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Über Liebe und Ehe

Ellen Key: Über Liebe und Ehe - Kapitel 7
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authorEllen Key
titleÜber Liebe und Ehe
publisherS. Fischer Verlag
printrunSechzehnte Auflage (31.?32. Tausend)
year1914
translatorFrancis Maro
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Das Recht auf Mutterschaft

Jeder weiss, dass die Produktionsform der modernen Gesellschaft die häusliche Arbeit der Frau immer mehr darauf beschränkt, die Konsumption zu leiten, anstatt wie in früheren Zeiten auch einen grossen Teil der im Hause verbrauchten Werte selbst hervorzubringen. Jeder sieht auch ein, dass die tiefstwirkende Ursache der Frauenbewegung nicht die Behauptung der juridisch-politischen Menschenrechte der Frau gewesen ist, sondern in erster Linie die Frage, wo sie Verwendung für ihre im Haushalt immer weniger benötigte Arbeitskraft finden und die Möglichkeit zu jener Selbsterhaltung ausserhalb des Hauses erlangen soll, die die geänderte Produktionsweise notwendig macht.

Durch den immer zunehmenden Zusammenhang zwischen den verschiedenen Teilen der Gesellschaft übte die Frauenarbeit tiefgehende Wirkungen auch auf andere Gebiete als das des Arbeitsmarkts aus. Die Konkurrenz zwischen den Geschlechtern hat – was die körperliche Arbeit betrifft – für Mann und Frau die schlechteren Arbeitsbedingungen mit sich gebracht, die ein Überfluss an Arbeitskraft in der Regel hervorruft: das heisst niedrige Löhne, lange Arbeitszeit und unsichere Arbeitsgelegenheit. Die Möglichkeit der Ehe ist von der Erwerbsarbeit beider Gatten abhängig geworden. Die verheirateten Frauen, die teilweise von den Männern versorgt werden, haben durch ihre »Supplementlöhne« die Löhne der sich selbst erhaltenden Unverheirateten gedrückt; und wenn diese sich ihrerseits verheiraten, fehlt ihnen die Lust und die Fähigkeit, einen Haushalt zu besorgen, und sie vergeuden durch ihre Nachlässigkeit mehr, als sie in der Fabrik verdienen. Die Folgen der Fabrikarbeit der Frau zeigen sich überdies in Unfruchtbarkeit, grosser Säuglingssterblichkeit, in der Entartung der am Leben bleibenden Kinder in physischer wie in psychischer Beziehung, in einem schlechteren Familienleben mit allen seinen Folgen, Vernachlässigung, Trunksucht und Verbrechen.

In der Mittelklasse hinwiederum hat die Konkurrenz zwischen den Geschlechtern teils unmittelbar die Heiratsmöglichkeiten des Mannes verringert, teils mittelbar den Wunsch beider Geschlechter, eine Ehe einzugehen, vermindert.

Das, wie es scheint, unerbittliche Gesetz, dass nur Einseitigkeit stark macht, hat die Verfechterinnen der Frauensache in der Behandlung aller mit ihrer »Sache« zusammenhängenden sozialen Fragen »linkshändig« gemacht. Sie haben das Arbeitsrecht der Frau durchgedrückt, ohne auf die Bedingungen wie auf die Wirkungen der Arbeit zu achten. Die Frauen, von der vereinten Triebkraft des Zeitgeistes und der Notwendigkeit geleitet, haben Arbeitsverdienst von jedweder Beschaffenheit und zu jedwedem Lohne gesucht. In der Mittelklasse war die Folge die, dass viele Mädchen, denen die Arbeit nicht vollen Lebensunterhalt zu geben brauchte, die Arbeitsbedingungen der Frauen, die darauf angewiesen waren, herabgedrückt haben. So sind diese letzteren auf einem für Gesundheit und Sittlichkeit gleich gefährlichen Existenzminimum festgehalten worden. Die Familientöchter selbst konnten hingegen gesteigerte Lebensansprüche befriedigen, und dies hat wieder dem Manne die Möglichkeit, ihnen in der Ehe annehmbare Lebensbedingungen zu bieten, aufs äusserste erschwert.

Es wurde schon dargelegt, dass die Selbstversorgung der Frau eine tiefe Bedeutung für die Liebe in der Ehe besessen hat und noch besitzt. Der schwedische, seiner Zeit immer vorauseilende Dichter Almquist gab sie schon um 1830 an, als er schrieb, nur die Frau, »die froh und arbeitsam alles aufbringen kann, was ihr zum Leben zukommt«, mache es dem Manne, dem sie sich gibt, möglich »sich selbst mit Recht zu sagen: Ich bin geliebt«.

Aber niemand kann im vorhinein berechnen, wie eine neue soziale Kraft nach allen Richtungen wirken wird; wie sich mit den Bedürfnissen auch die Seelen ändern werden, so dass neue Forderungen und neue Kräfte entstehen. Das erotische Problem der heutigen Jugend ist eines der schlagendsten Beispiele für diese Unberechenbarkeit.

Die Arbeitskonkurrenz der Frau mit dem Manne hat nämlich eine tiefe Missstimmung zwischen den Geschlechtern erzeugt. Die Frauen fühlen sich – mit Recht und mit Unrecht – unterschätzt und unterboten, die Männer hingegen halten sich für verdrängt, wenn der niedrigere Lohnanspruch der Frau die Konkurrenz zu ihren Gunsten entscheidet. Aber das ist nur die Aussenseite der Sache.

Die neue Frau selbst – der umgewandelte Seelentypus – widerstrebt dem Manne. Die mannhaften Emanzipationsdamen sind zwar jetzt schon bald ausgestorben. Man kann sie also übergehen und nur bei den jungen Frauen verweilen, die ihre Möglichkeit, erotisch zu fesseln, bewahrt haben oder bewahren wollen.

Diese haben jedoch die Ruhe, das Gleichgewicht, die Empfänglichkeit verloren, die einst die Frau zu einem schönen, leicht fassbaren Stück Natur machte, anspruchslos und unmittelbar gebend wie diese. Wenn der Mann da mit seinen Grübeleien, seiner Müdigkeit, seinen Enttäuschungen zu dem geliebten Weibe kam, badete er sich rein wie in einer kühlen Welle, er fand Ruhe wie in einem stillen Walde. Nun kommt sie zu ihm mit ihren Grübeleien, ihrer Müdigkeit, ihrer Unruhe, ihren Enttäuschungen. Ihr Bild ist refusiert; ihr Buch verkannt, ihre Arbeit missbraucht, ihr Examen bevorstehend; ihr ... immer ihr! All diese »ihr« machen, dass der Mann sie zerstreut, verständnislos, unzugänglich findet.

Anmerkung: In der Literatur hat diese Erscheinung schon Beachtung gefunden. Charakteristisch ist der Roman »Der Geopferte« von Dr. Ella Mensch, wo die Selbstzufriedenheit der neuen Frau das Unglück des Mannes ist, ferner Kiplings »Dunkelheit.«

Und selbst wenn sie noch die Empfänglichkeit der Liebe für ihn hat, so hat sie doch ihre Spannkraft verloren. Sie wählt ihre Arbeitsbedingungen nicht, sie muss Überarbeit annehmen, wenn sie überhaupt Arbeit erhalten will. Aber die Liebe will – wie treffend gesagt wurde – Ruhe haben, will träumen können; sie kann nicht von den Überbleibseln unserer Zeit und unserer Persönlichkeit leben. Und so sinkt der Wert der Liebe – wie alle anderen Persönlichkeitswerte – unter den jetzigen Arbeitsbedingungen, die die Lebenskräfte erschöpfen und die Menschen selbst die Bedeutung des Begriffs »leben« vergessen lassen. So werden die heutigen Menschen von der Liebe ausgeschlossen: nicht nur von der Möglichkeit, sie ehelich zu verwirklichen, sondern auch von der Möglichkeit, sie voll zu erleben.

Anmerkung: Charles Albert: »L'amour libre«.

