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Über den Umgang mit Menschen

Adolph Freiherr Knigge: Über den Umgang mit Menschen - Kapitel 50
Quellenangabe
typetractate
titleÜber den Umgang mit Menschen
authorAdolph Freiherr von Knigge
year1977
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31973-5
pages5-407
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1788
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4.

Lustig anzusehn aber ist es, wenn zwei Schriftsteller sich einander mündlich oder schriftlich loben und preisen, vorteilhafte Rezensionen gegenseitig erschleichen, sich bei lebendigem Leibe einbalsamieren und sich eine glänzende Ewigkeit zusichern. Überhaupt mag ich wohl ein ruhiger Zuschauer sein, wenn ein paar Leute zusammenkommen, die gern voneinander bewundert werden möchten oder die sehr viel Gutes voneinander gehört haben. Wie sie sich drehen und wenden, um sich wechselweise die schwache Seite abzujagen. Und wenn sie nun auseinandergehen, dann zeigt sich immer, daß der eine den andern vortrefflich findet, wenn dieser ihm entweder Gelegenheit gegeben hat, seine Talente auszukramen, oder wenn beide Narren sich auf ähnlichen sympathetischen Torheiten ertappt haben.

Nicht so lustig aber ist der Anblick des Unwesens, das man so oft unter Gelehrten wahrnimmt, die entweder wegen der Verschiedenheit ihrer Meinungen und Systeme sich vor dem ehrsamen Volke wie Bettelbuben herumzanken, oder wenn sie an demselben Orte leben und in demselben Fache auf Ruhm Anspruch machen, einander verfolgen, hassen, einander auch nicht die mindeste Gerechtigkeit widerfahren lassen; wie einer den andern zu verkleinern und bei dem Publico herabzusetzen sucht. – Pfui der Niederträchtigkeit! Ist denn die Quelle der Wahrheit nicht reich genug, um zugleich den Durst vieler Tausende zu stillen, und können Neid, Scheelsucht und pöbelhafte Erbitterung auch Geister herabwürdigen, die der Weisheit geweihet sind? – Doch hierüber ist schon oft so viel gesagt worden, daß ich es für besser halte, einen Vorhang vor solche gelehrten Prostitutionen zu ziehn, die leider in unsern Zeiten nicht selten gesehn werden.

5.

Es gibt Leute, die sich dadurch Gewicht zu geben suchen, daß sie sich ihrer Verbindung, ihrer Verwandtschaft, Freundschaft oder ihres Briefwechsels mit Gelehrten rühmen. Das ist eine Torheit, der man sich enthalten soll. Ein Mann kann große Verdienste als Schriftsteller haben, ohne daß uns desfalls eine genaue Verbindung mit seiner Person Ehre macht. Man ist auch darum nicht gleich weise und gut, wenn Weise und Edle uns mit Nachsicht und Freundlichkeit behandeln. Auch kann ich das Zitieren und Berufen auf fremde Autoritäten wie überhaupt alles Prahlen und Schmücken mit fremden Federn nicht leiden. Das mittelmäßigste selbst Gedachte und mit Überzeugung Gefühlte ist für uns mehr wert als das Vortrefflichste, das wir bloß nachlallen.

6.

Unter den heutigen sogenannten Gelehrten muß man billigerweise einigen unsrer Journalisten und Anekdotensammler einen ansehnlichen Rang einräumen. Mit diesen Leuten aber ist eine ganz besondre Vorsicht im Umgange nötig. Sie stehen gemeiniglich bei geringem Vorrate an eigener Gelehrsamkeit im Solde irgendeiner herrschsüchtigen Partei oder eines Anführers derselben, sei es nun von Naturalisten, Orthodoxen, Deisten, Schwärmern, Philanthropen, Weltbürgern, Mystikern, oder wovon es immer sei. Dann ziehen sie durchs Land, um Märchen zu sammeln, die sie nach Gelegenheit Dokumente nennen, oder mit dem Schwerte der Verleumdung jeden zu verfolgen, der nicht zu ihrer Fahne schwören will, jedem das Maul zu stopfen, der es wagt, an ihrer Unfehlbarkeit zu zweifeln. Ein einziges Wörtchen, das nicht in ihr System paßt und das sie irgendwo auffangen, gibt ihnen Stoff zu Verketzerungen, zu unwürdigen Neckereien, zu Verfolgungen der besten, sorglosesten, planlosesten Menschen. Sei behutsam im Reden, wenn ein solcher Dich freundlich besucht, und erwarte, daß er nachher einmal Dein Porträt und alles drucken lassen werde, was er bei Dir gesehn und gehört hat. Der Mann, der dies Handwerk in Deutschland am heftigsten treibt und gegen den alle Art von rechtlicher und handfester Hilfe vergebens angewendet wird, dieser Mann heißt – ich muß ihn hier öffentlich nennen – heißt – Anonymus und ist ein gar sonderbarer Mann. Da er sich wie Cartouche in so vielfache Gestalten umzuformen weiß, daß kein Steckbrief auf ihn paßt, so rate ich, jeden Unbekannten, der gewisse Modewörter, wie zum Beispiel: Aufklärung, Publizität, Denkfreiheit, Pädagogie, Toleranz oder einzig seligmachenden Glauben oder Jesuitismus, Katholizismus, Hierarchie, höhere Wissenschaften, Magnetismus oder dergleichen gar zu oft im Munde führt, vorerst für jenen Herrn Anonymus zu halten, der ein garstiger, schadenfroher Spitzbube ist und umhergeht wie ein brüllender Löwe, um zu suchen, wen er verschlingen möchte – leo rugiens, mugiens, quaerens, quem devoret.

