Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Robert Müller: Tropen - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleTropen
authorRobert Müller
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008927-1
titleTropen
pages5-16
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1915
Schließen

Navigation:

Slims Schlaf ist unruhig. Er hat vielleicht einen schlechten Magen, das gewöhnliche Erbteil eines nordamerikanischen Vaters. Je länger ich nachdenke, desto seltsamer beginnt es mir mit Slim zu ergehen. Ich denke nach, und Slims Person fängt an zu wachsen. Er ist unheimlich wie ein Mörder, lächerlich wie ein Dichter, sympathisch wie ein Spießbürger. In meiner schwachen Stunde, da ich ihn so kraftvoll, so eingewohnt, so überalldaheim auf diesem Boden hingestreckt sehe, der nur zur Hälfte der seine ist, zur Hälfte ihm fremd und stets ein wenig feindlich sein müßte, wie mir, in dieser meiner schwachen nachdenklichen Stunde wächst sein Geist hinaus und ich sehe das Prototyp des zukünftigen Menschen vor mir, bekannte Züge, Eigenschaften aus einer modernen Kultur, eine zerebrale Spannung, gemischt mit der eigentümlichen Relaxation des Urmenschen. Dann seufzt er auf, wirft sich herum, irgendeine Wut scheint in seinem Körper zu toben; und in diesem Augenblicke, da er gewöhnlich wie ein Landstreicher wird, kann ich ihn bedauern, meine Hochachtung sinkt und ich mache ihm Vorwürfe wegen seiner amerikanischen Dyspepsie. Eines Nachts, während ich die Wache hatte, sprang er auf, sah mir mit einem schlaftrunkenen Blick ins Gesicht, legte sich hin und schlief weiter. Oft ist er mir das Symbol der Sympathie, die ich als Weißer für diese wilde Welt rings um mich her empfinde, bald ist er ein zuwiderer Mensch. Er ist ein Ausdruck von durchaus gemischten und unaufgeklärten Gefühlen. Die warme träge Nacht stimmt mich milde, ich vergebe Rücksichtslosigkeiten und bin für das Große. Also votiere ich für Slim, Slim soll leben und es gut von mir haben. Meine Augen schweifen von ihm ab und hinüber über die Schar. Als sie den jungen Indianer treffen, erschrecken sie plötzlich und laufen davon, schnell, nach der andern Seite. Er ist schön und ich weiß nicht, warum ich erschrecke. Eine Empfindung von Entbehrung, Härte und Einsamkeit wird mir bewußt, plötzlich wird es drohend klar, daß ich mich inmitten der Wildnis, ohne Freund, ohne warme Hand, ohne ein weiches lichtes Geschöpf, das ich in den Arm nehmen könnte, befinde, einen gefährlich verstopften Weg zwischen mir und der gut bedienten Zivilisation. Lau dreht sich der Wind vom Uferrand los, die tierischen Laute bekommen einen menschlichen entbehrungsvollen Sinn, die Kargheit meiner Lage wird als Gegensatz empfindlich inmitten soviel überflüssiger Natur, die schweren vornehmen Düfte geben mir deutlich ihre Nutzlosigkeit für mich zu verstehen. Je wunderbarer die Nacht sich anläßt, desto ärmer komme ich mir vor. Wenn Slim endlich seinen Rippenstoß bekommt, um meine Stelle am Feuer anzutreten, bin ich ein Bettler und sinke hoffnungslos in einen überfüllten machtvollen Schlaf.

Aus Slims Plänen suchten wir uns zu orientieren; sie stammten von Reisenden, aus Büchern, oder bildeten das Kroki eines Regierungsbeamten, der seine vage Ahnung über die Lokation eines Platzes in dieser Art aufgemalen hatte. Eigentliche Karten gab es wohl, aber an den Punkten, die wir gebraucht hätten, waren sie offen. Wir selbst trugen einige markante Plätze ein so gut es ging. Unser Fluß wurde ein fingerslanger summarischer Strich, mit Ersparnis aller seiner Launen und Beschränkung auf die jeweilige Hauptrichtung. Vermessungsapparate hatten wir nicht mit, denn unsere Expedition und ihr Ziel sollte ja geheim bleiben und auffallende Rüstungen in dem kleinen Nest, das unseren Ausgangspunkt bildete, hätten diese Vorsicht vereitelt.

