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Robert Müller: Tropen - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
booktitleTropen
authorRobert Müller
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008927-1
titleTropen
pages5-16
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1915
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XXVII

Viel seltsame und überraschende Dinge sind auf meiner Reise vor sich gegangen. Aber es hat sich für alle eine rationale und logisch gerechtfertigte Erklärung finden lassen.

Es ist gefährlich, in den Djungle zu gehen und den Rücken des Vordermannes beständig vor der eigenen Büchsenmündung zu haben. Ein paarmal hörte man schießen. Slim und der Holländer würden heute gute Beute bringen! Macht flott, ihr Jungens, wann wird das Boot fertig sein? Hallo, Zana? Wie geht es dir, rotes Mädchen? Nun, nun, koche nur zu. Heute ist ein feiner Tag, alles klappt, alles ist frisch, alles geht wie am Schnürchen und mit dem alten Jeremias in uns ist es vorbei. Hier sind wir sicher wie auf einem Boulevard; hier beginnen wir ein neues Leben und gondeln einen Strom hinunter in die Zivilisation. Wir kommen als Frischlinge. Habt acht, ihr Völker, wir bringen euch ein unverbrauchtes, herbes Glück. Eine nackthäutige, sonnverbrannte Weisheit bringen wir. Was da, Tropen! Einmal eins ist eins, und die Erde kann nicht zweierlei sein. Es ist eine Erde, die uns trägt, es ist eine Erde, die uns abgeschuppt hat, und Berlin mal Amazonas, wir stehen auf beiden Sohlen, und unsere Köpfe sind heute frei!

Ich hatte die Zimmerung eines zweiten Bootes zu beaufsichtigen. Das erste lag mittels eines großen Steins ins seichte Flußbett versenkt, um Wasser zu ziehen. Es hatte sich als zu klein erwiesen und trug nur drei Personen, es war ein ungeschicktes Ding ohne Konstruktion, das bei einem kleinen Balanceverstoß sich wie eine Walze wasserwärts legte. Wenn die fünf braunen Bootsbauer nicht stramm unter Kurs gehalten wurden, trieben sie gleich arbeitsab und zerstreuten sich mit allerhand leichteren Lebensbeschäftigungen.

Da kam van den Dusen zurück. Es fehlte irgend etwas an ihm. »Aber, Charlie, wie sehen Sie denn aus?« Er sagte nichts, war sichtlich krank und bleich und schlich sich sofort als Marodeur ins Lager. Zana präsentierte eine mimische Neuheit in Verachtung, sie blies aus ihren Lippen Luft aus und tat, als ob kein Mensch am Krepieren wäre. So, jetzt war die Reihe an mir, und ich stellte meine überschüssige Gesundheit an sichtbarer Stelle zur Verfügung. Ich suchte van den Dusen allerlei Gefälligkeiten zu erweisen, ich Kraftbursche konnte mir das jetzt ja erlauben, und fand eiligst das Chinin für ihn aus dem Gepäck; aber Kranke sind launisch und undankbar, und so erntete ich denn zu meinem größten Märtyrerstolze nichts als ein höchst unmusikalisches Grollen. Er delirierte und erzählte in rasendem Tempo auf holländisch. Ich nahm ihm die Kartusche ab. »Aber Menschenskind, wo haben Sie denn Ihre Büchse?« Die Büchse war fort. Er hatte sie nicht mehr mitgebracht.

Slim kam düster zurück und warf ein paar geschossene Vögel ins Lager. Er machte kurze Angaben über van den Dusen. Dieser war von irgendeinem Djunglebewohner retiriert; plötzlich hatte er die Büchse in seiner Hast fallen lassen, sie verschwand in den Lücken einer natürlichen Bambuspalissade und war nicht mehr zu finden. Um Gottes willen, was kann das für ein Tier gewesen sein? Ach, wahrscheinlich hatte er Krach mit einem alten Affen wegen eines Sittlichkeitsdeliktes, begangen durch Flirt mit einer extravaganten Haremsdame aus königlichem Besitz. Slim schien aber im übrigen nicht spaßhaft aufgelegt.

