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Über Liebe und Ehe

Ellen Key: Über Liebe und Ehe - Kapitel 5
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authorEllen Key
titleÜber Liebe und Ehe
publisherS. Fischer Verlag
printrunSechzehnte Auflage (31.?32. Tausend)
year1914
translatorFrancis Maro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Freiheit der Liebe

Der Prüfstein für das Sittlichkeitsgefühl eines Menschen ist seine Macht, auf ethischem Gebiete mehrdeutige Zeichen der Zeit richtig auszulegen. Nur der tief Sittliche entdeckt nämlich die haarscharfe Trennungslinie zwischen neuer Sittlichkeit und alter Unsittlichkeit.

In unserer Zeit verrät sich die ethische Unfeinheit vor allem in der Verurteilung der jungen Liebespaare, die ihre Schicksale frei vereinen. Die Mehrzahl sieht nicht ein, welchen Fortschritt der Sittlichkeit dies bedeutet, verglichen mit dem Vorgehen der vielen Männer, die sich ohne Verantwortung – und scheinbar ohne Gefahr – die Ruhe der Sinne erkaufen.

Die jungen Männer, die die »freie Liebe« wählen, wissen, dass die käufliche die feinsten Werkzeuge ihrer geistigen Arbeit zerstören, ihre künftige Frau schädigen, die Gefahr der Kinderlosigkeit oder der Entartung der Kinder herbeiführen und schliesslich ihren eigenen vorzeitigen Untergang verursachen kann.

Aber sie wissen auch, dass diese Folgen ausbleiben können und dass sie doch geistig Schaden nehmen würden, wenn sie ihren Persönlichkeitswert gekränkt und ihre Möglichkeit einer einheitlichen Liebe zerstört hätten. Sie verachten auch den anderen, weniger gefährlichen, aber vielleicht noch gewissenloseren Ausweg, den ihre Väter zur Befriedigung ihrer geschlechtlichen Bedürfnisse eingeschlagen haben: die Verführung von Frauen aus dem Volke, Frauen, mit denen sie niemals an eine Lebensgemeinschaft gedacht haben.

Die freie Liebe hingegen bringt ihnen eine Lebenssteigerung, die sie ihrer Meinung nach gewinnen können, ohne jemandem zu schaden. Sie entspricht ihren Begriffen von der Keuschheit der Liebe, Begriffen, die mit Recht von der Halbheit der Verlobungszeit verletzt werden, mit all dem Abbruch, den sie der Frische und Freimütigkeit des Gefühls zufügt. Wenn ihre Seele eine andere Seele gefunden hat, wenn beider Sinne sich in derselben Sehnsucht begegnen, dann glauben sie das Recht auf die volle Einheit der Liebe zu haben, wenn auch im geheimen, da die Gesellschaftsverhältnisse die frühe Eheschliessung unmöglich machen. Sie befreien sich so von einem kraftraubenden Kampf, der ihnen weder Ruhe noch innere Reinheit gebracht hat, und der ihnen doppelt schwer fällt, wenn sie das Ziel – die Liebe – erreicht haben, um derentwillen sie sich die Beherrschung auferlegten.

Diese Sittlichkeitsanschauung der Jugend hat häufig Ausdrucksformen in der neueren Literatur gefunden, vor allem in des schwedischen Schriftstellers Hjalmar Söderberg »Martin Bircks Jugend«, dessen ernste Meinung – und Mahnung – in den schwermütig wahren Worten zusammengefasst ist: »Das Leben ist für die Alten eingerichtet; darum ist es ein Unglück, jung zu sein. Es ist für die Gedankenlosen und Stumpfen eingerichtet, für die, welche Falsches für Echtes nehmen oder sogar das Falsche vorziehen, weil es eine Krankheit ist, zu denken und zu fühlen« ... Einen unmittelbaren Ausdruck dieser Sittlichkeitsanschauung findet man auch in einer kleinen Schrift: (Wie lässt sich die Prostitution abschaffen? von Einar Ekstam), die mehr Aufmerksamkeit verdient, als alle Sittlichkeitsbroschüren der letzten Jahre zusammengenommen – wie überhaupt die Aussprüche derer, die eine Frage am nächsten angeht. Diese Schrift zeigt die Ansicht der denkenden Jugend über den Weg zu einer neuen Sittlichkeit. Aber sie zeigt auch, was die Jugend leider oft übersieht: welchen Schaden ein zu frühes Liebesleben dem Menschen selbst, sowie dem künftigen Geschlechte zufügt. Dieser Schade wird nicht durch die Antwort der Jugend behoben: »Die Gewissheit, dass unsere Liebe uns zu Eltern gemacht hat, wird auch unsere öffentliche Anerkennung der elterlichen Pflichten zur Folge haben.« Noch weniger taugt die Antwort: dass die Kinder die Sache der Gesellschaft sind.

 

Wenn man in diesem Zusammenhang von der Jugend spricht, kann man nur die Jungfrauen und Jünglinge der höheren Klassen meinen. Denn unter den übrigen ist die freie Liebesvereinigung schon lange Sitte gewesen. Die breiten Volksschichten Schwedens – wie die der meisten anderen europäischen Länder – gebrauchen ohne weiteres dieselbe Freiheit, die die Gesellschaftssitte vielen aussereuropäischen Völkern zuerkennt. Und die ethnographische Forschung zeigt, dass dies durchaus keine neue »Unsitte« ist, sondern im Gegenteil ein Überbleibsel uralter Sitten. Es gibt aussereuropäische Völker – z. B. eines im nördlichen Birma – bei denen diese Sitte bestimmte Garantien für die eventuellen Kinder mit sich gebracht hat. Die jungen Leute können sich anstandslos frei vereinigen und wieder trennen, wenn sie finden, dass ihr Gefühl zu einem fortgesetzten Zusammenleben nicht tief genug ist. Im anderen Falle verheiraten sie sich, und nach der Ehe ist Untreue so gut wie unbekannt. Wird das Mädchen Mutter, ohne dass eine Heirat erfolgt, so ist der Mann verpflichtet, die Zukunft des Kindes durch eine Summe an den Vater des Mädchens zu sichern, der dann für dasselbe die Verantwortung übernimmt.

Von ähnlichen geschlechtlichen Sitten geht die Mehrzahl unseres Volkes aus – des schwedischen Volkes, das in den Reden unseres Königs und in den Gedichten unserer Akademie als »das beste und pflichtgetreueste der Welt« bezeichnet wird. Wo tiefere Liebe oder Verantwortlichkeitsgefühl fehlen, führen diese Sitten natürlich zu dem Verlassen der Frau, zu Kindesmord, zuweilen auch zur Prostitution des Weibes, nachdem es von Mann zu Mann geglitten ist; endlich zu der Belastung der Gesellschaft mit den Kindern verschiedener Väter und zu der Verwahrlosung dieser Kinder. Und diese Sitte führt selbst in den Fällen, wo Liebe und Verantwortungsgefühl vorhanden sind, wo aber die Liebenden zu jung waren, zu ihrer eigenen Schwächung wie zu der der Kinder und zu der grossen Sterblichkeit der letzteren. Nicht nur schwere Arbeit und knappe Kost, sondern auch ein zu zeitiges Geschlechtsleben trägt dazu bei, die volle körperliche Entwicklung der Unterklasse zu hemmen und ihr Altern zu beschleunigen.

