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Robert Müller: Tropen - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleTropen
authorRobert Müller
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008927-1
titleTropen
pages5-16
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1915
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VI

Und dann fand die Flußfahrt doch einmal ihr Ende und wir kamen in den Wald. Das Thema der Zärtlichkeiten trat in neue Variationen ein. Indianerin, süße Wilde, du schönste der Frauen, du Musterstück der Weiblichkeit, womit vergleiche ich dich? Mit dem großen, bösen Somnambulen, dem Urwalde, deiner Heimat, diesem raffinierten, großartigen Tiere der Bewußtlosigkeit? Den deutschen schlichten Hochwald mit der schummerigen Kühle seiner Quellen und dem mystischen Brausen seiner Bäume vergaß ich um deinetwillen und vergaffte mich in die beizenden Lockungen eines verräterischen Wesens. Nein, Treue und Gemüt lagen nicht in dir, süße Eingeborene des tropischen Urwalds.

Eines Tages wurde der Fluß enger und enger, die beiden Ufer zeigten Neigung, ineinander zu wachsen, Lianen verbanden sie mit fliegenden Brücken und nur mühsam bahnten wir uns einen Weg mit den blinkenden Machettas, einer Art länglicher Haubajonette. Dann kam von rechts ein kleiner Fluß herein, ein Bach von vager Gangart. Wir stiegen aus und versteckten die Boote, indem wir sie wie Masten zwischen den Gabeln der Baumäste lotrecht aufpflanzten. Zwei der Indianer stellten aus Stecken eine Tragbahre her, auf denen die Felleisen und der Proviant befestigt wurden. Mit Äxten und Machettas zogen wir, hurra! kopfüber in den Wald!

Der Djungle hallte wider von Gewaltsamkeit. Stumpfes, dichtes Schweigen setzte der unbetretene Wald unserem Vordringen entgegen. Erst zäh und träge, vereinzelt und ohne Ordnung folgten inmitten der Stille einander die Pointen eines platten Lärms, wenn die Beilschneide gegen junges Stammgrün flog und wirkungslos von dem biegsamen nassen Holz abprallte. Hin und wieder explodierte ein morscher Ast, die Wohltat des Erfolgs ging stärkend in die Nerven, das seufzende Brechen und Reißen der Holzfasern erfreute bis in die Knochen mit seiner brachialen Musik. Einen Meter weit ist die Bahn geschlagen. Schwitzend und mit gekrümmtem Rücken gehen wir kopfüber wie die Bullen vor, suchen den Wald auf unsere Köpfe zu spießen und werden von einem überlegenen Sprungnetz verflochtener Zweige sanft zurückgeworfen. Es ist, als ob wir gegen Matratzen anliefen. Der Rückstoß bleibt aus; die ganze Stoßkraft geht wie durch eine Ableitung irgendwohin in den Boden hinein. Alles ist zäh wie im Traume, und diese Ohnmacht traumbeschwerter Kraftentfaltung stimmt weinerlich. Der Wald ist eng und durch und durch ein Korb. Hopla, da hat es uns aufgefangen! Heda, get on, adelante, mach' ran, da, dort, hier, links, nein, rechts, zum Teufel rechts – nun kommt der Elan. Aufgepaßt! Was wühlt sich dort durch den Wald, was hackt, flitzt, spreizt, dehnt diese unregelmäßige Röhre, diese ungehobelten zwei Brüche durch das Dickicht, was verursacht dieses klaffende Dreieck im Schnitt einer kurzen Lichtung? Eine Karawane von sieben Menschen ist eingebrochen! Nun haben wir es, wir haben es, wir haben die Pace der Arbeit, wir rasen vor Begeisterung, wir sind weder träge noch wehleidig, der Rhythmus prasselt wie Trommelwirbel auf uns ein, er wirkt als kräftigende Massage. Flipp, flapp, spalten und sprengen die Äxte, fssss, zischen die Machettas trennend in Lianenlauben, daß die Schnüre links und rechts herniedersinken. Wir marschieren mit federnden Waden, mit versteiften Oberschenkeln, wir kommen aus der tiefen Kniebeuge nicht mehr heraus. Abends wird es wohlig sein, sich auszustrecken; am Morgen werden wir die Beine steif wie Bäume finden. Dann eine Viertelstunde Widerwillen und gemußte Übung, und der Elan kommt wieder und wird aus einer Karawane Menschen einen Dampfpflug machen. Ahne ich, woher meine Indianer ihre Balleteusenbeine beziehen? Schon spüre ich unter meinen Knien innseits eine hübsche Mandel und um meine Schienbeine fatschen sich Spuren von Sehnen. Von Minute zu Minute lassen wir zerwühlte Stätten hinter uns, zerquetschtes Laub und in den Boden gestampfte Früchte, helle Brüche von Ästen und jungen Schößlingen, deren spiralige Späne wie gekrampfte Zungen Erstickender Reue wecken könnten! Der Wald fällt rasselnd wie ein Epileptiker! Aber in uns rauscht das grausame Blut der Tropen, und unser Haß gegen den Wald besiegt alle Müdigkeit und allen Ekel. Bloß um den Takt zu halten, fallen die Äxte auf nachgiebig schaukelnde Sprossen und zerfleischen Machettas wie ein fort sich schraubendes Sichelsystem die grüne Wunde an der Front, aus purem Eifer schaffen sie rege, die Mensur nicht zum Stillstand kommen zu lassen. Aus dem geilen Boden sickern Flüssigkeiten, zwischen Wurzeln und krautigem Moos bleicht perlmuttern der Schleim von Kriechtieren. Zwielicht herrscht unterm Laube dicht und wächsern wie eine Haut, und die Röhre zurück, die wir kamen, rollt es im Flimmern der brechenden Lichter wie eine große dampfige Walze. Aus allen Poren des Djungles steigt der Dunst, die Luft wird schlürfbar und brühwarme Wellen umrieseln den Körper, wo ein Balken Licht sich zur Erde durchgezwängt hat.

