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Über die Epochen der neueren Geschichte

Leopold von Ranke: Über die Epochen der neueren Geschichte - Kapitel 17
Quellenangabe
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typeessay
authorLeopold von Ranke
booktitleAusgewählte Aufsätze und Meisterschriften
titleÜber die Epochen der neueren Geschichte
publisherAlfred Kröner Verlag
editorHans Hofmann
year1942
firstpub1854
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090201
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Siebzehnter Vortrag

§7 Zeitalter der Entstehung und Entwicklung der Großmächte

17. und 18. Jahrhundert

Die Literatur des 16. und noch am Anfang des 17. Jahrhunderts hatte eine sehr theologische Färbung. Es gab kein Zeitalter, in welchem das Dogma und überhaupt die kirchlichen Institutionen so enge mit dem Staate verknüpft waren, wie damals. Das Prinzip der Kirche wurde das vorwaltende in jedem Staate; denn obwohl eine große Anzahl derselben sich vom römischen Stuhle losriß, so ergriffen sie doch ihre besonderen Konfessionen mit dem größten Eifer, und diese wurden ihr Gesetz. Also bekam das Leben und die Literatur einen vollkommen geistlichen Anstrich.

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts änderte sich das. Man kam mehr zurück auf die Tendenz, welche das 15. Jahrhundert ergriffen hatte, nämlich auf die Philosophie und die Naturwissenschaften, welche durch die theologischen Streitigkeiten in den Hintergrund gedrängt worden waren.Noch im 17. Jahrhundert wurde Galilei vom Papste verurteilt, weil er das System des Kopernicus lehrte. Mit einem Wort, der menschliche Geist nahm wieder eine von der theologischen mehr abweichende Wendung, eine freiere und unbedingtere Richtung auf das Wesen der Dinge.

Ähnliches geschah im Innern der Staaten, welche sich, nachdem man gesehen hatte, daß es unmöglich sei, die Protestanten zu unterdrücken, in den großen religiösen Konflikten wieder aus ihrem eigenen Wesen herausgestalteten. Überhaupt fingen die menschlichen Kräfte an, nachdem die religiöse Seite gewissermaßen ausgebildet war, sich mehr in der Richtung auf den Staat zu bewegen, im Zusammenhang mit der weltlichen Wendung, welche die Wissenschaften im allgemeinen nahmen.

Von den Staaten, die früher miteinander gekämpft hatten, war Spanien der vornehmste. Dieses Land hatte sich die Entwicklung und Förderung des Katholizismus zum Hauptziele seiner Bestrebungen gesetzt, und es ist eine merkwürdige Erscheinung, wie das alte Spanien, nachdem diese Absicht gescheitert war, allmählich in sich selbst zusammenfällt. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts vermochte es gar nichts mehr, und jener Bruchteil der großen spanischen Monarchie, welcher sich mit so vielen Anstrengungen vom herrschenden Lande losgerissen hatte, nämlich Holland, wurde dadurch mächtiger, als das alte Reich, daß es zuerst die merkantilen und kommerziellen Bestrebungen zu einem Momente des Staatslebens machte. Wir sahen freilich, wie auch in Spanien viel darauf ankam, daß es Amerika besaß; aber die Industrie wie der Handel waren nicht so sehr Sache der Spanier; sie überließen das anderen.

Eben hierin setzten sich jetzt die Holländer an ihre Stelle. Dieses kleine Land, aus wenigen Provinzen bestehend, erträglich gelegen, aber nicht gerade herausfordernd für den Handel, nahm nun sofort eine glänzende und bedeutende Stellung in dem europäischen Rate ein. Die Vorsehung hatte es gewollt, daß hier der ganze Welthandel sich konzentrierte. Die Holländer nahmen die Reederei der ganzen Welt in Besitz, sie setzten sich an die Stelle der Portugiesen in Ostindien, fuhren in den äußersten Norden zum Herings- und Walfischfang; sie sind es welche Neuholland entdeckt haben. Früher waren die indischen Spezereien über Ägypten gegangen; jetzt führten die Holländer dieselben um Afrika herum, durch die Meerenge von Gibraltar in das Mittelmeer und nach Ägypten. Das immense Geld, welches sie durch ihren Handel gewannen, verwendeten sie zur Befestigung ihres Landes und zur Verfolgung ihrer politischen Zwecke. Doch ist es einleuchtend, daß Holland nicht auf die Dauer zu einer leitenden Weltrolle berufen sein konnte, weil ihm eine wesentliche Bedingung hiezu, nämlich ein großes Territorium, fehlte.

