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Über den Ursprung des Übels

Albrecht von Haller: Über den Ursprung des Übels - Kapitel 2
Quellenangabe
typepoem
booktitleDie Alpen und andere Gedichte
authorAlbrecht von Haller
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008963-8
titleÜber den Ursprung des Übels
pages53-74
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1734
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Zweites Buch

                Im Anfang jener Zeit, die Gott allein beginnet,
Die ewig ohne Quell und unversiegen rinnet,
Gefiel Gott eine Welt, wo, nach der Weisheit Rat,
Die Allmacht und die Huld auf ihren Schauplatz trat.
Verschiedner Welten Riß lag vor Gott ausgebreitet,
Und alle Möglichkeit war ihm zur Wahl bereitet;
Allein die Weisheit sprach für die Vollkommenheit,
Der Welten würdigste gewann die Würklichkeit.
Befruchtet mit der Kraft des Wesen-reichen Wortes
Gebiert das alte Nichts; den Raum des öden Ortes
Erfüllt verschiedner Zeug; die regende Gewalt
Erlieset, trennet, mischt und schränkt ihn in Gestalt.
Das Dichte zog sich an, das Licht und Feuer ronnen,
Es nahmen ihren Platz die neugebornen Sonnen;
Die Welten wälzten sich und zeichneten ihr Gleis,
Stets flüchtig, stets gesenkt, in dem befohlnen Kreis.
Gott sah und fand es gut, allein das stumme Dichte
Hat kein Gefühl von Gott, noch Teil an seinem Lichte;
Ein Wesen fehlte noch, dem Gott sich zeigen kann,
Gott blies, und ein Begriff nahm Kraft und Wesen an.
So ward die Geister-Welt. Verschiedne Macht und Ehre
Verteilt, nach Stufen Art, die unzählbaren Heere,
Die, ungleich satt vom Glanz des mitgeteilten Lichts,
In langer Ordnung stehn von Gott zum öden Nichts.
Nach der verschiednen Reih von fühlenden Gemütern
Verteilte Gott den Trieb nach angemeßnen Gütern;
Der Art Vollkommenheit ward wie zum Ziel gesteckt,
Wohin der Geister Wunsch aus eignem Zuge zweckt.
Doch hielt den Willen nur das zarte Band der Liebe,
So daß zur Abart selbst das Tor geöffnet bliebe
Und nie der Sinn so sehr zum Guten sich bewegt,
Daß nicht sein erster Wink die Waagschal überschlägt.
Dann Gott liebt keinen Zwang, die Welt mit ihren Mängeln
Ist besser als ein Reich von Willen-losen Engeln;
Gott hält vor ungetan, was man gezwungen tut,
Der Tugend Übung selbst wird durch die Wahl erst gut.
Gott sah von Anfang wohl, wohin die Freiheit führet,
Daß ein Geschöpf sich leicht bei eignem Licht verlieret,
Daß der verbundne Leib zu viel vom Geiste heischt,
Daß das Gewühl der Welt den schwachen Sinn beräuscht
Und ein gemeßner Geist nicht stets die Kette findet,
Die den besonderen Satz an den gemeinen bindet.
Zu Gottes Freund ersehn, zu edel für die Zeit,
Vergessen wir zu leicht den Wert der Ewigkeit;
Des Äußern Zauber-Glanz verdeckt die innre Blöße,
Die stärkre Gegenwart erdrückt des Fernern Größe.
Wer ists, der allemal der Neigung Stufe mißt,
Wo nur das Mittel gut, sonst alles Laster ist?
Kein endlich Wesen kennt das Mitsein aller Sachen,
Und die Allwissenheit kann erst unfehlbar machen.
Gott sah dies alles wohl, und doch schuf er die Welt;
Kann etwas weiser sein als das, was Gott gefällt?
Gott, der im Reich der Welt sich selber zeigen wollte,
Sah, daß, wann alles nur aus Vorschrift handeln sollte,
Die Welt ein Uhrwerk wird, von fremdem Trieb beseelt,
Und keine Tugend bleibt, wo Macht zum Laster fehlt.
Gott wollte, daß wir ihn aus Kenntnis sollten lieben
Und nicht aus blinder Kraft von ungewählten Trieben;
Er gönnte dem Geschöpf den unschätzbaren Ruhm,
Aus Wahl ihm hold zu sein und nicht als Eigentum.
Der Taten Unterscheid wird durch den Zwang gehoben:
Wir loben Gott nicht mehr, wann er uns zwingt zu loben;
Gerechtigkeit und Huld, der Gottheit Arme, ruhn,
Sobald Gott alles würkt, und wir nichts selber tun.
Drum überließ auch Gott die Geister ihrem Willen
Und dem Zusammenhang, woraus die Taten quillen.
Doch so, daß seine Hand der Welten Steur behielt,
Und der Natur ihr Rad muß stehn, wann er befiehlt.

