Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ellen Key >

Über Liebe und Ehe

Ellen Key: Über Liebe und Ehe - Kapitel 4
Quellenangabe
pfad/key/liebeehe/liebeehe.xml
typetractate
authorEllen Key
titleÜber Liebe und Ehe
publisherS. Fischer Verlag
printrunSechzehnte Auflage (31.?32. Tausend)
year1914
translatorFrancis Maro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100719
projectid62cb8fea
Schließen

Navigation:

Die Evolution der Liebe

Wenn die Stimme die Seele verrät, so verrät das Lied die Volksseele. Dass die schwedische nicht erotisch ist, davon wird man schon durch die Eigentümlichkeit überzeugt, dass keiner unserer grossen Liederdichter ein grosser Erotiker ist.

Atterboms in mystischen Räumen vertönende Liebeslyrik ist jedoch der Gefühlsstimmung der beiden Schweden verwandt, die vor allen anderen in der Liebe die grosse Lebensmacht gesehen haben, Swedenborg und Almquist. Auf der einen Seite von ihnen finden wir Thorild, auf der anderen Hvasser, beide ernste Denker über das Weib und die Liebe. Aber keiner dieser vier – unter einander sehr verschiedenen – Verkünder der Liebe erlangte für die erotische Kultur in Schweden eine Bedeutung, die sich z. B. mit der Kierkegaards in Dänemark vergleichen liesse. Mit der Bergmannsnatur des Genies holte er aus einer kurzen gelösten Verlobung Erfahrungen hervor, die eine unerschöpfliche Goldgrube für die Verkündigung der »ästhetischen Gültigkeit der Ehe« wurden. Gleichzeitig gab Christian Winther in den Liedern »An Eine« dem erotischen Einheitsgefühl eine der schönsten Ausdrucksformen in der Weltliteratur.

Nicht einmal die schwedischen Schriftstellerinnen, die jede auf ihrem Gebiete am höchsten stehen – Frau Lenngren, Friederike Bremer und Selma Lagerlöf – haben das erotische Bewusstsein vertieft. Und bei unseren lyrischen Dichtern findet man die persönlichkeitserfüllte Erotik nur als Sehnsucht oder Möglichkeit. Sie leuchtet wie ein Sonnenstrahl oder ein Blitz oder ein einsamer Stern bei unseren grössten Lyrikern auf.

Und unter den jetzt Lebenden liessen sich auch einzelne Beweise gegen eine Behauptung anführen, die doch im ganzen wahr verbleibt: dass die Liebe für die schwedischen Dichter der schöne Traum des Frühlings oder die milde Wärme des traulichen Heimgefühls ist; die stille Opferflamme der Resignation oder der heisse Brand des Blutes, ein Teil des Lebens, und nur selten das Leben des Lebens, die Wirklichkeit der Wirklichkeiten. Was die Ursache auch sein mag, ob – in erotischer Beziehung – leichterer Sinn und kälteres Herz oder trägerer Sinn und trockenere Seele als bei den übrigen Germanen, sicher ist, dass eine atemlose, unauslöschliche Leidenschaft, die das Leben freudvoll und leidvoll macht, die der Mittelpunkt wird, um den die Persönlichkeit sich bewegt, die all ihre Kräfte steigert und die Synthese all ihrer Daseinsformen ist, dass eine solche Liebe ein unbekannter und – wenn man ihr begegnet – ein schwer fassbarer Begriff für das schwedische Temperament ist. Alle wissen, dass diejenigen, welche behaupteten, dass die Erde sich um die Sonne dreht, nicht die Sonne um die Erde, als Toren belächelt oder als Ketzer behandelt wurden. In gleicher Weise begegnen noch sogar schwedische Denker und Dichter – und mit ihnen viele, die weder dichten noch denken – jemandem, der behauptet, dass die Begierde sich um die Liebe bewegt, nicht die Liebe um die Begierde.

Ebenso zurückgeblieben wie die Schweden, verglichen mit einer Anzahl anderer Germanen, in ihrer Auffassung von »l'amour passion« sind, ebenso zurückgeblieben sind die Germanen im Verhältnis zu den Höchststehenden der romanischen Völker. Das gallische Gegenstück der lutherischen Ehelehre findet man bei einem anderen Mönche, Luthers Zeitgenossen, Rabelais, in seinem fröhlichen Vorschlag eines neuartigen Klosters, wo jeder Mönch seine Nonne hätte und diese Liebespaare nach einem Probejahre geschieden werden könnten, ein Plan, der vielleicht kein sehr viel längerer Umweg für die Erziehung der Menschen zur Liebe geworden wäre, als es die lutherische Ehelehre wurde?! Nichts ist weniger wahr, als dass die Reformation die Achtung vor der Liebe und der Frau gehoben hat. Sie hob das Ansehen des ehelichen Standes gegenüber dem ledigen, aber sie steigerte weder die Bedeutung der Frau in der Ehe, noch die Bedeutung der Liebe für die Ehe. Schon im Mittelalter bringt der Romane der Frau eine Huldigung dar, die noch heute dem germanischen Manne beinahe unfassbar ist. Und wenn diese Huldigung einerseits die Form des dem Romanen im Blute liegenden Venuskult annahm, drückt sie andererseits durch den Marienkult ihre Ehrfurcht vor dem Tiefst-Weiblichen, vor der Mütterlichkeit, aus. Noch heute wird die französische Frau nicht nach ihren Lebensjahren, sondern nach ihren Eigenschaften bewertet. Nicht nur die Mütter beten dort ihre Söhne an, sondern auch diese ihre Mütter. Aber nicht nur der Mutter, sondern neben ihr jeder liebenswürdigen gealterten Frau wird im Gesellschaftsleben wie in der Familie von Männern jedes Alters Aufmerksamkeit gezollt. Die Ehegattin des Mittelstandes ist – allerdings auf Kosten der Kinder – an dem Berufe des Mannes mit einem bei dem germanischen Mittelstande unbekannten Ernste mit tätig. In Frankreich wie in Italien hat das Familienleben eine Form der Innigkeit, die der Germane nicht versteht, weil dem romanischen Temperament das Gemüt fehlt, das seine Lichter über die oft holperigen Linien und harten Farben der germanischen Seelenlandschaft streut. Es ist mehr die Kälte des Naturells als die Stärke der Seele, die den Germanen um so viel weniger erotisch als den Südländer macht; es drückt sich mehr Gleichgültigkeit gegen die Frau als Achtung vor ihr in der Verschiedenheit zwischen den Liebessitten des Nordens und des Südens aus.

Aber nachdem man, um gerecht zu sein, all dies zugegeben hat, kann man mit gutem Gewissen auf der anderen Seite die Bedeutung des germanischen Geistes für die Bestrebung betonen, die Zweiteilung zwischen Liebe und Ehe aufzuheben, die seit der Zeit der Liebeshöfe bei den Völkern des Südens herrscht. Die Eigenart des gallischen Geistes ist es ja, auseinanderzuhalten. Dies macht ihn stark darin, die äussersten Konsequenzen eines Gedankens zu ziehen, aber es setzt ihn auch instand, sich im Leben zwischen Extremen zu teilen. Die Stärke des Germanen hingegen ist seine Einheitssehnsucht. Diese macht ihn als Denker inkonsequent, weil er alles miteinbeziehen muss, aber dafür im Leben zu einem nach Zusammenhang Strebenden. Dasselbe tiefe Persönlichkeitsgefühl, das den Protestantismus schuf, hat in der germanischen Welt versucht, die Liebe so wie den Glauben zu einer Privatsache des einzelnen und die Ehe eins mit der Liebe zu machen. Die von der Familie geordneten oder von der Vernunft bestimmten Ehen gehören nun im Norden in den gebildeten Klassen zur Vergangenheit, während sie in der romanischen Welt die Regel sind, allerdings mit immer mehr Ausnahmen. Aber noch setzt der Franzose meistens sein erotisches Gefühl in freien Verbindungen vor oder während der Ehe ein. Und die französische Gattin hat vollständig die Unstichhaltigkeit der Behauptung erwiesen, dass »eine Frau immer den Vater ihrer Kinder liebt«, jene gefährlichste aller Irrlehren, die die Frau in die Ehe und von ihr zum Ehebruch führen. Bei Shakespeare wieder ist die Gattin schon die Geliebte, und auch weiterhin findet man in der englischen Literatur immer die höchsten Ausdrucksformen für das erotische Einheitsgefühl des Germanen. Seit die Minnesänger des Mittelalters verstummt sind, zeugt das vom Luthertum beherrschte deutsch-nordische Literaturgebiet hauptsächlich von der »Begierde des Fleisches«. Die Frauen werden in dem Masse geachtet, in dem sie ihren Beruf als Kindergebärerinnen und Hausmütter erfüllen. Die Aufhebung des Klosterlebens und des Cölibats bringt jedoch das Gute mit sich, dass die geistigen Kräfte, die früher mit dem Individuum erloschen, fortgepflanzt werden. Und wahrscheinlich wird durch irgend einen von jenen, die früher mit ihrem Idealismus in ein Kloster geflüchtet wären, die Sehnsucht nach der grossen Liebe sich auf Söhne und Töchter vererbt haben.

Unter den schwedischen Frauen ist es vor allem H. Ch. Nordenflycht, die nicht nur selbst die grossen Gefühle hat, sondern auch den Mut, die Freiheit und Bildung zu gebrauchen, durch die diese Gefühle Ausdruck erhalten, und die ein gleiches auch für ihre Geschlechtsgenossinnen verlangt. Sie ist in jeder Beziehung die erste »Feministin« unseres Landes: ein ganz moderner Geist, das heisst ein ganz und gar persönlicher, nur durch die Seele lebender Mensch; voll Religiosität in ihrem freien Denken, voll Leidenschaft in ihrem Gefühl für Natur und Kultur; in ihrer Erotik mit ganzer Seele wie mit allen Sinnen liebend, in der grossen Liebe lebend und an ihr sterbend.

In Deutschland vertritt der tonangebende Dichter des 18. Jahrhunderts, Gottsched, das Recht der Frau auf Kultur; in Amerika zeigen die Frauen im Freiheitskriege ihr Zusammengehörigkeitsgefühl; und in einem anderen, späteren Freiheitskampf, dem gegen die Negersklaverei, kam dort die Frauenbewegung in Fluss.

In Frankreich ist das achtzehnte Jahrhundert mehr als irgend eine andere Epoche »das Jahrhundert der Frau«. Die Salons sind der Brennpunkt aller Ideen; die grössten männlichen Geister schreiben für die Frauen, und diese werden elektrische Batterien, von denen die Zeitgedanken nach allen Richtungen zündende Funken aussprühen. So wirken die französischen Frauen mit, die französische Revolution vorzubereiten. Während dieser schreibt Olympe de Gouges ihre Deklaration der Frauenrechte, als Gegenstück zu der der Menschenrechte. Es ist der Geist der neuen Zeit, der uns in Mary Wollstonecrafts »A Vindication of the Rights of Woman« (1792), sowie in Hippels im gleichen Jahre erschienenen »Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber« und in des schwedischen Denkers Thorild gleich nachfolgender Schrift »Über die natürliche Hoheit des weiblichen Geschlechts« entgegentritt. Drei ihrer Art nach gleich bemerkenswerte Zeichen der Zeit, die schon das ganze Gleichstellungsprogramm der »Emancipation« enthalten: dasselbe Recht auf Bildung, Arbeit, Anteil an der Gesetzgebung für die Frau wie für den Mann, und Gleichstellung in den Gesetzen und in der Ehe.

Einzelne befreite Frauen waren nichts neues: in Griechenland kam der Typus so häufig vor, dass das Lustspiel ihn verwendete; in Rom gab es Frauen, die ihren Unterhalt erwarben; im Mittelalter übte nicht nur die berühmte Schwedin Birgitta, sondern noch manche andere Frau – in der Eigenschaft einer Äbtissin oder Regentin – eine grosse und oft segensreiche Tätigkeit aus. Sowohl das Altertum wie Mittelalter und Renaissance weisen Gelehrtinnen, Ärztinnen und Künstlerinnen auf. Aber erst von dem Jahrhundert der grossen Revolution an findet man bei den Frauen selbst wie bei einzelnen Männern das anhaltende und zielbewusste Streben, die Rechte und die Bildung der Frau zu heben.

Und überall, wo dieses Streben tiefer ging, verband es sich mit dem Willen, die Stellung der Frau zur Liebe und in der Ehe umzugestalten.

Was Schweden betrifft, so dürften wohl kaum ein Dutzend Frauen von H. Ch. Nordenflychts oder Thorilds Feuerseelen entflammt worden sein, während Tausende Frau Lenngrens witzig-trivialem »Rat für meine liebe Tochter« folgten. Weiblicher Stumpfsinn und Gedankenleere – und die Vernunftehen – fanden da leider fast ein halbes Jahrhundert lang ihre poetische Rechtfertigung! Und was reiche Frauenseelen unter dem Druck dieser allgemeinen Meinung leiden mussten, das haben Friederike Bremers Lebensgeschichte, ihre Selbstbekenntnisse so ergreifend offenbart, dass dieses einzige Dokument genügen würde, um die tiefe Berechtigung des ganzen früheren Emancipationsstrebens zu beweisen. Aber leider war Eros für Friederike Bremer »der unbekannte Gott«. Und ihr grosser Kampf um den Menschenwert und das Bürgerrecht der Frau drang also nicht bis zu dem Herzpunkt der Frauenfrage. Ein Mann, Almquist, war es, der bei uns auszusprechen wagte: dass die gesetzliche lutherische Ehe das Recht der Frau ebenso tief verletze wie das der Liebe, und er ging unter in diesem Kampfe, der noch auszukämpfen ist.

 

Es ist eine sehr häufige, aber irrige Meinung, dass die Monogamie die Liebe hervorgerufen habe. Diese tritt schon bei den Tieren auf und hat sich dort, wie in der Welt der Menschen, von der Monogamie unabhängig gezeigt.