Sicherlich hatte er den Kopf mit neuen Gedanken über einen Reformdjungle oder dergleichen voll, was ihm ähnlich gesehen hätte. Gott sei's gedankt, daß sie beide halbwegs heil zurück waren. Um die Büchse war's schade. Wir hatten keinen Ersatz. Wie man nur eine Büchse verlieren konnte! Es war zum Kopfabschütteln. Slim schien diesmal für diese arge Einbuße gar kein Interesse zu haben; es war natürlich, daß er den kranken Leichtsinnigen schonte, aber er tat auch sonst keinerlei darauf bezügliche Bemerkungen. Fing er wieder an, in sich hineinzubrüten? Fffft – wenn Slim krank würde! Aber er würde es am letzten werden, er hatte eine Indianernatur.

Wir sannen viel und schwer über gewisse Dinge nach. Große Theorien beschäftigten unseren Geist. Am Abend vereinigte uns das Lagerfeuer zu langen Debatten, auf die wir den ganzen Tag über wie auf Weltereignisse gewartet hatten.

»Haben Sie darüber nachgedacht?« frug Slim. In diesem Augenblicke machte van den Dusen eine Bewegung. Bisher war bis auf das Geprassel des Feuers kein Laut vernehmbar gewesen. Die Indianer lagen in tiefem Schlafe, den Alten ausgenommen, der ins Feuer blinzelte. Als van den Dusen sich regte, mußte ich zu ihm hinblicken. Er sah mit großen Augen auf uns herüber, die wir die Urwaldstille störten. Er fixierte Slim; es war etwas wie Erstaunen in seiner Art; er hatte nicht erwartet, den Mann hier zu sehen. Er ließ sich zurückfallen und wir sprachen leise fort.

Und in die große Stille, die jetzt eintrat, in diese hohle flaumige Windstille schlugen unsere Stimmen wie Widerhaken in Seide. Sie kratzten auf einem feinen Instrument, das sie gleichsam nicht zu behandeln wußten. Irgendeine anmutige, aber wilde Sanftheit, die über der Welt lag, wurde durch sie verletzt. Wir selbst fühlten uns gestört. Wir sprachen mit breiten Mündern und zischenden Stimmen, die Laute streiften den Rachen. Das Leben im Walde gab uns die Kehlen von Indianern.

»Nun?« sagte Slim. »Was denn?« machte ich zurück. »Nun, was denken Sie also? Über – na, über unser Buch?«

»Entschuldigen Sie«, sagte ich, »Sie sagen da unser Buch – das geht nicht, das ist eine Beleidigung. Ich erkenne Ihre Höflichkeit an, hehe, – aber es ist stets verletzend, wenn man dem anderen etwas zuerkennt, das ihm nicht zukommt. Nicht wahr?«

»Sicher«, sagte Slim gedehnt, »das ist es eben, Johnny. Es ist so merkwürdig. Ist es Ihnen noch nie aufgefallen – – –?«

»Was?«

»Nun, diese stacheligen Fragen – im Verkehr zwischen Menschen. Es gibt ganz feine Beziehungen zwischen ihnen. Da sind Dinge, die auf der Goldwage gemessen werden müssen. Superbe Kleinigkeiten – aber sie machen den ganzen Mechanismus aus. Kennen Sie das nicht?« Doch, das mußte ich zugeben. »Also, sehen Sie, das ist nun auch eine meiner Sorgen. Diese Technik muß gefunden werden. Wie kommt das heraus? Wie stelle ich das hin? Man muß das gestalten, es soll nicht mir nichts dir nichts vom Stapel gelassen werden wie fertige Wissenschaft. Es muß Bau haben. Es muß sich kristallisieren – verstehen Sie es?«

»Ja!« sagte ich.

»Ich spreche natürlich von meinem Buche!« sagte er. »Ja, ja!« sagte ich wieder, vielleicht ein wenig unentschieden. Er sah mich von der Seite her an. Er dachte nun entweder scharf nach und die Augenverdrehung kam ihm dabei zu Hilfe – oder sie war ein Zeichen seines Mißtrauens. Interessierte mich das vielleicht alles nicht? War ich ein Leimsieder und wollte lieber schlafen gehen... »Das muß sehr schwer sein«, sagte ich. »Sehr schwer; soviel ich davon verstehe – kann man nicht einfach die Resultate hinschreiben? Einfach von der Leber weg sprechen, einen Berichtzettel abgeben?«