Aber neben diesen schlechten Wirkungen gibt es gute. In den meisten Fällen wird die Aussicht eines jungen Paares auf Kindersegen es veranlassen, eine Heirat zu wünschen oder sich dazu verpflichtet zu fühlen, und ihre Angehörigen werden sich bemühen, ihre Heirat zu ermöglichen. Wenn dies nicht gleich geschehen kann, bleibt die Tochter mit ihrem Kinde bei ihren Eltern, oder sie lässt es bei ihnen, während sie für ihr Teil, wie der junge Mann seinerseits, für die Zukunft arbeitet. Die Eltern nehmen die Sache in der Regel ruhig, denn sie sind oft selber denselben Weg gegangen. Das Kind wird das vereinigende Band, und selbst wenn der Mann nicht immer zur Heirat bereit war, zeigen das gemeinsame Arbeitsleben und die Elternschaft bald ihre vereinigende Macht. Solche in der Jugend zusammengekommene Eheleute haben wahrscheinlich bessere Voraussetzungen für ihr Zusammenleben, als ein abgequältes Brautpaar der oberen Klassen, bei dem die Braut volles Recht auf den Myrtenkranz hat – um nun gar nicht von der Gesundheit zu sprechen, die der Mann aus dem Volke im Vergleiche mit den meisten Männern der oberen Klassen mitbringt, die sich in der Erwartung der Beförderung, die die Ehe möglich machen soll, das verderbliche Ehesurrogat erkauft haben. Eines ist wenigstens sicher: dass die eheliche Treue in den breiten Volksschichten ebenso gross ist, wie die Freiheit vor der Ehe unbegrenzt. Dass die freie Liebe des niederen Volkes und der Arbeiterklasse gewöhnlich mit der Trauung schliesst, kommt zwar oft daher, dass die allgemeine Meinung diese als Sittlichkeitszensus aufrechterhält. Aber – in den Fällen, in denen nicht die Liebe selbst die Lebensgemeinschaft herbeiführt – ist das elterliche Gefühl und das Bedürfnis nach Arbeitshilfe ebenso bestimmend, wie die allgemeine Meinung. Auch bei den erotisch Unentwickelten findet sich nämlich über den Geschlechtstrieb hinaus das Bedürfnis nach einem Zusammenleben, das auch andere Ziele kennt. Der Wille zu einem solchen Zusammenleben – mit geteilter Freude und Mühe, geteilten Schmerzen und Sorgen – ist das wirklich Vereinende. Wo gar kein solcher Wille vorhanden ist, wird das Verhältnis aus dem Gesichtspunkt der Lebenssteigerung unsittlich. Wenn man diese Sittlichkeitsnorm nicht festhält, wird die freie Liebe in der Oberklasse – wie in der Unterklasse – allerdings dazu beitragen, die Prostitution abzuschaffen, aber sie wird die Menschen nicht durch eine grössere Liebe, eine höhere Sittlichkeit grösser machen. Die Richtung, die für die Frauen auch die jetzige geschlechtliche Freiheit der Männer verlangen will – Bebels in vieler Richtung bedeutendes Buch »Die Frau« ist eine ihrer repräsentativen Schriften – dürfte nicht mit der Entwicklungslinie zusammenfallen.

Denn, wenn einerseits die geschlechtlichen Sitten der unteren Klassen dem unmittelbaren Naturtrieb mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen, als die der oberen Klassen, so haben doch die Sitten der letzteren noch immer dieselbe Bedeutung für die Veredlung des Triebes zur Liebe, die die Selbstbeherrschung, ethnographisch und historisch gesehen, allenthalben gehabt hat. Bei den Völkern, bei denen die Geschlechtsverbindungen früh beginnen, werden die Sitten in der Regel leichtfertig, und wo die Sitten locker sind, erlangt das Liebesgefühl geringe Bedeutung. Die Beherrschung der Sinnlichkeit entwickelt die tiefen Liebesgefühle. Man braucht nicht zu den Völkern der Vorzeit oder zu den aussereuropäischen Völkern der Gegenwart zu gehen, sondern nur zu den städtischen oder ländlichen Arbeitern in unserem eigenen oder anderen europäischen Ländern, um zu sehen, wie schwach und schlaff die Gefühle, wie grob und gierig die Sinne werden, wenn sie die Gewohnheit haben, ihren Hunger zu stillen, bevor der der Seele erwacht ist. Schon die elenden Wohnungsverhältnisse rauben dem Geschlechtsleben der unteren Klassen seine Schamhaftigkeit; das Kindesalter oder die Blutsbande bilden oft kein Hindernis gegen die Unzucht, und deren Folgen – die Roheit und Verantwortungslosigkeit gegen einander sowohl wie gegen die Nachkommenschaft – nehmen manchmal entsetzliche Formen an. Die erste Voraussetzung für die Freiheit der Liebe ist also, dass die Freiheit – der Liebe gilt, deren allgemeingültiges Kennzeichen, zum Unterschiede von der Leichtfertigkeit, der Wille zu einem fortgesetzten Zusammenleben ist. Weil dies Kennzeichen in der Regel bei der Jugend zutrifft, die innerhalb der gebildeten Klassen jetzt die Freiheit der Liebe verlangt, ist sie so weit in ihrem guten Recht, gerade so wie die Jugend der unteren Klassen, wenn sie dieselbe Freiheit gebraucht und so viele vortreffliche Ehen schliesst. Man könnte mit Recht für die Oberklassen auf dieselbe Folge schliessen, wenn nicht gerade die Liebe dort eine um so viel eingreifendere Macht geworden wäre. Während die Mehrzahl der arbeitenden Klasse – denn auch dort gibt es eine Minderzahl mit verfeinerten erotischen Gefühlen – sich neben der Befriedigung des Triebes mit einem tüchtigen ergebenen Kameraden, der mit ihm ins gleiche Joch gespannt ist, begnügt, hat der entwickelte moderne Mensch tiefere erotische Forderungen. Und die Erfüllung derselben verfehlt die jugendliche Lebensentscheidung häufig. Denn wenn auch die junge Liebe seelenvoll ist – und das ist junge Liebe beinahe immer – so ist sie doch in den meisten Fällen mehr Liebessehnsucht als Liebe, mehr das Bedürfnis zu erleben, als das neue Leben selbst. Und darum gründen sich die erotischen Gefühle der frühen Jugend auf die Sinnestäuschungen, die einen Romeo über Rosalindens Hartherzigkeit in dem Augenblicke klagen lassen, bevor er Julia begegnet, und die eine Titania dazu bringen, Zettels Eselsohren anzubeten. Nie mehr wird die Welt so märchenhaft wunderbar, wie wenn der erste Liebestraum seine opalschimmernden Sonnenaufgangsnebel über alle Konturen breitet, aber – nie ist unser Weg trügerischer. Es kann geschehen, dass der Nebel sich von den herrlichsten Gefilden erhebt. Aber es ist wahrscheinlicher, dass der Kurs, den man im Nebel verfolgt hat, zu einem der vielen Schiffbrüche »in den sturmschwangeren Nächten der Frühlings-Tag- und -Nacht-Gleiche« führen wird. Darum sollen die Jahre unter Zwanzig die Zeit des erotischen Vorspiels, nicht die des erotischen Dramas sein.

