute vor dem Schicksal Frankreichs gewarnt hat, Frankreichs, das trotz aller Warnungen nicht von seinem Zweikindersystem abgehen will. Dies spukt nun auch in den Vereinigten Staaten, wo nicht nur die Zahl der Ehen zurückgegangen ist, sondern auch die Zahl der Geburten. Zur Zeit Franklins betrug die durchschnittliche Kinderzahl einer Familie acht; vor zwanzig Jahren kamen vier bis fünf Kinder auf jedes Ehepaar, jetzt drei. Die Schuld, dass die Ehen zurückgehen, liegt nach Roosevelts Meinung an den Frauen. In Europa gibt es mehr Frauen als Männer, weshalb ein Bruchteil Frauen ganz einfach unverheiratet bleiben muss, während in Amerika nach dem letzten statistischen Ausweis 953 Frauen auf 1000 Männer kommen ... Mrs. und Miss van Vorst behaupten in ihrem Buche: »Die arbeitende Frau« (zu dem Roosevelt die Vorrede geschrieben hat), dass es Fabrikgemeinwesen gebe, wo man nie auch nur von Kindern sprechen höre. Überall trifft man alte Mädchen in verschiedenen Anstellungen, und auch die jungen ziehen es vor, nicht zu heiraten. Und wenn sie es tun, so wollen sie keine Kinder haben – und dies gilt von allen Klassen, nicht nur von den vermögenden. – »Die erwähnte amerikanische Frauenemanzipation,« sagt ein anderer Schriftsteller, »hat einen Einfluss ausgeübt, auf den man noch vor kurzer Zeit nicht gefasst war. Man hat in Amerika alles getan, um die Frau zu einem selbständig denkenden und arbeitenden Wesen zu machen, das die Stütze des Mannes nicht braucht, und das Resultat ist ein glänzendes geworden. Die Amerikanerin ist nun in allen Berufen zu Hause, sie ist Arzt, Jurist, Kaufmann, Professor. Und nun, nachdem man alles getan hat, um sie dem Manne gleichzustellen, handelt sie in bezug auf die Ehe, als wäre sie keine Frau.« Wenn man mit diesen Bildern aus Amerika eine Untersuchung vergleicht, die Lombroso in einem Kreise italienischer Frauen angestellt hat und bei der es sich zeigte, dass: erstens Ehen aus Liebe, zweitens frühe Ehen und drittens Kinder als die Voraussetzungen des höchsten Glückes angesehen wurden, sieht man klar, wie unvernünftig all die Behauptungen von der »Unveränderlichkeit« der weiblichen Natur sind! Im Lichte dieser Fakten – die durch statistisches Material gestützt werden – muss man den Stolz der Frauenrechtlerinnen über »alles, was die Frauen in Amerika werden können«, sehen. Nach einer veröffentlichten Statistik gab es vor einigen Jahren in den Vereinigten Staaten 3405 weibliche Seelsorger, 1000 Advokatinnen, 7394 Ärztinnen, 787 Zahnärztinnen, 2193 Journalistinnen, 1040 Baumeisterinnen und Bauzeichnerinnen und 1271 Bankbeamtinnen. 946 Frauen sind Handelsreisende, 324 Leichenträger, 409 Elektriker, 45 Lokomotivführer und Heizer, 7 Kondukteure, 21 Stauer, 31 Bremser, 10 Packmeister, 91 Küster, 5582 Barbiere und Friseure, 2 Auktionare, 281 Harzsammler, 51 Bienenzüchter, 440 Kellnerinnen, 31 Rollstuhlschieber, 167 Maurer, 1320 Berufsjäger und Trapper, 85 Schuhbürster, 5 Lotsen, 79 Stallknechte, 6663 Laufmädchen, 196 Schmiede, 8 Blechschläger, 1805 Fischer, 625 Kohlengrubenarbeiter, 59 Arbeiter in Gold- und Silberbergwerken, 63 Steinhauer, 2 Automobilführer – ganz abgesehen von allen Lehrerinnen und Krankenpflegerinnen. Ausserdem gibt es noch weibliche Jockeys, Postillons, Totengräber, Scharfrichter, Feuerwehrleute usw. Die Gerechtigkeit erfordert, dass man zugleich alle Zeugnisse hervorhebt, die dafür sprechen, dass die junge Amerikanerin viel frühere geistige Reife, einen stärkeren Sinn für den praktischen Ernst des Lebens, grössere Selbständigkeit und Verantwortlichkeitsgefühl bei ihrer Arbeit zeigt, als das europäische junge Mädchen, so wie die amerikanische Frau auch lebhafter an der Abstinenzbewegung und anderen grossen sozialen Reformbestrebungen teilgenommen hat. Das Gesetz der Kompensation zeigt sich auch hier; aber das Gewonnene dürfte doch nicht das Verlorene aufwiegen. Ein Franzose, Delpon de Vissu, hat kürzlich seine Beobachtungen über die Frauenwelt Amerikas in einer Abhandlung niedergelegt. Er hat ausgeführt, dass das Studienleben an den Hochschulen die Mädchen mehr für das Zölibat als für die Ehe ausbildet und durch Übertreibung sowohl in Studien wie in Sport ihre Eignung für den Mutterberuf schädigt. Nur ein Drittel der Mädchen, die die Hochschulen durchgemacht haben, heiraten; aber diese Ehen dürften nach seiner Meinung in der Regel dauerhafter und glücklicher sein als andere. Er erwähnte jedoch nicht, wieviele Prozent zu den 23 000 Ehescheidungen des Jahres 1902 die Kollegedamen liefern. Er erwähnte weiter alle die sich selbst erhaltenden Frauen, die in der Regel unverheiratet bleiben oder, wenn sie sich verheiraten, immer häufiger kinderlos sind. Nach den Berechnungen Dr. Engelmans in Boston sind von 100 verheirateten Frauen mehr als 20 unfruchtbar, und das gilt von allen Klassen: Luxusansprüche und Vergnügungssucht gehören zu den Hauptursachen. Aber auch der Feminismus, der das Klubleben und alle Art von äusserer Tätigkeit entwickelt hat, lenkt das Interesse vom Familienleben ab. Die Entartung der Frau in Amerika zeigt – nach Ansicht des Verfassers – dass der weibliche Organismus männliche Mühen nicht ertragen kann, und der Feminismus hat darum die Kräfte vergeudet, die besser für die Ausbreitung der Rasse verwendet worden wären.

Ein englischer Schriftsteller, Marriott Watson, hat den weiblichen Sport aus dem Gesichtspunkte der Schönheit behandelt. Er hat daran erinnert, dass bei den wilden Völkern, wo die Frau physisch belastet wird, auch ihre sekundären Geschlechtsmerkmale darunter leiden, so dass sie in allem dem Manne gleicht – was auch schon Prof. Riehl in »Die Familie« gesagt hat, wo er betont: dass die Zivilisation sondert und teilt, die Roheit aber nivelliert. Dasselbe, behauptet Watson, ist eingetreten, seit die Mädchenschulen nicht nur mit Turnsälen versehen worden sind, sondern die Mädchen auch zum Radfahren, Fechten, Schiessen, Fussballspielen u. dgl. ermuntert werden. Die Übertreibung bei all diesen Übungen hat zur Folge gehabt, dass der Frauentypus sich in der letzten Generation merkbar verändert hat, was zweifellos von der Einführung der Athletik und der Körperübungen im Freien kommt, während die nicht nur natürliche, sondern auch gesunde und belebende Bewegung, das Spazierengehen, immer mehr aufgegeben worden ist. »Das moderne Mädchen schiesst in die Höhe, wird gross, plattbrüstig und farblos. Sie hat nicht mehr die schöne Kontur und die weichen Linien der Weiblichkeit, sondern passt sich immer mehr der männlichen Norm an.«

Auch aus anderen Gesichtspunkten hat man sich in England wie in Amerika gegen den Frauensport gewendet. So heisst es: »Jede freie Stunde wird dem Golf, dem Hockey, dem Turnplatz und dem Klub gewidmet. Diese plötzliche Vorliebe für athletische Übungen macht das moderne Mädchen langsam aber sicher für die schönsten Seiten des modernen Lebens untauglich. Die Mädchen behalten für ihre geistige Kultur keine Zeit übrig. Sie werden allmählich laut und eckig, können von nichts anderem sprechen als ihrem Sport und ihren Klubs und verlieren jedes Verständnis für andere Seiten des menschlichen Lebens. Dies ist der soziale Gesichtspunkt, aber ebenso wichtig ist es, die Sache von dem physischen zu betrachten. Ein Sport wie beispielsweise Fussball ist ganz ungeeignet für die Frau. Die Bewegungen dabei sind zu heftig und verhärten die Muskeln, die ja beim Weibe weich und geschmeidig sein sollen. Und ebenso gross ist die Gefahr, dass vitale Organe beim Boxen beschädigt werden ...«

Für den Fall, dass diese Urteile der männlichen Schwäche für den früheren Frauentypus zugeschrieben werden sollten, dem die Männer, die Literatur und die Kunst ihren »Frauenkultus« gewidmet haben, lässt sich doch die Tatsache nicht aus der Welt schaffen, die aus einer Diskussion in Amerika über Einführung der männlichen Tracht für die Frauen erhellte. Es wurde nämlich dargelegt, dass die Verschiedenheit der Tracht bewahrt werden müsse, da der Typus der Knaben und Mädchen schon so ähnlich sei, dass man das Geschlecht derselben ohne die Verschiedenheit der Kleidung schwerlich erkennen könnte!!

Es muss jedoch erwähnt werden, dass in den höchsten Gesellschaftsklassen Amerikas die Pflege der weiblichen Schönheit hoch entwickelt und das Resultat auch bewunderungswürdig ist. Da wird auch der Reiz durch eine Art Attitude- und Tanzschrittgymnastik veredelt, die an die würdige Grazie buddhistischer Religionszeremonien erinnern soll. In dieser Klasse ist nicht das Erwerbsfieber der Frau die Gesellschaftsgefahr. Da wird sie (man sehe M. Watson: »Nineteenth Century«) anarchistisch durch schrankenlose Genuss- und Luxusansprüche, die die Männer durch eine sie vorzeitig aufreibende Überarbeit befriedigen müssen und denen die Mutterschaft geopfert wird. Ein wirklicher Kampf hat in Amerika – mit dem New-Yorker Schriftsteller Cleveland Moffat an der Spitze – gegen die falsche Ritterlichkeit begonnen, die die Männer in Amerika dazu treibt, sich für das Luxusgeschöpf, die Frau, aufzureiben, das, gleichgültig gegen den Mann und seine Tätigkeit, von jeder Arbeit für das Heim und die Kinder befreit, nur einen Lebenszweck hat: die Reichtümer zu vergeuden, die der Mann erwirbt.

