Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Adolph Freiherr Knigge >

Über den Umgang mit Menschen

Adolph Freiherr Knigge: Über den Umgang mit Menschen - Kapitel 43
Quellenangabe
typetractate
titleÜber den Umgang mit Menschen
authorAdolph Freiherr von Knigge
year1977
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31973-5
pages5-407
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1788
Schließen

Navigation:

9.

Trage nichts dazu bei, sie und ihre Kinder noch mehr zu verderben, moralisch zu verschlimmern. Schmeichle sie nicht. Nähre nicht ihren Stolz, ihre Üppigkeit, ihre Eitelkeit, ihren Hang zu nichtigen und wollüstigen Freuden. Bestärke die Großen nicht in den Grundsätzen von angebornen Vorzügen, von Herrscherrechten, von Gesalbtheit und dergleichen Grillen. Heuchle nicht. Verleugne nicht Wahrheit, selbst die bittre Wahrheit nicht. Sei freimütig, aber ohne grob zu werden, und ohne Dich selbst zugrunde zu richten. Nimm Dich der verkannten Unschuld, des verleumdeten Edeln, des durch Hofränke verschwärzten Ehrenmannes an; doch mit Vorsicht, ohne seine Feinde dadurch noch mehr zu erbittern, und soviel Deine Lage es Dir erlaubt. Befördere, unterstütze, wo Klugheit es gestattet, die Wünsche, den guten Ruf und die billigen Gesuche derer, die zu schüchtern, zu arm, zu bescheiden oder zu sehr niedergedrückt, verkannt, von zu geringem Stande sind, um sich den Palästen zu nähern. Man sollte es kaum glauben, welchen Einfluß die Reden eines verständigen, allgemein geschätzten Mannes auf diese Menschen haben können, sowohl im Guten als Bösen, wie gern sie alles zum Vorteile ihres Dünkels auslegen, und wieviel man auf sie wirken kann, wenn auch die Folgen nicht sichtbar werden.

10.

Man hüte sich, mit ihnen von Plänen und Projekten zu reden, von denen man nicht gewiß ist, daß sie, wenn sie auf dies bloße Wort also unternommen werden, ausführbar sind, teils aus Furcht, sie zu mißleiten (besonders wenn sie uns vielleicht nur halb verstanden haben und nun gleich für sich an das Werk gehen), teils damit nicht die Schuld auf uns falle, wenn der Erfolg nicht der Erwartung gemäß ist. Ich erinnere mich (um nur ein ganz kleines Beispiel zu geben), daß einst ein gewisser Prinz mit mir von einem platten Dache redete, das er auf sein Gartenhaus hatte legen, aber wieder abnehmen lassen, weil er es zu schwer befunden. Mir fiel grade ein, daß ich von einem französischen Ingenieuroffizier gehört hatte: Man könnte ein wohlfeiles, leichtes und dauerhaftes plattes italienisches Dach aus einer Menge Lagen von blauem Zuckerpapiere, zwischendurch und obenauf mit Schiffteer beschmiert und mit Kies (Flußsand) bestreuet, verfertigen. Dies erzählte ich dem Prinzen beiläufig, ohne jedoch für die Güte der Sache einzustehn. Lange nachher erfuhr ich, daß er den Versuch – wer weiß wie? – gemacht hätte, daß dieser mißlungen war und daß er nicht undeutlich zu verstehn gegeben hätte, ich sei ein Mann, auf dessen Projekte man sich nicht zu sicher einlassen dürfte.