Aber auch darum, weil niemand entscheiden kann, in welchem Masse das Vorübergehende dem schliesslichen Lebensverhältnisse zu schaden vermag; in welchem Grade die grosse Liebe verpfuscht oder verfehlt werden kann, wenn die unwesentliche ihrem Rechte vorgegriffen hat, selbst wenn es in dem vollen reinen Glauben geschah, dass die Zufälligkeit das Schicksal sei.

Kein Teil der Lebenskunst ist für die Jugend wichtiger, als: die Überzeugung einer schicksalsbestimmten Zusammengehörigkeit, die warten kann, in sich zu entwickeln. Menschen verfluchen den Zufall, der Liebende trennt. Aber man sollte weniger die Zufälle verfluchen, die trennen, als jene, die zu früh vereinen. In der Liebe verliert die erste Jugend selten etwas anderes als das Unwesentliche; das Wesentliche erweist sich – wenn beide frei sind – als das Unverlierbare: diejenigen, welche zusammen gehören, kommen schliesslich zusammen; die, welche der Zufall trennte, gehörten niemals zusammen. Das Glück verfehlen kann der Mensch dadurch, dass er zu spät das Wesentliche in sich selbst oder anderen findet; nicht dadurch, dass er sich vor der Entdeckung des Handelns enthält. Darum soll die Jugend mit entscheidenden Eingriffen in ihr eigenes Schicksal und in das Schicksal anderer warten. Denn die grosse Liebe gleicht der japanischen Gottheit, zu der mehr als einmal zu beten ein Verbrechen ist – weil sie nur ein einziges Mal erhört!

Aber selbst wenn die Glückssicherheit eines jungen Paares »ruhig wie ein von der Sonne vergoldetes Sommermeer« ist, folgt daraus nicht, dass ihre Liebe sogleich die Rechte eines späteren Alters und die damit verknüpften Pflichten haben soll. Denn junge Bäume brechen oder beugen sich unter zu schweren Früchten, und auch die Früchte von zu jungen Bäumen erlangen nicht ihren vollen Wert. Hier ist die Natur selbst die Widersacherin der frühen Jugendheiraten. Das Leben ist nämlich selten wie in Max Halbes »Jugend« mit der Kugel eines Schwachsinnigen bei der Hand, um den Konflikt zu lösen. Aber das Leben kann einen Menschen ebenso vollständig zugrunde richten wie der Tod. Und die Mittel des Lebens sind qualvoller. Lassen wir die Möglichkeit beiseite, dass Menschen widerwillig durch die Folgen einer übereilten Verbindung zusammengezwungen werden, und rechnen wir nur mit der Gewissheit, dass die jungen Leute noch immer in tieferem Sinne zu einander gehören. So werden sie doch ebenso gewiss durch die mögliche oder wahrscheinliche Folge ihrer Handlung, das Kind, leiden. Ihr Bewusstsein, diese Folge nicht tragen zu können, wird sie allerdings veranlassen zu trachten, sie zu vermeiden. Aber dies ist ein unschöner Anfang des Liebeslebens. Manche halten es sogar für gefahrvoll. Denen, welche der Menschheit schon ihren Tribut an neuem Leben gegeben haben oder ihn überhaupt nicht geben sollen, mag die Wahl zwischen der einen und der anderen Gefahr freistehen. Aber für ein beginnendes Zusammenleben dürfte dieser Ausweg ebenso unsicher wie ungesund sein, weil der Geschlechtstrieb in seiner Gesamtheit unerfüllt bleibt. Und so wird auch der Liebe ein Teil ihres geistigen Inhalts, der Sinnlichkeit ihr natürlicher Rückhalt geraubt. Allerdings helfen die Vorsichtsmassregeln gewöhnlich nichts, und das Kind kommt doch. Wie sieht nun die Sache in der Praxis aus?

Die jungen Leute sind in den meisten Fällen ihre freie Verbindung eingegangen, weil ihnen die Möglichkeit einer offenen Eheschliessung fehlte. Um so weniger können sie ein Kind unterhalten, als sie selbst noch von anderen erhalten werden, falls sie nicht durch Schulden oder schlecht entlohnte Fronarbeit das Leben fristen. Im letzteren Falle bedeutet das Kind eine weitere Lebenshemmung, um so mehr, als es für die Frau verminderte, vielleicht verlorene Arbeitsmöglichkeiten zur Folge haben muss. Nun müssen die Angehörigen der jungen Leute helfen. Und wenn es möglich ist, geschieht es in der Form, dass sie sich verheiraten und die Unterstützung erhalten, zu der die Eltern in der Lage sind. Im unteren Volke ist das verhältnismässig leicht; denn die Neuvermählten bleiben dann oft in dem elterlichen Hause des Mannes oder der Frau. In den Oberklassen hingegen gründen sie natürlich am liebsten eine eigene Häuslichkeit, und dann treten für sie die – bei Kindern und einem Haushalt, selbst dem einfachsten – unvermeidlichen Sorgen ein. Und diese werden ein Hindernis für ihre Ruhe zum Studium, ihre Bewegungsfreiheit und ihre allseitige Entwicklung. Sie werden Käfig-Vögel, im besten Falle von den Eltern gefütterte; von Pflichten gefesselt in den Jahren, die sie ganz ihrer eigenen Selbstentwicklung hätten widmen sollen.

So können zu frühe Ehen, in legitimer wie illegitimer Form, unzählige treffliche Kräfte im Wachstum hemmen, die vollen Glücksmöglichkeiten späterer Jahre zerstören. Die frühe Vereinigung hat freilich eine starke Sehnsucht in dem Wesen der jungen Menschen gestillt. Aber sie finden bald, dass sie zugleich die Stillung des Kenntnisdranges, des Forschertriebs, der Schaffenskraft und der Handlungsfreiheit in anderen mehr oder weniger wesentlichen Richtungen erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht hat, z. B. die bei aller lebendigen Jugend rege Reiselust und Vergnügungslust im schönen Sinne. Der Reiz der jungen Mutter erlangt wahrscheinlich niemals die Fülle, die die Natur ihm zugedacht hat, und sie altert vorzeitig. Und selbst wenn die Kinder nicht schwach werden – was meistens der Fall ist – bereiten sie ihr doch nicht das Glück, das sie ihr geschenkt hätten, wenn sie ersehnt gewesen wären; wenn sie nicht ihrethalben ihre Jugendfreude, die Fülle ihrer Stärke und Schönheit hätte opfern müssen, sondern diese im Gegenteil durch die Mutterschaft gesteigert worden wäre. Am allerwenigsten wird den Kindern die Erziehung zuteil, die die Mutter ihnen in etwas reiferen Jahren angedeihen lassen kann.

Aber wenn auch ein paar Liebende sich selbst den Lebenshemmungen unterwerfen wollen, die in den meisten Fällen einer vorzeitigen Vereinigung folgen, so mag dies ihre eigene Angelegenheit sein. Aber das Kind ist es nicht.

