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Robert Müller: Tropen - Kapitel 52
Quellenangabe
typefiction
booktitleTropen
authorRobert Müller
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008927-1
titleTropen
pages5-16
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1915
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Ein darbender Greis! Die Jungen verließen ihn, seine alten Knochen waren nicht mehr rüstig genug zur Jagd, nun siechte er dahin und gab in Hungerstimmung seine letzte Lebensweisheit preis. Wer weiß, vielleicht machte es ihn produktiv, und er erfand neue Themen über das Leben eines Indianers oder neue Behandlungen, was das gleiche ist. So wie er dasaß, schien er zu seinem Stein zu gehören, ein Stück Urgebirge, die Verwitterung selbst, ein Abbild alles dessen, was in der Wildnis an dem Menschen zehrt. Und weil es nun schon einmal sein Schicksal wollte und weil auch ich mit Hunger gesegnet war, ließ ich ihn dort sitzen, wo er saß, und nahm Zana bei der Hand. Ich inszenierte eine regelrechte Entführung, rekonstruierte gleichsam das Urbild aller Liebesehen. Zana wog federleicht, als ich sie auf meine Arme nahm. Ich rannte ein Stück stromauf, bis sich eine Gelegenheit ergab, dort flogen wir in die Büsche. Sie riß mir die Kleider vom Leibe, sie selbst war nackt, sie biß mir die Lippen wund und geiferte mir ins Gesicht vor Liebe. Sie stöhnte und führte Tänze auf, während sie in meiner Umarmung hing. Ich sah das Weiße ihrer Augen durch einen Spalt, ich hielt mit rasendem Entzücken ihre dünnen Knochen in meiner Hand... da krachte ein Schuß.

Kurz darauf folgte ein zweiter und ein dritter. Die Kugeln vibrierten einen Augenblick über unseren Köpfen und trafen dann klatschend in fleischige Stengel. Der Knall war stoßartig und dünn und stammte aus einem leichten Gewehr. Den Knall kannte ich. Zana entsprang mir aus den Armen, ich folgte ihr und befühlte mein Gewehr, ob es auch das meine war. Denn in diesen Zeiten, da so allerlei Sonderbares vor sich ging – – –

Ah, Zana war süß in ihrer Liebe, und es ist fraglich, ob ich sie jemals anders bekam, als in den schwülen Träumen des Fiebers. Und doch ist es sonderbar, wie alle diese Visionen von damals in mir haften blieben, während ich mich auch nicht der kleinsten Tatsache folgerichtig entsinnen kann. Ich schluchze vor Freude, ich habe noch jenes innige Gefühl von damals in der Magenhöhle, wenn ich mir die Süßigkeit Zanas aus jenen Zwischenzuständen ins Gedächtnis rufe, die Wirklichkeit und Ausgeburt zu einem untrennbaren Erlebnis verschmolzen. Wie anmutig ist sie damals gewesen, als wir unseren Freund van den Dusen mit allem Pomp der Zärtlichkeit für seine sinnige Art, auf uns zu schießen, durch brausende Gunstbezeugung glücklich machten! Ich schoß ihm eine Kugel durch und durch, sie traf ihn auch richtig an einer kitzlichen Stelle in die Eingeweide, wo die Liebe wohnt. Aber dann hättet ihr Zana sehen sollen! Ich entbrannte lichterloh, ich fand sie reizend wie nie, als sie ihm die Nase abschnitt und nichts zurückblieb, als ein merkwürdiges, interessantes Gehäuse, das einer entkernten Pflaume ähnlich sah. Ich war verliebt bis zum Wahnsinn, als sie mit den Füßen auf den Bauch trat, und ich tat mein möglichstes, ihr darin beizustehen. Aber du mein Gott, mein Talent dazu erwies sich als gering, ich war europäisch verzärtelt, und außerdem war es ja nur ein Traum, in dem allerlei Hemmungen die Tätigkeit zu beschweren pflegen – – –

