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Über den Umgang mit Menschen

Adolph Freiherr Knigge: Über den Umgang mit Menschen - Kapitel 38
Quellenangabe
typetractate
titleÜber den Umgang mit Menschen
authorAdolph Freiherr von Knigge
year1977
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31973-5
pages5-407
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1788
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4.

Noch schonender als mit diesen Leidenden soll man mit Leuten umgehn, auf welchen die schwere Hand des Schicksals liegt; mit Unglücklichen, Armen, Bedrängten, Verstoßenen und Zurückgesetzten, mit Verirrten und Gefallenen. Reden wir von jeder dieser Klassen ein paar Worte besonders.

Nimm Dich des Armen an, wenn Dir Gott die Mittel in die Hände gegeben hat, seine Not zu erleichtern. Weise nicht den Dürftigen von Deiner Tür zurück, solange Du noch ohne Ungerechtigkeit gegen die Deinigen eine kleine Gabe zu geben hast. Sei es wenig oder viel, so gib es mit gutem Herzen, und – wie ich bei Gelegenheit gesagt habe, als von der Art Wohltaten zu erzeigen die Rede war – gib es mit guter Manier. Kalkuliere nicht so genau, ob der Mann, dem Du helfen kannst, selbst an seinem Unglücke schuld sei oder nicht. Wer in der Welt würde ganz unschuldig an den Leiden, die ihn treffen, befunden werden, wenn man alles so strenge untersuchen wollte? Willst oder kannst Du aber gar nichts oder nur wenig geben, so brauche keine leeren Ausflüchte. Laß den Armen nicht durch Deine Bedienten unter allerlei Vorwande wiederbestellen oder vertrösten. Am wenigsten aber erlaube Dir, etwa zur Rechtfertigung Deiner Hartherzigkeit, Grobheiten, beleidigende Strafpredigten gegen den, dessen Bitte Du abzuschlagen entschlossen bist; sondern sprich den Mann selbst und sage ihm kurz und menschenfreundlich, warum Du nicht geben kannst, nicht geben willst. Tue auch auf das erste Wort, was zu tun vernünftig und gut ist, und warte nicht darauf, daß man durch wiederholtes Betteln Dein Herz erweiche. Gib aber nicht als ein Verschwender, sondern laß Deine Wohltaten von der Gerechtigkeit gegen Dich und andre geordnet werden und verschleudre nicht an den Landläufer, Bettler von Handwerke und Faulenzer, was Du dem hilflosen Alter, der Gebrechlichkeit und dem durch widrige Zufälle Verunglückten schuldig bist. Und wo es Labsal geben kann, da begleite Deine kleine Gabe von einem sanften Trostworte, von einem vertraulichen Rate und von einem freundlichen, mitleidigen Blicke. Gehe schonend und äußerst fein mit Leuten um, die in unangenehmen häuslichen Lagen sind. Sie pflegen sehr empfindlich zu sein, pflegen leicht zu glauben, man verachte sie, setze sie zurück ihrer Annut wegen. Das elende Geld hat leider nur gar zu viel Einfluß auf den Pöbel aller Stände. Unterscheide Dich von diesem Haufen. Ehre den verdienstvollen Armen öffentlich. Suche ihm wenigstens einen frohen Augenblick zu machen, wenn Du auch seine Umstände nicht verbessern kannst. Überhaupt sind alle Unglücklichen mißtrauisch und meinen, jedermann sei gegen sie. Suche ihnen diesen Wahn zu benehmen. Bemühe dich, ihr Zutraun zu gewinnen.

Entziehe Dich nicht dem Anblicke des Jammers. Fliehe nicht die Wohnungen der Not und der Dürftigkeit. Man muß vertrauet sein mit dem mancherlei Elende auf dieser Welt, um teilnehmend mitempfinden zu können bei dem Leiden des unglücklichen Bruders. Wo der bescheidne Arme im Verborgnen seufzt, es nicht wagt, sich herbeizudrängen und um Hilfe zu bitten; wo widrige Vorfälle den fleißigen Mann, den Mann, der einst bessere Tage gesehn hat, zu Boden schlagen; wo eine zahlreiche ehrliche Familie mit allem Fleiße durch die tägliche Arbeit ihrer Hände nicht so viel erringen kann, um sich gegen Hunger, Blöße und Krankheit zu schützen; wo auf hartem Lager, in durchwachten, durchseufzten Nächten schamhafte Tränen über gerungene Hände rollen – dahin, menschenfreundlicher Wohltäter, dahin dringe Dein Blick! Da kannst Du Deine Gelder, den Überfluß dessen unterbringen, was Dir der Schöpfer anvertrauet hat, und Zinsen damit erwerben, die keine Bank auf Erden Dir zusichern kann.

