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Robert Müller: Tropen - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleTropen
authorRobert Müller
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008927-1
titleTropen
pages5-16
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1915
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V

Mit dem Rhythmus verhält es sich seltsam. Es scheint, daß er das Wesen aller jener Kulturen darstellt, die der unsern entgegengesetzt sind, und die wir zu leugnen suchen: die im Süden und Osten. Aber der Rhythmus bringt dort am menschlichen Körper Leistungen hervor, denen wir nichts Gleichartiges entgegenzustellen haben und die in ihrer steifen und von uns aus unnachahmbaren Einseitigkeit nur mit unserer Spezialität Technik verglichen werden können. Wer in das Wesen von Urwäldern und Wilden oder doch fremdrassigen Kulturen eindringt, der erfährt, eine wieviel größere Bedeutung dem Begriffe Rhythmus im Leben dieser Menschen zukommt, als für uns in ihm zu liegen pflegt. Diese Erfahrung kann jeder machen, der eine längere und gründliche Reise unternimmt. Ich aber habe eine Entdeckung mehr gemacht, ich habe den Rhythmus, und was damit zusammenhängt, die Betonung, den Akzent, für unsere Kultur fruktifiziert, ich habe einsehen gelernt, daß wir schon am besten Wege zu einem Erfolge sind, und daß wir nun nur mehr darum zu wissen haben.

Ich saß als vorletzter im Boote, mit den beiden indianischen Ruderern vor mir. Sie stocherten mit ihren Blättern ins Wasser, das war ungefähr der Stil, in dem sie ruderten. Rhythmisch setzten sie ein und stachen zu, als gälte es, einem großen sulzigen Stück Pudding sorgfältig glatte Scheiben herauszuspalten. Das dostige, träge Wasser bekam hinter den Ruderblättern kleine Quirle; hautige, gewölbte Warzen blieben im Kielwasser zurück. Eines dieser Male entstand schräg zu meinen Seiten, schien wie die rasend gedrehten Rippen eines Tellers und saugte ein ähnlich geartetes Gebilde hintendrein. Das Malerische und Runde der Bewegung faszinierte mich, unwiderstehlich zog es meine Aufmerksamkeit an. Unter jedem Ruderstich kam es in gleichen Abständen zum Vorschein, kam herauf wie die Speichenköpfe eines großen unterschlächtigen Rades. Richtig, mochte es uns oben erscheinen wie immer, unser Fortkommen war von der Tätigkeit dieses Rades abhängig – es war aus Wasser gegossen und bewegte uns mystisch weiter. War ich einem unserer erfolglosesten Rechenfehler auf die Spur gekommen? Nein, diese Welt da unten war kein gleichartiger Wasserraum; es gab Verdichtungen von einer gewissen Sternform, die für unser Auge unwahrnehmbar bleiben, und das waren die von mir erfundenen berühmten Wasserräder! Sie bewegen ein Boot, das oben von Menschenarmen geleitet wird, von unten, sie greifen in den Rhythmus oben ein, sie unterstützen ihn, sie lösen ihn vielleicht überhaupt erst aus, sie sind das erste und ihre Tätigkeit ist ausschlaggebend. Die Menschenarbeit aber ist ein Schein, ein Schwindel, eine faule Nachahmung von freiem Willen, der hindroht, wo er von unten, von den Geheimnissen, von den dunklen, unsichtbaren Gründen hergedroht wird – – –

Ich dachte diesen Anblick nach unten, ins Verkehrte, so intensiv aus, daß ich eine leichte Übelkeit verspürte. In diesem Augenblick kam in den Ringelreihen der Ornamente über der ölglatten Fläche eine Störung, ein Knäuel entstand durch falschen Ruderschlag und zerknüllte den Bann. Ich erwachte mit einem leisen Anflug von Seekrankheit. Der Reflex der glatten, weißbelichteten Fläche mußte eine vorübergehende Blendung meines Bewußtseins herbeigeführt haben. Ich sah überscharf, krankhaft – darum konnte ich gleichsam in das Motiv einer völlig neuen Realität sehen. Wenn ich mich ein wenig anstrengte, konnte ich in diese Stimmung zurückschnellen: und dann war es wieder da, dann hatte ich, gleich dem Reisenden im Eisenbahnkupee, der in seinem Bewußtsein den Zug stillstehen und die Landschaft sich daran vorbeibewegen läßt, den widersinnigen und subjektiven Eindruck, in einem Boote zu sitzen, dessen Ruderer einem Rade unterm Wasser mit ihren Stangen entgegenkämen. Ich übte die Sache ein wenig und bald konnte ich mich wie eine Blechmembrane hin und her schnappen lassen. Diese Sinnestäuschung ging perfekt. Der Akzent sprang einfach um – – –

Der Akzent, halt! Da hatte ich es. Der Akzent gibt ganze Perspektiven wieder, ganze Realitäten lasten auf ihm. Mittels einer sogenannten Sinnestäuschung konnte die Welt zu einer andern umgestülpt werden. Wer wird nun sagen können, diese ist die richtige und jene ist die falsche? Wer kann beweisen, wo die Störung und wo der Normalzustand liegt? Wer von uns Weißen aber kann erzählen, welche Störungen einen indischen Fakir in den Stand setzen, widernatürliche Leistungen mit seinem Körper hervorzubringen, denen wir kein vernünftiges Bewußtsein abringen können? Es ist ein unerforschtes und merkwürdiges Gebiet, und keine Hypothese ist gut genug dazu, den ganzen Ausblick zu umfassen. Ich habe indes doch eine, aber sie ist mehr raffiniert als vernünftig, mehr mystisch als gelehrt – nämlich genau so, wie es sich mir für diese Angelegenheit zu ziemen scheint.

