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Über die Epochen der neueren Geschichte

Leopold von Ranke: Über die Epochen der neueren Geschichte - Kapitel 6
Quellenangabe
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typeessay
authorLeopold von Ranke
booktitleAusgewählte Aufsätze und Meisterschriften
titleÜber die Epochen der neueren Geschichte
publisherAlfred Kröner Verlag
editorHans Hofmann
year1942
firstpub1854
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090201
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Sechster Vortrag

Unter den vornehmsten Elementen der nunmehr gebildeten Welt tritt uns von römischer Seite her die Provinzialaristokratie entgegen, welche sich mit den eingedrungenen Volkskönigen und adeligen Häuptern in einem friedlichen Zustand unter Vertrag vereinigte. Fragt man nun, unter welchen Umständen sie zu einer Einheit gelangten, so zeigt sich uns als wichtiges Moment jener Epoche die Gesetzesbildung.

In dem Augenblick, wo dies alles geschah, kam in Konstantinopel Kaiser Justinian auf den Thron (527), der die Gesetzesbildung des römischen Reiches zum Abschluß brachte. Er kodifizierte das römische Recht, dessen lebendige Fortbildung unter dem Einströmen der Barbaren aufgehört hatte, gerade in dem rechten Moment zu zwei großen Sammlungen, so daß dieses ursprüngliche Werk des römischen Geistes, an dem derselbe jahrhundertelang gearbeitet hatte, erst zur Zeit des Umsturzes der römischen Weltherrschaft zu einer festen Gestaltung gedieh. Wir sehen auch hier die Beobachtung bestätigt, daß, solange die Geister im fortwährenden Bilden und Schaffen begriffen sind, sie an eine Fixierung der Dinge nicht denken, daß vielmehr erst dann, wenn die Epoche erschienen ist, in welcher der lebendige Trieb fehlt, sich Leute finden, die mit dem Sammeln sich abgeben. Die Sammler der justinianischen Zeit suchten unter der Masse des vorliegenden Stoffes dasjenige hervor, was ihnen am besten zu sein schien, und dieses wurde von Justinian für das alleingültige Gesetz des römischen Reiches erklärt.

Daran war freilich nicht zu denken, daß schon die damaligen Germanen Lust gehabt hätten oder auch nur fähig gewesen wären, unter diesen Gesetzen zu leben. Der Westgotenkönig Athaulf, der Nachfolger Alarichs, sprach es offen aus, wie er aus Italien nach Gallien ging, er würde das römische Reich in ein gotisches verwandeln, wenn seine Goten nur auch unter Gesetzen, wie die Römer, leben wollten. Eine gewisse Summe legaler Einrichtungen aber erwies sich nunmehr als unentbehrlich. Es wurde daher unter diesen Nationen eine eigentümliche Art von Gesetzesbildung versucht, die dahin abzielte, die beiden nebeneinanderlebenden Völker, Germanen und Romanen, in eine einzige Genossenschaft zu verbinden. Diese Bedeutung haben die Leges oder Volksrechte der Westgoten, Burgunder, Franken usw. Das am meisten in die Augen fallende, was uns bei diesen Gesetzen entgegentritt, ist das sogenannte Wergeld, welchem die Auffassung zugrunde liegt, daß nicht der Staat, sondern die Familie des Ermordeten oder sonst Beschädigten bei solchen Kriminalfällen beteiligt sei, eine Auffassung, welche der römischen Staatsidee schnurstracks entgegenläuft. So barbarisch nun auch diese Kombination von Rechtssätzen sich ausnahm, so war sie doch ein Fortschritt des gesetzlichen Geistes, und es ist dieselbe eines der wichtigsten Ereignisse dieser Zeit, aus welchem wir gleichfalls die Propagation der Weltidee wahrnehmen können.

Wie aber konnten nun diese Länder im übrigen regiert werden, und wie wurden sie regiert? Von der altrömischen Verwaltung war überall noch vieles bestehen geblieben, was die germanischen Könige zur Vermehrung ihrer Macht benützten und annahmen. Hiezu gehört namentlich die Organisation der Finanzverwaltung, welche für die Könige sehr einträglich war, da nicht die Germanen, wohl aber die Provinzialen der Tributaria sollicitudoDie Unruhe, Belastung, die durch die Steuerpflicht entsteht. unterworfen waren.Daher kam es z.B., daß in Frankreich der Adel bis zur Französischen Revolution steuerfrei blieb. Also auch die Idee der römischen Verwaltung ging auf den germanischen König über, was um so mehr zu sagen hatte, als die germanischen Könige einen Ehrgeiz darein setzten, sich von den oströmischen Kaisern anerkennen zu lassen. Die ganze spätere absolute Monarchie beruht auf dem Gedanken, das römische Kaisertum wiederherzustellen. In das germanische Königtum aber, wie es sich in der späteren Zeit entwickelte, ging außer römischen Elementen insbesondere das germanische Prinzip über, welches die Regierungsgewalt für ein erbliches Recht hält, was bei den Römern nicht der Fall gewesen war.

Nachdem wir von der Politik gesprochen haben, müssen wir jetzt unsern Blick auf die Religion und Kultur werfen, um auch hier die Keime der modernen Zeit zu entwickeln.

In der romanischen Welt war, wie oben gesagt, das vornehmste, was übrig geblieben war, die Kirche, die durch ihre Verbindung mit der Philosophie und Literatur einen immensen Inhalt der Zivilisation hatte. In diese Kirche gingen nunmehr auch die Germanen ein. Wie die Römer in den germanischen Hof- und Kriegsdienst, so traten die Germanen in den geistlichen Dienst, wie wir z.B. bei den Westgoten und im fränkischen Reiche eine Menge Germanen als Bischöfe finden; im letzteren hatten die Könige eine Zeitlang die größte Autorität über die Bischöfe, ja sie setzten dieselben geradezu ein; je machtloser aber die merowingischen Könige wurden, desto höher stieg die Autorität der Bischöfe, ohne damals schon von Rom abzuhängen.

