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Robert Müller: Tropen - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleTropen
authorRobert Müller
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008927-1
titleTropen
pages5-16
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1915
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IV

Dies ereignete sich, dies und nichts anderes, bloße Gedanken, die eine große majestätische Langeweile gebar, als ich eines Tages an einem südamerikanischen Flusse unter einem dem Äquator ziemlich nahen Breitegrade, inmitten des Urwaldes, jenen Vergleich zwischen der sich aufdrängenden Natur und dem Geheimnis der Mütter anstellte. Würde ich meinen Zustand von damals erschöpfend zusammenfassen, so möchte ich ihn dahin ausdrücken, daß er jeden Humores bar war. Mit dem sauersten Fleiße, mit dem kostspieligsten Ernste stürzte ich mich in logische Unternehmungen, die sich kaum rentierten, aber ich wartete die Befriedigung der Voraussetzungen nicht erst ab, sondern ging ungehemmt weiter. Es war nicht eine Spur von Humor mehr in meiner Seele. Denn der Humor ist ein Geschöpf des Nordens und braucht das schlechte Wetter, die Veränderlichkeit und die Laune. Die launenlose Schönheit des Lebens, diese unvariable Größe des Südens, sind ihm ungünstig. Nur so ist der humorlose Ernst aller morgenländischen Philosopheme, vom Talmud bis zur Mahabharata und bis zur arabischen Schnörkellogik zu verstehen. Ich erfand Sitzungen wie ein maurischer Theologe, unverdrossen mischte ich Begriffe und Symbole wie ein blumiger Poet aus Farsistan. Die Backen waren dick vom Schweigen und ich verzog sie nicht mehr zum Lächeln.

Schuld an dem trug die unerträgliche Hitze; die Hitze und das Schweigen. Dieses Schweigen, dieses fürchterliche Schweigen – einmal lenkte sich meine Aufmerksamkeit wie von selbst auf den Umstand, daß auch die andern verändert waren. Slim sprach so gut wie nichts. Van den Dusen hatte am ersten Tage Stichproben seines niederdeutschen Humors gegeben. Da aber niemand darauf einging, wurde er endlich seiner selbst müde und verblieb während dieser Zeit schweigsam. Er prahlte gerne und war auch sonst kein Muster an Wahrheitsliebe, das hatte ich schon heraus; aber er war gutmütig und bis zu einem gewissen Grade Gentleman. Jetzt brütete er wie wir stumpf dahin, seufzte gähnend auf und blieb mürrisch gleich Slim. Unsere vier indianischen Scouts unterhielten sich gedämpft und trocken in ihrem unverständlichen Dialekte. Von ihnen war keine Auffrischung der Gesellschaft zu erwarten. Ihrer zwei ruderten uns in einem langen torpedoähnlichen Kanoe, das aus einem massiven Baumstamm herausgehauen war, voraus; das beladene Proviantboot mit den beiden andern folgte nach. An breiten Stellen fuhren die Boote nebeneinander her. Ich spornte den Holländer zu einer kleinen Regatta an und wir versuchten das Boot mit den herzblattförmigen Rudern fortzutauchen, wie wir es von den Indianern sahen. Das Gewässer aber rebellierte in Schlammwolken, die sich unheimlich wie ein drohendes Gewitter von unten zusammenzogen, der Bootstamm begann zu rollen und Wasser zu fassen. Slim grunzte ein wenig mißmutig und wir gaben es auf. Dieses Gewitter, das sich unter uns gebildet hatte, erregte jedoch meine Phantasie. Plötzlich fühlte ich mich und meine Umgebung unwahrscheinlich; ich entäußerte mich spielend des Weltmittelpunktes, der in mir lag, ich begriff mit erkälteten Nerven die Gleichgültigkeit meiner Person und ihres Aufenthaltes: denn unter mir gab es eine Welt, die auf eigenartige Weise eigene Gewitter und Elementarereignisse erzeugte, wenn ein Mensch außerhalb ihrer Grenze nicht rudern konnte und ihren Gang störte. Vielleicht entstanden auch meine Gewitter, wenn ein fremdes Wesen ungeschickt war – wer konnte in diesem Augenblicke darauf schwören, darauf oder auf sein Gegenteil? Vielleicht konnte Gott nicht rudern? Aber wie gleichgültig war dann Gott, wie gleichgültig war jedes Ich, jeder Geist! Eine fröhliche somnolente Verlassenheit kam mich an, ich fühlte mein kniffliches altes Ich vergehen und löste mich in eine unendliche, von keiner bewußten Einheit zusammengehaltene Empfindlichkeit für das heftige selbstische Leben ringsherum auf. Weise wie ein alter Inder in die Einzelheit verloren, dem Ursein gewonnen, sah ich mit tausend Augen und verfing mich mit tausend Sinnen, die Gott besaß – und während all dieser Augenblicke wurde ich elend von Langeweile geplagt.

