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Über den Umgang mit Menschen

Adolph Freiherr Knigge: Über den Umgang mit Menschen - Kapitel 47
Quellenangabe
typetractate
titleÜber den Umgang mit Menschen
authorAdolph Freiherr von Knigge
year1977
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31973-5
pages5-407
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1788
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7.

Verachte nicht alles, was bloß konventionellen Wert hat, wenn Du mit Annehmlichkeiten in der großen Welt leben willst. Verachte nicht so ganz und gar Titel, Orden, Glanz, äußere Zierate und dergleichen, aber setzte keinen innern Wert darauf, ringe nicht ängstlich darnach. Es gibt doch wohl Fälle, wo ein solcher an sich nichtiger Stempel Dir und den Deinigen wo nicht reelle Vorteile, doch Annehmlichkeiten zuwege bringen kann. Heimlich in Deinem Kämmerlein darfst Du herzlich aller dieser Torheiten lachen; aber tue das nicht laut. Mit einem Worte: zeichne Dich nicht zu sehr aus unter den Weltleuten, mit denen Du leben mußt. Dies ist nicht nur Regel der Klugheit, nein, sondern es ist auch Pflicht, die Sitten des Standes anzunehmen, den man wählt, ganz zu sein, was man ist, doch wie sich das versteht, nie auf Unkosten des Charakters. Erwarte übrigens auf diesem Schauplatze nicht, daß man in Dir den edeln, weisen, geschickten Mann schätze, sondern nur, daß man Dich artig finde, daß man von Dir sage: Par dieu! il a de l'esprit, comme nous autres!

8.

Und willst Du auch nur dies eitle Lob davontragen, so darfst Du selbst nicht einmal merken lassen, daß Du von besserm Stoffe bist als der große Haufen jener hirnlosen Müßiggänger. Der klügere und edlere Mann, bequemte er sich auch noch so pünktlich nach den Sitten der sogenannten feinen Sozietät, wird dennoch dem Neide, der Verleumdung und den unaufhörlichen Neckereien und Klatschereien, welche hier herrschen, nicht ausweichen; denn um schalen Köpfen zu gefallen, muß man selbst ein schaler Kopf sein. Ich rate dann, sich das gar nicht anfechten zu lassen, vor allen Dingen aber keinen Verdruß, keine Unruhe zu äußern, sonst bekommt man nie Frieden. Man gehe also seinen Gang fort, folge seinem Systeme und lasse die Toren schwätzen, bis sie müde werden. Hier sind auch alle Erläuterungen, alle Entschuldigungen übel angebracht, und wenn Du mit Widerlegung einer Verleumdung fertig bist, so wird man schon eine andre in Bereitschaft haben.

9.

In der großen Welt ist der oben entwickelte Grundsatz vorzüglich nicht außer Augen zu lassen, nämlich daß jedermann nur so viel gilt, als er sich selbst gelten macht. Man zeige sich also frei, zuversichtlich, seiner Sache gewiß. Man lasse die Leute nicht einmal ahnen, daß es möglich wäre, man könne uns zurücksetzen, sich unsers Umgangs schämen, in unsrer Gesellschaft Langeweile haben. Hofleute und ihresgleichen pflegen die Grade ihrer Höflichkeit und Aufmerksamkeit gegen uns darnach abzumessen, in welcher äußern Achtung wir in den vornehmen Zirkeln stehen. Man mache sich also da gelten, mache sich eine gewisse Aisance eigen, die man nur durch Übung erlernt, die sehr unterschieden von Unverschämtheit, Zudringlichkeit und Prahlerei ist und die vorzüglich in einem ruhigen, leidenschaftsfreien, anständigen, gleichmütigen Betragen, das planlos und ohne Forderungen zu sein scheint, besteht, und zu welchem man nie gelangt, wenn unsre Eitelkeit allerorten Glanz sucht und wenn im Grunde des Herzens unser eigener Beifall uns nicht mehr wert ist als die Bewunderung, womit leere Köpfe uns beehren.

10.

