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Über den Umgang mit Menschen

Adolph Freiherr Knigge: Über den Umgang mit Menschen - Kapitel 51
Quellenangabe
typetractate
titleÜber den Umgang mit Menschen
authorAdolph Freiherr von Knigge
year1977
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31973-5
pages5-407
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1788
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8.

Nun noch ein Wort zur Warnung für den Jüngling in Betracht der Künstler, besonders der Schauspieler, von gemeiner Art. Ich habe vorhin gesagt, daß der vertraute Umgang mit den mehrsten derselben vonseiten ihrer Kenntnisse, ihres sittlichen Lebens und ihrer ökonomischen Umstände für Kopf, Herz und Geldbeutel nicht sehr vorteilhaft sein könne; allein noch in andern Rücksichten muß ich Vorsicht empfehlen. Wenn man aber weiß, welch ein warmer Verehrer der schönen Künste ich selbst bin, so wird man mir wohl nicht schuld geben, daß es aus Vorurteil oder Kälte geschehe, wenn ich dem Jünglinge rate, mäßig im Genusse der schönen Künste, mäßig im Genusse des Umgangs mit der gefälligen Muse und deren Priestern zu sein. Musik, Poesie, Schauspielkunst, Tanz und Malerei wirken freilich wohltätig auf das Herz. Sie machen es weich und empfänglich für manche edle Gefühle; sie erheben und bereichern die Phantasie, schärfen den Witz, erwecken Fröhlichkeit und Laune, mildern die Sitten und befördern die geselligen Tugenden. Allein eben diese herrlichen Wirkungen können, wenn sie übertrieben werden, mannigfaltiges Elend veranlassen. Ein zu weiches, weibisches, von allen wahren und eingebildeten, eignen und fremden Leiden in Aufruhr zu bringendes Gemüt ist wahrlich ein trauriges Geschenk; ein Herz, das, empfänglich für jeden Eindruck, wie ein Rohr von mannigfaltigen Leidenschaften hin und her zu bewegen, jeden Augenblick von andern sich durchkreuzenden Empfindungen hingerissen wird; ein Nervensystem, auf welchem jeder Betrüger, der nur den rechten Ton zu treffen weiß, nach Gefallen spielen kann – das alles wird uns sehr zur Last da, wo es auf Festigkeit, unerschütterlichen männlichen Mut, auf Ausdauer und Beharrlichkeit ankommt. Eine zu warme, zu hochfliegende Phantasie, die allen unsern geistigen Anstrengungen einen romanhaften Schwung gibt und uns in eine Ideenwelt versetzt, kann uns in der wirklichen Welt teils sehr unglücklich, teils zu gänzlich unbrauchbaren Menschen machen. Sie spannt uns zu Erwartungen, erregt Forderungen, die wir nicht befriedigen können, und erfüllt uns mit Ekel gegen alles, was den Idealen nicht entspricht, nach welchen wir in der Bezauberung wie nach Schatten greifen. Ein luxuriöser Witz, eine schalkhafte Laune, die nicht unter der Vormundschaft einer keuschen Vernunft stehen, können nicht nur leicht auf Unkosten des Herzens ausarten, sondern würdigen uns auch herab, verleiten zu Spielwerken, so daß wir, statt der höhern Weisheit und nüchternen Wahrheit nachzustreben und unsre Denkkraft auf wahrhaftig nützliche Gegenstände zu verwenden, nur den Genuß des Augenblicks suchen, und statt mitten durch die Vorurteile hindurch in das Wesen der Dinge einzudringen, uns bei den glänzenden Außenseiten verweilen. Fröhlichkeit kann in Zügellosigkeit, in Streben nach immerwährendem Taumel übergehn. Milde Sitten verwandeln sich nicht selten in Weichlichkeit, in übertriebene Geschmeidigkeit, in niedre, unverantwortliche Gefälligkeit, die alles Gepräge von männlichem Charakter abschleifen und ein Leben, das bloß den geselligen Freuden und dem sinnlichen Vergnügen gewidmet ist, leitet uns fern von allen ernsthaften Geschäften, bei welchen der spätere, aber sichere, dauerndere Genuß durch Überwindung von Schwierigkeiten und durch anhaltende Arbeit und Anstrengung erkauft werden muß; es macht uns die für Geist und Herz so wohltätige Einsamkeit unerträglich, macht uns ein stilles häusliches, den Familien- und bürgerlichen Pflichten gewidmetes Dasein unschmackhaft – mit einem Worte, wer sich gänzlich den schönen Künsten widmet und mit den Priestern ihrer Gottheiten sein ganzes Leben verschwelgt, der wagt es darauf, sein eignes dauerhaftes Wohl zu verscherzen und wenigstens nicht so viel zur Glückseligkeit andrer beizutragen, als er nach seinem Berufe und nach seinen Fähigkeiten vermochte. Alles, was ich hier gesagt habe, trifft