Im Norden hat man einen Sporthasser, dessen Unparteilichkeit ebensowenig bezweifelt werden kann wie seine Autorität, nämlich Nansen. Er hat nicht die Leibesübung angegriffen, aber den Sport, weil »die Rekordkonkurrenzen die Eitelkeit aufreizen, gesundheitgefährliche Übertreibungen hervorrufen, das Interesse von der ernsten Arbeit abziehen und den Sinn für die wirkliche Naturfreude in der Einsamkeit zerstören« – eine Warnung, die hier wiederholt werden mag, obgleich ich schon bei verschiedenen Anlässen ähnliche Gesichtspunkte entwickelt habe.

Was die Eheunlust der englischen Frauen betrifft, so hat man dafür kürzlich ein neues Dokument zu den vielen anderen erhalten, nämlich in der Rede, die Galton im anthropologischen Institut von London gehalten hat und die einen ausgearbeiteten Vorschlag für die Hebung der Rasse enthielt. Galton hatte, aus Anlass seines Vorschlags, eine Menge Aussprüche über die Stellung der Frau zur Ehe gesammelt und hatte sie teils geneigt gefunden, die Ehe hinauszuschieben, teils ganz davon abzustehen. Die Vorsteherin einer höheren Mädchenschule äusserte z. B. – als sie nach dem späteren Leben ihrer Schülerinnen gefragt wurde – dass ein Drittel von ihnen Nutzen aus den Studien ziehe, ein Drittel wenig oder keinen Nutzen davon habe, und das letzte Drittel vollständig Fiasko mache. Auf die Frage, was aus diesen verfehlten Existenzen würde, antwortete sie kurz und bündig: »Sie heiraten!« Galton führte aus, dass ein Umschwung eintreten müsse. Weil die bestehenden Verhältnisse in vielen Fällen Ehen zwischen hoch entwickelten Individuen hindern, ist es notwendig, dass vom Staate, von reichen Persönlichkeiten oder von Vereinen Erleichterungen geschaffen werden. Unter den Mitteln, zu denen man für diesen Zweck greifen soll, erwähnt er besonders Wohnungskolonien, wo die jungen Paare billige Unterkunft und Kost finden könnten; auch sollten sie eine Aussteuer erhalten und auch in anderer Weise Unterstützung finden.

Unter den Beiträgen zu dieser Frage sind zahllose Zeitschriftenartikel, z. B. der Muirheads (man sehe Int. Journal of Ethics 1901), der sich vorzugweise gegen Ch. P. Stetsons Buch »Women and Economics« wendet; R. Pyke (in Cosmopolitan 1900 oder 1901), der so wie Muirhead die psychologischen Gründe der abnehmenden Ehelust der Frau darlegt. In Italien hat Ferrero in seinem Buche über das junge Europa ernstlich die Frage von der Entstehung des »dritten Geschlechts« behandelt. (In Deutschland hat Ernst von Wolzogen eine Novelle dieses Titels geschrieben und Elsa Asenijeff »Aufruhr der Weiber und das dritte Geschlecht«.) Ferrero meint, dass die geschlechtslosen Arbeitsbienen unter den Frauen die Konkurrenten der Männer und durch Intelligenz, Gelehrsamkeit und Arbeitskraft eine starke Gesellschaftsmacht sein werden, aber unfruchtbar, mit versteinerten Herzen und Sinnen, nur mit dem Hirn lebend, während die anspruchsloseren Frauen fortfahren werden, die Gattung zu vermehren – eine Arbeitsteilung, die er aus guten Gründen für ebenso gefährlich für das Glück der einzelnen wie für die Entwicklung der Menschheit hält. Er stützt seine Beobachtungen vor allem auf die angelsächsischen Frauen. Von Frankreich brauchte man gar nicht zu sprechen – wissen doch alle, dass die Beschränkung der Bevölkerung dort zu einer gesellschaftlichen Gefahr geworden ist – wenn nicht die allgemeine Meinung dahinginge, dass die Frauenemanzipation dort nichts für die Frage bedeutet. Aber als Leroy-Beaulieu – gestützt auf Bodio und Nitti in Italien, Porter in Amerika, Marshall in England, Levasseur in Frankreich – vor ein paar Jahren zeigte: dass in einer grossen Anzahl anderer Länder, ausser Frankreich, der Prozentsatz der Geburten ebenfalls sinkt, da nahm er die Frauen Frankreichs nicht von dem Einfluss aus, den der Feminismus auszuüben begonnen hat, einem Einfluss, den er als »einen furchtbaren Feind der Volksvermehrung« bezeichnete. Kürzlich soll auch Charles Turgeon (in »Le féminisme français«) scharfe Wahrheiten über diesen Gegenstand gesagt haben.

Und der Einfluss des Feminismus ist nicht nur direkt, durch Unlust zur Ehe und Mutterschaft, sondern auch indirekt, durch den Mangel an Verständnis, den die älteren Frauenrechtlerinnen für den Zusammenhang der Frauenfrage mit allen anderen sozialen Fragen bekunden. Nichts zeigt dies besser als ihre Stellung zu den Schutzgesetzen für die körperlich arbeitende Frau. Man kann keinen Jahrgang einer europäischen Zeitschrift, die einschlägige Themen behandelt, aufschlagen, ohne Artikel über die Gefahren der Fabrikarbeit für die Frauen selbst und die künftige Generation zu finden. Aber dies hat die Frauenrechtlerinnen des älteren Typus nicht abgehalten, sich diesen Schutzgesetzen fanatisch entgegenzustemmen, was auch von der äussersten Linken, z. B. La Fronde in Paris, geschehen ist. Aber während die älteren Frauenrechtlerinnen des liberalen Typus im Norden, in England und in Deutschland in der Regel sich dem Schutz der Fabrikarbeiterin widersetzen, sind sowohl in England und Frankreich wie im Norden die vom Sozialismus beeinflussten jüngeren Frauenrechtlerinnen meistens Anhängerinnen desselben. Und in Deutschland wirken die jüngeren Frauenrechtlerinnen – Dr. Kaethe Schumacher, Dr. Helene Stöcker, Alice Salomon u. a. – eifrig sowohl für Schutzgesetze für unverheiratete und verheiratete Frauen wie für staatlichen Schutz der unverheirateten und verheirateten Mütter.

Auch belletristische Schriftsteller haben den Frauen des zwanzigsten Jahrhunderts das Horoskop gestellt, und besonders Marcel Prévost hat dargelegt, dass man auf jede Frau, die einen männlichen Beruf wählt, einen entgleisten Mann rechnen müsse. Was das Verhältnis zwischen den Geschlechtern betrifft, so meint er, dass die Galanterie immer mehr verschwinden und die Frau ihre Liebe verbergen werde – wenn sie überhaupt welche fühle. »Weil die Männer und die Frauen einander in bezug auf Gewohnheiten und Berufe immer ähnlicher sein werden, ist es wahrscheinlich, dass man Ehen schliessen wird, bei denen das Gefühl nur eine unbedeutende Rolle spielen wird. Aber diese Ehen können nichtsdestoweniger herzlich und von langer Dauer sein: die Gatten sind dann zwei Kompagnons, durch gegenseitige Achtung und wohlverstandenes Interesse verbunden. Die Frau wird bedächtiger und egoistischer werden, wenn sie nicht mehr von Leidenschaft geleitet ist, die ja Selbstverleugnung und Blindheit voraussetzt. Die Frau des 20. Jahrhunderts wird eine immer weniger zärtliche Mutter werden. Dieses Faktum lässt sich schon bei den Engländern beobachten, die sicherlich den künftigen sozialen Verhältnissen näher stehen als die romanischen Rassen. Der häusliche Herd wird weniger warm und weniger in sich abgeschlossen sein. Also: viel grössere intellektuelle Gewecktheit und stärkere Liebe zur Unabhängigkeit; weniger Leidenschaft und weniger Schamgefühl; offener Sinn für persönliche Interessen, vernünftiger Egoismus, der jedoch nicht eine dauernde Sympathie für den Mann ausschliesst; weniger bezaubernder Reiz und mehr Selbstbewusstsein; weniger Zärtlichkeit und mehr Vernunft ...«

Für jeden Denkenden wird es immer unverkennbarer, dass die Menschheit sich dem Scheidewege ihres zukünftigen Schicksals nähert. Entweder muss – im grossen Ganzen genommen – die alte, in der Natur begründete Arbeitsteilung fortdauern: die, dass die Mehrzahl der Frauen das neue Geschlecht nicht nur zur Welt bringen, sondern auch im Heim erziehen; dass die Männer – unmittelbar in der Ehe oder mittelbar durch staatliche Unterstützung – in den Jahren, wo die Frauen diese Gesellschaftsaufgabe erfüllen, für deren Unterhalt arbeiten; und dass die Frauen bei ihrer geistigen wie körperlichen Entwicklung, bei ihrer Arbeitswahl und bei ihren Lebensgewohnheiten bestrebt sind, ihre Tauglichkeit für die mögliche Aufgabe der Mutterschaft zu bewahren.

Anmerkung: Die alte Anschauung, die auf dem Gebiete der sexuellen Frage so viel Verwirrung angerichtet hat, nämlich, dass der Geschlechtsunterschied nur lokal sein sollte, wird immer mehr und mehr bestritten. Immer häufiger wird die Meinung bestätigt, die von mir nur intuitiv in »Missbrauchte Frauenkraft« ausgesprochen wurde, eine Meinung die jedoch eine notwendige Folge einer monistischen Lebensanschauung ist. Für den, der sich für eine ausführlichere Darlegung interessiert, sei auf Havelock Ellis' Arbeiten hingewiesen: »Man and Woman« und »Evolution of Sex«, und noch mehr auf Geddes' und Thomsons »Evolution of Sex«. Die letzteren machen geltend, dass das Geschlecht die Physiologie des ganzen Individuums bestimmt; dass die Abweichungen in der Lebensweise, die der Geschlechtsunterschied mit sich gebracht hat, nichts weniger als zufällig, sondern tief organisch begründet sind; dass die Geschlechtscharaktere im eigentlichen Sinne nur eine Konzentration und Illustration eines »das ganze Individuum durchdringenden Zustandes« sind. »Das Weib ist nicht nur in einem Teile ihres Wesens Weib, sondern durch und durch,« sagt ein anderer Schriftsteller. Nicht die Unterdrückung des Mannes also, sondern die Natur beider hat die Arbeitsteilung bestimmt, die daher auch im grossen Ganzen die bestehende gewesen sein und bleiben muss.

Oder die Frau muss zu rücksichtslosem Wettbewerb mit dem Manne auf allen Produktionsgebieten erzogen werden – aber so auch immer mehr die Fähigkeit und die Lust verlieren, die Menschheit mit neuem Menschenmaterial zu versehen – und die staatliche Grossziehung der Kinder sie von den Sorgen befreien, die ihre Bewegungsfreiheit am meisten hemmen.