Der Ursprung der Monogamie in der menschlichen Gesellschaft ist in eigentumsrechtlichen Verhältnissen, religiösen Begriffen, staatlichen Nützlichkeitsgründen zu suchen, nicht aber in der Erkenntnis der Bedeutung der Auswahl der Liebe. Die Liebe hat im Gegenteil in unablässigem Kampfe mit der Monogamie gelegen, und es ist also ein Irrtum zu glauben, dass die höhere Auffassung der Liebe nur durch die Monogamie entstanden sein sollte. Der Liebesbegriff ist durch Angriffe auf die Ehe und ausserhalb derselben in ebenso hohem Grade entwickelt worden.

Während man trotz zuströmender Gegenbeweise noch immer die Bedeutung des Christentums für die Entstehung der menschlichen Liebe überschätzt, hat man seine mittelbare Bedeutung für die Entwicklung der Geschlechtsliebe noch nicht genug betont. Gewiss gibt es rings auf dem Erdenrund – von Island bis Japan – Lieder und Sagen, die ein strahlendes Zeugnis für die Gewalt der Liebe über Menschenherzen zu allen Zeiten geben. Aber das Geschlechtsgefühl besass doch nur eine untergeordnete Bedeutung für das menschliche Seelenleben, ehe nicht das Christentum auch der Frau eine Seele zuerkannte, die erlöst werden konnte – oder mit anderen Worten – eine Persönlichkeit, die sich vertiefen liess. Das Christentum befahl ausserdem mehr die weiblichen als die männlichen Tugenden an, und obgleich Christus selbst das Weib, die Liebe und das Familienleben unbeachtet liess, wurde seine Ethik doch in mittelbarer Form eine Frauenverherrlichung. Die Vergrößerung des Seelenwertes des Einzelnen durch das Christentum – im Gegensatz zu der Betonung seines Bürgerwertes durch das Heidentum – war zugleich einer der unterirdischen Zuflüsse, die im Mittelalter die Liebe zur Lebensmacht machten.

In der Antike war die Ehe eine Gesellschaftspflicht, die Freundschaft hingegen der freie Ausdruck der Sympathie. Erst als für das Bewusstsein des Mannes die Frau beseelt wurde, konnte die persönliche Erotik entstehen. Aber so geheimnisvoll sind die Einflüsse, durch die die Seele der Menschheit wächst, dass die Jünglingsliebe der Antike mittelbar auch das Sympathiebedürfnis zwischen Männern und Frauen entwickelte; dass die Unterdrückung des Geschlechtstriebs durch die katholische Askese mittelbar das nach innen gekehrte, seelenvolle, sich über die Sinnlichkeit erhebende Liebesgefühl entwickelte.

Anmerkung: Man sehe Briefwechsel zwischen Erwin Rohde und Nietzsche. Als eine mit einer antiken Gedankenrichtung zusammenhängende moderne Spekulation mag hier ein kürzlich aufgestelltes Paradoxon erwähnt werden: dass der Schluss- und Höhepunkt der Menschheitsentwicklung der Hermaphroditismus sein sollte.

Die neue Auffassung der Liebe als höchsten Zustands der Seele war schon in der Zeit der Kreuzzüge so bewusst, dass diese Zeit auch die der französischen Liebesgerichtshöfe wird. Die Frau, der Ritter, der Sänger vertiefen und verfeinern die Erotik, unter anderem auch dadurch, dass sie ihre – Unvereinbarkeit mit der Ehe betonen!

Forscher haben bewiesen, wie die verfeinerten Ausdrücke der Dichtung für die Liebe mit den Formen des Geschlechtslebens der höheren Klassen zusammenhängen, seit die Monogamie Gesetz, aber heimliche Polygamie Sitte ward. Diese Zweiteilung der erotischen Gefühle hat einerseits so feine und hohe, andrerseits so rohe und niedrige Äusserungen veranlasst, dass keine von beiden ein Gegenstück bei den Völkern – oder Klassen in einem Volke – findet, wo diese Zweiteilung unbekannt ist, weil die geschlechtliche Wahlfreiheit dort unbestritten herrscht.

Anmerkung: Man sehe Yrjö Hirn: »Der Ursprung der Kunst«.

Und dies ist natürlich. Denn das Geschlechtsleben behält dort seine »paradiesische« Unschuld, eine von keinem höheren Bewusstsein getrübte Animalität. Erst ein langer Entwicklungsverlauf kann diese Unschuld auf einer höheren Stufe wiederherstellen. Der Weg dazu führt durch die Zersplitterung, die die »Arbeitsteilung« auch in Bezug auf die Entwicklung der Gefühle mit sich bringt.

Das Mittelalter vermochte also nur die Liebe von der Ehe zu trennen. Das bezeugen auch die grössten Liebeslieder und Liebesschicksale. In der Welt der Dichtung sind Tristan und Isolde, in der der Wirklichkeit Abélard und Heloise die höchsten Typen der damals schon anbrechenden neuen Zeit, die schliesslich die Rechtserklärung des menschlichen Gefühls wie des menschlichen Gedankens bringen wird. Diese im Leben und im Tode vereinten Liebenden sind die höchsten Beispiele des Mittelalters von der freien Liebe, die ihre eignen Gesetze schreibt und andere aufhebt; von der grossen Liebe, die das Ewigkeitsgefühl grosser Seelen ist, im Gegensatz zu der Eintagsneigung kleiner Seelen.

Die Scholastik, indem sie die auf sich selbst gewandte Seelenforschung immer vertieft; die Mystik, indem sie das Gott hingegebene Seelenleben immer verfeinert, giessen unbewusst Öl in die rote Flamme der Liebe wie in die weisse des Glaubens. Diese »Vita nuova« der Liebe schlägt in den Flammen der Dichtung auf, deren höchstlodernde Zunge Dante wurde. Sie lebte in den romanischen Völkern in auserwählten Seelen fort. Der Platonismus der Renaissance verfeinerte die Liebesempfindung des Mittelalters als das beste Mittel zur Vervollkommnung in den vornehmsten menschlichen Eigenschaften. Und so wird das Recht der Liebenden unabhängig von der Gesellschaftssitte befestigt.

Es ist bezeichnend, dass – bei den Liebesgerichten des Mittelalters wie an den Höfen der Renaissance und bei den Geistesspielen des sechzehnten Jahrhunderts – den Frauen nicht nur dasselbe Recht des Gefühls zuerkannt wird wie den Männern, sondern auch dieselbe Freiheit, ihre seelischen Gaben zu gebrauchen. Denn jede Vertiefung der Liebe steht in verborgenem oder offenem Zusammenhang mit der Vergrösserung des Seelenlebens der Frau und dadurch mit der gesteigerten Schätzung, die der Mann für ihren Persönlichkeitswert hat. Während das Weib für ihn zuerst nur »Geschlecht«, nur Genussmittel war, wird sie zur Herrscherin, wenn die Liebe den ausschliesslichen Willen zu einer Frau bedeutet, die nur durch hingebungsvollen Dienst errungen werden kann. Jedesmal, wenn die Frau die erotische Führung übernommen hat, ist die Liebe des Mannes veredelt worden. Bei Shakespeare findet man die Summe dieser ganzen vorhergegangenen Seelenkultur. Alle seine schönsten Frauengestalten sind in demselben Grade keusch, in dem sie hingebend sind, aber sie sind auch zugleich im selben Grade geistig reiche und gesammelte Persönlichkeiten. Darum werden sie auch durch ihren Klarblick und ihre Entschlossenheit im Augenblicke der Handlung führend. Und obgleich Shakespeare, wie jeder andere grosse Dichter, seine Frauen mehr aus dem Stoff der Träume als aus dem der Wirklichkeit schuf; obgleich die Besten der italienischen Renaissance häufiger die Erfahrungen eines Boccaccios als die eines Petrarcas von der Liebe gehabt haben dürften; obgleich die Barockzeit »Le Pays du Tendre« zu einem steifen Garten um zierliche Figuren machte, so zeigt doch das Leben, besonders das Leben der romanischen Völker – sowie ihre beste Literatur – immer stolze und schöne Liebespaare und Liebesopfer, bis in das Jahrhundert, wo die männlichen »Philosophen« die Frauen der Führung beraubten und die Liebe zu der bald fröhlichen, bald grausamen »Galanterie« wurde.

Die Liebe war durch romanisch-epikuräische Unsittlichkeit ebenso erniedrigt wie durch germanisch-lutherische »Sittlichkeit«, als Rousseau kam und, wie vor ihm Racine und Manon Lescaut, die Liebe als die grosse schicksalsbestimmte Leidenschaft schilderte, vor der die Menschen wie Wachs im Feuer werden.

Was er für die Liebe tat, war dasselbe, was er für Seele und Sinne getan haben würde, wenn er in einem der von Wohlgerüchen und Wachskerzenflammen schwülen Boudoirs der damaligen Zeit eine Balkontür in die Sommernacht geöffnet hätte, mit ihren Düften von gebärender Erde und blühendem Grün, mit ihren schwarzen Laubmassen und dem sternenbesäten Himmel.

Aber Rousseau verfolgte die seinem Gedanken nächstliegenden Gedanken nicht: dass nur die Liebe die Ehe hervorrufen soll; dass nur Entwicklung der weiblichen Persönlichkeit die Liebe vertieft. Selbst Goethe – der nach Rousseau die glühende Bahn weiter zog, indem er die Liebe als eine geheimnisvolle Schicksalsmacht der Wahlverwandtschaft zeigte – sah das Glück der Liebe mehr in der Unmittelbarkeit der weiblichen Natur als in ihrer Entwicklung. Die französische Revolution dehnte die Konsequenzen von Rousseaus Sätzen auch auf die Frau und die Liebe aus: sie machte die Ehe bürgerlich, die Scheidung frei; aber sie gab der Frau nicht das Wahlrecht, ja sie bewahrte nicht einmal die mittelbare Form desselben, die die Frau früher besessen hatte. Alle von der Revolution und Rousseau beeinflussten Geister haben seither in der Literatur wie im Leben die Deklaration der Rechte der Liebe weiter verfolgt.

Im neunzehnten Jahrhundert waren es wie im Mittelalter Frauen, Dichter und Ritter – die letzteren unter dem Namen von sozialen Utopisten – die dabei die Führung übernahmen. In Deutschland ging zuerst die romantische Schule, dann Jungdeutschland an der Spitze. Aber die herrlichsten Verkünder der grossen Liebe – Chamisso mit Frauenleben und Liebe, Rückert mit seinem Liebesfrühling, sowie ein Grillparzer, Otto Ludwig, Hebbel – stehen für sich da. In England Shelley, Byron, Browning und noch andere. In Norwegen Camilla Collet und einige grosse Dichter. Durch Ibsen, Björnson und Jonas Lie ist der Norden an der Spitze der Entwicklung des europäischen Bewusstseins von der Bedeutung der Seelengemeinschaft in der Liebe und für die weibliche Persönlichkeit in der Ehe geschritten. In Frankreich ist es Mme. de Staël, die – mitten in der Reaktion, welche die unauflösliche Ehe wieder einführt – diese durch »Delphine« angreift. In dem Lande der literarischen Salons will man das Genie der Frau hindern, als Gesellschaftsmacht zu wirken – und sie macht es durch »Corinne« und durch Coppet zur Weltmacht. Ihre Überzeugung ist, dass der Ruhm für die Frau nur ein Mittel bedeuten kann, Liebe zu gewinnen; ihre Klage, dass das Leben der genialen Frau die Erfüllung ihres schönsten Traums, die Liebe in der Ehe, versagt, wurde der Prolog zu zahllosen Tragödien im Jahrhundert der Frau. Nach ihr kommen die St. Simonisten und die übrigen sozialen Revolutionäre, aber vor allem eine andere von Rousseaus Töchtern im Geiste, die Frau, in deren Adern sich all das Blut mischte, das die Revolution schon auf Schafotten und Schlachtfeldern hatte zusammenfliessen lassen: »Pöbel«-blut, Bürgerblut, Adelsblut, Königsblut! Ihres Volkes klaren Wahrheitsmut bis zu den äussersten Konsequenzen, ihrer Kindheit Glaubensglut, die Sehnsucht ihres Blutes, das Unendlichkeitsverlangen ihrer Seele, die vulkanische Glut und Asche ihrer Erlebnisse – alles schleudert George Sand in ihren Anklagen gegen die bürgerlich und kirchlich aufrecht erhaltene Ehe hin, die für sie »legitime Notzucht«, »beschworene Prostitution« war. Schon lange vor ihr war ja das Recht der Liebe für Ausnahmenaturen verfochten worden. George Sands neuer Mut war, dieses Recht für alle zu fordern; es in das Zeitbewusstsein einzubrennen, dass, wenn zwei Menschen zusammen zu sein wünschen, es keiner Bande bedarf, sie zusammenzuhalten; und dass, wenn sie es nicht wünschen, dieses erzwungene Zusammenhalten eine Kränkung ihres Menschenrechtes und ihres Menschenwertes ist.

Von dieser Stunde an war der Kampf vom Olymp auf die Erde versetzt. Und seine Flammen haben seither alle »Gesellschaftserhalter« zu löschen, aber alle »Gesellschaftszerstörer« zu schüren versucht.

Die Liebe, die George Sand selbst vergebens auf Wegen suchte, von denen sie mit verwundeten, zuweilen mit besudelten Füssen wiederkam, die Liebe, unter der Rahel litt und von der sie lebte, nach der die grosse Norwegerin Camilla Collet klagt und die E. B. Browning verwirklicht – das ist die Liebe, von der auch die Frau der neuen Zeit träumt.

George Sand – wie der St. Simonismus, wie der neue Feminismus – sah die Freiheit der Liebe als das Zentrale in der Frauenfrage an. Sowie George Sand verficht der moderne Feminismus das Recht des freien Denkens gegen den Autoritätsglauben auf allen Gebieten; die Solidarität der Menschheit und den Friedensgedanken gegen den militärischen Patriotismus; die soziale Neugestaltung gegen die bestehenden Gesellschaftsverhältnisse.

