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Über den Umgang mit Menschen

Adolph Freiherr Knigge: Über den Umgang mit Menschen - Kapitel 54
Quellenangabe
typetractate
titleÜber den Umgang mit Menschen
authorAdolph Freiherr von Knigge
year1977
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31973-5
pages5-407
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1788
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5.

Die Herrn Buchhändler verdienten wohl ein eignes Kapitel. In demselben könnte man sehr viel Wahres zum Lobe derer unter ihnen sagen, die diesen Handel nicht als einen jüdischen Erwerb treiben, so daß sie etwa wenig darum bekümmert wären, was für Bücher bei ihnen verlegt und gekauft, insofern nur Gelder daraus gelöst werden; denen es nicht gleichgültig ist, ob man sie zu Hebammen von kleinen Krüppeln und Mißgeburten braucht, ob sie zu Werkzeugen der Ausbreitung eines elenden, frivolen, falschen Geschmacks und schlechter Grundsätze dienen; sondern denen, wie unserm Nicolai, Wahrheit, Kultur und Aufklärung am Herzen liegt; die das mißkannte, im Dunkeln lebende Talent ermuntern, aus dem Staube hervorziehen, in Tätigkeit setzen und großmütig unterstützen; die den täglichen Umgang und den Verkehr mit Gelehrten und Büchern dazu anwenden, sich selber Kenntnisse zu sammeln, ihren Geist zu bilden und beßre Menschen zu werden. Und dann würde des Kontrastes wegen das Gegenbild keine üble Wirkungen machen. – Das Bild eines Mannes, der, nachdem ein halbes Jahrhundert hindurch die vortrefflichsten Werke durch seine schmutzigen, geldgierigen Finger gegangen, noch immer ebenso unwissend und dumm geblieben – außer was die kleinen Wucherkünste betrifft – als ein zehnjähriger Knabe; der Manuskripte und neue Bücher nach der Dicke, nach dem Titel und nach dem Verhältnisse schätzt und kauft, nach welchem er vermuten kann, daß ein von falschem Geschmacke irregeleitetes Publikum darnach greifen wird; der, um diesen falschen Geschmack zu unterhalten, durch unbärtige Knaben jämmerliche Broschüren, Romänchen und Märchen schreiben und unter seiner Firma in die Welt gehn läßt; der die erbärmlichste Schmiererei, deren Nichtswürdigkeit er selbst fühlt, durch einen vielversprechenden Modetitel oder durch saubre Bildlein aufgesetzt nach Frankfurt und Leipzig schleppt und für diese Lumpereien ein schändendes Lob von feilen Rezensenten erkauft; der den Mann von Talenten wie einen Taglöhner behandelt und bezahlt, von der eingeschränkten häuslichen Lage eines armen Schriftstellers Vorteil zieht, um ein Werk, das Anstrengung aller Kräfte, Nachtwachen und Aufwand von wahrer Geistesgröße erfordert hat, und womit er Tausende gewinnen kann, wie Makulatur zu erhandeln; der, so oft ihm ein Werk angeboten wird, verächtlich die Nase rümpft und den Kopf schüttelt, um desto wohlfeiler daranzukommen; der, wie unter andern unsre Karlsruher und Frankenthaler Freunde, durch Nachdruck ein Dieb an fremdem Eigentume wird. Endlich könnte ich Vorschriften geben, wie die Schriftsteller mit Buchhändlern von dieser Art umgehn sollen, um nicht ihre Sklaven zu werden; wie man sich bei ihnen Gewicht geben kann, und in welche Form man seine Geistesprodukte gießen muß, damit sie von den Sosiern unsrer Zeit in Verlag genommen werden. – Das aber sind zum Teil Zunftgeheimnisse, die unter uns großen Gelehrten nur mündlich fortgepflanzt werden und die man also nicht jedem, der bloß Leser ist, auf die Nase heften darf.

