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Über Liebe und Ehe

Ellen Key: Über Liebe und Ehe - Kapitel 6
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authorEllen Key
titleÜber Liebe und Ehe
publisherS. Fischer Verlag
printrunSechzehnte Auflage (31.?32. Tausend)
year1914
translatorFrancis Maro
correctorreuters@abc.de
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Die Auswahl der Liebe

Die Freiheit der Liebe, neue Wesen zu schaffen, muss nach unten zu begrenzt werden, indem man diese Freiheit nur denen zuerkennt, die das Alter der Geschlechtsreife erreicht haben. Aber sie muss auch nach oben begrenzt werden, weil der grosse Altersunterschied zwischen einem Vater und einer Mutter – oder das hohe Alter eines der beiden Teile – schlechte Bedingungen für die Gesundheit, die Kraft und die Erziehung der Kinder bietet. Und da, wie schon oben angeführt worden ist, das gesetzliche Heiratsalter beider Geschlechter auf 21 Jahre festgesetzt werden muss, ist ein Altersunterschied von 25 Jahren der höchste, den das Gesetz zulassen sollte.

Niemand, der den Sinn des Lebens in dessen Steigerung zu immer höheren Formen sieht, diskutiert heute noch über die sonnenklare Pflicht, schwere Krankheiten, von deren Erblichkeit die Wissenschaft schon überzeugt ist, nicht fortzupflanzen. Aber da diese Überzeugung nur in wenigen Fällen eingetreten ist, wären gesetzliche Hindernisse für die vielen ungewissen Fälle nicht nur eine – vielleicht sinnlose – Lebenshemmung für das Individuum, sondern auch eine ungünstige Voraussetzung für fortgesetzte Forschung auf dem wichtigsten Gebiete der Biologie.

Was schon jetzt verordnet werden soll, ist, dass jeder Teil vor der Eheschliessung volle Einsicht in deren eventuelle Gefahren erlange, aber dass die Wahl dann dem eigenen Verantwortlichkeitsgefühl überlassen bleibe. Denn niemand kann – wenigstens heute noch nicht – verlangen, dass der einzelne sein Glück umstrittenen Möglichkeiten opfere. Aber im Interesse des einzelnen sowie in dem der Menschheit kann man hingegen verlangen, dass niemand seine Liebeswahl unwissend treffe. Und je mehr das Gefühl vom Zusammenhang des Menschengeschlechtes unter dem Einfluss des Evolutionismus seiner Renaissance entgegengeht, desto natürlicher wird man alle Massregeln finden, die diese Wahl zum Vorteil der neuen Generation sichern wollen. Schon jetzt hält man es für ganz natürlich, dass eine ärztliche Untersuchung einer Lebensversicherung vorangehen muss. In Zukunft dürfte es ebenso selbstverständlich sein, dass die Frau bei dem weiblichen, der Mann bei dem männlichen Arzte sich vor der Heirat versichern, ob sie ihre geschlechtliche Aufgabe gut erfüllen können. Und es handelt sich hier nicht nur um die Versicherung der neuen Leben, sondern auch um die Gewissheit für die Eheschliessenden selbst, nicht etwa, ohne es zu wissen, organische Fehler zu besitzen, die zuweilen die Ehe unmöglich machen können, in anderen Fällen leicht zu beheben sind, aber wo in beiden die Unwissenheit zwecklose Leiden verursacht.

In den meisten Fällen wird es die Besorgnis sein, selbst Krankheiten zu erwerben, oder sie auf den anderen Teil oder die Kinder zu übertragen, die der Arzt bestätigen oder zerstreuen wird.

Es steht ausser aller Frage, dass teils die gesunde Selbstsucht, die das eigene Ich bewahren will, teils die zunehmende Wertschätzung einer guten Nachkommenschaft dann so manche ungeeignete Eheschliessung verhindern wird. In anderen Fällen dürfte die Liebe über diese Rücksichten, soweit sie die Gatten selbst betreffen, siegen, aber diese werden dann auf die Elternschaft verzichten. In den Fällen hingegen, in denen das Gesetz die Heirat bestimmt untersagen würde, kann man die Kranken natürlich nicht hindern, sich ausserhalb der Ehe fortzupflanzen. Aber das gleiche gilt ja von allen Gesetzen: die Besten brauchen sie nicht, die Schlechtesten befolgen sie nicht, aber die Rechtsbegriffe der Mehrzahl werden durch sie erzogen.

Nur die in den Gesetzen der seelischen Umwandlung Unbewanderten zweifeln an der Möglichkeit, dass das Liebesgefühl und das Gefühl für die Gattung gleichzeitig gesteigert werden können. Jahrhundert für Jahrhundert hat das Liebesgefühl sich entwickelt, während die Menschen es gleichzeitig religiösen Vorurteilen, oberflächlichen Pflichtbegriffen, tyrannischen Elternwillen, leeren Formen geopfert haben! Jetzt, wo ihr Opfer dem höchstmöglichen Wert gilt – grossen Fortschritten von Krankheit zu Gesundheit, der Veredlung des Menschenmaterials selbst – gerade jetzt sollten sich die Menschen unfähig zu diesen Opfern zeigen, weil die Macht der Liebe sich inzwischen gesteigert hat!

Gerade durch die Grösse ihres Gefühls für einander werden zwei Gatten die Kinderlosigkeit ertragen können, falls sie – in dem Bewusstsein, dass keiner von ihnen der Menschheit so einen bedeutungsvollen Wert entzieht – ihre Verbindung mit dem Entschlüsse eingehen, nicht Eltern zu werden. Durch eben diese Grösse der Liebe kann der Teil, auf dessen Seite die Gefahr ist, die Stärke erlangen, sein eigenes Glück zu opfern, damit der andere ein für ihn selbst und die Menschheit bedeutungsvolleres Glück mit einem anderen Wesen erringe. Solche Opfer werden schon jetzt häufiger gebracht, als man glaubt.

Anmerkung: Im Anhang zum »Jahrhundert des Kindes« sind eine Menge Arbeiten – von Darwin, Galton, Haycraft, Ribot, Gjellerup u. a. – über die Vererbungsfrage angegeben. In Rede und Schrift ist der norwegische Arzt Dr. Dedicken lange ein Vorkämpfer für die Forderung eines ärztlichen Zeugnisses bei der Verheiratung gewesen, und auch der deutsche Arzt Alsberg verlangte (beim Arztekongress in Kassel) ein Gesetz, das ein Gesundheitszeugnis als Bedingung für die Ehe forderte. Unter den Beispielen für die Rücksicht auf die Nachkommenschaft erwähnt der schwedische Professor Ribbing in einer Broschüre »Wen darf man heiraten?«, dass in der Stadt Tenna in der Schweiz alle jungen Mädchen, die den sogenannten Bluterfamilien angehörten, einen Bund schlössen, der sie verpflichtete, nicht zu heiraten, um so diese furchtbare Krankheit auszurotten. Jeder dürfte einzelne Beispiele ähnlichen Mutes kennen. Ein einziges mag angeführt werden: ein neunzehnjähriges Mädchen erfuhr von dem Manne, den sie liebte, dass er sich die Möglichkeit einer gesunden Nachkommenschaft verscherzt hatte. Und sie hatte die Stärke, sich von ihm zu trennen, obgleich ihre Liebe so tief war, dass sie ihr seither jede andere Verbindung unmöglich gemacht hat. In der europäischen Belletristik soll – ausser Zola – W. Jordan (»Die Sebalds«, »Zwei Wiegen«) das Problem behandelt haben, ebenso André Couvreur in »La Graine« und einige englische Schriftstellerinnen: E. Robin in »The open question«; Mona Cairn: »Morality of Marriage«, Linn Lynton u. A. Ein neuer Beitrag ist Professor Combes Buch: »Die Nervosität des Kindes«.