Anmerkung: Der typische – in Europa und in Amerika gleich sehr beachtete und schon eine Schule bildende – Vorschlag nach dieser Richtung wurde von der Amerikanerin Ch. Perkins-Stetson in ihrem oben besprochenen Buche »Women and Economics« gemacht. Der Gedankengang darin ist der, dass, als die sexuellen Relationen ökonomische wurden, die geistige und körperliche Kraft der Frau verkümmerte und nicht früher wiedergewonnen werden kann, als bis sie sich wieder selbst erhält. Die mütterliche Pflege der Nachkommenschaft ist überdies unvollkommen gewesen und muss durch staatliche Pflege ersetzt werden – sowohl wegen der Kraftentwicklung und Unabhängigkeit der Frau selbst wie um der Kinder willen. Denn diese sollen nicht individuelle, sondern so früh wie möglich soziale Wesen werden. Mutter und Vater bezahlen jeder die Hälfte an die Anstalt, wo fachlich gebildete Personen die Kinder pflegen, welche manchmal einen Besuch im Hause machen. In einem Zukunftsbild (Österreich 2020) wird vorgeschlagen, die Kinder, wenn die wirklichen Mütter wenig Mütterlichkeit haben, sogenannten Wahlmüttern zu überlassen, die an ihnen Mutterstelle vertreten, während sie auch weiter in Anstalten verpflegt werden, wo 100 Kinder zwischen 1–6 Jahren 12 Pflegerinnen haben sollen.

Jeder Kompromiss kann nur dem Umfang der Arbeitsteilung gelten, niemals der Art. Denn keine noch so kluge Gesundheitspflege, keine geänderten Gesellschaftsverhältnisse mit kürzerer Arbeit unter besseren Bedingungen; keine neuen Studienweisen mit massiger Gehirntätigkeit können das Naturgesetz aufheben: dass die Mutterfunktion der Frau mittelbar wie unmittelbar Anforderungen an Schonung mit sich bringt, die zeitweilig ihre Berufsarbeit stören, wenn sie sie erfüllt, während deren Ausserachtlassung sich an ihr selbst und an der neuen Generation rächt. Ebensowenig können irgendwelche Verbesserungen in der Kinderwartung und den häuslichen Einrichtungen es verhindern, dass das, was immer noch übrig bleibt – um aus dem Heim mehr als ein Schlaf- und Esslokal zu machen – Zeit und Gedanken, Kräfte und Gefühle erheischt. Will man also die alte Arbeitsteilung bewahren, bei der die Menschheit bisher vorwärts geschritten ist, dann muss die Frau dem Heim zurückerobert werden.

Aber dies bedeutet nicht nur eine durchgreifende Umwandlung der jetzigen Produktionsverhältnisse. Nein, man steht hier vor der tiefsten Bewegung der Zeit, dem Freiheitswillen des Weibes als Mensch, als Persönlichkeit, und damit vor dem grössten tragischen Konflikt, den die Weltgeschichte bis jetzt noch gesehen. Denn wenn es schon für ein Individuum oder ein Volk tragisch ist, sein eigenes innerstes Ich rücksichtslos zu suchen und ihm bis in das Pathos des Unterganges zu folgen, – wie gross wird dann nicht erst die Tragik, wenn es sich um die eine Hälfte der Menschheit handelt. Eine solche Tragik ist schon dann tief, wenn sie in dem Ringen zwischen dem entsteht, was man die »guten« und die »bösen« Kräfte im Menschen zu nennen pflegt, ein Sprachgebrauch, den die Bekenner des Lebensglaubens aufgegeben haben, weil sie wissen, dass sogenannte Verbrechen auch Menschenwesen und Menschenwert erhöhen können; dass das tief Menschliche sich als böse darstellen und doch gesund oder schön sein kann, weil es die Steigerung des Lebens in sich trägt. Aber unendlich grösser wird die Tragik, wenn der Kampf zwischen den unbestritten guten – den im höchsten Sinne lebensteigernden – Kräften und den nicht einmal sekundär zu nennenden, sondern den allerbesten, den Grundkräften selbst, den tiefsten Wesensbedingungen ausgekämpft wird!

Und so stellt sich nun das tragische Problem der Frau, wenn man von den ebenerwähnten Egoistinnen absieht und den Blick auf die Mehrzahl heftet. Frauenwesen gegen Menschenwesen, Kraftausübung, um die Forderungen des Geschlechtswesens oder um die der Persönlichkeit zu befriedigen! Wenn Shakespeare heute wieder auferstände, würde er vielleicht Hamlet zu einem Weibe machen, für das die Frage, Sein oder Nichtsein, mit doppeltem Pathos erfüllt wäre: mit des Menschengeschlechtes ewigem und des Frauengeschlechtes neuem Grauen vor dem eigenen Rätsel; er würde sie zu einer Trägerin des verfeinertsten seelischen Bewusstseins der Zeit machen und darum – bei jeder Notwendigkeit, sich zu entschliessen – zu einem Opfer des Zauderns, des Zweifels und des Zufalls! Ebenso gewiss wie Leben Kraftentwicklung ist, ebenso gewiss ist Glück ein immer vollerer und erfolgreicherer Gebrauch der Kräfte in der Richtung, auf die die besten Anlagen hinweisen. Aber wenn diese hervorragendsten Anlagen sich in zwei unvereinbaren Richtungen bewegen, dann kommt die Seele in dieselbe Lage, wie die Wanderer in der Theseussage, die der »Tannenbeuger« an zwei Pinienwipfel band!

Der jetzige »Kulturkampf« der Frauen hat eine grössere Ausdehnung als irgend ein anderer. Und wenn keine Wendung eintritt, wird er schliesslich jeden Rasse- oder Religionskrieg an Fanatismus übertreffen.

Die Frauenbewegung kreist immer um die Peripherie der Frage, ohne einen Radius zu ihrem Mittelpunkt zu finden, der die Begrenzung des Menschenwesens auf Zeit und Raum ist; die Begrenzung der Seele in der Fähigkeit, sich gleichzeitig verschiedenen Gedanken- und Gefühlssphären hinzugeben, die Begrenzung des Körpers, in dem Vermögen, eine ununterbrochen gesteigerte Belastung zu ertragen.

Die schwerste Entartungsursache der Gegenwart – die Millionen unter ungünstigen Bedingungen broterwerbenden Frauen, die teils die Möglichkeit, teils den Willen zur Mutterschaft verlieren – kann verschwinden, ohne dass doch das Hauptproblem für irgend eine Frau gelöst wird, die zu einer individuell-menschlichen Entwicklung vorgedrungen ist.

In wie hohem Grade eine Frau auch körperlich wie geistig vollwertig sein mag, kann dies doch niemals verhindern, dass die Zeit, die ihre Berufsarbeit in Anspruch nimmt, der Zeit Abbruch tut, die das Haus erhält, weil sie nicht gleichzeitig daheim und draussen sein kann; nicht Gedanken und Gefühle auf die Arbeit konzentrieren, von ihr aufsaugen lassen kann, während sie gleichzeitig auf das Familienleben konzentriert, von ihm aufgesogen sind. Und all das in diesem Leben Persönliche, das, was nicht weitergegeben werden kann, wird so mit Notwendigkeit eine Hemmung ihrer individuellen Bewegungsfreiheit, im inneren wie im äusseren Sinne.

Wenn die Kinder und der Mann in dem Leben einer Frau überhaupt etwas bedeuten, kann sie ja nicht einen anderen die Zärtlichkeit, die Fürsorge, die Unruhe hegen lassen: sie muss diesen Gefühlen ihre eigene Seele hingeben.

Aber dann wird dies auch ihr Buch, ihr Bild, ihren Vortrag, ihre Untersuchung ebenso unfehlbar stören wie die Mühe, die Kinder körperlich zu nähren und zu warten – die Mühe, der sie sich wirklich entziehen kann, allerdings mit grossen Verlusten an Freude und an Einblick in die Eigenart des Kindes.

Mit einem Worte: der bedeutungsvollste Kampf wird nicht zwischen Gesundheit und Krankheit, Entwicklung und Entartung ausgekämpft, sondern zwischen den beiden gleich starken, gesunden und schönen Lebensformen: Eigenleben oder Geschlechtsleben.

Viele Frauen, die die Notwendigkeit erkennen, sich für eines von beiden zu entscheiden, wählen das erstere und vermeiden oder beschränken die Mutterschaft, weil sie glauben, dass sie einen anderen, reicheren Kultureinsatz zu machen haben.

Aber ob wohl das Menschengeschlecht nicht mehr durch die Genies gewonnen hätte, deren Mütter diese begabten Frauen hätten werden können?

Man kann um ihrer selbst willen die unfruchtbaren Frauen des Geburts- oder Finanzadels beklagen, die aus reiner Selbstsucht nicht Mütter werden wollten. Aber der Menschheit erweisen sie einen unfreiwilligen Dienst dadurch, dass weniger entartete Kinder geboren werden.

Die geistigen und körperlichen Vollblutfrauen hingegen sind die aus dem Gesichtspunkte der Generation wertvollsten. Wenn diese sich mit einem oder gar keinem Kinde begnügen, weil sie sich menschlich-individuellen Aufgaben hingeben wollen, dann wird ihr Werk, nicht das Menschengeschlecht, den Reichtum des Blutes, das Feuer der Schaffenslust, das Mark der Gedanken, die Schönheit der Gefühle empfangen.

Aber es dürften – nach einer sehr milden Berechnung – von den Frauen der Erde jährlich wohl hunderttausend Dichtungen und Kunstschöpfungen hervorgebracht werden, die besser kleine Jungens und Mädels geworden wären!

Beinahe immer sind es die hervorragendsten Frauen, die sich vor die tragische Notwendigkeit gestellt sehen, ein einziges Gebiet zu wählen oder sich unbefriedigt auf beiden zu zersplittern. Denn je mehr sie ihre Forderungen an sich selbst steigern, desto gewisser empfinden sie die Teilung als eine halbe Massregel.

Teils die ökonomische Notwendigkeit, teils der Zeitgeist bestimmt jedoch immer häufiger die Wahl nach der Richtung der Arbeit, wenn die beiden Alternativen sich im Gefühle der Frau selbst die Wagschale halten. Denn die Frauenbefreiung hat den Gefühlsakzent auf die Selbständigkeit, die Gesellschaftsarbeit, das Schaffen gelegt. Das hat diese Werte in der Frauenseele ebenso sehr gehoben, wie es die Werte des Heims herabgedrückt hat. Das Fehlen der psychischen Einsicht macht die Frauenrechtlerinnen ehrlich, wenn sie beteuern: dass sie niemals die Aufgaben des Heims herabgesetzt, sondern im Gegenteil versucht haben, die Frauen für dieselben auszubilden. Haushaltungsschulen sind aller Anerkennung wert, aber in der Aufgabe, grössere Begeisterung für die häuslichen Pflichten hervorzurufen, haben sie sich bis jetzt nicht als bedeutungsvoll erwiesen. Weil die Begeisterung auf alle Äusserungen des Frauenwillens, auf dem einstigen Gebiete des Mannes zu wirken, gelenkt wurde, hat der Beruf der Gattin und Mutter an Anziehung verloren.

Historisch gesehen, musste die Befreiungsarbeit von dieser einseitigen Begeisterung vorwärts getrieben werden. Aber nun ist die Frage die, ob die Frau in einer neuen Weise von Andacht für ihr rein weibliches Tätigkeitsfeld ergriffen werden kann?