vorzüglich bei dem Theater und bei dem Umgange mit Schauspielern ein. Wenn unsre Schauspiele das wären, wofür wir sie so gern ausgeben möchten; wenn sie eine Schule der Sitten wären, wo uns auf eine gefällige und zweckmäßige Weise unsre Verirrungen und Torheiten dargestellt und an das Herz gelegt würden; ja, dann könnte es immer recht gut sein; oft die Bühne zu besuchen und den Umgang mit Männern zu wählen, welche man als Wohltäter ihres Zeitalters ansehn müsse. Man darf aber nicht das Theater nach demjenigen beurteilen, was es sein könnte, sondern nach dem, was es ist. Wenn in unsern Lustspielen die komischen Züge der Narrheiten der Menschen so übertrieben geschildert sind, daß niemand das Bild seiner eignen Schwachheiten darin erkennt; wenn romanhafte Liebe darin begünstigt wird; wenn junge Phantasten und verliebte Mädchen daraus lernen, wie man die alten vernünftigen Väter und Mütter, die zur ehelichen Glückseligkeit mehr als eingebildete Sympathie und vorübergehenden Liebesrausch fordern, betrügen und zu ihrer Einwilligung bewegen muß; wenn in unsern Schauspielen Leichtsinn im gefälligen Gewande erscheint, eminentes Laster in Glanz und Hoheit auftritt und durch einen Anstrich von Größe und Kraft wider Willen Bewunderung erzwingt; wenn im Trauerspiele unser Auge mit dem Anblicke der ärgsten Greuel vertrauet; wenn unsre Einbildungskraft an Erwartung wunderbarer, feenmäßiger Entwicklungen und Auflösungen gewöhnt wird; wenn man uns in den Opern dahin bringt, daß es uns gleichgültig ist, ob die gesunde Vernunft empört wird, insofern nur die Ohren gekitzelt werden; wenn der elendeste Grimassenschneider, die ungeschickteste Dirne, wenn sie Anhang unter dem Volke haben, allgemeine Bewunderung einernten; wenn endlich, um alle diese nichtigen Zwecke zu erlangen, unsre Theaterdichter sich über Wahrscheinlichkeit, echte Natur, weise Kunst und Anordnung hinaus, folglich den Zuschauer in den Fall setzen, im Schauspielhause keine Nahrung für den Geist, sondern nur Zeitverkürzung und sinnlichen Genuß zu suchen – wer wird sich's da nicht zur Pflicht machen, Jünglingen und Mädchen den sparsamsten Genuß dieser Vergnügungen zu empfehlen? Und nun, was die Schauspieler betrifft! Ihr Stand hat sehr viel Blendendes: Freiheit, Unabhängigkeit von dem Zwange des bürgerlichen Lebens; gute Bezahlung, Beifall, Vorliebe des Publikums; Gelegenheit, da einem ganzen Volke öffentlich Talente zu zeigen, die außerdem vielleicht versteckt geblieben wären; Schmeichelei, gute, gastfreundschaftliche Aufnahme von jungen Leuten und Liebhabern der Kunst; viel Muße, Gelegenheit, Städte und Menschen kennenzulernen – das alles kann manchen Jüngling, der mit einer unangenehmen Lage oder mit einem unruhigen Gemüte, mit übel geordneter Tätigkeit kämpft, bewegen, diesen Stand zu wählen, besonders, wenn er in vertraueten Umgang mit Schauspielern und Schauspielerinnen gerät. Aber nun die Sache näher betrachtet; was für Menschen sind gewöhnlich diese Theaterhelden und -heldinnen? Leute ohne Sitten, ohne Erziehung, ohne Grundsätze, ohne Kenntnisse, Abenteurer, Leute aus den niedrigsten Ständen, freche Buhlerinnen – mit diesen lebt man, wenn man sich demselben Stande gewidmet hat, in täglicher Gemeinschaft. Es ist schwer, da nicht mit dem Strome fortgerissen zu werden, nicht zugrunde zu gehn. Neid, Feindschaft und Kabale erhalten immerwährenden Zwist unter ihnen; diese Menschen sind nicht an den Staat geknüpft, folglich fällt bei ihnen ein großer Bewegungsgrund, gut zu sein, die Rücksicht auf ihren Ruf unter den Mitbürgern, weg. Kommt noch etwa die Verachtung, mit welcher, freilich unbilligerweise, manche ernsthaften Leute auf sie herabsehen, hinzu, so wird das Herz erbittert und schlecht. Die tägliche Abwechslung von Rollen benimmt dem Charakter die Eigenheit; man wird zuletzt aus Habitüde, was man so oft vorstellen muß; man darf dabei nicht Rücksicht auf seine Gemütsstimmung nehmen, muß oft den Spaßmacher spielen, wenn das Herz trauert, und umgekehrt; dies leitet zur Verstellung; das Publikum wird des Mannes und seines Spiels überdrüssig; seine Manier gefällt nicht mehr nach zehn Jahren; das so leichtfertigerweise gewonnene Geld geht ebenso leichtfertig wieder fort – und so ist denn ein armseliges, dürftiges, kränkliches Alter nicht selten der letzte Auftritt des Schauspielerlebens.