Damit das Kind seine volle Möglichkeit guter Lebensbedingungen – für die Geburt wie für die Erziehung – habe, muss die Frau im Norden bei der Schliessung der Ehe mindestens 20 Jahre alt sein, der Mann gegen 25 Jahre. Dies ist die Zeit der vollen Reife, und bis dahin hat die Jugend nur Vorteil von vollständiger Enthaltsamkeit, damit sie dann im richtigen Alter in ihrer Ehe, nach Tacitus Worten, »die Kinder Zeugnis für die Kraft der Eltern ablegen« lassen kann. Die meisten jüngeren Gelehrten halten es zwar für immer unwahrscheinlicher, dass erworbene Eigenschaften sich vererben. Andere hingegen, die diese Ansicht verfochten haben oder noch hegen, haben mit mehr oder weniger Nachdruck als Voraussetzung für den Fortschritt der Rasse verlangt, dass Kinder nicht früher gezeugt werden, bis nicht Tätigkeit und Umgebung in den Eltern eine bestimmte Eigenart ausgebildet haben. Feine Seelenschilderer, die über das Wesen der Frau nachgedacht haben, meinen, dass dieses erst gegen 30 seine volle geistige Reife erreicht, während sie da noch zugleich im Besitz ihrer vollen Jugendlichkeit ist; dass ihr Gesicht erst dann wirklichen Ausdruck besitzt; ihre Individualität, ihre Denkkraft und Leidenschaft erst dann voll wach sind; dass nur diese Eigenschaften tiefe Liebe einflössen können und dass die Frau so durch eine spätere Ehe alles gewinnt, während die Folge der zeitigen Ehe, in der der Mann seine Frau »erziehen« soll, oft, wie eine geistvolle Dame äusserte, die ist, dass er – die Frau eines anderen erzieht!

Und nicht nur kurzsichtige Sittlichkeitsprediger, sondern Männer der Wissenschaft, mit weitem Blick für diese Fragen, erklären immer bestimmter, dass Enthaltsamkeit bis zum Alter der Reife der physischpsychischen Stärke und Elastizität beider Geschlechter in hohem Grade günstig ist und dass ihre ausschliesslich heilsame Wirkung sich zuweilen auch über dieses Alter hinaus erstrecken kann.

Anmerkung: »Der Kampf gegen die Geschlechtskrankheiten« von Dr. Sachs; »Eine Mutterpflicht« von der Lehrerin E. Stichl; »Was sollen unsere erwachsenen Töchter von der Ehe wissen?« von Dr. med. Marie von Thilo; »Erziehung und Erzieher« von Rudolf Lehmann. Mir unbekannte, aber von Fachmännern hervorgehobene Arbeiten über diese Frage sind: Dr. A. Herzen: »Wissenschaft und Sittlichkeit«; Dr. med. Kornig: »Die Hygiene der Keuschheit«; Prof. Dr. A. Hein: »La vie sexuelle chez l'homme«; Hegar: »Der Geschlechtstrieb«. Weitere Aussprüche liegen u. a. vor: von den Professoren Max Gruber in Wien und Henrik Pontoppidan in Dänemark; ferner die einhellige Erklärung der norwegischen medizinischen Fakultät 1888; der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten; und der sogenannten Ethosvereine in Deutschland und der Schweiz; der Aufruf zwanzig deutscher Professoren an die studierende Jugend; die Aussprüche der Brüsseler Konferenz 1899 u. s. w.

Die grosse internationale, von Josephine Butler geschaffene Föderationsbewegung umfasst jetzt die meisten europäischen Länder. Die Frage hat eine grosse Literatur hervorgerufen, die sie aus religiösem, medizinischem, sozialpolitischem und frauenrechtlerischem Gesichtspunkt beleuchtet. Auf die allgemeine Meinung haben auch Bücher wie Lenneps »Klaasje Zevenster«, Hugos »Les Misérables«, Tolstois »Auferstehung« u. a. weckend gewirkt.

Zu diesem unmittelbaren Gewinn kommt noch der mittelbare: dass alle Selbstbeherrschung für ein grosses glückbringendes Ziel – und welches ist grösser als dies? – dem Willen die Stählung, der Persönlichkeit die Machtfreude gibt, die später auch auf allen anderen Gebieten bedeutungsvoll werden.

Ein so vorgerücktes Heiratsalter dürfte nicht viele Gegnerinnen haben. Junge Mädchen haben durch die Erfahrung anderer gelernt, und es gibt heute kaum eine Frau, die sich unter zwanzig Jahren verheiratet und nicht schon vor Fünfundzwanzig eingesehen hat, dass dies zu früh war. Selten ist es auch die Sehnsucht der Frau, die die offene oder heimliche vorzeitige Vereinigung beschleunigt. Denn wo kein südländischer Bluteinschlag da ist, dauert es lange, ja zuweilen viele Jahre nach der Heirat, bis die Sinne der nordischen Frau bewusst erwachen.

Aber das junge Mädchen liebt und will die Sehnsucht stillen, unter der sie den Geliebten leiden sieht, um so mehr, wenn sie erfährt, dass die Liebkosungen, die ihre Forderungen befriedigten, sein Leiden vermehrt haben. Und sie überstimmt darum ihr eigenes innerstes Bewusstsein, das sie mahnt, zu warten.

Diese Unterdrückung des innersten Bewusstseins hat nicht selten zur Folge, dass die Seelen sich gar nie voll vereinen, weil die Sinne sich ihnen in den Weg stellen. Oder mit Nietzsches Worten: Die Sinnlichkeit übereilt oft das Wachstum der Liebe, so dass die Wurzeln schwach bleiben und leicht auszureissen sind. Für jedes reine Sittlichkeitsgefühl steht ein solches junges, sich in der Liebe hingebendes Weib himmelhoch über der Familienbraut, die den Mann, den sie zu lieben vorgibt, einsam in seinen besten Jugendjahren Fronarbeit tun lässt, damit er ihr schliesslich die Stellung bereiten kann, die ihre eigenen Lebensansprüche oder die ihrer Angehörigen verlangen. Aber höher als beide steht das junge Weib, das in der Lenzzeit der Liebe ihre Kühle zu bewahren wusste. Und wenn die Glücksforderung der Frauen sich noch mehr verfeinert, wenn ihr Einblick in die Natur sich vertieft hat, wenn sie so bereit sind, die Leitung der erotischen Entwicklung – die in den letzten Jahrzehnten leider in der Hand der Männer gelegen hat – zu übernehmen, dann werden sie dies auch verstehen. Sie werden die glückliche Zeit verlängern, in der die Liebe noch unausgesprochen, noch ungebunden von Gelöbnissen, abwartend und ahnungsvoll ist. Und sie werden darum nicht das an und für sich gesunde, freudebringende und glückbereitende Zusammenleben bei Fusswanderungen, Sport und Studien aufgeben müssen, das nun zu den allzufrühen Verbindungen führt. Die Frauen werden verstehen, wann sie die Entfernung zu Hilfe nehmen müssen, um die Leiden der Wartezeit einzuschränken. Sie werden die heimliche Verlobung abkürzen, die öffentliche abschaffen. Es ist kein öffentlicher, mehrjähriger Brautstand, den der junge schwedische Dichter Karlfeldt besingt, wenn er sagt:

Nichts gleicht auf Erden den Wartezeiten,
Den Frühlingsfluttagen, den Knospenzeiten,
Es kann der Mai kein Licht verbreiten
Wie der sich klärende April ...