Diese übermüdeten jungen Frauen haben auch gar nicht die Möglichkeit, den Reiz ihrer äusseren Erscheinung und ihres Wesens zu pflegen. Dies geschieht nunmehr mit bewusstem Stil nur von den Damen der feinsten Welt – oder der »Halbwelt« – Damen, die keine andere Gesellschaftsaufgabe erfüllen, ausser der mehr schönen als würdigen: das Gleichnis von den Lilien auf dem Felde zu veranschaulichen. Aber nur wenige Frauen sind jetzt in der Lage zu diesem Kultus ihrer berauschenden und selbstberauschten Schönheit, und immer wenigere glauben die Ruhe oder das Recht dazu zu haben. Immer mehr Frauen müssen am Arbeitsleben teilnehmen, und immer wenigere werden überdies von dem Ideal der Formvollendung angezogen, immer mehr hingegen von dem der Persönlichkeitsgestaltung. Aber dieser Umschwung bringt eine Unsicherheit in der Form mit sich, bis wieder neue Formen geschaffen werden. Und der Mann liebt beim Weibe gerade die Sicherheit und Leichtigkeit, das Ruhen in ihrem eigenen Machtgefühl, das den suchenden Jungfrauen der Jetztzeit gewöhnlich fehlt. Aber man begegnet auch schon einer neuen Art junger weiblicher Wesen, die weder ausschliesslich arbeiten, noch ausschliesslich gefallen wollen, die das Problem lösen, zugleich tätig und schön zu sein.

Der allertiefste Konflikt liegt also darin, dass die jungen Männer die jungen Mädchen unabhängig von der Liebe wissen, die sie ihnen bieten, dass sie sich gewogen fühlen und – zu leicht befunden! Die Erwerbstüchtigkeit der Frau hat so, wie Almquist es hoffte, allerdings eine grössere Möglichkeit für den Mann herbeigeführt, sich geliebt zu glauben, aber – auch eine geringere Aussicht, es zu sein!

Eine Essayistin hat mit grosser Feinheit dargelegt, dass immer gerade die Frauen, deren Lebensinhalt das Kind, nicht der Mann ist, am anziehendsten auf die Männer gewirkt haben, weil ihre innerste Unabhängigkeit vom Manne ihnen die Ruhe der elementaren Naturkraft gegeben hat, während hingegen jene Frauen, deren Lebensinhalt zuerst und zuletzt der Mann ist, weniger anziehend gewesen sind. Sie legt dar, dass diese Käthchen von Heilbronn-Naturen jetzt nicht nur mit dem Instinkt des Mannes, sondern auch mit ihrer eigenen persönlichen Entwicklung in Konflikt geraten, so dass sie als Frauen gerade jene rücksichtslose Kraft des Mannes begehren, die sie als Menschen verabscheuen. Für diese Art Männer wird folglich der ursprüngliche Mangel an Anziehungskraft dieser Frauen noch durch ihre jetzige Selbstbehauptung und Unabhängigkeit verschärft.

Anmerkung: Rosa Mayreder, Aufsätze in »Die Zukunft« und »Die Zeit«.

Aber während diese Entwicklung das Glück für die Frauen erschwert, die immer in der Minderzahl gewesen sind – die Heldinnen oder Märtyrerinnen der grossen Liebe – sind es hingegen die heutigen Arbeitsbedingungen, die die Mehrzahl der Frauen, diejenigen, welche ihren Lebensinhalt im Kinde haben, mehr denn je die Härte des Lebensgesetzes fühlen lassen, das dem Menschen »die Macht, zu wünschen, und den Zwang, zu entsagen,« auferlegt.

Immer mehr dieser jungen unverheirateten Frauen fangen an nachzudenken, ob nicht ihre Macht, zu wünschen, einen Sinn haben muss, der der Entsagung eine Grenze zu setzen vermag? Ihr erwachender Lebenswille sträubt sich gegen die Anerkennung des Rechts auf Arbeit als des Alpha und Omega ihrer Menschenrechte. Und gegen jene, die ihr raten, durch Arbeit und Askese, Askese und Arbeit ihr sündiges Verlangen zu stillen, erhebt die eine oder andere ihr über das Kontorpult oder den Katheder gebeugtes Haupt und antwortet mit einem jungen Weibe, das im Leben wie in der Dichtung Aufruhr gemacht hat, dass von den Sünden:

»... nur eine wird nicht vergeben,
Die die treibende Kraft zerbricht –
Das ist die Sünde gegen das Leben –
Ich bin das Leben: ich sündige nicht.«

Anmerkung: Margarethe Beutler: »Gedichte«.

So stehen zwei Gruppen der Töchter unserer Zeit als neue Vertonungen der uralten Doppelnatur des Weibes da.

Für die eine Gruppe ist das Kind nicht der unmittelbare Zweck der Liebe, und am allerwenigsten kann das Kind alle Mittel zu dessen Erreichung heiligen. Wenn eine solche Frau vor die Wahl gestellt würde, ohne die Mutterschaft eine Liebe, so gross wie sie sie geträumt, zu geben und zu finden, oder durch eine geringere Liebe Mutter zu werden, dann würde sie ohne Schwanken das erstere wählen. Und wird sie Mutter, ohne die volle Höhe ihres Wesens in der Liebe erreicht zu haben, dann empfindet sie das als eine Erniedrigung. Denn weder das Kind, noch die Ehe, noch die Liebe sind ihr genug, nur die grosse Liebe ist ihr genug.

Anmerkung: Zuletzt hat Elisabeth Kuylenstjerna diesen neuen Frauentypus gezeichnet, der jedoch auch schon früher in der Literatur hervorgetreten ist, z. B. in den Werken A. Ch. Lefflers, A. Agrells, in Harald Gotes Dramen usw.

Dies ist der bedeutungsvollste Schritt nach vorwärts, den die Frau gemacht hat, seit sie sich von der Gefühlssphäre des Tierweibchens der des Menschenweibes näherte. Und – wie schwere Leiden auch diese Seelenverfassung für die einzelnen bergen mag – kann doch niemand, der tief genug blickt, an seiner Überzeugung irre werden, hier vor der Lebenslinie zu stehen.

Diese dürfte jedoch nicht mit dem Wege jener Frauen zusammenfallen, die nun das Recht auf Mutterschaft verlangen, nicht nur ohne die Ehe, sondern auch ohne die Liebe!

Diejenigen, welche gehofft haben, dass die Unabhängigkeit der Frau durch die Arbeit die Gewissheit des Mannes, geliebt zu sein, verbürgen würde, haben nicht in ihre Berechnung gezogen, dass das Weib in ihrem Lebensinhalt vom Mann abhängig ist. Diese Abhängigkeit, die die Natur, nicht die Gesellschaft geschaffen hat, treibt noch viele im übrigen selbständige Frauen in Ehen ohne Liebe. Und sie treibt andere Frauen, die ihre Unabhängigkeit bewahren wollen, indem sie keine Ehe schliessen, zu dem Wunsche, ohne diese das Mutterglück zu erlangen. Der Wille des neuen Weibes, durch sich selbst, mit sich selbst, für sich selbst zu leben, erreicht seinen Höhepunkt, wenn sie anfängt, den Mann nur – als Mittel zum Kinde zu betrachten!

Gründlicher konnte sich die Frau kaum dafür rächen, dass sie selbst Jahrtausende hindurch als Mittel betrachtet wurde!

Man darf jedoch hoffen, dass die weibliche Rachsucht nicht lange diese Form beibehalten wird. Die Erniedrigung des Weibes zum Mittel hat die Entwicklung des Mannes und ihre eigene verzögert. Aber dieselbe Erniedrigung des Mannes würde die gleiche Wirkung haben, und die Kinder dürften durch den Missbrauch, den die Frau mit dem Manne treibt, ebenso leiden, wie durch den, den er mit ihr trieb. Übrigens könnte dieses selbstherrliche Dasein ja nicht einmal ein paar Generationen hindurch bestehen. Und die Unabhängigkeit vom Manne könnte folglich nie zu den erblichen Eigenschaften gehören, die die Geschlechts-Charaktere umgestalten können. Es wäre nur ein Experiment mit den Glücksmöglichkeiten einer oder mehrerer Generationen.