Denn nur dies wäre, im grossen gesehen, die Lösung des Konfliktes. Eine Rückkehr zu dem alten Frauenideal wäre ebenso undenkbar wie unglücklich. Ein fortgesetztes Streben, die uralte Arbeitsverteilung zwischen den Geschlechtern aufzuheben, ist denkbar – und ebenso unglücklich. Dass die Frau ihren neuen Willen für ihre uralte Aufgabe einsetzt, wäre das glücklichste. Aber ist es auch das denkbare?

Die Antwort lautet unbedingt negativ für die Ausnahmenaturen, für diejenigen, die, in gesteigerter Vitalität und Leidensfähigkeit, sich die Stirn an der Begrenzung des Lebens blutig stossen, die sie hindert, sich sowohl der Liebe, wie der Mutterfreude, wie der Kulturaufgabe ganz hinzugeben.

Hier steht man vor der tiefsten Ursache der Nevrose der modernen Frau. Sie lebt Jahr aus Jahr ein »über ihre Kraft«.

Sie hat noch das alte Bewusstsein, dass eine Mutter selbstlos in ihre Aufgabe versunken sein, dass sie mit tiefer Ruhe in ihr aufgehen soll, und dass sie daher die inneren Stimmen, die sie mahnen, ihrem persönlichen Entwicklungstrieb zu folgen, ungehört verklingen lassen muss. Sie hat dazu das neue Bewusstsein, dass die Erziehung eines Kindes dieselbe volle Hingabe verlangt wie die Gestaltung eines Werkes; dass das Kind ebenso empfindlich wie dieses gegen eine geteilte Seele, eine zerstreute Aufmerksamkeit ist. Sie möchte, wie Anselma Heine treffend gesagt hat, zugleich die Mutter früherer Zeiten sein, die geduldig tragende Karyatide, die immer an ihrem Platze war, die Schale bereit für die dürstenden Lippen des Kindes – und das, was sie jetzt ist: die selbst ewig Regsame, auf allen Pfaden Suchende, aus allen Quellen des Lebens ihre durstigen Lippen Letzende. Sie wird immer eigenartiger, dadurch, dass sie sich immer fester und feiner individualisiert, und dabei wächst ihr Wille zum Eigenleben nach allen Richtungen. Aber zugleich wächst auch ihr Zusammengehörigkeitsgefühl mit dem Geschlechte, und damit wird ihr Verantwortlichkeitsbewusstsein als Mutter und Mensch immer reger. Je »egozentrischer« sie geworden ist, desto weniger ist sie Familienegoistin geblieben. Ihre Persönlichkeitsforderungen werden immer bestimmter, immer umfassender, aber auch immer heikler in ihrer Wahl, immer schwerer zu befriedigen. Ihr wachsendes Gefühl der persönlichen Würde legt ihr immer stärkere Selbstbeherrschung auf, während ihr ganzes Wesen in einer immer empfindlicheren Sensibilität vibriert!

Und auf dieses neue Weib, das schon eitel Unruhe, Lebensdurst, Leidenschaft ist, stürzt sich die hungrige, hitzig jagende Gegenwart wie eine lauernde Katze auf einen Vogel. Hundertmal im Tage wird eine solche Frau gezwungen sein, die Ansprüche der Persönlichkeit denen der Einträchtigkeit unterzuordnen; hundertmal wird sich der Persönlichkeitswille vor dem Verantwortlichkeitsgefühl davon schleichen müssen. Vervollkommnete Arbeitsmethoden können ihre Hände und ihre Schritte schonen, aber sie können ihre Blicke nicht hindern, mit gesteigerter Unruhe das Zünglein der Wage zu verfolgen, auf deren einer Schale die Zärtlichkeit, das Mitgefühl, die Verantwortlichkeit, auf deren anderer ihre eigenste Sehnsucht, ihr Schaffensfriede, ihr Einsamkeitsdurst, ihre Selbstentwicklung ruht. Und während bald die eine, bald die andere Schale steigt, wird es ihr immer scheinen, dass die schwerere ein Stück von ihrem Herzen geschnittenes lebendiges Fleisch enthält, die – im Augenblick – leichtere hingegen nur ein paar tote, wenn auch goldene Gewichte!

Die Zeittabellen des Hirnweibes wissen nichts von Zusammenstössen. Ihre Zugordnung ist klar. Kindergarten, Schule und Schlafsaal für die Kinder, deren Anzahl die vom Staate als richtig festgestellte ist. Automatisch servierte Mahlzeiten aus einer gemeinsamen Küche. Die Führung des Haushalts beschränkt sich auf die Zusammenrechnung des Kassenbuches. In kombiniertem Arbeits- und Sportskleid begibt sie sich in das Arbeitslokal. Nach beendeter Arbeit fünf Minuten Telephongespräch mit jedem der Kinder; zwei Stunden Sport- und Freiluftleben. Am Nachmittag zehn Minuten Telephongespräch mit dem Manne, fünfunddreissig Minuten Gedankenpause, um Ideen zu erhalten; der Abend gehört Zusammenkünften gemeinnütziger oder gesellschaftlicher Art. An Sonntagen werden Mann und Kinder eingeladen, wobei drei Stunden für die Ausmerzung ihrer Fehler festgesetzt sind, die übrige Zeit für nützliche Vergnügungen! Eine solche Frau denkt nie während der Arbeit an die Kinder; sie wird nie von der Lust gepackt, zehn Minuten länger mit ihrem Manne zu verplaudern, sie hat nie nachts Eingebungen. Sie erwacht gut ausgeschlafen nach der hygienischen Stundenanzahl Schlummer ... alles geht wie ein Uhrwerk, nein, besser: denn die Frau der Zukunft eilt weder je der Zeittabelle voraus, noch bleibt sie hinter ihr zurück! Aber die Auslese der Liebe dürfte keine grosse Vermehrung dieses Typus bringen, dessen jetzige Repräsentantinnen physisch wie psychisch so unberührt von der Mutterschaft scheinen, dass man, was sie betrifft, gerne an den Storch glauben möchte! Und bei den anderen armen »sinnlichen« schwachen Wesen bleibt wohl immer noch das Blut »ein wunderlicher Saft«, der den Kopf angstvoll heiss macht, wenn er kühl sein sollte, um zu denken; der das Herz zwingt, in Sehnsucht zu schlagen, wenn es still sein sollte um Entschlüsse zu fassen; der die Nerven vor Unruhe vibrieren lässt, wenn sie gespannt sein sollten, um zu schaffen ...

Anmerkung: Man sehe in dieser Beziehung die Aussprüche in Adele Gerhards und Helene Simons bedeutungsvoller Arbeit »Mutterschaft und geistige Arbeit«. Sie enthält Aussagen vieler auf verschiedenen geistigen Gebieten wirkender Frauen, die fast alle gestehen, dass – im tieferen Sinne – der Konflikt zwischen ihrer geistigen Produktion und der Mutterschaft sich als unlösbar erwiesen habe.

Und im letzten Grunde ist es dieses Bewusstsein, das die neue Frau vor der Liebe zurückscheuen lässt, die sie ersehnt. Ein kleines Gefühl will sie nicht geben; das grosse würde alle Kräfte ihrer Seele verschlingen; und was würde dann aus ihrer Persönlichkeitsoffenbarung, aus dem Worte, das sie allein unter allen Wesen in sich trägt, dem Worte, das auszusprechen sie geboren ward?

Mona Lisas rätselvolles Lächeln – von Barres als »une clairvoyance sans tristesse« gedeutet – drückt, wie jemand gesagt hat, den weiblichen Individualismus der Renaissance aus. Es steht jedoch fest, dass der weibliche Individualismus der Gegenwart einen Klarblick hat, der zu Tode betrübt ist.

Niemals trug die Erde ein zusammengesetzteres und widerspruchsvolleres Wesen, als dieses schwermütige und sehnsüchtige, dieses kühle und gefühlvolle, dieses lebensdürstende und lebensüberdrüssige Weib. Das Blut hat in ihren Pulsen einen anderen Rhythmus, es singt in ihrem Ohre ein anderes Lied, als bei irgend einer anderen Frau seit den Zeiten aller Zeiten. Sie durchschaut den Mann und ist ihm fremd; seine Sehnsucht wirkt roh gegen ihre nuancierten und widerspruchsvollen Stimmungen: sie ist nicht gewonnen, auch wenn sie sich ergreifen lässt. Sie fürchtet das Kind, weil sie weiss, dass sie seine einfachsten Lebensansprüche nicht zu erfüllen vermag. Bei dem Versuche des Schicksals, diese spröden Wesen zu Volltönigkeit zu stimmen, brechen sie wie Harfensaiten unter einem starken Griffe. Nur partiell können sie leben – aber so finden sie das Leben nicht lebenswert!

Selbst wenn eine solche Frau dieses partielle Leben wählt und versucht, sich der Arbeit ganz hinzugeben, wird sie doch noch, auf dem Gebiete der persönlichen Selbstbehauptung, von dem Frauenwesen gestört werden, das sie im grossen Ganzen unterdrückt hat. Denn sie sieht sich oft vor die Wahl gestellt, überhaupt nicht zu siegen oder mit den Mitteln des Mannes zu siegen, die sie bei ihm verabscheut hat, bis sie sich selbst überzeugen muss, dass es der Kampf ums Dasein ist, der den Schnabel und die Klauen des Raubvogels ausbildet.

Sie ächzt unter der Wahl, rücksichtslos ihren eigenen Vorteil zu suchen oder zu scheitern; sie steht unter dem Zwange, Hammer oder Amboss zu sein, sich zu zersplittern, um zu geben, oder sich zu sammeln, um zu schaffen. Bevor die Frau in die hastende, jagende Konkurrenz der Öffentlichkeit eintrat, litt sie nicht unter dieser Notwendigkeit. So hatte sie – im buchstäblichen wie im geistigen Sinne – die Mittel, Zärtlichkeit, Mitgefühl, Güte auszubilden. Es ist darum eine traurige Wahrheit, die ausgesprochen wurde: dass das Frauenwesen, sowie es sich ferne vom Kampfe ums Dasein entwickelt hat, in tiefem Widerspruch zu den Bedingungen steht, die, unter den jetzt noch herrschenden ökonomischen und seelischen Zuständen, den Sieg in diesem Kampf ermöglichen, nämlich über andere hinwegzuschreiten.

Anmerkung: Gabor Falk: »Die Frau in der Kunst«.

Dieser Konflikt beginnt oft auf dem Gebiete, wo die Frau sich dem Verhältnis zur Mutterschaft nicht entziehen kann, nämlich als Tochter. Sie hat auch in dieser Eigenschaft Entscheidungen zu treffen: Leiden zuzufügen oder Leiden zu ertragen.

Wenn man so die moderne Frau zwischen nach jeder Richtung hin unlösbare – oder wenn gelöst, herzzerreissende – Konflikte gestellt sieht, dann fühlt man sich nicht mehr versucht, in das Dichterwort einzustimmen, dass der Name des Weibes Schwachheit sei. Denn mit jeder Fiber fühlt man es: ihr Name ist Schmerz.

