Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Adolph Freiherr Knigge >

Über den Umgang mit Menschen

Adolph Freiherr Knigge: Über den Umgang mit Menschen - Kapitel 55
Quellenangabe
typetractate
titleÜber den Umgang mit Menschen
authorAdolph Freiherr von Knigge
year1977
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31973-5
pages5-407
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1788
Schließen

Navigation:

8.

Ein Blick zurück auf das, was ich von dem Umgange mit Kaufleuten gesagt habe, erinnert mich, daß ich bei dieser Gelegenheit auch von den Juden als gebornen Handelsmännern hätte reden sollen. Ich will aber das wenige, so ich etwa über diesen Gegenstand vorzutragen habe, hier nachholen.

In Amerika trifft man sehr viele Juden an, die durchaus in allen ihren Sitten mit den Christen übereinstimmen, auch sogar mit christlichen Familien durch wechselseitige Heiraten sich verbinden. In Holland und einigen Städten von Deutschland, besonders in Berlin, ist die Lebensart mancher jüdischen Familien von der Weise, wie andre Religionsverwandte leben, auch fast gar nicht unterschieden. In diesen Fällen nun ist eine von den Ursachen gehoben, weswegen der Charakter dieses Volks so viel nicht vorteilhafte Eigenschaften hat. Daß übrigens die höchst unverantwortliche Verachtung, mit welcher wir den Juden begegnen, der Druck, in welchem sie in den mehrsten Ländern leben, und die Unmöglichkeit, auf andre Weise als durch Wucher ihren Lebensunterhalt zu gewinnen, daß dies alles nicht wenig dazu beiträgt, sie moralisch schlecht zu machen und zur Niederträchtigkeit und zum Betruge zu reizen; endlich daß es, ungeachtet aller dieser Umstände, dennoch edle, wohlwollende, großmütige Menschen unter ihnen gibt – das sind bekannte, oft gesagte Dinge. Betrachten wir aber hier die Juden nicht wie sie unter andern Umständen sein könnten, noch wie einzelne Subjekte unter ihnen sind, sondern so, wie wir jetzt ihren Volkscharakter nach der größern Anzahl beurteilen müssen.

Sie sind unermüdet da, wo etwas zu gewinnen ist und machen durch ihren engen Zusammenhang in allen Ländern und dadurch, daß sie sich durch keine Art von Behandlung und Zurückweisung abschrecken lassen, fast unmögliche Dinge möglich. Man kann sie daher unter der Hand zu den wichtigsten Verhandlungen brauchen, nur muß man ihre Dienste gut bezahlen.

Sie sind verschwiegen, wo sie Interesse dabei finden; vorsichtig, zuweilen zu furchtsam, doch fürs Geld bereit, das Ärgste zu wagen; verschlagen, witzig, originell in ihren Einfällen; Schmeichler im höchsten Grade, und finden also Mittel, sich ohne Aufsehn in den größten Häusern Einfluß zu verschaffen und durchzusetzen, was man ohne sie schwerlich erlangen würde.

Sie sind mißtrauisch. Haben wir sie aber einmal von unsrer Pünktlichkeit im Bezahlen und von der Heilighaltung unsers Worts überzeugt; haben sie oft Geschäfte mit uns gemacht und wissen, daß wir mit unsern Finanzen nicht ganz übel stehen, so kann man auch bei ihnen Hilfe finden, wenn alle christlichen Wucherer uns im Stiche lassen.

Bist Du aber ein schlechter Wirt oder sind Deine Vermögensumstände in einer zweideutigen Lage, so wird niemand dies leichter gewahr werden als der Jude. Rechne dann nicht darauf, daß er Dir Geld vorschießen werde, oder mache Dich gefaßt, ihm, wenn er es auf Spekulation daran wagt, Dich zu so übertriebenen Prozenten und zu solchen Klauseln verbindlich machen zu müssen, daß dadurch Deine Lage gewiß noch unglücklicher wird.

Es wird den Juden gewaltig schwer, sich vom Gelde zu scheiden. Wenn jemand, den sie nicht recht genau kennen, sie um ein Darlehn anspricht, so werden sie denselben auf einen andern Tag wieder bestellen. Unterdessen forschen sie bei Handwerkern, Nachbarn, Bedienten und dergleichen nach den kleinsten Umständen des künftigen Schuldners. Kommt dieser zur bestimmten Zeit wieder, so läßt sich der Jude verleugnen oder verschiebt die Zahlungen noch um einige Wochen, Tage oder Stunden. Und ist auf Deinem Gesichte nur irgendeine Spur von Verlegenheit über Deine Umstände oder von zu großer Freude über die zu hoffende Hilfe zu lesen, so wird der Jude sich nicht von seinem Mammon trennen, und hätte er auch schon angefangen, das Geld hinzuzählen. Daß er Dir immer das leichteste Gold gibt, das versteht sich von selber. Auf dies alles muß man sich gefaßt machen, wenn man in solche Fälle kommt.

