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Über den Umgang mit Menschen

Adolph Freiherr Knigge: Über den Umgang mit Menschen - Kapitel 46
Quellenangabe
typetractate
titleÜber den Umgang mit Menschen
authorAdolph Freiherr von Knigge
year1977
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31973-5
pages5-407
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1788
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Drittes Kapitel

Über den Umgang mit Hofleuten und ihresgleichen

1.

Ich fasse hier die Bemerkungen über den Umgang mit Hofleuten und mit solchen Personen überhaupt, die in der sogenannten großen Welt leben und den Ton derselben angenommen haben, zusammen. Leider wird dieser Ton, den Fürsten und Vornehme von solcher Art, wie ich sie im ersten Kapitel dieses Teils beschrieben habe, angeben und ausbreiten, von allen Ständen, die einigen Anspruch auf feine Lebensart machen, nachgeäfft. Entfernung von Natur; Gleichgültigkeit gegen die ersten und süßesten Bande der Menschheit; Verspottung der Einfalt, Unschuld, Reinigkeit und der heiligsten Gefühle; Flachheit; Vertilgung, Abschleifung jeder charakteristischen Eigenheit und Originalität; Mangel an gründlichen, wahrhaftig nützlichen Kenntnissen; an deren Stelle hingegen Unverschämtheit, Persiflage, Impertinenz, Geschwätzigkeit, Inkonsequenz, Nachlallen; Kälte gegen alles, was gut, edel und groß ist; Üppigkeit, Unmäßigkeit, Unkeuschheit, Weichlichkeit, Ziererei, Wankelmut, Leichtsinn; abgeschmackter Hochmut; Flitterpracht als Maske der Bettelei; schlechte Hauswirtschaft; Rang- und Titelsucht; Vorurteile aller Art; Abhängigkeit von den Blicken der Despoten und Mäzenaten; sklavisches Kriechen, um etwas zu erringen; Schmeichelei gegen den, dessen Hilfe man bedarf, aber Vernachlässigung auch des Würdigsten, der nicht helfen kann; Aufopferung auch des Heiligsten, um seinen Zweck zu erlangen; Falschheit, Untreue, Verstellung, Eidbrüchigkeit, Klatscherei, Kabale; Schadenfreude, Lästerung, Anekdotenjagd; lächerliche Manieren, Gebräuche und Gewohnheiten – das sind zum Teil die herrlichen Dinge, welche unsre Männer und Weiber, unsre Söhne und Töchter von dem liebenswürdigen Hofgesindel lernen – das sind die Studien, nach welchen sich die Leute von feinem Tone bilden. Da wo dieser Ton herrscht, wird das wahre Verdienst nicht nur bloß übersehn, sondern soviel als möglich mit Füßen getreten, unterdrückt, von leeren Köpfen zurückgedrängt, verdunkelt, verspottet. Kein größrer Triumph für einen faden Hofschranzen, als wenn er den Mann von entschiedenem Werte, dessen Übergewicht er heimlich fühlt, demütigen, ihn auf einen Mangel an konventioneller feiner Lebensart ertappen, und durch die Art, wie er dies bemerken macht, oder dadurch, daß er mit ihm in einer Sprache oder über Gegenstände redet, wovon er nichts versteht, es dahin bringen kann, daß jener verwirrt wird und sich in schiefem Lichte zeigt. Kein größrer Triumph für die petite Maîtresse, als wenn sie eine redliche Frau, voll wahrer innerer und äußerer Vorzüge und Würde, in einer Gesellschaft von Weltleuten von einer lächerlichen Seite darstellen kann. Das alles muß man erwarten, wenn man sich unter Menschen von dieser Klasse mischt. Man muß sich dann nicht beunruhigen, wenn uns dergleichen widerfährt, und hinterher sich kein graues Haar darum wachsen lassen. Man hat sonst keinen friedlichen Augenblick, wird unaufhörlich von tausend Eigenschaften, besonders von Ehrgeiz und Eitelkeit in Aufruhr gebracht. Es gibt aber drei Mittel, allen diesen Ungemächlichkeiten auszuweichen, indem man nämlich entweder sich mit der großen Welt unbefangen läßt oder aber in derselben seinen graden Gang fortgeht, ohne sich alle diese Torheiten anfechten zu lassen, oder endlich, indem man den Ton derselben studiert, und soviel es ohne Verleugnung des Charakters geschehen kann, mit den Wölfen heult.