Das Kind muss Selbstzweck sein. Es bedarf der Liebe zu seinem Ursprung; es muss bei seiner Mutter das Verständnis der Liebe für die Eigenschaften finden, die es von seinem Vater geerbt hat, nicht erstaunte Kälte oder Abneigung gegen das ungeahnte und unwillkommene in seinem Wesen. Die Frau, die den Vater ihres Kindes niemals geliebt hat, wird diesem Kinde unfehlbar in irgend einer Weise schaden – wenn schon nicht anders, so durch ihre Art, es zu lieben! Das Kind braucht die Fröhlichkeit eines Geschwisterkreises, und selbst die zärtlichste Mutterliebe kann diese nicht ersetzen. Und schliesslich braucht das Kind den Vater, wie der Vater das Kind. Dass Kindern in wie ausser der Ehe oft vom Tode oder vom Leben Vater oder Geschwister geraubt werden, gehört zu dem Unvermeidlichen, wenigstens häufig. Aber dass eine Frau mit Wissen und Willen ihrem Kinde das Recht raubt, sein Leben durch die Liebe zu empfangen, dass sie es im vorhinein von der Möglichkeit der Zärtlichkeit eines Vaters ausschliesst, das ist eine Selbstsucht, die sich rächen muss. Das Recht auf Mutterschaft ohne Ehe darf nicht gleichbedeutend mit dem Recht auf Mutterschaft ohne Liebe werden. Es ist ebenso erniedrigend, sich in ein freies Verhältnis ohne Liebe zu begeben wie in eine liebelose Ehe. Man kann in beiden Fällen sein Kind stehlen und damit den Stolz verlieren, es einmal davon zu überzeugen, dass es die besten Lebensbedingungen für seine Entstehung gehabt hat. Liebe – das muss immer wiederholt werden – will Zukunft, nicht Augenblick; will Vereinigung, nicht nur bei der Schöpfung eines neuen Wesens, sondern weil zwei Wesen durch einander ein neues und grösseres Wesen werden können, als jedes für sich allein. Eine Frau kann sich in ihrer Liebe irren, ebenso wie in ihrer Möglichkeit, sich für die Ehe zu eignen. Aber das kann sie nicht im vorhinein wissen. Sie macht diese Erfahrungen erst, indem sie liebt. Hat sie sich in ihrer Hingebung getäuscht, dann ist es keine Rettung, diesen Irrtum in einer Ehe zu verbergen. Aber ihr Kind von einem Manne zu empfangen, von dem sie im vorhinein weiss, dass sie nie das Leben mit ihm leben wollte, das heisst im tiefsten Sinne des Wortes ein unehrliches Kind bekommen. Und so stellen sich doch eine Anzahl von Frauen vor, dass »die Madonna der Zukunft« das Mutterglück finden wird.

Anmerkung: In »Theodora«, einem in Stuttgart aufgeführten Drama von Johan Bojer, in dem dieses Thema behandelt wird, hat er eine Repräsentantin der Frauensache so sprechen lassen, wie eine Gruppe von Frauenrechtlerinnen vor einem ähnlichen Fall im Leben sprachen – was jedoch Bojer nicht bekannt war.

 

Arbeit ist immer Kraftentwicklung, und je mehr sie eine Ausübung unserer besonderen Kräfte wird, ein desto grösseres Glück wird sie folglich sein. Der Weg jeder lieben und massvollen Arbeit kann mit Meilensteinen bezeichnet werden, in die die guten alten Worte des Katechismus von den Segnungen der Arbeit eingegraben werden sollten: hier »Gesundheit«, dort »Wohlstand«; hier »Trost und Stärke des Gemüts im Unglück«, dort »verhinderte Gelegenheit zur Sünde« – vor allem der, am Werte des Lebens zu zweifeln!

Aber gerade der, dem die Arbeit all dies gegeben, hat um so triftigeren Grund, der Arbeit für jene Frauen zu fluchen, die weder die Arbeit nach ihren Anlagen wählen, noch ihre Arbeitszeit ihren Kräften anpassen können. Grössere und grössere Scharen bewegen sich auf jenem Wege der Mühe, wo die Meilensteine die Inschriften tragen: Ungesundheit, Unsicherheit für den morgigen Tag und für die Zukunft; Freudelosigkeit, seelische Abstumpfung und die Sünden, die im Schatten wuchern, vor allem die, das Leben als bedeutungslos zu schmähen!

Für andere hinwiederum ist die Arbeit Rausch, Laster und Aberglaube geworden. Sie hat Männer und Frauen gewissenlos, leer, hart, rastlos gemacht. Sie hat sie dazu gebracht, anderen die übrigen Werte des Lebens zu zerstören – den Schmerz, die Liebe, das Heim, die Natur, die Schönheit, die Bücher, den Frieden – vor allem den Frieden, weil er die Voraussetzung dafür ist, dass das Leiden wie das Glück seine volle Bedeutung erhalte. Die schönen Worte Arbeitsfreiheit und Arbeitsfreude bedeuten in Wirklichkeit Arbeitssklaverei und Arbeitsleid, das einzige Leid, das unsere Zeit voll erlebt!

Unter gedankenlosen Lobgesängen auf diese massenmordende Arbeit lässt die Gesellschaft einen heiligen Frühling nach dem anderen welken, ohne geblüht zu haben – während schon vor Jahrtausenden die Städte der Antike ihre »heiligen Frühlinge« aussandten, neues Land urbar zu machen und den Menschen neue Wohnstätten zu erbauen!

Ebenso gewiss wie die Verluste der einzelnen zur Armut der Gesamtheit werden, wenn diese Verluste verringerte Gesundheit und Kraftfülle bedeuten; ebenso gewiss wie nichts besser wird ohne die Sehnsucht nach einem Besseren, ist es ein Gesundheitszeichen der Zeit, dass die kleinen Hungerlöhne für die gewissenhafte Fronarbeit die jungen Mädchen nicht mehr mit gerührter Dankbarkeit gegen Gott und die Vorkämpferinnen der Frauenbewegung erfüllen; dass sie sich immer weniger einreden lassen, dass nur »die Freiheit, die in Jesu Fussstapfen tritt, die das von der Gewalt Niedergebeugte und Zertretene erhebt«, die echte Freiheit ist!

Sie wissen, diese jungen Frauen, dass auch ihre eigene Natur vergewaltigt werden kann; dass es im Wesen des Weibes noch andere niedergebeugte Kräfte gibt als nur Wissensdurst und Tätigkeitsdrang, und dass weder Arbeitsrecht, noch Mitbürgerrecht zertretene Glücksmöglichkeiten zu ersetzen vermag!

Und weit davon entfernt, dass irgend ein Denkender diesen Missmut der Jugend einschläfern soll, erweist man im Gegenteil ihnen und dem Leben den besten Dienst, wenn man ihnen die Alltagszufriedenheit und die Ruhe der Resignation raubt. Denn nur das Leiden, das wach erhalten wird, die Sehnsucht, die lebendig bleibt, werden zu Mächten in der Erhebung gegen die Gesellschaftsordnung, die durch sinnlose und lebensfeindliche Qualen die Leiden vermehrt, welche die Gesetze des Lebens und die Entwicklung des Lebens ohnehin noch mit Notwendigkeit auf dem Gebiete des Geschlechtsverhältnisses mit sich bringen.

 

Alle unterdrückten Kräfte, die nicht gebraucht werden, können ausarten. Und unsere Zeit mit ihrer Hemmung der erotischen Kräfte hat auch unter den Frauen solche Zeichen der Entartung aufzuweisen.

Es ist darum eine notwendige Selbstbehauptung, dass die von der Liebe Ausgeschlossenen suchen, ihre Gesundheit zu bewahren und ihr Leben durch die Freudequellen zu bereichern, die jedem Lebenden zu Gebote stehen. Auch der von einer interesselosen Arbeit Gebundene kann einige Stunden finden, um auf einem Pfade weiter zu schreiten, der zu einem Einblick in den unendlichen Raum des Wissens führt. Fast jede Arbeit kann eine Steigerung der eigenen Tüchtigkeit herbeiführen und damit auch die Freude, seinen Wert als Arbeitender und seine Würde als Persönlichkeit gesteigert zu fühlen. Es gibt keinen Tag, der nicht einen Funken von Schönheitsfreude zu spenden vermag. Keine Stunde endlich – ausser den schwersten des Schmerzes – in der nicht ein Mensch die Stärke und Grösse seiner eigenen Seele fühlen kann; ihre Unabhängigkeit von allen äusseren Schicksalen; ihre Macht, sich selbst zu suchen, sich selbst zu finden, sich selbst zu steigern, durch alles und trotz allem. Für alle vom Leben Benachteiligten gelten die Worte, die Viktor Hugo an eine junge trauernde Frau richtete:

N'avez-vous pas votre âme?

Und zu welchem Glauben oder Unglauben ein Mensch sich auch bekennt, im Innersten ist es dieses Bewusstsein vom Werte seiner eigenen Seele, das ihn rettet, wenn es keine andere Hilfe gibt. Und es gibt keine andere Hilfe!