Man messe sein Betragen gegen Hofleute pünktlich nach dem ihrigen gegen uns ab und gehe ihnen keinen Schritt entgegen. Diese Menschengattung nimmt eine Handbreit, wo man ihnen einen Fingerbreit einräumt. Man erwidere Stolz mit Stolz, Kälte mit Kälte, Freundlichkeit mit Freundlichkeit, gebe aber nicht mehr und nicht weniger als man empfängt. Die Befolgung dieser Vorsicht hat mannigfaltigen Nutzen. Die feinen Weltleute sind wie ein Rohr, das vom Winde bewegt wird. Da sie selbst so wenig Bewußtsein innerer Würde haben, so beruht ihre ganze Existenz auf ihrem äußern Ruf. Sie werden sich an Dich schließen, sobald sie sehen, daß Du in gutem Lichte wandelst. Aber wenn Du nicht durch die niedrigste Schmeichelei und Preisgebung alle alten Weiber beiderlei Geschlechts auf Deine Seite ziehst, so wird bald einmal eine Lästerzunge etwas Nachteiliges gegen Dich aussprechen. Kaum wird ein solches Gerücht herumlaufen, so werden jene Sklaven lauern, welche Wirkung dies auf das Publikum macht, und faßt es Wurzel, so werden sie den Kopf um ein paar Zoll höher gegen Dich tragen. Macht Dich das unruhig, ängstlich, behandelst Du sie nach Deinem Herzen wie Leute, deren Freundschaft Du gern erhalten möchtest, so werden sie immer unbescheidener und helfen die elende Klatscherei weitertragen, woraus Dir denn, so geringe auch die Sache scheinen möchte, mancherlei Verdruß erwachsen kann. Wirf aber auf den ersten, der Dir kalt begegnet, einen verächtlichen Blick, so wird er zurückspringen, für seinen eigenen Ruf beben, kein nachteiliges Wort von Dir über seine Zunge kommen lassen und sich vor dem Manne beugen, von dem er glaubt, er müsse geheimen Schutz haben, weil er so fest steht, so gleichgültig gegen die seligmachende Stimme des hohen Pöbels ist. Ja gib ihm doppelt wieder, was er wagt, Dir zu bieten. Laß Dich durch kein freundliches Wörtchen wieder heranlocken, bis er gänzlich zu Kreuze kriecht. Ich, der ich nun keine Pläne mehr auf das Glück mache, in der großen Welt zu glänzen, folge darin eben keinem festen Systeme, sondern meiner jedesmaligen Gemütsstimmung und Laune. An echte, unverfälschte Herzensergießung gewöhnt, voll Wärme für alles, was Freundschaft und Zuneigung heißt, weniger darum bekümmert, geehrt als geliebt zu sein, beunruhigt mich – ich schäme mich dieses Geständnisses nicht – beunruhigt, verstimmt mich jedes kalte Betragen von Leuten, die mir gute Eigenschaften zu haben scheinen, mehr als mir, nach so mancher Erfahrung in der großen Welt, zu verzeihn ist. Zu andern Zeiten aber behandle ich auch das Ding von der lustigen Seite und freue mich herzlich, indem ich höre, daß das müßige Publikum sich auf Unkosten meiner Wenigkeit beschäftigt, darüber, daß dies grade einen Mann trifft, der nur als Volontär in der großen Welt dient und kein Avancement verlangt. Indessen ist, was ich meinem Temperamente nach tue, darum noch nicht gut getan. Am besten ist es gewiß, über dergleichen und über Klatschereien aller Art wenigstens nicht die geringste Unruhe zu zeigen, mit niemand weiter darüber zu reden und sich auf keine Explikationen einzulassen. Dann ist in acht Tagen das Märchen vergessen, da auf jede andre Art hingegen die Sache ärger gemacht wird.

11.

Sei höflich und geschliffen im Äußern. Man muß an Höfen und im Umgange in großen Städten manchen Menschen sehn, ertragen und freundlich behandeln, den man nicht schätzt, auch sucht man ja in diesem Getümmel keine Freunde, sondern nur Gesellschafter. Allein wo es Nutzen stiften oder wenigstens unser Ansehn befestigen, wo es wirken kann, daß der Dich fürchte, der nicht anders als durch Furcht im Zaume zu halten ist, da laß ihn Dein Ansehn fühlen. Nimm eine Art von Würde, von edelm Stolze und von Hoheit an gegen den Hofschranzen, damit nie der Gedanke in ihm aufkeimen könne, Dich zu foppen oder zu mißbrauchen. Diese Sklavenseelen zittern vor dem Übergewichte des verständigen, konsequenten Mannes; allein das muß weder in Aufgeblasenheit noch in Bauernstolz ausarten. Sage diesen Leuten zuweilen einmal, doch ohne Hitze und Grobheit, die Wahrheit. Schlage ihre flachen, schiefen Urteile kaltblütig mit Gründen nieder, wo es nach den Umständen die Klugheit erlaubt. Stopfe ihnen das Maul, wenn sie den Redlichen lästern. Setze ihren Schleichwegen Mut, Tätigkeit und wahre Kraft entgegen. Scherze nicht vertraulich mit ihnen. Laß echter Laune nicht den Lauf, aus Furcht ein Wort zu sprechen, das man mißbrauchen, verdrehn könnte.

12.

Überhaupt rede in der großen Welt nie warme Herzenssprache. Das ist dort eine fremde Mundart. Rede nicht von den reinen, süßen, einfachen häuslichen Freuden. Das sind Mysterien für solche Profanen. Habe Dein Gesicht in Deiner Gewalt, daß man nichts darauf geschrieben finde, weder Verwunderung noch Freude, noch Widerwillen noch Verdruß. Die Hofleute lesen besser Mienen als gedruckte Sachen; das ist fast ihr einziges Studium. Vertraue Deine Angelegenheiten niemand. Sei vorsichtig nicht nur im Reden, sondern sogar im Hören, sonst wird Dein Name leicht kompromittiert.