Die Männer, welche aus der Beobachtung, dass die Berufs- und Gehirnarbeit der Frau in umgekehrtem Verhältnisse zu ihrer Fruchtbarkeit zu stehen scheint, die Schlussfolgerung gezogen haben: dass die Frau »zur Natur zurückkehren«, ihr Hirn ungebraucht lassen und ausschliesslich Kinder gebären müsse, diese Männer sind leicht widerlegt. Es existiert kein vollgültiger Beweis dafür, dass die geistige Arbeit an und für sich der leichten und glücklichen Mutterschaft der Frau schaden müsse. In der Tierwelt wie im Wildheitszustand der Menschheit tragen die Frauen mit Leichtigkeit die Mutterschaft neben anderen grossen Lasten. In den Kulturstaaten hingegen sind einerseits durch eine zu schwer physisch arbeitende Unterklasse, andrerseits durch eine zu angestrengt geistig arbeitende – oder überhaupt nicht arbeitende – Oberklasse die physischen Beschwerden der Mutterschaft entstanden. Dass die grössten weiblichen Genies der Welt wenige oder gar keine Kinder gehabt haben, befindet sich in voller Übereinstimmung mit den grossen männlichen Genies – während diese Männer in der Regel begabte und bedeutende Mütter hatten, eine Erfahrung, die allein ein genügender Beweis dafür ist, dass der »Schwachsinn« des Weibes nicht gerade der für die Steigerung der Generation günstigste Seelenzustand sein dürfte! Kein vollgültiger Beweis lässt sich dagegen anführen, dass die Gehirnarbeit, wenn sie massvoll ist und mit vernünftiger Gesundheitspflege Hand in Hand geht, auch auf die Frau gute Wirkungen ausübt. Dasselbe gilt von der körperlichen Arbeit. Aber so wie beides jetzt betrieben wird, konnte die Frau ebenso wenig wie der Mann innerhalb der Grenzen ihrer Kräfte bleiben. Darum birgt bis auf weiteres das Frauenstudium und die Berufsarbeit Gefahren, die durch den Sporn des Gleichheitsdogmas gesteigert wurden, unter dessen Stachel die Frauen vorwärts stürmten, um zu beweisen, dass sie alles ertragen können, was der Mann ertragen hat – nämlich das, was weder Mann noch Frau aushalten kann!

Aber sobald die Studien und die Arbeit anders organisiert werden, schliessen sie an und für sich nichts ein, wodurch die unverheiratete Frau weniger wertvoll als Mutter der neuen Generation gemacht würde; hingegen viel, was sie in dieser Beziehung wertvoller machen kann. Also nicht für die unverheiratete Frau tritt der Konflikt in Form einer Wahl ein, die sie nötigt – schon um der ungewissen Möglichkeit der Mutterschaft willen – auf ihre Ausbildung oder den Gebrauch ihrer rein menschlichen Kräfte zu verzichten. Und wenn in der Frage des geschlechtlichen Lebens schon von Kindheit an volle Ehrlichkeit zwischen den Geschlechtern gebräuchlich wird, dann wird es den Frauen auch möglich sein, bei Arbeit, Studien und Sport jene Rücksichten auf die Gesundheit zu beobachten, die die Schamhaftigkeit sie bis jetzt veranlasste zu vernachlässigen. Dadurch, nicht durch die Tätigkeit selbst, hat so manche Frau die Fähigkeit zur Mutterschaft eingebüsst.

Der ernstliche Konflikt tritt also erst in der Ehe ein. Und für die Ausnahmebegabungen dürfte er, wie gesagt, tragisch bleiben. Für die Mehrzahl wird er es erst, wenn die Frau zugleich ausserhalb des Hauses einem Erwerb nachgehen muss und doch innerhalb desselben ihre Mutteraufgabe voll erfüllen will; oder wenn sie wünscht, persönlich wirksam zu sein, und von einer grossen Kinderschar daran behindert wird.

Es gilt folglich für die Mehrzahl: entweder die Erwerbsarbeit aufgeben zu können oder die Kinderzahl einzuschränken.

Die erstere Möglichkeit wird später behandelt werden. Was die zweite betrifft, so ist sie es eben, um die der Hauptkampf tobt.

Aus nationalem Gesichtspunkt flehen die Männer die Frauen an, »zur Natur zurückzukehren«; aus dem Gesichtspunkte der Kultur sagen die Frauen der Natur den Gehorsam auf.

Der beste Einsatz, der von weiblicher Seite in der Frage gemacht worden ist, ist der Oda Olbergs. Sie hebt sehr richtig hervor, dass »die Natur« das missbrauchteste aller Worte ist; dass die Natur tatsächlich die Kultur einschliesst, da diese unablässig die Natur in sich aufnimmt und umwandelt. Aber um einen festen Ausgangspunkt zu erlangen, gibt sie zu, dass man, wenn die Umwandlungen der Natur die Lebensfähigkeit der Generation vermindern, von einer durch die Kultur entarteten Natur sprechen kann; wenn diese Umwandlungen hingegen die Lebensfähigkeit steigern, ist die Kultur »natürlich«. Sie zeigt dann, dass, sowie die Kultur die Aufgabe erleichtert hat, die bei der grossen – auf dem Geschlechtsunterschied begründeten – Arbeitsteilung dem Manne zufiel, nämlich die Nahrungsbeschaffung, sie auch den Teil der Frau leichter gemacht hat, nämlich das Gebären und Aufziehen der Nachkommenschaft.

Denn durch eine steigende Kultur werden die Menschenleben besser bewahrt, und darum brauchen auch immer weniger Kinder zur Welt zu kommen, während einer grossen Verschwendung von Leben eine grosse Fruchtbarkeit entspricht. Diese wird darum im umgekehrten Verhältnis zur Kulturentwicklung stehen, nicht nur wegen der gelegentlichen Entartungen, die sie mit sich bringen kann, sondern auch weil die Kinderanzahl sich dann nach den Kräften des einzelnen bestimmen lässt, während man zugleich einer geringeren Anzahl von Kindern bessere Lebensbedingungen und einsichtsvollere Pflege bieten kann. Der grössere Wert dieser Kinder hebt die Generation mehr als eine grössere Anzahl schlechter Entwickelter. Eine vernünftige Einschränkung der Fruchtbarkeit wird also die Voraussetzung einer allgemeinen Lebenssteigerung sein. Und aus diesem Gesichtspunkt kann die Frau der Menschheit ihren Tribut an neuen Leben geben und zugleich ihren Wert als Menschenwesen, ihr Glück als Kulturwesen bewahren, indem sie selbst aus dem Reichtum der Kultur schöpft und ihn persönlich vermehrt ...

Anmerkung: Das Weib und der Intellektualismus.« Oda Olberg hat den deutschen Doktorgrad, aber ist in Italien verheiratet. Nicht nur als Gattin, sondern auch als Mutter hat sie das Recht der Erfahrung, gehört zu werden.

Und es dürfte nicht viele moderne Menschen geben, die nicht mit dem Grundgedanken übereinstimmen. Nichts ist – auch aus nationalem Gesichtspunkt – berechtigter, als die Ungeneigtheit der Frau, Kinder zu Dutzenden zu produzieren. Der frühere Gattinnenverbrauch eines Mannes zwischen fünfzig und sechzig betrug selten weniger als drei Ehefrauen hintereinander, und von den Kindern einer jeden starb in der Regel die Hälfte. Wenn diese Berechnung schon von der höchsten Klasse gilt, um wie viel mehr dann von den übrigen! Die Einschränkung der Kinderzahl hat – von allen anderen gesellschaftlichen Gesichtspunkten abgesehen – vor allem die Bedeutung, dass viele minderwertige Kinder die Summe von Arbeitskraft und die anderen Ausgaben, die ihre Erziehung mit sich bringt, schlecht verzinsen, während eine geringere Anzahl vollwertiger Kinder durch grössere Arbeitskraft hohe Zinsen tragen, wie Frankreichs Wohlstand zur Genüge zeigt!

Aber wenn dann die Frage auftaucht, wo für das Volk wie für die einzelnen die Grenze der Ungefährlichkeit ist, dann steht noch Meinung so scharf gegen Meinung, dass es jeder vorurteilslosen Prüfung übereilt erscheinen muss, schon jetzt zu behaupten, dass die Entwicklung der Frauenfrage mit der Einschränkung der Kinderzahl zusammenfallen müsse.

Anmerkung: Karl Jentsch (»Sexualethik, Sexualjustiz, Sexualpolizei«) und sein Gesinnungsgenosse Siebert (»Moral und sexuelle Hygiene«) sollen der Ansicht sein, dass nur in übervölkerten Ländern – und unter der Voraussetzung, dass die Nachbarvölker das Gleiche tun – eine Einschränkung der Fruchtbarkeit nützlich sein kann. Hingegen soll z. B. der berühmte deutsche Nationalökonom Prof. A. Wagner (Agrar- und Industriestaat) ein Anhänger des Zweikindersystems sein. Ein anderer Schriftsteller (Hans Ferdy) schreibt über »Beschränkung der Kinderzahl als sittliche Pflicht«, während Dr. W. Hellpach in Heidelberg behauptet, dass die Schutzmittel dem Manne und der Frau durch ihre physischen, wie durch ihre psychischen Wirkungen schaden, dass Enthaltsamkeit für ein gesundes Ehepaar ebenso schädlich ist und dass also – unabhängig von ethischen und religiösen Gründen, die er gar nicht betont – auch jene Einschränkung, die mit dem Wohl der Nation vereinbar ist, nämlich die auf vier Kinder, nicht mit der Wohlfahrt des Einzelnen übereinstimmt. Dr. I. Urbans Schrift »Die Stimme eines Rufenden in der Wüste« soll die strengsten Forderungen an die eheliche Enthaltsamkeit stellen. Der in Deutschland bekannte sozialwissenschaftliche Schriftsteller Prof. Werner Sombart erklärt – aus Anlass von Lily Brauns ausgezeichneter Arbeit »Die Frauenfrage« – dass ihre optimistische Auffassung, die Frau könne zugleich Arbeitsmensch, Mutter und einnehmendes Weib sein, aller Wahrscheinlichkeit widerspreche. Denn die Fortpflanzung der Gattung verlange, dass alle verheirateten Frauen zwischen 20 und 40 jedes zweite Jahr ein Kind bekommen; die intellektuell-aktive Tätigkeit der Frau schadet ausserdem, meint er mit Möbius, dem gefühlvoll-passiven Zustande bei ihr, der das beste Erdreich für die neue Generation ist; ihre Berufsarbeit wird schliesslich für ihre Macht, zu bezaubern, ebenso gefährlich wie die Mutterschaft. Er hält also den Konflikt zwischen der Frau als Geschlechtswesen, als menschlicher Persönlichkeit und als Schönheitsschöpfung für unlösbar. Der Deutsche Dr. Brehmer und der Finnländer Prof. Pippingsköld haben beide gefunden, dass beim siebenten, oft schon beim fünften Kind die Abnahme der produktiven Kraft der Eltern beginnt, die Empfänglichkeit für Tuberkulose grösser wird usw. So kommen Schlag auf Schlag Schriften für und gegen die Einschränkung der Kinderzahl, je nach den verschiedenen medizinischen, ethischen und nationalökonomischen Gesichtspunkten. Während der eine z. B. Frankreichs baldigen Untergang durch das Zweikindersystem prophezeit, weist der andere auf seinen Reichtum, seine Arbeitskraft und seine geringe Emigration als die glücklichen Folgen dieses Systems hin. Jeder weiss, wie tief diese Frage Frankreich selbst beschäftigt, und Zolas »Fécondité« ist nur eine unter den vielen Schriften, die diese Frage dort hervorgerufen hat. In anderem Sinne, als in dem George Sand die Worte gebrauchte, ist, wie Guyeau sagt, »die Ehe zur Prostitution geworden: indem sie nämlich unfruchtbar ist wie diese«.

