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Über den Umgang mit Menschen

Adolph Freiherr Knigge: Über den Umgang mit Menschen - Kapitel 53
Quellenangabe
typetractate
titleÜber den Umgang mit Menschen
authorAdolph Freiherr von Knigge
year1977
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31973-5
pages5-407
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1788
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3.

Ich komme jetzt zu dem Wehrstande. Wenn in unsern heutigen Kriegen noch Mann gegen Mann föchte und die Kunst, Menschen zu vertilgen, nicht so methodisch und maschinenmäßig getrieben würde; wenn allein persönliche Tapferkeit das Glück des Kriegs entschiede, und der Soldat nur für sein Vaterland, zu Verteidigung seines Eigentums und seiner Freiheit stritte, so würde auch freilich noch kein solcher Ton unter diesen Männern herrschen als jetzt, da zu einem geschickten Kriegshelden ganz andre Arten von Kenntnissen gehören, da ein paar neue Ressorts, nämlich Subordination und ein konventioneller Begriff von Ehre, auf gewisse Weise an die Stelle des kühnen Muts getreten sind und diese die Menschen zwingen müssen, da stehn zu bleiben und aus der Ferne auf sich schießen zu lassen, wo die Leidenschaften der Fürsten ihnen gebieten zu stehn und ihr Leben für wenig Groschen daran zu wagen. Dennoch war eine gewisse Rohigkeit, Zügellosigkeit und ein Hinaussetzen über alle Regeln der Moral und bürgerlichen Übereinkunft – gleich als wären diese Gesetze nur Kinder des Friedens – noch in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts fast der allgemeine Charakter eines Soldaten von hohem und niederm Range. In unsern Tagen aber sieht es damit ganz anders aus. Fast in allen europäischen Staaten findet man unter Männern und Jünglingen im Soldatenstande Personen, die durch Kenntnisse in allen Fächern der Wissenschaften und Künste, besonders in solchen, die zu ihrem Handwerke gehören, durch eine bescheidne, feine Aufführung, durch strenge Sittlichkeit, Sanftmut des Charakters und nützliche Anwendungen ihrer Muße zu Bildung des Geistes und Herzens sich der allgemeinen Achtung und Liebe wert machen. Ich würde also gar keine besondre Vorschriften über den Umgang mit Offizieren zu geben haben, wenn nicht teils so wie in allen Ständen also auch hier Ausnahmen vom Guten stattfänden, teils einige andre Rücksichten nicht mit Stillschweigen übergangen werden dürften; doch kann ich mich dabei kurz fassen.

Wer seinem Stande, seinem Alter oder seinen Grundsätzen nach sich weder aufziehn und beleidigen zu lassen, noch eine Beleidigung durch den Zweikampf auszutilgen Lust haben kann, der tut wohl, wenn er die Gelegenheit vermeidet, bei Spiel, Trunk oder andern dergleichen Fällen mit rohen Leuten vom Soldatenstande in Gemeinschaft zu kommen, oder, wenn er solchen Gelegenheiten nicht ausweichen kann, sich so behutsam, höflich und ernsthaft als möglich aufzuführen. Indessen kommt hiebei auch sehr viel auf den Ruf an, in welchen man sich gesetzt hat, und ein grader, fester, redlicher und verständiger Mann pflegt selbst von ausschweifenden, ungesitteten Leuten respektiert und geschont zu werden.

Überhaupt aber rate ich, im Reden und Handeln gegen Offiziers vorsichtig zu sein. Das Vorurteil von übel verstandner Ehre, das in den mehrsten Armeen, vorzüglich in der französischen, herrschend ist, und das von mancher andern Seite einen Nutzen stiften kann, der hier zu weitläufig zu entwickeln sein würde, befiehlt dem Offizier, auch nicht das kleinste zweideutige Wörtchen, das ihm gesagt wird, hinzunehmen, ohne Genugtuung durch Waffen zu fordern, und da hat denn vielmals ein Ausdruck, den man sich im gemeinen Leben erlauben dürfte, für ihn einen beleidigenden Sinn. Man darf zum Beispiel wohl sagen: »das war doch nicht gut«, aber keineswegs: »das war schlecht von Ihnen«, und doch muß das, was nicht gut ist, notwendig schlecht sein. Mit dieser Sprache der Übereinkunft soll man sich also auch bekannt machen, wenn man mit Personen, denen dieselbe Gesetze auflegt, umgehn will.

Daß man in Gegenwart eines Offiziers nie, auch nicht das mindeste, zum Nachteil dieses Standes vorbringen dürfe, versteht sich wohl um so mehr von selbst, da es in der Tat nötig ist, daß der Soldat seinen Stand für den ersten und wichtigsten in der Welt halte. – Denn was soll ihn denn bewegen, sich einer so beschwerlichen und gefährlichen Lebensart zu widmen, wenn es nicht die Ansprüche auf Ruhm und Ehre sind?