7.

Mit Tonkünstlern, einer Gattung von Dichtern, Komponisten, Tänzern, Schauspielern, Malern und Bildhauern ist der casus ganz anders zu behandeln. Diese sind – es versteht sich immer, daß ich in jeder Klasse von Menschen die bessern ausnehme – wohl keine gefährlichen, aber desto eitlere und oft sehr zudringliche und unsichre Leute. Weit entfernt zu fühlen, daß die schönen Künste, obgleich man ihnen nicht den Einfluß auf Herz und Sitten absprechen kann, doch am Ende zum Hauptzwecke nur das Vergnügen haben, folglich im Werte für das Glück der Welt den höhern, wichtigern, ernsthaftern Wissenschaften nachstehn müssen; weit entfernt zu fühlen, daß, um wahrhaftig den Titel eines großen Mannes zu verdienen, man mehr verstehn und mehr müsse bewirken können als Augen zu vergnügen, Ohren zu kitzeln, Phantasien zu erhitzen und Herzchen in Aufruhr zu bringen, sehen sie ihre Kunst als das einzige an, was des Bestrebens eines vernünftigen Menschen wert wäre, und es muß uns nicht befremden, wenn ein Tänzer, der höher besoldet wird als ein Staatsminister, herzlich bedauert, daß dieser nichts bessers gelernt habe. Der philosophische Künstler, so wie Georg Benda einer war, der bescheidnen Virtuosen, wie der edle Fränzl und sein liebenswürdiger Sohn in Mannheim, der verständigen, mit allen Privattugenden geschmückten Maler, wie der alte Tischbein, der Schauspieler, bei denen Kopf, Herz und Sitten gleich viel Verehrung verdienen, wie unser Iffland, wie Großmann, wie der unnachahmliche Schröder, solcher Männer gibt es nicht so gar viele unter ihnen. Ich rate desfalls, einen äußerst vertrauten Umgang mit dieser Menschenklasse nur nach der strengsten Auswahl zu suchen. Cantores amant humores, das heißt: auf ein Liedchen schmeckt ein Schlückchen. Sänger, Dichter und dergleichen lieben das Wohlleben, und das kann uns nicht wundern. Es gibt wohl eine Art von Begeisterung, zu der sich die Seele bei der einfachsten, mäßigsten Lebensart erheben kann und, die Wahrheit zu gestehn, das ist wohl die einzige, deren Früchte auf Unsterblichkeit Anspruch machen dürfen. Hoher Schwung des Genius, hinauf zu der heiligen, reinen Quelle, aus welcher er entsprungen, ist freilich ganz von andrer Art als Spannung der Nerven, Erhitzung der Phantasie durch Reizung der Sinne; und man sieht es solchen Werken, wie Klopstocks Messias und Schillers Don Carlos sind, bald an, daß ihr Feuer nicht aus der Champagnerflasche ist gezogen worden. Allein wie wenig Künstler werden von jener bessern Glut entzündet. Ihre durch unordentliche Aufführung und unglückliche äußerliche Verhältnisse, über welche sie nicht Kraft genug haben, sich durch Philosophie zu erheben, ihre dadurch geschwächte Maschine, sage ich, fordert, um nicht ganz den Geist niederzudrücken, gewaltsame Stärkungs- oder vielmehr berauschende Mittel. Dies treibt sie zuerst zu einem den sinnlichen Freuden gewidmeten Leben. Dazu kommt, daß der, welcher einmal die schönen Künste zu seinem einzigen Berufe gemacht hat, selten noch Geschmack an ernsthaften Geschäften findet, sondern daß diese ihm äußerst trocken scheinen, und da man doch nicht immer singen, geigen, pfeifen und klecksen kann, so bleiben viel Stunden des Tages auszufüllen, welche dann dem Wohlleben geopfert werden. An weise Verteilung und Anwendung der Zeit, an Aufsuchung eines lehrreichen und vernünftigen Umgangs denken also diese Herren selten, und sie schätzen den Mann, der ihnen sinnliche Freuden gewährt und sie dabei schmeichelt, höher als den Weisen, der sie auf den Weg der Wahrheit und Ordnung führt. Jenem drängen sie sich auf, diese fliehen sie. Bei dem allgemein einreißenden frivolen Geschmacke unsers Zeitalters, bei der Vernachlässigung solider Wissenschaften ist dies, wie ich glaube, ein Wort zu seiner Zeit geredet, möchte man mich auch deswegen für einen Pedanten halten. Jeder seichte Kopf, der nur ein weiches Herzchen hat, den edeln Müßiggang und ein liederliches Leben liebt, legt sich heutzutage