Überhaupt kann man kaum vorsichtig genug in seinen Reden mit ihnen sein. Man enthalte sich daher in ihrer Gegenwart aller nachteiligen Urteile über andre Leute, aller Medisance. Sie pflegen dergleichen ganz gern zu hören, aber die Folgen sind oft sehr unglücklich. Zuerst setzt man dadurch sich und andre in ihren Augen herab, denn sie lachen zwar mit, hassen aber doch den Lästerer und Ausspäher fremder Fehler, bei dem heimlichen Bewußtsein ihrer eigenen vielfachen Gebrechen (so gern sie dies auch unterdrücken), und da sie schon alle übrigen Menschen verachten, so wächst diese Verachtung durch Aufdeckung fremder Schwachheiten. Sodann mißbrauchen sie wohl gelegentlich unsern Namen, kompromittieren uns, indem sie unsern Einfall nacherzählen, hetzen uns mit andern zusammen. Endlich weiß man zuweilen nicht, ob nicht das zeitliche Glück solcher Menschen, von denen man nachteilige Begriffe erweckt, in ihren Händen ist, und da erstaunt man, wenn man erfährt, wie oft ein einziges, ohne böse Absicht hingeworfenes Wort feste Wurzel faßt und nach langer Zeit noch die schädlichsten, unglücklichsten Folgen haben kann. Das Gute gleitet auf ihren unteilnehmenden Herzen ab, das Böse hingegen setzt sich fest sind wird so leicht nicht ausgelöscht. Ich könnte davon die sonderbarsten Beispiele anführen, wenn ich nicht fürchtete, dadurch die Geduld der Leser zu ermüden. Am allervorsichtigsten aber soll man in seinen Gesprächen über andre Personen von höherem Stande sein. Obgleich die Erdengötter sich untereinander selten lieben, sondern mehrenteils durch allerlei Leidenschaften getrennt sind, so hören sie doch nicht gern, daß man die privilegierten Lieblinge des Himmels in ihrer Gegenwart ohne Ehrerbietung nennt. Übrigens wollen die Vornehmen und Reichen angenehm unterhalten und in fröhliche Laune gesetzt sein. Tue dies auf unschuldige Weise, wenn Dir an ihrer Gunst gelegen ist. Aber erniedrige Dich nicht zu ihrem besoldeten Spaßmacher, der Schwänke liefern muß, so oft sie winken, und von dem sie kein vernünftiges Wort hören mögen.

11.

In den Herzen der mehrsten Großen wohnt Mißtrauen. Es herrscht bei ihnen der Gedanke, alle übrigen Menschen hätten einen Bund gegen sie gemacht. Deswegen sehen sie es so ungern, wenn unter denen, welche ihnen unterworfen sind, enge Freundschaften entstehen. Wer sich um Fürsten und Vornehme nicht zu bekümmern braucht, der kann sich hierüber gänzlich hinaussetzen, Verbindungen nach seinem Herzen schließen, und überhaupt wird kein redlicher Mann aus niedriger Gefälligkeit gegen irgendeinen Beschützer und Gönner einen wahren Freund vernachlässigen, noch einen würdigen Mann, der ihm die Hand reicht, von sich stoßen. Wer aber an Höfen sein Glück machen will, der tut doch wohl, wenn er vorsichtig in der Wahl seines Umgangs, seiner Vertraueten und der Gesellschaften ist, welche er am häufigsten besucht. Es herrschen da immer Parteien und Kabalen, in welche ein wohlwollendes, teilnehmendes Herz gar zu leicht hineingezogen wird; und wenn nun eine dieser Parteien über die andre siegt, so muß oft der Unschuldigste, insofern er nur irgend Mitwissender bei dem, was vorgefallen, gewesen ist, die Zeche bezahlen helfen. Ich habe an einem Orte, wo ich mich wahrlich – wider meine sündliche Natur – äußerst vorsichtig aufgeführt hatte, unbeschreiblichen Verdruß bloß dadurch gelitten, daß man mutmaßte, ich habe eine gewisse Sache, die vorgegangen, gewußt oder wenigstens gemerkt, weil ich viel mit den Personen umging, welche darin verwickelt waren. Und doch konnte man leicht schließen, daß ich keine Rolle dabei gespielt, ja, daß ich diese Sache nicht eher erfahren haben konnte, als bis sie schon geschehn, folglich durch meinen Rat oder Angabe nicht mehr zu hindern gewesen. Man hätte mir also meine Verschwiegenheit in jedem Betrachte und auch deswegen zum Verdienste anrechnen sollen, weil ich meine Freunde nicht verraten hatte. Man hätte überlegen sollen, daß ich ein freier, dienst- und pflichtloser Mensch war, folglich keine Obliegenheit hatte, den Fiskal oder Angeber zu machen und mich in solche Händel zu mischen. – Aber man ist denn nicht so billig, und ich rate angelegentlichst, an Höfen sich zu keiner Partei merklich zu schlagen, sondern seinen graden Gang fortzugehn und sich um nichts zu bekümmern, was uns nicht unmittelbar betrifft, höflich gegen jedermann, vertraulich aber nur unter vier Augen gegen die Allergeprüftesten zu sein.