Wer kein Geld hat, der hat auch keinen Mut. Er fürchtet allerorten zurückgesetzt zu werden, glaubt jede Demütigung ertragen zu müssen und zeigt sich allerorten in schwachem Lichte – Ach, ermuntre einen also Niedergedrückten! Ehre ihn, wenn er es sonst verdient, und bewege Deine Freunde, daß sie ein Gleiches tun.

Manchen aber drücken schwerere Leiden als die der Armut und des Mangels; Seelenleiden, die an der Knospe des Lebens nagen. O, schone des Kummervollen! Pflege seiner! Suche ihn aufzurichten, zu trösten, mit Hoffnung zu erfüllen, Balsam in seine Wunden zu gießen, und wenn Du seine Last nicht erleichtern kannst, so hilf wenigstens tragen und weine eine brüderliche Träne mit ihm. Richte aber die Art Deiner Behandlung nach Vernunft ein. Es gibt Augenblicke des Schmerzens, wo alle Gründe der Philosophie keinen Eingang finden; und da ist Mitgefühl oft das beste Labsal. Es gibt Kummer, dessen Tilgung man ruhig und still der Zeit überlassen muß; es gibt Leidende, die erleichtert werden, wenn man mit ihnen über ihr Unglück plaudert; es gibt Schmerzen, die nur Einsamkeit lindert; es gibt andre Situationen, in welchen ein festes, männliches Zureden, Erweckung des Muts, Aufruf zu stolzerer Zuversicht angewendet werden müssen – ja, es gibt Lagen wo man den Niedergebeugten mit Gewalt herausziehn und der Verzweiflung entreißen muß. Die Klugheit aber soll uns in jedem dieser einzelnen Fälle lehren, was für Mittel wir zu wählen haben.

Die Unglücklichen ketten sich gern aneinander. Statt sich aber gemeinschaftlich zu trösten, winseln sie mehrenteils nur miteinander und versinken immer tiefer in Schwermut und Hoffnungslosigkeit. Hiervor warne ich daher und rate jedem Bedrängten, wenn weder Gründe der Vernunft, die er sich selbst vorhalten kann, noch Zerstreuungen seinen Zustand erträglich machen, den Umgang eines verständigen, nicht empfindelnden Freundes zu wählen, und an dieses Mannes Seite die Gedanken auf andre Gegenstände zu richten, die seinen Schmerz nicht nähren.

Es gibt Menschen, die bei Veranlassung zur Betrübnis weniger traurig als mürrisch, zänkisch, ja, sogar hämisch sind, so daß sie andre Unschuldige darunter leiden lassen, daß nicht alles nach ihrem Kopfe geht. Ein edles Herz wird sanfter durch Schmerz, und selbst der Menschenfeind, den Schicksale erbittert haben, wird, wenn er sonst ein guter Mann ist, wohl düster, verschlossen, auch nach seinem Temperamente vielleicht einmal ungeduldig und geneigt werden, aufzufahren; aber er wird nie vorsätzlich auf einen Dritten die Last seines Kummers wälzen, und dies um so weniger, je schwerer seine Leiden sind.

Der Unterdrückten, Zurückgesetzten und Verfolgten soll man sich annehmen, insofern es die Klugheit erlaubt und wir ihnen dadurch nicht etwa mehr schaden als nützen. Dies ist nicht nur Pflicht, wenn von tätiger Hilfe und Rettung des ehrlichen Namens die Rede ist; sondern man soll es sich auch zum Gesetze machen, im gesellschaftlichen Umgange, wo das bescheidene Verdienst so oft übersehn und von leeren Windbeuteln über die Achsel angeschauet wird, wo Rang und Glanz den innern Wert verdunkeln und der Schwätzer und Persifleur den Weisen überschreien, in diesen Zirkeln den guten Mann, der stumm und verlegen dasteht, von niemand angeredet, ja mit Verachtung behandelt, gedemütigt, lächerlich gemacht wird, aus seinem Winkel hervorzuholen und ihn durch ehrenvolles, freundliches Zureden in gute Laune zu setzen. Man gebe einem solchen nur Gelegenheit, sich von einer vorteilhaften Seite zu zeigen, sich auf anständige Weise in die Unterhaltung zu mischen, und man wird sich wundern, welch ein ganz andrer Mensch aus ihm werden kann. Oft habe ich mich innerlich geärgert über die Art, mit welcher zuweilen Stabsoffiziere jungen Leuten begegnen, die doch schon die erste Stufe erstiegen haben, um zu werden, was jene sind; wie die Hofmeister in großen Häusern, die Gesellschafterinnen vornehmer Törinnen, die Auditoren auf manchen Ämtern, die armen Landmädchen in den Zirkeln der dürren Stadtfräulein, die Kandidaten an den Tafeln feister Konsistorialräte und die jungen Kaufmannsdiener in den Gesellschaften ihrer Patrone behandelt werden; und wo mein Betragen nur irgend von Gewicht sein konnte, da rechnete ich es mir immer zur Ehre, solche Märtyrer des Hochmuts aus ihrer peinlichen Lage zu reißen, mich ihrer anzunehmen und mit ihnen zu reden, wenn jedermann sie stehn ließ.