In diesem Sinne ist es allerdings wahr, dass der Mensch, Weib wie Mann, Selbstzweck ist; dass er seine Aufgabe erfüllt hat, wenn er nicht Schaden genommen hat an seiner Seele, selbst wenn er vom Leben nichts anderes erlangte; wenn er seine seelische Macht vergrössert, seine Eigenart entdeckt und betätigt hat. Denn nur dies heisst, seine Seele erlösen. In diesem Sinne ist es wahr, dass die »Aufgabe« des Weibes wie des Mannes nicht die von unserem eigenen Willen allein nicht abhängige Geschlechtsaufgabe sein kann. Und so kann man auch von dem, der diese nicht erfüllt hat, nicht sagen, dass er sein Dasein verfehlt habe. In diesem Sinne besteht auch im innersten eine gewisse Übereinstimmung zwischen dem Gefühl der eben geschilderten Selbstherrlichkeit und der Empfindung derer, die meinen, dass die höchste Bestimmung des Weibes wie des Mannes nicht die Liebe sein kann, sondern nur das Leben als Ewigkeitswesen über allen irdischen und gesellschaftlichen Werten; dass die höchste Wirklichkeit jedes Menschen in ihm selbst ist und sein grösstes Glück nur das sein kann, in Heiligkeit und Gottesgemeinschaft zu erstarken.

Aber für die Lebensgestaltung wird der Unterschied unermesslich gross. Da steht man wieder vor der dualistischen und der monistischen Lebensanschauung; dem Glauben, dass die Seele ihre höchste Entwicklung und Seligkeit unabhängig von ihren irdischen Voraussetzungen – anstatt durch dieselben – erreichen kann.

Für die letztere Anschauung wird der Mann wie das Weib selbst in ihren grössten Seelenbewegungen von ihrem Geschlechtsleben bestimmt. Geschlechtsgefühle pulsieren in den Träumen des Übergangsalters von Heldentaten und Märtyrertum; sie sind der warme Unterstrom des in dieser Zeit erwachenden religiösen Bedürfnisses. Jede Frau, die später ein strahlendes Liebeswerk vollbracht hat, die ein grosser christlicher Charakter geworden ist, hat – wie die schwedische Heilige Birgitta, wie Katharina von Siena, wie die heilige Teresa – das Feuer der grossen Liebe in ihrer Seele gehabt; in ihrem Blut hat die heisse Sehnsucht gebrannt, mit Körper und Seele dem Geschlechte zu dienen. Und darum wurde auch ihre Menschenliebe wärmend, während die Opfer so mancher anderer Wohltätigkeit frieren wie geschorene Schafe. Vom Weibe gilt in noch höherem Grade als vom Mann das Wort Schillers: Wer keinen Menschen machen kann, der kann auch keinen lieben.

Das wesentliche Ich eines Weibes muss hervorgeliebt werden, ehe sie in grosser Weise etwas für andere oder für sich selbst bedeuten kann. Wer in seinem Leben aller Erotik entbehrt hat, findet selten den Weg zu dem im grossen Sinne Menschlichen, während der, dem das Leben es versagt hat, sein erotisches Wesen im gewöhnlichen Sinne auszudrücken, dieses in einen das All-Leben umschliessenden Eros umwandelt, den Eros, den Plato ahnte und den er von Diotima verkünden liess: ein Zug von unendlicher Feinheit. Denn vielleicht kann nur die Frau – weil ihr ganzes Wesen Erotik ist – so ihrerseits selbst ihre Liebessehnsucht aus dem ganzen Dasein stillen?

Aber diese Empfindung der Einheit mit dem All – die der Theosoph, der Mystiker, der Pantheist, der Evolutionist, jeder in seiner Weise ausdrückt, aber die alle in gleicher Weise fühlen – ist das, was ein grosses erotisches Glück vor allem schenkt. Von dieser Art zu lieben gilt es ganz besonders, dass nur, wer liebt, Gott fühlt, jenes grosse Wort von der Einheit mit dem All, in dem wir leben, uns bewegen und unser Wesen haben. Nicht weil Gott die Menschen schuf, auf dass sie sich vermehren und die Erde erfüllen, sondern weil sie fruchtbar waren und die Erde mit Wesen und Werken erfüllten, gaben sie dem Leben den Namen des Schöpfers und verehrten in der Gestalt von Göttern ihre eigene Schaffensmacht, für die sie auch Ewigkeiten träumten.

Weil die Fruchtbarkeit, die Zeugungskraft in allen ihren Formen das Göttliche im Menschen ist, kann niemand ohne sie »Heiligkeit und Gottesgemeinschaft« im Sinne des Lebensglaubens erreichen oder, mit anderen Worten, volles Menschentum. Schon in ihrer begrenzten Form, als familienbildend, ist sie das untrügliche Mittel, das Ich über seine eigene Grenze auszudehnen, die einfachste Voraussetzung der Humanisierung. Sie kann den Egoisten zu einem Gebenden umwandeln, nur indem sie ihm etwas gibt, wofür er leben kann. Darum hat die Liebe unzähligen Menschen den Glauben ersetzt, weil sie dieselbe Macht hat, sie gut und gross zu machen, aber eine hundertfache, sie zu beglücken. Darum ist alle grosse und schöne – von Milde und Mildtätigkeit überquellende – Resignation ein Weinberg auf dem Abhang eines Kraters.

Aber darum gilt es auch von allen, die die Wärme der Fruchtbarkeit in sich gelöscht haben, dass sie die einzige unverzeihliche Sünde begangen haben, die gegen des Lebens heiligen Geist. Diese Frauen finden ihre Verurteilung in Lessings Fabel von Hera, die Iris zur Erde sandte, um dort drei tugendstrenge, vollkommen keusche, von keinerlei Liebesträumen besudelte Jungfrauen zu finden. Und Iris fand sie wohl, aber brachte sie nicht in den Olymp. Denn der Hades hatte sie schon von Hermes holen lassen, in der Unterwelt – die gealterten Furien zu ersetzen!

 

Weil die Mittel des Lebens nie seinen Zweck verdecken dürfen, – der darin besteht, mit unserem ganzen Wesen zu leben und so eine immer grössere Fülle von Leben mitzuteilen – ist es unsittlich, ausschliesslich für die Heiligung oder die Arbeit, das Vaterland oder die Menschheit zu leben, ja sogar für die Liebe, denn der Mensch soll durch all dies leben. Seine Abschliessung von einem dieser Mittel zu vollem Menschentum kann nie durch seine Teilnahme an einem der anderen ersetzt werden, ebenso wenig wie einer seiner Sinne durch einen anderen, selbst wenn dieser letztere durch den Zwang, an Stelle des verlorenen zu dienen, vervollkommnet wird. Und die Resignation, die sich vorzeitig mit einem Teil des Rechtes ihrer Menschennatur begnügt, anstatt das Ganze anzustreben, diese Resignation ist ein Schlummer im Schnee. Es ist unleugbar ein ruhigerer Zustand, als seine Seele spannkräftig für neue Erlebnisse zu bewahren. Denn dann muss man auch neuer Wunden gewärtig sein; und wer seine Leidensfähigkeit wach erhält, kann überzeugt sein, mehr erdulden zu müssen, als der, welcher sie mit einem Opiat eingeschläfert hat. Aber kein Wertmesser ist schlechter, als der, ob man leidet oder nicht leidet. Die Frage ist nur, wodurch man leidet und was man – für sich selbst und andere – durch seine Schmerzen wird oder nicht wird.

Das Leben hält in seiner einen Hand den goldenen Königsreif des Glücks, in der anderen die Dornenkrone des Leids. Seinen Lieblingen reicht es beide. Aber nur der geht leer aus, dessen Schläfen von keiner berührt werden.

 

Eine seelenvolle Frau machte einmal die Bemerkung, dass, obgleich die Liebe von den meisten als der grosse Inhalt des Lebens anerkannt wird, die Menschen doch noch nicht vermocht haben, ihr ihren Platz im Leben zu bereiten. Ausserhalb der Ehe nennt man sie Sünde; in derselben kann die Liebe – so wie die Ehe jetzt ist – selten leben, und entsteht sie zu einem anderen als dem Gatten, dann muss sie um der Kinder willen geopfert werden.

Diese Beobachtung hat die neue Frau immer mehr in ihrem Entschluss bestärkt, der Liebe ausserhalb der Ehe Platz zu bereiten.

Die Frauen – wie die Männer – haben angefangen, die Sittlichkeitsbegriffe zu prüfen, wo die grossen und kleinen Werte so durcheinander gemischt werden wie die Scatins und die Könige in einem Kartenspiel. Alle Sittlichkeit ist für die Frau gleichbedeutend mit geschlechtlicher Sittlichkeit geworden; alle geschlechtliche Sittlichkeit gleichbedeutend mit der Abwesenheit von Sinnlichkeit und dem Vorhandensein des Trauungsscheins. In Reden und Dichtung wird die Aufgabe des Weibes als »Gattin und Mutter« verherrlicht, aber zugleich wird diese Aufgabe erst dann als achtungswert angesehen, wenn sie – erreicht ist, hingegen aber als entehrend, solange sie mit der gesunden Stärke ersehnt wird, die die Bürgschaft dafür ist, dass man sie voll erfüllen kann! Eine Frau kann stolz und stark sein, gut und arbeitsfreudig, mutig und edelmütig, ehrlich und verlässlich, treu und pflichtgetreu – mit einem Worte, sie kann alle Tugenden besitzen, die man beim Manne preist – und doch unsittlich genannt werden, wenn sie der Menschheit ein neues Leben gibt! Die aus dem Gesichtspunkt der geschlechtlichen Sittlichkeit Tadellose kann hingegen so feige, so verleumderisch, so lügnerisch wie nur möglich sein, ohne dass die Gesellschaft ihr darum ihre Achtung versagt.