Eine nordische Jugend, die ihre Seele nicht mit dieser Stimmung zusammenklingen fühlt, deren Lebensjahr hat seinen Frühling verloren – ohne dafür einen längeren Sommer zu gewinnen. Denn im Leben wie in der Natur rächt sich die zu frühe Wärme. Voll die besondere Schönheit jeder Lebensjahreszeit zu erleben, das gehört zu dem vertieften Verständnis für den Sinn des Lebens – und diese Wahrheit wird darum nicht weniger wahr, weil eine Julia nur vierzehn Jahre zählte! Nicht die mit allem anderen unvergleichliche Macht der frühen Liebe hat Shakespeare durch sie offenbart. Sondern die augenblickliche, schicksalsbestimmte, alle Hindernisse besiegende Liebe, die in jedem Alter gleich allmächtig ist – doch ihre Gewalt am unverkennbarsten zeigt, wenn sie zwei Menschen in den Tod treibt, gerade da das ganze noch ungelebte Leben, das sie vor sich haben, den Todesgedanken am entsetzensvollsten macht. Nur eine solche Ausnahme versetzt die Blüte des Sommers in den Frühling. Und darum sind viele junge Menschen nicht aus der ganzen Notwendigkeit ihrer Natur, sondern durch Überbetonung ihrer einen Seite zu der Meinung gelangt, dass die Liebe ihr Feuer und ihre Reinheit verliert, wenn sie auf das volle Glück wartet, bis der Organismus ihre Früchte tragen kann. Nichts ist gewisser, als dass die Keuschheit der wahrhaft grossen Liebe von dem Einheitswillen der Seele und der Sinne bedingt wird. Aber dieser keusche Wille kann vor wie nach der Möglichkeit seiner Verwirklichung da sein. Und die Keuschheit der Liebe kann sich dann sowohl in dem Warten auf die volle Einheit offenbaren, wie im völligen Verzicht.

Freilich wird der junge Mann mit fünfundzwanzig Jahren die Berauschung der Liebe nicht so empfinden, wie er sie mehrere Jahre früher empfand. Aber wenn er sie erst um fünfundzwanzig herum erfährt, dann wird er – nach allen Gesetzen der physisch-psychischen Lustgefühle – gerade auf seinem Höhepunkt als Geschlechtswesen und nach Jahren der Beherrschung und Mühe für sein Glück eine reichere Lebensberauschung erfahren können, als die, deren er in den ersten Jugendjahren fähig war.

Es ist zweifellos, dass weniger die Bedürfnisse des Organismus als der Einfluss der Phantasie auf den Organismus die zu frühzeitigen erotischen Forderungen hervorruft. Nur eine neue Gesundheit und Schönheit in der Art der Behandlung der erotischen Fragen wird allmählich das Nervensystem kräftigen, die überreizte Phantasie umbilden, die erotische Neugier stillen und das Verantwortlichkeitsgefühl gegen sich selbst und die neue Generation steigern, so dass das vorzeitige Geschlechtsleben seine Lockung für die Jugend verliert.

 

All dies gilt jedoch nur von der unreifen Jugend.

Wenn hingegen ein paar Liebende das eben erwähnte Alter der Reife erreicht haben und ihre volle Vereinigung nur ihre eigene Lebenssteigerung und die der neuen Generation fördern kann, dann begehen sie eine Sünde gegen sich selbst und die Menschheit, wenn sie ihre gesetzliche oder freie Vereinigung nicht eingehen, sondern aus kleinlichen Rücksichten Jahr für Jahr hinausschieben.

Aber auch dann ist die heimliche Liebe nicht wünschenswert, bei der die Frau in beständiger Unruhe vor dem möglichen Kinde umhergeht und doch – nach der ersten Zeit des Liebesglücks – in der immer wachsenden Sehnsucht nach diesem sowohl, wie nach den übrigen Lebensverhältnissen, die ihrem im Treibhause oder im Keller vegetierenden Gefühle Sonne und frische Luft geben können.

Es ist in den meisten Fällen nur eine Frage der Zeit, wann dieses heimliche Glück hinsiecht, weil der Wagemut fast ausschliesslich auf seiten der Frau ist und der Mann in zu hohem Grade der Empfangende bleibt. Denn so ist die Menschennatur, dass dies sie hart macht; so die Liebe, dass dies sie schwach macht! Wird der Mann nicht hart, so kommt es daher, dass er aussergewöhnlich sensitiv ist. Und ist er das wieder, so wird die geheime Verbindung, in der die Frau am meisten gibt, für den Mann ebenso demütigend, wie eine Ehe, in der die Frau ihn durch ihren Reichtum oder ihre Arbeit erhält. Die Frau wird ihrerseits immer schwerer zu befriedigen, immer anspruchsvoller an die Liebe, die ihr Kind und Heim ersetzen soll, durch die sie erst die allseitige Entwicklung ihrer Kräfte gefühlt oder, mit anderen Worten, das volle Glück gefunden hätte. Und je zärtlicher sie liebt, desto gewisser wird sie früher oder später ausrufen:

Deine fordernde Sehnsucht wird wohl still,
Wenn ihre Küsse mich herzen –
Aber meine schweigt nicht – du, ich will
Mutterschmerzen!

Anmerkung: Margarete Beutler: Gedichte.

Denn die besten Eigenschaften der Frau, auch als Geliebte, sind untrennbar mit der Mütterlichkeit in ihrer Natur verwoben.

Man hat endlich viel darüber gesprochen, dass für eine Frau die volle Hingebung ohne die Ehe herabsetzend sei; dass der Mann dadurch seine Geliebte in seinen eigenen Augen und sich in den ihren herabwürdige; dass er selbstsüchtig sei, wenn er eine Vereinigung wolle, die die Ehrbarkeit und Schamhaftigkeit der Liebe verletze; dass er die Frau seinem Verlangen »opfere« – usw. All dieses Gerede ist wertlos, ganz einfach, weil die liebende Frau sich weder in ihren eigenen, noch in den Augen des Mannes herabgesetzt fühlt; weil sie nicht zu opfern glaubt, sondern zu nehmen und zu empfangen. Denn sie will die Vollheit der Liebe mit einem viel tieferen Willen als der Mann, da ihre erotischen Forderungen zwar stiller, aber stärker sind als die seinen. Doch sie ist sich oft – und oft lange – nicht bewusst, dass ihr tiefer Wille, um jeden Preis durch die Liebe glücklich zu werden, im innersten doch auf das Kind gerichtet ist. Der Mann sieht nur die Sehnsucht der Frau, und sein strahlendes Lächeln spricht nicht selten von einem leichten Siege. Aber er weiss nicht – lange weiss sie es selbst nicht – wann ihre Liebe Opfer wird; wann sie beginnt, ihr Verhältnis als herabwürdigend zu fühlen. Der Mann sieht nicht, was sie unter ihrem Lächeln verbirgt; er versteht sie nicht, wenn sie schweigt, lauscht vielleicht nicht, wenn sie spricht. Er glaubt sie noch befriedigt, wenn sie angefangen hat, nach mehr zu hungern.

Das Bedürfnis der Frau, für das Geschlecht zu leben und zu leiden, gibt ihrer Liebe eine reinere Glut, eine höhere Flamme, einen tieferen Ewigkeitswillen, eine unerschütterlichere Treue als der des Mannes. Von einer immer heisseren, immer opferwilligeren Zärtlichkeit für den Geliebten wird die ungestillte Mütterlichkeitssehnsucht ausgelöst. Der Mann hingegen, der immer weniger Anlass hat zu geben, gelangt so dazu, immer weniger zu lieben. Wenn die Frau dies entdeckt, fängt sie an sich zu erinnern, was sie gegeben hat. Und damit sind Kampf, Sünde, Sorge und ihr Lohn – der Tod – in eine von Anfang an vielleicht echte Liebe gekommen, eine Liebe, die voll und schön gelebt haben könnte, wenn sie den einigenden und läuternden Einfluss eines gemeinsamen Zieles, einer grossen Aufgabe gehabt hätte.