Das, was ich hier entdeckt habe, ist ja nichts anderes als das Symbol der Paradoxie. Wir alternieren eine Sache, wir machen es anders, absurd, verkehrt, und siehe da, es ist auch etwas. Wir denken einen Gedanken pervers, und er ist frisch wie eine Jungfrau. Wir stellen einen Akzent um, und das Neue ist eine neuere Welt als irgendein Amerika. Und bitte, wie wurde Amerika entdeckt? Durch eine Paradoxie. Kolumbus fuhr zu einem Osten; daraus ergab sich der Westen. Ticke tack, macht die Uhr; aber macht sie nicht ebenso gerne Tack ticke, wenn wir bloß wollen? Es hängt durchaus von unserem Belieben ab, von unserem schöpferischen Willen, zu alternieren, und ich kann es beweisen, wir alternieren auch, ein Zeitalter ist das Paradox des anderen. Bald lassen wir den Zug, bald die Landschaft laufen. Lernet die Wirklichkeiten skandieren! Gleichberechtigung für das Paradoxe. Es eröffnet neue Welten, es gibt Glück, es erweitert die Möglichkeiten, und wir fügen den künstlichen Paradiesen, die ein Wicking des Geistes erfahren, erfahrtet hat, weil die alten Paradiese übervölkert waren, die künstlichen Realitäten hinzu, denn die normalen hat eine Volkszählung uns komplett erwiesen! Treibet Wasserräder! Heiliger Humbug, ich begrüße dich; schwanger, trügerisch und produktiv bist du wie die gleißende Wölbung eines Tropenstromes! Ist dieser Strom nicht eben wie ein Kupferbalken und schweift er sich nicht auch für uns unter dem Zwange einer Ätherkuppel, die in ihm reflektiert? Gilt es nichts, wenn wir in Symbolen und Gleichnissen sprechen, gilt die Erholung, die in der fruchtbaren Lüge liegt, nichts? Nieder mit den Gegnern der Lebenslüge! Wir, die wir um sie wissen, die wir sie durchgemacht haben mit allen ihren Versuchungen, wir bejahen sie, wir machen sie mundtot, indem wir sie dichten lassen, wir denken technisch und heben eine blühende Industrie aus ihr empor! Unser Geschlecht ist nicht anmaßend, nein, es will die Weisheit nicht ausschöpfen, es will vom Flecke kommen, sich nicht umsehen und jeden Gott anbeten, der ihm mit Schnelligkeiten Wunder zeigt. Ist es nicht verdammt gleichgültig, ob das Wasserrad oder zwei indianische Knechte Anspruch erheben auf unser Fortkommen, wenn wir nur weiterkommen, und sei's auch um keines anderen Zweckes willen, als um unserer Nervosität genug zu tun! Denn letzten Endes schwimmen wir ja alle doch nur in unserem eigenen Blute – auch das ist eine Inversion der Natur, eine paradoxe Verdrehung von Urtatsachen vor uns – und sumpfen!

Und wir kommen fort dabei, schon spüre ich es! Hei! Ich verkündige den Spiegel, die Verkehrtheit, das Paradox! Es soll meine andere große Arbeit für die Menschheit werden. Auf den Spiegel kommt es an! Spiegel akzentuieren! Seid eitel, turnet vor Spiegeln! Beäuget euch von vielen und allen Seiten, lasset euch hin- und herschnappen! Steht still und laßt die Welt rasen, raset und überholt die Welt! Laßt euch von realen Rudern treiben und von unsichtbaren Mächten, werdet seekrank vor Anbetung des Unbekannten und irrsinnigem Lichte, bauet Mühlen von Wasserrädern, berauscht euch und seid trocken, phantasiert und seid zynisch, verliebt euch wider die Sitte und seid moralisch, seid aus dem Norden und tragt den Süden in euch – dies sage ich, denn ich schreibe das katechetische Buch unserer verrückten Nerven, dieser Nerven, die ich als Nachkommen des Urwalds entdeckt habe!

Ja, wir kamen vorwärts! Schon spürte ich es. Unsere Fahrt bekam plötzlich eine Projektion ins Emotionale. Bergab sauste ich in die Tropen der Menschheit, in Urzustände der Kräfte, in einen ökonomischen Großbetrieb des Wachsens und Werdens. Was ging mich Slims Schatz an? War die Reise für mich nicht schon erfolgreich, hatte ich nicht schon meinen Schatz entdeckt? Symbole, akzentuierte Spiegelungen waren vollwertiger Ersatz. Dies und jenes war unsere Art, den Rhythmus, das Welttempo für uns zu gestalten. War das nichts? Der alte Praktikus Slim wird seinen Schatz nicht finden. Ich, der Ideologe, habe gesiegt. Es wird sich herausstellen, daß rationaler Idealismus dem romantischen Materialismus überlegen ist. Wasserräder kann man in Pferdekräften messen, Kultureinbildungen sind blutbildend. Dieses Geschlecht kehrt wieder zu den Vätern, in seinen Urwald zurück!

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