Die amerikanisch-englisch-nordische Frauenbewegung – deren beste Bekenntnisschrift noch immer John Stuart Mills 1854 erschienenes Buch »Von der Hörigkeit der Frau« ist – hat hingegen im grossen Ganzen die erotische, religiöse und soziale Befreiung ausseracht gelassen, um nur die bürgerlichen Rechte der Frau zu vertreten. Die neue Liebe ist so, besonders im Norden, teils unter der Gleichgültigkeit, teils unter der Abneigung der Führerinnen der Emanzipation hervorgetreten.

Und auch der Hohn und die Abneigung der Männer hat die weibliche Forderung nach einer neuen Liebe begrüsst. Mit Gründen, denen Schopenhauer und Hartmann einmal die philosophische Formulierung gegeben haben, bewiesen sie: dass die seelenvolle Liebe ein Blendwerk der Natur sei und dass die einheitliche Liebe, die die Frau nun von dem Manne verlangt, Opfer erheischt, die seiner physiologischen und psychologischen Natur widerstreiten.

Unbekümmert um Hohn und Abneigung sind die Frauen der neuen Zeit jedoch fortgefahren, die Liebe ihrer Träume zu verkünden – die auch die der Dichterträume ist.

Durch Tausende von Jahren hat die Dichtung schon die Liebe als eine rätselvolle und tragische Macht geschildert. Aber wenn jemand auf Prosa schlecht und recht dasselbe sagt und ausserdem hinzufügt, dass das Leben ohne die grossen Leidenschaften farblos und arm wäre, dann nennt man das Unsittlichkeit! Jahrhundert um Jahrhundert zeigt die Dichtung die Erhebung der Liebe. Aber wenn jemand schlecht und recht in Prosa sagt, dass die Liebe ein immer höheres Gefühl werden kann, dann nennt man das eine Ungereimtheit! Denn die Dichtung als prophetisch zu betrachten, wie es die Vergangenheit tat, das fällt den heutigen Menschen nicht ein!

Die neue Liebe ist noch immer das naturbestimmte Verlangen des Mannes und des Weibes nach einander, um die Gattung fortzupflanzen. Sie ist noch immer der Wunsch des strebenden Menschen, durch einen Arbeitskameraden die Mühen eines anderen zugleich mit seinen eigenen zu erleichtern. Aber über diese ewige Wesensart der Liebe, über diese uralte Ursache der Ehe hinaus ist noch eine andere Sehnsucht immer stärker geworden. Diese richtet sich nicht auf die Fortpflanzung der Gattung. Sie ist der Einsamkeitsempfindung des Menschen innerhalb seines Geschlechts entsprungen, der Einsamkeit, die immer grösser wird, je eigenartiger eine Seele ist. Sie ist die Sehnsucht nach der Menschenseele, die unsere eigene aus dem Schmerz dieser Einsamkeit erlösen soll, einem Schmerz, der ehedem von der Ruhe in Gott gestillt ward, jetzt aber seine Ruhe bei seinesgleichen sucht, bei einer Seele, die selbst weitäugig mit ebenso sehnsuchtsheissen Augenlidern gewacht hat. Einer Seele, der die Liebe die Macht zu dem Wunder gibt, unsere Seele von dem Fremdlingsgefühl auf Erden zu erlösen – sowie sie selbst durch die unsere erlöst wird. Einer Seele, vor deren Wärme unsere eigene die Hüllen fallen lässt, die die Kälte der Welt ihr aufgezwungen, um sonder Scham ihre Geheimnisse und Herrlichkeiten preiszugeben. Dehmel hat dieses Wunder in zwei unsterbliche Zeilen gefasst:

– – Liebe ist die Freiheit der Gestalt
Vom Wahn der Welt, vom Bann der eignen Seele.

Die Empfindung selbst hat so manchen lange vor unserer Zeit ergriffen. Einer von ihnen war Eugène Delacroix, der in seinem Tagebuche von der Qual spricht, jedem seiner Freunde nur das Antlitz zeigen zu können, das dieser verstand, so dass er für jeden ein anderer werden musste, ohne sich je verstanden zu fühlen: ein Leiden, für das er nur eine Hilfe wusste: une épouse qui est de votre force.

Aber das Neue ist, dass dieses Gefühl sich unter den Vielen ausgebreitet hat und ihnen bewusst geworden ist, dass es anfängt, der ganzen Zeitseele seinen Stempel aufzudrücken.

Noch immer jedoch werden die Menschen von erotischen Impulsen bestimmt, die tief unter ihren bewussten erotischen Forderungen stehen. Die Sinne werden von einer Sehnsucht aufgepeitscht, die die der Seele verdrängt. Die Kultur des Liebesbegriffs steht viel höher als die Instinkte der Liebe. Und so wird unsere Zeit übervoll von Liebeskonflikten.

Dazu kommt, dass die gesteigerte Sensibilität des neuen Menschen ihn immer geneigter gemacht hat, sich Masken, schützende Verkleidungen, künstlerisch verzierte Panzer zu konstruieren. Der Schutz ist unentbehrlich, denn niemand würde das Leben ertragen, wenn er stündlich die schlecht verbundenen oder noch offenen Wunden anderer sähe und jedweden an seine eigenen rühren lassen müsste. Das Dasein würde viel von seiner Spannung verlieren, ohne die ungeahnten oder geahnten Geheimnisse in den Schicksalen und Seelen der Menschen. Aber die schützenden Hüllen erschweren auch immer mehr das Streben der Liebe, den Schein zu durchdringen. Darum wird eine gewisse Form des »Flirts« der Versuch der erwachenden Liebe zur Demaskierung, zur Ablistung der schützenden Verkleidung, eine Fechtkunst, die auf die Ritzen des dichtanschliessenden Panzers zielt!

Aber die Versuche misslingen oft, und das Leben wird immer mehr von Schicksalen erfüllt, die gewesen sein könnten, während immer mehr Menschen in der Einsamkeit die Hände über das ringen, was nicht wurde. Tiefer denn je fühlt der Mensch, dass das Leben das karg gab, was er berechtigt ist von ihm zu fordern, wenn die Liebe für ihn nur das Versinken in eine Umarmung bedeutete. Immer mehr Menschen wissen, dass Liebe das Versinken in den Geist ist, in dem unser eigener seinen Halt findet, ohne seine Freiheit zu verlieren; die Nähe des Herzens, an dem die Unruhe unseres eigenen gestillt wird; das Lauschen, das unser Unausgesprochenes und Unaussprechliches vernimmt; der Klarblick eines Augenpaars, das in unseren besten Möglichkeiten schon Wirklichkeiten findet; die Begegnung der Hände, von denen wir sterbend unsere eigenen umschlossen fühlen wollten!

Wenn die Seelen Seligkeiten besitzen, die die Sinne teilen, und die Sinne Freuden, die die Seelen adeln, dann empfindet man weder Begierde noch Freundschaft. Beides ist in einer neuen Empfindung aufgegangen, unvergleichbar mit jedem für sich, wie die Luft mit ihren Bestandteilen. Der Stickstoff ist nicht Luft, der Sauerstoff auch nicht; die Sinnlichkeit ist nicht Liebe, die Sympathie ebenfalls nicht. Vereint sind sie Lebensluft und Liebe. Wenn jeder einzelne Bestandteil in unrichtigem Verhältnis zu dem anderen steht, wird die Liebe – wie die Luft – zu schwer oder zu dünn. Aber wie die Proportionen zwischen Sauerstoff und Stickstoff ohne Schaden innerhalb weiter Grenzen variieren können, so können es auch die Bestandteile der Liebe. Die Seelenverwandtschaft ist gewiss das Dauerndste in der Liebe, aber darum nicht das einzig Wertvolle; die lebenberauschende Liebe ist selbst von der höchsten Freundschaft durch ein Meer getrennt, tief wie das zwischen dem Indien der Sage und dem Amerika des Nutzens. – Eine Lebenszeit in dem letzteren wiegt nicht einen Tag in dem ersteren auf.

Die grosse Liebe entsteht nur, wenn das Verlangen nach einem Wesen des anderen Geschlechtes mit der Sehnsucht nach einer Seele unserer eigenen Art verschmilzt. Sie wird, gleich dem Feuer, umso reiner, je heisser sie ist, und unterscheidet sich von der Glut der Begierde so, wie sich die Weissglühhitze in einem Schmelzofen von der roten, rauchenden Flamme der über Gassen und Märkte getragenen Fackel unterscheidet.

 

Die sich stets steigernde Bedeutung der Sympathie für das Seelenleben äussert sich jedoch jetzt in der Frauenwelt durch eine Überschätzung der Freundschaft, sowohl der Freundschaft zwischen Frauen wie der Freundschaft in der Liebe. Eine leidenschaftliche Anbetung zwischen Gleichalterigen – oder von einem Jüngeren einem Älteren desselben Geschlechtes entgegengebracht – ist für die Frau wie für den Mann die gewöhnliche schöne Morgenröte der Liebe, die stets mit dem Sonnenaufgang verbleicht. Eine vollpersönliche grosse Freundschaft ist hingegen selten wie eine grosse Liebe und ebenso selten zwischen Frauen wie zwischen Männern. Diejenigen, welche in der Freundschaft die Erfüllung ihres Wesens erwarten, haben daher keine grössere Aussicht, auf diesem Gebiete das Wesentliche zu erreichen, und laufen überdies Gefahr, es auf dem der Liebe zu verfehlen, indem sie sich vor diesen Gefühlen abschliessen oder für sie verarmen. Auch die Frauen früherer Zeiten kultivierten die Freundschaft. Aber sie begnügten sich nicht mit ihr an Stelle der Liebe. Und täten die Frauen dies einmal im vollen Ernst, dann hätte der Winter seinen Einzug in die Welt gehalten. Der Weg der Entwicklung ist, von der Liebe alles zu fordern, was die Freundschaft gibt – und unendlich mehr! Aber der reiche seelische Austausch zwischen Arbeits- und Studiengenossinnen oder Genossen bereitet nun das dritte historische Entwicklungsstadium der Liebe vor, das individuell-sympathische. So ist die grosse Liebe allerdings zu allen Zeiten gewesen. Das Neue ist, dass jetzt immer mehr Seelen von demselben Bedürfnis bestimmt werden; dass die Möglichkeit der grossen Liebe vielen klar geworden ist, nicht nur den auserwählten Wenigen. Ganz so wie man den Durchbruch der Liebe an der Abnahme der von den Familien geordneten Vernunftehen messen konnte, an der Anerkennung der erotischen Wahlfreiheit der Jugend und an der allgemeinen Verurteilung der Geldheiraten, so kann man nun die Stärke des neuen Durchbruchs an anderen, ebenso bedeutenden Erscheinungen messen: die heute »die neue Unsittlichkeit« genannt werden. Es ist mit Recht gesagt worden, dass die Liebe, so wie sie nun ist – die grosse psychologische Wirklichkeit, mit der man rechnen muss – in ihrem jetzigen, zusammengesetzten, vielfältigen, verfeinerten Zustand das Resultat aller Fortschritte der menschlichen Tätigkeit darstellt: den Sieg der Intelligenz und des Gefühls über die rohe Stärke; die Umwandlung im Verhältnisse zwischen Mann und Frau, die neue ökonomische, ethische und religiöse Ideen herbeigeführt haben; die steigende Sehnsucht nach innerer und äusserer Schönheit, den Rasseveredlungswillen und noch andere Ursachen.

Anmerkung: Man sehe Charles Albert: »L'Amour libre«.

Aber unter diesen ist die wesentlichste nicht genannt, in der so mancher jetzt ein Zeichen der Entartung sieht, die aber tatsächlich ein Zeichen der Entwicklung ist, und auf die die Hoffnung auf die schliessliche Aufhebung des Dualismus sich gründet: die Ausgleichung des extremen Geschlechtsgegensatzes.

Solange Mann und Weib so verschieden in ihren erotischen Bedürfnissen sind, wie dies noch oft der Fall ist, wird die Liebe der »ewige Kampf« sein, den die Dichter und Denker schildern, welche nur das Gegenwärtige sehen, ohne Glauben an die Entwicklung der Liebe oder an die Erziehung der Menschen zur Liebe. Denn mitten im Zeitalter des Evolutionismus denken und fühlen die Menschen nicht evolutionistisch. Für den jedoch, der so fühlt, gibt es nichts Sichereres, als dass der »ewige Kampf« einstmals seinem Friedenschlusse entgegengehen wird.

Die eben erwähnten Zweifler lächeln zweideutig, wenn man von Frauenfreundschaft oder von der verfeinerten, sympathieverlangenden Erotik der Frau spricht. Erst wenn eine in ihrem tiefsten Wesen unverstandene Geliebte oder Frau einen solchen Mann verlässt, entdeckt er, dass das Wesen, das er ganz zu beglücken glaubte, nicht einmal sinnlich befriedigt war – weil die Seele von den Sinnen nichts empfing und ihnen nichts gab.

Die – im übrigen oft fein kultivierten – Männer, von denen dies gilt, befinden sich in der Regel in mittleren Jahren. Unter denen mit ihnen vergleichbaren jungen Männern hingegen ist die erotische Sehnsucht oft ebenso verfeinert, ebenso sympathieverlangend wie bei den Frauen, obgleich der Mann noch selten das Gleichgewicht zwischen der Seele und den Sinnen besitzt, das die ihm im übrigen ebenbürtige Frau erreicht hat. Dass die Frauen nun zu bekennen wagen, dass sie erotisch Sinne haben, während die Männer nun zu erfahren beginnen, dass sie erotisch Seele besitzen; dass die Frau Gefühle von dem Manne verlangt, und er von ihr Gedanken – das ist das grosse Glückszeichen der Zeit. Die modernen, feinfühligen Jünglinge leiden wohl ebenso sehr wie ihre Schwestern darunter, nur als Geschlecht, nicht als Persönlichkeit und persönlich geliebt zu werden. Sie lieben ihresteils gerade die weibliche Individualität und schaffen ihr Bewegungsfreiheit, anstatt sie – wie es noch ihre Väter taten – ihrer eigenen gleichzuformen zu suchen.

