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Robert Müller: Tropen - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleTropen
authorRobert Müller
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008927-1
titleTropen
pages5-16
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1915
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III

Nach zwei Tagen Unzufriedenheit und Irrsinn durfte ich meine Vernunft rehabilitieren. Mein Glaube behielt recht wider mein besseres Wissen. Indien, das antipodische Tropenland, hat nach der Übung dieses Bewußtseins am Technischen seines Alltags eine Weltanschauung daraus geformt: Tatwamasi: das bist du! Nein, der große deutsche Philosoph hatte doch niemals soviel Wirklichkeit mit seiner Vergeistigung dieses Prinzips gedeckt wie jener alte Inderglaube. Zwischen mir und diesem Leben rings existiert nicht nur vielleicht eine metaphysische, es existiert sogar eine sehr hervorragende, ganz materielle Identität: In der Tat, diese Blume und ich sind weitläufige Vettern. Meine nähere Verwandtschaft hat es mittlerweile weit gebracht, dank der günstigen Umstände; jene hingegen hat Pech gehabt mit ihren Ureltern, und die Sünden der Väter werden bekanntlich gerochen an den Kindern. Gehe ich konsequent in meinem Gedächtnis zurück, lasse ich allmählich das Bewußtsein fallen, so gelange ich zu dieser einen Tatsache: Ich bin ein naschhaftes Zellenbündel und liege im Wasser. Sie bildet den Kern meiner Vertrautheit mit jedem somnolenten Zustande. Meine Lauheit und mein träger Sinn finden eine Erklärung. Arbeit ist mir noch heute zuwider, und ich liege noch heute hundertmal lieber am Diwan und rauche Zigaretten, wenn es nicht gerade um vitale Interessen geht. Aber geht es einmal darum, dann zeigt sich mein vegetativer Selbsterhaltungstrieb und die robuste Kraft meiner Abstammung. Meine Nerven laufen und verzweigen sich so infam, so raffiniert, üben sich so unermüdlich im Suchen, Fassen und Drosseln wie die dünnen, reiherartigen Fänge von Wassertierchen, wie die empfindlichen, schleppenden Greifarme dieser blöden, nichts als eine ums tägliche Brot bekümmerte Blase darstellenden Quallchen. Die Lauheit des Wassers ist die meines Blutes. Mein Herz ist ein fleischiger Sack und pumpt eine rote, warme, nahrhafte Flüssigkeit durch sich hindurch. Schwimme ich nicht in meinem eigenen Blute, bin ich nicht ein architektonisches Inselchen in der Strömung dieses Blutes, ein halb daraus emportauchendes Schuppengebilde? Was tut es, daß die Benetzungsflächen nach innen liegen, es ist die höchst geistvolle Umstülpung eines Prinzips, die praktische Lösung einer nahrungsökonomischen Frage. Es ist eine maschinelle Erfindung ersten Ranges, eine Raum und Zeit sparende Methode. Das Prinzip des nahrungspendenden Stromes besteht, aber während ich früher mit allen in eine Schüssel langte, habe ich jetzt einen kleinen Strom zum Selbstgebrauch, der mir soviel Substanz liefert, daß ich mir diesen Strom sofort wieder künstlich erneuern kann. Die Vorteile dieses Instituts sind handgreiflich, außerdem hat jedermann es erlebt, daß man die verschiedensten Dinge verdrehen kann, und sie ergeben dennoch einen höchst produktiven Sinn. Das Gefühl, das ich jetzt gegenüber dieser Tropenlandschaft habe, ist ungefähr jene selbstgefällige Wehmut, die eine moderne Lokomotive beim Anblick eines James Wattschen Teekessels empfindet. Ich bin eine vielfach verbesserte Tropenlandschaft. Wo ich gehe und stehe, trage ich eine Normaltemperatur von sechsunddreißig Graden mit mir herum, ein üppiges Anschießen der Säfte, eine Vegetation von warmer Pracht. Habe ich es geahnt? Die ersten Träume meiner Kindheit waren die von Sonne, Fülle und Reichtum. Plagen, Krämpfe, Verzerrungen gingen mir wehleidig wider den Geschmack, das äußere Leben des Unterhalts schien mir selbsttätig und selbstverständlich geregelt. Es handelte sich um Genüsse, nicht um Arbeit, um ein Büfett von Erlebnissen, nicht um einen Teller Suppe. Noch saß meine tropische Verwöhntheit mir in den Gliedern. Die Geschichte erzählte mir von meinen Vorfahren, nordischen Barbaren, die mit Kälte in den blonden Haupt- und Barthaaren und quarzenem Frost in den gierigen, hungrigen, bösen Augen ungestüm nach dem Süden drangen, und ich fühlte mit ihnen. Immer hing meine Schwermut der Freundlichkeit eines solchen Daseins nach. Nun der erste starke Eindruck einer südländischen Szene mich noch frisch zur Aufnahme vorfindet, rührt sich meine eigene prähistorische Existenz in mir, gibt aus tiefen Gründen eine Art Antwort in Stimmungslauten.