Ja, es hatte in der Tat einmal jemand auf uns geschossen, dessen kann ich mich als bestimmt erinnern. Und gerade als wir, erfreut über diese Zutat zu unserem Liebesidyll, aus dem Busch herausstürmen, will es der Zufall, daß wir dem Holländer in die Arme laufen. Wir brechen wie ein Sturmwind über ihn herein, wie eine zahlreiche und siegestrunkene Armee, wir erschossen, erstachen und erdrosselten ihn, wir schlugen ihn aus Zufall auf den Kopf, und sofort entstand dort oberhalb der linken Schläfe eine große mystische Beule, die das Gesicht ins Schiefe verzog. Haj, wie war Zana reizend, als sie ihm mit den Fingern die Augäpfel aus den Höhlen zog, diese kleinen Globusse mit den merkwürdigen, graubestrahlten Polarfeldern inmitten quarzweißer Ozeane und Landkarten roter Adernströme! Der Pol strahlt kühl und abgeblendet und in spektraler Auflösung wie ein Nordlicht. Schon ist das Auge eine Erfindung der Vernördlichung, Wesen, denen es gut geht, die noch mit Urzuständen sich verstehen, haben keine Augen und die einfachsten Organe genügen zum Glücke. Ich weiß nicht mehr, ob just dies unter den obwaltenden Umständen damals meine Gedanken waren; aber ich habe sie gefühlt, ich habe das ein wenig Befremdende, um nicht zu sagen Schauerliche des Vorganges durch diese Theorie intimer gestaltet. Zana hatte damit noch nicht genug. Sie besaß genügend Erfindungsgabe, sie riß ihm also die Kleider in Fetzen vom Leibe und brachte ihm eine böse Verletzung an seiner Mannbarkeit bei. Sogleich fühlte ich einen brennenden Schmerz. Solche Liebkosungen waren unerlaubt und ich wurde eifersüchtig. Die ganze Lustigkeit spielte sich in selbstverständlicher Art und Weise ab, wie es nun schon einmal mit Träumen geht. Alle moralischen Hemmungen fallen hinweg, dafür aber treten solche mechanischer Natur hinzu. Diese waren nun im gegebenen Falle durch eine schwere Last und einen bösen Druck am Halse dargestellt, der sich erst langsam, dann aber plötzlich löste. Ich schließe die Augen und vermag mich noch jetzt an diesen Druck zu erinnern. Er enthielt etwas Grauenhaftes, die unerwartete Erfüllung von etwas Erwartetem. Wie wenn man lange Zeit hindurch und oft daran gedacht hätte, daß sich eine Mörderhand einem um die Kehle schließe... und nun tritt es plötzlich ein, und man spürt das Unglaubliche sich nahen. Dieser bloße, grauenhafte Druck wurzelt so tief in meinem Bewußtsein, daß die Zeit ihn nicht hat verwischen können. Ja, ich schließe die Augen und denke angestrengt nach, ich suche das Traumbild heraufzubeschwören, das diesen wahrscheinlich durch Blutstauungen und durch eine Schwellung des verdursteten Halses erzeugten Druck begleitete. Langsam dämmert in mir eine Vorstellung. Sie ist entsetzlich genug, entsetzlicher dadurch, daß ich nicht weiß, ob sie dem Traum angehört oder doch der Wirklichkeit. Ja, es muß wohl so gewesen sein. Er lag zuerst auf mir, er war ein schwerer Mann, er hatte sich mit seinem ganzen Körpergewicht auf mich geworfen, während wir rangen, und mir mit seinen Händen den Hals zugeschnürt. Zana befreite mich, indem sie ihn bösartig auf den Kopf schlug. Ja, das war es, jetzt erinnere ich mich auch der anderen Kleinigkeiten. Sie war es, sie schlug ihn auf den Kopf, links oben; und es entstand eine große Beule, die sein Gesicht lächerlich viereckig erscheinen ließ. Er stieß einen langen, piepsenden Laut aus, als ob ein Vogel in seiner Brunst sich meldete. Dann rollte er von mir herab, und der Druck ließ nach. Wir versüßten ihm seinen Todeskrampf. Jetzt erst begingen wir feierlichst Slims Todesopfer, wie es gute Sitte ist. Es wurde nach altbewährtem Geschmacke unter einem Segen von Schönheit vollzogen. Zana sah bei dieser Gelegenheit entzückend aus, wie gesagt. Ich wunderte mich über nichts, das ich sah, und erstaunte das erstemal in Rio, als ich aus meinem wochenlangen Fieber erwachte und gedankenvoll in die Dämmerung meiner Phantasien zurückging.

