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Robert Müller: Tropen - Kapitel 49
Quellenangabe
typefiction
booktitleTropen
authorRobert Müller
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008927-1
titleTropen
pages5-16
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1915
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XXX

Als ich über mehrere Kanäle gesprungen war, von einem Fußhalt mich zum anderen schwingend, stand ich seitlich links vom herabrauschenden Wasservorhange vor der großen Spaltklippe, die ich suchte. Ich mußte hinter sie treten, weil vornean das Wasser in einer Art Rückstoß an ihrem Fuße emporschäumte; dahinter aber war es still und seicht und drehte langsam einige weiße Flocken im Kreise. Hier turnte ich mich noch ein Stück in die Höhe und griff mit der Rechten in den Spalt – nichts war zu spüren. Ich schob den Kopf in Spalthöhe – sie war weg. Die Büchse war weg.

Slims Büchse war weg. Oh, ohoh! Das Wasser ging rund in elipsenförmiger Strömung. In der Mitte ragten zwei niedrige Klippen auf, zwischen denen ein gekenterter Balken stak. Ich konnte mich nicht entsinnen, die Klippen bereits bei meinem ersten Besuche entdeckt zu haben; aber während ich das Lokale instinktiv nach den Indizien des Büchsendiebes besichtigte, erregte gerade diese Veränderung meine Aufmerksamkeit. Die Klippen waren unregelmäßige Pyramiden, mit zehn bis zwanzig Zentimeter die Wasserfläche überragend. An der höheren der beiden waren deutlich zwei Feuchtigkeitsschichten abgesetzt. Das Wasser mochte also seit den letzten drei Tagen im Abschwellen begriffen sein, irgendwo am Oberlauf war eine natürliche Schleuse entstanden und der Wasserstand nahm darum an diesem Platze ab. Als ich die Umgebung auf diese Beobachtung hin noch einmal musterte, schien sie sich überhaupt verändert zu haben. Der breite schleimige Wasservorhang zeigte Trennungen, er war schmächtiger geworden und hatte sich stellenweise zu Tropfen und langen Zacken zersetzt. Kein Zweifel, das Wasser war weniger geworden. Und jetzt wurde es auch erklärlich, warum dort zwischen den Klippen ein Stück ausgehöhlten Balkens, ein Getrümmer unseres einstmaligen Bootes, feststak. Der Wirbel, der nicht mehr genug Nahrung erhielt, war in seiner Kraft eingegangen und hatte die mitgeführten fremden Bestandteile an ihren Auftrieb zurückgeben müssen. Die Holzstücke kamen an die Oberfläche und trieben seitab.