Und es liegt in den Voraussetzungen des Lebens – in der Einheit zwischen Seele und Körper – dass der Kranke die Werte umwertet, die die Liebe für den Gesunden hat, und sich neue, nur ihm zugängliche Glücksgefühle schafft.

Aber vor allem wird die Vertiefung des Liebesinstinkts durch das Gefühl für die Gattung die Artveredlung sichern, ohne das Opfer des Glücks des einzelnen zu erfordern.

Als die lutherische Kirche den Kampf um die Ehefreiheit zwischen nahen Verwandten verlor, da bedeutete dies eine beginnende Freiheit für die persönliche Auswahl gegenüber der krassen Sinnlichkeit der lutherischen Ehelehre und der biblischen Buchstabensklaverei, die die Kirche den Menschen auferlegt hatte, lange nachdem der ursprüngliche Rassenveredlungs-Gesichtspunkt der mosaischen Ehegesetze in Vergessenheit geraten war. Auch in Hellas war diese Veredlung eine zielbewusste. Aber dadurch, dass das Christentum immer die Bedeutung des einzelnen betonte, wurde das Gefühl des Individuums für die Gattung geschwächt, ebenso durch die Lehre der vom Himmel den Körpern mitgeteilten und wieder dorthin zurückkehrenden Seelen. Nur durch die Steigerung der Seelenmacht des Menschen, durch Kasteiung seines sündigen Körpers hob das Christentum die Qualität der Gattung. Die Lehre von der Erbsünde war seine einzige – vernünftig-unvernünftige – Betonung des Zusammenhanges mit den Vorvätern. Weil das Christentum die Menschenart als ein für allemal von Gott festgestellt – wenn auch von Adam verpfuscht – ansah, wurde, wie schon früher dargelegt, Wiederherstellung, nicht Neuschöpfung der Grundgedanke des Christentums. Und« gerade in den Bedingungen der Lebenserneuerung sah das Christentum die Wurzel und den Ursprung der Sünde in der Welt. Diese ganze Anschauung musste überwunden werden. Und glücklicherweise hat die Kirche naturnotwendig jeden Kampf gegen die Liebe verloren und wird ihn auch immer verlieren. Aber dabei kommt es, wie gerade bei jener Ehefehde in der Reformationszeit, vor, dass der Fortschritt sich durch einen Abweg von der Hauptlinie der Entwicklung, der Artveredlung, vollzieht. Jetzt lehren viele Zeichen, dass die Liebe und das Gefühl für die Gattung sich einander zu nähern beginnen.

Jedesmal, wenn das abstrakte logische Denken dem lebendigen Leben sein Entweder – Oder entgegenstellt, bringt dieses seinen stolzen Willen zur Geltung, sich nicht von Definitionen ein engen oder von Schlussfolgerungen bestimmen zu lassen. Leben ist Bewegung, Bewegung bedeutet Veränderlichkeit, Umwandlung, mit anderen Worten Entwicklung in auf- wie in absteigender Richtung. Nie wird die aufwärtssteigende Kurve eine schärfere Erhöhung erhalten, als wenn der Wille, neue Leben zu schaffen, von der Auswahl der persönlichen Liebe, aber diese Auswahl wieder von einem klarblickend gewordenen Artveredlungsinstinkt geleitet wird!

Dass die Wahl der persönlichen Liebe noch oft teils diesen Instinkt vermissen lässt, teils ihn kränkt, beweist nicht, dass sie ihn immer entbehren und verletzen wird. Die Liebesauswahl ist schon in gewissen Fällen – wie in Bezug auf nahe Blutsverwandtschaft, verschiedene Rassen und gewisse Krankheiten – Instinkt geworden, nachdem Gesetz und Sitte die Auswahl so lange beeinflusst haben, dass diese ihrerseits Gefühl und Instinkt beeinflussen konnte. Nunmehr brauchen Bruder und Schwester – wenn sie ihre Verwandtschaft kennen – selten ein gegenseitig aufeinander gerichtetes erotisches Gefühl zu bekämpfen, weil ein solches gar nicht entsteht. Kein Verbot, nur alle Impulse des Blutes hindern die Amerikanerin, einen Neger oder Chinesen zu heiraten. Die Frau; von der es bekannt ist, dass sie die Fallsucht hat, wird von der Ehe weniger durch das in diesem Falle leicht zu umgehende Gesetz ausgeschlossen, als dadurch, dass kein Mann sie zu seinem Weibe begehrt. Andererseits weiss man, dass unter Verhältnissen, die die Ausbildung des menschlichen Körpers zu Schönheit und Stärke begünstigt haben, diese auch in hohem Grade Einfluss auf die erotische Wahl der Geschlechter ausübten, soweit sie zugleich wirkliche Wahlfreiheit besassen. Das Erbrecht, das ermöglicht, dass die Entarteten leicht Ehen schliessen, und auf der anderen Seite das Bedürfnis der Frauen nach einer Versorgung, hat den Instinkt der letzteren in dieser Richtung verfälscht. Die herrschenden Sitten und Sittlichkeitsbegriffe haben den künftigen Müttern in der Regel ihre volle Wahlfreiheit geraubt und so die Bedeutung der wählenden Frauenliebe für die geistige und körperliche Veredlung der Gattung zum grossen Teile neutralisiert. Dazu kommt noch, dass die Brüderlichkeitslehre des Christentums, die Gleichheitslehre der Aufklärungszeit, die Übertragung der ökonomischen Macht auf den dritten Stand – mit einem Worte die ganze Demokratisierung der Gesellschaft – die Gesetze und Sitten niedergerissen hat, die eine Blutvermischung verschiedener Stände und Rassen hinderten. Dies hat freilich die Auswahl der persönlichen Liebe begünstigt, aber auch, in höherem Grade als zuvor, die Auswahl aus dem Gesichtspunkte des Geldes. Bei den früheren, von den Verwandten gestifteten Eheschliessungen wurden viele andere Vorteile, ausser den ökonomischen, in Betracht gezogen. Aber auch in diesem Fall, sowie bei der Verwandtenehe, war es immer weniger die klarblickende Besorgnis, edles Blut zu bewahren, und immer mehr der leere Geburtsdünkel, das beschränkte Rassenvorurteil, das die Ehehindernisse auftürmte. Es war also notwendig, dass die Auswahl der Liebe auch diese Hindernisse besiegte, die ausserdem, auch aus dem Gesichtspunkt der Artveredlung, oft von zweifelhaftem Werte waren. Aber um so mehr muss man die ehestiftende Macht des Geldes beklagen, vor allem, wenn sie sich auf Kosten der Neigung geltend macht, die die Liebe trotz allem zeigt, am liebsten ihre Wahl unter Gleichen zu treffen, eine Neigung, die – ausser allen anderen leicht erklärlichen Ursachen – auch einen durch Generationen entwickelten Instinkt einschliessen dürfte, der für die Bewahrung der besten Eigenart eines Standes, einer Rasse Bedeutung hat.

