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Robert Müller: Tropen - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
booktitleTropen
authorRobert Müller
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008927-1
titleTropen
pages5-16
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1915
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»Ursprünglich?« half Slim aus. »Sie meinen, ich besäße wohl gar nicht diese anmutige Weichheit des Geistes, wie sie – nun, sagen wir – den Wilden auszeichnet? Hm, das ist wohl möglich. Sie entschuldigen, wenn ich darauf überhaupt nicht eingehe. Aber es wäre beinahe ein Zeichen dieser Anmut, daß ich mir gar nicht über sie, beziehungsweise über mein Verhältnis zu ihr und ihre Echtheit an mir klar werden will: jedenfalls ist es ein Zeichen ihrer Abwesenheit, sobald jemand sich in dieser anmaßenden und mißtrauischen Weise mit sich selbst beschäftigt. Es liegt etwas Sklavisches und Furchtsames darin. Der herrische Geist kritisiert sich nicht; es wäre ihm vermutlich gleichgültig, sich auf Lügen oder Lücken draufzukommen; er ist vertrauensvoll durch sein Dasein. Ich bin bereit zuzugeben, daß Ursprünglichkeit und geistige Hingabe bei mir Programm sind: aber da mich diese Erkenntnis nicht erschüttern würde, entfällt sie. Denn eine seelisch so wirkungslose Erkenntnis ist überhaupt keine. Sie verstehen das Wesen des Glaubens nicht. Ihnen ist der Gläubige ein Dummkopf. Aber das ist er gar nicht. Er beherrscht Biologie und höhere Mathematik. Es ist diese ganz unäußerliche und der logischen Pölzung entratende Stabilität – ich sehe mich außerstande, Ihnen dies auch nur entfernt anzudeuten. Sie haben es nicht. Und der es hat, hat es. Damit ist die Sache entschieden. Ein Sklave kann ein Freigelassener werden – aber kein Herr. Haben Sie bemerkt, daß alle Herrennaturen gläubig waren und daß der Skeptizismus aus dem Geist der Sklaven kommt: ja, aus dieser hämischen Kammerdienerseele vor dem Schlüsselloche, he? Ich will gleich sagen, die Anwesenden sind ausgenommen, hehe...«

»Danke schön. – Aber wie meinen Sie das nun: Sie glauben – woran? An Träume – –?«

»Nein. Ich glaube nicht an Träume. Ja, ja. Das ist so eine Sache. Ach, ich kann es nicht erklären. Es ist ganz anders, als so gerade drauflos. Nein ich erkläre es Ihnen doch. Der Traum ist nicht unlogisch. Seine Logik ist im Gegenteile strenger. Ein Spazierstock, der im Boden steckt, kann etwas Furchterregendes, er kann das Grauenvolle selbst sein. Denn es ist unmotiviert, daß er dasteht. Er steht ein wenig schief: und dieser stumpfe Winkel hat eine infame Bedeutung, er kann eine Katastrophe versinnbildlichen. Eine ganz schäbige, flüchtige, gemeine Handlung kommt in ihm zum Ausdruck. Es ist eine stählerne Logik darin. Nur der Traum ist rational. Er kennt nichts Zufälliges oder Wirkungsloses.«

»Aber er ist doch nur etwas Sekundäres«, sagte ich. »Er ist ein Anhängsel zum Leben, ein Nebengebäude.«

»Nein«, sagte Slim rasch, »Sie irren. Was Sie im Traum erleben, erleben Sie in einer anderen Welt; aber es gehört zur Totalsumme Ihrer Erlebnisse; jetzt leben Sie. Sie wissen nichts vom Traum. Sie träumen: Sie wissen nichts vom Leben, Sie erinnern sich daran wie an einen Traum. Beide Erlebnisse sind real, nur der Akzent ist geändert. Solange Sie wachen, scheint Ihnen die Wachlogik die kompaktere; im Traum aber zweifeln Sie keinen Augenblick an der Traumlogik. Was ist schließlich jede logische Deutung: etwas Unlogisches, eben eine Deutung, eine Dichtung. Nehmen Sie allein den Fall an, daß Sie sich während eines unruhigen Schlafes den Rücken an der Bettkante verletzt haben; Sie träumen im gleichen Augenblick, daß Sie jetzt jemand, und zwar auf der Stelle, in den Rücken stoßen wird. Vermutlich ist beides eine Ausrede; aber jedes ereignet sich in einer logischen Welt für sich, an der Sie teilhaben...«