13.

Ich habe schon vorhin gesagt, daß unser Betragen in der großen Welt nach eines jeden individuellen Lage modifiziert werden müsse, und daß, was dem einen darin zu beobachten wichtig, für den andern vielleicht von gar keinem Belange sein könne. Wer nicht bloß in derselben leben und geachtet werden, sondern wer auch wirken, sich emporarbeiten, regieren will, der muß das Ding freilich noch viel feiner studieren. Da kann es äußerst wichtig werden, entweder zu der herrschenden Partei oder (wobei man größtenteils am sichersten geht, wenn man sonst kein ganz unwichtiger Mann ist) zu gar keiner zu gehören, um von allen aufgesucht zu werden und nach Gelegenheit unmerklich Anführer einer eigenen zu werden. Da muß oft die Politik uns lehren, wo wir des sichern Vorteils nicht gewiß sind, wo nicht zu helfen, vielleicht gar zu schaden ist, unsre verfolgten Freunde allein kämpfen zu lassen und uns ihrer nicht öffentlich anzunehmen. Da kann es nötig sein, sich anfangs sehr klein zu stellen, um nicht beobachtet, in unsern Plänen nicht gestört, vielmehr als ein unbedeutender Mensch (weil ein solcher immer mehr Stimmen auf seiner Seite hat als der von beßrer Art) befördert zu werden. Zu allen Geschäften aber, die man in der großen Welt führen muß, ist nichts so dringend anzuempfehlen als - Kaltblütigkeit, das heißt: sich nie zu vergessen; nie sich zu übereilen; den Verstand nie dem Herzen, dem Temperamente, der Phantasie preiszugeben; Vorsicht, Verschlossenheit, Wachsamkeit, Gegenwart des Geistes, Unterdrückung willkürlicher Aufwallungen und Gewalt über Launen. Mit Kaltblütigkeit und den dahin gehörigen Eigenschaften sieht man Personen von den mittelmäßigsten natürlichen Gaben über den lebhaftesten, feinsten Feuerkopf herrschen. Aber diese schwere Kunst – wenn sie sich je erlernen läßt, wenn sie nicht ausschließlich ein Geschenk der Natur ist – erlangt man nur nach vieljähriger Arbeit und Erfahrung.

14.

Und nun zum Schlusse dieses Kapitels auch etwas über den Nutzen, den uns der Umgang mit Menschen in der großen Welt gewährt. Er ist wahrlich nicht unbeträchtlich. Vorschriften, welche uns auf die erlaubten Sitten der feinern Sozietät verweisen, sind freilich keine Grundsätze der Moral, sondern nur der Übereinkunft; allein eben diese Übereinkunft beruht doch darauf, daß man suche, sich und andern in einer zwangvollen Lage, deren Ungemächlichkeit wir nun einmal nicht ganz aus dem Wege räumen können, seinen Zustand so leidlich als möglich zu machen, ohne dazu solche Mittel zu ergreifen, die unsern innern Wert auf das Spiel setzen. Dieser innre Wert aber, der wie ein Schatz unter der Erde immer, auch verborgen, Gold bleibt, kann doch Witwen und Waisen nähren und Monarchen und Reiche zum Wohl der Welt in Wirksamkeit setzen, wenn er hervorgeholt und durch den Stempel der Konvention in Umlauf gebracht, wenn er allgemein anerkannt wird – anerkannt von denen, die sich auf reines Gold verstehen, und anerkannt von denen, die nur auf das Gepräge achten. – Also wünschte ich, man eiferte nicht so heftig gegen den wahren feinen Weltton. Er lehrt uns, die kleinen Gefälligkeiten nicht außer acht zu lassen, die das Leben süß und leicht machen. Er erweckt in uns Aufmerksamkeit auf den Gang des menschlichen Herzens, schärft unsern Beobachtungsgeist, gewöhnt uns daran, ohne zu kränken und ohne gekränkt zu werden, mit Menschen aller Art leben zu können. Der echte und zugleich redliche alte Hofmann verdient wahrlich Verehrung, und man braucht nicht in die Wüsten zu fliehn noch sich in Studierzimmern zu vergraben, um auf den Titel eines Philosophen Anspruch machen zu dürfen. Ja ohne einige Kenntnis der großen Welt hilft uns alle Stubengelehrsamkeit, alle Menschenkunde aus Büchern sehr wenig. Ich rate also jedem jungen Manne, der edeln Ehrgeiz, Durst nach Welt- und Menschenkenntnis und Begierde hat, nützlich und tätig zu sein, wenigstens auf einige Zeit den größere Schauplatz zu betreten, wäre es auch nur, um Stoff zu sammeln zu Beobachtungen, die einst im Alter seinen Geist beschäftigen und ihn in den Stand setzen, seinen Kindern und Enkeln, die vielleicht bestimmt sind, an Höfen oder in großen Städten ihr Glück zu suchen, weise Lehren zu geben.

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