Seit das Christentum und die von ihm beeinflusste Kultur die Naturbestimmung der Liebe schamhaft verhüllt und durch ihren Transzendentalismus verdeckt hat, fingen auch die Menschen an, sich der Selbstbeobachtungen und Selbstbekenntnisse auf diesem Gebiete zu schämen. Wir müssen wieder die Geschlechtsgeschichte pflegen, aber nicht nur jene, die mit grossen Jahreszahlen für Geburt, Verheiratung und Tod – in die alten Familienbibeln – geschrieben wurde, sondern eine, die auch die Umstände einbezieht, welche Geburt und Tod bestimmt haben. Man muss von neuem anfangen, Horoskope zu stellen, aber weniger nach Zeichen am Himmel – obgleich diese vielleicht etwas von ihrer früheren Bedeutung wiedererlangen werden – als nach solchen auf Erden, und nicht nur nach Zeichen bei der Geburt, sondern lange vor derselben. So wie die Alchymie Chemie, die Astrologie Astronomie wurde, dürfte eine solche Zeichendeutung das vorbereiten, was man – in Erwartung eines Wortes mit tieferer Ausdehnung als Galtons Eugenies und Haeckels Ontogenie – Erotoplastik nennen könnte: die Lehre von der Liebe als bewusst formender Kunst, anstatt des blinden Geschlechtstriebes. Es wäre von unendlich grösserer Bedeutung für die Menschheit, wenn die vielen Frauen, die ihre Erlebnisse in halb ehrliche und ganz unkünstlerische Dichtungen umsetzen, zu Nutz und Frommen der Wissenschaft ganz wahre Geschlechtschroniken und ganz ehrliche Selbstbekenntnisse niederschrieben.

Schon jetzt ist es ganz ausgemacht, dass die Sitten und Denkweisen, die Kunst- und Gefühlsrichtungen, die das Milieu der Liebe bilden, unbewusst auf ihre der Rasse nützliche Auswahl einwirken. Dies lässt es auch möglich erscheinen, dass eine solche Einwirkung bewusst werden kann, wenn man einmal Klarheit erlangt hat, in welcher Richtung sie sich bewegen soll; welches die geistigen und körperlichen Eigenschaften sind, die man auszurotten oder zu steigern wünscht; und durch welche Mittel die Eigenschaften der neuen Generation in der Wahl der Eltern liegen. Aber vor allem werden die Rücksichten auf die Gattung mittelbar in derselben Richtung wirken, so dass die Liebe immer seltener unter Bedingungen, die der neuen Generation ungünstig sind, entsteht. Der Mensch hat kein logisch denkendes Innere: les entrailles ne raisonnent pas, elles ne sont pas faites pour ça (George Sand). Aber unser Wesen wird allmählich unbewusst durch wechselseitige Einflüsse umgestaltet: der Körper durch die Seele, die Seele durch den Körper; die Begierden durch die Gedanken, die Gedanken durch die Begierden. Gewiss wird die Auswahl der Liebe – die gerade dieses einzige Wesen unter vielen anderen, die ebenso viel oder mehr wert sind, erwählt – ein Mysterium bleiben. Aber die einzelnen und allgemeinen Eigenschaften, die überhaupt anziehend wirken, werden immer besser begriffen, von beiden Geschlechtern immer mehr erstrebt werden und bei der Auswahl immer bestimmender sein. Andrerseits wird der geschlechtlich Ausschweifende, der Alkoholiker, der in der einen oder anderen Richtung erblich Belastete immer weniger Liebe einflössen.

Man hat schon in früheren Zeiten gesehen, dass eine Verschiebung der Motive, eine Teilung der Triebkräfte in irgend einer bestimmten Epoche den Charakter der Liebe geändert hat. So vermochte, wie schon dargelegt, der Einfluss des Zeitgeistes in der Ritterzeit und später wieder in der Epoche der Aufklärung die Liebe sowohl von der Ehe, wie von der Geschlechtsaufgabe zu trennen. Nach denselben psychischen Verläufen kann ein neuer – von der Entwicklungshoffnung erfüllter, vom Lebensglauben bestimmter – Zeitgeist diesen Zusammenhang inniger denn je wiederherstellen. Dann werden neue Dichter die Andacht ausdrücken, die den tragenden Schoss und die Seele bei der vereinigten Auswahl der persönlichen Liebe und des Geschlechts-Gefühls erfüllen, die allein die Gewissheit gibt, dass

I am for you, and you are for me,
Not only for our own sake, but for others sakes,
Envelop'd in you sleep greater heroes and bards,
They refuse to awake at the touch of any man but me.

Anmerkung: Walt Whitman: »Children of Adam« (man sehe Leaves of Grass).

Religion, Poesie, Kunst und Gesellschaftssitte haben zusammengewirkt, das Geschlechtsgefühl zur Liebe zu erheben. Sie fangen nun an wieder zusammenzuwirken, das Geschlechtsgefühl in der Liebe bewusst zu machen. Die Altäre, die die Vergangenheit den Gottheiten der Zeugung errichtet hat, müssen wieder aufgebaut werden. Aber nicht, damit sich die Menschen zu orgiastischem Taumel in dem Brand roter Sonnenuntergänge um sie versammeln, sondern im goldenen Morgenlicht zu freudigen Schaffenstagen.

Das Stammesgefühl, die Verehrung der Vorväter, der Stolz auf reines Blut werden in einem neuen Sinne ihre bestimmende Macht über Gefühle und Handlungen wiedererlangen.

So – nicht aber durch die abstrakten Staatsbürger- und Pflichtbegriffe der idealistischen Philosophie, ebensowenig durch spartanisch-evolutionistische Züchtungsgesetze – wird die Freiheit der Liebe begrenzt werden.

Freiheit für die Auswahl der Liebe unter Bedingungen, die der Gattung günstig sind; Begrenzung, nicht der Freiheit der Liebe, wohl aber der Freiheit des Kinderzeugens unter Bedingungen, die der Gattung ungünstig sind – dies ist die Lebenslinie.

Die Liebe hat, wie jedes andere Gefühl, ihre Ebbe und Flut. Sie hat folglich nicht einmal in den grössten Seelen immer dieselbe Höhenlage. Aber je grösser die Seele ist, die von der erotischen Gefühlswelle überströmt ist, desto gewisser erbebt diese Welle bei ihrer höchsten Erhebung in Ewigkeitssehnsucht. Das Kind ist die einzige sichere Lösung dieser Sehnsucht.

Das bedeutet nicht, dass die Liebenden im Augenblicke der Hingerissenheit ihr Bewusstsein zwischen der Gegenwart und der Zukunft teilen, zwischen der eigenen Seligkeit und dem möglichen Kinde. So plump funktioniert das Seelenleben nicht. Aber die bewussten Seelenzustände werden von – augenblicklich in Unbewusstheit versunkenen – Gefühlen bestimmt; und Motive, die in der Stunde der Erfüllung vergessen sind, sind darum nicht weniger entscheidend gewesen. Der Sportsmann erinnert sich im Augenblicke des Sieges nicht an das Training, das dem Wettkampf vorausgegangen ist, aber es hat diesen Augenblick trotzdem bestimmt. Der Künstler gedenkt in der Stunde des Schaffens nicht der Mühen der Lehrjahre, aber sie bestimmen nichtsdestoweniger die Vollkommenheit der Schöpfung. Der Artveredlungswille muss den Liebenden nicht bewusst sein, wenn sie einer durch den anderen Zeit und Dasein vergessen, aber ohne die Gefühle, die bewusst oder unbewusst von diesem Willen beeinflusst wurden, wären sie nicht in dem Glücksrausch der Seele und der Sinne vereint.

Jenen, welche die Hoffnung, dass die Auswahl der Liebe sich immer mehr in der Richtung des Vorteils für die Gattung bewegen wird, eine Gedankenlosigkeit nennen; ja, die in dieser Möglichkeit die Erniedrigung der Liebe zu einem Züchtunginstitut sehen, dürften ebenso grosse Gebiete menschlichen Seelenlebens und menschlicher Entwicklung verborgen sein, wie denen, welche die Religionen ein Werk der Priesterlist nannten!