Bei dem Handel mit Hebräern gemeiner Art rate ich die Augen oder den Beutel zu öffnen. Es ist sehr natürlich, daß ein Christ sich auf ihre Gewissenhaftigkeit, auf ihre Beteuerungen nicht verlassen darf. Sie werden Euch Kupfer für Gold, drei Ellen für vier, alte Sachen für neue verkaufen, falsche Münze für echte geben, wenn Ihr es nicht besser versteht.

Wenn man alte Kleider oder andre Sachen an Juden verhandeln will, so suche man mit dem ersten, der uns ein irgend leidliches Gebot tut, sogleich einig zu werden. Läßt Du ihn fortgehn, ohne sein Gebot anzunehmen, so wird die Nachricht, daß bei Dir etwas zu schachern sei und daß man Mendeln oder Jokef den Handel nicht verderben dürfe, wie ein Lauffeuer durch die ganze Judenschaft gehn und in der Synagoge publiziert werden; in solchen Fällen halten sie treulich zusammen. Es werden dann haufenweise die Israeliten, fremde und einheimische, Dein Haus bestürmen, aber jeder später kommende wird immer etwas weniger bieten als der vorhergehende, bis Du endlich entweder den ersten wieder aufsuchst, der aber dann die gleich anfangs gebotene Summe noch vermindert, oder bis Deine Ware Dir so zuwider wird, daß Du sie für die Hälfte des Werts einem andern hingibst, der sie treulich dem ersten einhändige. Wenn auch ein Jude von gemeiner Art Dir im Handel so viel bietet, als Du etwa fordern zu dürfen glaubst, so schlage doch nicht gleich zu. Er wird sonst zurückziehn, entweder weil er nun denkt, er hätte noch wohlfeiler darankommen können oder es stecke Betrug dahinter.

Ist man seines Kaufs mit einem Trödeljuden völlig einig, so wird er doch noch versuchen, uns zu hintergehn. Er wird gewöhnlich sagen: er habe kein bares Geld bei sich, wolle uns aber die Uhr oder so etwas zum Unterpfande lassen. Er weiß wohl, daß man das selten annimmt. Gibt man ihm nun Kredit und das Gekaufte mit, so schleppt er dies in der ganzen Stadt umher, bietet es feil und bringt es endlich wieder, mit dem Bedeuten: man solle etwas schwinden lassen; er habe sich übereilt. Oder er kommt gar nicht wieder, und man muß lange hinter der Bezahlung herlaufen. Auch wollen sie gar zu gern Ware statt Geld geben, denn die bare Münze ist ihnen sehr an das Herz gewachsen. – Auf dies alles darf man sich nicht einlassen. Etwas ganz Charakteristisches hat diese Nation übrigens in allem. – Ich rede von dem großen Haufen derselben, nicht von denen, die sich (vielleicht nicht zu ihrem Glücke) nach den Sitten der Christen umgebildet haben. – Man höre die Musik in ihren Tempeln und die ganz originelle Art, wie sie dieselbe vortragen. Man sehe sie tanzen. Man gebe acht auf die Verzierungen, welche auch die reichsten alten Juden in ihren Häusern anbringen, ob nicht immer etwas von den Knäufen an dem Tempel Salomons, von den Verzierungen der Bundeslade, Scharlach, Rosenrot und gezwirnte weiße Seide mit unterläuft.

9.

In den mehrsten Provinzen von Deutschland lebt der Bauer in einer Art von Druck und Sklaverei, die wahrlich oft härter ist als die Leibeigenschaft desselben in andern Ländern. Mit Abgaben überhäuft, zu schweren Diensten verurteilt, unter dem Joche grausamer, rauhherziger Beamter seufzend, werden sie des Lebens nie froh, haben keinen Schatten von Freiheit, kein sicheres Eigentum und arbeiten nicht für sich und die Ihrigen, sondern nur für ihre Tyrannen.