12.

Rede mit den Großen der Erde ohne Not nicht von Deinen häuslichen Umständen, von Dingen, die nur persönlich Dich und Deine Familie angehen. Klage ihnen nicht Dein Ungemach. Vertraue ihnen nicht den Kummer Deines Herzens. Sie fühlen ja doch kein warmes Interesse dabei, haben keinen Sinn für freundschaftliche Teilnahme; es macht ihnen Langeweile; Deine Geheimnisse sind ihnen nicht wichtig genug, um sie treu zu bewahren; immer meinen sie, man wolle bei ihnen betteln, und sie verachten den Mann, der nicht glücklich, nicht frei ist. Von Jugend auf glauben sie, jedermann mache Plan auf ihren Geldbeutel, auf ihre Wohltaten. Überhaupt sehen uns die Leute von dem Augenblicke, da wir etwas zu suchen, andrer zu bedürfen scheinen, mit ganz andern Augen an als vorher. Man läßt uns Gerechtigkeit widerfahren, ja man zeigt sich bezaubert von unsern angenehmen Talenten, von unsern Kenntnissen, von unsrer Herzensgüte, von den glänzenden Vorzügen unsers Geistes, solange wir mit allen diesen schönen Eigenschaften nichts als höfliche Behandlung und Gefälligkeit verdienen wollen, solange wir als Fremde, als unabhängige Menschen niemand im Wege stehen, niemand verdunkeln; aber viel genauer, strenger und unbilliger fängt man an, uns zu beobachten und zu richten, wenn wir unsre Vorzüge im Staate gelten machen und die erlaubten Vorteile damit erringen wollen, worin sich so gern die vornehmen Dummköpfe und deren Kreaturen teilen. Am besten wird man von den Vornehmen und Reichen behandelt, wenn sie erkennen, daß man ihrer gar nicht bedarf; wenn man ihnen dies auf feine Art zeigt, ohne sich dessen laut zu rühmen; wenn ihnen im Gegenteil unsre Hilfe, unsre Einsicht unentbehrlich ist; wenn wir dabei nie die Bescheidenheit und äußere Huldigung außer Augen setzen; wenn unser Scharfsinn, unsre größere Weisheit, unsre Festigkeit und Gradheit ihnen Ehrerbietung einflößen, ohne daß sie uns eigentlich fürchten; wenn wir uns bitten, uns aufsuchen lassen, nicht aber unsern Beistand aufdrängen. – Einen solchen Mann schonen sie sorgfältig. –

13.

Hüte Dich aber, einen Großen, der Ansprüche auf Verstand, Witz, hohe Tugenden, Gelehrsamkeit, Kunstgefühl, oder worauf es immer sei, macht, hüte Dich, ihn deutlich oder gar in Gegenwart andrer merken zu lassen, daß Du Dir bewußt bist, Du übertreffest, Du übersehest, Du verdunkelst ihn. In der Stille darf er das wohl fühlen, aber er muß es nur allein zu fühlen glauben. Vor allen Dingen ist diese Vorsicht nötig gegen Vorgesetzte, die ungeschickter in ihrem Fache sind als Du. Gern mögen sie Dir Deine bessern Einsichten, gleichsam als prüften sie Dich, abfragen, sich zu eigen machen, Dir nach Gelegenheit Deine eigene Ware wieder verkaufen; doch wehe Dir, wenn Du das rügst, wenn Du nur einmal tust, als merktest Du das, oder gar wenn Du den unterrichtenden Ton gegen sie annimmst. – Wie werden sie Dir das Leben sauer machen! Wieviel werden sie von Dir fordern, das sie selbst nie zu leisten imstande sein würden, damit sie Gelegenheit haben, Dich eines Fehlers zu zeihen.

