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Über den Umgang mit Menschen

Adolph Freiherr Knigge: Über den Umgang mit Menschen - Kapitel 29
Quellenangabe
typetractate
titleÜber den Umgang mit Menschen
authorAdolph Freiherr von Knigge
year1977
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31973-5
pages5-407
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1788
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17.

Ich sollte hier billig auch etwas von dem Umgange mit groben Koketten und Buhlerinnen sagen; allein das würde mich zu weit führen, und schwerlich möchte meine Mühe mit Erfolg belohnt werden. Die Schlingen, denen man auszuweichen hat, sind unzählig. Ich wünschte, man flöhe diese Art Weiber wie die Pest; hat man aber einmal das Unglück, in dergleichen Fallstricke geraten zu sein, so wird man selten so viel kalte Überlegung haben, ehe man ein solches Geschöpf besucht, vorher ein Kapitel aus meinem Buche zu lesen. Zudem hat der König Salomon das alles weit besser gesagt. – Doch ein paar Zeilen darüber. Unbeschreiblich fein sind solche verworfne Geschöpfe in der Kunst, sich zu verstellen, unverschämt zu lügen, Empfindungen zu heucheln, um ihre Habsucht, ihre Eitelkeit, ihre Sinnlichkeit, ihre Rache oder irgendeine andre Leidenschaft zu befriedigen. Unendlich schwer ist es, zu erforschen, ob eine Buhlerin Dir wirklich um Deiner selbst willen anhängt. Hast Du sie vielfältig auf die Probe von Uneigennützigkeit gesetzt und immer so befunden, wie Du wünschest, so ist das etwas, aber noch sehr wenig. Sie verachtet vielleicht Dein Silber, um desto sichrer Dich selbst mit allem Deinem Golde zu gewinnen; oder ihr Temperament leitet sie weniger zum Gelde als zur Wollust. Hast du sie bei mancherlei Versuchungen, wo sie Gelegenheit und Anreizung gehabt hätte, Dich heimlich zu hintergehn, stets treu befunden; hat sie zärtliche Sorgfalt selbst für Deinen Ruf, für Deine Ehre gezeigt; zieht sie Dich nicht ab von andern natürlichen und edeln Verbindungen; opfert sie Dir Jugend, Schönheit, Gewinst, Glanz, Eitelkeit auf – ei nun, die Mischungen der Anlagen und Temperamente sind mannigfaltig- so kann auch eine Buhlerin von andern Seiten gute, liebenswürdige Eigenschaften haben; aber traue nicht, traue nicht! Ein Weib, das die ersten und heiligsten aller weiblichen Tugenden, die Keuschheit und Sittsamkeit für nichts achtet, wie kann die wahre Ehrfurcht für feinere Pflichten haben! Doch bin ich weit entfernt, alle unglücklichen Gefallenen und Verführten in die Klasse verachtungswerter Buhlerinnen setzen zu wollen. Wahre Liebe kann auch ein verirrtes Herz zur Tugend zurückführen; es ist schon oft gesagt worden, daß derjenige sichrer vor der Verführung sei, der die Gefahr kennt, als der, welcher nie in Versuchung geführt worden; allein es bleibt bei dieser Art von Vergehungen immer eine mißliche Sache um die sichre, dauerhafte Besserung, und keine Lage ist demütigender und beunruhigender, als wenn man die Person, an welcher unser Herz hängt, von andern verachtet sieht, wenn man sich vor der Welt der Bande schämen muß, die uns so teuer sind. Liebe, reine Liebe, sichert übrigens am besten gegen Ausschweifungen, und der Umgang mit edlen, sittsamen Weibern verfeinert den Sinn des Jünglings für Tugend und Unschuld, wappnet sein verwöhntes Herz gegen studierte und freche Buhlerkünste. – Übrigens bleibt es doch immer gewaltig hart, daß wir Männer uns so leicht alle Arten von Ausschweifungen erlauben, den Weibern aber, die von Jugend auf durch uns zur Sünde gereizt werden, keinen Fehltritt verzeihn wollen, obgleich freilich für die bürgerliche Verfassung diese größre Strenge gegen das schwächere Geschlecht sehr heilsam ist.