»Nein, das geht nicht. Man muß erfinderisch Rechenschaft ablegen, heimtückisch motivieren, die seelischen Vorgänge im Fluß erstarren lassen und dennoch nie das Gefrorene daran zur Empfindung bringen. Man muß die logischen Verbindungsglieder vernachlässigen, wie sie die Wirklichkeit vernachlässigt, und die Verlaufskette erst nachträglich lückenlos schließen. Ein Kunstwerk soll es nun nicht eben sein, bloße Kunstwerke sind zwar sehr erfreulich, aber doch auch recht unwesentlich für die Menschheit. Aber eine Geschichte soll doch wirksam und überzeugend sein und nur das Gute hat diese Eigenschaften. Man muß also gestalten. Und ich muß also den neuen Menschen höchsteigens auftreten lassen, es muß sich so beiläufig herausstellen, daß er es ist, den ich meine. Er soll nicht nur rezensiert werden, er soll auch singen und handeln. Ich muß die Verbindungslinien zu den anderen ziehen, auch die ganz zarten. Der intimste Menschenverkehr muß sich vor aller Augen ergeben, zugleich aber soll er doch auch das bleiben, was er ist, ein Apparat von Ahnungen. Meinen Sie nicht auch?«

»Jawohl, Slim. Ich verstehe Ihren Ehrgeiz vollkommen. Man muß sagen, was man nicht sagen darf, ohne es zu verderben. Der Mensch ist so seltsam.«

»Ei ja; es handelt sich, wie gesagt, darum: mit meinem neuen Menschen steht es ganz eigentümlich. Er ist sonst ein gesundes Kind. Aber er hat eigentümliche Dispositionen. Gerade er – was sagen Sie zu diesem Einfall: er geht beispielsweise eines Tages mit einem Freunde auf die Jagd, einem Menschen, der ihm gleichgültig ist, wenn er auch gewisse unausgesprochene Antipathien gegen ihn hat. Und da geschieht es ihm, daß er den Mann, als dieser zufällig vor seinen Büchsenlauf gerät, gerade für jene Gleichgültigkeit und jene gewissen Antipathien, auf die er sonst keinen Wert gelegt hat – –«

»Aber Slim, pfui Teufel! Ihr neuer Mensch ist doch ein Muster von Selbstdisziplin und ein anständiger Kerl, wie ich ihn kenne, er ist doch hoffentlich – – –«

»Kein Meuchelmörder? No, eben nicht. Er tut ja nichts und er käme ganz unangefochten über dieses Phantasiestückchen hinweg. Aber er hat eine andere Eigenheit. Er denkt laut.«

»Er denkt laut?«

»Ja, er denkt laut. Er denkt suggestiv. – Kennen Sie das übrigens?«

»Nein!« sagte ich stark mit meiner ganzen normalen Stimme und schaute Slim dabei in die Augen. Das heißt, ich heftete dabei die meinen auf sein Gesicht. Er aber sah nicht mich an, sondern blickte ins Feuer, wie – hm, als ob er nicht ins Feuer blickte. Er spiegelte die Vorgänge in einer intensiv empfindlichen Unschärfe seines Blickes. Er sah mit Blicklosigkeit. »Soso«, fuhr er fort und verzog ein wenig gemacht den Mund. »Nun stellen Sie sich aber folgendes Experiment vor – mein neuer Mensch hat immer Experimente, bei denen es ihm ganz egal ist, inwieweit er sich selbst exportiert – stellen Sie sich vor, der andere, der vor dem Flintenlauf, erweist sich für diese Gedankensprache empfänglich. Er hört die Drohung so deutlich, daß er in panischem Schrecken davonläuft – er glaubt nichts anderes, als daß das Ende gekommen ist und springt und wirft alles von sich, um leichter weiter zu kommen – es wäre aber nie etwas geschehen. Das kennen Sie also nicht?«

Und da sagte ich endlich keck: »O ja, gewiß, das kenne ich. Ist es nicht zum Beispiel derselbe Fall: statt in die Augen zu sehen, starrt einer in – einen Spiegel, und der Blick, der durch diesen Spiegel geht, wirkt in dieser Weise außerordentlich gewaltsam, während der gewöhnliche Blick aus Fleisch und Blut gewiß viel weniger, ja vielleicht gar nicht gewirkt hätte? Ist es nicht das?«

Einen Augenblick herrschte Stille. Dann sagte Slim sehr hoch: »Ah? – Und was sagen Sie dazu?«