Wen nun die Vorsehung in die glückliche Lage gesetzt hat, zu Erleichterung dieser so sehr gedrückten und doch so wichtigen, so nützlichen Menschenklasse etwas beitragen zu können, oh der schaffe sich doch die süße Wonne, in den kleinen Hütten der Landleute Freude zu verbreiten und seinen Namen von Kindern und Enkeln mit Segen genannt zu hören.

Wohl freilich sind die Bauern zum Teil so hartnäckige, zänkische, widerspenstige und unverschämte Geschöpfe, daß sie aus der geringsten Wohltat eine Schuldigkeit machen, daß sie nie zufrieden sind, immer klagen, immer mehr haben wollen, als man ihnen zugestehn kann; allein sind wir nicht selbst durch lange fortgesetzte unedle Behandlung und Vernachlässigung ihrer Bildung daran Schuld, daß niederträchtige Gesinnungen bei ihnen herrschend werden? Und gibt es nicht einen Mittelweg zwischen übertriebener Nachsicht und despotischer Strenge und Grausamkeit? Ich verlange nicht, daß ein Landes- oder Gutsherr sich des Rechts begeben soll, seine Untertanen zu gewissen schuldigen Diensten zu brauchen; allein er soll nicht, damit er zum Beispiel das grausame Vergnügen einer Hirsch- und Schweinemetzelei schmecke, den Bauern zu einer Zeit, wo seine Gegenwart zu Hause ihn und seine Familie gegen Mangel schützen muß, mehr Tage hintereinander in strenger Kälte mit leerem Magen herumlaufen und Ohren und Nasen erfrieren lassen. Er soll ihm die schuldigen Abgaben nicht schenken; aber er soll Nachsicht mit seinen Umständen haben, Rücksicht auf erlittene Unglücksfälle nehmen und darauf achten, daß die Beamten die Gelder zu einer Zeit eintreiben, wo es dem armen Landmanne weniger schwer wird, bare Münze aufzutreiben, ohne sich mit Leib und Seele dem Juden oder dem bösen Feinde zu verschreiben.

Man schwätzt soviel von Verbesserung der Dorfschulen und Aufklärung des Landvolks; allein überlegt man auch wohl immer genau genug, welch ein Grad von Aufklärung für den Landmann, besonders für den von niedrigem Stande taugt? Daß man den Bauern nach und nach mehr durch Beispiele als durch Demonstrationen zu bewegen suche, von manchen ererbten Vorurteilen in der Art des Feldbaues und überhaupt in Führung des Haushalts zurückzukommen; daß man durch zweckmäßigen Schulunterricht die törichten Grillen, den dummen Aberglauben, den Glauben an Gespenster, Hexen und dergleichen zu zerstören trachte; daß man die Bauern gut schreiben, lesen und rechnen lehre; das ist löblich und nützlich. Ihnen aber allerlei Bücher, Geschichten und Fabeln in die Hände zu spielen; sie zu gewöhnen, sich in eine Ideenwelt zu versetzen; ihnen die Augen über ihren armseligen Zustand zu öffnen, den man nun einmal nicht verbessern kann; sie durch zu viel Aufklärung unzufrieden mit ihrer Lage, sie zu Philosophen zu machen, die über ungleiche Austeilung der Glücksgüter deklamieren; ihren Sitten Geschmeidigkeit und den Anstrich der feinen Höflichkeit zu geben – das taugt wahrlich nicht. Ohne alle diese künstlichen Hilfsmittel trifft man indessen unter alten Landleuten Menschen von so unverfälschtem Sinne, von so hellem, heiterm Kopfe und von so festem Charakter an, daß diese manchen hochstudierten Herrn beschämen könnten. Im ganzen betrage man sich gegen den Bauern treuherzig, grade, offen, ernsthaft, wohlwollend, nicht geschwätzig, konsequent, immer gleich, und man wird sich seine Achtung, sein Zutrauen erwerben und viel über ihn vermögen.

Von Land-Edelleuten und andern Personen höhere Standes, die in den Dörfern leben, gilt zum Teil dasselbe. Man nehme keinen Residenzton mit zu ihnen hin, hüte sich vor leeren Komplimenten, nehme teil an ihren ländlichen Freuden, Sorgen und Geschäften und verbanne allen Zwang im Umgange mit ihnen, ohne jedoch zu schmutziger, pöbelhafter Aufführung herabzusinken, so wird man ihnen als Gast, Nachbar, Freund und Ratgeber willkommen sein.

 << Kapitel 54  Kapitel 56 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.