Diese Gedankenwirrnis ist so eins mit den Gefühlen, dass es Jahrhunderte dauern dürfte, bis neue Rechtsbegriffe sie umzubilden vermögen.

Denn trotz allem bleibt es wahr, dass die übrige Sittlichkeit des Weibes in einem tieferen Zusammenhange mit ihrer geschlechtlichen Sittlichkeit steht, als dies beim Manne der Fall ist. Die Natur selbst hat diesen Zusammenhang geschaffen, als sie die Liebe und das Kind mit dem Dasein des Weibes enger verband, als mit dem des Mannes. Es muss immer für die ganze Persönlichkeit der Frau von durchgreifender Bedeutung sein, sich der Möglichkeit hinzugeben, ein neues Leben zu schaffen. Und darum ist die Stellung einer Frau, nicht zur Trauung, wohl aber zur Mutterschaft ein entscheidender Massstab für ihre übrige sittliche Entwicklung und seelische Kultur.

Dieselbe geschlechtliche Freiheit für die Frau wie für den Mann erscheint jeder tief weiblichen Frau als eine naturwidrige Forderung. Aber dies bedeutet weder, dass der Mann fortfahren soll, seine Freiheit zu missbrauchen, noch dass die Frau fortfahren muss, die ihre innerhalb »gesetzlicher« Grenzen einzuschränken. Ebenso wenig bedeutet dies, dass die Frauen weiter sich selbst, die Männer, und einander über ihre Natur als Geschlechtswesen belügen sollen. Gewiss gibt es viele in dieser Beziehung unempfindliche Frauen, und gewiss stellen andere verheiratete Frauen die Forderungen der Sinne in Abrede, – weil dieselben befriedigt wurden, bevor sie ihnen zum Bewusstsein kamen. Aber wenn die Entwicklung der Liebe eine reinere und gesundere Anschauung herbeigeführt haben wird, dann werden weder Frauen noch Männer es als einen Vorzug, eine Überlegenheit beim Weibe betrachten, wenn sie den Charakter des »dritten Geschlechts« in sich entwickelt. Da wird jeder erkennen, dass das im vollsten Sinne gesunde und reiche Menschenleben die Erfüllung der Bestimmung als Geschlechtswesen einschliessen muss, und dass, wenn auch die Lebenshemmung nach dieser Richtung keine physischen Leiden mit sich bringt, sie doch tiefe psychische Leiden von kraftherabsetzender Wirkung im Gefolge haben muss. Dann wird man auch nicht absichtlich die Augen davor verschliessen, dass es – neben vielen starken, ausgeglichenen, arbeitsfreudigen unverheirateten Frauen – andere gibt, die ebenso viel Achtung verdienen, obgleich sie nicht ohne die Mutterschaft harmonisch bleiben können. Im Norden dürften die ersteren in der Majorität sein. Etwas weiter südlich ist dies nicht mehr der Fall. Und die Ursache ist nicht Mangel an Selbstzucht oder Arbeitsernst, sondern ganz einfach die schon dargelegte Tatsache: dass das Geschlechtsleben der Frau – wenn es stark und gesund verblieben ist – sie in einer so viel innerlicheren Weise bestimmt als den Mann. Sie leidet selten heftig, oft unbewusst oder halb bewusst unter der Lebenshemmung in dieser Richtung. Aber dafür in einer um so eingreifenderen, die Lebenskraft langsam aussaugenden Weise.

Es ist darauf hingewiesen worden, dass die hochgradige Nervosität der Lehrerinnen nicht nur davon herrührt, dass ihre Arbeit schlecht entlohnt wird und grosse seelische Anspannung verlangt, sondern auch daher, dass sie so sehr darnach angetan ist, ihre Mütterlichkeitssehnsucht aufzustacheln. Aber nicht nur die Lehrerinnen allein werden lange vor der Zeit vergrämt, farblos und geschwächt. Viele Frauen, die in der Ehe neu aufblühen könnten, werden – wenn diese sich nicht bietet – früher oder später zu den Entgleisten gehören. Innere Krankheiten, Hysterie, Wahnsinn, Perversität, Selbstmord sind die Folgen dieses »Opferwesens der Kultur«, das hier seinen geheimsten Ritus hat.

Anmerkung: Man sehe »Das Recht auf Mutterschaft« von Ruth Brée. Da werden eine Anzahl Aussprüche von Fachmännern angeführt. Mir unbekannte, aber von Fachleuten erwähnte Schriften über den Gegenstand sind von Havelock Ellis, E. Laurent, A. Moll u. A. herausgegeben. – »Die Verbrecher der Liebe« von Irma von Troll-Borostyani, Elsa Asenijeff: »Tagebuchblätter einer Emanzipierten«; »Halbtier« von Helene Böhlau; »Offner Brief« von Multatuli; »Demi-Vierges« von Marcel Prévost mögen als einige unter den vielen literarischen Schilderungen der Forderungen oder Verirrungen des geschlechtlichen Lebens erwähnt werden.

In diesem Zusammenhang muss der kürzlich verstorbene Otto Weininger genannt werden. Nach einem Artikel in der »Zeit« hat er in seinem – von Strindberg kürzlich gepriesenen – Buche »Geschlecht und Charakter« behauptet, dass das männliche Element (M) und das weibliche (W) bei allen Individuen in einem gewissen Mischungsverhältnis vorhanden ist, und nicht nur in dem Individuum als Gesamtheit: nein, auch jede Zelle hat ihre bestimmte geschlechtliche Betonung. Wenn ein Mann z. B. ¾ M und ¼ W hat, muss die Frau, die für ihn die Anziehendste wird, ¼ M und ¾ W haben. Homosexuell werden jene, welche ½ M und ½ W haben. Eine solche Naturbestimmung kann, meint Weininger – wie mehrere moderne Ärzte und Kriminalpsychologen – nicht strafbar sein: ein Gesichtspunkt, zu dessen Feststellung auch der Justizmord an Oscar Wilde beigetragen hat und der nun auch in Dr. M. Hirschfelds »Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen« ein Organ hat. Weininger – der in der Frau ein sehr tiefstehendes Wesen sieht – hat nicht die Hoffnung, dass der sexuelle Kampf je aufhören werde: je mehr W eine Frau hat, desto weniger versteht sie den Mann und desto mehr entzückt sie ihn; je mehr M er hat, desto weniger versteht er die Frau und desto mehr entzückt er sie.

Aber jedes derartige Opfer macht das Leben ärmer. Denn es sind oft die wärmsten, an Güte und Seele reichsten Frauennaturen, die in jedem Sinne Fruchtbaren, die so untergehen. Und die Menschheit verliert durch sie nicht nur unmittelbar einen Wert, sondern auch mittelbar, in ihren niemals geborenen Kindern.

Diese Verluste können bis auf weiteres nur durch einen geänderten Sittlichkeitsmassstab vermieden werden, wenigstens solange als es nicht einmal einen Mann für jede Frau gibt. Denn man kann nur eine sehr langsame Wirkung der Massregeln erhoffen, die das Gleichgewicht wieder herstellen können, das die Natur zu beabsichtigen scheint, indem sie sogar mehr Knaben als Mädchen zur Welt kommen lässt, nämlich Massregeln zum besseren Schutz des Lebens der Knaben und Männer. Ein Vorschlag, der vor einigen Jahren in einem der grossen Kulturländer gemacht wurde: eine planmässige und gut überwachte Auswanderung von berufstüchtigen Frauen aus jenen Ländern, wo sie überzählig sind, in Länder anzuordnen, wo das entgegengesetzte Verhältnis herrscht, verdient ganz gewiss als zeitweiliges Hilfsmittel Erwägung. Denn während die Arbeitstüchtigkeit dieser Frauen sie von der Heirat unabhängig machen würde, wären ihnen auch grössere Möglichkeiten geboten, eine solche zu schliessen, ebenso wie den – nun in diesen Gegenden auf das Zölibat oder die Prostitution angewiesenen – überzähligen Männern.