Ist es aber wohl wahr, was man im gemeinen Leben so oft hört, daß jedes Weib zu verführen ist? – o ja, so wie jeder Richter auf irgendeine Art bestechbar, und jeder Erdensohn, wenn alle inneren und äußeren Umstände dazu mitwirkten, zu jedem Verbrechen fähig sein würde. – Aber was heißt das etwas anders gesagt, als daß wir alle – Menschen sind? Überlegt man dabei, wie auf die feinern Sinne der Frauenzimmer größre Reizung, Verführung, Schmeichelei, Eitelkeit, Neugier, Temperament so mächtigen Einfluß haben; wie der kleinste Fleck von dieser Seite an ihnen so leicht bemerkt wird, weil sie in keinen bürgerlichen Verhältnissen stehen, ihre Verirrungen nicht durch höhere Tugenden vergessen machen können – o, wer wollte dann nicht dulden und schweigen? – Wenden wir uns zu einer erhabenern Klasse von Frauenzimmern – zu den gelehrten Weibern!

18.

Ich muß gestehn, daß mich immer eine Art von Fieberfrost befällt, wenn man mich in Gesellschaft einer Dame gegenüber oder an die Seite setzt, die große Ansprüche auf Schöngeisterei oder gar auf Gelehrsamkeit macht. Wenn die Frauenzimmer doch nur überlegen wollten, wieviel mehr Interesse diejenigen unter ihnen erwecken, die sich einfach an die Bestimmung der Natur halten und sich unter dem Haufen ihrer Mitschwestern durch treue Erfüllung ihres Berufs auszeichnen. Was hilft es ihnen, mit Männern in Fächern wetteifern zu wollen, denen sie nicht gewachsen sind, wozu ihnen mehrenteils die ersten Grundbegriffe, welche den Knaben schon von Kindheit an eingebleuet werden, fehlen? Es gibt Damen, die, neben allen häuslichen und geselligen Tugenden, neben der edelsten Einfalt des Charakters und neben der Anmut weiblicher Schönheit, durch tiefe Kenntnisse, seltene Talente, feine Kultur, philosophischen Scharfsinn in ihren Urteilen und Bestimmtheit im Ausdrucke, Gelehrte vom Handwerke beschämen. Dürfte ich es wagen, hier öffentlich ein paar Namen zu nennen, die ich nie ohne Ehrfurcht ausspreche, so könnte ich beweisen, daß ich Originale zu diesem Bilde nicht weit zu suchen brauchte; allein wie geringe ist nicht die Anzahl solcher Frauen, und ist es nicht Pflicht, die mittelmäßigen weiblichen Genies abzuschrecken, auf Unkosten ihrer und andrer Glückseligkeit nach einer Höhe zu streben, die so wenige erreichen?