auf die schönen Wissenschaften, glaubt Beruf zum Künstler zu haben, macht Verse, schreibt für das Theater, spielt ein Instrument, komponiert, pinselt – und so muß denn am Ende der Geschmack ausarten und die Kunst verächtlich werden. Deswegen sehen wir auch ganze Herden solcher Künstler herumlaufen, die nicht einmal mit den ersten theoretischen Grundsätzen ihrer Kunst bekannt sind; Musiker, die nicht wissen, aus welcher Tonart sie spielen, die nichts vorzutragen verstehen, als was sie auf ihrer Geige oder Pfeife auswendig gelernt haben; ohne philosophischen Geist, ohne gesunde Vernunft, ohne Studium, ohne wahres Naturgefühl, aber dagegen mit desto mehr Selbstgenügsamkeit und Impertinenz ausgerüstet; unter sich von Brotneid entbrannt; neidisch auf einen Liebhaber, der ihr Hauptstudium nur als Nebensache treibt und dennoch mehr davon weiß als sie, die weiter nichts gelernt haben. Hat ein solcher aber Anhang unter den Leuten nach der Mode, genießt er die Protektion der anmaßlichen Kenner, so wage man es ja nicht, laut zu sagen, daß er ein Stümper sei, wenn man nicht für einen unwissenden Menschen gelten und alle Dilettanten gegen sich aufbringen will: Allein wen ekelt nicht vor der Menge solcher vornehmen und geringen Dilettanten, vor ihren schiefen Urteilen, vor ihrem albernen Gewäsche? Willst Du Dich bei diesem wilden Haufen beliebt machen, so mußt Du die Geduld haben, ihren Unsinn anzuhören, oder gar die Niederträchtigkeit begehn, ihn zu loben und ihren Machtsprüchen beizupflichten. Willst Du Dich aber bei ihnen in Ansehn setzen, so sei ja nicht bescheiden, sondern ebenso unverschämt wie sie. Entscheide mit Kühnheit. Tritt mit Zuversicht mitten unter die größten Männer. Dränge Dich hervor. Tue, als seiest Du äußerst ekel in Deinem Geschmacke, als sei es schwer, den Beifall Deines verwöhnten Auges und Ohrs zu gewinnen. Rede von dem allgemeinen Rufe, in welchem Deine Kenntnisse stünden. Verachte, was Dir zu hoch ist. Schüttle bedeutend mit dem Kopfe, wenn Du nichts Passendes zu sagen weißt. Begegne dem Anfänger mit Übermute. Schmeichle vornehme, reiche und mächtige Dilettanten und Mäzenaten. Befördre die Lust an Spielwerken und Kleinigkeiten, an niedlichen Rondos, an Bierhausmenuetten mitten in ernsthaften Stücken, an buntscheckigem Kolorit, an Sinngedichten, an Bombast und leerer Phraseologie, an Schauspielen voll Greuel, Verwicklung und Übertreibung. – So kannst Du Dein Scherflein zum allgemeinen Verderbnisse des Geschmacks redlich beitragen. Fühlst Du aber Kraft in Dir und hast nicht Ursache, Menschen zu scheun, so widersetze Dich dem Unwesen. Eifre gegen diese Erbärmlichkeiten, aber eifre mit Gründen und rücke den Midassen unsrer Zeit die großen Perücken und Narrenkappen zurück, damit man ihre langen Ohren sehe und sich nicht durch ihre Amtsgesichter täuschen lasse. Traurig ist es indessen, daß auch der wahrhaftig große Künstler heutzutage einen Teil dieser Wege einschlagen muß, wenn er nicht dem Charlatan das Feld räumen will; daß er oft Natur, Bescheidenheit, Einfalt und Würde der Mode und dem Vorurteile aufzuopfern, sich mit falschem Glanze auszurüsten, sich zum Windbeutel und Spaßmacher zu erniedrigen gezwungen ist, um zu gefallen und Brot zu finden. Übel ist auch oft der Künstler, besonders der Musiker, daran, wenn er in eine Gesellschaft von Leuten gerät, die ihn bewundern wollen, die ihn bitten, sich vor ihnen hören zu lassen, und die dann doch weder Aufmerksamkeit noch Kenntnis der hohen Kunst haben. Abschlagen darf er es nicht, wenn er nicht will für eigensinnig gehalten werden, und doch fühlt er, daß er seine Perlen den Säuen vorwirft. Er setzt sich an das Klavier, spielt das sanfteste Adagio, und nun brüllen die zuhörenden Liebhaber mitten in der rührendsten Stelle überlaut: »Oh! das ist gar schön! vortrefflich!« – und darüber geht die Stelle verloren. – Solcher Unschicklichkeiten soll man sich enthalten.

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