Der Mangel an Vergleichspunkten macht es, dass das ganz junge Weib von heute den heutigen Mann zuweilen als ein wunderliches, bald wildes, bald krankes, bald schwermütiges Tier ansieht – weil seine Liebe ihrem geträumten Platonismus nicht entspricht, oder er selbst nicht ihrem geträumten Ideal! Dieses wechselt mit Völkern, Zeiten und Gesellschaftsschichten: Die Deutsche »aus guter Familie« dürfte das ihre aus Schiller und einem Kürassierleutnant zusammensetzen; die englische Pfarrerstochter das ihre aus Tennyson und Mr. Chamberlain; das »neue Weib« in Frankreich dürfte ihr Ideal aus Maupassant und Jaurès bilden. Aber ein Kennzeichen verbleibt unveränderlich: dass das »Ideal« immer gerade die Eigenarten umfasst, die die Natur nie vereinigt!

Auf der höchsten – wie auf der niedrigsten – Stufe sind die Ähnlichkeiten zwischen der Liebe des Mannes und des Weibes schon grösser als die Verschiedenheiten. Der Mann – und auch die Frau – wird Mensch auf Kosten ihres sekundären Geschlechtscharakters. Es gibt schon Leute, welche meinen, dass der Schlusspunkt der psychischen Entwicklung dasselbe Bild zeigen wird, wie der Beginn der physischen Entwicklung: nämlich dass der Embryo auf einem gewissen Stadium weder männlich noch weiblich ist, sondern beide Möglichkeiten einschliesst!

Eine seelenvolle junge Dichterin, Anna Schapire, hat daran erinnert, dass schon Friedrich Schlegel betonte: dass, während die Antike beim Weibe wie beim Manne menschliche Hochherzigkeit, adeligen Sinn und Seelenstärke über die rein geschlechtlichen Eigenschaften stellte, die neuere Zeit das Weib einseitig weiblich, den Mann einseitig männlich gemacht hat, und dass diese Extreme auf beiden Seiten aufgehoben werden müssen, wenn man zu Sittlichkeit, Schönheit und Harmonie im Geschlechtsverhältnis gelangen will, ein Gesichtspunkt, den auch Schleiermacher einnahm. Und will man in der aristophanischen Sage vom gespaltenen Menschen einen tieferen Sinn sehen, so ist es der, den eine apokryphe Überlieferung auch Jesus durch die Äusserung »Das Reich Gottes bricht an, wenn die Zwei wieder Eins werden« zuschreibt. Dass schon Plato die Leiden betont, die die »Spaltung« den beiden Menschenhälften verursacht, zeigt eine beginnende Entwicklung der Liebe. Denn diese Entwicklung ist durch die Steigerung des Geschlechtsgegensatzes gegangen, mit all der Leidenschaft und den Leiden, die diese mit sich gebracht hat. Nun erst ist der Zeitpunkt gekommen, wo das Getrennte sich wieder zu einer höheren Einheit zusammenneigt.

Man findet – unter anderem auch in »Vierges Fortes« – den Typus der neuen Frau geschildert, die – im Gegensatz zum älteren Frauentypus, der nur für und durch den Mann lebte – den Mann ganz entbehren und im Weibe nur den Menschen sehen will. Aber es gibt glücklicherweise eine andere Gruppe, die einsieht, dass »so viel das Weib selber an Seele und Schönheit verliert, indem sie nur danach strebt, Mensch zu sein, so viel auch das Ganze dadurch verlieren wird«. Und diese Gruppe, die in der finländischen »Nutid«, der deutschen »Frauenrundschau«, der österreichischen Zeitschrift »Neues Frauenleben« und einigen anderen Frauenzeitschriften ihre Organe hat, ist überzeugt, dass die Harmonie des Weiblich-menschlichen und des Männlich-menschlichen das höchste Glück in der Liebe ausmacht, sowie den höchsten Wert in der Gesellschaftsarbeit, die das Weib zusammen mit dem Manne leisten will.

Tatsächlich vollzieht sich diese wünschenswerte Ausgleichung des Geschlechtsgegensatzes mit solcher Schnelligkeit, dass man Ursache hätte zu befürchten, sie könnte in einer nahen Zukunft der Liebe gefährlich werden, falls nicht der psychische Gegensatz im letzten Grunde doch immer durch den physischen bedingt bliebe, und falls nicht der moderne Mann und die moderne Frau sich zugleich immer mehr individualisiert.

Und in dieser Tatsache sind die Zukunftsmöglichkeiten der grossen Liebe eingeschlossen. Die Individualisierung ist schon so stark, dass der Denkende immer häufiger innehält, wenn die Worte »Der Mann« oder »Die Frau« über seine Lippen geglitten sind. Denn die Männer untereinander, die Frauen untereinander sind schon beinahe ebenso verschieden, wie die Männer und Frauen voneinander. Und als Ersatz für die durch die Ausgleichung geschwächte allgemeine erotische Anziehung kommt dann der Zauber der individuellen Gegensätze. Die seelische Sehnsucht der Liebe – zusammen mit einer anderen Seele in einer höheren Harmonie aufzugehen – wird nicht geschwächt, sondern im Gegenteil gesteigert werden, je persönlicher dieser Gegensatz ist.

Rodin – der, wie jeder grosse Franzose, die grosse Liebe versteht – hat sie in Liebespaaren verherrlicht, wo beide, einer durch den anderen, zu vollkommeneren Menschen wurden, als jeder es allein hätte werden können. Rodin macht den Mann durch und durch männlich, das Weib durch und durch weiblich, während jede Linie in beider Gestalt die zur Seelenmacht geadelte Urkraft zeigt, die Liebe als Erfüllung des Menschen-Mannes und des Menschen-Weibes!

Wenn das Leben irgend einmal diesen stolzen schönen Anblick bietet, dann steht man vor einem Glück, das erschreckend gross ist. Denn so wie eine sparsame Hausmutter die Sonne ausschliesst, so lässt auch das Leben oft den Vorhang des Todes sinken, wo das Glück leuchtet. Oder die Menschen töten auch selbst ihr Glück durch Instinkte, die aus niedrigeren Kulturstadien in ihnen fortleben.

Vor allem durch den, der es verursacht, dass die tierisch Urkräftigen auch noch für die Seelenvollen erotisch fesselnd sind. Männer und Frauen mit der Macht der elementaren Leidenschaft berauschen, weil sie selbst berauscht sind, weil sie, ohne von Rücksichten aufgehalten oder von der Seele beschwert zu sein, sich heiss und voll dem Augenblick hingeben. Es ist eine ebenso oberflächliche Psychologie, zu glauben, dass Don Juans Ruf ihn unwiderstehlich macht, wie anzunehmen, dass der Sieg über Cleopatra lockt, weil er zugleich der Sieg über Cäsar ist. Nein, die Macht dieser Wesen liegt in ihrem ungeteilten, gewissenlosen Willen, alle Kräfte ihres Wesens zu gebrauchen, um ihr Ziel zu erreichen. Und nur das, wovon unser ganzes Wesen im Augenblick ergriffen ist, ergreift auch andere. Dies ist die Antwort auf die Frage:

Comment fais-tu les grands amours
Petite ligne de la bouche?

Die seelenvollen Menschen – besonders die Frauen – haben bis jetzt nur einseitig geliebt. Aber wenn die Sinnlichkeit – im Zusammenhange mit der Geschlechtsaufgabe – ihre antike Würde wiedererlangt, dann wird die Macht, erotisch hinzureissen, nicht nur das Vorrecht des in seiner Liebe Unmenschlichen sein. Die Todsünde der klugen Jungfrauen gegen die Liebe ist, dass sie es verschmähen, von den Törichten das Geheimnis der Bezauberung zu lernen; dass sie nichts von den tausend Dingen wissen wollen, die die Sinne eines Mannes binden oder seine Seele ergreifen; dass sie die Macht, zu gefallen, für gleichbedeutend mit dem Willen, zu betrügen, ansehen. Wenn alle Frauen, die lieben können, es auch vermögen, die Güte berückend, die Beseeltheit berauschend zu machen, dann wird Imogen Cleopatra besiegen, Tora Parsberg Undine. Siehe Björnsons »Laboremus«. Noch sind die Reizvollen nicht immer gut, die Guten nicht immer reizvoll und die meisten – weder gut noch reizvoll! In dieser Übergangsbildung zwischen einer alten und einer neuen Weiblichkeit, ist es natürlich, dass diejenige am stärksten ist, die in sich

Ève, Joconde et Delila

vereinigt, das Weib, das den Mann »auf die Aufgabe hinweist, aber mit ihrer Lösung spielt« (G. Heiberg), das Weib, das sich aus den Werten der Kultur »nur Waffen oder Schmuck macht« (Nietzsche), das Weib, das »der Todesstreich der Männer, das Grab des Manneswillens« wird, das die Liebe zu dem ewigen »Sündenfall« macht, dem der »Hass über die Entdeckung folgt, dass man sich gegenseitig betrogen hat« (Strindberg). Aber dasselbe gilt von den Männern. Ehe die Ernsten unter ihnen nicht einsehen, »dass ein Mann die seelische Seite der Liebe nicht ausser Acht lassen darf«, werden ihre Frauen leicht von den Nicht-Ernsten erobert werden.

Dadurch, dass sie die Verwirklichung der Liebe in der Ehe beobachteten – so wie sie eben noch in der Regel da verwirklicht wird – sind immer mehr junge Mädchen von tiefer Unlust gegen die Ehe ergriffen worden. Sie wollen die Liebe so, wie sie sie geträumt haben, oder gar nicht. Eine kleinere Liebesforderung, eine ärmlichere Liebesgabe hat für sie keinen Wert, der sich mit ihrem freien, persönlichen Leben messen könnte. Dem Manne, der nur ihre Lippen sucht, aber nicht deren Worten lauscht, der sich nach ihrer Umarmung sehnt, aber lächelt oder sich umdüstert, wenn sie ihm die Gestaltung ihrer Seele enthüllt, hat dieses Weib nichts zu geben. Ihre Liebe ist von der ganzen nährenden Kraft ihres Menschenwesens erfüllt; sie überquillt von dem edlen Safte ihres Frauenwesens, und sie verlangt Andacht vor dem Sakramente, das sie damit austeilt.

Sie will nicht mehr erobert werden wie eine Festung, oder gejagt wie ein Wildpret. Sie will auch nicht gleich dem stillen Binnensee des Stromes harren, der den Weg in ihre Arme sucht. Selbst Strom, will sie ihren eigenen Weg gehen, dem anderen Strom entgegen. Wohl lässt auch die neue Frau häufig die Sehnsucht ihrer Seele von der ihres Blutes oder ihres Herzens betrügen. Aber sie erwacht rasch aus ihrem Irrwahn und handelt dann nicht nach alten Sittengeboten, sondern nach dem neuen Gesetze, das die grosse österreichische Dichterin Marie Eugenie delle Grazie so ausdrückt:

Ich lieb' den Kampf! Ich lieb', was ich gelitten,
Und was geendet unter meinen Tritten,
Was ohne Reu' und falsche Scham
Mit unerschrockner Hand ich nahm,
Der Beute froh, die ich erstritten!
Allein in Wonnen, einsam in Gefahr,
Mir selbst Gesetz und Richter immerdar,
Und frei, weil fern dem Elend eurer Sitten!

 

Wir leben in einer Neugestaltungszeit der Seelen von historischer Bedeutung. Jeder Mensch, der selbst eine Seele hat, wird immer mehr von der Empfindung der geheimnisvollen Wirkungen der Wahlverwandtschaft durchdrungen; von sympathischen und antipathischen Einflüssen, von unterbewussten Mächten, vor allem auf dem erotischen Gebiete, Empfindungen, denen als einer der ersten Ola Hansson – aus der schwedischen Provinz Schoonen, wo verfeinerte Sensibilität der Charakterzug der Kunst ist – in »Sensitiva Amorosa« Ausdruck gab. Die Empfindungen des Erotisch-Dämonischen sind nicht neu. Aber sie wurden früher in ebenso hohem Grade verletzt, wie sie jetzt beachtet, ja zuweilen sogar gezüchtet werden. Diese erlesene Sensibilität, diese vibrierenden Nerven, diese wechselnden Stimmungen, diese Reizsamkeit der Empfindungen haben die Frau – und der Mann – von heute als ihre Überlegenheit, ihre kulturelle Errungenschaft vor jeder anderen Generation voraus. Aber der neue Reichtum bringt auch zahllose neue Konflikte mit sich. Die Sinne gehen ihre eigenen Wege und werden da angezogen, wo die Seele fremd bleibt, oder abgestossen, obgleich das Herz von Zärtlichkeit erfüllt ist. Bevor nicht die Physiologie und Psychologie des Ekels verstanden ist, haben wir es in der Lösung der erotischen Probleme noch nicht weit gebracht. Jeden Tag – und jede Nacht – sind seine unzähligen bewussten und unbewussten Einflüsse tätig und verwandeln die Gefühle von Ehegatten und Liebenden. Und obgleich unsere Zeit sich dessen immer mehr bewusst wird, versteht sie es weder dem gefährlichen Einfluss der bedeutungsvollen Unbedeutendheiten des Zusammenlebens entgegenzuarbeiten, noch ihren günstigen Einfluss zu steigern.

Nur die erotisch genialsten Frauen haben jene Feinfühligkeit erreicht, die es ihnen unmöglich macht, in der Liebe irgend etwas ohne die Empfindung zu geben und zu empfangen, die eine von Charlotte Brontës Frauen mit den Worten ausdrückt: you fit me into the finest fibre of my being.

