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Über den Umgang mit Menschen

Adolph Freiherr Knigge: Über den Umgang mit Menschen - Kapitel 23
Quellenangabe
typetractate
titleÜber den Umgang mit Menschen
authorAdolph Freiherr von Knigge
year1977
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31973-5
pages5-407
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1788
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5.

Eine Hauptvorschrift aber für alle Stände und für alle Verhältnisse wende man auch auf den Ehestand an. Sie ist diese: Erfülle so sorgsam, so pünktlich, so nach einem festen Plane Deine Pflichten, daß Du womöglich darin alle Deine Bekannten übertreffest; so wirst Du auch auf die wärmste Hochachtung Anspruch machen können und in der Folge alle diejenigen verdunkeln, welche nur durch einzelne glänzende Eigenschaften augenblickliche vorteilhafte Eindrücke machen. Aber erfülle sie auch alle, diese Pflichten! Der Mann prahle nicht etwa mit seiner Uneigennützigkeit, mit seinem Fleiße, mit seiner guten Hauswirtschaft, mit der Achtung guter Männer, der indes in der Stille sich wöchentlich ein paarmal ein Räuschchen trinkt. Die Frau poche nicht auf ihre Keuschheit, welche vielleicht das Verdienst des Zufalls oder eines kalten Temperaments ist, wenn sie indes sorglos die Erziehung ihrer Kinder vernachlässigt. Nein, wer Achtung und Zuneigung als Pflicht fordert, der muß auch Achtung und Zuneigung zu verdienen wissen, und wenn Du willst, daß Deine Frau Dich unter allen Menschen am mehrsten ehren und lieben soll, so verlasse Dich nicht darauf, daß sie Dir's am Altare versprochen hat – wer kann so etwas versprechen? –, sondern darauf, daß Du alle Kräfte aufbietest, besser zu sein als andre, aber besser in jedem Betrachte. Nur den Folgen nach lassen sich Tugenden und Laster klassifizieren, denn übrigens sind sie alle gleich wichtig, und ein sorgloser Hausvater ist ebenso strafbar als ein unkeusches Eheweib. Allein das ist die gewöhnliche Art zu handeln der Menschen! Sie eifern gegen Laster, zu welchen sie keinen Hang haben, und denken nicht, daß die Verabsäumung wichtiger Tugenden ein ebenso schweres Verbrechen ist als die Ausübung einer bösen Tat. Ein altes Weib verfolgt mit wütendem Grimme ein armes junges Mädchen, das durch Temperament und Verführung zu einem Fehltritte ist verleitet worden; daß aber die gute Matrone ihre Kinder wie das dumme Vieh hat aufwachsen lassen, darüber glaubt sie keine Verantwortung geben zu dürfen – hat sie doch nie die eheliche Treue verletzt! – Sorgsame Pflichterfüllung in allen Rücksichten ist also das sicherste Mittel, der beständig fortdauernden Zärtlichkeit seiner Ehehälfte gewiß zu sein.

6.

Mit dem allen aber wird es nicht fehlen, daß nicht zuweilen fremde liebenswürdige Menschen auf kurze Zeit vorteilhafte Eindrücke auf Ehegenossen machen sollten, als einer von diesen seiner Ruhe wegen wünschen möchte. Es ist nicht zu erwarten, daß, wenn die erste blinde Liebe verraucht ist – und die verraucht denn doch bald –, man so parteiisch füreinander bleiben, daß man nicht oft die Vorzüge andrer Leute sehr lebhaft fühlen sollte. Hierzu kommt dann noch, daß Personen, mit denen wir seltner umgehen, sich immer von ihren besten Seiten zeigen und uns mehr schmeicheln als die, mit denen wir täglich leben. Eindrücke von der Art werden aber bald wieder verschwinden, wenn nur der Gatte fortfährt, seine Pflichten treulich zu erfüllen, und wenn er keinen niedrigen Neid, keine närrische Eifersucht blicken läßt, die ohnehin nie gute, sondern allemal schlimme Folgen haben. Liebe und Achtung lassen sich nicht erzwingen, nicht ertrotzen; ein Herz, das bewacht werden muß, ist wie der Mammon eines Geizigen, mehr eine unnütze Last als ein wahrer Schatz, dessen man froh wird; Widerstand reizt; keine Wachsamkeit ist so groß, daß sie nicht hintergangen werden könnte, und es liegt in der Natur des Menschen, daß man ein Gut, das vielleicht sonst gar keinen Reiz für uns haben würde, doppelt eifrig wünscht, sobald der Besitz desselben mit Schwierigkeiten für uns verbunden ist.