Der Müßiggang lag mir in allen Gliedern. Die Folge war, daß ich schlecht schlief. Wir landeten tagsüber nur, wenn es galt, Mahlzeit zu nehmen, oder wenn wir vom Boot aus einen Vogel, der sich nur sehr selten einmal auffällig dem Visier bot und dann starr und farbenprächtig wie ein uralter Giftschwamm zwischen dem Laub saß, geschossen hatten. Des bloßen wohltuenden Lärmes halber durften wir unsere Munition nicht vergeuden, denn vor uns lag noch die ganze ungewisse Expedition, vielleicht manches Zusammentreffen mit Mensch und Tier, deren gefälligen Benehmens wir nicht sicher waren. Darum sparten wir unsere Jagdlust und unser Pulver und verzichteten auf einen Grund, ans Land zu gehen und uns Bewegung zu machen.

So wie die Sonne aber nicht mehr aufs Wasser selber schien, sondern die Waldspitzen in schrägem und scharfem Schnitt mit Kupferflammen entfachte, fingen wir an, die Ufer nach einem Lagerplatz abzusuchen. Der Instinkt der Indianer gab den Ausschlag. In diesen zehn Minuten, da die Sonne uns geradezu auf und davon lief, ging im Wald eine Veränderung vor sich. Hätten wir nicht selbst auf den flinken Einbruch der Nacht gewartet, die ozeangleiche Bewegung, die jetzt auf allen Seiten entstand, hätte uns allein als Signal dienen müssen. Im Laube rauschte es, das Rascheln pflanzte sich fort, siedendes Leben ergoß sich vom Tag zur Nacht, ein Heer von Schlangen schien auf dem Marsche; mißtönende Vogelstimmen schrien wie weinende Hunde durcheinander, verehrten und befehdeten sich mit köterigen Lauten. Mit einem Male zeigte es sich, daß ein eminentes Leben da war, daß die trügerische Stille eine wimmelnde Fülle tierischer Wesen geborgen haben mußte. Affennationen begannen zu hadern und zu keifen, brachen in die Haine eines fremden Stammes ein, zerknackten mutwillig die dürren Zweige. Vögel erhoben sich schlupfend zu einem kleinen Fluge über den Laubozean, um sich einmal kräftig von den Anstrengungen der Diskretion, die tagsüber in ihrem Beginnen wartete, zu erholen; war es Hohn, eine Manier der Genugtuung, als sie jetzt in einen fürchterlichen Skandal zusammenstimmten: eins war sicher, aus dem ganzen Phantom von prächtigen intensiven Farben, aus dieser ganzen aufreizenden Explosion einer Malerpalette drang kein einziger sympathischer Laut. Unten am Boden aber zogen die Echsen und Reptile los, ein widerliches Schleichen von tausend Leibern, die von warmen Sitzungen in Sonnenflecken sich zu vertrackten Löchern durchbohrten, behelligte das Ohr und wirkte bis in die Zähne: eine Vorstellung von kalten Muskelwesen, die an rissigem Holze entlang emporkrochen, bot sich an. – Da sank die Sonne, und schon hatte auch das Manöver geendet. Hin und wieder plumpste ein Katzenleib dumpf auf den Boden; hinter dem Feuerkranz, der uns gegen das Land und den Djungle hin abschloß, fauchte es ärgerlich. Ein Puma krakeelte in langen Arien. Sonst war es still, wieder still, nicht ganz so still wie am Tage, aber doch still. Das Glucksen und Schluchzen des Wassers war deutlicher hörbar. Und zwischen dem Spalt überm Flusse stand der Himmel in weißer atmender Glut; eine Sternschnuppe fiel, sauste in der Nähe nieder, links da brach sie ein, man hält den Atem an – wird sie im tintenschwarzen Wasser verzischen?