2.

Wer nicht, seiner Lage nach, schlechterdings dazu verdammt ist, an Höfen oder sonst in der großen Welt zu leben, der bleibe fern von diesem Schauplatze des glänzenden Elends, bleibe fern vom Getümmel, das Geist und Herz betäubt, verstimmt und zugrunde richtet. In friedlicher häuslicher Eingezogenheit, im Umgange mit einigen edeln, verständigen und muntern Freunden ein Leben zu führen, das unsrer Bestimmung, unsern Pflichten, den Wissenschaften und unschuldigen Freuden gewidmet ist, und dann zuweilen einmal mit Nüchternheit an öffentlichen Vergnügungen, an großen, gemischten Gesellschaften teilzunehmen, um für die Phantasie, die doch auch nicht leer ausgehn will, neue Bilder zu sammeln und die kleinen, widrigen Gefühle der Einförmigkeit zu verlöschen – das ist ein Leben, das eines weisen Mannes wert ist! Und in Wahrheit, es steht öfter in unsrer Macht, als man gemeiniglich denkt, sich der großen Welt zu entziehn. Menschenfurcht, elende Gefälligkeit gegen mittelmäßige Leute, Eitelkeit, Schwäche, Nachahmungssucht, das ist es, was so manchen sonst nicht schlechten Mann bewegt, seine schönsten Stunden da zu verschleudern, wo er im Grunde nicht zu Hause ist, wo so oft Ekel und Langeweile ihn anwandeln und allerlei unedle Leidenschaften ihr Spielwerk mit ihm treiben. Freilich aber muß man, um sich diesem zu entziehn, nicht nur seinen Verhältnissen nach unabhängig sein, sondern auch nach festen Grundsätzen zu handeln und sich über das Geschwätz der Leute hinauszusetzen den Mut haben, mag auch davon gesprochen werden, was da will.

3.

Muß oder will man aber in der großen Welt leben, und man ist nicht ganz sicher, den Ton derselben annehmen zu können, so bleibe man lieber der Art von Stimmung und Wendung treu, die uns Natur und Erziehung gegeben haben. Nichts kann abgeschmackter sein, als wenn man jene Sitten halb und unvollständig kopiert, wenn der ehrliche Landmann, der schlichte Bürger, der grade, deutsche Biedermann den französischen petit Maître, den Hofmann, den Politiker spielen will, wenn Leute, die einer ausländischen Sprache nicht mächtig sind, alle Gelegenheit aufsuchen, mit fremden Zungen zu reden, oder, wenn sie auch in ihrer Jugend an Höfen gelebt haben, nicht merken, daß die galante Sprache aus Ludwig des Vierzehnten Zeiten jetzt gar nicht mehr im Umlaufe ist und eine Stutzergarderobe aus dem vorigen Jahrhundert im Jahr 1790 nur auf dem komischen Theater Wirkung tut. Solche Menschen machen sich mutwilligerweise zum Gespötte, da man hingegen mit einem ungezwungenen, natürlichen und verständigen Betragen, Anstande und Anzuge, wenn dies alles auch nicht nach dem feinsten Hofschnitte ist, sich mitten unter dem leichtfertigen Gesindel Achtung und, wo nicht ein angenehmes, doch ein ruhiges, ungekränktes Leben verschaffen kann. Sei also einfach in Deiner Kleidung und in Deinen Manieren, ehrlicher Biedermann. Sei ernsthaft, bescheiden, höflich, ruhig, wahrhaftig. Rede nicht zuviel und nie von Dingen, wovon Du nichts weißt, noch in einer Sprache, die Dir nicht geläufig ist, insofern der, welcher mit Dir spricht, Deine Muttersprache versteht. Betrage Dich mit Würde und Gradheit, ohne grob zu sein, ohne Ungeschliffenheit, so wird man Dich ungeneckt lassen. Allein freilich wirst Du auch nicht sehr vorgezogen, Dein Gesicht wird kein Modegesicht werden. Hierüber aber beruhige Dich. Zeige Dich nicht verlegen, ängstlich, wenn in einer großen Gesellschaft kein Mensch mit Dir redet. Du verlierst nichts dabei, kannst für Dich an allerlei gute Dinge denken, auch manche nützliche Bemerkung machen, und man wird Dich nicht verachten, sondern vielleicht gar fürchten, ohne Dich zu hassen, und das ist denn doch zuweilen so übel nicht.