Ich muß mich erinnern, wie sie da vor mir stand, wirklich und ein Wesen von Fleisch und Blut, oh, welchen Blutes, und doch auch in einem Rahmen der Einbildung und der Halluzination! Sie stand gleichsam nach der Tat als Täterin vor mir da. Und obwohl sie klein war und mir bis zu den Achseln ging, der ich kein Riese bin, schien sie mir doch groß und prächtig. Groß und siegestrunken sah ich sie, und jeder Knochen an ihr schien mir wertvoll; wertvoller als irgendein anderes Stückchen Mensch. Ich bemerkte nun, daß ihre Füße und Hände keineswegs klein zu nennen waren, wie ich sie aus herkömmlicher schlechter Poesie gemacht hatte. Sie waren im Gegenteile groß und lang, hager, wie alle ihre Gliedmaßen, und es war eine edle Kraft in ihnen. Ich, der ich krank und schwach auf dem Rücken lag während unserer tagelangen Talabfahrt im Boote, ich vergötterte diese langen Gelenksketten, ich fühlte meine Minderwertigkeit vor dieser praktischen fieberlosen Schönheit, ich war bis über die Ohren in das Skelett ihres Rumpfes verliebt. Man sah, wie weise und sparsam sie erbaut war, ganz auf Funktion eingestellt wie der Rumpf eines Raubtieres. In diesen Tagen änderte sich mein Blick.

Ich bekam einen neuen Blick. Verbraucht, wie ich war, kam ich auf der anderen Seite des Lebens frisch auf die Welt. Meine Nerven waren zerrüttet, ich litt unter Hunger, ich verdaute die Pflanzen und Blätterkost, die mir Zana verabreichte, schlecht; ich war immer schlaflos und immer schläfrig; vielleicht waren in den Speisen auch opiatähnliche Chemikalien enthalten. Kurz, es brach eine regelrechte Rebellion unter meinen Sinnesorganen aus. Erst jetzt, in diesem Zustande höchster Nervosität, war ich bei dem geschärften Sinnesleben der Urvölker angelangt. In diesem Zustande von Hyperästhesie kam ich dem Ausgangspunkte funktionellen Lebens näher, ich empfand, was jener Urmaler hatte verkünden wollen, eine wahrscheinliche sinn- und zeitgemäße Schönheit, die kein Abfall von mehr oder weniger Zeichentechnik war, sondern bei der sich's leben und genießen ließ. Hatte ich nicht Zana, die menschliche Wildkatze, immer schon geliebt? Plötzlich war es mir klar, daß ich seit je unter dem Banne dieses ganz andersartigen originalen Knochensystems gestanden hatte, ohne es recht anders als literarisch zu wissen. Jetzt aber brach die Leidenschaft grün aus mir hervor und all mein Vegetieren waren Gesänge zum Preise dieses Geschöpfes, das ich mit pflanzenkühlen Umarmungen beglückte. Zana, wir sprangen ins Boot und fuhren flußab, als der Strom eines Tages anschwoll; wir gingen deinen Leuten durch, die sich untereinander spießten und brieten: Hunger litt ich, aber wir liebten uns wie Götter und ich lebte weiter dank deiner herrlichen Geschenke. Einen Wechsel noch hatte ich zu bestehen, ich, der Kranke und Fiebernde bekam den gesunden Geschmack und verlor erst jetzt die klebrigen poetischen Vorurteile meiner Kulturherkunft.

Mit Seelenruhe sah ich Zana ins Gesicht ihres Totenschädels. Ich küßte ihre Hände, wenn sie nicht rein waren und gab mich hin vor dem Pflanzengeruche aus ihrem Munde. Sie war eine glühende wilde Südländerin, echte Rasse mit guterhaltenen Naturinstinkten. Sie war tausendmal besser und begabter als die schönen und eleganten Kreolinnen, die ich später in den Salons von Rio und an Bord des Doppelschraubendampfers Albatros kennen lernte. Ich liebte Zana nicht um ätherischer Eigenschaften willen, sie war eine treue Seele und eine Bestie, sie rettete mich und brachte mich allein in einem kleinen Nachen nach der Küste und sie schikanierte mich mit tausend weiblichen Abgefeimtheiten. Ich aber liebte eine gewisse Rundung an diesem Knochen und die Verapfelung eines Gelenkes am anderen, und hätte können Hymnen singen auf ihren weißen schmelzenden Blick zwischen den langsamen Schlitzaugen. Ich war weit zurückgegangen, ich hatte das Urweib gesucht, damit es mir, dem neuen Menschen, zur Seite stünde, wenn ich aus den Tropen, dem Urdasein der Menschen, in das ich studienhalber zur Synthese einer Zukunft verschwunden war, wieder auftauchte. Denn es war nicht gut, daß der neue Mensch allein sei – – und ich wäre auch ohne alle Hilfe nie nach Rio gekommen, abgesehen davon, daß mich meine Leute am Ende doch noch verspeist hätten!