Sonderbar ist eine Bemerkung, die ich so oft zu machen Gelegenheit gehabt habe und die ich hier anführen will. Sie ist nämlich diese: Neid und Mißgunst verfolgen den Glücklichen; Bosheit und Kabale ruhen selten eher, als bis sie alles niedergedrückt haben, was über sie emporragte; aber kaum ist ein Mensch ganz zu Boden geschlagen, so sucht jeder, selbst der, welcher ihn verfolgt hat, eine Ehre darin, seine Partei zu ergreifen; doch wohl zu merken, wenn keine Hoffnung mehr da ist, daß er hierdurch wieder emporkomme. Man möchte also fast sagen, man wäre nicht ganz unglücklich, solange man noch Feinde hätte.

Unter allen Unglücklichen sind wohl die Verirrten und Gefallnen am mehrsten zu bedauern. Hierunter verstehe ich solche, die vielleicht durch einen einzigen begangenen Fehltritt in eine Kettenreihe von Vergehungen eingeflochten, das Gefühl für die Tugend erstickt, oder die Fertigkeit schlecht zu handeln erlangt, oder alle Zuversicht zu Gott, Menschen, zu sich selber und den Mut verloren haben, den bessern Weg wieder zu suchen, oder die wenigstens im Begriff stehen, so tief zu fallen. Sie sind, sage ich, am mehrsten zu bedauern, denn sie entbehren den einzigen Trost, der uns in den schwersten Leiden aufrichten kann, das Bewußtsein, nicht mutwilligerweise sich das Schicksal zugezogen zu haben. Diese Unglücklichen verdienen aber nicht nur unser Mitleiden, nein, auch unsre brüderliche Nachsicht, unsre Zurechtweisung und, wenn es noch Zeit ist, unsern Beistand. Wenn man immer weise, duldend und unparteiisch genug wäre, zu überlegen, wie leicht das schwache menschliche Herz irrezuleiten ist; wie unwiderstehlich bei heftigen Leidenschaften, warmem Blute und verführerischen Gelegenheiten manche Reizungen scheinen; wie blendend, anlockend und bezaubernd die Außenseiten mancher Laster sind; wie diese zuweilen sogar den Mantel der Philosophie umzuhängen und durch sophistische Gründe die innre Stimme der bessern Überzeugung zum Schweigen zu bringen verstehn, und wie es dann nur auf einen kleinen Schritt ankommt, um das Opfer der feinsten Täuschung und stufenweise, unmerklich in das schrecklichste Labyrinth gelockt zu werden; wenn man bedenken wollte, wie oft Mißmut oder Verzweiflung über ein feindseliges Schicksal aus einem Menschen von den besten Anlagen einen Bösewicht und Verbrecher machen, wie ungerechtes, schändliches Mißtraun ihn verleiten kann, das zu werden, wofür man ihn doch einmal hält; wenn man dann demütig auf seine Brust schlüge und gestünde, daß mehrenteils nichts als das Zusammentreffen derselben innern und äußern Umstände, wodurch jene gefallen sind, erfordert worden wäre, um aus uns zu machen, was sie sind – o, so würden wir nicht so strenge richten, würden nicht so zuversichtlich pochen auf unsre Tugenden, die nicht selten nur das Spiel des Temperaments, das Werk des Zufalls sind, würden uns der Gefallenen annehmen und dem Strauchelnden liebevoll die Hand reichen. – Aber heißt das nicht tauben Ohren predigen? – Doch mein Herz drängt mich, über diesen Gegenstand etwas zu sagen; also zur Sache! Nichts bessert weniger als kalte moralische Predigten. Es gibt wenig Menschen selbst unter den Lasterhaften, die nicht eine Menge herrlicher Gemeinsprüche über die Pflichten, welche sie übertreten, zu sagen wüßten; das Unglück will nur, daß die Stimme der Leidenschaft mit wärmerer Beredsamkeit spricht als die Stimme der Vernunft. Willst Du also dieser gegen jene Gewicht geben, so mußt Du die Kunst