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Über den Umgang mit Menschen

Adolph Freiherr Knigge: Über den Umgang mit Menschen - Kapitel 49
Quellenangabe
typetractate
titleÜber den Umgang mit Menschen
authorAdolph Freiherr von Knigge
year1977
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31973-5
pages5-407
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1788
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Fünftes Kapitel

Über den Umgang mit Gelehrten und Künstlern

1.

Wenn der Titel eines Gelehrten nicht heutzutage so gemein würde als der eines Gentleman in England; wenn man sich unter einem Gelehrten immer nur einen Mann denken dürfte, der seinen Geist durch wahrhaftig nützliche Kenntnisse ausgebildet und diese Kenntnisse zur Veredlung seines Herzens angewendet hätte – kurz, einen Mann, den Wissenschaften und Künste zu einem weisern, bessern und für das Wohl seiner Mitbürger tätigern Menschen gemacht hätten, dann brauchte ich hier kein Kapitel über den Umgang mit solchen Leuten zu schreiben. Was bedarf es einer Vorschrift, wie man mit dem Weisen und Edeln umgehn soll? An seiner Seite zu horchen auf die Lehren, die von seinen Lippen strömen; seine Augen auf ihn gerichtet zu haben, um sein Beispiel die Richtschnur unsrer Handlungen sein zu lassen; die Wahrheit von ihm zu vernehmen und dieser Wahrheit zu folgen – das ist ein Glück, dessen Genuß nicht nach Regeln gelernt zu werden braucht. Wenn aber heutzutage jeder elende Verseschmied, Kompilator, Journalist, Anekdotenjäger, Übersetzer, Plündrer fremder literarischer Güter und überhaupt jeder, der die unbegreifliche Nachsicht unsers Publikums mißbraucht, um ganze Bände voll Unsinn, Torheit und Wiederholung längst besser gesagter Dinge drucken zu lassen, sich selber einen Gelehrten nennt; wenn die Wissenschaften nicht nach dem Grade ihrer Nützlichkeit für die Welt, sondern nach dem veränderlichen, leichtfertigen Geschmacke des lesenden Pöbels geschätzt, spekulative Grillen Weisheit genannt werden, fieberhafte Phantasie für Schwung und Begeisterung gilt; wenn ein Knabe, der sein rauhes Gewäsche in abwechselnd kurzen und langen Zeilen in einen Musen-Almanach einrücken läßt, ein Dichter heißt; wenn der Mensch, der mit seinen Fingern ein Gewühl von falschen Tönen, ohne Verbindung und Ausdruck, den Saiten entlockt, ein Tonkünstler; der, welcher schwarze Punkte, in Abschnitte eingeteilt, auf Papier setzen kann, ein Komponist; der, welcher auf Brettern herumspringt, ein Tänzer genannt wird, dann muß man wohl ein paar Worte darüber sagen, wie man sich im Umgange mit solchen Leuten zu betragen hat, wenn man nicht für einen Mann ohne Geschmack und Kenntnis angesehn sein will.

2.

Beurteile nicht den moralischen Charakter des Gelehrten nach dem Inhalte seiner Schriften. Auf dem Papiere sieht der Mann oft ganz anders aus als in natura. Auch ist das so übel nicht zu nehmen. Am Schreibtische, wo man die ruhigste Gemütsverfassung wählen kann, wenn keine stürmischen Leidenschaften unsern Geist aus seiner Fassung bringen, da lassen sich herrliche moralische Vorschriften geben, die nachher in der wirklichen Welt, wo Reizung, Überraschung und Verführung von seiten der berüchtigten drei geistlichen Feinde uns hin und her treiben, nicht so leicht zu befolgen sind. Also soll man freilich den Mann, der Tugend predigt, darum nicht immer für ein Muster von Tugend halten, sondern auch bedenken, daß er ein Mensch bleibt, ihm wenigstens dafür danken, daß er vor Fehlern warnt, wenn er selbst auch nicht stark genug ist, diese Fehler zu vermeiden, und es würde unbillig sein, ihn desfalls für einen Heuchler zu halten (obgleich es ebenso unbillig wäre, ohne Beweis vorauszusetzen, er tue das Gegenteil von dem, was er lehrt, oder man müsse seine Worte anders auslegen als sie lauten). Von der andern Seite soll man auch nicht die Grundsätze, die ein Schriftsteller den Personen seiner eignen Schöpfung in den Mund legt, als seine eignen ansehn, noch einen Mann deswegen für einen Bösewicht oder Faun oder Menschenhasser halten, weil seine üppige Phantasie, sein Feuer ihn verleitet, irgendeinen boshaften Charakter von einer glänzenden Seite darzustellen oder eine wollüstige Szene mit lebhaften Farben zu schildern oder mit Bitterkeit über Torheiten zu spotten. Wohl täte er besser, wenn er das unterließe, aber er ist darum noch kein schlechter Mann, und so wie man bei hungrigem Magen Göttermahlzeiten schildern kann, so kenne ich Dichter, die Wein und materielle Liebe besingen und dennoch die mäßigsten, keuschesten Menschen sind; kenne Schriftsteller, die Greuel von Schandtaten mit der treffendsten Wahrheit dargestellt haben und dennoch Rechtschaffenheit und Sanftmut in ihren Handlungen zeigen; kenne endlich Satiriker voll Menschenliebe und Wohlwollen.