»Oh, ich enthalte mich jedes moralischen Urteils, wenn Sie das meinen. Ich finde es bloß sehr raffiniert. Es ist ein meisterhafter Umweg – eine Analogie gibt es vielleicht nur beim Geschlechte und in der Kunst. Hier ist bekanntlich jeder Umweg ein Zeitgewinn. Ein sichergestelltes Verfahren. Nein?«

Slim nickte lächelnd und sah ins Feuer. Er sagte: »Sie kennen das also. So. Ich sage immer, Johnny, Sie haben Chancen. Wir verstehen uns. Wir wollen aber nicht stolz sein, nicht wahr, und zusammen arbeiten. Sie haben Ihren Anteil an der Idee, so oder so, von welcher Seite auch die Idee datieren mag.« Er schwieg, sprach fort: »Aber das geht nicht ohne Pflichten ab. Sie sind zum Zuhören verurteilt. Sollte ich zufällig die Küste nicht mehr erreichen, so wissen Sie, was zu tun ist. Sehen Sie, gerade dies, dieser merkwürdige Kontakt zwischen Mensch und Mensch, muß in das Buch. Diese Einzelzüge sind die Moleküle, die zusammengespart werden müssen. Rücken Sie sich gefälligst die Schwierigkeit vor Augen, einen Menschen nicht als Haut, sondern als System zu erzählen. Ihn just aus diesen Partikeln heraus aufzubauen. Denn, unter uns gesagt, was ist der Mensch denn anderes, als eine Schnittlinie im jeweiligen Augenblick losgelassener, noch unerkannter Einzelvorgänge? Es gibt doch keine Charaktere mehr. Das heißt, man ist dieser Formel draufgekommen und hat auch sie zerteilt. Es gibt keine Charaktere, keine großen und keine kleinen. Nehmen Sie unseren neuen: Er ist ein Kraftmonstrum, alles an ihm ist Training, er hat sich so lange das Zopfige abgeschnitten, bis er nach rückwärts kahlrasiert dasteht. Aber nein, jetzt hängt ihm der Zopf nach vorne, er ist einseitig für die Zukunft eingenommen, er ist baufällig nach vorwärts, gebrechlich wie alles Menschliche. Er ist gar nicht positiv, sondern er ist nur eine radikale Ausweitung des bisherigen Prinzipes, er ist ein Negativ vom Negativ und seine Lebenskraft ruht im Paradoxen. Aber er ist ein Charakter! wird man sagen. Nun ja, er ist lebenszäh. Aber Charakter, Charakter – das gibt es ja nicht. Es gibt nur Situationen, es gibt nur diese Beziehungen zwischen den Menschen, Ausflüsse magnetischer Art, von denen der Europäer bis heute noch immer weniger weiß, als zum Beispiel ein halbgebildeter Inder. Da ist eine Schablone, ein Arrangement von erteilten Kräften: in jedem Winkel, wo Menschen hausen, ist es dasselbe. Die Positionen bleiben konstant; es ist aber nicht stets derselbe Mensch, der sie einnimmt; im Gegenteil, bald sieht er sich selbst, wo er einmal war, und wenn er kein schlechtes Gedächtnis hat, kann er sich dergestalt von allen Seiten beschauen. Das Ganze beginnt sich wie ein Kreisel um ihn zu drehen, er macht den Kursus durch, behält ihn gut im Kopfe, speit, flucht und reitet auf sich herum, ist demütig und erhaben, wandelt sich in allen Tonarten ab und landet bei der vorgeschriebenen Verzweiflung – halt, jetzt ist es nämlich Zeit für das Neuartige. Denn wenn er diesen Kursus durchgemacht hat, sein Stolz und sein Selbstgefühl in alle Windrosen gezerrt, gestreckt und gemahlen sind, wenn ihm die Drehkrankheit aus den Augen schaut, dann ist er für die Neuheit und für eine ewige Jugend reif. Er verzweifelt mitnichten, er wird weder Pessimist noch Dichter, nein, er trachtet sich und seinesgleichen, seinen Nächsten und Fernsten, fest auf die Erde zu pflanzen. Er ist vollständig gewissenlos, er kennt die gespannten Hähne in sich, die wohl nie faktisch losgehen, aber auf einem raffinierten Umwege denselben Meuchelmord versenden – und er sagt nicht: Schlaf! dazu, sondern: Wach auf, Junge, und hüte das Zündel! Er weiß, daß er kein Charakter, sondern bloß ein anständiger Mensch ist. Im übrigen ist er eine Nummer in einer Situation und nicht immer die höchste. Er entsteht eigentlich erst durch die Dispositionen der anderen, durch die anderen Nummern, und er hat eine gewisse Ehrfurcht, vielleicht seine einzige, vor diesen Zahlen. Vergessen Sie diese Züge nicht an ihm. Ich will es Ihnen einprägen, wenn ich darüber spreche. Nun soll ein Buch entstehen, in dem er alle Nummern vorübergehend besetzt, auch diejenige, die eine Einsicht über sein zahlenhaftes Dasein deckt, er soll in diesem Buche, in dem alles an ihm demonstriert wird, auch schließlich selbst an sich demonstriert werden, er soll nicht bloß Figur, er soll auch Abhandlung sein. Er muß in der Rezension aufatmen wie in der Handlung. Das muß mit bestialischen Finessen geschehen. Das Buch soll Ideen haben, die spazieren gehen. Damit man erkenne, aha, so funktioniert man also! Man gibt im Buch wohl noch Charaktere, aber nur als Träger von Ideen. Mein Buch soll das Epos der Ideen sein, die Komödie der Gedanken; es handelt sich letzten Endes um die Entwickelung von Ideen, eine dramatische Entwicklung mit Expositionen und Peripetien. Es wird ein indisches Buch sein. Das ist höchst modern. Was sagen Sie dazu, Johnny?«