So kamen in die Welt die neu-erschaffnen Geister,
Vollkommenes Geschöpf von dem vollkommnen Meister;
In ihnen war noch nichts, das nicht zum Guten trieb,
Kein Zug, der an die Stirn nicht ihren Ursprung schrieb;
Ein jedes einzle war in seiner Art vollkommen.
Dem war wohl mehr verliehn, doch jenem nichts benommen.
Der einen Wesen ward vom Irdischen befreit,
Sie blieben näher Gott an Art und Herrlichkeit.
Euch kennt kein Sterblicher, ihr himmlischen Naturen!
Von eurer Trefflichkeit sind in uns wenig Spuren;
Nur dieses wissen wir, daß, über uns erhöht,
Ihr auf dem ersten Platz der Reih der Wesen steht.
Vielleicht empfangen wir, bei trüber Dämmrung Klarheit,
Nur durch fünf Öffnungen den schwachen Strahl der Wahrheit;
Da ihr, bei vollem Tag, das heitere Gemüt
Durch tausend Pforten füllt und alles an euch sieht;
Daß, wie das Licht für uns erst wird mit unsren Augen,
Ihr tausend Wesen kennt, die wir zu sehn nicht taugen;
Und wie sich unser Aug am Kleid der Dinge stößt,
Vor eurem scharfen Blick sich die Natur entblößt.
Vielleicht findt auch bei uns der Eindruck der Begriffe
Im allzuseichten Sinn nicht gnug Gehalt und Tiefe,
Da bei euch alles haft' und, sicher vor der Zeit,
Sich die lebhafte Spur, sooft ihr wünscht, verneut.
Vielleicht, wie unser Geist, gesperrt in enge Schranken,
Nicht Platz genug enthält zugleich für zwei Gedanken,
In euch der offne Sinn des Vielen fähig ist,
Und den zu breiten Raum kein einzler Eindruck mißt.
Doch unser Wissen ist hierüber nur Vermuten,
Genug, der Engel Sinn war ausgerüst' zum Guten,
Ihr Trieb zur Tugend war so stark als ihr Verstand,
Sie sehnten sich nach Gott, als ihrem Vaterland,
Und ewiglich bemüht mit Loben und Verehren
War all ihr Wunsch, ihr Licht zu Gottes Ruhm zu mehren.

Fern unter ihnen hat das sterbliche Geschlecht,
Im Himmel und im Nichts, sein doppelt Bürgerrecht.
Aus ungleich festem Stoff hat Gott es auserlesen,
Halb zu der Ewigkeit, halb aber zum Verwesen:
Zweideutig Mittelding von Engeln und von Vieh,
Es überlebt sich selbst, es stirbt und stirbet nie.