»Ja, aber wie erklären Sie das? Es muß doch eine Erklärung geben?«

»Nein, ich erkläre es gar nicht. Ich gestehe Ihnen hier, und mit einigem Stolze, daß ich absolut kein Bedürfnis nach solchen Erklärungen habe. Das Wunderliche an den Dingen ist für mich genau so befriedigend wie das Erklärliebe. Das Erklären ist eine bürgerliche Konvention und man wird es überwinden, wie man die bürgerliche Moral überwunden hat. Der vollständig voraussetzungslose Mensch ist gläubig; abergläubisch wenn Sie wollen; aber gewiß in einem stark menschlichen und reifen Sinne. Erklären? Erklären muß man das, was man nicht einordnen kann. Aber ich ordne das Seltsame ein; ich begreife es so rund und innig, wie ich etwas Begründetes begreife. Es ist gar kein Trieb zur Erklärung in mir; es macht mich nicht zwiespältig. Das Seltsame ist das Vollendete. Es ist gerade und rüstig wie eine Tatsache.«

»Tatsache?«

»Tatsache! Warum mißverstehen Sie mich? Ich leugne ja die Tatsachen nicht, vor allem nicht ihren Wert. Im Gegenteil; ich bin ein solcher Liebhaber von Tatsachen, daß ich sie verkürzt finde. Es gibt viel mehr Tatsachen, als deren hingenommen werden. Es gibt Wachtatsachen und Traumtatsachen. Und was ich nun behaupte, ist dies: daß beide für das Individuum konstitutiv sind. Der Mensch besteht nicht nur aus dem, was er im Wachzustande, sondern auch aus dem, was er im Traume erlebt. Wir geben zu, daß er sich körperlich im Schlafe entwickelt. Aber auch seine Traumerfahrungen, dem Wachbewußtsein nur selten geläufig, gehören zu seinem seelischen Wachstum. Haben Sie das noch nicht bemerkt? Ich dächte, Sie wüßten dergleichen schon. Ich habe Sie eine Zeitlang beobachtet. Sie sind empfindlich, analytisch und hellseherisch. Ich berechne dies aus Ihrem Verhalten. Ich weiß, daß Sie den Hund erschießen wollten. Da ich dieselben Eigenschaften an mir habe, kann ich gewisse Handlungen mit einer nahezu exakten Methode zurückdatieren. Sie haben schwere Träume. Ich habe Beweise dafür. Es würde mich wundern, wenn Ihnen meine Gedankengänge zu schwer fielen – aber vielleicht sind Sie doch ein konventionellerer Geist als ich annahm!«

Ich war konventionell, aber ich sagte: »Ich verstehe Sie!«

»Ja«, fuhr er fort, »nun, sind Sie nicht auch der Meinung, daß der Traum rational ist? Es ist ganz seltsam. Was er nicht versteht, quittiert er mit Grauen. Ich habe jetzt zum Beispiel öfters einen Traum. Da steckt eine Klinge im Boden, sowie ich es vorhin von dem Spazierstock erzählt habe. Es ist eine dünne stark verschliffene Machetta. Sie steckt inmitten eines Farndickichts. Wer hat sie dorthin gesteckt? Es ist merkwürdig, wie sie da steckt, und es beschäftigt mich. Gleich daneben liegt ein Körper, der Körper einer toten Frau. Dieser Körper ist mir gleichgültig; ich fürchte mich nicht vor Leichen. Aber das Geheimnis, das in dieser schrägen Klinge steckt, erregt mir ein Grauen. Es muß etwas Furchtbares in der Nähe sein, etwas Harmloses, Dummes, Durchschnittliches von einer sinnlosen Leidenschaft. Die Leiche könnte mich beruhigen, denn nun ist die Drohung, die aus dieser Klinge schielt, schon ausgeführt. Aber der Urheber ist unerkennbar. Dies beunruhigt mich im Traume. Sie sehen, wie gründlich und logisch, ich möchte beinahe sagen, wie moralisch der Traum verfährt!«

Ich zitterte. Eine unerklärliche Angst überlief mich. »Wieso haben Sie denn gerade diesen Traum?« sagte ich.

Ich glaubte zu sehen, daß Slim lächelte. »Kennen Sie ihn?« frug er. Es entstand eine Pause. Plötzlich sagte er mit betontem Leichtsinn in der Stimme. »Johnny, sagen Sie mal, hatten Sie an jenem Abende etwas mit Rulc zu tun?«

Ich erstarrte. Mein Gehirn stand still. Eine Erinnerung wollte sich formen und versagte.

»Erinnern Sie sich«, drängte Slim, »es war die Nacht vor dem Aufbruch.« Eine Erschütterung ging durch mein Gehirn, ich befand mich in blauem Lichte und wurde von einem schönen weichen Wehen getragen. Es war der Klang melodischer Hölzer. »Ich weiß es nicht!« schrie ich auf.