Alle entwickelten modernen Frauen wollen nicht »en mâle mais en artiste« geliebt werden. Nur ein Mann, von dem sie fühlt, dass er auch die Freude des Künstlers an ihr hat und der ihr diese Freude durch zaghafte feine Berührungen ihrer Seele wie ihres Körpers zeigt, kann die Liebe der Frau von heute bewahren. Sie will nur einem Manne angehören, der sich immer nach ihr sehnt, selbst wenn er sie in seine Arme schliesst. Und wenn eine solche Frau ausbricht: »Du begehrst mich, aber du kannst nicht liebkosen, nicht lauschen« ... dann ist der Mann gerichtet.

Die Frauenliebe der Gegenwart unterscheidet sich von der älterer Zeiten unter anderem durch die Unermesslichkeit ihrer Ansprüche an ihre eigene Fülle und Vollkommenheit und an eine entsprechende Fülle und Vollkommenheit im Gefühl des Mannes.

Aber unsere Seele ist zwar häufig tiefer, zuweilen aber auch seichter als unser bewusstes Sein und Wollen. Darum kann es geschehen, dass die neue Liebe in ihrer ganzen Stärke in einer ihrer eigenen Liebesgrösse unbewussten Frau lebt, während hingegen einer anderen, die diese Liebe mit ihrem ganzen Willen wünscht, vielleicht die Tiefe des Gefühls, die Wahlsicherheit des Instinkts fehlt.

Die Frauen von heute lernen alles und dringen zu vielem vor, auch zu den feinsten Gedanken über die Liebe. Aber ob die in die ars amandi so eingeweihten Frauen der Gegenwart wohl auch gelernt haben, mit ganzer Seele, mit all ihren Kräften und ihrem ganzen Sinn zu – lieben? Ihre Mütter und Grossmütter hatten – auf einer viel niedrigeren Stufe des bewussten erotischen Idealismus – nur ein Ziel vor Augen: ihren Mann glücklich zu machen. Das bedeutete damals, dass die Gattin alles ertragen und nichts fordern sollte; unermüdlich dem Lebensziele des Mannes dienen, auch wenn sie es nicht verstand, und dankbar die Brosamen seiner Persönlichkeit aufnehmen sollte, die ihr von der Tafel zufielen, an die seine Freunde zum Fest geladen waren. Aber welche rege Zärtlichkeit, welche würdige Anmut, welche schöne Freude wussten nicht die feinsten dieser geistig unbeachteten Frauen zu entfalten!

Der neue Mann träumt von dem neuen Weibe so wie sie von dem neuen Manne. Aber wenn sie einander wirklich finden, ist die Folge oft die, dass zwei entwickelte Gehirne zusammen die Liebe analysieren oder zwei abgebrauchte Nervensysteme mit einander einen zerfasernden Kampf um die Liebe auskämpfen. Das Ganze endet gewöhnlich so, dass jedes von ihnen bei irgend einer zurückgebliebenen Verkörperung des alten Adam und der ewigen Eva Ruhe sucht. Aber mit schlechtem Gewissen. Denn sie glauben sich noch immer für das neue Erlebnis bestimmt, obgleich ihre Liebesmöglichkeit klein war und nur ihre Liebesgedanken gross.

Erst wenn der Mairegen der neuen Gedanken reich genug geströmt ist, um durch die Wurzel als Saft in den Lebensbaum zu steigen, wird ein grösseres Glück aus der neuen Liebe erwachsen, die keine Schuld daran trägt, dass die Menschen sie grösser geträumt haben, als sie bis auf weiteres selbst sind.

Der Individualismus hat die Liebe vertieft und zugleich erschwert. Er hat ein gesteigertes Bewusstsein unserer eigenen Wesensart, unserer eigenen Stimmungen erweckt; er hat neue Seelenzustände geschaffen und – wie oben bemerkt wurde – unzählige ehedem schlummernde Lust- und Unlustgefühle in Schwingung gebracht. Aber die persönlich reizbare Empfindlichkeit hat sich noch nicht zu einer entsprechenden Feinfühligkeit für das ebenso empfindlich gewordene Seelenleben der anderen entwickelt. Die Fähigkeit, zu geben und zu opfern ist nicht ebenso rasch gewachsen wie die, zu nehmen und zu fordern. Von dem doppelten Herzschlag der Liebe – sein Selbst zu finden und sich selbst in einem anderen zu vergessen – ist nun der erstere dem letzteren bedenklich voraus. Erst wenn die in Selbstentdeckungen versunkenen Frauen ihren persönlich errungenen Lebensinhalt, ihre individuelle Mannigfaltigkeit, ihr eigenartiges Seelenleben mit der sonnigen, gesunden Ruhe, der opferfreudigen Hingebung älterer Zeiten vereinigen werden, werden sie durch ihre neue Entwicklung mächtiger sein als die Frauen dieser Zeiten. Es ist ein Zeichen der Gesundheit, dass Männer und Frauen ihre Erfahrungen und Gedanken über diese Fragen mit einer Offenheit austauschen, wie nie zuvor; dass sie sich viel weniger verstellen, bevor sie verheiratet sind, so wie die Frauen auch aufgehört haben es zu tun, nachdem sie sich verheiratet haben. Es gab eine heldenmütige Verstellung, für die Mrs. Carlyle das typische Beispiel geworden ist, aber an und für sich war sie doch ein Diebstahl an der ethischen Entwicklung des Mannes. Immerhin wünscht man oft, dass die jungen Gattinnen der Neuzeit mehr von der altmodischen Gabe hätten, glückslächelnd den Wünschen des Geliebten entgegenzukommen, nicht nur an ihren eigenen festzuhalten! Die moderne Frau will nicht um des augenblicklichen Friedens willen irgend etwas scheinen. Und sie hat recht, wenn es sich um etwas Wesentliches im Denken und im Geschmack, im Fühlen und im Wollen handelt; sie hat doppelt recht, wenn sie sagt, dass all die Lüge und List, die das eheliche »Glück« von den Gattinnen früherer Zeiten verlangte, Mann und Frau erniedrigte; und dass, was man so gewann, kein wirklicher Gewinn war. Nichts ist gewisser, als dass die Seelen, die volle Offenheit trennen würde, niemals zusammengehörten; dass die vertrauensvolle Sicherheit das Zeichen der wirklichen Zusammengehörigkeit ist. Nichts ist weiser als der Wille der heutigen Frau, das Leben mit eigenen Augen zu sehen, nicht – wie die Frauen früherer Zeiten – nur mit denen des Mannes. Aber hat sie auch selbst das Vermögen bewahrt, alles mit dem Gedanken zu sehen, was wohl die Augen des Geliebten darin finden würden?

 

Die Antwort auf diese Gewissensfragen entscheidet darüber, ob die neue Frau wirklich die Entwicklung der Liebe in die Richtung leiten wird, der ihr Wille zustrebt. Denn nur dadurch, dass sie selbst besser liebt, wird sie allmählich die Leidenschaft des Mannes vermenschlichen und sie von der blinden Gewalt des Blutes befreien, die das Spiel des Auerhahns und die Brunst des Hirsches zu tierisch schönen Schauspielen, die Liebe des Menschen hingegen tierisch macht. Die, welche glauben, dass die gesunde Stärke der Natur dadurch geschwächt werden wird, sprechen ebenso töricht, wie jemand, der beweisen wollte, dass der künstlerische Trieb im Balzen des Auerhahns gesünder und stärker sei als der, welcher Beethovens Symphonien geschaffen hat!

Aber es ist nicht genug damit, dass die Frau die Führung übernimmt und das Ziel festsetzt. Sie muss selbst für die Aufgabe entwickelt werden, und zwar nicht nur in der oben erwähnten Richtung. Ihre Seele ist noch kein sicherer Führer für ihre Sinne, und ihre Sinne nicht für ihre Seele. Umsoweniger kann sie dann eine sichere Führerin für die Seele oder die Sinne des Mannes sein, die sie ausserdem oft nicht versteht und darum ohne Zaudern verurteilt – für die Sünden verurteilt, zu denen sie nicht selten selbst verleitet hat!

Die neuen Frauen verlangen vom Manne Reinheit. Aber ob sie wohl ahnen, wie ihre Behandlung des schüchternen, unsicheren Jünglings einerseits und des erfahrenen, sicheren Eroberertypus andrerseits auf den ersteren wirkt, der vielleicht um seine erotische Reinheit kämpft, in der Hoffnung, dass der Lohn des Sieges das Glückslächeln eines Weibes sein wird, der aber sieht, wie dieses Weib ihn selbst mit hochfahrendem Mitleid behandelt, während es hingegen bewundernd die Flecken des Leoparden betrachtet? Ob wohl alle jungen Frauen, die ihren Abscheu vor der Unreinheit der geschlechtlichen Gewohnheiten des Mannes aussprechen, selbst nur von sanfter edler Freude am Gefallen geleitet sind? Ob sie sich niemals die verächtlichste aller Falschspielereien erlauben: die der Liebe?

Solange »reine« Frauen ihre Lust an dem grausamen Spiele der Katzen haben; so lange sie mit den geschmeidigen »Stimmungsvarianten« der Serpentintänzerin der Verantwortung für ihren Flirt entgleiten; solange sie in den Stiergefechten der Eifersucht eine Huldigung geniessen, so lange schüren sie das Höllengebräu, um das dann die Männer mit der fledermausbeflügelten Schar der Nacht ihren Hexensabbath feiern.

Es gibt mehr Männer, die von »reinen«, als von »unreinen« Frauen verführt sind.

Und dabei sind nicht einmal die im wahren Sinne des Wortes reinen Frauen ohne Schuld. Die Frau – für die die Liebe in so viel tieferer Weise als für den Mann das Leben gilt – empfindet in der Nähe der Liebe jene Schauer, die einen Sonnenaufgang begleiten, den man wachend erwartet hat. Ihre physisch-psychische Scheu nimmt abwechselnd die dem liebenden Manne unbegreiflichen Ausdrucksformen des stummen Entweichens, des jähen Stimmungswechsels, des leeren Mädchenkicherns, des düsteren Missverstehens an.

Anmerkung: In »Stille Tiefen« und anderen Arbeiten hat Anna Roos und in der Novelle »A quarante ans« Hilma Angered-Strandberg diese Eigenart der Frau behandelt, die von grosser Bedeutung für die Evolution der Liebe wie der Menschheit ist und darum nicht bekämpft, sondern nur entwickelt werden soll. Solange die Frau sich ohne Unterscheidung gab, war die Auswahl der Liebe noch ohne Bedeutung. Erst nachdem die Schamhaftigkeit entstanden war, war diese Auswahl möglich und gereichte der Gattung zum Vorteil. Denn wenn die Schamhaftigkeit schliesslich von der starken Anziehung besiegt wird, die ein bestimmter Mann ausübt, kommt dies oft daher, dass der Liebesinstinkt des Weibes bei ihm eine für das Menschengeschlecht wertvolle Eigenschaft gefunden hat.

Und all das Widerspruchsvolle – nicht das Rätselvolle – beim Weibe entzündet die Unruhe im Blute des Mannes.

Von den sogenannten Frauenhassern kann die Frau am meisten über die Natur des Mannes lernen. Denn der Frauenhasser ist immer ein Mann, der in ausgesprochen männlicher Weise das Weib geliebt hat und in den Ausbrüchen seiner Enttäuschung die innersten Wünsche der Männer verrät. Unsere Zeit hat zwei solche grosse Verzögerer der Entwicklung der Liebe nach der Richtung, in die die moderne Frau sie leiten will.

Der eine ist Strindberg.

Während Männer, die in den achtziger Jahren zwischen zwanzig und dreissig waren, oft von der Bedeutung sprechen, die er damals für sie hatte, hört man niemals irgend eine Frau das gleiche sagen. Die Ursache dürfte darin liegen, dass Strindbergs jugendliche Frauenanbetung nicht seelenvoll genug war, die Frauen zu rühren; dass seine »Ehestands«-Erotik niedrig war und seine Strafgerichte in der Periode des »Frauenhasses« ihre Gewissen unberührt liessen. Denn die Frauen wissen, dass der Dichter aus dem Begriffe »Das Weib« selbst das Marterrad geschaffen hat, an das er durch eine reine Sehnsucht nach Liebesglück gebunden war, aber das von der Ohnmacht getrieben wurde, selbst – in tieferem Sinne – zu lieben, das heisst, sein Ich in einem anderen Wesen zu vergessen. Nicht mit dem Klarblick der Zärtlichkeit und des Verständnisses, sondern mit der Blindheit der Leidenschaft und des Misstrauens hat er die Frauennatur geschildert. Und darum hat er von diesem Mysterium weder Offenbarungen empfangen noch gegeben. Die Frauen betrachten die von Strindbergs Frauenhass inspirierten Gestalten – und diese sind seine originellsten – wie Böcklins Meerfrauen: mit Bewunderung für die Stärke der Phantasie, die sie geschaffen, aber ohne Gefühl der Zusammengehörigkeit mit ihrem Wesen. Aber in dem Masse, in dem eine Frau das ist, was zu sein ihr Strindberg die Möglichkeit abgesprochen hat: eine Denkende, die ein gewaltiges Genie bewundern, und eine Fühlende, die von einem tragischen Schicksal gerührt werden kann, wird sie sich nicht abschrecken lassen, bei Strindberg das zu lernen, was er sie lehren kann, nämlich was die einseitige Männlichkeit von den Frauen verlangt. Und trotz des Strindbergschen Unverständnisses all des Tiefsten, was die heutige Frau von sich selbst, vom Manne, von der Liebe will, liegt doch etwas Berechtigtes in manchen seiner ausschliesslich und altmodisch männlichen Forderungen, das die moderne Frau nicht übersehen sollte.