Auch wir, ach! waren gut: der Welt beglückte Jugend
Sah nichts, so weit sie war, als Seligkeit und Tugend;
Auch in uns prägte Gott sein majestätisch Bild,
Er schuf uns etwas mehr als Herren vom Gewild.
Er legte tief in uns zwei unterschiedne Triebe,
Die Liebe für sich selbst und seines Nächsten Liebe.
Die eine niedriger, doch damals ohne Schuld,
Ist der fruchtbare Quell von Arbeit und Geduld:
Sie schwingt den Geist empor, sie lehrt die Ehre kennen,
Sie flammt das Feuer an, womit die Helden brennen,
Und führt im steilen Pfad, wo Tugend Dornen streut,
Den Welt-vergeßnen Sinn nach der Vollkommenheit.
Sie wacht für unser Heil, sie lindert unsern Kummer,
Versöhnt uns mit uns selbst und stört des Trägen Schlummer;
Sie zeiget uns, wie Heut für Morgen sorgen muß,
Und speiset ferne Not mit altem Überfluß.
Sie dämpft des Kühnen Wut, sie waffnet den Verzagten;
Sie macht das Leben wert im Auge des Geplagten;
Sie sucht im rauhen Feld des Hungers Gegengift;
Sie kleidet Nackende vom Raub der fetten Trift;
Sie bahnete das Meer zur Beihülf unsres Reisens,
Sie fand des Feuers Quell im Zweikampf Stein und Eisens;
Sie grub ein Erzt hervor, das alle Tiere zwung;
Sie kocht' aus einem Kraut der Schmerzen Leichterung;
Sie spähte der Natur verborgne Eigenschaften;
Sie waffnete den Sinn mit Kunst und Wissenschaften.
O daß sie doch so oft, vor zartem Eifer blind,
In eingebildtem Glück ein wirklich Elend findt!
Viel edler ist der Trieb, der uns für andre rühret,
Vom Himmel kömmt sein Brand, der keinen Rauch gebieret;
Von seinem Ebenbild, das Gott den Menschen gab,
Drückt deutlicher kein Zug sein hohes Urbild ab.
Sie, diese Liebe, war der Menschen erste Kette,
Sie macht uns bürgerlich und sammelt uns in Städte,
Sie öffnet unser Herz beim Anblick fremder Not,
Sie teilt mit Dürftigen ein gern gemisset Brot
Und würkt in uns die Lust, vom Titus oft verlanget,
Wann ein verwandt Geschöpf von uns sein Glück empfanget.
Die Freundschaft stammt von ihr, der Herzen süße Kost,
Die Gott, in so viel Not, uns gab zum letzten Trost;
Sie steckt die Fackeln an, bei deren holdem Scheinen
Zu beider Seligkeit zwei Seelen sich vereinen;
Das innige Gefühl, der Herzen erste Schuld,
Ist ein besondrer Zug der allgemeinen Huld.
Sie ist, was tief in uns für unsre Kinder lodert,
Sie macht die Müh zur Lust, die ihre Schwachheit fodert,
Sie ist des Blutes Ruf, der für die Kleinen fleht
Und unser Innerstes, sobald er spricht, umdreht.
Ja auch dem Himmel zu gehn ihre reinen Flammen,
Sie leiten uns zu Gott, aus dessen Huld sie stammen,
Ihr Trieb zieht ewiglich dem Liebenswürdgen zu
Und findt erst im Besitz des höchsten Gutes Ruh.

Noch weiter wollte Gott für unsre Schwachheit sorgen:
Ein wachsames Gefühl liegt in uns selbst verborgen,
Das nie dem Übel schweigt und immer leicht versehrt,
Zur Rache seiner Not den ganzen Leib empört.
Im zärtlichen Gebäu von wunderkleinen Schläuchen,
Die jedem Teil von uns die Kraft und Nahrung reichen,
Bräch alles Übermaß den schwachen Faden ab,
Und die Gesundheit selbst führt unvermerkt zum Grab.
Allein im weichen Mark der zarten Lebens-Sehnen
Wohnt ein geheimer Reiz, der, zwar ein Brunn der Tränen,
Doch auch des Lebens ist, der wider einen Feind,
Der sonst wohl unerkannt uns auszuhöhlen meint,
Uns zwingt zum Widerstand; er schließt die regen Nerven
Vor Frost und Salze zu, verflößet alle Schärfen
Durch Zufluß süßen Safts und kühlt gesalznes Blut
Durch Zwang vom heißen Durst, mit Strömen dünner Flut.
In allen Arten Not, die unsre Glieder fäulet,
Ist Schmerz der bittre Trank, womit der Leib sich heilet.