»Sie wissen es nicht?«

»Nein, um Gotteswillen, ich weiß es nicht. Ich hatte damals eine erregte Nacht. Ich schlief schlecht. Ich verstehe Ihre Frage nicht. Ja, es ist möglich, daß ich bei Rulc war. Aber ich habe den Verdacht, daß ich es mir während meines Fiebers nur zusammengereimt habe. Meine Phantasie arbeitet rastlos. Ich habe die Feuchtigkeit des Waldes nie recht vertragen. Sie wissen, wie das im Fieber ist: eine Kleinigkeit, ein Wort, ein Anblick genügen, um Selbsttäuschungen daran zu spinnen!«

Slim nickte unmerklich. »Erinnern Sie sich«, wiederholte er und sah mich ohne Härte, aber ruhig an, leise drückend wie ein Hypnotiseur. Er lächelte; dieses Lächeln war das Entsetzliche. »Erinnern Sie sich. Sie haben die Machetta in den Boden gesteckt. Sie taten dies aus zwei Gründen: es ekelte Sie, denn Sie sind zart, und Sie steckten die Klinge in die reine Erde. Sie haben guten Geschmack: Sie würden aus gutem Geschmack eine besonders leidenschaftliche Tat unterlassen – oder dann vergessen. Ihr Gedächtnis will nicht aufbewahren, womit Sie sich vor sich brüsten könnten. Sie fürchten Ihren Heroismus, denn Sie würden selbst dann nicht an ihn glauben, wenn er erwiesen wäre. Zweitens: Sie steckten die Klinge in den Boden, damit sie nicht so leicht gefunden würde. Dies war natürlich falsch. Denn wenn jemand an die Leiche heranlief, weil er einen ganz tonlosen Seufzer gehört hatte, der ihm auffiel, so mußte er daran stoßen; es gab einen zitternden metallischen Klang, er bückte sich und bekam das Ding in die Hand – – –«

Er flüsterte und schielte mich mit kreuzweis gerichteten Augen über das Stirnbein an. Da löste sich der Draht, den er von seinen Augen aus um meine Stirne gedreht hatte. Ich mußte innerlich befreit lachen. »Ich verstehe Sie nicht«, konnte ich kalt sagen. »Ich habe mit dem Messer nichts zu tun gehabt. Es ist ja das Ihre. Ich habe es bei Ihnen gesehen – – –«

»Ja, es war einmal das Meine«, antwortete er nachdenklich, sich aus seiner zusammengefaßten Haltung streckend, »ich hatte es lange Zeit bei mir geführt – und nun ist es wieder in meinen Händen. Jaja, so habe ich es mir auch gedacht. Ich war aber nicht ganz sicher. – Nun sagen Sie mal«, rief er freudig, »da haben Sie gleich eine dieser sonderbaren Beziehungen zwischen den Wach- und Traumerfahrungen. Diese Machetta, mit der ich tagsüber den Wald dranchiere, kehrt in meinen Träumen wieder. Warum sollte also ich nicht noch einmal vorkommen?«

»Dies ist ein Fehlschluß!« lachten wir beide, eine versöhnliche Stimmung verpflichtete uns und wir besprachen diese seltsame Erscheinung des heftigen Traumes. »Tja, das ist sehr merkwürdig«, ging Slim von diesem Ausbruch der Heiterkeit zum Ernst der Debatte über. »Das Unerklärliche ist wohl ebenso vital wie das Erklärliche. Es ist unnütz, es verdrängen zu wollen. Ich werde dieses Rätsel der Machetta aus meinem Traum wohl nie lösen. Als Tatsache kommt es für mich kaum in Betracht; denn alles was um diese Machetta herum vor sich gegangen ist, kann kein Problem sein. Das Problem liegt allein im Ethischen möchte ich sagen, im Unerklärlichen, im Seltsamen; in dem Umstände, daß eine immerhin energische Tat so unvorhergesehen und vielleicht von der dazu gerade ungeeignetsten Person ausgeführt wird. Diese Verwunderung des natürlichen Geschehens über sich selbst kommt in meinem Träume durch die eigentümliche Stellung der in den Boden gesteckten Machetta zum Ausdruck: ja, der Traum wundert sich über die Unlogik des Wachzustandes. Er findet ihn schlecht motiviert und von widersinnigen Zufällen beherrscht. Er ist mit ihnen durch Gemeinsamkeiten verknüpft; es ist zum Beispiel möglich, daß zwei Individuen sich sowohl im Traume wie im Wachzustande treffen; es wäre vielleicht der Beweis für eine Art seelischer Identität. Aber soweit will ich nicht gehen; es überanstrengt unseren Glauben und verletzt die Konvention unserer Erfahrungen allzusehr.«

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