Der Wechsel der allgemeinen Tendenz zeigte sich also, wie gesagt, darin, daß die spanische Monarchie, so ausgebreitet sie war, doch vor der kleinen Provinz, die von ihr abgefallen war, zurücktreten mußte. Alle Kräfte Spaniens, insbesondere die Literatur in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, hatten sich nach der theologischen Seite hin bewegt; als sie ihr Ziel nicht erreichten, hörten sie auf, wirksam zu sein. Holland dagegen, welches die modernen Tendenzen zuerst in sich darstellte, kam auf dem Schauplatz der Welt zur größten Bedeutung. Schon aus dieser Gegenüberstellung ersehen wir demnach, daß eben andre Regungen emporkamen, welche dahin zielten, die Macht in den einzelnen Reichen auf der gegebenen historischen Grundlage zu entwickeln. Und hier tritt denn zunächst – in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts – diejenige große Macht hervor, welcher Spanien unterlegen ist, nämlich Frankreich.

Frankreich entwickelte die Monarchie auf eine Weise, wie es in Europa noch niemals dagewesen war. Zwar nahmen die Kapetinger bereits einen Anlauf dazu, aber erst in diesem Jahrhundert gelangte die Macht des Königtums zu ihrer höchsten Blüte. Der Religion nach blieb Frankreich katholisch; der Unterschied aber zwischen dem französischen und spanischen Katholizismus ist der, daß Frankreich nur nach innen katholisch war und auch da die Protestanten vor der Hand duldete, während in seiner äußeren Politik der Protestantismus sogar vielfach unterstützt wurde. Jene schon in den früheren Jahrhunderten zur Erscheinung gekommene Idee des französischen Staates wurde nun während des Dreißigjährigen Krieges mächtig realisiert, dadurch, daß ein Mann an die Spitze des Staates kam, welches als der vornehmste Begründer der Monarchie, wenn auch nicht in Europa, so doch in Frankreich, angesehen werden kann. Damals regierte Ludwig XIIl., ein Fürst, der sich mehr den mechanischen militärischen Übungen hingab, und zwar einen hohen Begriff von der ihm gebührenden Macht hatte, jedoch nicht fähig war, dieselbe persönlich zu erwerben und festzuhalten, sondern sie seinem ersten Minister, dem Kardinal Richelieu überließ. Richelieu bildete die Idee des Königtums aus, in welchem er ein göttliches Institut erblickte. Er wendete den Begriff »von Gottes Gnaden« mit einer gewissen theologischen Schärfe im weitesten Umfang an, und alles, was der königlichen Macht zu nahe trat oder sich ihr entgegensetzte, wurde vernichtet.

Als der Dreißigjährige Krieg entbrannte, richtete Richelieu seine Angriffe, wie die früheren Könige, auf Österreich; und um dies bewirken zu können, vereinigte er sich mit den Protestanten in Deutschland, ja nicht bloß mit diesen, sondern auch mit den Engländern. In Frankreich selbst gelang es ihm hingegen, den Protestantismus als politische Macht zu vernichten, womit die Protestanten der übrigen Welt, auch in England und Holland, sich zufrieden gaben, weil, wenn das Königtum in Frankreich nicht stark geworden wäre – und dies war nicht möglich, solange die Hugenotten noch ihre eignen Festungen im Lande hatten –, es ihnen auch keine Hilfe leisten konnte. Hier sieht man den Wechsel der Zeiten, da die Protestanten aus politischen Rücksichten zugaben, daß ihre Glaubensgenossen unterdrückt wurden, weil die protestantische Welt in diesem Augenblick eines starken Frankreich gegenüber der spanisch-katholischen Übermacht bedurfte.

Richelieu hatte das Glück, welches alle großen Männer gehabt haben, daß er durch eine Art unbedingten Gefühles in einer bedeutungsvollen Epoche diejenigen Momente ergriff, welche zur Durchführung seines Planes notwendig waren. Er war es auch, der die französische Literatur in ihrer charakteristischen Gestalt begründete, er hat die Académie française gestiftet, welche ursprünglich aus Protestanten und Katholiken bestand. Einige Privatleute kamen nämlich zusammen, beschäftigten sich in ihren Kreisen mit der Literatur, lasen einander ihre Arbeiten vor, suchten ihre Sprache, die in der Bildung begriffen war, korrekt zu schreiben und zu sprechen usw. Richelieu, der selbst vortrefflich französisch schrieb, hörte davon und gestaltete dasjenige, was bisher bloß zufälligen Bestand gehabt hatte, zu einem nationalen Institut. Richelieu versammelte auch Dichter um sich; Corneille sagt in einem seiner Stücke, wenn auch mit einiger Übertreibung, er verdanke jenem alles, was er sei. Dadurch, daß der Kardinal ein eignes Theater in seinem Palais hielt, zu welchem ein erweitertes Hofpublikum zugelassen wurde, trug er zur Ausbildung der französischen Bühne wesentlich bei.