Weit nötiger liegt noch, im Innersten von uns,
Der Werke Richterin, der Probstein unsers Tuns:
Vom Himmel stammt ihr Recht; er hat in dem Gewissen
Die Pflichten der Natur den Menschen vorgerissen;
Er grub mit Flammenschrift in uns des Lasters Scheu
Und ihren Nachgeschmack, die bittre Kost der Reu.
Ein Geist, wo Sünde herrscht, ist ewig ohne Frieden,
Sie macht uns selbst zur Höll und wird doch nicht gemieden!

Versehn zu Sturm und See, in allem wohl bestellt,
Betraten wir nunmehr das weite Meer der Welt.
Die Werkzeug' unsers Glücks sind allen gleich gemessen,
Jedweder hat sein Pfund, und niemand ist vergessen.
Zwar in der Seele selbst herrscht Maß und Unterscheid,
Das Glück der Sterblichen will die Verschiedenheit;
Die Ordnung der Natur zeugt minder Gold als Eisen,
Der Staaten schlechtester ist der von eitel Weisen;Dans une Isle remplie de parfait Stoiciens chaque Philosophe ignorant les douceurs de la confiance et de l'amitié, ne pense qu'à se sequestrer des autres humains. Il a calculé ce qu'il en pouvoit attendre; les avantages qu'ils pourroient lui procurer, et les torts qu'ils pourroient lui faire, et a rompu tout cornmerce avec eux. Nouveau Diogène, il fait consister sa perfection à occuper un tonneau plus étroit que celui de son voisin. Essais de Phil. Mor. par Mr. de Maupertuis. Diese Stelle ist eine so genaue Erklärung meines Gedankens, daß ich mich über das Glücke verwundre, welches mir sie durch einen so berühmten Mann zugeschickt zu haben scheint, das aber doch viele Jahre später sich geäußert hat. Ich erinnere mich hier eines Unbills, den der verstorbene Herr Präsident in seinen Oeuvres Philosophiques mir angetan hat. Er sagt, ich sei über seine Erklärung wegen des berüchtigten La Mettrie nicht zu befriedigen gewesen, da doch die größte Eigenliebe sich daran hätte sättigen können. Wie hat doch diese Anklage dem Herrn von Maupertuis entfahren und von andern ihm nachgeschrieben werden können, da ich nicht nur eben diese Erklärung selbst in Göttingen habe abdrucken und meinen Freunden austeilen lassen, sondern ihr auch in meinen kleinen deutschen Schriften eine Stelle gelassen habe, ohne dabei das geringste Merkmal eines Mißvergnügens zu bezeigen. Wohl aber sind andre berühmte Männer, und zumal Hr. König, der mit dem Hrn. v. M. im Streit lebte, der Meinung gewesen, er hätte über die Verleumdungen und offenbare Erdichtungen seines Landsmanns mehr Abscheu bezeugen können. Aber wie kann ich für andrer Gesinnungen haften?
Der eingeteilte Witz ist nirgend unfruchtbar,
Und jeder füllt den Ort, der für ihn ledig war.
Dort würkt ein hoher Geist, betrogen vom Geschicke,
Nur um sich selbst besorgt, an seines Landes Glücke;
Wann hier ein niedrer Sinn, mit Schweiß und Brot vergnügt,
Des Großen Unterhalt im heißen Feld erpflügt.
Hier sucht ein weiser Mann, bei Nacht und stillem Öle,
Des Körpers innre Kraft, das Wesen seiner Seele;
Wann dort mit schwächrem Licht, gleich nützlich in der Tat,
Ein Weib sein Haus beherrscht und Kinder zieht dem Staat.

Doch nur im Zierat herrscht der Unterscheid der Gaben,
Was jedem nötig ist, muß auch ein jeder haben;
Kein Mensch verwildert so, dem eingebornes Licht
Nicht, wann er sich vergeht, sein erstes Urteil spricht.
Die Kraft von Blut und Recht erkennen die Huronen,
Die dort an Michigans beschneiten Ufern wohnen,See in Nord-Amerika, woran vormals die Huronen gewohnt.
Und unterm braunen Süd fühlt auch der Hottentott
Die allgemeine Pflicht und der Natur Gebot.

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