 

Immer mehr junge Männer sind sich heut voll bewusst, dass der Gedanke an das Kind bei der Wahl ihrer Liebe Einfluss gehabt hat; immer mehr Frauen bekennen, dass ihre Sehnsucht nach einem Kinde niemals stärker war, als in der Umarmung des Mannes, in die eine grosse Liebe sie geführt hat. Immer häufiger spähen Mütter in den Gesichtern und Seelen ihrer Kinder nach einem Zeugnis ihrer Liebe. In einem Lande, wo das Weib sich nicht schämt, durch das Glück beglückt zu werden, sagte die Mutter von drei der allerschönsten Kinder: »Die Seligkeiten unserer Liebkosungen sind in unseren Kindern sichtbar geworden, in den edlen Linien ihrer Lippen, ihren feingeschnittenen Nasenflügeln, ihren schamhaften Augenlidern.« Immer häufiger schliesslich hört man die unverheiratete Frau die hungernde Muttersehnsucht eingestehen, die sie vor einigen Jahrzehnten wie eine Schmach verbarg.

Jede wache Seele begreift, dass das Zeitbewusstsein mit neuer Innigkeit die Geschlechtsaufgabe umfasst, obgleich es Jahrhunderte dauern wird, bis man zu beweisen vermag, was die freie Auswahl der Liebe für die Entstehung von Wesen bedeutet hat, die über das Mass der jetzigen Menschheit hinausragen.

Auch die Bekenner des Lebensglaubens richten noch Warnungen gegen die persönlich auswählende, alle anderen ausschliessende, andere frühere Bande lösende Liebe. Evolutionisten erkennen so, dass dieses Gefühl allerdings dem einzelnen die höchstmögliche Kraftentwicklung, die reichste Fülle des Lebens gibt und dass dies mittelbar und mannigfach dem Ganzen zu gute kommt. Aber sie betonen zugleich, dass die Liebe oft selbst diese gesteigerten Kräfte verbraucht; dass sie darum nur eine kurze Zeit des Menschenlebens in Anspruch nehmen soll und ihr keine entscheidende Bedeutung für dessen Gestaltung zugesprochen werden darf, weil dies auf Kosten des neuen Geschlechtes geschehen würde. Besonders wenden sie gegen die Liebe ein, dass so wie das Klosterleben und das Zölibat der Priester im Mittelalter und noch immer der Menschheit das Erbe vortrefflicher Eigenschaften entziehen – da oft die am reichsten Begabten die Ruhe des Klosters oder den Beruf des Priesters erwählen – auch jetzt viele der Besten durch den Traum oder den Verlust des grossen Liebesglückes von der Ehe abgehalten werden.

Und schliesslich hat man aus dem Gesichtspunkt der evolutionären Ethik nicht nur den alle anderen ausschliessenden Willen der grossen Liebe, sondern auch die monogamische Ehe angegriffen.

Anmerkung: »Die angeborenen Anlagen bei einem Kinde«, schreibt Professor Ehrenfels in einem Briefe, »sind für die Menschheit wichtiger als seine Erziehung. Für diese letztere – sowie für das Glück der Eltern selbst – ist die Liebesharmonie der Gatten wichtig. Für die Anlagen hingegen ist es von höchster Bedeutung, dass beide Eltern physisch und psychisch gut ausgerüstet sind, denn selbst wenn sie einander verabscheuen sollten, erhält das Kind dessenungeachtet gute Anlagen, obgleich natürlich die Erziehung durch uneinige Eltern dann den Anlagen entgegenwirkt. Vielleicht wird es als bedeutungsvoll für die Anlagen bewiesen werden können, dass das Kind in leidenschaftlicher Liebe gezeugt wurde. Wahrscheinlich ist es, dass die individuelle Liebe – die »ich schon bei den Tieren zeigt – irgend einen unergründeten Vorteil birgt, da sie, obgleich ein Hindernis für die Fortpflanzung, doch im Kampfe ums Dasein entstehen und sich erhalten konnte – was nicht möglich gewesen wäre, wenn der Vorteil nicht den Nachteil übertreffen würde. Aber was man schon jetzt weiss, ist: dass die Entwicklung der Menschheit davon abhängt, dass die psychophysisch gesündesten, stärksten und höchst begabten sich weiter fortpflanzen, während hingegen die schlecht ausgerüsteten – durch Auslese, eigenen freien Willen und Gesetz – immer mehr von der Fortpflanzung ausgeschlossen werden. Aber da der Prozentsatz der für die Fortpflanzung ungeeigneten Männer noch viel grösser ist als bei den Frauen, und es auch noch lange verbleiben wird, verlangt sowohl die Vermehrung der Menschheit der Anzahl nach sowie ihre Wertsteigerung, dass – während einer jetzt der Dauer nach nicht bestimmbaren Übergangsperiode – die monogamische Ehe nicht als höchste sittliche Form des Geschlechtsverhältnisses aufrechterhalten werde. Für die persönlichen Wünsche der Frau wird die Monogamie immer das Ideal sein, weil sie in dieser Form ihr Leben als Geschlechtswesen voll ausleben kann. Aber dasselbe ist nicht beim Manne der Fall. Dieser ist von der Natur geschaffen, mit seinesgleichen nicht um eine einzige, sondern um mehrere Frauen zu kämpfen. Und für die Entwicklung der Menschheit ist es wichtig, dass die Frau einzusehen beginnt, dass eine Niedrigkeit darin liegt, sich in der monogamischen Ehe mit einem aus dem Gesichtspunkt der Nachkommenschaft schlechten Manne zu begnügen, sowie dass es selbstsüchtig ist, durch die monogamische Ehe einen aus diesem Gesichtspunkt vortrefflichen Mann für sich allein zu behalten. In beiden Fällen wird der Menschheit ihr Recht auf das beste Blut geraubt. Nur mit einem mittelmässigen Manne ist die Monogamie sittlich. Der vortreffliche Mann verfehlt seine Bestimmung als Geschlechtswesen, wenn er nur eine Frau zur Mutter macht, wie gut und schön diese eine Frau auch sein mag. Ein solcher Mann gehört vielen Frauen, unter der Voraussetzung, dass er sie zu Müttern des kommenden Geschlechtes macht. Man wird möglicherweise einmal beweisen, dass die Gatten, die einander lieben, bessere Kinder haben, als die, welche sich nicht lieben. Aber man wird nicht beweisen können, dass die Männer und Frauen, die für die Monogamie taugen, darum die besten Kinder haben. Dies würde nämlich zeigen, dass die Liebe zwischen einem Manne und einer Frau nur dann echt wäre, wenn sie sie zur Monogamie bestimmt. Aber dieser Satz widerstreitet bis auf weiteres aller Erfahrung.« Der hier angeführte Brief von Professor Ehrenfels war an mich als eine allzu rücksichtslose Verkünderin der Einheit der Liebe gerichtet; und zur Vervollständigung dessen, was mein eigener Standpunkt an Einseitigkeit haben mag, habe ich seine Anschauung der Frage dargelegt. Mit Hinblick auf die Art, wie die Diskussion über diese Themen geführt wird, mag erwähnt werden, dass Professor Ehrenfels nicht nur ein bekannter Gelehrter, sondern auch glücklich verheiratet und Familienvater ist, und dass es folglich keine persönlichen Argumente sind, die er vorbringt.

Dieser rein wissenschaftliche Gedankengang hat noch nicht bewusst an dem Teil, was man die Äusserungen der neuen Unsittlichkeit nennt, um so weniger, als der wissenschaftliche Gedankengang stark betont, dass – wenn die Menschheit dahin kommen sollte, die monogamische Ehe aufzugeben, die so unerhörte Vorteile gebracht hat – dies zielbewusst geschehen müsste, um der Entwicklung des ganzen Menschengeschlechtes zu dienen, nicht einzelnen Leidenschaften. Aber wenn dieser evolutionistische Gedankengang recht behält, dann wird er die Auffassung, die die Gesellschaft von der Wahlfreiheit der Liebe hat, sowohl in dem Sinne einer Erweiterung wie in dem einer Begrenzung umwandeln. Viel von dem, was man jetzt die neue Unsittlichkeit nennt, dürfte dann als die unbewusste Selbstverteidigung der Menschheit gegen eine durch Gesellschaftssitten und Gesellschaftsordnung aufgezwungene Verschlechterung erscheinen, während andere Ausdrucksformen der Unsittlichkeit wie der Sittlichkeit von heute unbedingt verworfen werden dürften.