Nichts ereignete sich; wir kamen soweit unangefochten durch. Die Langeweile begann sich aufzudrängen. Slim hatte nun einmal die fixe Idee von seinem Schatze und plagte sich sichtlich mit ihr ab; er grübelte und baute Spekulationen über Spekulationen. Ich gönnte seinem Yankeeblut diesen Rausch und war geschmeichelt darüber, daß er mir in ihnen eine bedeutende Stelle eingeräumt hatte. Diese Protektion machte mich stolz, ich war jung, geschmeidig, begabt für Abenteuer, und wenn ich in der heuchlerischen Tiefe meines Herzens auch nicht an unseren oder überhaupt an einen anderen Schatz glaubte als an den, der in einem großzügigen bürgerlichen Betriebe liegt, so war ich durch meine angelsächsische Bildungsstatt, einem amerikanischen Paukboden für Technik und Romantik im Nebenfach, auf jede Eventualpoesie dieser Reise präpariert. Aber wie gesagt, ganz menschlich fühlte ich mich nur in der altbewährten deutschen Skepsis des wahren Hans Brandlberger. Daß mir Slim gefiel, lag in dem gleichzeitig mit meiner Generation aufgekommenen Wunsche nach Renaissancemenschentum. Daß aber nebenbei ein gewisser Argwohn gegen das brillante Wesen dieses modernen Pizarro in mir lag, war vorerst nur natürlich. Doch hat mich diese Reise gelehrt, den Menschen zu verstehen. Gibt es für mich noch Überraschungen über mich oder irgendeinen meiner Art? Es ist unmöglich, die Beziehungen, die sich in dieser Phase zwischen Slim und mir ergaben, bürgerlich auszudrücken. Fragwürdig aber wird mir immer wieder sein, wie ich damals über all das Peinliche hinweg kam, das vor meiner Feder heute Barrieren aufrichtet. Ich sage vor Damen, die Hitze war es. Unter Libertinern will ich die Ansicht vertreten, daß wir alle Menschen sind und uns der Gefühle nicht schämen müßten, die uns die Sonne gegeben hat.

Als wir dem Oberlauf des Flusses zudrängten, vom zehnten Tage unserer Abreise an gerechnet, konstatierte ich an einem toten Punkte eine eigentümliche Stimmung, die alle Weißen überfallen hatte. Ich wurde plötzlich wach, meine Gewecktheit aber erfolgte durch eine blitzartige und befremdende Entdeckung. War es möglich, trugen Hitze und ungewohntes Klima die Schuld daran, oder mußte man seinen mannbarsten und treuesten Instinkten Mißtrauen entgegenbringen? Ich begann eine heftige Unruhe zu verspüren, einen Hunger nach Brutalität, und ich fröhnte ihm, indem ich infam nach den Augen schwimmender Alligatoren schoß. Ich kannte mich nicht mehr aus vor Aufgeregtheit, ich verlangte nach einem rohen sinnlichen Glücke, nach einem deutlichen körperlichen Gefühle von Macht, und es kostete mich Zurückhaltung, den jungen Indianer nicht in den kräftigen Hintern zu treten. Einmal ging es wie ein Blitz des Verständnisses durch mich hindurch. Slim sah mich an, mit einem ellenlangen zweideutigen Blick. Mit einem solchen Blicke mustert man eine Sache, einen Sklaven, ein Pferd und nur in den letzten Fällen eine Frau. Es war der trübe Blick des Lebemannes. ich saß einen Augenblick lang leer und innerlich heruntergekommen da. Aber dann, nein, dann wurde ich nicht rot: ich wurde frech. Mein Innerstes kehrte sich zu einer empörenden Frechheit nach außen. Ich wurde stark physisch, eine Brutalität und ein selbstbejahender Wahnwitz von ungekannter Art ergriffen mich, ein manierierter Rausch des Sehens, der Betrachtung fleischiger, sich rhythmisch bewegender Körper durchrieselte mich mit Gesundheit. Also das gab es – ein ungeheurer abenteuerlicher Geschmack am Leben brannte mir auf der Zunge, in den Lenden, in den Fäusten. Blitzartig erschien die Straße einer glänzenden Stadt vor mir, Formen rührten sich unter Massen reklamemachender Stoffe und Schnitte und stürzten auf mich zu, alles Fleisch, das wie eine gigantische Maschine mit Kolbenstößen um mich herum rotierte, feierte zwischen Dämmerung und beißend weißem Lichte aus elektrischen Ampeln ein rasendes Fanale. Hier aber war's die Sonne, die betäubende Symbiose von Fäulnis und Pracht, der Atem des Verlangens, der Duft und Gestank der Wollust, der laszive Wille der allgemeinen Hingabe, die das Blut würzig, überleicht und sprengkräftig machten, daß es wie ein glühendes rotes Gas durch die Adern pfiff. Da erkannte ich – wir waren hungrig nach demütigen Leibern, aufgerieben von einer Überproduktion an Zärtlichkeit, indifferent inmitten von Tatsachen, die nichts boten. Ausgehungert waren wir. Es war der erste Anfall des schrecklichen Duldens, das den Mann überfällt, ganze Karawanen in den Wahnsinn treibt, wenn mit der letzten Grenze der Zivilisation auch der weiche Nacken des Weibes da hinten verschwindet!

