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Über den Umgang mit Menschen

Adolph Freiherr Knigge: Über den Umgang mit Menschen - Kapitel 21
Quellenangabe
typetractate
titleÜber den Umgang mit Menschen
authorAdolph Freiherr von Knigge
year1977
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-31973-5
pages5-407
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1788
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Zweites Kapitel

Von dem Umgange unter Eltern, Kindern und Blutsfreunden

1.

Das erste und natürlichste Band unter den Menschen, nächst der Vereinigung zwischen Mann und Weib, ist von jeher das Band unter Eltern und Kindern gewesen. Wenngleich das Zeugungsgeschäft nicht eigentlich absichtliche Wohltat für die folgende Generation ist, so gibt es doch wenig Menschen, die nicht ganz gut damit zufrieden wären, daß jemand sich die Mühe gegeben hat, sie in die Welt zu setzen; und obwohl in unsern Staaten die Eltern ihre Kinder nicht bloß aus freiem Willen auferziehen, nähren und pflegen, so ist es doch abgeschmackt zu sagen: die mannigfaltige Bemühung, welche dies erfordert und nach sich zieht, lege keine Art von Verbindlichkeit auf, oder es sei nicht wahr, daß ein Zug von Wohlwollen, Sympathie und Dankbarkeit uns den Personen näherbringe, deren Fleisch und Blut wir sind, unter deren Herzen wir gelegen, die uns gefüttert, für uns gewacht, gesorgt, die alles mit uns geteilt haben.

Unmittelbar darauf folgt die Verbindung unter den Zweigen eines Stammes. Die Mitglieder derselben Familie, durch ähnliche Organisation, gleichförmige Erziehung und gemeinschaftliches Interesse harmonisch gestimmt und aneinander geknüpft, fühlen füreinander, was sie für Fremde nicht fühlen, und fremder werden ihnen die Menschen, je mehr sich dieser Zirkel erweitert.

Vaterlandsliebe ist schon ein zusammengesetztes Gefühl, aber immer noch inniger, wärmer als Weltbürgergeist für einen Menschen, der nicht, früh verwiesen aus der bürgerlichen Gesellschaft, als ein Abenteurer von Lande zu Lande irrend, kein Eigentum und keinen Sinn für bürgerliche Pflichten hat. Wer die Mutter nicht liebt, deren Brüste er gesogen; wessen Herz nicht warm wird bei dem Anblicke der Gefilde, in welchen er die unschuldigen, glücklichen Jahre seiner Jugend fröhlich und sorgenlos verlebt hat – was für Interesse soll der wohl an dem ganzen nehmen, da Eigentum, Moralität und alles, was den Menschen auf dieser Erde irgend teuer sein kann, doch am Ende auf Erhaltung jener Familien- und Vaterlandsbande beruht?