Die Gewalt, welche Richelieu in Frankreich geschaffen, bildete Mazarin fort, den Richelieu herangezogen hatte, ein Mensch von hohen diplomatischen Talenten, ein Dogmatiker der Gewalt, der durch seine Geschicklichkeit Ludwig XIV. zum wirklichen König von Frankreich machte. Für Deutschland aber war er im höchsten Grade gefährlich und verderblich, denn er brachte den Westfälischen Frieden zustande, durch den Deutschland mehrere Provinzen verlor. Auch der Pyrenäische Friede (1659) ist sein Werk, in welchem die Spanier ihre feste Stellung am Niederrhein aufgeben mußten. Von Richelieu ist zweifelhaft, ob er daran dachte, die Grenzen Frankreichs auszudehnen, aber daß Mazarin und die durch ihn geleitete Königin von Frankreich diesen Gedanken verfolgten, wie sie ihn denn auch ausführten, ist gewiß.

Durch den Pyrenäischen Frieden wurde außer der Erweiterung der französischen Macht auch noch etwas andres bewirkt. In diesem Frieden verstand sich nämlich Philipp IV., König von Spanien, dazu, seine Tochter Therese an den König von Frankreich zu verheiraten; eine welthistorische Vermählung, denn er selbst hatte zwar einen Sohn, namens Karl, der indes ein höchst armseliges Geschöpf war, vor seinen Jahren hinstarb und keine Nachkommen hinterließ. Alsdann nahm der König von Frankreich Spanien als Erbteil in Anspruch, und daher rührt es, daß die Könige von Spanien noch bis auf den heutigen Tag Bourbonen sind, indem Ludwig XIV. seinen Enkel dort einsetzte, dessen Kinder nicht allein Spanien, sondern auch Neapel behaupteten.

Als nun Mazarin starb, kam Ludwig XIV. zur vollkommenen Selbstregierung. Denn früher war der Minister König, und der König war nur der Hofmann des Ministers; so zwar, daß der König jedesmal, ehe er zu Mazarin kam, ihn fragen ließ, ob er nicht zu sehr beschäftigt sei; wenn die Antwort bejahend ausfiel, so wurde der Besuch verschoben. Mazarin begleitete auch den König niemals über die Treppe hinunter.

Ludwig XIV., so groß er ist, erscheint doch nur als der Fortsetzer der Ideen der beiden Minister Richelieu und Mazarin. Das erste, was Ludwig auf dem von ihm nunmehr selbständig betretenen Wege tat, war, daß er eine Verwaltung einrichtete, die von Grund aus der früheren entgegengesetzt war. Ludwig nahm vor allem die Leute, die mit Mazarin gearbeitet hatten, in das Ministerium auf; unter ihnen war der bedeutendste Colbert. Durch diesen wurde zuerst der Gedanke gefaßt, die Entwicklung des Handels und Verkehrs nicht dem Zufall zu überlassen, oder solchen Umständen, denen die Holländer dieselbe zu verdanken hatten, sondern sie von Staats wegen in die Hand zu nehmen und zu fördern. Colbert ward nun der Urheber des Prohibitiv- oder Merkantilsystems, welches auf dem Gedanken beruht, von dem Inlande die Fabrikation und Produktion aller fremden Völker auszuschließen, dagegen die Außenwelt mit den eignen Produkten zu überfluten. Die Gewerbe selbst, die in Frankreich nicht ganz darniederlagen, gedachte Colbert von oben herab so hoch zu heben, daß alle Industrie von Europa in Frankreich zentralisiert würde.Die systematische Ausbildung solcher Manipulationen ward ebendaher später als Colbertismus bezeichnet. Merkwürdigerweise gelang das Unternehmen, vielleicht, weil die Franzosen gerade in den Gewerben das Talent besitzen, das zu erfinden, was allgemein gefällt; sie warfen in die Handwerke damals schon den Geist, der bis auf den heutigen Tag die Mode beherrscht.