Ich wandte mich um, ich wollte sehen, was van den Dusen so ruhig machte. In seinem ermatteten Gesichte lag der Stumpfsinn, und seine Augen waren krank und scheu, unsicher vom Verkehr mit schlimmen Lüsten, wie ich mir sagte. Er war stark zurückgegangen, im Gegensatz zu mir und Slim. Slim sah faul aus, aber er gedieh. Er setzte Fett an, und es stand ihm nicht schön, er hatte eine unsaubere Art zu gedeihen, wie alle Körper, die auf Magerkeit angelegt sind. Er verbrauchte sichtlich die Stoffe nicht, die Milde und Muße des Lebens in ihm angesammelt hatten. Van den Dusen aber tropfte weg wie eine heiße Kerze. Die Hitze schlug ihm schwerlich an, vielleicht raubte ihm eine gewisse Entbehrung jene Behaglichkeit, die seinem Körper von Natur aus angemessen erschien. Wo war unser eleganter holländischer Offizier, der javanischen Damen und pazifischen Schönen den Hof gemacht haben sollte? Seine stattlichen Schultern waren eingeschmolzen wie ein Bronzebarren und ein Schlackenrest von Knochen und Schlüsselbeinen war geblieben. Das weiße Jackette saß schon lange nicht mehr knapp, und seine nußbraunen Haare, ein ehemaliger schnurgerader Offiziersscheitel und wie bei einem Frauenzimmer glatt um das marmorne Stirnbein gebügelt, waren eine Versuchung für jede Taschenschere. Der ganze wohlproportionierte Rundkopf trug die Spuren der Erschlaffung.

So erging es uns Weißen. Wir verwandelten uns im Verlaufe von vierzehn Tagen zu abnormalen Gebilden. Unsere Indianer aber blieben immer gleichmäßig hart, temperamentlos und mager. Sie strengten sich nicht an, aber sie blieben in Fassung und ließen sich vom Rhythmus treiben. Zorre, ein Fünfziger, war elastisch und besaß einen vollständig erhaltenen jungen Körper; im Gegensatz dazu war sein Gesicht borkig wie alte Rinde und von Tätowierungen zerfressen. Der andere war eine Schönheit, hieß Checho und mochte sechzehn indianische Sommer zählen. Dünn und lang war er wie ein Buchstabe. Ich hatte seinen Rücken vor mir. Im Nacken, um Fingersbreite getrennt, verliefen zwei parallele, strählige Längsnarben. Sonst war die rotbraune Haut glatt und geschmeidig und spannte sich über den kleinen Muskelschlangen, die während der Bewegung unter den Achselhöhlen hervorhuschten und sich blitzschnell wieder dahin zurückzogen. Dieser Rücken, der sich nach dem Gesäß zu schmachtend verengte, der kindliche Hals, die mädchenhaften Wirbel, dies graziöse Kaleidoskop bewegter Muskeln hätten einen Affen verliebt machen können. Der Bursche war ein junger Gott. Seine Schultern waren schmächtig und lagerten als volle Kugeln wohlgefaßt über der tiefen Brust. Der Schenkel, der schmal und strähnig war, wenn er stand, lag breitgedrückt auf dem Sitze. Die Knieknospe prangte schlank über der hochsitzenden Wade, mit hinreißendem Schwunge schnürte sie die Längslinie der Extremität ein. Dazu hieß er Checho. Seine Augen waren grün und schwarz und frisch aus der Hand des Juweliers, noch vollkommen unberührt, ungereizt, ein unbeeinträchtigtes Oval. Er war ganz in Rhythmus getaucht, mit Rhythmus genährt und auferzogen, von Rhythmus betrieben und während seines ganzen Lebens vermutlich in eine wilde Sanftheit hineingeleiert. Dort wo bei uns das Gehirn sitzt, saß bei ihm eine präzise Taktmaschine.

Ich habe feste Anhaltspunkte, daß ich nicht der einzige war, der in ihm einen jungen Gott sah. Und wir verstanden uns, ohne uns sonderlich exponiert zu fühlen. Wir waren in der Wildnis und jedem Sinn war erlaubt, zu nehmen, was ihm paßte. An diesem Abend entspann sich das erstemal ein Gespräch am Lagerfeuer. Van den Dusen erzählte aus einem unerschöpflichen Borne schmutzige Geschichten, Witze vom echten Biertischkaliber mit bleischweren Pointen, und man hörte angeregt zu. Verhungert, wie wir waren, bot die Unterhaltung eine kleine Erleichterung. Theorien, wie es auf langen Expeditionen und auf Seereisen zu ergehen pflegt, wurden zum besten gegeben und diskutiert. Wie es der Kapitän hält, wie die Matrosen und wie die Männer ganz unten im Kielraum der Schiffe, dieser Auswurf der Menschen, wurde aus einzelnen Fällen anschaulich geschildert, und welche Rolle die Schiffskatze bei solchen Gelegenheiten zu spielen pflegt. Die Sehnsucht machte derb, die Unterwürfigkeit, die der Trieb unter günstigen Aussichten hervorzurufen pflegt, grausam. Ohne an dem Niveau zu leiden, auf das wir unsere Aussprache herabgeschraubt hatten, legten wir uns etwas froher als sonst in unsere Träume nieder.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.