Daß aber diese Bande täglich lockrer werden, beweist nichts, als daß wir uns täglich weiter von der edeln Ordnung der Natur und deren Gesetzen entfernen; und wenn ein schiefer Kopf, den sein Vaterland als ein unbrauchbares Mitglied aufstößt, weil er sich den Gesetzen nicht unterwerfen will, unzufrieden mit dem Zwange, den ihm Sittlichkeit und Polizei auflegen, behauptet, es sei des Philosophen würdig, alle engern Verbindungen aufzulösen und kein anders Band anzuerkennen, als das allgemeine Bruderband unter allen Erdbewohnern; so überzeugt uns das von nichts weiter, als daß kein Satz so närrisch ist, der nicht in unsern Tagen in irgendeinem philosophischen Systeme als Grundpfeiler aufgestellt würde. – Glückliches achtzehntes Jahrhundert, in welchem man so große Entdeckungen macht als zum Beispiel: daß man, um lesen zu lernen, nicht mit den Buchstaben und Silben bekannt zu sein brauche, und daß man, um alle Menschen zu lieben, keinen einzelnen lieben dürfe! Jahrhundert der Universalarzeneien, der Philalethen, Philanthropen, Alchimisten und Kosmopoliten, wohin wirst du uns noch führen? Ich sehe im Geiste allgemeine Aufklärung sich über alle Stände verbreiten; ich sehe den Bauer seinen Pflug müßig stehnlassen, um dem Fürsten eine Vorlesung zu halten über Gleichheit der Stände und über die Schuldigkeit, die Last des Lebens gemeinschaftlich zu tragen; ich sehe, wie jeder die ihm unbequemen Vorurteile wegräsoniert, wie Gesetze und bürgerliche Einrichtungen der Willkür weichen, wie der Klügere und Stärkere sein natürliches Herrscherrecht reklamiert, und seinen Beruf, für das Beste der ganzen Welt zu sorgen, auf Unkosten der Schwächern geltend macht, wie Eigentum, Staatsverfassungen und Grenzlinien aufhören, wie jeder sich selbst regiert und sich ein System zu Befriedigung seiner Triebe erfindet. – O gebenedeites, goldenes Zeitalter! dann machen wir alle nur eine Familie aus; dann drücken wir den edeln, liebenswürdigen Menschenfresser brüderlich an unsre Brust und wandeln, wenn dies Wohlwollen sich erweitert, endlich auch mit dem genievollen Orang-Utan Hand in Hand durch dies Leben. Dann fallen alle Fesseln ab, dann schwinden alle Vorurteile! Ich brauche nicht meines Vaters Schulden zu bezahlen; habe nicht nötig, mich mit einem Weibe zu begnügen, und das Schloß vor meines Nachbars Geldkasten ist kein Hindernis, mein angebornes Recht auf das Gold, das die mütterliche Erde uns allen darreicht, in Ausübung zu bringen.

So weit sind wir nun aber noch gar nicht gekommen, und da es viele Menschen gibt, unter die auch ich gehöre, die ihre Verwandten lieben und Sinn für häusliche Freuden und für das Familienband haben, so will ich doch hier einige Bemerkungen über den Umgang unter Blutsfreunden liefern.

2.

Es gibt Eltern, die, umhergetrieben in einem beständigen Wirbel von Zerstreuungen, ihre Kinder kaum ein paar Stunden des Tages sehen, ihren Vergnügungen nachrennen und indes Mietlingen die Bildung ihrer Söhne und Töchter überlassen, oder wenn diese schon erwachsen sind, mit ihnen auf einem so fremden, höflichen Fuße leben, als wenn sie ihnen gar nicht gehörten. Wie unnatürlich und unverantwortlich dies Verfahren sei, das bedarf wohl keines Beweises. Es gibt aber andre Eltern, die von ihren Kindern eine so sklavische Ehrerbietung und so viel Rücksichten und Aufopferungen fordern, daß durch den Zwang und den gewaltigen Abstand, der hieraus entsteht, alles Zutraun, alle Herzensergießung wegfällt, so daß den Kindern die Stunden, welche sie an der Seite ihrer Eltern hinbringen müssen, fürchterlich und langweilig vorkommen. Noch andre vergessen, daß Knaben auch endlich Männer werden; sie behandeln ihre erwachsenen Söhne und Töchter immer noch als kleine Unmündige, gestatten ihnen nicht den geringsten freien Willen und trauen den Einsichten derselben nicht das mindeste zu. – Das alles sollte nicht so sein. Ehrerbietung besteht nicht in feierlicher, strenger Entfernung, sondern kann recht gut mit freundschaftlicher Vertraulichkeit bestehn. Man liebt den nicht, an welchen man kaum hinaufzuschauen wagen darf; man vertraut sich dem nicht an, der immer mit steifem Ernste Gesetz predigt; Zwang tötet alle edle, freiwillige Hingebung. Was kann hingegen entzückender sein, als der Anblick eines geliebten Vaters mitten unter seinen erwachsenen Kindern, die nach seinem weisen und freundlichen Umgange sich sehnen, keinen Gedanken ihres Herzens verbergen vor ihm, der ihr treuester Ratgeber, ihr nachsichtsvoller Freund ist, der an ihren unschuldigen, jugendlichen Freuden teilnimmt oder sie wenigstens nicht stört, und mit ihnen wie mit seinen besten und natürlichsten Freunden lebt. – Eine Verbindung, zu welcher sich alle Empfindungen vereinigen, die nur dem Menschen teuer sein können, Stimme der Natur, Sympathie, Dankbarkeit, Ähnlichkeit des Geschmacks, gleiches Interesse und Gewohnheit des Umgangs. Allein diese Vertraulichkeit kann auch übertrieben werden, und ich kenne Väter und Mütter, die sich dadurch verächtlich machen, daß sie die Gefährten der Ausschweifungen ihrer Kinder, oder gar, wenn diese besser sind als sie selbst, mit ihren Lastern, die sie nicht zu verhehlen trachten, das Gespötte oder der Abscheu derer werden, denen sie ein lehrreiches Beispiel geben sollten.