Geradeso machte es Colbert mit den Handelskompagnien, die früher dadurch entstanden waren, daß sich Handelsleute zu einer freiwilligen Vereinigung zusammentaten; er aber nahm auch diese Sache von Staats wegen in die Hand; er befahl den Beamten des Landes, Aktien zu nehmen, und legte sie dem Könige als Beweis ihrer Huldigung vor. Wo dies Verfahren der Natur der Sache nicht geradezu entgegenlief, hatte es einen guten Erfolg, so z. B. in Ostindien, wo die Franzosen große Kolonien besaßen, ebenso in der Levante, wo die Franzosen den ganzen Handel der Italiener in ihre Hände brachten. In ähnlicher Weise wurde nach und nach der ganze Staat umgeformt, das Justizwesen, das MilitärwesenUnsere ganzen militärischen Einrichtungen beziehen sich auf Ludwig XIV. zurück; er hat die Uniformen erfunden, von ihm stammen die Benennungen der militärischen Grade her usw. wurde reformiert, eine Verwaltung wurde geschaffen, die geradezu durchfuhr. Kurz, alles resümierte sich in einer Person, so daß das berühmte Wort » l' état c'est moi«Der Staat bin ich. hier allerdings von Bedeutung war, indem von dem Staatsoberhaupt wirklich die Entwicklung des Staates ausging. Durch seine Organisation der Finanzverwaltung setzte Ludwig XIV. auch durch, daß er immer Geld zur Verfügung hatte, was bei seinen Vorgängern nicht der Fall gewesen war; dies setzte ihn unter anderm in den Stand, seine großen Bauten durchzuführen, welche durchaus keine Bedrückung des Volkes veranlaßten. Genug, seine Regierungszeit ist eine der grandiosesten Erscheinungen. Seine Verfügungen waren nicht eine Sache bloßer Gewalt; das Volk war damit sehr zufrieden, es wünschte, einen starken König zu haben, und hätte Ludwig XIV. sich nicht übernommen, so würde er als einer der größten Männer aller Zeiten erscheinen.

Nun dachte er aber, es sei Zeit, seine Prätensionen gegen Spanien durchzusetzen, und zwar nicht allein insofern, als er dadurch spanische Provinzen erwerben könnte, sondern hauptsächlich aus dem Gesichtspunkte, Frankreich mit den Grenzen zu versehen, welche er für nötig hielt. Paris schien ihm zu nahe an Holland zu liegen; deshalb suchte er einige Festungen zu erwerben, um den Norden zu fortifizieren. Dann wollte er Lothringen haben und bekam es auch. Endlich gedachte er auch die Franchecomté zu erwerben, welche die Spanier bisher besessen hatten. Er war mithin nicht Eroberer à tort et à traversUnbesonnen, blindlings drauflos. sondern wollte, wie gesagt, seinem Reiche kräftige Grenzen verschaffen, und um Frankreich hat er sich auch in dieser Beziehung unermeßliche Verdienste erworben. Das übrige Europa erschien ihm jedoch nur als Objekt, dem er seine Siege abzugewinnen habe. Ludwig wollte so mächtig werden, daß jeder sich gefallen lassen müsse, was er tat, und dieses Ziel hat er wirklich geraume Zeit hindurch erreicht.

Er nahm den Spaniern die Provinzen ab, die er wollte, er verringerte die Bedeutung Hollands, und als der Kaiser und das Reich – im Vereine mit Spanien – sich der Holländer annahmen, wendet er sich auch gegen diese, indem er sich mit den Schweden verbündete. Dadurch bekam er in den vorderen Reichskreisen freie Hand und überrumpelte Straßburg mitten im vollen Frieden (1681). Dann schritt er auf Grund des imaginären Staatsrechtes, das er sich ausgebildet hatte, wonach er auch die Rheinpfalz für ein Lehen von Frankreich erklärte, zu jenen famosen Reunionen, welche seinen Namen in der Geschichte für immer brandmarken.