Die Tiere fliehen. Wilde Säue lassen sich wie ein Spiel von Kugeln durch Lücken und Löcher im Dickicht fallen. Ein Puma wartet mit verdutzter Nase und vorgestemmten Beinen, schräge zum Rückzug geneigt, bis wir in Sehweite sind. Dann nimmt er Reißaus, er rennt als wäre er vor seinem eigenen Teufel feige geworden, er rennt über eine Linie im Walde davon, eine gerade Straße sich fortsetzender Äste, im Galopp, wie ein Seiltänzer, und nimmt sich nicht einmal die Zeit zu springen. Schlangen schießen zur Seite und lassen ihr Schwanzende dumm und unverschämt gerade auf unserem Pfade liegen. Plötzlich schießt eine auf wie eine losgelassene Uhrfeder. Der alte Indianer an der Spitze springt zurück, die Machetta pfeift und die geteilten Enden des Schlangenleibes rollen sich vergrämt, leidend, seelisch zu dicken Spulen zusammen. Einsiedlerische Affen stellen von den sicher gelegenen Astbalkonen irgendeines Urwaldmonarchen aus geistvolle Beobachtungen mit uns an, indem sie Rindenstücke, Zweige, Nüsse oder zu Ballen gequetschte Blätterbuschen auf uns herab schmeißen und mit gelehrten Gesichtern nachsehen, wie wir reagieren. Ihre Nasen strahlen von Erfindergenüssen. Wir sind gezwungen, uns die Belästigungen von Zeit zu Zeit durch Revolverschüsse vom Leibe zu halten: Kreischend und in voller Auflösung ergreifen sie das unrühmliche Panier, kommen aber völlig umgestimmt zurück und verhalten sich ruhig. Ein Griff an die Hüfte genügt jetzt, sie fortzujagen. Dann sind sie uns satt, bezeigen uns durch einen flink bewerkstelligten Verdauungsprozeß ihre Mißachtung und treten ihren Platz anderem Volke ab. Ein allerliebstes Fräulein, oder ist es eine Frau, zeigt ihre vollendeten Reize; sie bestehen aus einem wunderhübschen, goldigen Fell, das aber an der Innenseite der Schenkel die rosige zarte Haut preisgibt. Ich nenne sie meine kleine Lorelei, weil sie sich mit ihren eleganten, langen Fingern kokett durch den Pelz fährt, und ich bin sogar geneigt, sie gülden zu nennen und überhaupt ihr meine Poesie zu Füßen zu legen. Ich glaube wirklich, diese Tierfrau kommt sich verführerisch vor, so wissend sind ihre Augen, aus denen sie perlende Blicke rieselt.