Wenn die Liebe nichts derartiges hat, dann richtet sie ihre Triebkraft gegen sich selbst. Die eigenen Gefühle und die der anderen werden dann Mittel zu einem Spiele, wie jenes, das im 18. Jahrhundert zur Rage wurde: le parfilage, was bedeutete: aus gebrauchtem Goldstoffe die Fäden ausziehen. Die Gefühle werden abgerissen, zerfasert, zusammengebunden, verwickelt, entwirrt, aufgespult. Aber Gefühle sind Wurzeln, nicht Fäden – auch nicht Goldfäden. In den grossen, gesunden Wirklichkeiten des Lebens hat die Schaffenskraft der Liebe wie der Kunst das nährende Erdreich für ihr Wachstum. Aus dieser Erde gerissen, wird die Liebe ebenso gewiss wie die Kunst ein vom Frühlingsturm entwurzelter Baum, der wohl noch einen Lenz blühen kann – obgleich alle seine Wurzeln in der Luft hängen – aber der den Sommer nicht überlebt.

Die geheime Liebe ist in dieser Beziehung mit den vornehmen Ehen ohne Kinder und ohne gemeinsamen Aufgaben vergleichbar, obgleich die opferwillige, sich selbst erhaltende heimliche Geliebte hoch über der unterhaltenen anspruchsvollen Luxusgattin steht.

Nicht abstrakte Pflichtbegriffe also, sondern die echte Selbstsüchtigkeit, die eins mit echter Sittlichkeit ist, wird die Jugend lehren, den durch die Entwicklungslehre noch tiefer gewordenen Inhalt des schon bei Spinoza tiefen Gedankens einzusehen: dass »die Geschlechtsliebe, die aus äusseren Zufällen entsteht, leicht zu Hass werden kann, zu einer Art Wahnwitz, von Zwietracht genährt; dass aber jene Liebe hingegen dauernd ist, die ihre Ursache in Seelenfreiheit und in dem Willen hat, Kinder zu gebären und zu erziehen«.

Durch den Lebensglauben und seine unzähligen Einflüsse, durch gradweise, kaum merkbare Umwandlungen wird die Freiheit der Liebe immer mehr Freiheit für diese dauernde Liebe bedeuten.

Der Zeitgeist, durch die Wertungen der Literatur und der Umgebung wirkend, bildet mit unfehlbarer Gewissheit Gedanken und Gefühle in der Richtung um, in die die Stärksten ihn lenken.

Der Jugend kommt es nun zu, diese Starken zu sein.

Mit einem immer stärker werdenden Willen zu allseitiger Lebenssteigerung wird die Elternschaft auch eine immer wesentlichere Voraussetzung derselben. Ebensowenig wie die jungen Menschen durch ein vorzeitiges Geschlechtsleben den Wert der Jahre herabmindern wollen, die ganz ihr eigenes Wachstum fördern sollen, ebensowenig werden sie wohl ihre Elternfreude dadurch verringern wollen, dass sie ein schwaches, unwillkommenes Kind in die Welt setzen. Denn alles Glück wollen sie voll und freimütig besitzen. Das erwartete Kind soll ihnen schöne Träume bringen, nicht quälende Unruhe; es muss von einem freudevollen, nicht von einem unwilligen Schosse getragen sein und sein Leben des Glückes Fülle, nicht dem Missglücken verdanken.

Wenn zwei Liebende dieses Willens sind und die Reife erreicht haben, wo der Wille das Recht hat, Wirklichkeit zu werden, dann vereinigen sie sich in voller Übereinstimmung mit ihrer eigenen Gesundheit und Schönheit, sowie der der neuen Generation und der Gesellschaft, auch wenn ihr reiner Wille zu gemeinsamem Leben und gemeinsamer Arbeit aus dem einen oder anderen Grunde nicht die Form der Ehe annehmen kann oder sie selbst diese Form nicht wünschen.

Für den, der Ohren hat zu hören, wird die Ziffer beredt sein: dass das mittlere Alter der illegitimen Verbindungen wenigstens in Schweden mit dem von der Natur bestimmten richtigen Alter für die Ehe zusammenfällt.

Und durch diese illegitimen Verbindungen wird die Menschheit oft um die Lebenstauglichkeit der Kinder betrogen, die durch die widrigen Verhältnisse, in denen sie aufgezogen werden, zerstört wird, wenn sie nicht schon im ersten Jahre sterben: die Sterblichkeit im ersten Lebensjahre ist ja bei den unehelichen Kindern bei weitem die grösste.

Ein anderer ebenso beredter Umstand ist der, dass die Anzahl der registrierten und nicht registrierten Prostituierten in demselben Masse zunimmt, in dem der allgemeine Gesellschaftszustand, die ökonomische Lage der Ehe ungünstig sind, und in demselben Masse abnimmt, in dem die Schliessung der Ehen erleichtert wird. Und – in gleicher Weise wie die unverheirateten Mütter – steht die Mehrzahl der Prostituierten im richtigen Alter für die Ehe!

Die Jugend der oberen Klassen darf jedoch in ihrem Kampfe gegen die Gesellschaftsordnung nicht zu der Verantwortungslosigkeit der unteren Klassen herabsteigen. Die gebildete Jugend muss der übrigen ein Vorbild geben, indem sie wohl ihre ehelichen Vereinigungen zur rechten Zeit schliesst, aber auch auf eine für die kommende Generation und die Gesellschaft wirklich gute Art. Die jungen Leute mögen sich immerhin – wie ihre Altersgenossen in den breiten Volksschichten – die Möglichkeit, ein Nest zu bauen, erzwingen, die ihnen verweigert wird, bevor ein Kind erwartet wird. Aber die jungen Menschen haben nur dann ein Recht auf diese Art Trotz, wenn sie bereit sind, sobald sie es können, selbst die neuen Wesen zu schirmen, die der Menschheit einmal sie selbst ersetzen sollen. Vor allem muss doch auch die gebildete Jugend an der sozialen Neugestaltung teilnehmen, die – im grossen gesehen – die einzige Lösung der Ehefrage ist.

Anstatt die »freie Liebe« zu verfechten, die jetzt ein vieldeutiger und missbrauchter Begriff geworden ist, muss man für die Freiheit der Liebe kämpfen. Denn während die erstere dahin gelangt ist, Freiheit für jedwede Liebe zu bedeuten, bedeutet die letztere nur Freiheit für ein Gefühl, das des Namens Liebe wert ist.

Diese dürfte im Leben immer mehr dieselbe Freiheit erringen, die sie seit jeher in der Dichtung gehabt hat. Die Blüte der Liebe, sowie ihr Knospen wird dann ein Geheimnis zwischen den Liebenden bleiben, nur ihre Frucht eine Angelegenheit zwischen ihnen und der Gesellschaft. Wie immer hat die Dichtung auch hier den Weg der Entwicklung gezeigt. Selten hat ein grosser Dichter das gesetzgeweihte, wohl aber das freie und geheime Liebesglück besungen. Und auch in dieser Beziehung kommt die Zeit, wo man nicht eine Sittlichkeitsnorm auf die Poesie, eine andere auf das Leben anwenden wird. Schon der Dichter der Sakuntala nennt die Liebe die schönste, die sich frei in der nur durch die Fülle des Gefühls geheiligten Gandarvaehe gibt. Aber schon damals sah man ein, welche Gefahr darin liegt, dass »ein unbekanntes Herz an ein unbekanntes Herz geschlossen wird«.