Die weitere Frage ist, wie Dogma und Kultus dieser Kirche den Barbaren beigebracht werden konnten, wie sie fähig waren, ein Dogma, das durch die tiefsinnigsten Kombinationen gebildet war, in sich aufzunehmen, und wie der Kultus der reinen Religion mit dem durch die Kriege und in den Kriegen verwilderten germanischen Wesen verschmolzen werden konnte.

Das Dogma wurde den Germanen als reine Formel überliefert, ohne daß man sich um den Inhalt bekümmerte, und in den Kultus mischte sich auf sonderbare Weise der heidnische Götzendienst. Wenn aber auch das Dogma in einer Formel begriffen war, so hatte doch diese Formel die Wahrheit in sich, und es konnte sich später doch wieder ein Gefühl für das Mysterium entwickeln; ja es war jenes der einzige Weg, auf dem das Christentum diesen Völkern beigebracht werden konnte. –

Auch in der Kultur und Literatur standen sich zwei verschiedene Elemente gegenüber: die römische Kultur und Literatur der späteren Zeit hatte sich rein resümierend verhalten; die Doktrin wurde in den überall vorhandenen Schulen als etwas Gewonnenes den Gemütern überliefert, von einer Forschung war in keinem Zweige der Wissenschaft mehr die Rede. Mit dieser etwas verknöcherten römischen Literatur kam nun gleichfalls das Germanentum mit seiner Poesie und seinen Sagen in Kontakt. Sehr anschaulich tritt das bei den Historikern hervor, so bei Jordanes in seiner Geschichte der Goten, bei Gregor von Tours in seiner Frankengeschichte, später bei Paulus Diaconus in seiner Geschichte der Langobarden. In diesen höchst unvollkommenen Versuchen zeigt sich jene Vermischung und Berührung der Geister, woraus in der späteren Zeit ein drittes lebensfähiges Element hervorging.

Die Kirche, das Königtum, die Verfassung, die Verwaltung, das Recht, die Literatur waren nunmehr romano-germanisch geworden. –

Auf ganz andere Weise fing der Kampf der bestehenden mit neu entstehenden Elementen im Orient an. Dort waren nicht um das römische Reich her eine Anzahl Volksstämme gelagert, die es zu erobern trachteten, nachdem sie in dessen Kriegsdienste getreten: die Hauptbewegung im Osten ging von der Religion aus. In der Religion waren die orientalischen Völker noch lebendig angeregt, und es waren in dieser Hinsicht hier die größten Gegensätze vorhanden, nämlich: erstens die Juden mit ihrem uralten Monotheismus, die im 4. und 5. Jahrhundert solche Fortschritte unter den Arabern machten, daß ein ganzer Stamm dieses Volkes zum Judentum überging; zweitens der arabische Götzendienst, hauptsächlich Gestirndienst; drittens der Parsismus, der wieder erneuert worden war, und eine Menge verwandter dualistischer Doktrinen; viertens weiter im Osten der Buddhaismus, welcher sich der brahmanischen Religion entgegensetzte, was in der allgemeinen Bewegung auch auf den Westen zurückwirkte. Auf der andern Seite drangen in den Orient die aus dem römischen Reiche durch die Beschlüsse der Konzilien verdrängten Sekten ein, Nestorianer, Monophysiten und andere mehr, welche hauptsächlich darum stritten, wie die Idee vom Sohne Gottes zu denken sei.

In die Mitte dieses ungeheuren Confluxus aller Religionen der Welt trat am Ende des 6. Jahrhunderts Mohammed ein, der als Handelsmann auf seinen Reisen mit allen diesen religiösen Kulten in Berührung gekommen war. Er wollte aber weder mit dem Judentum noch mit dem Sabaeismus, dem sein Stamm zugetan war, noch mit dem Christentum sich befreunden, sondern stellte eine eigene Religion auf, die mit all diesen verschiedenen Elementen vermischt war, und die man unter dem Namen Islam, das ist Gottergebenheit, begreift. Nach vielen heftigen Verfolgungen gelang es ihm, eine Schar von Gläubigen um sich zu versammeln, deren Fanatismus bald alles vor sich niederwarf.

Diese Religion war entstanden in dem Augenblick, wo die Perser mit den Oströmern im heftigen Kampfe begriffen waren. An diese beiden Reiche richtete Mohammed die Aufforderung, sich zu unterwerfen, und als sie dieses nicht taten, warfen sich seine Scharen, trunken von nationaler und religiöser Begeisterung, sowohl auf die Oströmer als auf die Perser. Ihre ungeheuren Eroberungen gingen in zwei Epochen vor sich. In der ersten eroberten sie Syrien, Jerusalem, Ägypten und Persien und drangen bis an die indischen Grenzen vor; in der zweiten, um die Mitte des 7. Jahrhunderts, stürzten sich die Omajjaden auf den Westen, besetzten die Küste Afrikas, setzten von da nach Spanien über, wo sie die Westgoten in der berühmten Schlacht bei Xerez de la frontera (711) aufs Haupt schlugen, überstiegen die Pyrenäen und behaupteten sich eine Zeitlang in einem Teile Galliens. So gründeten sie ein unermeßliches Reich, dessen Hauptsitz zuerst Damaskus, später Bagdad war.

Dies ist die zweite große Veränderung, welche die römische Welt von einer anderen Seite erlitt.

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