verstehn, Deine Tugendlehren in ein reizendes Gewand zu hüllen, mußt nicht nur den Kopf, sondern auch das Herz und die Sinnlichkeit dessen, den Du zurechtweisen willst, auf Deine Seite bringen; Dein Vortrag muß warm und nach den Umständen bildreich, sinnlich, erschütternd, hinreißend sein; allein der Mann, den Du vor Dir hast, muß Dich auch lieben und hochschätzen, muß sich zu Dir hingezogen fühlen, muß mit Enthusiasmus für das Gute und Schöne erfüllt werden, und dabei in der Entfernung Ehre, Freude und Genuß auf dem Wege voraussehn, auf welchen Du ihn zu leiten die Absicht hast. Dein Umgang, Dein Rat muß ihm zum Bedürfnisse werden. Dies aber erlangst Du nicht, wenn Du als ein stolzer, strenger Gesetzprediger vor ihn hintrittst; wenn Du ihm mit Deiner kalten Moral Langeweile machst; wenn Du ihn mit Anmerkungen über das Geschehene, das doch nun nicht mehr zu ändern ist, ermüdest, und ihm erzählst, wie es ganz anders würde gekommen sein, wenn – es nicht so gekommen wäre, als es gekommen ist, wenn er Dir hätte folgen wollen. Nichts ist ferner so fähig, zur Niederträchtigkeit zu verleiten als öffentliche Verachtung und Bezeugung eines fortdauernden Mißtrauens in die Besserung eines Menschen. Wem es daher ein Ernst ist, einen Verirrten zurechtzuführen, der begegne ihm mit Schonung und zeige ihm wenigstens äußerlich, daß man die beste Erwartung von ihm habe, daß man von seinen herrlichen und guten Vorsätzen alles hoffen könne, und gebe ihm zu verstehn, daß, wenn er einmal wieder mit festem Fuß auf edlerer Bahn wandle, er sichrer vor neuer Verführung sein werde als der, welcher die Gefahr nicht kennt. Man zeige ihm, wenn er wirklich anfängt sich zu bessern, wäre diese Besserung auch anfangs nur erzwungen oder verstellt, wie mit jedem Tage unsre Achtung für ihn wächst. – Wenn er Verstand hat, so wird er schon sehn, ob Du der Mann bist, den er in der Folge täuschen kann. – Man werfe ihm nie, auch nicht auf die entfernteste Weise, seine ehemaligen Verirrungen vor, sondern scheine nur Augen für seine jetzige Aufführung zu haben. Allein es geht nicht so schnell mit Ablegung von Lastern, die uns schon zu einer Art von Habitüde geworden sind; also darf uns ein kleiner Rückfall nicht befremden, und obgleich man dann die Stärke seines Vortrags und der angewendeten Mittel zur Besserung verdoppeln muß, so soll man doch nicht mutlos werden noch dem Rückkehrenden den Mut benehmen. Lasset uns endlich zur Ehre der Menschheit und zu Erweckung unsers Eifers glauben, daß niemand in der Welt so tief gefallen, so von Grund aus verdorben sein könne, daß ihm nicht bei redlicher, eifriger Anwendung der besten Mittel noch zu helfen wäre! Und Ihr, die Ihr in der großen Welt lebet und so bereitwillig seid, einen Mann oder ein Weib, die durch irgendeine zweideutige oder schlechte Handlung sich erniedrigt oder auch wohl nur etwa lächerlich gemacht haben, auf immer aus Euren Gesellschaften zu verbannen und mit Schande und Spott zu beladen, indes Hunderte unter Euch umherwandeln, die entweder dasselbe heimlich treiben oder wenigstens treiben würden, wenn es die Umstände erlaubten; denket, daß Ihr es zu verantworten habt, wenn Verzweiflung jene ergreift; wenn sie von Stufe zu Stufe hinabsinken und wenn sie, da die bessern Häuser ihnen verschlossen sind, sich einen Umgang wählen, in welchem sie immer niederträchtiger werden und zuletzt, ohne Rettung verloren, durch Eure Schuld zugrunde gehen!

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