Leute, die in der Jugend an Höfen und in großen Städten keine unbeträchtliche Rolle gespielt, die vielmehr dort geglänzt, nachher aber sich zurückgezogen, sich einer einfachern Lebensart gewidmet haben, vergessen gar zu leicht, daß, um hier immer ein Modegesicht zu bleiben, man nie den Faden der herrschenden Konversation aus der Hand verlieren, nie versäumen darf, auch in den kleinsten Fortschritten, der Kultur – wenn man das Kultur nennen muß – nachzufolgen. Das ist aber bei der unbeschreiblichen Veränderlichkeit des Geschmacks und der Phantasie unmöglich, sobald man nicht immer mit der ganzen Flotte auf dem großen Weltmeere herumschwimmt. Es geschieht dann, daß wir böser Laune werden, wenn wir sehen, daß man uns vernachlässigt, daß jüngere, oft sehr unbedeutende Menschen jetzt die Koryphäen sind, daß diese und deren Bewunderer uns über die Achsel ansehn, uns nur aus nachsichtiger Höflichkeit einige Aufmerksamkeit beweisen – oh, es ist unglaublich, wie so etwas die Gemütsruhe auch des klugen Mannes (denn selbst kluge Leute sind nicht immer ganz von Eitelkeit frei) erschüttern, wie es verstimmen und bewirken kann, daß man sich in recht unangenehmer Haltung zeigt und, wenn man etwas zu suchen hat, die Frucht einer weiten Reise und große Unkosten verliert, dahingegen unser Witz, unsre Laune unaufhaltsam und bezaubernd fortströmen, wo wir uns geehrt, geliebt und mit Aufmerksamkeit behandelt wissen. Wer sich viel Jahre hindurch an großen und kleinen Höfen und sonst in der großen Welt hat umhertreiben müssen, der wird nie in Verlegenheit von jener Art kommen können. Er wird die Fertigkeit erlangt haben, sich geschwind zu orientieren, schnell zu fassen, welche Sprache anwendbar ist; die guten Leute hingegen, die nicht Gelegenheit gefunden haben, diesen Grad von Verfeinerung zu erlangen, sollen wohl beherzigen, was zu Anfange dieses Abschnitts ist gesagt worden.

4.

Wer aber endlich viel und immer in der großen Welt lebt, der tut doch wohl, den herrschenden Ton zu studieren und die äußern Gebräuche derselben anzunehmen. Ersteres ist so schwer nicht, und letzteres kann ohne schädlichen Einfluß auf unsern Charakter geschehn. Zeichne Dich also nicht aus durch altväterische Kleidung oder Manieren, aber vergiß nicht, dabei auf Dein Alter, Deinen Stand und Dein Vermögen Rücksicht zu nehmen, und kopiere nicht die Lächerlichkeiten einzelner Toren noch die ephemerischen Moden des Augenblicks. Mache Dich mit der Sprache der Hofleute, mit ihrer Art sich gegeneinander zu betragen, mit den Konventionen im Umgange bekannt; aber verleugne nicht innere Würde, Charakter und Wahrheit.

5.

Es lassen sich unmöglich allgemeine Regeln geben, wie weit man in Nachahmung der Hofsitten gehn dürfe. Ein verständiger und redlicher Mann wird das am besten selbst nach seiner Lage, Gemütsart und nach seinem Gewissen abmessen können. Doch nur soviel: Unschädliche Torheiten, die man nicht Lust hat nachzuahmen, hat man deswegen nicht immer Beruf, zu bekämpfen, und gleichgültige Gewohnheiten und Sitten, die weiter keinen Einfluß auf den Charakter haben, kann man, ja muß man zuweilen auf kurze Zeit mitmachen und darf sich das um so weniger übelnehmen, wenn man dadurch manches größere Gute zu bewirken in den Stand gesetzt wird.

