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Über den Umgang mit Menschen

Adolph Freiherr Knigge: Über den Umgang mit Menschen - Kapitel 40
Quellenangabe
typetractate
titleÜber den Umgang mit Menschen
authorAdolph Freiherr von Knigge
year1977
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31973-5
pages5-407
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1788
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3.

Ich komme jetzt zu dem Umgange mit betrunkenen Leuten. Der Wein erfreut des Menschen Herz, und wenn man dies Vehiculum nicht als ein notwendiges Bedürfnis, ohne welches man durchaus nicht in frohe Laune zu setzen ist, sondern als ein Erweckungsmittel braucht, um in trüben Augenblicken den natürlichen guten Humor, der nie ganz aus dem Gemüte eines ehrlichen Biedermanns weichen darf, unter dem Schutte von häuslichen Sorgen hervorzurufen, so habe ich nichts dagegen einzuwenden, sondern gestehe vielmehr, daß ich selbst die wohltätige Wirkung dieser herrlichen Arzenei aus dankbarer Erfahrung kenne. Allein kein Anblick ist so widrig für den verständigen Mann als der eines Menschen, welcher sich durch starke Getränke um Sinne und Vernunft gebracht hat. Wenn dies auch nicht der Fall ist, so bleibt es schon unangenehm, der einzige ganz Kaltblütige in einer Gesellschaft von Leuten zu sein, die sich durch ein Gläschen über die Gebühr um einen Ton höher gestimmt haben; und wenn man den Tag mit ernsthaften Geschäften hingebracht hat und dann von ungefähr des Abends in einen Zirkel solcher muntrer Gäste gerät, so ist fast kein anders Mittel zu finden (oder man müßte denn von Natur immer zum Scherze aufgelegt sein), als ein wenig mitzuzechen, um sich denselben Schwung zu geben.

Die Wirkungen des Weins auf die Gemüter der Menschen sind aber nach ihren natürlichen Temperamenten sehr verschieden. Manche zeigen sich äußerst lustig; andre sehr zärtlich, wohlwollend und offenherzig. Andre melancholisch, schläfrig, verschlossen; andre hingegen geschwätzig und noch andre zänkisch, wenn sie berauscht sind. Man tut wohl, der Gelegenheit auszuweichen, mit Betrunknen von dieser letztern Art in Gesellschaft zu geraten. Ist dies aber nicht zu vermeiden, so kann man doch darin mehrenteils mit einem vorsichtigen, nachgebenden und höflichen Betragen und dadurch, daß man ihnen nicht widerspricht, so ziemlich gut fortkommen. Daß man auf das, was ein Mensch im Rausche verspricht, nicht bauen dürfe; daß man sich doppelt ernstlich hüten müsse, eine Ausschweifung im Trunke zu begehn, wenn man weiß, daß man einen bösen Rausch hat; daß es unedel gehandelt sei, diesen schwachen Zustand eines Menschen zu nützen, um ihm Zusagen oder Geheimnisse zu entlocken, und endlich, daß man mit Leuten, die zu tief in die Flasche geschaut haben, keine ernsthaften Sachen verhandeln müsse – das versteht sich wohl von selber.

4.

Nun etwas über das Ratgeben. Wenn Dich jemand um Rat und Zurechtweisung bittet, so überlege wohl, ob es Pflicht ist, daß Du ihm Deine Meinung aufrichtig sagest oder nicht; sodann ob es ihm mit seinem Begehren Ernst ist oder nicht. Fragt er Dich, wenn er sich schon vorgenommen hat, was er tun oder lassen will; fordert er Zurechtweisung, Kritik, bloß um gelobt, geschmeichelt zu werden, so lasse Dich darauf nicht ein. Man muß seine Leute kennen, wenn man sich nicht unnütze, oft obendrein sehr undankbare Mühe geben will. Man braucht darum doch kein Schmeichler zu sein, noch in unweisen und unrechten Vorsätzen zu bestärken. – Es gibt leicht einen Weg, den Auftrag von sich abzulehnen. Am vorsichtigsten sei man im Ratgeben bei Heiratsangelegenheiten!

Dagegen aber frage auch Du nicht nach Rat und fremdem Urteile, wenn Du schon entschlossen bist, Dein Ohr nur zum Beifall und Lobe zu neigen.

5.

Bei Sterbebetten, Geburtsfesten und andern solchen Gelegenheiten enthalte Dich aller steifen, feierlichen Akte, prunkvollen Deklamationen und Theaterszenen. Solche Pedantereien und Förmlichkeiten machen doch keine bleibenden Eindrücke, sind mehrenteils für den leidenden Teil ermüdend und für jeden Dritten äußerst langweilig.

6.

Ich habe bemerkt, daß man (dies ist besonders bei Damen der Fall) sich beim Tanze oft von einer nicht vorteilhaften Seite zeigt. Wenn das Blut in Wallung kommt, so ist die Vernunft nicht mehr Meister der Sinnlichkeit; verschiedene Arten von Temperamentsfehlern werden dann offenbar. Man sei also auf seiner Hut! Der Tanz versetzt uns in eine Art von Rausch, in welchem die Gemüter die Verstellung vergessen. – Wohl dem, der nichts zu verbergen hat! Anständigkeitsregeln beim Tanze übergehe ich hier. Wer Erziehung hat, bedarf deren nicht, und weiß z. B., daß man sich nicht vordrängen und Damen nicht plump angreifen, drücken und herumreißen darf; daß es beim Händegeben schicklich ist, der Hand des Vornehmern über der seinigen den Platz zu lassen u. dgl. mehr. – Das Alles würde in der Tat nicht verdienen, daß man ein Wort darüber verlöre, wenn nicht in der heutigen Welt Mancher der Beobachtung oder Vernachlässigung solcher Kleinigkeiten sein zeitliches Glück oder Unglück verdankte.

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