Im grossen gesehen, kann jedoch hier nur das Erwachen des Gesellschaftsbewusstseins helfen. Aber bevor nicht die Jugend selbst mit der Sturmglocke des Handelns das Gesellschaftsgewissen wach läutet, wird die Hilfe auf sich warten lassen.

In einer Beziehung können die arbeitenden jungen Männer und Frauen selbst ihr Schicksal in die Hand nehmen, in der rein äusseren nämlich, die darin besteht, sich die Gelegenheiten zu verschaffen, die ihnen fehlen – während sie für die studierende Jugend nun so manches Lebensglück begründen – die Gelegenheit, sich unter schönen und würdigen Formen der Kameradschaft gegenseitig kennen zu lernen.

In den Fällen hingegen, in denen das Lebensschicksal einer Frau ihr aus dem einen oder anderen Grunde die Verwirklichung der Liebe unmöglich gemacht hat, sollte sie – wie die Gattin in einer unfruchtbaren Ehe – öfter, als es jetzt geschieht, ihr Leben bereichern und zum Teil ihre Muttersehnsucht stillen, indem sie sich unter den schutzlosen Kindern, die es leider noch im Überfluss gibt, eines wählte, um es zu hegen und zu lieben. Solche Pfropfreiser auf dem eigenen Stamme tragen oft herrliche Frucht. Die einsame Frau fällt so nicht der Härte und Bitterkeit anheim, die nicht notwendige Folgen eines gehemmten Geschlechtslebens sind, desto mehr aber die eines erfrorenen Herzenslebens.

In den Fällen, in denen eine Frau durch die Entbehrung der Mutterschaft eine langwierige und unerträgliche Lebenshemmung erfährt, kann sie das kleinere Übel wählen: auch ohne Liebe in der Ehe oder ausserhalb derselben Mutter zu werden. Wer stiehlt, um sein Leben zu retten, muss ungestraft bleiben. Aber sie darf nicht anderen, die nicht in derselben Not sind, als Vorbild hingestellt werden!

Es darf also nicht die Lösung des Rechts auf Mutterschaft werden, dass man die Mehrzahl der unverheirateten Frauen auffordert, sich ohne Liebe ein Kind zu schaffen. Nicht einmal, es von der Liebe zu empfangen, wenn sie im vorhinein wissen, dass ein fortgesetztes Zusammenleben mit dem Vater des Kindes unmöglich ist.

Aber aus ihrem eigenen wie aus dem Gesichtspunkt der Menschheit hat hingegen diejenige unverheiratete Frau ein Recht auf die Mutterschaft, die eine so reiche menschliche Seele, ein so grosses Mutterherz, einen so männlichen Mut hat, dass sie ein Ausnahmeschicksal tragen kann. Sie hat den ganzen Reichtum ihres Wesens und den des Geliebten durch das Kind der Menschheit zu vererben; sie hat ihre ganze Persönlichkeitsentwicklung, ihre geistige und körperliche Lebenskraft, ihre durch die Arbeit errungene Unabhängigkeit für die Erziehung des Kindes einzusetzen. Sie hat in ihrem Lebenswerk nur für einen Teil ihres Wesens Verwendung gehabt: voll und ganz will sie es ausdrücken, ehe sie von des Lebens Gabe scheidet. Mit dem vollen Ja und Amen ihres Gewissens wird sie darum Mutter.

All dies gilt jedoch selten von einer Frau, ehe sie nicht die Grenze zu »la seconda primavera« erreicht oder überschritten hat; erst dann dürfte sie volle Sicherheit über den Ernst ihrer Sehnsucht und über ihren Mut haben, sowie die begründete Überzeugung, dass das Leben ihr kein höheres Glücksschicksal vorbehalten hat. Und nicht einmal sie darf ein Vorbild für die endgültige Lösung des Problems werden. Aber in Zeiten wie der unsrigen, wo die Lebenshemmung in dieser Richtung unleidlich geworden ist, sind Wagestücke berechtigt, wenn sie glücken!

Wenn ein solches Wagestück glücken soll, muss die Frau nicht nur rein wie Schnee sein, nein, rein wie Feuer, in ihrer Gewissheit, mit dem Kinde ihrer Liebe ihrem eigenen Leben eine strahlende Steigerung und der Menschheit einen neuen Reichtum zu geben.

Ist sie das – dann klafft auch ein Abgrund, tief wie bis zum Mittelpunkt der Erde, zwischen dieser unverheirateten Frau, die der Menschheit ihr Kind schenkt, und der unverheirateten Frau, die »ein Kind kriegt«.

Zweifellos würde die Erstgenannte es als das ideale Glück betrachtet haben, ihr Kind in Gemeinschaft mit dessen Vater erziehen zu können. Die Umstände, die sie hindern, können verschiedener Natur sein. Die Freiheit des Mannes ist z. B. von früheren Pflichten oder Gefühlen beschränkt, die ihn mit oder gegen seinen Willen fesseln. Die Lebensbedingungen und die Tätigkeit des einen oder anderen Teils können eine volle Vereinigung unmöglich machen. Ebenso die Erfahrung, dass die Persönlichkeit des einen oder anderen durch die Ehe gehemmt würde. Oder auch hat die Liebe selbst nicht das gehalten, was sie versprochen, und die Frau ist stolz genug, sich nicht als gefallen anzusehen, nicht zu glauben, dass sie durch eine Ehe rehabilitiert werden müsse, die im Gegenteil unter diesen Verhältnissen der Sündenfall wäre.

Es gibt schliesslich einzelne Fälle, wo eine hervorragende Frau – denn es sind oft die Besten, die von dem starken Wunsche nach dem Kinde ergriffen werden – fühlt, dass sie ihre Mutterschaft nicht mit den Anforderungen der Liebe und des geistigen Schaffens vereinigen kann; dass sie nur zwei Aufgaben zu genügen vermag und darum von der Liebe das Kind nimmt, aber von der Ehe absteht.

Aber es gibt auch ganz entgegengesetzte Schicksale, wo die Frau für ihr eigen Teil das Kind wünscht, aber um des Mannes willen darauf verzichtet.

In den meisten Fällen geschieht dies, weil sie sein Werk mit solcher Liebe umfängt, dass sie, wenn es verlangt wird, im Geiste Heloisens diesem ihr Mutterglück opfert. Und je mehr die Liebe sich vervollkommnet, desto mehr lernt die Frau das Werk des Mannes wie ihr Kind lieben, er hingegen ihr Werk so, wie er sein eigenes liebt.

Aber es können auch andere Gründe sein, die eine Frau bewegen, dem Manne volle Freiheit zu bewahren, wie zum Beispiel der, dass er der jüngere ist, oder dass sie weiss, dass sie ihm kein Kind schenken kann. Solche Bündnisse sind heute nichts Ungewöhnliches, Bündnisse, durch die zwei Menschen lange ihr eigenes Leben und das Leben um sich reicher machen. In die Zärtlichkeit für den Mann setzt eine solche Frau ihre Mütterlichkeit um. Das Beste ihrer eigenen Produktionskraft gibt sie dem Gedankenaustausch mit ihm, der so wächst, während sie stehen bleibt. Aber sie geniesst dabei die Seligkeit, die die Mutter mit dem Kindlein an ihrer Brust erfährt; sowie diese sich doppelt für das Kind nährt, sucht eine solche Geliebte die reichste geistige Nahrung, um sie dann mitzuteilen: sie hat das Gefühl, das zu stehlen, was sie sich allein aneignet. Vielleicht wäre das Märchen vom Pelikan, der die Jungen mit seinem Herzblut nährte, ein besseres Symbol für diese Frauen, die gefasst sein müssen, den Mann früher oder später die junge Braut suchen zu sehen, die seiner Sehnsucht in jeder Beziehung entsprechen wird. In Fällen wie diesen bewahrheitet es sich wenn je, dass die »grosse Liebe mehr will als Gegenliebe«, dass sie »schaffen will«. (Nietzsche). Hier wenn je offenbart die Frauennatur, dass ihre grosse geniale Begabung die für die Liebe ist; dass je höher eine Frau sich erhebt, desto gewisser eigener Ruhm, eigene Siege, eigene Zukunft federleicht gegen das Glück wiegen, ihre grosse Anlage, zu lieben, in ihrer ganzen Fülle zu entwickeln. Und wann liebt sie tiefer, als wenn sie den ganzen Überfluss ihres entwickelten Frauenwesens an die Vervollkommnung des Geliebten – für ein anderes Weib – verschwendet?