Der zweite grosse »Frauenschmäher« der Zeit ist Nietzsche. Und doch hat kein Mann grössere Worte von der Mutterschaft gesagt als er, der prophezeit, dass die Frau als Mutter die Welt erlösen wird. Kein Zeitgenosse hat stärker die Bedeutung der Schönheit und Gesundheit der Ehe für die Steigerung des Menschengeschlechts betont. Kein Dichter hat reichere Worte über das Wesen der grossen Liebe gesagt. Aber keiner hat den neuen Willen des Weibes zu eben dieser Liebe weniger verstanden. Kein Seelenforscher der neueren Zeit hat tiefere Entdeckungen in der Menschennatur gemacht, aber für keinen hat »Mensch« einseitiger »Mann« bedeutet. Diesen meint Nietzsche immer, wenn er den Menschen eine Einheit aus mehreren Seelen, ein Geheimnis für sich selbst nennt; wenn er von der Spannung der ungeahnten Offenbarungen spricht, die wir erwarten können, wir, die wir täglich erfahren, dass jeder sich selber »der Fernste« ist. Das Weib ist für ihn das Fertige, Einfache. Das Naturgebundene, das Allgemeinweibliche in ihr ist das Wertvolle; das Zusammengesetzte, das Sondergeprägte hingegen das Naturwidrige. Nicht in den harten Worten, die Nietzsche über gewisse Frauen sagt, liegt seine Ungerechtigkeit, sondern darin, dass er die Natur des Weibes als eine flache Ebene sieht, während er die des Mannes in Höhen und Täler, in Tiefen und Untiefen scheidet. Und doch ist der Unterschied zwischen einer »grande amoureuse« und dem Nachtfalter, zwischen dem Muttermenschen und dem Mutterweibchen grösser als zwischen einer männlichen Herren- und einer Sklavenseele! Seine Einteilung der Frauen in Katzen, Kühe und Affen gibt den Möglichkeiten der Frau einen ebenso engen Rahmen, wie eine Einteilung der Männer in Füchse, Büffel und Pfauen deren Geschlechte geben würde. Da fehlten nicht nur Nietzsches eigene Tiere, der Adler und die Schlange, sondern auch andere Arten, vor allem – der Löwe und der Esel! In der Unempfindlichkeit für den weiblichen Persönlichkeitswert auf dem Gebiete der Erotik kann Nietzsche mit Luther verglichen werden, wenn auch dieser mit der Grobheit des Bauern spricht, Nietzsche hingegen mit der beflügelten Anmut des Dichters.

Aber selbst die Frauen – oder besonders die Frauen – verstehen schon, dass die harten Schläge von jenen Flügeln der Sehnsucht gegeben wurden, die sich stets aufschwang und stets zurückgestossen wurde, die Sehnsucht nach der Frau, die er hätte lieben können.

Und wenn die Frauen dies begreifen, können sie auch verzeihen, dass er nicht den ersten Pfeiler der Brücke sah, die zum Übermenschen führt: die stolze starke Überzeugung des befreiten modernen Weibes, dass der Reichtum ihres Menschenwesens, dass ihr ganzer Persönlichkeitswert – und nicht nur die Macht der Hingebung ihres Frauenwesens – die Voraussetzung für die Vervollkommnung der Liebe und der Mütterlichkeit bildet. Und nachdem sie verziehen haben, dürfen sie sich nicht abhalten lassen, bei Nietzsche tiefe Wahrheiten über das ewig Bleibende in der Natur des Weibes als Geschlechtswesens, sowie über seine und des Mannes vom Geschlechtsgefühl bestimmte Sehnsucht nach einander zu erfahren.

Nach der Begegnung mit Nietzsche dürfte es der Frau von heute so ergehen wie Psyche nach der Begegnung mit Pan, als dieser sie ermahnt hatte, sich der Sorge des Suchens zu entschlagen und sich mit leichter errungenen Freuden zu trösten, sie wird erneute Stärke fühlen, das grosse Ziel ihrer Sehnsucht zu erreichen.

Wie Psyche hat die moderne Frau die Unmittelbarkeit und das einfache Glück verloren, weil sie es versucht hat, das Wesen der Liebe zu ergründen. Auch sie wird erst nach langen Leiden in einem höheren Zustand beglückt werden und beglücken.

 

Das grosse Leid der Frau von heute war die Entdeckung der Verschiedenheit ihrer eigenen erotischen Natur von der des Mannes. Oder richtiger gesagt: Sie hat es geleugnet und leugnet noch immer, diese Entdeckung gemacht zu haben, und meint, dass nur die Gesellschaftssitten – mit ihrer heilsamen Strenge gegen sie und ihrer masslosen Schlaffheit gegen ihn – den Unterschied verursacht haben, der nun besteht und den sie aufheben will. Aber während die eine Gruppe dies dadurch erreichen will, dass sie vom Manne weibliche Reinheit fordert, will es die andere, indem sie für die Frau männliche Freiheit verkündet.

Die Literatur wimmelt jetzt von »Reinheitsschriften«, männlichen wie weiblichen, schönliterarischen und nichtschönliterarischen.

Anmerkung: Auf die nordischen Nachfolger von »Ein Handschuh« braucht hier nicht näher eingegangen zu werden. Aber auch im Ausland ist die Frage nun in Länder gedrungen, wo der ganz verschiedene Volkscharakter zeigt, wie tief bedeutsam die Macht des Zeitgeistes ist. So hat z. B. Marcel Prevost das Problem in »Vierges Fortes« behandelt, Paul und Victor Margueritte in »Nouvelles Femmes«, und in Deutschland hat Veras (auch ins Schwedische übersetzte) »Eine für Viele« acht verschiedene Schriften pro und contra hervorgerufen. Die als Zeichen der Zeit bemerkenswerteste aus der »Veraliteratur« ist Felix Ebners »Meine Bekehrung zur Reinheit«, wo ein junger Mann aus dem Gesichtspunkt der Liebe für die Enthaltsamkeit des Mannes spricht.

Bald ist es eine Frau, die mit dem Manne, den sie liebt, bricht, als er ihr seine Vergangenheit beichtet; bald eine Frau, die ihren Geliebten zwingt, eine andere zu heiraten, weil diese ihm ein Kind geboren hat – und so weiter in infinitum. Endlich eine, die sich das Leben nimmt, aus Kummer über die Vergangenheit des Mannes, die, wie sie glaubt, ihre Zukunft zerstören wird. Die Literatur ist der Trommelwirbel, der das Nahen der Truppe verkündigt: das Heer von starken Frauen, die die Männer zur Reinheit erziehen wollen, indem sie ihnen ihre Liebe versagen.

Aber ob wirklich in dem Kampfe gegen den erotischen Dualismus des Mannes die Amazonen am meisten bedeuten werden? Ob nicht auch in diesem Falle die Weisheit in der Hoffnung liegt, das Schlechte durch das Gute zu überwinden, nicht das Schlechte durch das Schlimmere, indem man einen von der Liebe zur Einheitssehnsucht erweckten Mann wieder zu der Zersplitterung zurückkehren lässt?

Ob nicht die Frau mehr für die Regenerierung der Sitten bedeuten würde, wenn sie bei dem Manne, den sie liebt, bliebe, um ihn durch ihr ganzes Wesen erfahren zu lassen, was ein Weib durch den Mann leidet und wodurch sie beglückt wird? Immer mehr zärtlich keusche, fein fühlende und mild weise Gattinnen, das dürfte das Seligkeitsmittel für die von der Zersplitterung gequälten Männer sein. Schon eine solche Mutter oder Schwester oder Freundin bringt einem Manne Stärke. Aber siegesgewiss kann nur die Geliebte bleibende Gattin sein.

Freilich vermag sie es nicht, die Vergangenheit des Mannes auszulöschen. Aber sie kann zusammen mit ihm einem neuen, stärkeren Geschlechte das Leben schenken. Der Mann, der weiss, was seine Geliebte durch seine Vergangenheit gelitten hat; der sah, wie die Flügel ihres Lebensmuts etwas von ihrer Schwungkraft einbüssten, ihr Vertrauen etwas von seinem Lächeln, ihre Freude etwas von ihrer Leichtigkeit – der wird dann seine Söhne lehren: dass ein Mann durch das Glück der Liebe wohl aufs neue stark und gesund werden kann, aber ein so schönes und sicheres Glück, wie die Selbstbeherrschung es bereiten kann, wird ihm nicht zuteil; so königin-stolz, wie sein Sieg die Geliebte hätte machen können, erblickt er sie niemals.

Aber soll die Frau dem Reinheitsstreben des Mannes nützen, dann muss sie ihrerseits eine andere Auffassung darüber erlangen, was eine Erniedrigung des Wesens des Mannes war, und was nicht. Eine Frau, die sich beispielsweise mit einem Witwer verheiratet, hat Leiden durchzumachen, die in dem Masse tief werden, als ihre Liebe persönlich ist. Sie möchte nicht nur die letzte, sondern auch die erste Liebe des Mannes gewesen sein; sie leidet unter allen Erinnerungen, die ihnen nicht gemeinsam sind. Sie wäre gerne als Mutter an seiner Wiege gesessen und hätte sein erstes Lächeln aufgefangen; sie sehnt sich danach, mit ihm als Schwester gespielt, als Kameradin seine Mühen und Freuden geteilt zu haben. Sie beneidet alle, die ihn in den Lebensabschnitten und Seelenzuständen sehen durften, in denen sie selbst ihn nicht gesehen hat. Vor allem natürlich die Frau, die ihn zuerst durch die Liebe beglückt sah, die sie ihm gab!

Aber alle diese Leiden bringen sie nicht dazu, den Geliebten als sittlich gesunken anzusehen, weil er vor ihr der Mann eines anderen Weibes gewesen ist. Und dasselbe muss von vorhergehenden Liebesverhältnissen gelten. Der Mann kann in einer früheren Ehe wie in einer freien Verbindung seine Möglichkeiten, eine persönliche Liebe zu geben, entwickelt, oder er kann sie in beiden Fällen verloren haben. Haftet diesen früheren Verhältnissen keinerlei Niedrigkeit an, hat er sich nicht zu freiwilliger Zweiteilung herabgewürdigt – und das ist käufliche Liebe immer – oder zu verächtlichem Doppelspiel; hat er eine Frau nicht als Mittel behandelt, sondern Persönlichkeit empfangen und sich selbst als Persönlichkeit gegeben – dann tritt er nicht »unrein« in seine Ehe, auch wenn er nicht ein Beispiel der Enthaltsamkeit ist.

»Die Männer,« sagt Drachmann, »bleiben ewig jung, die das Weib nicht als Beute oder als Spielzeug betrachten, sondern unter Jubel und Tränen rein und schön alles geben, alles empfangen und sich an alles erinnern.« Aber die Männer, die diese Jugend bewahren, bewahren auch ihre Reinheit, selbst wenn sie nicht jene Exklusivität in der Liebe zeigen, die die erotisch entwickelte Frau auszeichnet.

Nun verhält es sich leider oft so, dass Männer schwer befleckt von früheren Verhältnissen in die Ehe treten, und diese Erfahrung gibt der Reinheitsforderung ihre Allgemeingültigkeit. Die Männer bringen Sitten und Gesichtspunkte mit, die das Glück der Liebe zuweilen für immer vernichten – falls nicht die Unzucht in der Ehe fortgesetzt wird, in der es mehr »gefallene« und verführte Frauen geben dürfte als ausserhalb derselben.

In jedem neuen Entwicklungsstadium der Liebe haben die Frauen, wahrscheinlich früher und sicherlich bewusster als der Mann, die Einheitsforderung mit dem Liebesbegriff verbunden. Die gezwungene Treue in der monogamischen Ehe, die freiwillige in der Liebe rief in der Frau zuerst die Beherrschung des Verlangens hervor, und dann durch die Beherrschung die Schwächung des Verlangens. So wurde allmählich bei vielen Frauen die erotische Einheit ein organischer Zustand, oder wie man bezeichnend zu sagen pflegt: eine physische Notwendigkeit. Nicht bei allen, nicht einmal bei den meisten, aber doch oft genug, dass man die Einheit der Seele und der Sinne in der Liebe – sowie die lebenslängliche Treue in einer einzigen Liebe – die Naturbestimmung unzähliger Frauen nennen kann, während beides bei den Männern noch so ungewöhnliche Ausnahmen sind, dass sie oft unnatürlich genannt werden! Aber wer daraus schliesst, dass, wenn man nur vom Manne dasselbe verlangt, auch die Folge dieselbe sein wird, der schliesst aus zwei verschiedenen Ursachen auf dieselbe Wirkung. Denn verschiedene Ursachen sind und bleiben die erotischen Voraussetzungen des Mannes und des Weibes. Die Reinheit, die der Mann erreichen kann, muss darum immer in gewissem Masse anders sein, als die der Frau, aber darum nicht geringer. Er bleibt sicherlich polygamer als sie, aber das bedeutet nicht, dass er fortfahren wird, sich bei der Befriedigung seiner erotischen Bedürfnisse zu zersplittern. Die Liebe besitzt, ja beherrscht und bestimmt das ganze Wesen der Frau in ganz anderer Weise als das des Mannes. Er wird, in rasch vorübergehenden Stunden, stärker von dem erotischen Gefühl ergriffen, aber befreit sich auch rascher und vollständiger. In dem Masse, in dem die Frau weiblich ist, ist sie hingegen ganz und gar von der Liebe bestimmt. Dies gibt ihrer Sinnlichkeit eine Fülle, ein Gleichgewicht und eine Einheitlichheit, die dem Manne fehlt. Wenn er heiss ist, hält er die Frau oft für kühl; wenn er sie warm sieht, meint er, dass sie es in gleicher Weise ist wie er. Solche Frauen gibt es wohl auch, die wie der Mann zwischen hastigem Aufflammen und plötzlicher Kälte schwanken, und diese Frauen sind noch die erotisch Aufreizendsten. Bei den meisten Frauen hingegen ist aus den obenerwähnten Gründen die Liebe eine gleichmässige Wärme, eine nie erlöschende Innigkeit. Aber dies lässt die Frau unter dem Manne leiden, der zwischen seinen Stunden der Leidenschaft um soviel ruhiger ist als sie, so wenig ihrer unablässigen Zärtlichkeit fähig. Darum findet sie selten, dass sie seine Gedanken und Gefühle so ganz ausfüllt, wie er die ihren.