So griff Ludwig XIV. in dem gesamten Europa gewaltig um sich. Denn dies ist eben die ungeheure Gefahr, welche in einer rein persönlichen Machtstellung liegt, der kein andrer widerstehen kann: man verliert die Fähigkeit, sich selbst im Zaum zu halten. Auch Ludwig XIV. vermochte das nicht, sondern er ging so weit, als ihn seine Interessen führten. Daraus ging jene schreckliche Handlung hervor, daß er das Edikt von Nantes, auf welchem die Religionsfreiheit der französischen Protestanten beruhte, aufhob, wodurch er dieselben aus dem Reiche vertrieb. Die Protestanten hatten nämlich noch immer eine große Bedeutung in Frankreich; auch Richelieu hatte sie, obwohl er ihnen ihre politischen Sonderrechte nahm, dennoch religiös toleriert; – Ludwig XIV. aber glaubte, er müsse ein vollkommen katholischer König sein. Seinen Katholizismus verstand er freilich so, daß er zwar das Dogma vollständig annahm, die Geistlichen aber tun müßten, was er wollte. Darüber geriet er in Streit mit dem Papste und stellte die auf dem Baseler Konzil beruhenden gallikanischen Artikel auf, welche die vollständige Unabhängigkeit des Staates vom römischen Stuhl erklärten. Übrigens suchte der König, wie gesagt, das katholische Dogma in ganz Frankreich zum alleinherrschenden zu machen, und als ein Versuch, die Protestanten in Güte zu bekehren, nicht gelang, so fing Ludwig an, Gewalt zu gebrauchen, und es wurden nun die Dragonaden im vollsten Maße angewendet. Viele Protestanten aber fanden Mittel, zu entfliehen, was ganz gegen des Königs Absicht war; diese breiteten die französische Industrie auch in andern Ländern aus und verschafften ihrem Bedränger überall, wo sie hinkamen, den schlechtesten Ruf.

Nach verschiedenen Kriegen gelang es Ludwig, seine zweite Hauptabsicht zu erreichen, nämlich seinen Enkel Philipp V. von Anjou als König in Spanien einzuführen, dessen Deszendenten – der Graf von Montemolin – noch heutzutage Prätensionen auf den spanischen Thron machen. Von Ludwigs XIV. Bruder stammen dagegen die Herzöge von Orleans ab; dessen Sohn war der berüchtigte Regent, der auf Ludwig XIV. folgte.

Philipp V. war mit einer italienischen Dame, Elisabeth Farnese, vermählt, deren Sohn Herzog von Parma und später Herr von Neapel und Sizilien wurde. In derselben Zeit wurde Lothringen eine Sekundogenitur von Österreich, später aber gegen Toskana ausgetauscht, und da auch Mailand aus der spanischen Erbschaft an Österreich kam, so kann man sagen, daß sich Österreich und die Bourbonen gewissermaßen in die Herrschaft Italiens teilten. Die bourbonische Herrschaft in Südeuropa war überhaupt ein mächtiges Element in der allgemeinen Geschichte. Die Bourbonen suchten die spanische Marine in Gang zu bringen, und die spanisch-französische Seemacht setzte sich im 18. Jahrhundert England mit Anstrengung entgegen. Dies war in jener Periode sogar der vorzüglichste Gegenstand des universalen Streites, dessen Ausgang freilich war, daß die ganze spanisch-französische Marine zerstört wurde.

Auf die geschilderte Weise ist also durch Ludwig XIV. Frankreich zu einem merkwürdigen Ensemble geworden; es ist der alte romano-germanische Staat, aber in vollkommen monarchischer Form.

Aus dem anschließenden Gespräch

Ludwig XIV. war ein ausgezeichneter Geschäftsmann; er arbeitete alle Tage in seinen Konseils, deren er eines für die Finanzen, eines für die kirchlichen Angelegenheiten, eines für die Justiz usw. hatte. Hauptsächlich waren es drei Minister, mit denen er alle Tage zusammen arbeitete: Colbert, Lyonne, Letellier; der berühmte Kriegsminister Louvois war ein Sohn Letelliers. Diese alle waren dem König vollkommen ergeben und überhaupt die für ihr Fach ausgesuchtesten Männer. Wenn aber der König in irgendeiner Branche, z. B. im Justiz- oder im Finanzfache arbeitete, so wurden häufig andre hohe Staatsbeamte beigezogen. Anfangs glaubte man, daß er nicht gern arbeiten werde; aber bald, als er sah, daß ihm die Dinge vonstatten gingen, fing er an, Geschmack an den Geschäften zu finden und sie zu seinen Vergnügungen zu rechnen. Mit der Geschichte, überhaupt mit der Literatur befaßte er sich nicht viel; aber von der Selbstregierung und von der Applikation zu den Geschäften hatte er einen Begriff, der ungeheuer war. Seine Minister haderten beständig miteinander, und die ganze Gesellschaft spaltete sich in zwei Parteien, die der Letelliers und Colberts. Der König sah dabei nur immer darauf, daß er selbst das Übergewicht behielt, und verteilte sein Vertrauen gleichmäßig auf alle. Was sein Verhältnis zur Maintenon betrifft, so war dasselbe vielleicht nicht unmoralisch. Seine Devise war: »Mein Ruhm und das Wohl Frankreichs.« Darin liegt zwar etwas Egoistisches; aber Ludwig XIV. war doch ein großer Mensch.

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