Man soll auch jene kleinen Künste, die höchstens unter Verliebten, nicht aber unter Ehegatten, stattfinden dürfen, verachten, durch welche man, um die Liebe des andern Teils mehr anzufeuern, mit Vorsatz Eifersucht zu erregen sucht. Bei einem Bande, das auf gegenseitiger Hochachtung beruhn muß, darf man sich durchaus keiner schiefen Mittel bedienen. Glaubt meine Frau, ich könne in der Tat meine Pflicht und Zärtlichkeit gegen sie fremden Neigungen aufopfern, so muß das ihre eigene Achtung gegen mich vermindern, und merkt sie hingegen, daß ich nur Spielwerk mit ihr treiben will, so ist das mehr als verlorne Arbeit, die noch obendrein oft ernstliche Folgen haben kann.

Ich sage, wenn auch auf kurze Zeit der Mann seinem Weibe oder die Frau ihrem Gatten Veranlassung zu solchen Unruhen gibt, so wird doch diese kleine Herzensverirrung, wenn der leidende Teil nur fortfährt, seinen Pflichten treu zu sein, nicht dauern können. Bei kaltblütiger Prüfung wird der Gedanke aufleben: »Möchte auch jener, möchte auch jene die liebenswürdigsten Eigenschaften haben, so ist er mir doch, ist sie mir doch nicht, was mir mein Mann, mein Weib ist, teilt doch nicht mit mir jede Sorge des Lebens, hat nicht mit mir schon so viel Glück und Unglück gemeinschaftlich getragen, hängt nicht so mit ganzer Seele, mit erprobter Treue an mir, ist nicht Vater, nicht Mutter meiner lieben Kinder, wird nicht so ewig alles Gute und alles Böse mit mir teilen, wird mir nicht den Verlust ersetzen, wenn ich meinen Gatten von mir stoße.« – Und ein solcher Triumph der Rückkehr, komme er früh oder spät, ist dann süß, und macht alle Leiden vergessen.

7.

Klugheit und Rechtschaffenheit aber erfordern, daß man sich selber gegen die Eindrücke größrer Liebenswürdigkeit, welche fremde Personen auf uns machen könnten, wappne. In der frühen Jugend, wenn die Phantasie lebhaft ist, die Begierden heftig wirken und das Herz noch oft mit dem Kopfe davonläuft, würde ich raten, solchen gefährlichen Gelegenheiten auszuweichen. Ein junger Mann, welcher merkt, daß ein Frauenzimmer, mit dem er umgeht, ihm vielleicht einst besser als seine Frau gefallen, wildes Feuer in ihm entzünden oder wenigstens seine häusliche Glückseligkeit verbittern könnte, tut wohl, wenn er, insofern er sich nicht Festigkeit genug zutrauet – und er urteilt weise, wenn er sich diese nicht leicht zutrauet – tut, sage ich, wohl, wenn er solchen Umgang, soviel wie möglich, meidet, damit derselbe ihm nicht zum Bedürfnisse werde. Diese Vorsicht ist am nötigsten gegen die feinern Koketten zu beobachten, die, ohne eben Pläne auf Verletzung der Ehre zu haben, ihr Spielwerk mit der Ruhe eines gefühlvollen redlichen Mannes treiben und einen zwecklosen Triumph darin suchen, schlaflose Nächte zu verursachen, Tränen zu veranlassen und andrer Weiber Neid zu erregen. Es gibt viel solcher eitlen Damen, die, nicht immer durch böses Herz noch Temperament, aber wohl durch die rasende Begierde, stets zu glänzen, allgemein zu gefallen, getrieben, manche stille häusliche Ruhe und den Frieden unter Eheleuten auf diese Weise zerstören. In reifern Jahren hingegen rate ich die entgegengesetzte Kurart an. Ein Mann von festen Grundsätzen, der seinem Verstande Rechenschaft von den Gefühlen seines Herzens gibt und dauerhaftes Glück sucht, wird am leichtesten von den zu vorteilhaften Begriffen, die er von fremden Personen in Vergleichung mit seiner Gattin gefaßt hat, zurückkommen, wenn er jene so oft und vielfältig sieht, daß er an ihnen mehr Fehler wahrnimmt als an seinem edlen, verständigen, treuen Weibe. Und dann kommen die Augenblicke des Seelenbedürfnisses, wo man sich nach der teilnehmenden Gefährtin sehnt, wenn schwere Bürden das Herz drücken, die kein Fremder so uns tragen hilft, oder wenn Freuden jedes Gefäß in uns erweitern, Freuden, die kein Fremder so mit uns teilt, oder Verlegenheiten uns aufstoßen, die man keinem Fremden so aufrichtig, so sicher entdecken darf als der Person, die einerlei Interesse mit uns hat; und dann ein Blick auf wohlerzogene, durch gemeinschaftliche Sorgfalt erzogene Kinder, auf die Früchte der ersten jugendlichen Liebe – und das Herz kehrt ungezwungen zu den süßesten Pflichten zurück.