Bei der ersten flüchtigen Übersicht sollte man glauben, alle Buchhändler, die nur irgend einigen Verlag hätten, müßten reich werden. Wenn man in Deutschland vierundzwanzig Millionen Einwohner annimmt und dann rechnet, daß jedes Buch tausendmal abgedruckt würde, so beträgt das auf 24 000 Menschen nur ein Exemplar – und welches Buch könnte so schlecht sein, daß nicht unter 24 000 Leuten einer Lust bekäme, es zu kaufen? Allein man wird bald andrer Meinung, wenn man die Schuldbücher der Herrn Buchhändler durchsieht; wenn man erfährt, daß sie von ihren Amtsbrüdern nicht mit Gelde, sondern mit Makulatur und Ladenhütern, von andern Käufern aber oft mit Vertröstungen bezahlt werden, daß man von der Summe jener 24 000 beinahe den ganzen Bauernstand abrechnen muß, und daß die häufigen Leihbibliotheken und Nachdruckfabriken ihnen beträchtlichen Schaden zufügen.

Doch noch eine Bemerkung. Wer sich bei Buchhändlern, besonders in minder großen Städten beliebt machen will, der leihe und verleihe nicht viel Bücher und errichte keine Lesegesellschaften. Man kann es sonst wahrlich den armen Handelsmännern nicht übelnehmen, daß sie sich durch Nachdruck, kleine Künste und sparsames Honorarium an ihren Kollegen, am Publico und an den Autoren zu erholen suchen, wenn unter zwanzig Personen kaum einer ein Buch kauft, die übrigen aber umsonst mitlesen.

6.

Ich habe im ersten Teile dieses Buchs, bei Gelegenheit, da ich Bemerkungen über den Umgang mit Wohltätern machte, zugleich von dem Betragen in Rücksicht auf Lehrer und Erzieher geredet. Unter dieser Klasse habe ich aber die sogenannten Maîtres, das heißt: die stundenweise bedungenen Unterweiser in Sprachen und Künsten nicht mitbegriffen. Von diesen werde ich daher noch hier ein paar Worte sagen.

Wirklich ist es eine recht lästige Beschäftigung, zu Erringung seines Unterhalts den ganzen Tag durch Wind und Wetter von einem Hause in das andre zu laufen und ohne freie Wahl der Schüler dieselben Anfangsgründe einer Kunst oder Sprache unzähligemal wiederholen zu müssen. Findet man nun unter diesen Meistern dennoch einen Mann, dem trotz dieser abschreckenden Schwierigkeiten die Fortschritte, welche seine Schüler machen, mehr als der Gewinst am Herzen liegen, dem es ernstlich darum zu tun ist, seine Kunst leicht, gründlich, lebhaft und deutlich vorzutragen, so ehre man diesen wie jeden andern, der etwas zu unsrer Bildung beiträgt. Man folge ihm. Man lasse es nicht dabei bewenden, die Lehrstunde auszuhalten, sondern bereite sich darauf vor und wiederhole das Gelernte, damit er seine schwere Arbeit nicht mit Seufzen verrichte. Oft aber trifft man unter diesen Herrn sehr schlechte Subjekte an; Menschen ohne Erziehung und Sitten, die von dem, was sie andern beibringen wollen, selbst keine klaren Begriffe, am wenigsten aber die Gabe haben, in andern dergleichen zu erwecken; Menschen, die, besonders wenn sie es mit Kindern zu tun haben, ihre Schüler etwas auswendig lernen lassen, womit sie gelegentlich die unwissenden Eltern täuschen können, welche dann große Begriffe von den Fortschritten fassen, die gemacht werden, indes der Meister froh ist, wenn die Stunde glücklich vorübergegangen; Menschen, die, um diese Stunde zu vertreiben, Stadtmärchen erzählen, aus einem Hause in das andre tragen oder gar das unedle Handwerk von Kupplern und Liebesbriefträgern verwalten. Ich kann jeden sorgsamen Vater und wem sonst junge Leute anvertraut sind, nicht genug vor dieser bösen Gattung von Unterweisern warnen und rate soviel möglich bei den Lehrstunden solcher Meister, die man nicht recht genau kennt, gegenwärtig zu sein.

7.