Die Holzstücke! Der Eingang in die Höhle hinter dem Wasserfall war leichter denn je. Nach einigen taktischen Flankenbewegungen hatte ich die stärkste Zone der Sprühregen hinterm Rücken. Durch den feinen Nebel hindurch flossen die zarten Säulen eines Spektrums und überzogen die Objekte, die sie streiften, mit einer Schicht in der Art bunten Schimmels. Ich bückte mich, um das eine, das gleich vorne beim Eintritt mein Interesse festhielt, anzusehen. Es war ein gut erhaltenes Ruder, wie es Indianer schnitzen. Um allen Zweifel zu beseitigen, sah ich an der Stange hinauf; dicht vor dem kreuzartigen Endknauf bestand die Struktur aus drei charakteristisch parallelen Schlangenlinien. Diese Laune der Faserung heimelte mich an. Ich hielt ein bekanntes Stück in Händen. Kaum war ich zu diesem Schlusse gelangt, war ich reif für die Entdeckung einiger anderer nicht mehr ganz geheurer Dinge. Hier war sozusagen ein Bündel Ruder abgeworfen worden, sie lagen, ihrer Stücke drei, wie ich jetzt erst nach der Aufnahme des obersten sah, mit ihren Mittelpunkten sternförmig übereinander. Es war ein merkwürdiges Spiel des Wassers, das sie in dieser Lage ans Feste geschwemmt hatte und ich ziehe daraus den Schluß von einer Art Anziehungskraft des Holzes, vielleicht des feuchten Holzes. Es war die komplette Garnitur eines kleinen Bootes, zwei Ruder und ein Steuerruder; sie waren schwer und mit Wasser vollgesogen. Im übrigen schien die Stelle, wo sie wahrscheinlich eine Zeitlang im Wirbel rotierten, sehr tief und klippenlos gewesen zu sein, denn die Ruder waren intakt, bis auf das etwas längere Steuerruder, dessen eine Kante eine zahnige Scharte aufwies. Wenn man nun bedachte, daß diese Gegenstände bei ihrem Fall nicht zerschmettert wurden, weil sie im Wasser auf keinen harten Widerstand trafen, konnte man Hoffnung hegen, daß auch der Körper eines Menschen keinen Schaden genommen haben mußte. Unbegreiflich war es, warum sonst auch nicht ein Span von dem infolge seiner Größe zerspellten Boote hier gestrandet war. Die Ruder lagen ganz allein in ihrer friedlichen Formation am Grunde einer Senkung des rissigen Felsenbodens. Aber dort lag ja, wie ich in dem grünlichen Scheine, der trotz der Lücken des Wasservorhanges die Höhle umflorte, erkennen konnte, ein Etwas, dessen Form mir im ersten Augenblicke undefinierbar schien. Es war ein grauer Sack und lag auf einem Terrain, das wir schon beim ersten Besuche der Höhle betreten haben mußten. Während die Ruder dort lagen, wo früher Wasser gestanden hatte, schien hier das Wasser niemals hergedrungen zu sein. Der Sack lag nahe am Grunde der schiefwandigen Höhle. Aber ein Umstand sprach doch dafür, daß in der Zeit zwischen dem ersten Besuch und meinem heutigen hier Wasser eingedrungen und wieder zurückgetreten war. Denn ein pestilenzartiger Brodem stieg von dem mit allerlei Stagnationsresten überzogenen Felsenboden auf. Ja, der Geruch war diesmal stärker, als ich ihn das erstemal hatte beobachten können. Es lagen also alle Anzeichen dafür vor, daß der Wasserfall und die Wassermenge stieg und fiel, sei es nach innewohnenden Gravitationsgesetzen, sei es aus rein äußerlichen Gründen, Niederschlägen, Dammbrüchen größerer Becken oder dergleichen. Gewiß war dadurch die Hoffnung auf eine künftig einmal größere Wassermenge befestigt, deren erstes Auftreten ich in meinem früheren Fieberzustande nicht bemerkt hatte. In Zukunft konnte uns diese Spezialität des Flusses für eine Verschiffung südwärts tauglich werden. Nun, und jener Sack dort, was hatte es mit ihm für eine Bewandtnis?

Es war ein grauer ballonartig geblähter Sack, der an dem einen Ende in einen mit langen Haaren versehenen Kopf, ja einen Kopf, auf der anderen in ein Paar aufgedunsener langschaftiger Rubberstiefel ausmündete. Der Kopf war, trotz seiner abnormen Kugelform, ein Menschenkopf. Die Modellierung des Gesichtes war unter er Expansion der Haut verloren gegangen. Das Haupt- und Barthaar hing in langen flossigen Strähnen darüber hin; der Anblick enthielt nichts Schreckliches, sondern mehr etwas Lächerliches, denn an dieser Leiche war nichts Menschliches mehr zu erkennen. Ich zündete ein Streichholz an, zwei, drei, sie verlöschen sofort, aber in den Augenblicken ihres Aufflammens sah man über der linken Schläfe einen dicken roten Fleck, eine starke Schwellung dieses Kopfteiles. Der Kopf erhielt dadurch eine blöde unsymmetrische Form. Ich hielt mir das Schnupftuch vor Nase und Mund und sah neugierig in dieses Gesicht, um etwas Bekanntes darin zu finden. Aber es war auch nicht ein Zug darin, der mich an etwas erinnert hätte. Es war das Gesicht einer stupiden großen Katze, mit grünlich blasser Haut und Zottelhaaren. Die Augen stachen falsch und kalt unter den ungleich geschlossenen Lidern hervor. Diese selbst waren verletzt, sie waren zerrissen und krustig vom Blute. Sonst hatte das Wasser von außen und die Fäulnis im Innern allen Charakter und alle Seele aus diesen Muskeln unter der Haut verbannt, und was geblieben war, war nichts als ein stumpfes großes Tiergesicht, das kein Mitleid erregte.