Selbst wenn man schliesslich darüber einig wird, dass das Wohl einer Nation nur verlangt, dass die Frauen, die Mütter werden sollen und können, drei bis vier Kinder gebären, so ist damit noch nicht entschieden, ob auf diese Weise die Hebung des Menschengeschlechtes genügend berücksichtigt wird.

Anmerkung: Havelock Ellis hat – als Resultat einer Untersuchung über die geistigen Grössen Grossbritanniens – herausgefunden, dass die meisten dieser grossen Männer aus Familien mit zahlreichen Kindern hervorgegangen sind und dass die Mütter der meisten über vierzig Jahre waren, als sie das Genie unter ihren Kindern zur Welt brachten. Dagegen spricht wieder Prof. Axenfelds Untersuchung, die ergab, dass drei Fünftel aller Genies Erstgeborene waren.

Ausserdem will die befreite Frau von heute nicht drei bis vier Kinder haben, sondern höchstens zwei.

Abgesehen von der – in diesem Falle unbestreitbaren – Gefahr aus dem Gesichtspunkte des Volkes und der möglichen aus dem Gesichtspunkte der Gattung, liegt darin eine grosse Gefahr für die Kinder selbst. Ihre Kindheitsfreude verlangt einen Geschwisterkreis, und wenn möglich auch, dass der Altersunterschied zwischen den Kindern höchstens zwei Jahre betrage. Aber nicht nur ihre Fröhlichkeit, auch ihre Entwicklung hat Vorteil davon. Die Stellung als einziges Kind oder als einziger Sohn, einzige Tochter ruft gewöhnlich in der Kindheit grosse Selbstsucht hervor, in späteren Jahren hingegen oft eine schwere Pflichtenlast, und so in beiden Fällen Gefahren für eine harmonische Entwicklung.

Ein oder zwei Kinder haben eine ärmere und auch gefährlichere Kindheit als solche, die in einem Geschwisterkreise den Wert der gegenseitigen Rücksichtnahme, der geteilten Freuden und Sorgen kennen lernen. So können, ohne die Eigenart zu gefährden, Kanten abgeschliffen und Empfindlichkeiten abgehärtet werden, die sonst im Leben grosse Kraftverluste verursachen würden. Denn ein Kameradenkreis vermag nur unvollkommen die erste Erziehung der Kinderstube zum Gesellschaftsmenschen zu ersetzen.

Ausserdem kann es ja leicht vorkommen, dass Eltern ein einziges Kind oder den einzigen Sohn, die einzige Tochter verlieren.

Vielleicht aus dem Gesichtspunkt der Völker, immer aus dem der Kinder selbst, und meistens aus dem der Eltern muss also das Normale für die Mehrzahl der gesunden sorgenfreien Eltern sein: dass die Anzahl der Kinder zum mindesten nicht weniger beträgt als drei bis vier.

Aber dann muss auch eine Mutter damit rechnen, dass die Kinder ungefähr zehn Jahre ihres Lebens in Anspruch nehmen werden, wenn sie ihnen selbst die Nahrung und Pflege geben will, die sie voll lebenstauglich machen soll. Und in diesen Jahren darf sie sich – wenn ihre Leistung nicht in irgend einer Richtung minderwertig sein soll – weder durch Erwerbsarbeit noch durch andauernde öffentliche Tätigkeit zersplittern. Sie kann in diesen Jahren an ihrer eigenen allseitigen Entwicklung weiter arbeiten; sie kann gelegentlich an gemeinnütziger Arbeit teilnehmen; hie und da Zeit für ihre geistige Produktion finden. Aber jede anhaltende oder anstrengende nach aussen gerichtete Arbeit wird, wenigstens mittelbar, ihre eigene Lebenskraft und die der Kinder verringern und auch ihren Einfluss als Erzieherin.

So entgeht die Mehrzahl der Frauen niemals einem mehrjährigen Konflikt zwischen der Erneuerung des Geschlechtes und ihrer eigenen Selbstbehauptung nach aussen, in welcher Richtung diese sich auch bewegen mag, ebensowenig wie zwischen der den Frauen jetzt immer häufiger auferlegten doppelten Bürde, der Nahrungssorgen und der Mutterschaft.

Wenn zu alledem noch das Bedürfnis der Frau und des Mannes nach Gedankenaustausch mit einander kommt, und schliesslich noch die Führung des Haushalts, dann muss jeder Denkende einsehen, dass die Frau – und mit ihr die Gesellschaft – hier vor einem Entweder – Oder, nicht einem Sowohl – Als auch steht!

Nur dadurch dass die Gesellschaft die Nahrungssorgen jener Frauen auf sich nimmt, die durch gut erfüllte Mutterpflichten den höchsten Gesellschaftswert hervorbringen, kann die Frage der Erwerbsarbeit der verheirateten Frau gelöst werden.

Und nur dadurch, dass die Frauen während der ersten Lebensjahre der Kinder ihre persönliche Schaffenslust für ihre Mutteraufgabe einsetzen, wird das Problem der Selbstbehauptung der Frau zugleich mit ihrer Hingabe an die Geschlechtsaufgabe gelöst.

 

Nein, antworten Ch. P. Stetson und mit ihr viele andere, die Lösung ist Staatserziehung. Seht all die schlechten Heime an, wo die Kinder weder die körperlichen noch die geistigen Bedingungen für eine gesunde Entwicklung haben. Kollektiv kann die Erziehung aller Kinder sich sowohl besser wie billiger gestalten. Nur die von den Mühen der Kinderstube und der Küche befreiten Frauen sind wirklich frei. Für die an öffentliche Tätigkeit gewöhnte Frau sind die häuslichen Aufgaben einförmig und langweilig. Als frei gewählte Arbeit kann hingegen die Kinderpflege die dazu Beanlagten befriedigen. Die Mehrzahl der Mütter sind für ihre kleinen Kinder nur Affenmütter, und wenn die Kleinen heranwachsen, dann verwandelt sich die unkluge Zärtlichkeit in hartnäckige Verständnislosigkeit.

So wird nun des weiten und breiten gesprochen. Und je mehr gesprochen wird, desto überzeugter werden die Frauen, dass alle diese Halbwahrheiten – die Wahrheit seien!

Also, in Müttern, die zu schlecht sind, um ihre eigenen Kinder zu erziehen, hofft man neue ausgezeichnete Führerinnen der Gesellschaft zu finden? Eltern, denen selbst Erzieheranlagen und Herzensanlagen fehlen, sollen – mittelbar oder unmittelbar – die Anstalten überwachen und die Personen wählen, die an ihrer Statt die Elternaufgabe erfüllen sollen! Mit andern Worten: sie sollen Fähigkeiten entdecken und bewerten, die ihnen selbst fehlen! Die Mühen, die eine Frau für die Kinder, denen sie selbst das Leben gegeben, nicht erträgt, sollen andere Frauen für 10 – 20 – 30 Kinder ertragen, die nicht ihre eigenen sind!

Es gibt zuweilen noch heute eine Art Urtypen der Weiblichkeit, von so breiter Mütterlichkeit, mit einem solchen Überschuss an Kraft, Zärtlichkeit, Organisationstalent, dass sie für ein einziges Heim zu stark sind; dass sie wirklich den unerhörten Reichtum an geistiger Elastizität, Freudigkeit und Wärme besitzen, der erforderlich ist, dass jedes Kind seinen vollen Teil daran empfange. Aber die meisten Frauen dürften nicht mehr von alledem besitzen, als gerade für ihre eigenen Kinder notwendig war. Und mit solchen bald abgebrauchten »Wahlmüttern« würden 10 – 20 – 30 Kinder geistig ebenso schlecht fahren, wie körperlich, wenn die Muttermilch einer einzigen Frau unter sie alle verteilt würde. Es ist schon ein grosser Verlust für die Gesellschaft, dass so viele Menschen durch unzureichende Ernährung in der Kindheit fürs Leben geschwächt werden. Aber nach dem eben erwähnten, jetzt von so vielen gutgeheissenen Kulturplan, würden alle in ihrer Kindheit in bezug auf Liebe ausgehungert werden. Es ist schon ein grosser Kulturverlust, dass die Schule die Kinder gleichformt. Noch unverbesserlicher wäre der Schade, wenn schon eine durchgeführte Staatserziehung dieses Drechseln beginnen würde!

Die Gefahr der Massenwirkung und der Nivellierung ist unzertrennlich von der jetzigen, immer festeren Organisation der Gesellschaft, bei einem immer notwendigeren Zusammenwirken, einem immer engeren Zusammenhange, einem immer innigeren Gemeingefühl zwischen den Teilen. Die Organisierung muss sich weiter vollziehen, nicht zum geringsten deshalb, weil nur auf diesem Wege der Einzelne jetzt immer mehr Freiheit zur Entwicklung und zum Gebrauch seiner persönlichen Kräfte erringen kann. Aber wenn diese erleichterten Möglichkeiten, individuelle Bedürfnisse zu befriedigen und individuelle Kräfte zu betätigen, von Wert für den einzelnen – und durch ihn für das Ganze – sein sollen, dann müssen auch die Individualitäten erhalten bleiben, die diese Möglichkeiten gebrauchen können!

Und nun ist es ausgemacht, dass das Heim – mit seinen wechselnden Verhältnissen von gut und böse – in erster Linie das beste Mittel ist, um ein sich organisch entwickelndes Solidaritätsgefühl mit dem Ganzen zu schaffen. Das Leben selbst ruft in der Familie eine Zusammengehörigkeit zwischen den einzelnen Mitgliedern derselben hervor, ein Mitgefühl mit dem Schicksal anderer, einen Kontakt mit den Wirklichkeiten des Lebens, mit dem Ernst der Arbeit, wie ihn eine Anstalt nicht erzielen kann. Durch die Mühen von Vater und Mutter werden die Freuden des Heims geschaffen; die Liebe zu allen wägt dort das Recht eines jeden ab; sie gibt jedem in so natürlicher Weise Gewicht und Gegengewicht, dass die methodischen Anordnungen einer Anstalt niemals imstande sind, dasselbe zu leisten. Und zugleich werden die verschiedenen Häuslichkeiten durch die Mannigfaltigkeit der verschiedenen Eindrücke, die sie bieten, die besten Mittel, verschiedene Temperamente und Eigenarten auszubilden. Wie eng und armselig ein Heim auch in jedem Betracht sein mag – in der Regel bietet es doch mehr persönliche Bewegungsfreiheit und ruft weniger Massenwirkung hervor als die gemeinsame Erziehung.