Endlich pflegt bei dem Soldatenstande eine Art von offnem, treuherzigem, nicht sehr feierlichem, sondern munterm, freiem und durch gesitteten Scherz gewürztem Betragen uns beliebt zu machen, mit welcher man daher vertraut werden muß, wenn man mit dieser Klasse leben will.

4.

Kein Stand hat vielleicht so viel Annehmlichkeit als der eines Kaufmanns, wenn dieser nicht ganz mit leerer Hand anfängt, wenn das Glück ihm nicht entschieden zuwider ist, wenn er ein wenig vor sich gebracht hat, wenn er seine Unternehmungen mit gehöriger Klugheit treibt, nicht zu viel wagt und auf das Spiel setzt. Kein Stand genießt einer so glücklichen Freiheit als dieser. Kein Stand hat von jeher so unmittelbar tätigen, wichtigen Einfluß auf Moralität, Kultur und Luxus gehabt als die Kaufmannschaft. Wenn durch sie und durch die Verbindung, welche dieselbe zwischen entlegenen, voneinander in so viel Dingen verschiednen Völkern stiftet, der Ton ganzer Nationen umgestimmt und Menschen mit geistigen und körperlichen Bedürfnissen, mit Wissenschaften, Wünschen, Krankheiten, Schätzen und Sitten bekannt werden, die außerdem vielleicht nie, wenigstens sehr viel später, bis dahin gedrungen sein würden, so läßt sich wohl nicht zweifeln, daß, sofern die feinsten Köpfe unter den Kaufleuten eines großen Reichs sich über ein System von Wirksamkeit nach festen Grundsätzen vereinigten, es in ihrer Macht stehn müßte, welche Richtung des Verstandes und Willens sie ihrem Vaterlande geben wollten. Zum Glück für unsre Freiheit aber gibt es teils nicht viel so weitgehende, planvolle Köpfe unter Leuten dieses Standes in der Welt, teils sind sie durch sehr verschiednes Interesse so getrennt, daß sie sich nicht zur Tyrannei vereinigen können; und so fällt zwar die Wirkung nicht weg, welche der Handel auf Sitten und Aufklärung hat, aber es geht doch damit nicht methodisch zu, sondern alles geht seinen Gang an der Hand der Zeit. Indessen begreift man leicht, das eben das Ideal, welches ich von einem großen Negotianten aufgestellt habe, einen Mann von feinem, vorausschauendem, weit umfassendem Geiste und, wenn es ihm um das Wohl der Welt zu tun ist, einen Mann von edlen, erhabnen Gesinnungen bezeichnet. Auch gibt es solcher Männer in diesem Stande, und ich habe besonders während meines Aufenthalts in Frankfurt am Main und den benachbarten Gegenden deren einige kennengelernt, die wahrlich, wenn sie auf einem andern Schauplatze gestanden, unter den größten Männern ihrer Zeit genannt worden wären.

Da man nun aber keiner Vorschriften bedarf, um zu lernen, wie man mit weisen und guten Menschen umgehn soll, so will ich hier nur von dem Betragen im Umgange mit Kaufleuten von gemeinem Schlage reden. Diese werden von ihrer ersten Jugend an gewöhnlich so mit Leib und Seele nur dahin gerichtet, auf Geld und Gut ihr Augenmerk und für nichts anders Sinn zu haben als für Reichtum und Erwerb, daß sie den Wert eines Menschen fast immer nach der Schwere seiner Geldkasten beurteilen, und bei ihnen: der Mann ist gut, soviel heißt als: der Mann ist reich. Hierzu gesellt sich wohl noch besonders in Reichsstädten eine Art von Prahlerei, eine Begierde, es andern ihresgleichen, da wo es in die Augen fällt, an Pracht zuvorzutun, um zu zeigen, daß ihre Sachen fest stehen. Da sich aber mit dieser Neigung immer noch Sparsamkeit und Habsucht verbinden, und sie, sobald es nicht bemerkt wird, in ihren Häusern äußerst eingeschränkt und hungrig leben und sich sehr viel versagen, so bemerkt man da einen Kontrast von Kleinlichkeit und Glanz, von Geiz und Verschwendung, von Niederträchtigkeit und Stolz, von Unwissenheit und Prätension, der Mitleiden erregt, und so industriös auch sonst die Kaufleute sind, so fehlt es ihnen doch mehrenteils an der Gabe, ein kleines Fest durch geschmackvolle Anordnung glänzend und mit wenig Kosten einen anständigen Aufwand zu machen.

Willst Du bei diesen Leuten geachtet sein, so mußt Du wenigstens in dem Rufe stehn, daß Deine Vermögensumstände nicht zerrüttet sind; Wohlstand macht auf sie den besten Eindruck. Sei es durch Deine Schuld oder durch Unglück, so wirst Du auch bei den herrlichsten Vorzügen des Verstandes und Herzens von ihnen verachtet werden, wenn Du Mangel leidest.