3.

Es ist in unsern Tagen nichts Seltnes, Kinder zu sehn, die ihre Eltern vernachlässigen oder unedel behandeln. Die ersten Bande unter den Menschen werden immer lockrer; die Jünglinge finden ihre Väter nicht weise, nicht unterhaltend, nicht aufgeklärt genug. Das Mädchen hat Langeweile bei der alten Mutter und vergißt, wie manche langweilige Stunde diese bei seiner Wiege, bei Wartung desselben in gefährlichen Krankheiten oder bei den kleinen schmutzigen Arbeiten zugebracht, wie sie sich in den schönsten Jahren ihres Lebens so manches Vergnügen versagt hat, um für die Erhaltung und Pflege des kleinen ekelhaften Geschöpfs zu sorgen, das vielleicht ohne diese Sorgfalt nicht mehr dasein würde. Die Kinder vergessen, wieviel schöne Stunden sie ihren Eltern durch ihr betäubendes Geschrei verdorben, wieviel schlaflose Nächte sie dem sorgsamen Vater gemacht haben, der alle Kräfte aufbot, für seine Familie zu arbeiten, sich manche Bequemlichkeit entziehn, vor manchem Schurken sich krümmen mußte, um Unterhalt für die Seinigen zu erringen. Gutgeartete Gemüter werden indessen nie so sehr das Gefühl der Dankbarkeit ersticken, daß sie meiner Ermahnungen bedürften, und für niedre Seelen schreibe ich nicht. Nur erinnre ich, daß wenn auch Kinder Ursache hätten, sich der Schwachheiten oder gar der Laster ihrer Eltern zu schämen, sie doch weiser und besser handeln, wenn sie die Fehler derselben so viel möglich zu verstecken suchen und im äußern Umgange nie die Ehrerbietung aus den Augen setzen, die sie ihnen in so manchem Betrachte schuldig sind. Segen des Himmels und Achtung aller gutgesinnten Menschen sind der sichre Preis der Sorgfalt, welche die Söhne und Töchter auf die Pflege, Erhaltung und edle Behandlung ihrer Eltern verwenden. Traurig ist die Lage für ein Kind, wenn es durch die Uneinigkeit, in welcher seine Eltern leben, oder sonst in die Verlegenheit gerät, Partei für oder gegen Vater oder Mutter nehmen zu sollen. Vernünftige Eltern werden es aber immer vermeiden, ihre Kinder in solche unglücklichen Zwistigkeiten zu verwickeln, und gute Kinder werden dabei mit derjenigen Vorsichtigkeit zu Werke gehen, die Rechtschaffenheit und Klugheit gebieten.

4.