Wenn dies schon von jenen Häuslichkeiten gilt, wo von Erziehung im tieferen Sinne nicht die Rede sein kann, so werden in den besseren Familien die Wachsamkeit und Wärme der Liebe, das Verständnis und Feingefühl die Mächte sein, die die Eigenart hervorlocken und schirmen, und die am sichersten entdecken, was bekämpft und was in Ruhe gelassen werden soll, um sich selbst zu entwickeln. Dazu kommt noch der Einblick, den die Kenntnis, welche die Eltern von sich selbst und von einander haben, ihnen in die Charaktere der Kinder eröffnet, ein Einblick, den kein Fremder haben kann.

Dagegen wendet man ein, dass wenn jeder Bezirk der Stadt und mindestens jede Quadratmeile auf dem Lande ihre »Staatskinderstube« hätten, die Eltern ja oft nach den Kindern sehen und sie zuweilen nach Hause nehmen könnten und so Gelegenheit hätten, ihren Einfluss auszuüben. Aber abgesehen davon, dass das Verhältnis sich dann in den meisten Fällen so gestalten würde, wie wenn die Kinder »en nourrice« von den französischen kleinbürgerlichen Eltern besucht werden – nämlich, dass die Zärtlichkeit sich in dem Eifer zu amüsieren und zu putzen, zu hätscheln und zu spielen zeigt – so vergisst man das Wesentlichste. Dies ist, dass Zeit, mehr Zeit und noch mehr Zeit die eine Bedingung der Erziehung ist, Ruhe die zweite. Seelen werden nicht wie Krankheiten zu bestimmten Behandlungsstunden gepflegt!

Es gibt – was die Eltern noch allzu leicht vergessen – kein Gebiet, wo der rechte Augenblick bedeutungsvoller ist als bei der Erziehung. Die Handlung, die die Mutter am Morgen sah, darf sie oft erst abends am Bettchen des Kindes zur Sprache bringen; das Geständnis, das im richtigen Augenblick über die Lippen des Kindes gestürzt wäre, erhält der Vater nie, weil der Moment nicht benützt wurde; die Worte, die die Mutter die eine Woche schmerzten, findet sie vielleicht in der folgenden ungesucht Anlass erfolgreich zurückzuweisen. Die Liebkosung, nach der ein kleines Köpfchen sich am Abend glühend sehnt, wird es morgen vielleicht unberührt lassen. Das zärtliche Wort, das im einen Augenblick vielleicht allmächtig gewesen sein könnte, ist ein paar Stunden später machtlos. Und vor allen sind unmittelbare Ratschläge oder Ausstellungen wertlos im Vergleich mit den unabsichtlichen Worten, die die Eltern im Laufe des Tages fallen lassen und die die Wirkung haben, dass das Kind ganz einfach seine Eltern voll menschlich leben sieht!

Nur das Zusammenleben an Werktagen und Feiertagen macht den unmittelbaren Einfluss der Eltern zu einem tiefen; nur dies ermöglicht es, dass die Eltern lernen, das beim Kinde Zufällige vom Wesen zu unterscheiden, in seinen wechselnden Stimmungen das plötzlich Angeflogene vom Dauernden zu trennen.

Und endlich, wenn man glaubt, herausgefunden zu haben, dass die Kinder zu Hause zu viel Wärme empfangen, dass sie besser für das Leben abgehärtet werden sollten – hat man da niemals solche »Abgehärtete« beobachtet? Hat man nicht gesehen, wie sie sich verschönen, wenn ihnen ein Winkel in einem Heim gegönnt wird, wo sie sich zu Hause fühlen können; hat man nicht entdeckt, wie sie auf dem Gebiete der Intelligenz hoch über ihrer Zeit stehen können, auf dem des Gefühls hingegen auf dem Standpunkt des Wilden?

Weit davon entfernt, dass das Heim zu warm ist, ist es im Gegenteil selten warm genug durch die einzige Liebe, die das Leben hindurch währt, die Liebe des Verstehens. Nie noch wurde ein Mensch zu viel geliebt, nur zu wenig, zu schlecht. Der ganze Zeitgeist arbeitet schon den der blinden Zärtlichkeit der Tiereltern verwandten Vater- und Muttergefühlen früherer Zeiten entgegen. Die Zärtlichkeit, die sich erhalten hat, muss vertieft, nicht geschwächt werden.

Das strahlende, unbewusste Glück des Kindes ist es, zu beglücken, dem Lächeln zu begegnen, das es selbst hervorruft; Zärtlichkeit zu bezeugen und Zärtlichkeit zurückzubekommen; die Sicherheit und den Stolz zu fühlen, seinem Vater, seiner Mutter zu gehören und sie selbst zu besitzen; dieses Entzücken in Spiel und Liebkosungen zu äussern und demselben Entzücken zu begegnen, ohne dass es doch leer wird. Denn in einem Heim, in dem irgend ein Ernst herrscht, lernt das Kind früh begreifen, dass Liebe auch Arbeit und Opfer für einander bedeutet. Aus einer solchen Liebe wird das seelisch-persönliche Blutband geschaffen, während das »natürliche« schwach wird, wenn es nicht von dem scheinbar unbedeutenden, stündlichen, täglichen, jahrelangen Einfluss all der ungreifbaren, unsichtbaren Dinge umsponnen wurde, von denen schon die Edda wusste, dass sie die unzerreissbaren Bande schaffen. Das Elternhaus ist mit einem Worte für die Entwicklung der Menschheitsgefühle das, was die Heimat für die Entwicklung der Vaterlandsgefühle ist. Schon jetzt leidet das Familienleben in beunruhigendem Grade unter dem immer gierigeren Griff der Schule nach den älteren Kindern; unter der Zerstreutheit und Verhältnislosigkeit, die dem Heim gegenüber entsteht, wenn dieses die Kinder nur zu den Mahlzeiten, an Sonntagen und in den Ferien hat. Aber wenn nun auch noch die ganz kleinen Kinder in dieselbe Lage kämen, dann würde das Übel auf die am meisten lebenentscheidenden Jahre ausgedehnt.

Um uns nun von den Eltern und Kindern den neuen Erzieherinnen in den Kinderstuben der Bezirke und Quadratmeilen zuzuwenden, wie will man, dass diese für ihre eigenen Kinder hinreichen, wenn sie Mütter sind, wie – wenn sie mütterlich sind – sollen sie sich mit denen anderer begnügen, die sie ausserdem wieder und wieder verlieren müssen? Haben wohl die Frauen, die »befreit« werden wollen, jemals an die Leiden dieser anderen gedacht?

Die einzige Möglichkeit, dass solche Pflegerinnen es überhaupt aushalten, ist die, dass sie den Kindern nur das allgemeine Wohlwollen schenken, was für die Kinder nicht genug ist. Liebe können sie nicht geben. Kein Wort ist missbrauchter als die Liebe, nicht zum geringsten dadurch, dass die Verkünder des Christentums den Begriff zu einem Dünnbrot für aller Speisung abplatten, zu der sogenannten allgemeinen Menschenliebe. Aber es gibt keine allgemeine Menschenliebe; es kann keine geben; sie wäre ein ebenso grosser Selbstwiderspruch, wie etwa die Vierseitigkeit des Dreiecks. Eine Barmherzigkeit gibt es, die sich gleich Öl über alle Wunden ergiesst; Mitleid und Mitfreude gibt es zwischen einzelnen; gegenseitige Hilfe und gegenseitige Verantwortung innerhalb der Gesellschaft; gemeinsamen Jubel oder gemeinsamen Schmerz mit unserem Volke oder mit der Menschheit in grossen Augenblicken. Aber alle Liebe vom Menschen zum Menschen, die diesen Namen verdient, ist im höchsten Grade persönlich, ist eine Auswahl, eine Unterscheidung. Ist sie das nicht, dann ist sie überhaupt nichts. Eine Frau wählt ihre Kinder schon, wenn sie deren Vater wählt. Und sie trifft oft eine Wahl der Vorliebe unter den Kindern selbst. Eine individuell entwickelte Mutter behauptet oft mit Fug ihr Recht, ihre Kinder nicht gleich zu lieben. Sie lässt ihnen allen die zärtliche Fürsorge zuteil werden, die sie in gleichem Masse brauchen; sie ist derselben weitherzigen Gerechtigkeit gegen sie alle fähig, aber sie hat häufig für eines von ihnen eine persönlichere Liebe als für die übrigen. Die tiefe Tragik im Verhältnis zwischen Eltern und Kindern ist gerade die, dass dieses Verhältnis oft leidenschaftlich ist wie die persönliche Liebe, aber ohne das Verständnis derselben; dass sie die Forderungen eines grossen Gefühls hat, aber nicht die Möglichkeit des individuellen Gefühls, sich in demselben Masse zu vertiefen, in dem die Forderungen sich steigern.

Nur persönliche Liebe ist für das Bedürfnis des Kindes genug. Eine »Wahlmutter« wird vielleicht einmal, mehrere Male eine solche Liebe zu einem oder einigen der ihr anvertrauten Kinder empfinden können. Aber sie kann diese Liebe nicht für sie alle hegen, und sie wird selbst ganz zerrissen, wenn die Kinder, die sie liebt, ihr wieder und wieder genommen werden.

Überdies muss es ja Anstaltsmütter zu vielen Tausenden geben, wenn die ganze Gesellschaft auf dieser Grundlage aufgebaut werden soll? Und dann ginge es mit ihnen wohl wie mit den Geistlichen, die in den ersten Gemeinden vom heiligen Geiste berufen wurden, später aber von – der Gemeinde! Immer seltener würde die geprüfte persönliche Begabung, die innere Notwendigkeit entscheidend sein, sondern vielmehr nur die geforderte Berufsausbildung.

Durch solche Berufsmütter, meint man nun, würden für die Kinder bessere Lebensbedingungen geschaffen werden als in ihrem eigenen Heim, wo, trotz aller Mängel, die persönliche Verantwortung und die persönliche Zärtlichkeit die Unvollkommenheiten einer höheren Erziehungsart weniger gefährlich machen, als die Vollkommenheiten einer niedrigeren?!