Ein redlicher, arbeitsamer und geschickter Handwerksmann oder Künstler ist eine der nützlichsten Personen im Staate, und es macht unsern Sitten wenig Ehre, daß wir diesen Stand so geringschätzen. Was hat ein müßiger Hofschranze, was hat ein reicher Tagedieb, der um sein bares Geld sich Titel und Rang erkauft hat, vor dem fleißigen Bürger voraus, der seinen Unterhalt auf erlaubte Weise durch seiner Hände Arbeit erwirbt? Dieser Stand befriedigt unsre ersten und natürlichsten Bedürfnisse; ohne ihn würden wir für unsre Nahrung und Kleidung und für alle Gemächlichkeiten des Lebens mit eigenen hohen Händen sorgen müssen; und erhebt sich nun gar der Handwerker oder Künstler (wie es sehr oft der Fall ist) über das Mechanische durch Erfindungskraft und Verfeinerung seiner Kunst, so verdient er doppelte Achtung. Dazu kommt, daß man wirklich unter diesen Leuten, die bei ihren Geschäften Zeit genug haben, an andre gute Dinge zu denken, zuweilen die hellsten Köpfe und Männer antrifft, die freier von Vorurteilen sind als viele, die durch Studieren und Systemgeist ihre gesunde Vernunft verschroben haben.

Man ehre also einen rechtschaffenen und fleißigen Handwerksmann und betrage sich höflich gegen ihn. Man gehe nicht ohne Not, solange man von seiner Arbeit, von seinem Fleiße und von seinen Preisen zufrieden ist, von ihm ab, um sich an einen andern zu wenden. Man mache nicht den Handwerksneid unter diesen Leuten rege. Man ziehe bei gleichen Umständen den Handwerksmann, der unser Nachbar ist, dem entfernter wohnenden vor. Man bezahle ordentlich, pünktlich, bar und dinge ihm nicht über die Grenzen der Billigkeit ab. Unverantwortlich ist das Verfahren so vieler Vornehmen und selbst Reichen, die bei allem Aufwande, den sie machen, nur zuletzt daran denken, die Handwerksleute, welche für sie arbeiten, zu befriedigen. Sie verlieren vielleicht in einem Abende Tausende im Spiel und machen es sich zu einem Ehrenpunkte, diese Schuld ohne Aufschub zu tilgen; ihr armer Schuster hingegen muß, um eine Rechnung von zehn Talern, worunter mehr als die Hälfte in baren Auslagen von seiner Armut besteht, bezahlt zu erhalten, jahrelang manchen sauren Weg vergebens tun und sich von einem groben Haushofmeister abweisen lassen. Dies stürzt so manchen ehrlichen, sonst wohlhabenden Bürger in Mangel oder verleitet ihn, ein Betrüger zu werden.

Es herrscht aber unter den Handwerksleuten die unartige Gewohnheit des Lügens. Sie versprechen, was sie weder halten können noch halten wollen, und übernehmen mehr Arbeit, als sie in der verheißenen Frist zu liefern imstande sind. Es würde der Mühe wert sein, daß sich, wie ich etwas Ähnliches vorgeschlagen habe, als ich von dem Überfordern der Krämer redete, die angesehensten Leute einer Stadt dahin vereinigten, bei einem solchen Windbeutel nicht mehr arbeiten zu lassen. Was mich betrifft (der ich vielleicht zu pedantisch auf Worterfüllung und Ordnung halte), ich mache mit den Handwerksleuten, welche für mich arbeiten, den Vertrag, daß ich augenblicklich von ihnen abgehe, sobald sie mir ihre Zusage nicht halten. In ihrer Gegenwart schreibe ich mehrenteils die Stunde auf, in welcher sie die Arbeit zu liefern verheißen; ist nun diese Stunde erschienen und sie stellen sich nicht ein, so haben sie vom frühen Morgen bis in die Nacht vor mir und meinen Leuten keine Ruhe. Dadurch nun, und weil ich jedesmal bei Ablieferung der Arbeit bar bezahle, erlange ich, daß ich seltener belogen werde als andre.

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