 

Gegen die Zukunftsforderungen des Evolutionismus erhebt sich jedoch die Überzeugung, dass die grosse Schöpfung der Kultur, die persönliche Liebe, nicht aus dem Dasein verschwinden wird. Und damit ist die Gefahr der Polygamie beseitigt.

Es muss also auch weiter die Auswahl der Liebe sein, die solche so zu sagen »ethische Ehebrüche« veranlassen wird, aber eine vom Artveredlungsgesichtspunkt beeinflusste Liebe. Noch hat man kaum angefangen, die Forderungen der Evolution nach dieser Richtung einzusehen, noch weniger konnten sie schon umbildend auf die sittliche Anschauung wirken, die vielleicht auf diesem Gebiete einmal Platos Satz zur Anwendung bringen wird: dass das Nützliche das Passende ist, das Schädliche das Schmachvolle. Wo gute Gründe dafür sprechen, die Ehe nach aussen hin nicht zu lösen, z. B. der Wunsch, einem Manne oder einer Frau auch fernerhin Krankenpflege angedeihen zu lassen, oder ihnen die geistige Hilfe zu bringen, deren sie bedürfen, dürfte man vielleicht in Zukunft das Recht anerkennen, das schon jetzt einzelne Frauen und Männer sich selbst zugesprochen haben, das Recht, durch eine andere Frau Vater, durch einen anderen Mann Mutter zu werden, wenn sie selbst die besten Elternmöglichkeiten besitzen, aber des Elternglücks beraubt sind, weil dem Gatten oder der Gattin diese Möglichkeiten fehlen.

Anmerkung: Helene Böhlau hat in einer Novelle »Muttersehnsucht« (Sommerbuch) ein solches Problem behandelt. Der Ausspruch, dass ein Ehebruch aus dem Gesichtspunkt der Geschlechtsveredlung als ethisch angesehen werden könne, muss mit den Ausführungen in dem Aufsatze »Freie Scheidung« zusammengestellt werden, wo darauf hingewiesen wird, dass solche Fälle Ausnahmen bleiben müssen, während die Entwicklungslinie die ist, dass die Scheidung frei wird.

Schon jetzt fängt man ja an, die seelische Berechtigung der sich häufig wiederholenden Erfahrung einzusehen, dass ein Mann – zuweilen auch eine Frau – in verschiedener Weise gleichzeitig mehr als einem angehören kann, weil ihnen die grosse, einheitliche, ihr ganzes Wesen für immer ausfüllende Liebe nicht beschieden ward. Schon jetzt werden solche Konflikte zuweilen – es gibt europäisch bekannte Beispiele dafür – auf eine neue Weise gelöst. Nicht so wie Luther ihn für Philipp von Hessen löste, der die Frau behielt, die ihm gerade ein neuntes Kind gebar, während er sich insgeheim mit einer neuen vermählte! Sondern so, wie Goethe zuerst beabsichtigte, den Knoten in Stella zu lösen: dass die Frau ohne offenen Bruch zurücktritt; dass die Zuneigung, die Macht der Erinnerungen, die sie und den Mann verbindet, noch immer ein zeitweiliges freundschaftliches Zusammensein unter gemeinsamen Sorgen für ihre Kinder ermöglicht, obgleich der Mann einen neuen Ehebund mit einem anderen Weibe geschlossen hat; oder so wie der Konflikt anfangs des 19. Jahrhunderts von zwei schwedischen Edelleuten gelöst wurde: dass der Mann, von dem die Frau sich scheiden liess, um seinen Freund zu heiraten, täglicher Gast im neuen Heim war. Die Frau bewahrte die Liebe der beiden Männer und diese ihre Freundschaft bis zum Todestage.

Aus dem Gesichtspunkt der Kinder dürfte eine solche Lösung in Zukunft als wünschenswerter – und achtungswerter – angesehen werden, als sie jetzt erscheint.

 

Die neue geschlechtliche Sittlichkeit – bei der das Licht wie in Correggios Nacht vom Kinde ausstrahlen wird – dürfte jedoch als Ideal des höchsten Glückes und der höchsten Entwicklung der Liebenden wie der Kinder noch immer die einheitliche Liebe aufstellen. Es wurde schon dargelegt, dass die Evolution der Liebe sich in dieser Richtung bewegt. Aber man wird zugleich – und zwar immer, um dem Glück der einzelner wie dem der Menschheit zu dienen – zugeben, dass die Liebe sowohl niederere wie höhere Formen annehmen kann, ohne dass darum die ersteren als unsittlich angesehen werden müssen. Wenn der Artveredlungsgesichtspunkt die ethischen Begriffe der Menschen durchdrungen hat, dann werden diese wohl mit jetzt ungeahnter Stärke als unsittlich bezeichnen:

Jede Elternschaft ohne Liebe.

Jede unverantwortliche Elternschaft.

Jede Elternschaft unreifer oder entarteter Menschen.

Alle freiwillige Unfruchtbarkeit von Ehepaaren, welche für die geschlechtliche Aufgabe geeignet sind.

Und schliesslich:

Alle Äusserungen des Geschlechtslebens, die Gewalt oder Verführung voraussetzen oder die Abneigung oder das Unvermögen, die geschlechtliche Aufgabe gut zu erfüllen, zeigen.

Hingegen wird aber die Gesellschaft mit einer ganz anderen Freiheit als jetzt die Vereinigung der Menschen nicht nur in ihrem besten Alter, sondern auch in ihrem besten Gefühle gestatten; sie wird begreifen, dass die jetzigen Hindernisse ein Unrecht sind, das nicht nur die einzelnen, sondern die Gesellschaft selbst trifft – da das eheliche Unglück nicht nur die höchste Kraftentwicklung vieler Menschen zum besten des Ganzen hemmt, sondern auch der Gesellschaft die Kinder raubt, die aus einem neuen Glück ihr Leben empfangen könnten.

Durch ihre Auffassung der gesellschaftlichen Bedeutung der Auswahl der Liebe wird die neue Sittlichkeit neuschaffend werden.

Dass ein im Handeln neuschaffender Mensch ein gefährliches Vorbild ist, ist ausgemacht. Und man kann z. B. von der Zukunft der Flugkunst ganz überzeugt sein, ohne darum die Gefahren der Versuche zu leugnen oder die Menschen zu Fahrten über Kirchtürme anzuspornen, wenn sie nur ein paar Gänseflügel an den Schultern haben!

Keine durchgreifende Umgestaltung von Gefühlen und Sitten vollzieht sich nach Dogmen und Programmen, am allerwenigsten diese. Aber es gibt keine andere Triebkraft, die schliesslich alle – die Kleinen wie die Grossen, die Schwachen wie die Starken – zu höherer Entwicklung führen wird, als die gesteigerte Wahlfreiheit der persönlichen Liebe, zugleich mit einer immer gesteigerten Sicherheit, dass die Wahl eine der Gattung nützliche sei.

Denn bliebe nicht auch weiter die Liebe die Voraussetzung der Sittlichkeit, die Ursache der Auswahl, so würde die neue Menschheit schon erreichte Errungenschaften allmählich wieder einbüssen. Weder »Züchtungsgesetze« noch »Paarungsfreiheit« könnten die geistigen und körperlichen Hilfsquellen der Menschheit konstitutiv steigern. Das vermag nur die Liebe.