Am Morgen, eine Viertelstunde vor Sonnenaufgang etwa, wird uns das gleiche Theater wecken; der ganze Wald schlägt dann Reveille. Bis dahin können wir ungestört schlafen. Zur Feuerwacht aber wechseln immer je drei ab während der zwölfstündigen Finsternis. Der, an dem gerade die Reihe ist, kann allerlei Beobachtungen machen. Er kann auf die Töne des Urwalds lauschen; es wird sich herausstellen, daß gewisse Geräusche immer wieder nach denselben Intervallen auftauchen. Ein bestimmter Rhythmus beherrscht alle Äußerungen dieses wilden Lebens. Ein Raunen hebt sich, schwillt ab. Eine große Brust atmet, ein geräumiges Schnarchen rollt vage in das blaue Fieber des Sternenraumes hinaus. Pan liegt am Rücken, er verschnauft und träumt lebhaft. Wer ist dieser Pan? Ist er ein Wilder, ein Indianer, ein griechischer Literat aus einem sokratischen Kaffeehause und mit einem Nasenfehler? Es fällt mir auf, daß von den sechs Schläfern zu meinen Füßen ein vereinzeltes Schnarchen ertönt. Ich muß doch nachsehen – es ist der Holländer. Er liegt schwer am Rücken. Ich sehe zu den Indianern hinüber, diese krümmen sich auf den Bauch, auf ihre Lenden und Schulterknochen. Zorre, der Fünfziger, liegt auf der Seite. Er allein atmet unrein, die Luft bricht sich an seinen alten Knorpeln, seine Organe sind nicht mehr glatt und geschmeidig. Die andern mit ihren schmächtigen und zähen Gestalten liegen da wie große Kinder, und so wie sie sich ausgerenkt und verdreht an die wohltuende Lagerstatt drücken, sehen selbst ihre männlichen Formen noch kindhaft aus. Ihre Beine sind von der erlesensten Magerheit, dünn, unbehaart, kupfern; nicht weit unter der Kniekehle haftet eine wunderschöne Muskelschnecke. Eine Prima-Ballerine her, sie möge Fußpflege lernen! Um wieviel gebrechlicher mögen diese Gelenke sein als das Schock Laternenpfähle von der Wiener Hofoper! Und doch tragen ihre Besitzer, wenn's sein muß, kleine Berge. Wenn nun alle Knöchelchen und Wirbel so zierlich sind, dann muß freilich die Puste wie geölt gehen. Die Organe sind klar gemacht zum Gefecht. Der große Balg über den Schenkeln wird nicht vom Fett gesteift und gedrückt. Die Eingeweide liegen gleich unterm glacéledernen Fell und bilden, wenn das Nachtmahl sie gefüllt hat, einen legeren Ballen. Dort aber streckt Mynherr sein Bäuchlein wie eine Fußballdose in den gestirnten Himmel, er liegt habtacht auf den Schultern, mit soldatischem Rücken, sein Kinn hängt wie eine geöffnete Zugbrücke in den Scharnieren, während er aus einem Brustkasten, in dem scheinbar drei Indianerlungen Platz hätten, einen Herbststurm nach dem andern herausbefördert.

Wer die Wache hat, hat das Wort. Er kann beobachten. O diese schwellenden reifen Nächte, über denen das südliche Kreuz steht! Der Nachtwind, der zwischen Wassern und Wäldern wandert, ist herb und sauer vom Geruch zerstampfter Blätter; aber plötzliche süße Wellen zucken aus einem großen Strauch und steigen auf zu einem flimmernden kleinen Stern! Das Blut strömt lau und schwer wie Quecksilber in die Schläfen – da ist es vorüber, die Schläfer seufzten verzückt im Traume, sonores Behagen dankt schöpferisch im Walde! Slim hat sich geregt! Sein Gesicht liegt gelb im Schein des Feuers, seine Nüstern haben leise gezittert. Vorsicht! Schlauheit! Die Macht der Beobachtung liegt in meinen Händen, kann ich den Feind listig ahnen, jetzt, da alles Leben geoffenbart vor mir liegt? Ist er mein Feind, dieser Slim, ist er mein Freund, mein Bruder, deute ich seine Seltsamkeit recht und billig wider mich, für mich? Wer ist dieser Slim, ein Gaukler, ein Mensch, ein Wilder – eine raffinierte und beherrschte Gehirnmaschine der letzten Rassen, oder ein brutaler Lebensinstinkt mit dem Blut von Urmenschen in sich? So wie Slim daliegt, ohne Muskelanspannung, indianisch, mit dem vollendeten Verständnis zu ruhen, ist er der Sohn seiner Mutter mehr als der seines Vaters. Die Kreolin hatte ihm dunkle Herkunft vererbt, eine knochige Wildheit aus dem Innern Amerikas in den Zügen, dunkles, rotes und vielleicht schwarzes Blut unter der gelben Haut und tiefsitzende Manieren, Liebenswürdigkeit und Herrschsucht im gleichen Wink. Was gilt die Wette, sie war nicht eben eine reine Kastilianerin?

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