Ich holte das lange Steuerruder und versuchte den Oberkörper durch eine Hebelvorrichtung in den Sitz zu heben. Da fiel der Kopf mitten in den Ballon, versank darin wie in einem Luftkissen, während an dem breit gewordenen Hautsack die Knochen sich wie Holzscheite durchdrückten. Wirbelsäule und Brustkorb mußten in tausend kleine Splitter zerschellt sein, die Längsachse der Leiche bot keinen Widerstand. Ja, das war der ganze Mensch da, dieser Hautsack. Mit dem Steuer war ich an die schwammig gewordene Kleidung angestriffen, sie riß nicht, sie schabte sich ab wie eine graue sulzartige Schicht. Darunter kam wieder die blanke Haut zum Vorschein. Es mußte ein Loch an der linken Seite unter der Achselhöhle gewesen sein, denn dort war der Stoff weggeschält. Eine eigentümlich geschwärzte Beule in der Farbe von versengtem Fleisch, eine Wunde mit aufgeworfenen Rändern zeigte an, daß der Körper dort einen heftigen Aufstoß erhalten hatte.

Ich sah mich um und verließ die Höhle schnell. Es roch nach Verwesung. In der dampfigen Atmosphäre war ein Wehen und Wogen, das Spektrum blinzelte im Nebel, wenn der Wasserfall sich verdünnte, an den Wänden klopfte es mit harten spröden Lauten. Die weiße singende Luft draußen trieb mir einen Wirbel Blut in den Kopf, rote Gebirge türmten sich vor den geschlossenen Lidern auf. Ich stand nach einigen Sprüngen vor jener Klippe, in der Slims Büchse stecken mußte. Hatte ich jetzt geträumt, oder war es wahr, war das alles wahr – – heda, was ist mit der Büchse? Ich griff in den Spalt, tastete, sah hinein: der Spalt war leer!

Das Wasser ging hier Kreise, aber es ging jetzt schneller als zuvor, wie mir schien. Konnte sich das so schnell ändern? Ich sah zum Wasserfall hin: das Tor, durch das ich eingedrungen bin, ist schmäler geworden. Die Zacken laufen längs der Felsenkante zusammen, sie wachsen ineinander und stoßen in langen Zapfen herab, plötzlich fällt es wie ein glattes Tuch, die Öffnung ist geschlossen, der Wasserfall wächst! Er wächst nach den Seiten hin, sein Brausen wird heftiger, wo er auffällt, ballt sich der Schaum zu weißen Fäusten, die emporzucken. In der Mitte einer Stromstille wird ein Balken flott, das Wasser hebt ihn von den beiden tragenden Klippen, er geht drei-, viermal in der Strömung um und wieder um, plötzlich saust er wie abgepfiffen einer neuen Kraft nach. Ich sehe zu, wie er dahingeht, es könnte ein Stück von unserem ehemaligen Boote sein, auf dem Slim in den Tod fuhr, hoiho! Der Strom schwillt! Wie lange und er wird das seichte gebleichte Bett füllen, in dem wir so lange hausten, und wir werden mit seiner Hilfe abwärts eilen, dem Süden und dann dem Osten zu, an die Küste, an die Küste, unter den Bug eines mächtigen Ozeandampfers!

Wie sich das denkt, wie alles sich denkt! Träume ich, oder bin ich überwach? Fühle ich die Wollust des Lebens, oder bin ich im Fieber und stürzen Wahne über mir zusammen und purpurene Gebirge? Auf! Spring in den Fluß, klammere dich an Balken und schwimme mit dem Wasser, es geht ostwärts ins Meer und ist die große Ader der Bewegung. Gib acht, du stürzest, es ist alles glatt und rot – ja wenn man wüßte, was Traum ist, was Fieber und was rüstiges Leben! Wenn man wüßte, ob das Leben klare rinnende Bewegung ist oder grünlicher Dampf und eine verhexte Spektrengrotte!

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