Ich höre so oft darüber klagen, daß man unter fremden Leuten mehr Schutz, Beistand und Anhänglichkeit finde als bei seinen nächsten Blutsverwandten; allein ich halte diese Klage größtenteils für ungerecht. Freilich gibt es unter Verwandten ebensowohl unfreundschaftliche Menschen als unter solchen, die uns nichts angehen; freilich geschieht es wohl, daß Verwandte ihrem Vetter nur dann Achtung beweisen, wenn er reich, oder geehrt vom großen Haufen ist, sich aber des unbekannten, armen oder verfolgten Blutsfreundes schämen; ich denke aber, man fordert auch oft von seinen Herrn Oheimen und Frauen Basen mehr, als man billigerweise verlangen sollte. Unsre politischen Verfassungen und der täglich mehr überhandnehmende Luxus machen es wahrlich notwendig, daß jeder für sein Haus, für Weib und Kinder sorge, und die Herrn Vettern, die oft als unwissende und verschwenderische Tagediebe in der sichern Zuversicht, von ihren mächtigen und reichen Verwandten nicht verlassen zu werden, sorglos in die Welt hinein leben, haben dann so unersättliche Forderungen, daß der Mann, dem Pflicht und Gewissen kein Spielwerk sind, diese unmöglich befriedigen kann, ohne ungerecht gegen andre zu handeln. Um nun diesen unangenehmen Kollisionen sich nie auszusetzen, rate ich, zwar die herzliche Vertraulichkeit, die den Umgang im Familienzirkel so angenehm macht, nicht zu verachten, aber so wenig als möglich bei Blutsfreunden Erwartungen von Unterstützung und Schutz zu hegen und zu erwecken, sich seiner Verwandten anzunehmen, insofern es ohne Unbilligkeit gegen bessere Menschen geschehn kann, nicht aber seine dummen Vettern, wenn man die Macht in Händen hat, andre glücklich zu machen, auf Unkosten verdienstvoller Fremden zu befördern und hinaufzuschieben.

Außerdem läßt sich auf den Umgang mit Verwandten noch dasjenige anwenden, was ich unten von dem Umgange unter Eheleuten und Freunden sagen werde, nämlich, daß Menschen, die sich lange kennen und oft ohne Larve und Schminke sehen, doppelt vorsichtig in ihrem Betragen gegeneinander sein müssen, damit einer des andern nicht müde und wegen kleiner Fehler nicht ungerecht gegen größere Tugenden werde.

Endlich wünschte ich auch, daß zahlreiche Familien in mittlern Städten nicht so beständig nur unter sich leben möchten, dadurch die Gesellschaft in kleine abgesonderte Teile zerschnitten, trennten und Menschen, die nicht mit ihnen verwandt noch verschwägert sind, von sich entfernten, so daß, wenn von ungefähr ein Fremder unter sie gerät, derselbe wie verraten und verkauft ist.

Doch nun noch ein paar Anmerkungen. Die erste: Alte Vettern und Tanten, besonders unverheiratete, pflegen so gern zu hofmeistern, ihre podagrischen und hysterischen Launen an ihren erwachsenen Nichten und Neffen auszulassen und diese zu behandeln, als liefen sie noch im Rollwägelchen herum. – Ich denke, das sollten sie bleibenlassen. Dadurch sind wirklich die alten Tanten und Onkels zu einem Sprichworte geworden, und manche geringe Erbschaft wird zu teuer erkauft, wenn man dafür so viel einschläfernde, wirkungslose Predigten anhören muß, dahingegen die guten alten Leute von ihren jungen Verwandten mit Freuden liebevoll gepflegt und gewartet werden würden, wenn sie weniger säuerlich in ihrem Betragen gegen sie wären. Die andre Anmerkung: Es herrscht in manchen Städten, besonders in Reichsstädten, ein äußerst steifer und übler Ton unter den Personen einer Familie. Bürgerliche, ökonomische und andre Rücksichten zwingen sie, sich oft zu sehn, und dennoch zanken, necken, hassen sie sich unaufhörlich untereinander und machen sich dadurch das Leben sehr schwer. Wo gar keine Sympathie in Denkungsart ist, wo gar keine Einigkeit und Freundschaft herrschen, da lasse man sich doch lieber ungeplagt, betrage sich höflich gegeneinander, wähle sich aber Freunde nach seinem Herzen.

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