»Tja – ich habe das schon bemerkt. Ihr neuer Mensch ist wohl selbst eine Ihrer Ideen?«

Slim sah mich etwas gereizt an. »Ach so«, sagte er. – »Nun, das habe ich eigentlich nicht gemeint. Ich dachte dabei an das andere.«

»An das andere?«

»Ja, nämlich an ›die Gravitation der Intellekte‹.«

»Mhm.«

»Das soll sozusagen im Anschauungsunterricht gezeigt werden.«

»Sie machen alles so schwierig. Gravitation –«

»Nun, eben diese Abhängigkeit der Geister voneinander, diese sublimen Kontakte, die den Verkehr von Mensch zu Mensch bestimmen – Sie wissen, was ich meine?«

»Ja!«

»All right! das ist die Achse; darum dreht sich die Erde des Erlebens mit ihren Kontinenten des Charakters.«

Es entstand eine Pause. Danach sagte Slim: »Hören Sie doch, wie unsere Stimmen spröde tönen! – Indianer sprechen leise und harsch, wie es der Djungle verlangt. In unserem Gespräch klingt der Tonfall der einsamen Jäger nach. Sind wir nicht auch Jäger im Gebiet des Geistes? Ist nicht alles ewig Symbol für ein und dasselbe: den Menschen?«

»Ist der neue Mensch Okkultist?«

»Nein; aber er hat die Methode und das Genie seiner Urvorgänger. Er ist Beobachter. Sein Gehirn ist Trommelfell und Linse und empfängt Eindrücke ohne den Umweg über die Sinne. Die Reizschwelle der Organe liegt so tief, daß sie für das Bewußtsein begraben bleibt. Er ist suggestibel; seine Ausstrahlung – –«

»Slim? – – –«

Slim begann plötzlich zu lachen; aber er lachte ungern. Er schlug sich auf die Schenkel und rieb sich die Hände vergnügt über dem Feuer. Er schlug sogleich einen lustigen Ton an und sagte: »Sehen Sie, Johnny, ich habe Ihnen schon gesagt, der Zopf hängt ihm nach vorne, nach vorne. An ihm zieht er sich nämlich aus der Affäre.« Er versuchte, mich für seine Heiterkeit und seine gesunde Ironie zu gewinnen.

Van den Dusen starrte mit aufgerissenen Augen zu uns herüber. Wir gingen still schlafen. Statt voll weltlicher Abenteuer hatten wir den Kopf voll von Theorien. Das tropische Klima begünstigt das Entstehen abstrakter und weltfremder Systeme. Unsere Seele wiederholte den geschichtlichen Typus des orientalischen Heiligen und Ekstaten. Slim hat sich aber niemals mehr des näheren über seine »Gravitation« ausgesprochen.

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