Schon damals war es die Besorgnis für das Schicksal des Kindes, die die gesellschaftliche Verantwortlichkeit mit der Freiheit der Liebe verband.

Das neue Sittlichkeitsbewusstsein ist also alt. Aber doch muss es neu genannt werden, weil es anfängt, allgemeines Bewusstsein zu werden. Immer mehr Leute sehen ein, dass der Mensch, der sich – frei oder getraut – einem ihm im Innersten Fremden hingibt, den Adel seiner Persönlichkeit verletzt; immer mehr ahnt man, dass es das Heimatsgefühl in der Seele eines anderen ist, das der Hingebung ihre Weihe verleiht.

Der Freier, der – im Frack – sein Gefühl für die Tochter zuerst dem Vater erklärte, ist schon ein so veralteter Typus, dass man ihn nicht einmal mehr lächerlich machen kann! Die Hochzeit, nach Verlobungsfesten, Polterabend, kirchlicher Trauung – vor der zuweilen eine Generalprobe des »feierlichen Aktes« abgehalten wird – und mit dem Geleite der Hochzeitsgäste zum Brautgemach oder zum Waggon, diese Sitte wird bald als lächerlich angesehen werden, dann als unanständig und schliesslich als unsittlich. Und sie fängt schon an – ebenso wie andere Überbleibsel aus der Zeit, wo die Heirat die Angelegenheit der Familie war – in dem Masse zu verschwinden, in dem die Liebe sich entwickelt. Immer weniger ertragen die Liebenden das Ausspionieren ihrer feinsten Gefühle; immer mehr retten sie sie vor der Zollvisitation der Gesellschaft, den Dietrichen der Familie, den Taschendiebsfingern des Bekanntenkreises. Mehr und mehr wird die Liebe als ein Teil der Mystik der Natur verehrt, deren Verlauf kein Aussenstehender bestimmen kann, deren zarte Äusserungen und unausgesprochene Möglichkeiten niemand stören darf.

Wie kann die Liebe, der eine grosse Herrscher des Lebens, seine Freiheit eher aus der Hand der Gesellschaft empfangen, als der andere, der Tod? »Die Liebe und der Tod, die aneinander grenzen, wie die beiden Seiten eines Bergkammes, dessen Höhenlinie überall da ist, wo sie sich begegnen;« die Liebe und der Tod, die – die eine mit den Flügeln der Morgenröte, der andere mit denen des Nachthimmels – die Portale zwischen dem Erdenleben und den beiden grossen Dunkelheiten, die es umschliessen, überschatten, nur diese beiden sind Mächte, die an Majestät vergleichbar sind.

Aber während es nur einen Tod gibt, gibt es viele Arten von Liebe.

Der Tod spielt nie. Wenn alle Liebe ebenso ernst wird, wird auch sie das Recht des Todes haben, ihre Zeit und Stunde zu wählen.

 

In der Frühlingszeit der Liebe können Eltern nur dann etwas für ihre Kinder bedeuten, wenn sie Ehrfurcht vor dem Wunder empfinden, das sich in ihrer Nähe vollzieht. Aber bis jetzt sind die Eltern selten so feinfühlig gewesen, dass die Kinder sie als verständnisvolle Freunde behandeln können. Die Jugendzeit ist gewöhnlich von Kämpfen erfüllt, die teils durch die Umformungslust der Eltern verursacht werden – gegen die die Kinder erst jetzt wagen, sich zur Wehr zu setzen – teils durch die Lust der Kinder, ihre Ideale zu behaupten, die immer andere sind als die der Eltern, denn sonst »hätte ja die neue Generation keine Existenzberechtigung«. (Georg Brandes.) Die Eltern könnten sich selbst und ihren Kindern unsägliche Leiden ersparen, wenn sie von Anfang an begriffen: dass Kinder ausschliesslich als neue Persönlichkeiten mit neuen Göttern und neuen Zielen bedeutungsvoll werden; mit dem Rechte, ihr eigenes Wesen zu schützen; mit der Pflicht, neue Wege zu suchen und dabei von den Eltern in ebenso hohem Grade geachtet zu werden, als diese ihrerseits ein Recht haben – für das Beste, was sie waren oder sind, wollen oder gewollt haben – von den Kindern verehrt zu werden. Das einzige, worauf Eltern ihren erwachsenen Kindern gegenüber nie verzichten sollen, ist, ihnen mit ihrer Erfahrung zu dienen. Aber sie müssen dabei dessen eingedenk sein, was ein armes, liebendes Herz am leichtesten vergisst: dass nicht einmal seine bitterste eigene Erfahrung es den Kindern ersparen kann, ihre eigenen bitteren Erfahrungen zu machen. Sie werden wahrscheinlich die Irrtümer der Eltern vermeiden, aber nur, um selbst andere zu begehen! Die einzige wirkliche Macht, die ein Vater oder eine Mutter über das Schicksal ihrer Kinder hat – aber die ist auch unermesslich – besteht darin, das Heim mit ihrer starken, schönen Persönlichkeit zu erfüllen; mit Liebe und Freude; mit Arbeit und Kultur; die Luft dort so reich und rein, so erfüllt von Ruhe und Wärme zu machen, dass die Kinder die Ruhe haben, mit ihrer Wahl zu warten, und einen grossen Massstab, nach dem sie wählen können!

Aber wenn die Eltern sehen, dass die Kinder trotz alledem in die Versuchung geraten, den Zufall für das Schicksal zu halten, dann bedarf es auf ihrer Seite einer beinahe göttlichen Weisheit, die Gefahr abzuwenden. In den meisten Fällen arbeiten die Eltern bewusst oder unbewusst dem Zufall in die Hände, wenn sie vor dem Schicksalsbestimmten Hindernisse auftürmen. Sie warnen nicht vor dem Nichtssagenden, dem Nichtsgebenden: nein, sie führen armselige, kleinliche Gründe ins Feld, denen die Jugend mit all dem Besten in ihrer Natur widerstrebt. Und sie beschwichtigen ihre eigenen unruhigen Ahnungen, denen zu folgen die Eltern sie hätten bewegen können, wenn sie selbst einen klareren Blick für die Wesentlichkeit gehabt hätten.

Selbst in den liebevollsten Familien gehen die Kinder in der Zeit der Frühlingsstürme wie Rätsel einher, die die Eltern oft vergebens zu deuten suchen. Nie leidet eine junge Seele mehr, als unter der Lösung ihres eigenen Rätsels. Aber nur der Vater oder die Mutter, die sich durch ihre Kinder zu erneuen und zu verjüngen vermochten, könnten ihnen bei der Lösung helfen. Sonst ist die Folge nur die, dass die Eltern von ihrer Seite aus Steine zu der Mauer tragen, die die Kinder von der ihren immer höher bauen.

Auch Eltern, die nicht zu knarrenden Arbeitsmaschinen geworden sind; die ihre Gewalt nicht ausüben, weil sie die Machtmittel besitzen, sondern weil sie die geistige Überlegenheit haben; die im Hause den Kindern nicht nur Freiheit zur Freude, sondern auch die Freude der Freiheit geben, werden doch oftmals in der Bemühung scheitern, ihre Überlegenheit für die Kinder erspriesslich zu machen, sie durch ihren Freisinn aus ihren jugendlichen Einseitigkeiten zu befreien. Und dann müssen sie den Kampf aufgeben. Denn er wird die Unmöglichkeiten des Gegenwärtigen nicht bessern, nur die zukünftigen Möglichkeiten des Verständnisses zerstören.