Eine andre Art von Ungerechtigkeit gegen Schriftsteller und Künstler begeht man, wenn man von ihnen erwartet, sie sollen auch im gemeinen Leben nichts als Sentenzen reden, nichts als Weisheit und Gelehrsamkeit predigen. Der Mann, der am glänzendsten von einer Kunst schwätzt, ist darum nicht immer der, welcher die gründlichsten Kenntnisse davon besitzt. Es ist nicht einmal angenehm und schmeckt nach Pedanterie, wenn wir jeden ohne Unterlaß von unsern eigenen Lieblingsbeschäftigungen unterhalten. Man geht in Gesellschaften, um sich zu zerstreun, um auch einmal andre als sich selber zu hören. Nicht jeder hat so viel Gegenwart des Geistes, mitten im Getümmel, und wenn er durch Fragen und Vorwitz überrascht wird, mit Würde und Bestimmtheit von Gegenständen zu reden, die er vielleicht zu Hause in seinem einsamen Zimmer mit der größten Klarheit durchschaut. Und dann gibt es auch Gesellschaften, in welchen die Leute so gänzlich anders als wir gestimmt sind, die Dinge von so durchaus andern Seiten ansehen, daß es nicht möglich ist, in dem ersten Augenblicke sich so zu fassen, daß man etwas Gescheutes auf das antworte, was sie uns vortragen. Auch hat ja ein Gelehrter so gut als ein andrer Erdensohn seine Launen, ist nicht stets gleich aufgelegt zu wissenschaftlichen und überhaupt zu solchen Gesprächen, die Nachdenken erfordern; oder die Menschen, die er um sich sieht, behagen ihm nicht, scheinen ihm keines Aufwandes von Verstand und Witz würdig.

Als vor ungefähr neun Jahren der Abbé Raynal in den Rheingegenden war, wurde ich einst mit ihm in einem vornehmen Hause zu Gaste geladen. Es hatte sich da eine Schar neugieriger Damen und Herrn nebst einigen schönen Geistern versammelt, um ihn zu bewundern und von ihm bewundert zu werden. Er schien zu beidem nicht aufgelegt, und, ich gestehe es, der Ton seiner Unterhaltung gefiel mir gar nicht. Die ganze Gesellschaft aber war aufgebracht und erbittert gegen den Mann, der ihre Erwartungen so getäuscht hatte, und das ging denn so weit, daß alle behaupteten: Dieser sei nicht der Abbé Raynal gewesen, oder es sei unmöglich, daß der Abbé Raynal so schöne Sachen geschrieben habe.

Es ist ein recht garstiger Zug in dem Charakter unsers Zeitalters, daß man so gern von guten Schriftstellern und überhaupt von Männern, die sich Ruf erworben haben, ärgerliche Anekdoten aufsammelt, um ihnen einen Grad der öffentlichen Achtung zu entziehn, wenn ihre Schriften ihnen Bewunderer gewonnen, wenn ihre Talente die Aufmerksamkeit verständiger Menschen mehr auf sie als auf Männer gleichen Standes gezogen haben, ja es gibt so gewisse abderitische kleine Städte, in welchen man wirklich affektiert, den Mann mit Verachtung zu behandeln, dem es gelungen ist, durch gute literarische Produkte auswärts, das heißt außer dem Kreise der Herrn Vettern und Frauen Basen, seinen Namen bekannt zu machen. Daß man einen solchen im Vaterlande nicht aufkommen, auch allenfalls darben lasse, das finde ich ganz in der Ordnung; aber seinen moralischen Charakter aus Neide verdächtig zu machen und ihm, wenn er auch noch so demütig, noch so forderungslos seinen stillen Gang fortgeht, ausgezeichnet grob zu behandeln – das ist zu hart und geschieht doch hie und da, besonders in einigen Reichsstädten.