Es gibt auch Moden in Literatur und Kunst, im Geschmacke, in gewissen Vergnügungen und Schauspielen, in dem Beifalle, den irgendeine Sängerin, irgendein Tonkünstler, Schriftsteller, Prediger, Maler, Geisterseher, Schneider oder Friseur oft gegen Verdienst und Würdigkeit vom vornehmen großen Haufen einerntet, und es ist verlorne Mühe, diesem Modegeschmacke sich widersetzen zu wollen. Am besten ist es da, ruhig abzuwarten, daß eine neue Narrheit die alte verdränge. Es gibt Moden im Gebrauche von Arzeneien, denen sich die Vornehmern unterwerfen zu müssen glauben – sei es, daß sie sich täglich klistieren oder in ein gewisses Bad und in kein anders reisen, oder sich mit den Pillen oder Pulvern irgendeines Marktschreiers langsam vergiften. Lächle in der Stille darüber. Klistiere Dich unmaßgeblich auch ein wenig und mache mit, was sich ohne Gefahr und Tollheit mitmachen läßt. Wenigstens mache Dich mit diesen Moden bekannt, um nicht in Deinen Gesprächen dagegen anzustoßen. Du wirst übel anlaufen, wenn Du nach Deiner Empfindung eine Theaternymphe tadelst, deren Gebrülle grade zu der Zeit in der feinen Welt für Götterstimme gilt, oder wenn Du ein Buch erbärmlich nennst, dessen Verfasser als ein großes Genie anerkannt wird. Du wirst übel anlaufen, wenn Du eine Dame, die grade in der Periode ist, in welcher sie nach der Mode freigeisterische Grundsätze haben muß, von religiösen Gegenständen unterhältst. Denn auch das hat seine Gesetze, die von der Mode bestimmt werden. Jünglinge fangen an, im fünfundzwanzigsten Jahre alt zu werden, nicht mehr zu tanzen, sich den Zirkeln der Greise zuzugesellen, ein feierliches, philosophisches, ein Geschäftsgesicht mit in die Gesellschaft zu bringen. Kommen sie aber nahe an die Vierzig, dann werden sie wieder jung, hüpfen herum, spielen um Pfänder mit jungen Mädchen – das alles muß man beobachten und seine Maßregeln danach nehmen.

6.

Übrigens gestehe ich – es bleibt aber unter uns – daß der Ton, welcher jetzt unter unsern ganz jungen Leuten ziemlich allgemein an Höfen und in der feinen Welt eingeschlichen ist, mir gar nicht so gefallen will wie der, welcher vor etwa zwanzig Jahren herrschte. Viele von ihnen kommen mir äußerst ungeschliffen und plump vor; es scheint mir, als suchten sie etwas darin, Bescheidenheit, Höflichkeit und Delikatesse zu beleidigen, stumm, ungefällig gegen Damen und Fremde zu sein, selbst ihren Körper zu vernachlässigen, ohne alle Grazie beim Tanze herumzuspringen, krumm und schief und gebückt zu gehn, keine Kunst, keine Wissenschaft gründlich zu lernen, ungeachtet aller Mühe, welche die neuern Pädagogen anwenden, und ungeachtet des vortrefflichen Beispiels, das sie der Jugend in Höflichkeit, Bescheidenheit und Gründlichkeit geben. Es gibt freilich einen Bocksbeutel, einen Zwang und eine Steifigkeit im Umgange, die in vorigen Zeiten in Deutschland herrschend waren, und wovon es ein Glück ist, daß wir anfangen, sie abzulegen; aber edler Anstand ist nicht Steifigkeit, verbindliche Höflichkeit und Aufmerksamkeit nicht Bocksbeutel, Grazie nicht Zwang, und echtes Talent, wahre Geschicklichkeit nicht Pedanterie. Und man sehe auch die papiernen Männchen an, wie Überdruß und Langeweile auf ihrer früh sich runzelnden Stirne wohnen, wie sie unfähig sind, von ganzem Herzen froh zu werden, wie sie in den schönsten Jahren des Lebens schon bei den unschuldigen Freuden der Jugend Ekel empfinden. – Doch ich habe Hoffnung, daß es bald wieder besser damit werden soll, und ohne Stolz auf unsre Vaterstadt kann ich es wohl sagen, wir haben hier eine liebenswürdige, wohlerzogene Jugend in allen Klassen und Ständen aufzuweisen.

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