9.

Wer Schauspieler und Tonkünstler unter seiner Aufsicht und Direktion hat, dem rate ich, sich gleich anfangs auf einen gewissen Fuß mit ihnen zu setzen, wenn man nicht von ihrem Eigensinne und ihren Grillen abhängen will. Die Hauptpunkte, worauf es dabei ankommt, sind: ihnen zu zeigen, daß man dem Geschäfte gewachsen sei; daß man einen Künstler zu beurteilen und zurechtzuweisen verstehe; sie an Pünktlichkeit und Ordnung zu gewöhnen und bei der ersten Übertretung, Naseweisigkeit oder Zügellosigkeit Strenge fühlen zu lassen; sie übrigens aber, nach Verhältnis der Talente und der sittlichen Aufführung eines jeden, mit Höflichkeit und Auszeichnung zu behandeln, ohne sich je gemein mit ihnen zu machen.

10.

Ermuntre durch bescheidnes Lob, aber schmeichle nicht, erhebe nicht zur Ungebühr den jungen angehenden Schriftsteller und Künstler, dadurch verdirbt man die mehrsten von ihnen in Deutschland. Das übertriebne Beklatschen und Lobpreisen macht sie schwindlig, aufgeblasen, hochmütig. Sie beeifern sich dann nicht weiter, der größern Vollkommenheit nachzustreben, und hören auf, ein Publikum zu respektieren, das so leicht zu befriedigen scheint. Leider aber treibt uns der Zustand unsrer heutigen Literatur gar zu leicht, alles zu loben, was nicht offenbar Unsinn ist, weil man fast gewöhnt ist, lauter abgeschmacktes Zeug gedruckt zu lesen, besonders in dem Fache der schönen Wissenschaften.

Laß Dich dadurch nicht verderben, junger Mann von Talenten! Bewahre auch Dein Herz vor Neid. Laß fremdem Verdienste Gerechtigkeit widerfahren. Suche immer die Gesellschaft solcher Männer, durch deren Umgang Du zum Vorteile Deiner Kunst weiser und besser werden kannst, nicht aber den Schwarm niedriger Schmeichler oder Enthusiasten.

11.

So wenig Vorteil man von der Vertraulichkeit mit Künstlern von gemeiner Art hat, so lehrreich und unterhaltend ist der Umgang mit einem Manne, der philosophischen Geist, Gelehrsamkeit und Witz mit seiner Kunst verbindet. Es ist ein Glück, an der Seite eines solchen Künstlers zu leben, dessen Geist durch Kenntnisse gebildet, dessen Blick durch Studium der Natur und der Menschen geschärft, bei dem durch die milden Einwirkungen der Musen das Herz zu Liebe, Freundschaft und Wohlwollen gestimmt und die Sitten sind gereinigt worden. Seine freundliche Beredsamkeit wird uns in trüben Stunden aufheitern, sein Umgang wird uns wieder mit der Welt aussöhnen, wenn Mißmut und Unzufriedenheit uns plagen; er wird uns Erholung gewähren von verdrießlichen, mühsamen, trocknen Berufsgeschäften, wird uns erwärmen, wird uns neue Federkraft geben, wenn wir durch lange Anstrengung herabgespannt sind; er wird uns die mäßigste Kost zu einem Göttermahle, unsre Hütte zu einem Heiligtume, zu einem Tempel, unsern Herd zu einem Altare der Musen erhöhn.

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