Eine Frau hat treffend gesagt: dass gerade die grössere Sinnlichkeit der Frau sie weniger sinnlich macht als den Mann; auf Grund der Mutterschaft – und allem, was damit zusammenhängt – ist sie sozusagen von Kopf bis zu Fuss das ganze Jahr hindurch sinnlich, der Mann hingegen nur akut und lokal.

Anmerkung: Lou Andreas-Salome: Der Mensch als Weib.

Lässt man den Gedanken von der Erotik zur Mütterlichkeit schweifen, so sieht man sogleich ein, wie wahr dies ist: das Muttergefühl ist das durch und durch sinnlichste und infolgedessen das durch und durch seelenvollste der Gefühle: dieselbe Hingerissenheit der Sinne, in der die Mutter ausruft, sie möchte ihr Kind »aufessen«, äussert sich auch in der Liebe, die für das Kind sterben kann! Aber die oben erwähnte Schriftstellerin meint ausserdem: dass die erotischen Gefühle auch beim Manne umgesetzt und in mannigfaltigerer Weise ausgelöst werden können als in dieser einzigen, die noch für die meisten von ihnen der ganze Inhalt der »Liebe« ist, eine Annahme, die sich auf moderne wissenschaftliche Untersuchungen über diesen Gegenstand gründet.

Wenn dieselben sich bestätigen, wird es nicht nur im dichterischen, sondern auch im psychophysischen Sinne wahr sein, was Rousseau seiner ungläubigen Mitwelt offenbart hat: dass ein Blick einen Liebenden ganz und gar mit Wollust erfüllen kann; dass die grossen Seelenbewegungen die Hauptbedingung für das Glück der Liebe sind; dass die leiseste Berührung der Hand der Geliebten grössere Seligkeit schenkt, als der Besitz der schönsten Frauen ohne Liebe – Gefühle, die alle grossen Liebenden aller Zeiten bestätigt haben und für die selbst die entgegengesetztesten Naturen – von einem Comte zu einem Berlioz – dasselbe Zeugnis ablegen. Die Erotik des Bauern, die nichts von Liebkosungen weiss, steht an Glück der des gebildeten Menschen nach, welcher in der Liebe die verfeinerten Freuden aller Sinne findet. Und das Glücksgefühl dieses Menschen steht wiederum tief unter dem derjenigen, die auch in der Begegnung zweier Gedanken oder Stimmungen die Seligkeit der Liebe erleben.

Die Überzeugung, dass die Sinnlichkeit nur beherrscht werden kann, indem sie beseelt wird, leitet die Frauen, die nun hoffen, die Männer zu bekehren, nicht zur Pflicht der Monogamie, sondern zur Freude der Einheit.

Bevor der Wille der Frau so zielbewusst werden konnte, mussten ihre langen Freiheitsbestrebungen vorhergegangen sein. Die Ehe durfte nicht mehr der Broterwerb der Oberklasse sein, wie die Prostitution noch der der hungernden unteren Klassen ist. Die Liebe musste wenigstens in dem Sinne frei geworden sein, dass eine Frau nicht vor die Wahl gestellt war: Armenunterstützung seitens der Verwandten oder Zwangsverkauf an den Mann; ihre Persönlichkeit musste zu Ansehen gekommen sein, nicht nur in bezug auf den weiblichen Wert und die allgemeinmenschliche Würde, sondern auch in ihrer Individualität. Erst als sie – selbst arbeitend und wirkend – in ihrem Lebensunterhalt wie in ihrem Lebensinhalt nicht mehr ausschliesslich von der Werbung des Mannes abhing, wurde die Seligkeit der Frau nicht, »dass der Mann will« (Nietzsche), sondern dass sie selbst wollen kann! Die Sprache spiegelt schon die Veränderung der Sitte wieder. Selten hört man jetzt von einer Frau sagen: Warum hat sie nicht geheiratet? aber um so häufiger wird gefragt: was mag wohl ihr Liebesschicksal gewesen sein, da sie nicht geheiratet hat?

Die Entwicklungslinie geht auch hier im Zickzack. Die Frauen handeln zuweilen, als hätte die ganze Emanzipation zu nichts geführt. Aber trotz des vielen Widerspruchsvollen ist für den, der hoch genug steht, um Übersicht zu haben, die Evolution der Liebe – vor allem durch die Liebesforderung des neuen Weibes – die sicherste der Wirklichkeiten.

Man kann diese Evolution im Leben wie in der Literatur verfolgen, wo sie nun alle möglichen Ausdrucksformen annimmt, von Erlebnissen, die zu echten Dichtungen umgeschaffen wurden, bis zu Erzeugnissen, die zu dem Gedanken verleiten, dass diese Menschen nur liebten, um etwas zu haben, woraus sie ein Buch machen könnten! Die jetzige Frauendichtung erinnert an ein Relief aus einem Opferaltar auf dem Forum Romanum, ein Relief, wo der Ochse, das Schaf und das Schwein in einer Reihe dem Messer zuwandern! Hekatomben dieser Tiere werden heute – in der Gestalt von Ehemännern oder Liebhabern – von dem neuen Weibe Eros geopfert! Es dürfte nicht mehr lange dauern, so werden die Treuegelöbnisse in Verschwiegenheitsgelöbnisse abgeändert werden, und die Ehepakten einen Punkt enthalten, der es verbietet, dass die Liebesbriefe nach dem Bruche als Literatur fructificiert werden!

Gewiss bleibt es ewig wahr, dass niemals ein lebendiges Buch über die Liebe mit einem anderen Safte als mit Blut geschrieben wurde. Aber zu diesen Büchern gehören jene Prozessakten nicht, in denen man Partei, Zeuge, Richter und Henker in einer Person findet.

Doch stark oder schwach, schüchtern oder frech, edel oder unedel – immer sind die Bücher des neuen Weibes lehrreich für den, der die Richtung der Evolution der Liebe verfolgen will.

 

Die grosse Gefahr für diese liegt darin, dass die Frauen noch immer nicht genug mit der Sinnlichkeit rechnen, die Männer noch immer nicht genug mit der Seele. Und besonders ist es die Frau, die jetzt ihre eigene erotische Natur – mit ihrer warmen Durchdrungenheit und versuchungsfreien Einheitlichkeit – zum ethischen und erotischen Massstab für die des Mannes – mit ihrer heissen Plötzlichkeit und gefahrvollen Halbheit – machen will.

Es ist ohne Zweifel eine weibliche Übertreibung, dass eine »reine« Frau die Macht der Forderungen ihres Geschlechtes nur dann fühlt, wenn sie liebt. Aber der ungeheure Unterschied zwischen ihr und dem Manne liegt darin, dass sie diesen Forderungen nicht willfahren kann, ohne zu lieben. Es ist allerdings wahr, dass eine Frau neben ihrer Liebe eine Lebensaufgabe haben kann. Aber der tiefgehende Unterschied zwischen ihr und dem Manne besteht vorderhand darin, dass er häufiger als Schaffender denn als Liebender sein Bestes gibt, während es bei ihr fast immer umgekehrt ist. Und während der Mann so von sich selbst und von anderen nach seinen Werken gewertet wird, wertet die Frau sich im innersten nach ihrer Liebe – und will danach gewertet sein. Erst wenn diese voll geschätzt und beglückend ist, fühlt sie sich selbst als einen grossen Wert. Es ist freilich wahr, dass das Weib vom Manne auch sinnlich beglückt werden will. Aber während diese Sehnsucht nicht selten bei ihr erst erwacht, lange nachdem sie einen Mann schon so liebt, dass sie ihr Leben für ihn opfern wollte, erwacht beim Manne oft das Verlangen, eine Frau zu besitzen, bevor er sie auch nur so liebt, dass er seinen kleinen Finger für sie hingeben würde. Dass die Liebe bei der Frau meistens von der Seele zu den Sinnen geht und manchmal gar nicht so weit kommt; dass sie beim Manne meistens von den Sinnen zur Seele geht und manchmal gar nicht ans Ziel gelangt – das ist von den jetzigen Verschiedenheiten zwischen Mann und Frau die für beide qualvollste. Es ist ganz sicher, dass der Mann sowohl wie das Weib durch ihre grosse Liebe demütig werden; und die Erfahrung, Gegenliebe gefunden zu haben, macht selbst den Freidenker zum Wundergläubigen. Aber der Mann verbirgt oft seine Demut unter einer Sicherheit, die die Frau beleidigt; sie hingegen die ihre unter einer Unsicherheit, die den Mann verletzt. Und aus dieser Verschiedenheit der Instinkte entsteht eine neue Art von Verwicklungen, seit auch der Mann angefangen hat, von der Frau ein wortloses Verstehen zu wünschen; seit er nur dann von ihrer Liebe überzeugt ist, wenn sie die seine erraten und gerade seine Verschwiegenheit geliebt hat. Aber dem bewussten und verfeinerten Willen des modernen Mannes stehen seine ererbten Erobererinstinkte entgegen. Und keine Frau kann aller früheren wie aller neueren Leiden der Liebe gewisser sein, als die, welche – wie Helene in Hauptmanns »Vor Sonnenaufgang« – wirklich nach den Worten des geliebten Mannes handelt: dass er nur die Liebe eines Weibes besitzen möchte, das selbst den Mut hätte, ihm dieselbe zu erklären. Denn im Weibe lebt andrerseits das uralte Verlangen, erobert zu werden, fort. Und darum geraten auch ihre stärksten Gefühle in Konflikt mit ihrem neuen Mut zur Handlung.

Aus all diesen Gründen ist es für einen modernen Menschen schwer, sich geliebt zu glauben oder sich geliebt zu wissen.

Und dies wird der Liebe ihre Spannung bewahren, auch nachdem die tierischen Gewohnheiten – Verfolgung auf der einen, Entfliehen auf der anderen Seite – allmählich aufgehört haben werden. Der Kampf und der Siegesrausch wird immer ein Teil der Lebensreize und Lustgefühle der Liebe bilden. Aber sie werden auf eine höhere Stufe versetzt. Das Anstürmen des Mannes, um eine Frau zu gewinnen, die ihn sonst gar nicht bemerkt haben würde; das Ausweichen der Frau, um den Mann anzureizen oder um doch in gewissem Masse die Selbstbestimmung ihres Gefühls zu wahren, wird von dem Willen beider umgewandelt werden, zu warten, bis auch der andere gewählt hat. Die erotische Spannung wird dann von dem Streben nach den verfeinertsten Ausdrücken der Sympathie ausgelöst werden, nach den überzeugendsten Äusserungen des Verständnisses, nach vibrierendster Sensibilität für den Seelenzustand des anderen, nach dem vollsten Vertrauen. Der Sieg wird ein immer tieferes Eindringen in die Eigenart des anderen bedeuten, eine immer reichere Fülle und Freudigkeit in der Mitteilung der eigenen; einen unablässig wachsenden Glauben an das Rätselvolle, sowie Dankbarkeit für das Offenbarte. Der Reiz wird sich täglich angesichts von Stimmungen mit Übergängen erneuen, die so unmerklich sind, wie die des Abendhimmels vom rotesten Gold zur reinsten Weisse; angesichts von Grenzlinien zwischen Sympathie und Antipathie, die in der einen Stunde fein wie ein Faden, in der anderen so breit wie ein Strom sein können. Er wird sich erneuen durch unzählige prüfende, vereinende und abweisende Seelenbewegungen, rasch und unwiderruflich entscheidend wie der Fall eines Sternes im Raume.

Und diese Spannung des Zusammenlebens wird nicht wie jetzt durch den männlich feisten Stolz oder die weiblich satte Mattigkeit des Besitzrechts erschlafft werden. Weil alles Glücksgefühl mit der Kraftanspannung, ein Ziel zu erreichen, und mit dem Gleichgewicht nach der Erreichung zusammenhängt, ist es bisher das Unheil der Liebe gewesen, dass die Werbung die ganze Spannung, die Ehe das erreichte Gleichgewicht dargestellt hat. Nur die Gewissheit – durch das Leben oder den Tod – das geliebte Wesen zu verlieren, hat in der Regel eine neue Seelenspannung hervorgerufen. Dies hat, aus den früher erwähnten Ursachen, besonders vom Mann gegolten. Die Frauen haben oft lange unter den prallen, sicheren, behaglichen ehelichen Gewohnheiten gelitten, bevor sie auf jene Ruhe der Fülle, jenes bewegte Gleichgewicht verzichtet haben, das ihr Glückstraum war.

Aber nun wollen die Frauen nicht mehr resignieren. Im Leben wie in der Literatur erheben sie sich gegen die Ehe, »die man ertragen lernt«. Tausende fragen sich mit Ellen von der Weiden, ob die Liebe ihres Mannes das höchste Glück mitteilt, das ihr Wesen empfinden kann? Und wenn sie gezwungen sind, nein zu antworten, dann sehen sie sich um das Leben betrogen. Aber weniger und weniger wollen sich die Frauen um das Leben betrügen lassen. Mehr und mehr wird ihre Forderung einer neuen Liebe eins mit der Forderung einer neuen Ehe, deren höchster Wert nicht wie jetzt in »Sicherheit und Ruhe« bestehen wird.