Ich tadle nicht, daß ein Frauenzimmer ihre Schreibart und ihre mündliche Unterredung durch einiges Studium und durch keusch gewählte Lektüre zu verfeinern suche, daß sie sich bemühe, nicht ganz ohne wissenschaftliche Kenntnisse zu sein; aber sie soll kein Handwerk aus der Literatur machen; sie soll nicht umherschweifen in allen Teilen der Gelehrsamkeit. Es erregt wahrlich, wo nicht Ekel, doch Mitleiden, wenn man hört, wie solche armen Geschöpfe sich erkühnen, über die wichtigsten Gegenstände, die Jahrhunderte hindurch der Vorwurf der mühsamsten Nachforschungen großer Männer gewesen sind, und von denen diese dennoch mit Bescheidenheit behauptet haben, sie sähen nicht ganz klar darin; wenn man hört, wie ein eitles Weib darüber am Tee- oder Nachttische in den entscheidendsten Ausdrücken Machtsprüche wagt, indes sie kaum eine klare Vorstellung von der Materie hat, wovon die Rede ist. Aber der Haufen der Stutzer und Anbeter bewundert dennoch mit lautem Beifalle die feinen Kenntnisse der gelehrten Dame und bestärkt sie dadurch in ihren unglücklichen Ansprüchen. Dann sieht sie die wichtigsten Sorgen der Hauswirtschaft, die Erziehung ihrer Kinder und die Achtung unstudierter Mitbürger als Kleinigkeiten an, glaubt sich berechtigt, das Joch der männlichen Herrschaft abzuschütteln, verachtet alle andren Weiber, erweckt sich und ihrem Gatten Feinde, träumt ohne Unterlaß sich in idealische Welten hinein; ihre Phantasie lebt in unzüchtiger Gemeinschaft mit der gesunden Vernunft; es geht alles verkehrt im Hause; die Speisen kommen kalt oder angebrannt auf den Tisch; es werden Schulden auf Schulden gehäuft; der arme Mann muß mit durchlöcherten Strümpfen einherwandeln; wenn er nach häuslichen Freuden seufzt, unterhält ihn die gelehrte Frau mit Journalsnachrichten oder rennt ihm mit einem Musenalmanach entgegen, in welchem ihre platten Verse stehen, und wirft ihm höhnisch vor, wie wenig der Unwürdige, Gefühllose den Wert des Schatzes erkennt, den er zu seinem Jammer besitzt.

Ich hoffe, man wird dies Bild nicht übertrieben finden. Unter den vierzig bis fünfzig Damen, die man jetzt in Deutschland als Schriftstellerinnen zählt – die Legion derer ungerechnet, die keinen Unsinn haben drucken lassen – sind vielleicht kaum ein Dutzend, die, als privilegierte Genies höherer Art, wahren Beruf haben, sich in das Fach der Wissenschaften zu werfen, und diese sind so liebenswürdige, edle Weiber, versäumen so wenig dabei ihre übrigen Pflichten, fühlen selbst so lebhaft die Lächerlichkeiten ihrer halbgelehrten Mitschwestern, daß sie sich durch meine Schilderung gewiß nicht getroffen noch beleidigt finden werden. Ist es aber nicht bei männlichen Schriftstellern auch der Fall, daß unter der großen Menge derselben nur wenige ausgezeichneten Wert haben? Gewiß, nur mit dem Unterschiede, daß Begierde nach Ruhm oder Gewinst diese irreleiten kann; die Frauenzimmer hingegen nicht so leicht Entschuldigung finden können, wenn sie mit mittelmäßigen oder weniger als mittelmäßigen Talenten und Kenntnissen eine Laufbahn betreten, welche weder die Natur noch die bürgerliche Verfassung ihnen angewiesen hat.

Was nun den Umgang mit solchen Frauenzimmern angeht, die auf Literatur Anspruch machen, so versteht sich's, daß, wenn diese Ansprüche gerecht sind, ihr Umgang äußerst lehrreich und unterhaltend ist, und was die von der andern Klasse betrifft, so kann ich nichts weiter anraten als – Geduld, und daß man es wenigstens nicht wage, ihren Machtsprüchen Gründe entgegenzusetzen oder ihren Geschmack zu reformieren, wenn man sich auch nicht so weit erniedrigen will, den Haufen ihrer Schmeichler zu vermehren.

19.