Freilich hat man noch nicht bewiesen, dass die Liebe – unter sonst gleichen Bedingungen – die besten Kinder hervorbringt. Aber man wird es einmal beweisen.

Diese Gewissheit ist bis auf weiteres nur Intuition. Aber das sind alle neuen Wahrheiten im Anfange. Es fehlen jedoch schon jetzt nicht die Möglichkeiten einer indirekten Beweisführung. Vor allem ist zu beachten, dass die Liebe ihren Ursprung nicht im Menschenleben hat, nicht eine Frucht der Kultur ist, sondern sich schon im Tierleben zeigt. Sie kann da zum Tode aus Kummer über den Tod des Ehegatten führen, sowie zu anderen Gefühlsphänomenen des Menschenlebens. Sie kann auch zur Monogamie führen, obgleich im Leben der Tiere wie in dem der Menschen die Monogamie weder eine unbedingte Folge der Liebe noch eine unentbehrliche Voraussetzung der Entwicklung ist. Denn mehrere hochstehende Tierarten sind polygam, andere, tieferstehende hingegen monogam.

Anmerkung: Man sehe – ausser Darwins Arbeiten – z. B. Geddes' und Thomsons »Evolution of Sex«; Sicard: »L'Evolution sexuelle dans l'espèce humaine«; Bölsche: »Liebesleben in der Natur«; v. Hartmann: »Philosophie des Unbewussten«; Letourneau: »Evolution du Mariage«. Geddes sagt u. a., dass die Liebesauswahl sich bei den Tieren so subtil, so entschlossen individuell äussern kann, dass es nur einem Pedanten einfallen könnte, zu leugnen, dass es sich hier um Liebe im menschlichen Sinne des Wortes handelt.

Würde die Liebe nicht irgend einen grossen Vorteil bergen, so könnte sie wohl entstanden sein, nicht sich aber trotz der Hindernisse erhalten haben, die ihre persönliche Auswahl der Arterhaltung in den Weg zu stellen scheint. Der Mensch hat folglich das Gefühl der Liebe schon von seinem tierischen Stammbaum mitgebracht und es dem der Kultur eingepfropft. Und so hat sie sich allmählich zu einer der höchsten Mächte im Menschenleben veredelt und vergrössert. Und wie wäre diese wachsende Bedeutung der Liebe möglich, wenn sie nur glücksteigernd für die einzelnen, nicht auch lebensteigernd für die Menschheit wäre?!

Die Evolution der menschlichen Liebe hat sich teils durch eine immer bestimmtere Individualisierung bei der Auswahl gezeigt, teils in einer immer vollständigeren Inanspruchnahme und Steigerung der individuellen Eigenschaften.

Mit anderen Worten: die persönliche Eigenart hat immer mehr Liebe eingeflösst, und die Liebe hat die persönliche Eigenart immer mehr entwickelt. Dies hat wieder – wie schon oben zugegeben wurde – zur Folge gehabt, dass immer mehr Individuen nicht dazu gelangt sind, ihre geschlechtliche Aufgabe zu erfüllen, entweder, weil das Gefühl, obgleich erwidert, nicht zur Ehe führen konnte, oder weil das Gefühl in der einen oder anderen Hinsicht getäuscht wurde. Diese leidenschaftliche Auswahl eines einzelnen unter den vielen, durch die – objektiv betrachtet – die geschlechtliche Aufgabe ebensogut hätte gelöst werden können, ist also in einem gewissen Sinne antisozial geworden.

Aber solche aus dem unmittelbaren Gesichtspunkt der Artveredlung vergeudete Leben haben dieser doch mittelbar dienen können. Viele dieser im gewöhnlichen Sinne Kinderlosen haben unsterbliche Nachkommen geboren. Andere liessen das Blut, das sie niemals in dem feinen Adernetz an der Schläfe ihres Kindes bläulich schimmern sahen, auf Schlachtfeldern fliessen, auf denen der Menschheit Siege gewonnen wurden. Durch die Grösse ihrer eigenen idealen Forderungen haben sie die Herzen anderer Menschen grösser gemacht. Und ihr Mut brauchte nicht vor der Möglichkeit zu sinken, dass man ihren eigenen Misserfolg bei der Verwirklichung ihrer Ideale gegen sie ausspielen könnte. Sie haben die Kraft ihrer Verkündigung um den höchsten Preis erkauft: niemals ein Glück besessen zu haben, das sie hätten vergeuden können; und sie tragen ohne Bitterkeit die Armut, die sie reicher an Glauben machte.

Dass viele Leben – und wertvolle Leben – durch die Liebe zerstört werden, ist nur eine Äusserung des unergründlichen Willens des Lebens, überall zu verschwenden. Er ist eins mit der grossen Notwendigkeit, deren Hand schlägt und verwundet, so lange wir sie verfluchen, aber die kühlend liebkost und stärkend stützt, wenn wir anfangen, zu segnen.

Nicht auf die Opfer – auch nicht, wenn er selbst unter ihnen ist – darf der Mensch blicken, wenn er den Sinn des Lebens im Leben selbst sehen will. Er muss den Blick auf das Emporsteigende heften. Und dann wird es offenbar, dass – weil die Liebe noch immer und trotz allem ihre Macht erweitert – dies bedeuten muss: dass die individuelle Liebe mit all ihren Opfern und all ihren Fehlgriffen doch, im grossen gesehen, die Hebung des Menschengeschlechts fördert.

 

Der grosse abendländische Verkünder des Pessimismus hat bewiesen, die Liebe sei nur ein vom »Genius der Gattung« dem Individuum gegebener Auftrag, so dass nur Gegensätze einander anziehen und die Nachkommenschaft dann die Ergänzungseigenschaften erbt, die der eine bei dem anderen gesucht hat. Diese Gegensätze – durch deren Feindlichkeit die Eltern einander dann unglücklich machen – verschmelzen und neutralisieren sich bei dem Kinde, so dass dieses auf Kosten der Eltern eine wohl ausgerüstete, reiche oder harmonische Persönlichkeit wird. Auf die Spitze getrieben, wird dieser Satz Schopenhauers, wie so viele andere gedankenreiche, eine Absurdität. Aber jeder, der die Liebe beobachtet hat, muss – lange, bevor er weiss, oder ohne zu wissen, dass diese Erfahrung zum Pessimismus erhoben wurde – gefunden haben, dass alle starke Liebe zwischen entgegengesetzten Naturen entsteht. Die Harmonie, die durch Gleichheit eintritt, ist eintönig, arm und ausserdem gefährlich für die Entwicklung der einzelnen wie der Menschheit. Aber das Entgegengesetzte ist darum gewiss nicht immer das Widerstreitende, obgleich es sich so dokumentieren kann, wenn der Gegensatz sich auf Lebensanschauung und Lebensziel, Lebenswerte und Lebensführung erstreckt. Die widerstreitenden Naturen werden – trotz Schopenhauer – nicht selten ebenso ungünstig für die Anlagen des Kindes wie für dessen Erziehung sein, und der Geschlechtswille verfehlt oft gerade dadurch sein Ziel, indem er diese Naturen durch eine sich rasch in Hass verwandelnde Liebe zusammenzwingt. Die entgegengesetzten Naturen werden andererseits oft nur deshalb widerstreitend, weil sie nach der Heirat die Kehrseite ihrer Eigenschaften gegeneinander wenden, während sie in der ersten Zeit der Liebe sich nur die rechte Seite dieser Eigenschaften zeigten. Dass eine solche Ehe unglücklich wird, beweist nichts gegen die Auswahl der Liebe, wohl aber viel gegen den Mangel der Menschen an Kultur für die Ehe. Dass jede sympathische Verschiedenheit zwischen Menschen eine Grenze hat, deren Überschreiten tiefer und tiefer in antipathische Verschiedenheiten führt, dies ist eine psychische Lehre, die die Ehe gründlich einprägt.