14.

Es gibt aber geringe, unschuldige Gefälligkeiten gegen die Großen der Erde, die man ihnen, ohne sich ein Gewissen daraus zu machen, erweisen, und unwichtige Forderungen von ihrer Seite, die man ohne niedrige Schmeichelei erfüllen kann. Diese verzogenen Schoßkinder des Glücks sind nämlich von Jugend auf daran gewöhnt worden, daß man sich in Kleinigkeiten nach ihren Phantasien fügt, ihren Geschmack zur Richtschnur annimmt, ihre Liebhabereien artig findet und alles vermeidet, was ihnen aus Vorurteil oder kindischem Eigensinne zuwider ist. Auch die Besten unter ihnen sind von solchen Grillen und Einbildungen nicht ganz frei, und wenn man nun auf einen sonst redlichen, edeln Fürsten dadurch zum Guten wirken kann, daß man sich hierzu bequemt, oder wenn unser und unsrer Familie zeitliches Glück in seinen Händen ist – wer wird da nicht nachgebend sein und sich ein wenig nach einem solchen richten? So reden zum Beispiel manche Fürstenkinder sehr geschwind und undeutlich und sehen es nicht gern, wenn man noch einmal fragt, sondern wollen gleich verstanden sein. Freilich wäre es besser, wenn man ihnen diese Unart in der Kindheit abgewöhnt hätte; aber es ist nun einmal nicht geschehen; oder sie lieben Pferde, Hunde, bunte Soldätchen, Schauspiele, Pfeifenköpfe, Bilder, Geiger, Fiedler, komponieren auch wohl selbst, bauen, pflanzen, errichten Akademien, Museen und dergleichen. – Wie unschuldig ist es nicht da, zuweilen mit einzustimmen, einige Kennerschaft zu zeigen? Nur muß man sie in ihren Lieblingsfächern nicht übersehn, nicht übertreffen wollen, welches leicht zu geschehn pflegt, da sie oft von den Dingen, womit sie sich am mehrsten beschäftigen, am wenigsten verstehen (wie sich denn über den vorsichtigen Umgang mit vornehmen Komponisten und unwissenden Mäzenaten ein weitläufiges Kapitel schreiben ließe). Auch was gewisse Kleidertrachten, Manieren, den Ton der Stimme, was Stil, Handschrift und mehr solche Dinge betrifft, darüber haben sie zuweilen gewisse eigene Meinungen, die man schonen muß, wenn man sich ihnen nicht unangenehm machen will. Übrigens versteht sich's, daß diese Gefälligkeit aufhören soll, sobald dieselbe schädlichen Einfluß auf den Charakter haben kann, wenn sie dadurch im Egoismus merklich bestärkt, von ernsthaften Beschäftigungen abgezogen, unbillig gegen andre, ungerecht gegen wirkliche Verdienste werden, oder wenn ihre Liebhabereien von solcher Art sind, daß dadurch ihr Herz verwildert, verhärtet, grausam wird.

Zu den mehrenteils schädlichen Liebhabereien großer, besonders regierender Herrn gehört auch die Lust, außer Lande zu reisen. Ungern möchte ich einen Fürsten darin bestärken. Sie rennen da gewöhnlich in fremden Himmelsgegenden herum, bevor sie ihr eigenes Land kennen, in welchem tausend Gegenstände mehr als die Karnevals von Venedig und die Pferderennen in England ihrer Aufmerksamkeit wert sind, kaufen für den sauren Erwerb ihrer Untertanen ausländische Possen, Krankheiten des Leibes und der Seele und bringen nicht selten große Forderungen, Hang zur Verschwendung, Wollust und Üppigkeit, böse Laune, Müßiggang, Avantüriers u. dgl. in ihre arme Residenz zurück.

 << Kapitel 42  Kapitel 44 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.