Gegen Mittag wurde der Wald einsam. Nichts war da als dies Anschießen der Säfte in den Zellen, das grüne Wuchern des Chlorophylls im Laube, das Blühen und Wachsen von Stengeln, Stämmen und Sprossen. Aller dieser Reichtum lag in einem desolaten Zustande da. Kein Lufthauch bewegte ein Blatt, und Hitze und lauer Dampf strömten gleichmäßig aus dem Filter schwarzer Erden und Fäulnisschichten. Der Tag hing mit mattem Glast zwischen den Bäumen. Wo eine Lücke im Laubdach klaffte oder ein entwurzelter Baumelefant seine Umgebung niedertrat, bis eine Lichtung entstand, stürzte die Sonnenflut wie über eine Schleuse prallend herab. Eine dunstende, reglose Masse, brütete der Djungle in seiner Verlassenheit.

Hei, und wie dann die Äxte wieder im saftigen Holz knirschten und ergebnislos von allzu jungem Grün abglitten! Schon waren sie stumpf, und der Abend galt der sorgfältigen Pflege ihrer Schneiden. Hallo, hierher kommt, hier führt ein Gang, dort, haut mir die Liane durch, Pest, mein Arm und die Machetta sind drin verfangen; vorwärts, Jungens, bald sind wir durch; Stunden noch und wir stehen im Gebiet der Dumara! Am Nachmittage, nach Mahl und Rast, hörten auch diese Zurufe auf. Wir arbeiteten stumm und ekstatisch. Unser Haar troff von Schweiß und Dampf. Unsere Sombreros mit den hohen Strohkegeln hingen schleppend in den Rücken, dort machten wir sie fest, sonst wären sie uns alle Augenblicke von den tausend Händen des Laubes entführt worden. Plage und Wut prägten sich in unsere Gesichter ein und unsere Züge waren wild vor Nervosität wie die von Eingeborenen.

Und am vierten Tage endlich sahen wir, wie eine Gnadenerscheinung, ein Weib, ein Menschenweib. Slims gute Augen erblickten es zuerst. Bevor er sprechen konnte, aber begriffen wir blitzartig, worauf er uns aufmerksam machen würde. Wir witterten das Weib, denn sehen konnten wir es kaum, es stand gut fünfzig Schritte vor uns im Gehölz innerhalb eines gelichteten Saumes. Die Indianer hielten eine kurze Konferenz in Hauchlauten. Sie steckten ihre Werkzeuge in den Gurt und begannen sich langsam mit den Händen fortzutasten. Wir folgten ihrem Beispiel und glitten vorwärts. Aber auch wir waren entdeckt. Die Frau, die ein Bündel dürrer Hölzer im Arm trug, hielt plötzlich, in der Haltung des Auflesens beharrend, inne. Eine Minute lang bückte sie den Oberkörper zur Erde, den Kopf im Nacken emporgeschnellt, und ihre Augen deuteten mit peinvoller Konzentration die geahnte Veränderung der Buschwand, hinter der wir jetzt hervorbrechen werden. Vielleicht wollte sie sich durch ihre Unbeweglichkeit nur unauffällig machen, sich abwesend stellen: da stürmen wir auch schon losgelassen in die Lichtung, und sie – nun, das Frauenzimmer hockt in diesem Augenblick auf die Zehen nieder und verschränkt die Arme über dem Hinterkopfe. Sie bietet ihren lieblichen Nacken unseren Machettas dar. Wir springen in die Luft, ich stoße rasende Schreie aus, sause die Machetta die Kreuz und die Quere und lasse sie auf einen braunen Nacken hüpfen – und als ich noch immer luftschnappend dastehe, hält Checho soeben eine feierliche Ansprache in Rachenlauten.