Je länger ich nachdenke, desto mehr kommt Ordnung in meine verstreuten Erinnerungen. Ich bekomme Fahrwasser und alles wird sinnvoll, ich sehe mit Bewegung, wie Tatsachen und Symbole sich ergänzen und aufs selbe hinauslaufen. Meine Kameraden sind tot und ich habe sie beerbt. Slim, den ich so lange über mich stellte, hat mir sein Erbe hinterlassen. Ich bin dazu bestimmt, der neue Mensch zu werden, und ich habe mir das Weib gesucht, das zu mir passe, das Weib mit den gut erhaltenen Urinstinkten seiner Sinnlichkeit. Wir sind ein neues Erdenpaar, wir sind Adam und Eva und gondeln einsam einen verlassenen Fluß hinab. Nachts wimpeln uns grüne Sterne zu, wenn wir einander in den Armen liegen und eine neue Menschheit gründen, tagsüber zischt die Sonne auf unser Fell und sprengt Kniffe in unsere Systeme, daß wir hart würden, wie es uns gezieme. Denn die Menschheit soll hinfort mager sein wie ein Indianer.

Slim also ist tot. Er starb einen plötzlichen, etwas unlogischen Tod, an den niemand gedacht hätte. Van den Dusen ist tot – er war verschwunden, als ich damals wieder im Lager lag und einen Ausweg aus dem Labyrinthe suchte. Ich aber, dem er ein Doppelgänger gewesen war, war Slims Nachfolger geworden. Slims großes furchtbares Erbe war mir zugefallen: ich besaß eine Art zweiten Gesichts. Und wenn ich auch die Geschehnisse in meinen Halluzinationen etwas verschob und meine Person durch den eigenartigen Verfolgungswahnsinn, der uns alle, Slim nicht ausgenommen, an einem gewissen Grade unseres Kollers ergriff, zu sehr in den Mittelpunkt rückte, so daß ich vieles ursächlich auf mich zurückführte, das von anderen getan worden war – so ist doch auch gewiß, daß sich die Ergebnisse meiner Visionen mit den Tatsachen deckten. Da hatte ich von dem Tode des Holländers phantasiert; und nun blieb van den Dusen wirklich aus, er war verschollen. Dies steigerte meine Erregung zu krampfhaften Ausbrüchen, ich wollte mich erheben und ihn suchen, unterließ es aber aus irgendeinem Grunde. Es fand erst ein Ende, als ich beschloß, mit Zana aufzubrechen, eine Angelegenheit, in der wir uns mühelos erreichten.

Wie das eigentlich geschah, ist mir allerdings nicht ganz klar. Die wenigen Spuren, die ich zu den Ereignissen besitze, sind in meinen Visionen enthalten. Ich weiß, daß ich mich mit Zana auf die Suche machte. Was war es – – – doch, es waren die Ruder, die sie in eben jenem eigentümlichen Augenblicke aus dem Wasser gezogen hatte, als ich sie damals im Fluß stehend antraf. Der Anblick dieser harmlosen Gegenstände hatte mich unbegründeterweise in einen solchen Zustand des Grauens versetzt, daß ich einen meiner schwersten Anfälle bekam. In diesem Zustande ahnte ich den furchtbaren Untergang des Holländers voraus. Ja, ich erinnere mich klar an diesen Zusammenhang, der mir zuzeiten verwischt erscheint. Damals entdeckte Zana die angeschwemmten Ruder und zog sie ans Land. Zwei von ihnen lagen zwischen den Klippen, auf denen damals der Alte saß. Wir hätten mit diesen beiden genug gehabt, da wir ja niemand mehr mitnehmen wollten. Aber es war doch besser, wenn wir alle beschlagnahmten; zu Ersatzzwecken konnten wir vielleicht auch das dritte gebrauchen.

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