Spricht aber ein Gelehrter, ein Künstler gern und viel von seinem Fache, so nimm ihm auch das nicht übel auf. Die unglückliche Polyhistorei, die Wut, auf allen Zweigen der Wissenschaften und Künste herumzuhüpfen, sich zu schämen, daß irgend etwas unter der Sonne sein dürfte, worüber wir nicht räsonieren könnten, ist nicht eben das, was unserm Zeitalter am mehrsten Ehre macht, und wenn es langweilig ist, einen Mann alle Gespräche auf seinen Lieblingsgegenstand lenken zu hören, so ist es mehr als langweilig, es ist empörend, wenn ein Schwätzer entscheidende Urteile über Dinge ausspricht, die gänzlich außer seinem Gesichtskreise liegen, wenn der Priester über Politik, der Jurist über Theater, der Arzt über Malerei, die Kokette über philosophische Gegenstände, der süße Herr über Taktik deräsoniert. Erlaube dem Mann, der etwas gelernt hat, mit Leidenschaft von seiner Kunst, von seiner Wissenschaft zu reden, ja gib ihm Gelegenheit dazu. Man ist wahrlich recht viel wert in der Welt, wenn man – doch übrigens bei gesundem Hausverstande – ein Fach aus dem Grunde versteht, und mich ekelt vor den herumwandelnden enzyklopädischen Wörterbüchern; mich ekelt vor den allwissenden, rezitierenden jungen Herrn, mit denen man denn so zuweilen einmal das Unglück hat, in Gesellschaft zu kommen, die den bescheidenen, zweifelnden Forscher mit Machtsprüchen zu Boden schlagen und die, besonders wenn sie von liebenswürdigen gelehrten Damen amüsant gefunden, ganz unausstehlich werden.

3.

Die mehrsten Schriftsteller verzeihn es uns leichter, wenn wir ihren sittlichen Charakter, als wenn wir ihren Ruf in der gelehrten Welt antasten. Man sei daher vorsichtig in Beurteilung ihrer Produkte. Selbst dann, wenn sie uns um unsre Meinung darüber fragen, ist dies immer so auszulegen, als bäten sie uns um ein Lob. Den Fall ausgenommen, wenn Freundschaft uns zu völliger Offenherzigkeit verpflichtet, rate ich also, bei solchen Gelegenheiten, wo man unmöglich ohne Niederträchtigkeit loben, wenigstens etwas zu sagen, das die beleidigte Eitelkeit nicht als Tadel auslegen kann.

Fast noch ungnädiger pflegen es die Herrn aufzunehmen, wenn man gar nichts von ihrer Autorschaft weiß, gar nichts von ihnen gelesen hat, oder wenn man den Mann eines Buches wegen, das er geschrieben, dennoch im gemeinen Leben nicht anders wie jeden behandelt, der auf andre Weise der Welt nützlich wird, endlich wenn man Grundsätze äußert, die nicht in ihr System passen, die mit denen streiten, zu deren Behauptung sie so manchen Bogen Papier mit Buchstaben versehn haben. Hüte Dich vor diesem allem, wenn Du einen Schriftsteller nicht beleidigen willst. Allein unterscheide auch wohl, welchen Mann Du vor Dir hast, groß, klein oder mittelmäßig. Alle riechen den Weihrauch gern, der ihnen gestreut wird, aber nicht jeden darf man auf gleich grobe Art einräuchern. Der eine nimmt vorlieb, wenn Du es ihm grade in den Bart sagst: er sei ein großer Mann; der andre ist zufrieden, wenn Du nur ohne Widerspruch erlaubst, daß er dies selbst von sich sage; der dritte verlangt nichts von Dir als Hiobs Geduld, wenn er Dir seine elenden Produkte vorliest; den vierten kitzelt eine kleine vorteilhafte Anspielung auf irgendeine Stelle aus seinen Schriften; dem fünften behagt äußere ausgezeichnete Ehrerbietung, wenn auch von seiner Autorschaft nicht ausdrücklich Erwähnung geschieht, und ein sechster endlich – es sei mir erlaubt, neben diesem mein Plätzchen zu nehmen! – begnügt sich, wenn die wenigen Edeln ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen zu glauben, daß es ihm wenigstens um Wahrheit und Tugend zu tun sei, daß er nichts geschrieben habe, dessen sein Herz sich zu schämen brauchte, und daß, wenn seine Werke keine Meisterstücke sind, sie sich doch auch nicht ausschließlich zu Rosinentüten qualifizieren.

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