Wäre ich erstaunt, erregt gewesen, wenn wirklich einen von uns im Eifer das Unglück versucht und die Machetta in gewohnter Grausamkeit ihr Werk verrichtet hätte? Wir waren aktiv bis zur Tollheit, nervös bis zur Unzurechnungsfähigkeit. Verlegen über die Situation und mein schlimmes Gewissen sah ich zu Slim hinüber. In seinen Augen wandte sich der winzige metallene Wurm, den ich schon kannte. Ich verstand ihn. Das Verführerische dieser Demut machte schwach vor Wollust. Der Holländer schmunzelte fettig. Da erkannte ich endgültig, daß unser Herz mit dem wilden Trieb des Urwalds zusammenschlug und die Sitten seiner Erholungen angenommen hatte. Wir waren Barbaren geworden.

Checho als der jüngste und wahrscheinlich harmloseste, vielleicht auch als der präsentabelste, übernahm sofort die Verhandlungen, indem er sich ein paarmal auf indianisch verkutzte. Aha, das mütterliche Geschöpf hatte richtig Erbarmen mit seinem Katarrh, die gute Seele räusperte sich zurück und zeigte Verständnis: möglich auch, daß dieser Hustenanfall von Sprache ein Friedenszeichen war, jedenfalls erhob sich die kauernde Gestalt und bot sich als vollendete junge Dame dar. Ihre Brüste, die auf den Knien wie auf Lafetten gelegen waren, schienen zwar etwas ungewohnt lang. Aber sofort gestand ich mir, daß zwei Handspannen das Normalmaß für den Reiz eines weiblichen Busens darstellen. Dazu muß ich bemerken, daß ich ähnlich makellose Schultern noch niemals gesehen hatte. Die Glieder waren fein und gefällig, die Beine charakterlos und knieeng. Über den Weichen faltete sich ein kräftiger Bauch. Ich gestehe, erst nach diesem Chock von faustdick aufgetragener naturalistischer Weiberschönheit sehe ich mich nunmehr imstande, die Klasse eines Weibes einzuschätzen.

Checho und die Indianerin verließen den Waldsaum, schritten über die Lichtung und verschwanden in einer Insel von großfächerigen Palmen. Blaßgelb leuchtete ein Strohwall durch, ein Block von Hütten fiel, noch formlos, ins Auge. Hunde kläfften mit immer neu einfallendem Hasse, und ein Trupp Menschen bricht zwischen der Strohburg hervor. Er bewegt sich würdig auf uns zu. Checho spricht, Slim spricht, wir klatschen taktvoll in die Hände und verbeugen uns. »Rah, rah«, ein Vereinigte-Staaten-Hurra für unsere Wirte! Slim lüftet seinen Sombrero, um dessen Kopf ein Fetzen Stars and Stripes prangt. Er reißt ihn herab und spricht und verehrt ihn dem Prinzen, vermutlich behauptet er, dies sei die Fahne Gottes, das Banner der allerhöchsten Sonnengottheit, ein Fetzen Himmelsgewölbe; er beschreibt einen großen Bogen in der Luft, er wirft seine Hand weit, weit über den Wald hinweg, denn dort kommen wir her, vom Ende, vom Anfang, wir sind die Abgesandten einer furchtbaren Macht. Dies fühlen auch die Hunde. Sie schnüffeln mißtrauisch an unseren Beinen; zuletzt aber werden wir in die Mitte genommen und halten unseren Einzug. Ungefähr in der Mitte des Dorfes wird uns Quartier gewiesen; es besteht aus einem rechten Winkel – buchstäblich einem rechten Winkel, der von zwei Palmstrohwänden gebildet wird. Der Plafond, gleichfalls mit gebleichten Palmblättern gedeckt, böscht sich zum Eingang hin ab. Wir bücken uns, treten ein, legen ab. Etappe! Ich sehe hinaus, wobei ich mich ein wenig bücken muß. Draußen sammelt sich ein Volk magerer Affen, und rot und grün, in den Stammesfarben, wimpeln die kargen Schürzlein bei Mann und Weib.

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