In den drei grössten Entscheidungen des Lebens – über die Lebensanschauung, die Lebensarbeit und die Liebe – muss jede Seele eigenmächtig sein. Da müssen die Eltern ihre Gewalt darauf beschränken, die Kinder vor Lebensgefahren zu retten. Aber sie müssen diese auch entdecken können, müssen die tiefe Forderung von der oberflächlichen, den Weg vom Abweg zu unterscheiden wissen.

Vermögen die Eltern dies nicht, dann müssen die Kinder ihre Pflicht gegen sich selbst und das Leben erfüllen, indem sie – früher oder später – ihrer Wege gehen.

Wenn die Kinder »schweigen und lächeln« können, um handelnd ihren Ernst zu zeigen, dann können die Kinder wahrscheinlich ihre Eltern erziehen. Es wird sich dann oft zeigen, dass die Herzen eines Vaters, einer Mutter stärker, ihre Seelen weiter sind, als Kinder oder Eltern vor der Probe glaubten. Zeigt es sich hingegen, dass nur die Fehler und Vorurteile der Eltern den Kampf verursacht haben – dann sind Fehler und Vorurteile darum nicht mehr wert, weil sie die eines Vaters oder einer Mutter sind!

Aber auch wenn es sich so verhalten sollte, dass die Eltern keine Seelen haben, die sich vertiefen, nur Herzen, die verbluten können, ist es doch die Pflicht des Kindes gegen sich selbst wie gegen vergangene und kommende Geschlechter, seinem eigenen Wesen die höchstmögliche Vollendung durch die Liebe zu geben. Die Eltern sind nur ein Glied in der unendlichen Kette der Geschlechter: das Blut von hunderttausenden haben die Eltern den Kindern zugeführt, die es nun ihrerseits weitergeben. Die Kinder haben höhere Pflichten gegen all diese Toten und Ungeborenen, als gegen das einzige Paar Menschen, das ihnen Vater und Mutter ward. Es liegt der Jugend ob, all diese Toten so voll als möglich durch die Entwicklung ihres eigenen Wesens und in dem Wesen ihres Kindes wieder aufleben zu lassen. Ein Mensch kann seine Natur mehr dem Herzen seiner Grossmutter, der Phantasie seines Urgrossvaters verdanken, als der eigenen engherzigen Mutter oder dem geistesarmen Vater. Weit davon entfernt, dass es stets eine Pflicht ist, seinen Eltern Freude zu machen, kann es eine Pflicht sein, ihnen Kummer zu machen – um seinen Nachkommen Freude zu bereiten. Es ist gut, Vater und Mutter zu ehren; wichtiger ist doch das Gebot, das Moses vergass: Sohn und Tochter zu verehren, noch ehe sie geboren sind!

Wenn das Gefühl für die Toten und Ungeborenen bewusst eine Triebkraft der Handlungen der Menschen wird, weil es eine Macht in ihrem Empfinden ist, dann werden die Ansprüche der Eltern, das Leben der Kinder zu entscheiden – sowie die Forderungen dieser, das der Eltern zu bestimmen – immer mehr vor der Majestät des Verflossenen und des Zukünftigen zusammensinken.

 

Aus dem Vorhergehenden geht hervor, dass jene Sittlichkeitsverkündung wenig wert ist, die nicht die Forderung einschliesst, gesunden Menschen zwischen zwanzig und dreissig Jahren die Möglichkeit der Heirat zu bereiten, die Möglichkeit, die ausnahmslos für unsere germanischen Vorväter vorhanden war, auf deren vorbildliche Enthaltsamkeit man sich jetzt beruft!

Solange immer ausgedehntere Gelehrsamkeitsproben, das Budget des Staates, die Dividenden der Aktiengesellschaften und die Lebensansprüche der Umgebung dem Rechte der Jugend auf Elternschaft vorausgehen, verbleibt das Ganze gleich, trotz einer zunehmenden Minderzahl von Männern, die um ihrer eigenen Persönlichkeit oder um ihrer Liebe willen die Enthaltsamkeit bis zur Ehe oder ohne die Ehe durchführen.

Dass dieses Opferwesen der Gesellschaftsordnung und der Kultur aufhöre, ist schon für die einzelnen wichtig, aber in unendlich höherem Grade für die Gesellschaft, deren Kräfte jetzt durch die Wirkungen der Unsittlichkeit verheert und durch die der Sittlichkeit gehemmt werden; die Gesellschaft, deren Stärke in so hohem Masse von jungen, gesunden Eltern der neuen Generation abhängt!

Schon innerhalb der jetzigen Gesellschaftsordnung ließen sich die Heiratsmöglichkeiten der Jugend durch eine kluge Verwirklichung der Eigen-Heim-Idee auf dem Lande verbessern; durch verkürzte Studienzeit; durch die Hebung der niedrigen Lohnkategorien, die jetzt auf die Befriedigung des Geschlechtsbedürfnisses durch die Prostitution berechnet scheinen; durch frühere Pensionierung der älteren, um dem mittleren Alter – wo die Last der Kindererziehung am schwersten ist – die höheren Lohnkategorien zu sichern u. dgl.

Ausserdem ist eine durchgreifende Änderung der Lebensansprüche und Lebensgewohnheiten nötig, vor allem in den Grossstädten, wo Wohnungsvereine zur Errichtung kleiner Wohnungen mit gemeinsamer Küche, Bureaus für gut geordnete häusliche Hilfe gegen Stundenlohn und Konsumvereine zur Verbilligung der Lebenskosten der Jugend die Familiengründung beträchtlich erleichtern könnten. Nicht nur diese jedoch, sondern auch die Gesellschaftsarbeit würde gefördert werden, falls Männer von ungefähr 25 Jahren für den Eintritt in ihre verschiedenen Berufe bereit wären, um dann – nach 30–35 jährigem Staatsdienst – pensionsberechtigt, aber auch verpflichtet zu sein, ihren Abschied zu nehmen, mit Ausnahme der seltenen Fälle, in denen das Genie eine Persönlichkeit in einer leitenden Stellung unentbehrlich macht. Die Erfahrungen, die der Mann gewonnen, die Kraft, die er noch übrig hätte, würden in anderen bürgerlichen Tätigkeiten oder in persönlichen Lebensinteressen volle Verwendung finden.

 

Jede Sittlichkeitspredigt an die Jugend, welche nicht zugleich die Gesellschaft verurteilt, die die Unsittlichkeit begünstigt und die Verwirklichung der Jugendliebe unmöglich macht, ist mehr als eine Dummheit, ist ein Verbrechen.

Solange die jetzigen niedrigen Lohnverhältnisse und unsicheren Arbeitsmöglichkeiten weiter bestehen, wird auch immer weiter das Blut der Männer verdorben, das der Frauen verdünnt werden, während sie auf die Ehen warten, die der Gesellschaft prächtige Kinder gesunder und glücklicher Eltern hätten schenken können.

Und solange die Staaten so stumpf ihre höchsten Werte hinopfern, wird jede andere Art der Gesellschaftsveränderung ein Penelopegewebe, wo – im wahrsten Sinne des Wortes – die Nacht das aufreisst, was der Tag gewirkt hat.

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