Je mehr die Lebenskunst sich entwickelt, desto mehr werden jedoch die Menschen ihre eigene Glückseinbusse durch diese Auswahl der Liebe zum Vorteile der neuen Generation verringern können. Denn es wird dahin kommen, dass die Gatten sich über ihre gegenseitigen Verschiedenheiten immer mehr freuen und dieselben schützen werden; sie werden die antipathischen Gegensätze bei sich selbst immer mehr beherrschen; immer bewusster die sympathischen bei dem anderen zur Ausgleichung ihrer eigenen Einseitigkeit gebrauchen; immer mehr mit dem glücksfeindlichen Streben aufhören, den anderen nach ihrem eigenen Wesen umzuformen. Schon jetzt ist überdies das Sympathiebedürfnis in der Liebe so rege, so empfindlich, dass die durch extreme Gegensätze geweckte blinde Leidenschaft immer weniger imstande ist, das Sympathiebedürfnis zu überstimmen. Dieses ist nun leicht gewarnt, wenn es den unvereinbaren Gegensätzen gegenübersteht, die zeigen, dass jeder sich auf einer anderen Stufe des Daseins befindet, seelisch einem anderen Zeitalter, einem anderen Weltteil, einer anderen Rasse angehört. Diese Empfindung verhindert schon jetzt die Entwicklung der Liebe in vielen Fällen, in denen der Gegensatz wirklich widerstreitende Unvereinbarkeit ist, nicht die naturbestimmte Wahlverwandtschaft, in die sowohl primäre Verschiedenheiten wie sekundäre Ähnlichkeiten fallen und die zur Folge hat, dass die Gegensätze der Liebenden eine reiche Harmonie bilden, sowohl in ihrem Zusammenleben wie in den Persönlichkeiten der Kinder. Hat diese Anziehung der Gegensätze einmal ihr Ziel verfehlt, so sieht man oft, dass es doch ein und derselbe Typus ist, den ein Mensch das zweite, das dritte Mal, ja noch öfters liebt, mit einer Beharrlichkeit der Auswahl, die es zu einer Art Wahrheit macht, dass er eigentlich die ganze Zeit nur ein und dasselbe Wesen geliebt hat!

Der rücksichtslos zusammenzwingende Wille der Natur äussert sich nicht nur darin, dass die Liebe in der Ehe Gegensätze zusammenführt, sondern er zeigt sich auch, wenn Ehen gebrochen werden. Eine gute Frau eines guten Mannes, liebend und geliebt, wird so von einer ihr selbst unfassbaren Leidenschaft zu einem andern Manne ergriffen. Ohne Besinnung gibt sie sich der Leidenschaft hin, um dann zu dem Manne zurückzukehren, den sie nicht aufgehört hat zu lieben, aber der ihr nie das übermächtige Gefühl einflösste, dessen Ziel – nach dem Willen der Natur und des Weibes selbst – ein Kind gewesen wäre.

Anmerkung: Eine Beleuchtung einer solchen Auswahl gibt z. B. H. Driesmans in »Kulturgeschichte der Rasseninstinkte«. Er betont, dass keine Rasse imstande war, ohne Zusatz fremden Blutes eine Kultur zu schaffen, weil keine Rasse anders als durch wirkliche Blutvermischung in die Lebensanschauung einer anderen eindringen und ihre geistige Kultur übernehmen kann. Das Resultat einer solchen Kreuzung hängt von der Beschaffenheit des Blutes der verschiedenen Rassen ab, die auf diese Weise miteinander in Verbindung treten. Der Verfasser betont die Bedeutung der Qualität des weiblichen Teils, die Güte des mütterlichen Bluts. Auch Chamberlain gibt ja zu, dass eine edle Rasse durch vorhergegangene Kreuzung verschiedener Stämme entsteht, aber er sagt, dass der Kreuzung dann eine strenge, lange fortdauernde Inzucht folgen muss, zuweilen durch neues, aber immer verwandtes Blut aufgefrischt. Driesmans legt dar, dass die germanische Rasse ihre Eigenart verliert, vor allem infolge der instinktiven Vorliebe der germanischen Frau für den »interessanteren« romanischen oder slawischen Mann.

Das Faktum, dass eine starke Leidenschaft zwischen nach Herkunft oder Gesellschaftsstellung weit getrennten Personen entsteht, schliesst es jedoch schon in sich, dass dies der Entwicklung der Gattung zugute kommt, wenn auch nicht der »Reinheit« der Rasse oder der monogamischen Ehe. Die ehebrecherische Liebesauswahl kann aus diesem Gesichtspunkt zuweilen unbewusster Geschlechtsveredlungsinstinkt sein.

Derselbe Wille der Natur äussert sich in einer Menge für andere unfassbaren Erscheinungen. Ein geistvoller Mann oder eine solche Frau wird von Leidenschaft für ein in hohem Grade inferiores Wesen ergriffen. Wie oft hat nicht ein »schöner Kerl« den seelenvollsten Mann bei einem solchen Weibe ausgestochen; wie oft hat nicht gedankenloser Reiz und leere Heiterkeit bei einem überlegenen Manne das erreicht, was die Persönlichkeit eines Ausnahmeweibes nicht erreichen konnte! das ganze Geheimnis war der Wille der Natur, zum Vorteile der Gattung die cerebrale und nervöse Genialität durch gesunde sinnliche Stärke auszugleichen. Da die Geschlechtsliebe ihren Ursprung darin hat, dass die Geschlechtscharaktere, die biologisch für die Gattung günstig waren, die anziehendsten wurden, wirkt noch immer diese allgemeine Anziehung neben der individuellen. Und am stärksten gerade in jener Art von Liebe, die man mit Recht »blinde Leidenschaft« nennt und die die widerstreitenden Gegensätze zu ihrem Unglück zusammenführt.

Aber es liegt kein Grund vor zu zweifeln, dass die Auswahl der Liebe in diesem Falle ihre instinktive Sicherheit behalten kann, wenn auch die Liebe zugleich immer weiter auch ihre seelisch sympathischen Instinkte steigert. Die Folge davon wird die sein, dass die Anzahl Gegensätze, die anziehen können, geringer wird, aber die geringere Anzahl von Möglichkeiten dafür feiner angepasst; dass die Auswahl unter den Gegensätzen so immer schwerer, aber auch immer wertvoller wird. Die Auswahl der Liebe hat nun nicht selten zur Folge, dass von zwei entgegengesetzten Naturen, die die Wahlverwandtschaft der Seelen unwiderstehlich vereint, eine oder beide nicht die besten physischen Bedingungen für die Kinder bietet. Aber die Auswahl kann dafür vortrefflich hinsichtlich der Steigerung einer gewissen Anlage ausfallen: die Gestaltung eines harmonischen Temperaments, die Entstehung einer grossen Seeleneigenschaft. Denn nicht nur mit Kilogewichten und Metermassen muss die Veredlung der Gattung geprüft werden.

Eine solche, die Art hebende Auswahl der Liebe kann zum Beispiel dadurch stattfinden, dass die jungen Mädchen immer weniger Liebe für einen erotisch zersplitterten Mann empfinden, während hingegen die Männer, die für die Liebe ihre Einheit bewahrt haben, immer mehr Aussicht besitzen, die für die Frauen Anziehenden zu sein. Generation für Generation kann so die erotische Einheit immer mehr auch die Natur des Mannes werden, wie sie es auf demselben Wege die der Frau geworden ist. Dass der Mann die Reinheit des Weibes wünschte, hat seine Auswahl bestimmt, und diese Auswahl hat dann durch Vererbung die Gefühle der nächsten Generation wieder gesteigert, bis sie zu den stärksten in seinem erotischen Instinkt wurden. Das klarste Bewusstsein der Ungerechtigkeit der verschiedenen sittlichen Anforderungen an Mann und Frau; die »freisinnigste« Anschauung vom Rechte der Frau auf dieselbe Freiheit, wie der Mann sie geniesst, kann in diesem Falle seine Instinkte nicht besiegen. Wenn der Mann erfährt, dass die Geliebte sich vor ihm einem anderen hingegeben hat oder dass er sie mit einem anderen teilt, erkrankt sein Gefühl oft an seiner Wurzel: dem ihm durch die Liebeswahl von Jahrtausenden einorganisierten Willen zum alleinigen Besitzrecht, der nun durch den Einheitswillen der individuellen Liebe noch weiter gesteigert worden ist.