Was jede Frau in unserer Zeit mehr als in irgend einer anderen braucht, das hat Ricarda Huch mit den Worten ausgesprochen: »Mut für sich, Mitleid für die anderen!«

Mut zu einem eigenen Schicksal; Mut, es zu tragen oder darunter zusammenzubrechen. Aber auch Mut, auf sein Schicksal zu warten, es zu wählen. Mitgefühl mit den Vielen, denen der eine oder andere Teil des neuen Mutes gefehlt hat: der Wagemut oder das Bereitsein oder das Abwarten.

 

Diese beiden Wege, die der neue Mut des Weibes gefunden hat – der Mann und die Arbeit ohne das Kind oder das Kind und die Arbeit ohne den Mann – müssen berechtigte Lebensformen genannt werden, wenn sie sich als lebensteigernd erweisen. Aber sie können doch nicht die Lebenslinie für die Mehrzahl werden. Diese folgt der Richtung des alten indischen Weisheitswortes: dass der Mann ein halber Mensch ist, die Frau ein halber und nur Vater und Mutter mit ihrem Kinde ein ganzer werden! Und wenn auch die Frauen das Recht besitzen, ihre erotische Sehnsucht zu erfüllen, insoweit das Leben sich dadurch erhöht, so dürfen sie doch niemals vergessen, dass sie erst dann ihr volles Menschentum erreichen, wenn sie durch die Liebe dem Manne ein Kind und dem Kinde einen Vater gegeben haben.

 

Hier ist nicht von den jungen Frauen die Rede, die ungetraute Gattinnen von Männern sind, welche erst später ein Heim für Kinder und für ein volles Zusammenleben begründen können. Diese Frauen können freilich den Schmerz erleben, dass sie zu fest auf ihr eigenes Herz oder das eines anderen gebaut haben. Aber sie sind rein in ihrem Willen gewesen, und ihr Wille war auf das zukünftige Zusammenleben gerichtet, nicht auf »Erlebnisse«, deren einziger Wert darin besteht, dass sie einander rasch ablösen.

Diese jungen Frauen müssen darum genau von jenen unterschieden werden, die die Hetären der Gegenwart geworden sind. Diese Neu-Griechinnen sind fein kultivierte, reich begabte, stilvolle und auserlesene Typen der zerebralen und polygamen Frau. Die Liebe ist für sie ein Genusswert – der etwas höher steht als der der Zigarette, mit der ihre schmalen Finger spielen, oder der des Alkohols, der ihren bleichen Wangen Wärme gibt – aber ausgesprochen tiefer als der Dichtertaumel oder die Farbenfreude.

Sie teilen mit den Männern die Schaffenslust, die Arbeitsfreude, die Schönheitsgenüsse, die Ideen und die Liebesfreiheit. Nichts wäre ihnen unwillkommener als mögliche Folgen ihrer »Liebe«, die von Verhältnis zu Verhältnis gleitet, unter einer wachsenden Empfindung der Leere, der Müdigkeit, der Ohnmacht. Unfruchtbarkeit in jeder Beziehung, dies ist ihr Schicksal und ihr Urteilsspruch. Denn einzig und allein für das Unfruchtbare hat das Leben keine Verwendung. Zuweilen sind sie auch nicht imstande weiter zu leben – um nur wieder und wieder überzeugt zu werden: dass ihre Seele nicht lieben, nicht schaffen, nicht leiden und nichts anderes wollen kann, als sich vom Baume des Lebens zu lösen wie eine beschädigte Knospe, eine verdorbene Frucht.

Anmerkung: Einige junge Schriftstellerinnen – besonders die Dänin Edith Nebelong – in »Gold« – haben diesen Zustand geschildert.

Aber auch diese Strömung, in der alles nur gleitende Wellen und funkelnder Schaum zu sein scheint, hat für den, der lange genug lauscht, einen klagenden Unterton: die Dunkelscheu davor, bei sich selbst »tief innen ein leeres schwarzes Loch« zu finden; der Hass gegen die schwindelnde Bewegung der Grossstadt und des modernen Lebens ohne grosse Ziele, gegen ihren ewigen Rhythmus der Aufreizung und des Überdrusses, der Betäubung und Unruhe, all dies, das man »das moderne Leben« nennt, ein Leben, das sie gehindert hat, je zu – leben!

Noch ein anderer Unterton ist da. Er ist schwerer zu deuten, und nur der junge Dichter der »Renate Fuchs« hat es voll verstanden, dass es unter diesen gleitenden Wellen auch suchende gibt; solche, die sich allem zum Trotz im Innersten rein für ihr grosses Erlebnis bewahrt haben; die es unfehlbar entdeckt, sich ihm unbedenklich hingegeben haben, im selben Augenblick, in dem es ihnen gegenübertrat. Aber die Schlussseiten, für die das ganze Buch geschrieben ist, haben nur wenige verstanden. Und die Keuschheit der Seele, die da geschildert wird, dürfte wohl auch so selten sein, dass sie dem schwer fassbar wird, der nicht mit dem Dichter einsieht, dass »für uns jetzt ein Zeitalter mit einem neuen Massstab für die Beurteilung der Frau beginnt. Tiefe innere Revolutionen sind im Anzuge ... wohin man sich wendet, sieht man überall unverstandene Frauen, unglückliche Ehen, erstickte Sehnsucht, unterirdische Flammen.«

Die reinste dieser Flammen schlägt hier und da aus der Tiefe empor, wenn eine wahrhaft weibliche Frau mit all der Macht, die ihrer Natur eigen ist, ihr Recht auf Mutterschaft behauptet.

Anmerkung: Laura Marholms Schriften waren in Deutschland nach dieser Richtung bahnbrechend für eine gesündere Auffassung. Aber seither haben andere Frauen häufig in der Romanliteratur denselben Gegenstand behandelt. An der Spitze steht noch immer Gabriele Reuter mit »Aus guter Familie« und anderen Arbeiten. »Sie« von Baronesse A. Falke gehört zur selben Gruppe. Unter neueren Schriftstellern, die das Recht der unverheirateten Mutter behandelt haben, sind – ausser Sudermann mit »Heimat« – Helene Böhlau mit »Mutterrecht« und die schon erwähnte Marg. Beutler und R. Brée (Pseudonym), sowie Inge Maria: »Der Schrei nach dem Kinde«. In warnender Richtung bewegen sich hingegen Adele Gerhards »Pilgerfahrt« und Marie Sillings »Wandlungen«. Unter den mir unbekannten Arbeiten – die als Beweis erwähnt werden sollen, wie lebhaft die Frage jetzt behandelt wird – sind: Annie Lenz: »Mutter« (ein Drama); Elsa Plessner: »Die Ehrlosen«; Marie Stahl: »Frauenehre«. In Frankreich ist die Frage novellistisch von Daniel Lesueur und anderen mir unbekannten Schriftstellerinnen behandelt worden. Sie hat u. a. eine Schrift von Lydia Martial hervorgerufen, »La femme intégrale«, worin das Recht jeder gesunden Frau auf ein Kind vertreten wird. Nina Carnegie-Mardon hat medizinische und statistische Darlegungen von Louis Frank, Dr. Keifer und Louis Maingie in der Schrift »Die Versicherung der Mutterschaft« zusammengestellt. Eine Broschüre über den Gegenstand ist von Hugo C. Jüngst herausgegeben: »Die Furcht vor dem Kinde«. Grant Aliens Tendenznovelle »The woman who did« behandelt auch das Problem der freien Liebe und der Mutterschaft. Aber mit diesen Andeutungen ist noch lange nicht alles erschöpft, was die Frage an belletristischen Arbeiten, sowie an Artikeln und Broschüren hervorgerufen hat.

 

Aber das Recht auf ein Ausnahmeschicksal hat nur der, dessen Glück es schafft. Mit anderen Worten der, den es in eine solche Übereinstimmung zwischen den eigenen Lebensbedürfnissen und den umgebenden Lebensverhältnissen versetzt, dass die Kräfte des Individuums so ihre höchstmögliche Entwicklung erreichen.

Und da dies selten der Fall ist, wenn der einzelne sich eine Stellung schafft, die ihn in Kampf mit der Gesellschaft bringt, kann es also nicht ein solches Ausnahmeschicksal sein, auf das der Denkende die Mehrzahl der jetzt unter das Arbeitsjoch gebeugten Frauen hinweisen wird, die ihr Schicksal verbessern wollen. Die unmittelbarste Möglichkeit ist für den Anfang die: die Art und die Bedingungen ihrer Arbeit zu verbessern.