Anmerkung: Man sehe »Ellen von der Weiden« von Gabriele Reuter. Aber nicht nur in der Frauenliteratur wird die neue Liebe verkündigt. Schon jetzt gibt es Männer, die ganz begreifen, was die Frau will. Unter den Älteren hat G. Meredith – sowie Ibsen, Björnson und Jonas Lie – es teilweise verstanden. Aber Maeterlinck spricht vor allen anderen Zeitgenossen von jener wunderbaren Liebe, »die zwischen den Menschen gewöhnlich sein sollte, aber so selten ist, dass sie sie blendet und ihnen wahnsinnig vorkommt; eine naive und doch klarsehende Liebe, die mutig ist und zugleich weich wie eine Blume; die alles nimmt und doch mehr gibt, die sich niemals bedenkt und niemals fehlgreift, die durch nichts erschreckt, durch nichts verwundert wird; die ein mystisches, anderen unsichtbares Glück sieht und erfasst; die es überall in allen Prüfungen und Möglichkeiten vor Augen hat und sich lächelnd bis zum Verbrechen vorwagt, um es zu erlangen ...« Ein anderer ist Peter Altenberg, der in tausend Tonarten wiederholt: wehe dem Weibe, das sich mit dem zufrieden gibt, was der moderne Mann ihr bietet, denn sie zerstört den tiefsten Plan der Natur: dass sie den Mann von seiner rückständigen Roheit in Gefühl und Sitte befreien soll, ihn befreien durch ihre unnachgiebige Forderung an Verfeinerung und Veredlung der Liebe. Und noch andere jüngere Dichter könnten erwähnt werden.

Die Franzosen haben sowohl in bezug auf die Zeit wie auf die Art, die Frage auf dem Gebiete des Essays zu behandeln, den Vorrang, in erster Linie durch Stendhals »De l'amour« – den vollsten Ausdruck der schon den Liebeshöfen bewussten französischen Romantik, für die die Liebe der höchste Wert des Lebens ist, aber ein Lebensinhalt, der mit der Ehe nichts gemein haben kann. Andere Arbeiten sind Stahl: De l'amour; Michelet: L'amour; Bourget: Psychologie de l'amour. In Deutschland haben die letzten Jahre u. a. folgende Essaysammlungen von männlichen Schriftstellern gebracht: K. Hessen: »Das Glück in der Liebe«; M. Schwann: »Liebe«; Dr. L. Gumplowicz: »Ehe und freie Liebe«; Leo Berg: »Das sexuelle Problem«; »Brautstandsmoral« von R. R. Michels und verschiedene mir unbekannte Arbeiten wie: »Gebt uns die Wahrheit« von Else Jerusalem-Kotanyi; A. Rauber: »Fragen der Liebe« und die »Donjuansage«; »Ist freie Liebe Sittenlosigkeit?« »Sollen wir heiraten?« von Dr. N. Grabowsky; »Moderner Eheschacher« von F. Sturmer; »Der Kampf der Geschlechter« von E. v. Nummersdorf; »Die Liebe des Übermenschen« von Marie Halm usw. Ferner eine Menge Schriften über die Aufklärung der Jugend über die geschlechtlichen Dinge. In England gab schon Tennyson dem »new woman« ihren Namen und kündete ihre Wünsche, und viele andere haben dort seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts mittelbar den Begriff der Erotik vertieft, unter den Schriftstellerinnen besonders die Schwestern Brontë und Miss Mulloch. In letzter Zeit hat George Egerton in »Rosa Amorosa« und Edward Carpenter in »Wenn die Menschen reif zur Liebe werden« jeder in seiner Weise die Evolution der Liebe ausgezeichnet behandelt; letzterer hat auch andere mir unbekannte Arbeiten über die Frau, die Liebe und die Ehe geschrieben und verweist auf mehrere solche wie »Woman free« von Ellis Ethelmore, »A noviciate for Marriage« von Edith M. Ellis. In Italien haben unter anderen Mantegazza über die Liebe und Vaccaro über die Evolution der Liebe geschrieben, aber beide sind mir unbekannt.

Hier sind nur jene Arbeiten genannt, die ausserhalb des wissenschaftlichen Gebiets stehen und darum für das Eindringen der Frage in das allgemeine Bewusstsein bezeichnend sind. In dieser Beziehung auch nur eine flüchtige Übersicht über die Belletristik zu geben, wäre undenkbar. Wer einen kurzen Überblick haben will, dem sei eine kleine Broschüre von Dr. Paul Bergamann empfohlen: »Die werdende Frau in der neuen Dichtung«. Ebenso Dr. Ella Mensch: »Die Frau in der modernen Literatur«. Aber seit diese Arbeiten geschrieben wurden (Ende der neunziger Jahre), ist der Stoff wieder sehr gewachsen. Ein neuerer Beitrag ist ein Artikel »Das Liebesproblem in der modernen Literatur« von Irma von Troll-Borostyani. In Norwegen hat mehrere Jahre hindurch besonders Alvilde Prydz die Sache des »neuen Weibes« geführt, sowie Magdalene Thoresen stets die der grossen Liebe. In Deutschland ist Elisabeth Dauthendeys Buch »Vom neuen Weibe und seiner Liebe« aus ganz demselben Gedankengang herausgeschrieben, wie die Bücher von Alvilde Prydz.

In diesem Zusammenhange muss darauf hingewiesen werden, dass sowohl die Rechtswissenschaft wie die Nationalökonomie sich im neunzehnten Jahrhundert fleissig mit der Frage der Ehe befasst haben. Von sozialistischer Seite hat Engels ihren Zusammenhang mit dem Privateigentum im »Ursprung der Familie« dargelegt, einem Werke, das für die Auffassung seiner Gesinnungsgenossen grundlegend wurde, und es würde zu weit führen, an die Beiträge sozialistischer Utopisten zu dieser Frage zu erinnern; der seelenvollste ist William Morris: »News from nowhere«. Aber vor allem hat die Anthropologie und die Ethnographie im vergangenen Jahrhundert eine ganze Literatur über einschlägige Fragen geschaffen. So hat sich allmählich die Anschauung gebildet: dass auch in bezug auf die geschlechtliche Sittlichkeit die Normen menschlich und relativ sind, nicht göttlich und absolut. Aber auf die Evolution der Liebe selbst, in dem Sinne, in dem das Wort hier gebraucht wurde, hat diese Forschung keinen wesentlichen Einfluss ausgeübt. Nicht mit Dokumenten der historischen Entwicklung der Liebe und Ehe, sondern mit der jetzigen Bewegung für die Freiheit um Persönlichkeitsentwicklung der Frau steht die letzte Epoche der Evolution der Liebe im Zusammenhang. Das hindert jedoch nicht, dass einige Schriftsteller versucht haben, ihre Zukunftsbilder von der Freiheit der Liebe dadurch zu stützen, dass sie beispielsweise den Wert des Matriarchats hervorgehoben haben, die Form, die Bachofen und Mac Lennan als die ursprüngliche der Familie ansehen und mit ihnen eine Menge anderer Forscher, Morgan, Kovalevsky, Lubbock u. A. Andere hingegen – z. B. der Däne Professor Starke und der Finnländer Professor Westermarck – haben sich auf den entgegengesetzten Standpunkt gestellt und haben andere Geschlechtssitten mit patriarchalischen Verhältnissen als Ausgangspunkt der Familie bezeichnet. Der Kampf zwischen dieser »Familientheorie« und den eben erwähnten Forschern, die »Stammehen« annehmen, ist noch nicht zu einem endgültigen Abschluss geführt. Aber die neuen Begriffe über die geschlechtliche Sittlichkeit gehen ihren Weg unabhängig vom Ausgang dieses Kampfes.

Die Frau weiss – und der Mann noch mehr – dass in den Stunden der Windstille, wo aller Lebensanreiz fehlt, die Versuchung auftaucht, ihn in neuen Verhältnissen zu suchen. Doch sie fangen auch an, einzusehen, dass, wenn ein und dasselbe Gefühl eine unablässige Spannung zu bieten vermag, – durch den Willen, einen immer höheren Zustand dieses Gefühls zu erreichen – eine solche Versuchung mit Notwendigkeit immer ungefährlicher wird, ganz einfach, weil die Menschenseele nur mit grosser Schwierigkeit die geistigen Reichtümer, die sie auf eine Stelle konzentriert hat, umpflanzen kann. Die Liebe ist in ihrer unpersönlichen Form ein bewegliches und leicht vergeudetes Kapital. In ihrer persönlichen hingegen ist sie fester Besitz, der immer wertvoller wird, je mehr man hineinlegt und der sich seiner eigensten Natur nach nur schwer vergeuden lässt.

So oft eine Frau einen Mann durch lebenslängliche Bezauberung gefesselt hat, lag das Geheimnis darin, dass er niemals mit ihr fertig wurde; dass sie »nicht eine, sondern tausende« war (Gunnar Heiberg); nicht eine mehr oder weniger schöne Variation des ewigen Themas Frau, sondern eine Musik, in der er den Reichtum des Unerschöpflichen, die Lockung des Unergründlichen gefunden, während sie ihm zugleich ein unvergleichliches Glück der Sinne schenkte. Je mehr die moderne Frau den Mut zu einer sinnlich wie seelisch reichen Liebe fasst, je zusammengesetzter und in sich geschlossener ihre Persönlichkeit wird, desto mehr wird sie die Macht erlangen, die jetzt nur das glückliche Vorrecht der Ausnahmenaturen ist.

Man sagt der Frau, dass ihr neuer Liebeswille nicht nur die Natur des Mannes, sondern auch die Wohlfahrt der neuen Generation gegen sich hat.

Sie antwortet: dass die grosse Liebe wohl kindlichen Unverstand auf allen Gebieten weltlicher Klugheit zeigen kann, aber dass sie auf ihrem eigenen Gebiete – mit all seinen Rätseln und Aufgaben – göttliche Weisheit, Ahnungsgabe, Wunderkraft ist; dass nur eines nottut, damit die Liebe die Menschheit regeneriere: dass sie eine immer grössere Lebensmacht werde und der Mensch immer mehr von seiner Seelenmacht für sie einsetze.

 

Schon jetzt gibt es Menschen, die mit der grossen Liebe lieben. Sie zeigen eine unersättliche Eroberungslust gegenüber allen Reichtümern des Lebens, um die Mittel zu haben, gegen einander von königlicher Verschwendung zu sein. Keines betrügt den anderen auch nur um einen Tautropfen. Die Glut, die sie sich geben, die Freiheit, die sie sich schenken, macht den Raum um sie warm und weit. Die Liebe gibt ihnen stets neue Inspirationen, neue Kräfte und neue Aufgaben für ihre Kräfte, mögen diese sich nun nach innen auf das Familienleben oder nach aussen auf die Gesellschaft richten. Und so wird das Glück, das für sie selbst die Quelle des Lebens ist, auch ein Zufluss, durch den das Glück des Ganzen steigt. Die Macht einer grossen Liebe, den Wert eines Menschen für die Menschheit zu steigern, ist nur mit der religiösen Glaubensglut oder mit der Schaffensfreude des Genies zu vergleichen, übertrifft aber beide an allseitiger Lebenssteigerung. Der Schmerz kann einen Menschen zuweilen mitleidsvoller für anderer Leiden machen, mehr allgemein tätig, als das sich nach innen sammelnde Glück. Aber nie führte der Schmerz die Seele zu den Höhen und Tiefen, zu den Eingebungen und Offenbarungen des Alllebens, zu der kniefälligen Dankbarkeit vor dem Lebensmysterium, zu der die Frömmigkeit der grossen Liebe ihn leitet!

In gleicher Weise wie der Glaube heiligt diese Frömmigkeit alles. Sie gibt der Sorge für uns selbst eine gewisse Bedeutung, denn

... if I am dear to some one else
Then must I be to myself more dear.

Sie schliesst die unbedeutendsten Dinge des Lebens zu einem bedeutungsvollen Ganzen zusammen. Der so Geliebte und Liebende trägt auch dasselbe Gepräge wie der christliche Mystiker, der immer klarer und doch immer geheimnisreicher wird; immer voller von Leben und doch immer stiller; immer mehr nach innen gekehrt und doch immer ausstrahlender.

Es gibt Menschen, welche meinen, dass dieser Zustand überspannt, unnatürlich sei.

Aber die Wahrheit ist – für jeden, der sie geschaut hat – dass »le vrai amour est simple comme un basrelief antique«. Ein solches Relief, das vor allen anderen dem Bilde entspricht, befindet sich im Museum von Neapel. Es zeigt einen Mann und ein Weib, die still zu beiden Seiten eines Baumes stehen. Ein Künstler der Antike hat hier wohl schon all das Bedeutungsvolle geahnt, was ein Sohn unserer Zeit verkündet hat, als er unter den Baum des Lebens einen Jüngling und eine Jungfrau mit einem geteilten Apfel in der Hand stellte: they divided the apple of life and ate it together ...

Zwei so Teilenden wird der Alltag funkelnd voll von kleinen Freuden wie ein Mittsommerfeld von Kornblumen; der Feiertag weiss von grossen Wonnen wie ein Pfingstgarten von Obstblüten. Zwei so Lebende können so spielen, dass hinter dem Spiel immer die Stille der Zärtlichkeit steht; so lächeln, dass unter dem Lächeln immer ein leicht bewegter Ernst liegt. Wenn der Tod sie nicht unterbricht, bauen sie ihr Zusammenleben so auf, wie die gotischen Kathedralen gebaut wurden: Strebepfeiler an Strebepfeiler, Bogen über Bogen, Ornament in Ornament, bis schliesslich das Gold der höchsten Spitze den letzten Strahl des Sonnenuntergangs auffängt.

So gibt die grosse Liebe schon jetzt zwei Menschen, was erst die ganze Entwicklung der Menschheit in ihrer Gesamtheit geben kann: die Einheit zwischen Sinnen und Seele, Lust und Pflicht, Selbstbehauptung und Selbsthingebung, zwischen dem einzelnen und der Menschheit, dem Augenblick und der Zukunft.

Dieser Zustand – wo jeder eigene Gewinn eine Gabe und jede eigene Gabe ein Gewinn ist, wo sich stete Bewegung und stille Ruhe vereinen – ist jetzt schon das, was Träumer von dem dritten Reiche erwarten.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.