Es gibt allerdings Ausnahmsverhältnisse, für die bis auf weiteres die Krippe, der Kindergarten, das Kinderheim, die Besserungsanstalt auch da sein muss. Aber anstatt sich zu bestreben, diese Hilfsmittel zu verallgemeinern, sollte man sich bemühen, die Ursachen aufzuheben, die sie notwendig machen. Dies wäre ein Wegbauen in rechter Richtung. Das andere hingegen ist ein Abkürzungsweg, der sich unfehlbar als ein Umweg erweisen wird. Es ist wahr, dass die Armut jetzt vielen Kindern ein ungesundes Heim bereitet. Dann greifet die Ursachen der Armut an, anstatt die Kinder zu nehmen und die Eltern im Elend zurückzulassen. Es ist wahr, dass Elternliebe oft unklug ist. Erzieht doch die Eltern zu Menschen! Es ist wahr, dass Eltern auf Kosten anderer Kinder das Erbteil gewisser Kinder vergrössern. Hindert doch diese Möglichkeit.

Aber raubt nicht allen Kindern ihr rechtmässiges Erbteil: die Heimgefühle und Heimerinnerungen, die Familiensorgen und Familienfreuden, all dies, was dem Naturell jedes Menschen seinen besonderen Ton, Farbe und Duft verleiht.

Hebt nicht die bedeutungsvollste aller Gemeinsamkeitserziehung auf, die der Kinder durch die Eltern, die der Eltern durch die Kinder!

Allerdings wird die Freiheit der Liebe zusammengesetztere Familienverhältnisse mit sich bringen, als es die jetzigen sind. Aus diesem Gesichtspunkt scheint für die Kinder ein Vorteil in den staatlichen Anstalten zu liegen, wo ihr Leben nicht so unmittelbar durch die Erschütterungen im Dasein der Eltern beeinflusst zu werden brauchte. Aber der Mehrzahl der Kinder ihr Heim zu rauben, weil die Minderzahl das ihre vielleicht verlieren kann, dies wäre ein schlechterer Ausweg, als der, das Heim enger mit der Mutter zu verbinden und die Menschen so zu entwickeln, dass sie Freunde bleiben können, auch wenn sie aufgehört haben, Gatten zu sein, und folglich weiter imstande sind, für das Wohl der Kinder zusammenzuwirken.

Es soll, mit einem Worte, nicht die Familie aufgehoben, sondern das Familienrecht umgestaltet werden. Nicht die elterliche Erziehung soll vermieden, sondern die Erziehung der Eltern eingeführt werden; man soll das Heim nicht abschaffen, sondern die Heimlosigkeit soll aufhören.

Die Staatserziehung würde so wirken wie die Aufziehung der Waisenhauskinder mit pasteurisierter Milch: sie erkrankten, als ihnen gewisse unentbehrliche Bazillen entzogen wurden! Die Menschen, die mit der bakterienfreien Milch des allgemeinen Wohlwollens aufgezogen würden, in der keimfreien Luft der gleichförmigen Ordnung; die ihre Nahrung aus den Anstaltsautomaten erhielten, ihre Bildung in der Knopfgiesserei der Schule, ihren Beruf als Wachsfabrikanten im Bienenkorb der Gesellschaft – diese Unglücklichen dürften das Dasein so zahm und so leer finden, dass diejenigen, die sich nicht vor dem zwanzigsten Lebensjahr aus Lebensüberdruss umgebracht hätten, ihren atavistischen Glückswillen wohl darauf wenden würden, die Anstalten zu verbrennen und den Menschen wieder Heime zu bauen!

Begreift man denn nicht, dass die Anstaltserziehung der jungen Generation die letzte und schwerste Erfahrung des Lebens aufzwingen würde: die, keinem am meisten und am nächsten zu sein, und dass diese schwere Frucht – unter der alte Bäume sich biegen können – die jungen für immer zu krümmen vermag? Sieht man nicht ein, dass, wenn auch jetzt manches Heim eine Hölle ist, man erst dann in den untersten Höllenring – den Dantes Phantasie eiskalt machte – versinken würde, wenn die Wärme erlösche, die die Herde der Heime doch jetzt ausstrahlen, wenn die Zentralwärmeapparate der Anstalten sie ersetzten? Wenn das Dasein von Wesen mit ausgehungerten Herzen, erfrorenen Seelen, abgeplatteter Eigenart erfüllt wäre – welchen Baustoff würden diese für das Gemeinwesen abgeben, in das sie einträten? Wer weiss, ob sie überhaupt noch Kinder als Rohmaterial für die Menschenfabriken in die Welt setzen wollten? Oder die Erfordernisse zum Unterhalte des Lebens erzeugen, das bar jeder persönlichen Glücksquelle wäre? Ob sie es wohl überhaupt der Mühe wert fänden, irgend einen Beschluss über eine Gesellschaftsordnung zu fassen, die ihnen die grössten Lebenswerte raubt?

 

So wunderbar stark ist im Menschen das Bedürfnis, irgend wohin zu gehören, bei den Seinen zu sein, sich in irgend einem armseligen Erdenwinkel, in einem einzigen armen Herzen daheim zu fühlen, dass dieses Gefühl sogar die Macht hat, auf unterirdischen Wegen das Wasser eines Sumpfes zu einer Quelle zu klären.

Auf einer Eisenbahnfahrt im Süden befand sich einmal eine Frau, deren Gesicht, Gestalt und Benehmen den tiefsten Verfall verriet. Und diese Mutter hatte eine schöne sechsjährige Tochter! Nie war es schrecklicher, ein Kind auf dem Schosse seiner Mutter zu sehen; nie schien ein Amulett machtloser als das Heiligenbild, das eine mitleidige Hand dem Kinde um den Hals gehängt hatte. Aber als dieses sich an die Mutter lehnte, wurde es von der betrunkenen Dirne mit einer zärtlichen Bewegung umfangen, die ihr einen Schimmer menschlicher Würde wiedergab. Und als das Kind in den Blicken der Mitreisenden den Abscheu las, den die Mutter einflösste, da flammte in seinen dunklen Augen ein Ausdruck zornigen Schmerzes auf, und es nahm vor seiner Mutter eine zärtlich schützende Stellung ein. Niemand konnte darüber im Zweifel sein, dass das Kind aus diesen unreinen Händen genommen werden sollte. Aber ob wohl eine bessere Pflege das grosse Gefühl hätte schaffen können, das in diesem Augenblicke die Seele des Kindes weitete? Und wenn man sogar in einem Falle wie diesem über die Grenze zwischen Nutzen und Schaden unschlüssig sein muss, so ist man in vielen anderen Fällen überzeugt, dass der Mensch nicht unbedingt dort, wo er die beste Nahrung, das reinste Bett, die gleichmässigste Pflege findet, am besten wächst, sondern dort, wo seine Seele von den wärmsten und grössten Gefühlen erhoben werden kann. Zu den heiligen Geheimnissen des Lebens gehört überdies auch das, dass die meisten Eltern, jeder für sich und gegeneinander, schlechter sind, als die Kinder sie zu sehen bekommen. Denn das Wesen, vor dem ein Elender zuletzt seine verhüllenden Lumpen von Menschenwürde abwirft, ist sein Kind. Gegen die Schlechtigkeit der Eltern und gegen ihre Misshandlungen müssen die Kinder jedoch geschützt werden, und zwar in viel höherem Grade als jetzt, dadurch dass das Recht und die Pflicht der Gesellschaft, in diesen Richtungen einzugreifen, immer weiter ausgedehnt wird. Aber wo es möglich ist, soll den Kindern ebensowenig der Schutz des Heims geraubt werden, wie dem Heim der Schutz, den ihm die Kinder geben, indem sie die Eltern zu einem gewissen Grade der Selbstzucht, Selbstbeherrschung und Selbstaufopferung nötigen, wodurch deren Seele über das eigene Ich hinaus erweitert wird! In dem Augenblick, in dem die »abhärtende« Luft der Anstalten alle Kinder umschlösse, würde der Menschenwert mit noch grösserer Geschwindigkeit sinken als das Menschenglück.

 

In all dem oben Gesagten liegt durchaus keine Blindheit dagegen, dass auch die besten Heime heute Strafanstalten sind gegen das, was sie werden können, wenn die Gestaltung eines Heims Wissenschaft und Kunst geworden ist. Bis auf weiteres werden die Heime glücklicherweise – oder unglücklicherweise – weder rezensiert noch preisgekrönt! Aber diese Zeit kommt vielleicht noch – sowie man schon jetzt in Frankreich das siebente Kind auf Staatskosten erzieht und Orden für die Frauen beantragt, die die grösste Anzahl tüchtiger Kinder geboren und erzogen haben! Und dann, wenn nicht früher, werden vielleicht die »befreiten« Frauen wieder einiges Interesse für eine Kraftentwicklung in der Richtung des Heims empfinden?!

Was jetzt den Wert selbst der guten Heime in äusserer Beziehung vermindert, ist, dass sie danach eingerichtet sind, ein gewisses »Aufwärtsstreben« zu fördern, das der gerade Gegensatz zu wirklicher Lebenssteigerung ist, deren erste Bedingung darin besteht, dass das Heim in materieller Richtung das Behagen und die Gesundheit seiner eigenen Mitglieder anstrebt, nicht die Lebensgewohnheiten Aussenstehender. Was wieder in geistiger Beziehung die Heime, selbst die allerbesten, geringer macht, ist, dass man in ihnen noch die Familienrücksichtslosigkeit früherer Zeiten bewahrt, eine Rücksichtslosigkeit, die – durch die neue Feinfühligkeit, die Stärke des tieferen Persönlichkeitsbewusstseins – schon von Kindesbeinen an tägliche Qualen verursacht, die ebenso unfehlbar Luft und Nahrung vergiften, wie die schwereren Fehler der schlechten Häuslichkeiten.

Man gestattet sich noch in der Familie eine Ironie gegen die Eigenart des anderen, ein Niederstimmen der Meinungen, ein gegenseitiges Ausforschen von Geheimnissen, eine Auslieferung der vertraulichen Mitteilungen, die die Mitglieder der Familie für den Alltag auf den Fuss der bewaffneten Neutralität stellt. In den guten Familien hindert die Zuneigung, aber in den weniger guten die Furcht, dass man zu offenem Kriege übergeht. Denn in beiden Fällen kennen alle gegenseitig ihre verwundbaren Stellen so gut, dass sie sehr wohl wissen, wie blutig der Kampf für sie selbst wie für die anderen wäre!

Aber solange selbst die besten Häuslichkeiten diese Fehler haben, müssen die Anstalten sehr ähnliche aufweisen, da beide aus demselben Menschenmaterial gebildet sein würden. Die Anstalten hätten hingegen nicht die Vorteile, durch die die Häuslichkeiten die Fehler aufwiegen. Diese letzteren können durch höhere Seelenkultur immer mehr gemildert werden. Aber nichts vermöchte das zu ersetzen, was die Menschheit durch die Aufhebung des Heims verlieren müsste.

Der Schlusssatz wird also sein, dass – wie verschieden auch der Konflikt zwischen den Persönlichkeitsforderungen und dem Mütterlichkeitsgefühl der Frau in Ausnahmefällen gelöst werden muss – sich doch, im allgemeinen gesehen, die Frauen, die sich, um der Menschheit zu dienen, der Mutterschaft oder deren Mühen entziehen, handeln wie ein Krieger, der sich auf die Schlacht des folgenden Tages dadurch vorbereitet, dass er am Abend vorher seine Adern öffnet.

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