Die Frauen müssen es sich angelegener sein lassen, Arbeitsgebiete zu entdecken oder zu schaffen, auf denen sie etwas von ihrem Frauenwesen, ihrer menschlichen Persönlichkeit ausdrücken können. Es gehört zu den erfreulichen Zeichen der Zeit, dass dies zu geschehen anfängt. So hat z. B. in Dänemark eine ausgezeichnete Mathematikerin – gerade von den oben erwähnten Gründen bestimmt – ihre wissenschaftliche Tätigkeit aufgegeben und ist die erste Fabrikinspektorin des Nordens geworden. So hat in Deutschland eine Chemikerin aus denselben Gründen dieselbe Laufbahn gewählt. Eine Juristin widmet sich da ausschliesslich dem Kinderschutz; eine andere – in Frankreich – der Advokatur, um armen Frauen zu helfen. Aber noch gibt es allzu viele Frauen, denen ihre glückliche Lage freie Arbeitswahl ermöglicht und die dessenungeachtet den Beruf gesucht haben, der ihnen das sicherste Einkommen oder die grösste Pension gewähren kann, nicht den freiesten Gebrauch ihrer persönlichen Kräfte!

Aber auch die Möglichkeit der Wahl ist nur den Ausnahmsbegabungen oder den Ausnahmsverhältnissen vorbehalten. Der Mehrzahl der Frauen, die arbeiten müssen oder wollen, fällt es schwer, einen Beruf zu finden, der ihnen wirklich ein Rückgrat gibt, nicht nur einen Blumenstab, um sich daran zu lehnen. Um einen grösseren organischen Zusammenhang zwischen der Frau und ihrer Arbeit zu ermöglichen, wäre nichts notwendiger als eine Unternehmungsvermittelungsanstalt, der man von verschiedenen Orten Verzeichnisse der dort benötigten Arbeiten praktischer oder ideeller Art einschickte, und dann, im Zusammenhang damit, eine neue Art »Hypothekenbank«, aber eine, bei der die Einzeichnungen auf die Tatkraft, die Arbeitsfähigkeit, die Erfindungsgabe der jungen Frauen gemacht würden, eine Bank also, die unter billigen Amortisierungsbedingungen die Kulturdarlehen vorstreckte, die erforderlich wären, damit diese jetzt ungenutzten Hilfsquellen für den Reichtum der Nation eingesetzt werden könnten. Die Glückssumme der unverheirateten Frauen würde steigen, wenn ihr Schaffenstrieb so wenigstens in einer starken und gesunden Tätigkeit ausgelöst würde, durch die sie einigermassen ihr Bedürfnis, Zärtlichkeit zu bezeugen und um sich Behagen und Schönheit hervorzurufen, befriedigen könnten.

Kein »Kulturfond« wäre der Aufmerksamkeit der Donatoren würdiger als ein solcher!

Anmerkung: Als dies 1896 in »Missbrauchte Frauenkraft« von mir gesagt wurde, wurde es als der Wunsch ausgelegt, aus allen jungen Mädchen nur »Kindermädchen« zu machen! Seither hat man jedoch angefangen, die Notwendigkeit der Ausbildung für den Beruf der Kinderpflegerin und die Vorteile der gebildeten Kinderpflegerin einzusehen, ebenso auch die Notwendigkeit einer wirklich zeitgemässen Ausbildung für die Aufgaben des Haushalts. Aber die praktische Arbeit der Frau kann noch viel umfassender werden, und das Bild der werteschaffenden Macht der Frau, das Johan Bojer in »Mutter Lea« entworfen, braucht kein unerreichbares Ideal zu bleiben. Nicht der in unserer Zeit immer häufigere landwirtschaftliche Grossbetrieb, aber der Kleinbetrieb – in Verbindung mit Gärten, Hühnerhöfen, Meiereien, Konservefabriken – könnte in den Händen tüchtiger Frauen die grösste Bedeutung erlangen. Und einige erfreuliche Ansätze in dieser Richtung fordern zur Nachahmung auf. Landhäuser wie Güter stehen in Menge leer und bieten die Möglichkeit zu solchen Unternehmungen, sowie dazu, auf dem Lande stille, geschmackvolle, billige Ruhe- und Sommerheime einzurichten im Gegensatz zu den teuren, stillosen Touristenhotels. Gebildete Frauen sollten auch in den Städten Hotels gründen, wie die gemütlichen Hospize in Berlin, Christiania u. a. mit bis in die kleinste Einzelheit festen Preisen und Trinkgeldverbot. Ein drittes Gebiet wären kooperative und künstlerische Bekleidungs- und Wohnungsausschmückungsgeschäfte, verbunden mit einem Architektenbureau und einer Auskunftei für Geschmacksfragen. Ein viertes wäre die Errichtung angenehmer und guter abstinenter Speisehäuser: in der Schweiz sind die Frauen in Begriff, dieses ganze Gebiet zu reformieren. Ferner eine Organisation des Lebensmittelverkaufs, um dem Emporschrauben der Lebenskosten durch die Zwischenhändler zu entgehen. Auf einigen anderen, jetzt halb philanthropischen Gebieten müsste die Tätigkeit so geordnet werden, dass sie nicht von der Wohltätigkeit unterstützt zu werden brauchte, z. B. die Organisation der Arbeiterwohnungen in den Städten und deren Vororten. Dann kommen all die Unternehmungen, die bis auf weiteres durch eigenes Vermögen oder die Hilfe anderer bestritten werden mussten: Lesesäle, Kindergärten, Vorlesungsabende u. dgl., was man im ganzen Lande braucht.

Augenblicklich wäre vielleicht kein Unternehmen wichtiger, als ein weibliches »Heimhilfekorps« zu organisieren, mit garantierter Ausbildung, in einem Fachverein mit bestimmten Lohnbedingungen zusammengeschlossen (die am Tage und am Abend verschieden wären); mit einer praktischen, schmucken Arbeitsuniform und im übrigen mit der ganzen Organisation, die – für die Arbeitgeber wie für die Arbeiterinnen – eine glückliche Lösung der mit jedem Tage unleidlicher werdenden Dienstbotenfrage ermöglichen würde.

Überhaupt wäre es auch aus dem Gesichtspunkt der Mutterschaft wünschenswert, wenn die Fachausbildung der Frau der oberen Klassen sich mehr auf die verschiedenen Zweige der praktischen Arbeit richten würde. Denn das Abnehmen der körperlichen Arbeit – die durch den Sport nicht ersetzt werden kann – hat zum grossen Teile die vermehrten Leiden hervorgerufen, die die Mutterschaft der modernen Frau bereitet.

Für alle die Frauen hingegen, die gezwungen sind, bei ihrer Lohnarbeit auszuharren, gilt es wenigstens, so weit in die soziale Frage einzudringen, als notwendig ist, um die Pflicht der Solidarität und die Notwendigkeit der Organisation einzusehen, wenn sie die erhöhten Löhne, die kürzere Arbeitszeit, die Sommerruhe, überhaupt die besseren Bedingungen erlangen wollen, die sie erlangen müssen, um ihre geistige und körperliche Lebenskraft halbwegs zu bewahren und damit das Mass von Lebensfreude, das jeder besitzen kann. Die erste Voraussetzung dafür ist, dass die Familientöchter aufhören, Arbeit unter Lohnbedingungen anzunehmen, von denen eine sich selbst versorgende Frau nicht leben kann, und dass überhaupt die Frauen aufhören, sich für besonders verdienstvoll zu halten, nur weil sie arbeiten – unbekümmert um den Schaden für das grosse Ganze, den ihre Arbeit unter dem Preise zur Folge hat.

Aber diese arbeitenden Frauen brauchen nicht nur den Willen zur Erhöhung ihres eigenen Lebens, sondern vor allem ein regeres Gefühl für die Organisation des Ganzen. Ihre persönlichen Forderungen an Bildung, Ruhe, Schönheit, Liebe, Mutterschaft müssen in Zusammenhang mit denen aller gebracht werden, so dass sie auch anfangen, für andere das zu fordern, was sie für sich selbst wünschen. Anstatt durch missglückte Lebensversuche ihr eigenes Dasein zu verringern, sollten sie andere Frauenseelen mit ihren Träumen von einem schöneren erfüllen. Und um dies zu können, müssen sie sich immer empfänglich und tätig erhalten, nach allen Seiten gebend und empfangend.

So schwillt aus unzähligen kleinen Bächlein der Strom der Willen, der einmal die alten Grenzen zwischen der Macht, zu wünschen, und dem Zwange, zu entsagen, verschieben wird. So wird die liebesberaubte Frau ihr eigenes kleines Geschick in dem Schicksal der vielen vergessen können und trotz eigener Lebenshemmungen empfinden, dass sie lebt – weil sie die Schläge des Herzens der Menschheit in ihrem eigenen fühlen und dadurch, dass sie ihr eigenes Herz erweitert, das der Menschheit vergrössern wird.

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