Anmerkung: Unter den zahllosen Schilderungen dieses Konflikts steht noch immer »Ein Besuch« von E. Brandes unübertroffen da, durch die zugleich individuelle und klar typische Behandlung des Gegenstandes.

Diese Andeutungen dürften genügen, um die Oberflächlichkeit jener Schlussfolgerungen über die Auswahl der Liebe zu zeigen, die sich ausschliesslich an die physische Steigerung halten, obgleich natürlich auch diese von grossem Werte ist. Dass ein paar Liebende ein körperlich schwächliches Kind haben können, darf an und für sich ebensowenig als Beweis gegen die Auswahl der Liebe gebraucht werden, wie die physisch prächtigen Kinder eines unglücklichen Ehepaars.

Wenn so auch die erotische Anziehungskraft der Verschiedenheiten der stärkste Wahrscheinlichkeitsbeweis für die Bedeutung der Liebe aus dem Gesichtspunkt der Artveredlung ist, so ist er darum doch durchaus nicht der einzige. Ein anderer solcher ist, dass eine erstaunlich grosse Anzahl von bedeutenden Persönlichkeiten auf allen Gebieten erstgeborene oder einzige Kinder waren. Ein dritter ist die sprichwörtlich gewordene Begabung der sogenannten »Kinder der Liebe«. Ein vierter sind die für die Anlagen der Kinder oft sehr günstigen Folgen der Heiraten zwischen Angehörigen verschiedener Völker, wenn der Rassenunterschied kein allzu grosser ist. In den beiden ersten erwähnten Fällen kann man annehmen, dass das Liebesglück der Eltern – oder zum mindesten ihre sinnliche Leidenschaft – bei der Entstehung des Kindes ihre volle Frische und grösste Stärke hatte. Bei den »Kindern der Liebe« ist es nicht selten eine gesunde Frau aus dem Volke, die mit echter Hingebung dem sinnlichen Verlangen eines Mannes begegnet, der ihr geistig überlegen ist. Im letzten Falle wieder hat im allgemeinen eine starke Liebe die Hindernisse besiegt, die Vaterlandsliebe und überkommene Anschauungen der Anziehung entgegenstellen, durch die die Volksgegensätze dann in dem Kinde zu glücklicher Einheit verschmelzen.

Die Beobachtungen auf diesem Gebiete werden durch zahllose Nebeneinflüsse, Gegenwirkungen und noch ungelöste Widersprüche irregeleitet. Solange man jedwedem menschlichen Wrack erlaubt, mit dem »Rechte der Liebe« die Gattung fortzupflanzen, werden die Schlussfolgerungslinien in dieser Materie sich immer kreuzen. Erst in jenen Fällen, wo die Voraussetzungen in allem übrigen vergleichbar sind, kann man anfangen, sich einem objektiven Beweis dafür zu nähern, dass die physisch-psychische Vitalität der Kinder abnimmt, wenn sie in Abneigung oder Gleichgültigkeit erzeugt wurden, hingegen aber zunimmt, wenn sie in Liebe erzeugt wurden. Und nicht im zarten Alter der Kinder, sondern erst wenn sie ihr Leben gelebt haben, kann diese Frage endgültig beantwortet werden.

Dass die Entwicklung der ererbten Anlagen der Kinder, ihr Kindheitsglück, ihr zukünftiger Lebensinhalt zum grossen Teile von ihrer Erziehung in einem glückstrahlenden Heime abhängt, von Eltern, die in sympathischem Verständnis zusammenwirken, das braucht nicht weiter ausgeführt zu werden. Jeder weiss, dass Kinder aus solchen Familien einen Lebensglauben und eine Lebenssicherheit, einen Lebensmut und Lebensjubel als Angebinde erhalten haben, den keine späteren Leiden ganz ertöten können. Die Sonnenwärme, die sie aufgespeichert haben, macht es ihnen unmöglich, selbst in der härtesten Winterzeit ganz zu erfrieren. Wer hingegen mit der Winterszeit angefangen hat, friert zuweilen noch mitten in der Sommersonne.

Ein zum Tode verurteilter Verbrecher wurde von seiner Mutter gefragt: Was haben dir deine Eltern Böses getan, dass du uns dies antust? Sie bekam eine Antwort, die kein Elternpaar je vergessen sollte:

Was habt ihr mir eigentlich Gutes getan?

Diese Frage steigt nun von Millionen Lippen empor. Wenn sie einmal verstummt ist – wenn die Liebe sie verstummen machte – dann wird man auch eingesehen haben, dass die Liebe nicht die Stütze anderer Offenbarungen braucht, als die, welche sie aus einer religiösen Ehrfurcht vor der Gewissheit schöpft: dass das Leben selbst der Sinn des Lebens werden muss.

 

Ebensowenig wie auf irgend einem anderen Gebiete steht auch auf dem der Liebeswahl die Leidenschaft diametral entgegengesetzt der Pflicht gegenüber, es sei denn auf einem Zwischenstadium der Entwicklung. Im Zustande der Unschuld gibt es keinen Zwiespalt, denn da gibt es keine andere Pflicht, als die, blind dem Triebe zu folgen. Wenn die Entwicklung vollzogen und die »zweite Unschuld« erreicht ist, dann ist die Pflicht aufgehoben, weil sie eins mit dem Triebe geworden ist.

Man wird dann einsehen, dass diejenigen im Irrtum waren, die nun meinen, dass – während Gott im Paradies umherging und die Ehe stiftete – der Teufel in der Wüste umherging und die Liebe erfand! Der erotische Dualismus wird vom erotischen Monismus besiegt werden, wenn der Kreislauf der Entwicklung den Ausgangspunkt dem Schlusspunkt genähert hat; wenn der natürliche Geschlechtstrieb dem kulturgeborenen Geschlechtsveredlungswillen begegnet; wenn der goldene Ring von allen Seiten die Gemme mit dem heiligen Lebenszeichen, dem Kinde, umschliesst. Aber das Kleinod, das man heut als das kostbarste ansieht, die Monogamie, dürfte erst nach vielen neuen Spiralwindungen von dem goldenen Ringe umschlossen werden. Das wird dann sein, wenn die Auslese der Liebe schliesslich jeden Mann und jedes Weib dazu geeignet gemacht hat, die Gattung fortzupflanzen. Erst dann wird der ideale Wunsch – ein Mann für ein Weib, ein Weib für einen Mann – allgemein die für die einzelnen, sowie für die Gattung besten Lebensbedingungen einschliessen können. Und wenn man es so weit gebracht hat, dürfte auch der Wille der erotischen Wahl so fein und fest mit jeder Fiber des physisch-psychischen Stoffs der Persönlichkeit verwoben sein, dass der Mann nur ein einziges Weib finden, gewinnen und bewahren kann, das Weib nur einen einzigen Mann. Dann werden viele Menschen durch ihre Liebeswahl das erleben, was eine Minderzahl schon jetzt erlebt: die höchste Steigerung ihrer individuellen Persönlichkeit, ihre höchste Lebensform als Geschlechtswesen und ihre höchste Empfindung des Ewigkeitsseins.

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