Das weibliche Geschlecht besitzt in viel höherm Grade als wir die Gabe, seine wahren Gesinnungen und Empfindungen zu verbergen. Selbst Frauenzimmer von weniger feinern Verstandeskräften haben zuweilen eine besondre Fertigkeit in der Kunst, sich zu verstellen. Es gibt Fälle, wo diese Kunst ihnen Schutz gegen die Nachstellungen der Männer gewährt. Der Verführer hat gewonnenes Spiel, wenn er bemerkt, daß das Herz der Schönen oder ihre Sinnlichkeit mit ihm gegen ihre Grundsätze gemeinschaftliche Sache macht. Also rechne man es ihnen nicht zum Vorwurfe, wenn sie zuweilen anders scheinen, als sie sind, aber man nehme darauf Rücksicht in dem Umgange mit ihnen, man glaube nicht immer, daß ihnen derjenige gleichgültig sei, dem sie mit merklicher Kälte begegnen, noch daß sie sich vorzüglich für den interessieren, mit dem sie öffentlich vertraulich umgehen, den sie auszuzeichnen scheinen. Oft tun sie dies grade, um ihr Spiel zu verbergen, wenn es nicht etwa bloß Neckerei oder Wirkung ihrer Laune, ihres Eigensinnes ist. Sie ganz zu entziffern, dazu gehört tiefes Studium des weiblichen Herzens, vieljähriger Umgang mit den Feinern unter ihnen, kurz, mehr als in diesen Blättern entwickelt werden kann.

20.

Ich schweige von der Vorsichtigkeit im Umgange mit alten Koketten; mit solchen, die sich einbilden, die Ansprüche auf Bewunderung, auf Huldigung und die Gewalt ihrer Schönheit würden, wie die gesetzmäßigen Rechte der Juristen, durch dreißigjährigen Besitz um desto sichrer; die in fünf Jahren nur einmal ihren Geburtstag feiern, und die, wenn sie an der Spitze einer Bücherzensur stünden, am ersten den Kalender konfiszieren würden. Ich schweige von den Prüden, Strengen, Spröden und Betschwestern, mit welchen man zuweilen, wie ich höre, unter vier Augen ganz anders als in Gesellschaft umgehn darf, und von denen leichtfertige Leute behaupten: verschwiegene und kühne Männer machten bei dieser Klasse grade am leichtesten ihr Glück. Ich schweige von den sogenannten alten Gevatterinnen und Frauen Basen, die sich's zur christlichen Pflicht machen, den Ruf ihrer Nachbarn und Bekannten von Zeit zu Zeit an die Sonne zu ziehn, und mit denen man es daher nicht verderben darf. – Ich schweige von diesen allen, um die guten Damen nicht gegen mich aufzubringen, der ich an allen diesen Lästerungen keinen Teil nehme.

21.

Aber noch ein paar Worte über die seligen Freuden, die der Umgang mit verständigen und edeln Weibern gewährt. Ich habe schon vorhin gesagt, daß ich demselben die glücklichsten Stunden meines Lebens zu verdanken habe, und in Wahrheit, das sprach ich aus der Fülle meines Herzens. Ihr zartes Gefühl; ihre Gabe, so schnell zu erraten, zu begreifen, Gedanken aufzufassen, Mienen zu verstehn; ihr feiner Sinn für die kleinen, süßen Gefälligkeiten des Lebens; ihr reizender, naiver Witz, ihre oft so scharfsinnigen, von gelehrten, systematischen, vorgefaßten Meinungen so freien Urteile; ihre unnachahmlich liebenswürdigen Launen – interessant, selbst in ihren Ebben und Fluten; ihre Geduld in langwierigen Leiden, wenngleich sie im ersten Augenblicke, wenn der Unfall sie trifft, dem Gefährten das Übel durch Klagen schwerer machen; ihre sanfte, liebliche Art zu trösten, zu pflegen, zu warten, zu harren, zu dulden; die Milde, welche in ihrem ganzen Wesen herrscht; die kleine, unschädliche Geschwätzigkeit und Redseligkeit, wodurch sie die Gesellschaft beleben – das alles kenne ich, schätze ich, verehre ich. – Und wer wird nun, bei dem, was ich zum Nachteil einiger unter ihnen habe sagen müssen, mir Lästerung aufbürden oder gehässige Absichten beimessen?

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