8.

Übrigens aber kann nichts abgeschmackter, läppischer, lästiger, von verkehrterer Wirkung sein, noch was mehr das Leben verbittert, als wenn Eheleute durch die priesterliche Einsegnung ein so ausschließliches Recht auf jede Empfindung des Herzens voneinander erzwungen zu haben glauben, daß sie wähnen, nun dürfe in diesem Herzen auch nicht ein Plätzchen mehr für irgendeinen andern guten Menschen übrigbleiben; der Gatte müsse tot sein für seine Freunde und Freundinnen, dürfe kein Interesse empfinden für kein Geschöpf auf der Welt als für die werte Ehehälfte, und es sei Verbrechen gegen die eheliche Pflicht, mit Wärme, Zärtlichkeit und Teilnahme von und mit andern Personen zu reden. Diese Forderungen werden doppelt abgeschmackt bei einer ungleichen Ehe, wo von der einen Seite schon Aufopferungen mancher Art stattfinden. Wenn da der eine Teil, um sich in dem Umgange mit liebenswürdigen Leuten aufzuheitern, auf einen Augenblick sein Unglück zu vergessen und neue Kräfte zum Ausdauern zu sammeln, seinen Geist zu erheben und wieder zu erwärmen, in die Arme zärtlicher, ihm wahrhaftig treu ergebener Freunde eilt, so soll der andre Teil ihm dafür danken, nicht durch närrisches Betragen oder gar durch Vorwürfe den Gatten, die Gattin kränken, zur Verzweiflung bringen und endlich zu wirklichen Verbrechen verleiten.

9.