Willst Du einen solchen zu einer milden Gabe oder sonst zu einer großmütigen Handlung bewegen, so mußt Du entweder seine Eitelkeit mit in das Spiel bringen, daß es bekannt werde, wieviel dies große Haus an Arme gibt, oder der Mann muß glauben, daß der Himmel ihm die Gabe hundertfältig vergelten werde; dann wird es andächtiger Wucher.

Große Kaufleute spielen, wenn sie spielen, gewöhnlich um hohes Geld. Sie betrachten das wie jeden andern Spekulationshandel; aber sie spielen dann auch mit aller Kunst und Aufmerksamkeit. Man hüte sich daher, wenn man das Spiel nicht versteht oder es nachlässig, bloß als Zeitvertreib ansieht, sich mit solchen Männern darauf einzulassen.

Laß es Dir hier ja nicht einfallen, wert auf Geburt und Rang zu setzen, besonders wenn Du arm bist, oder Du wirst Dich kränkenden Demütigungen aussetzen.

Doch pflegt in manchen Kaufmannshäusern ein Mann mit Stern, Orden und Titel geschmeichelt zu werden, und das geschieht dann aus Prahlerei, um zu zeigen, daß auch Vornehme da Gastfreundschaft genießen oder daß man mit Höfen und großen Familien in Verhältnissen steht.

Auch der Gelehrte und Künstler wird hier übersehn oder nur aus Eitelkeit vorgezogen. Er erwarte nicht, daß sein wahrer Wert erkannt werde.

Da die Sicherheit des Handels auf Pünktlichkeit im Bezahlen und auf Treue und Glauben beruht, so setze Dich bei den Kaufleuten in den Ruf, strenge Wort zu halten und ordentlich zu bezahlen; so werden sie Dich höher achten als manchen viel reichern Mann.

Wer wohlfeil kaufen will, der kaufe für bares Geld – das ist eine sehr bekannte Lehre. Man hat dann die Wahl von Kaufleuten und von Waren, und man kann es niemand übel auslegen, wenn er, bei der Ungewißheit, ob und wie bald er bezahlt werden wird, für seine Ware einen übertriebnen Preis fordert oder das Schlechteste hingibt, was er hat.

Hat man Ursache, mit dem Betragen des Mannes zufrieden zu sein, mit welchem man Handlungsgeschäfte getrieben hat, so wechsle man nicht ohne Not, laufe nicht von einem Kaufmanne zu dem andern. Man wird treuer bedient von Leuten, die uns kennen, denen an der Erhaltung unsrer Kundschaft gelegen ist, und sie geben uns auch, wenn es ja unsre Umstände erforderten, leichter Kredit, ohne deswegen den Preis der Waren zu erhöhn.

Man enthalte sich, einem Kaufmanne für den geringen Vorteil, der ihm aus einem kleinen Handel mit uns zuwächst, viel Mühe, Zeitverlust und Wege zu machen. Diese Unart ist besonders den Frauenzimmern eigen, die zuweilen sich für tausend Taler Waren auspacken lassen, um nach zweistündiger Beäugelung und Betastung für einen Gulden zu kaufen oder gar alles Gesehene zu schlecht und zu teuer finden.

Bei kleinen Kaufleuten und in Städten, wo eigentlich nur Krämer wohnen, ist die unartige Gewohnheit eingerissen, daß diese oft sehr viel mehr für ihre Waren fordern, als wofür sie dieselbe hingeben wollen. Andre affektieren mit angenommener Treuherzigkeit und Biederkeit, immer den äußersten Preis zu setzen und sich keinen Heller abdingen zu lassen, und so muß man oft doppelt soviel bezahlen, als die Sache wert ist. Ersteren würde man ihre kleinen Künste leicht abgewöhnen können, wenn die Angesehensten in einer Stadt sich vereinigten, solchen Gaunern gar nichts abzukaufen. Es ist aber das jüdische Verfahren beider Art von christlichen Kaufleuten ebenso unredlich als unklug. Sie betrügen damit höchstens nur einige Fremde und solche, die von dem Werte der Waren nichts verstehen; bei andern hingegen verlieren sie allen Glauben; und wenn man erst ihre Weise kennt, so bietet man ihnen nur die Hälfte von dem, was sie fordern. Übrigens soll der, welcher kaufen will, die Augen auftun, und es ist unvernünftig, einen Handel von einiger Wichtigkeit zu schließen, ohne vorher sich Kenntnis von dem wahren Werte der Sache erworben zu haben, die man zu kaufen die Absicht hat.

Welch eine große Vorsicht man im Pferdehandel zu beobachten habe, das ist eine bekannte Sache. Bei diesem hat sich das Vorurteil eingeschlichen, daß Eltern und Kinder, Geschwister und Freunde, Herrn und Diener sich keinen Gewissensvorwurf machen zu dürfen glauben, wenn sie sich einander betrügen.

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