Die Wahl aber dieser Freunde muß dem Herzen, sowie die Wahl sittlicher Vergnügungen und unschuldiger Liebhabereien dem Geschmacke eines jeden überlassen bleiben. Ich habe oben gesagt, daß ich glaube, es werde nicht durchaus Gleichheit von Neigungen, Temperamenten und Geschmack zum Eheglück gefordert. Unerträgliche Sklaverei wäre es daher, sich dergleichen aufdrängen lassen zu müssen. Es ist wahrlich schon hart genug, wenn man die Freude entbehren soll, edle Empfindungen, erhabene Gedanken, feinere Eindrücke, welche seelenerhebende Bücher, schöne Künste und dergleichen auf uns machen, mit der Gefährtin unsers Lebens teilen zu können, weil die stumpfen Organe derselben dafür nicht empfänglich sind; aber nun gar diesem allen entsagen oder sich in der Wahl seines Umgangs und seiner Freunde nach den abgeschmackten, gefühllosen Grillen eines schiefen Kopfs und kalten Herzens richten, allen wohltätigen Erquickungen von der Art entsagen zu müssen – das ist Höllenpein; und ich brauche wohl nicht hinzuzufügen, daß am wenigsten der Mann, der doch von der Natur und bürgerlichen Verfassung bestimmt ist, das Haupt, der Regent der Familie zu sein, und der oft Gründe haben kann, warum er diesen oder jenen Umgang wählt, dieser oder jener Beschäftigung sich widmet, diesen oder jenen Schritt tut, der manchen auffallend sein kann, daß dieser wohl am wenigsten auf solche Weise sich wird einschränken lassen. Es erleichtert hingegen das Leben unter Menschen, die nun einmal verbunden sind, alle Leiden und Freuden gemeinschaftlich zu tragen, wenn man nach und nach seine Neigungen, seinen Geschmack gleich zu stimmen, wenn der eine Sinn für das zu bekommen sucht, was der andre liebt und gern sieht, besonders wenn dies wirklich groß, erhaben und edel ist, und es zeugt wahrlich von fast viehischer Dummheit oder von der verächtlichsten Indolenz, wo nicht von dem bösesten Willen, wenn man nach vieljähriger Verbindung mit einem verständigen, gebildeten, feinfühlenden, liebevollen Geschöpfe noch ebenso unwissend, roh, stumpf und starrköpfig geblieben ist, als man vorher war. Wenn dann der erste Rausch der Liebe vorüber ist, und dem leidenden Teile gehen die Augen auf über das, was der Ehegatte ihm sein könnte, sein sollte, sein müßte, was andre ihm gewesen sein würden, oder sind – dann gute Nacht, Ruhe, Frieden, Glück! Zärtlichkeit und Hochachtung hingegen werden bei vernünftigen Personen jene Gleichstimmung leicht bewirken, wenn nicht störrischer Eigensinn oder empörende Ungleichheit in Denkungsart die Trennung unterhalten.

10.

Wie aber soll man sich gegen wirkliche Ausschweifungen waffnen – denn bis jetzt habe ich nur von Herzensverirrungen geredet – wie soll man sich waffnen, wenn von einer Seite heftiges Temperament, ein reizbarer Körper, Mangel an Herrschaft über Leidenschaften, Verführung, Buhlerkünste, anlockende Schönheiten und Gelegenheit uns hinziehn, von der andern vielleicht der Gattin mürrisches Betragen, üble Launen, Dummheit, Kränklichkeit, Mangel an Schönheit, an Jugend, an Gefälligkeit, an Temperament uns zurückstoßen? – Dies Buch ist kein vollkommnes System der Moral; also überlasse ich jedem vernünftigen Manne, diese Frage ausführlich zu beantworten und selbst zu beurteilen, wie er es anfangen müsse, Meister zu werden über seine Begierden, auch gefährlichen Gelegenheiten und Verführungen auszuweichen, welches freilich in der Jugend und in gewissen Lagen und Verhältnissen nicht so leicht ist, als man wohl denkt. Doch soviel über diesen Gegenstand als hierher gehört und sich ohne Beleidigung der Sittsamkeit sagen läßt. Man gewöhne sich selber und einer den andern nicht an Üppigkeit, Wollust, Weichlichkeit und Schwelgerei, mache, daß die körperlichen Bedürfnisse und Begierden nicht zu heftig in uns werden; man sei selbst in der Ehe schamhaft, keusch, delikat und kokett in Gunstbezeugungen, um Ekel, Überdruß und faunische Lüsternheit zu entfernen. Ein Kuß ist ein Kuß, und es wird wahrlich fast immer des Weibes Schuld sein, wenn ein sonst nicht schlechter Mann diesen Kuß, den er von treuen, reinen und warmen Lippen ehrenvoll und bequem zu Hause erlangen könnte, mit Hintansetzung von Pflicht und Anstand, bei Fremden holt. Hat aber die größere Schwierigkeit und Seltenheit so viel Reiz für den Menschen, ei nun! so suche man auch der ehelichen Vertraulichkeit diesen Reiz der Neuheit zu geben, zuweilen kleine Hindernisse in den Weg zu legen oder durch Enthaltsamkeit, Entfernung u. dgl. das Verlangen darnach zu vermehren. In weiter fortrückenden Jahren fällt dann auch dieser Vorwitz so ziemlich weg, denn da werden ja die Triebe bescheidner und leichter von der Vernunft zu regieren, man müßte denn sie mutwilligerweise reizen.

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