Der in Adern zwischen den Waldvorposten sich durchzwängende Strom stellte ein großes Herz dar. Stille wie er ging, leise wie sein Gefälle gegen die vagen Ufer pochte, brachte und sammelte er Nahrung für eifrig vermittelnden Humus, der sich in den seltsamsten Zellkonfigurationen, Bäumen, Gewächsen, Tieren zur Sonne emporblähte. Die Stille rings war unheimlich und klebte im Ohre. Ein schmatzender Zuck, ein Gurgeln unterm zotteligen Vorhang in den Lehmhöhlen des Ufers, das Schlürfen verdächtiger Löcher, das hin und wieder wie Detonationen zwischen die fadenlang gesponnene Zeit trat, zeugte von der steten Monotonie des Vorgangs. Aus dem Walde selbst kam ein knisternder Rhythmus. Dort rumorte noch der große Pan.

Mein Puls ging überleise, ich fühlte das freudige Wachsen mit. Eine Woche lang fuhren wir so den Fluß hinauf, die Szene blieb dieselbe. Die Trägheit nahm vollends Besitz von mir. Es kam eine Zeit, da interessierte mich mein Spezialgedanke nicht mehr. Die Sonne stand jetzt über dem letzten Wirbel, wenn wir im Boote saßen. Die Dinge blieben süß und fuhren fort zu zaubern, aber die Beobachtung begann sich zu lässigen. Alles wurde dicker und banaler. Wohl, ich trug die Tropen in mir – aber war es nicht eine ungerechte Benachteiligung, eine unnatürliche Belastung, war ich nicht gerade dadurch einer doppelten Erhitzung ausgesetzt? Durch Generationen war mein Organismus an die Überwindung von Kältewiderständen gewöhnt. Sein Verbrennungsprozeß war eigenmächtiger, seine Molekulartätigkeit eine regere. Die Exzesse meines Gehirns bewiesen es, diese krankhafte Schärfe des Stimmungsbewußtseins und der gedankliche Apparat, der dergestalt in Betrieb gesetzt wurde. Eine Weile mochte das angehen und ein Rekord an Selbsterkenntnis erzielt werden wie bei den alten Indern. Deren Vorfahren waren als eingewanderte Kaukasier in die Djungles und in die Güte ihres heutigen Wohnsitzes zurückgekehrt und hatten dann jene merkwürdigen Systeme telepathisch-spiritistischer Kräfte, pure Erscheinungen eines exorbitanten Erinnerungsvermögens, geschaffen. Das Surrogat: Gehirn, das für das Original tropischer Hitze eingetreten war, war zurückgenommen; im Schuß und Schwung der Trägheit blieb es erhalten und steigerte den Lebensgrad, den es vorher nur kompensiert hatte. Eine Weile konnte das dauern und Kulturen schaffen; tropische Schwüle, die sich zu Gehirn verflüchtigt hatte, verdichtete sich, wo sie auf die Reserven ihrer eigenen früheren Form stieß, und nordische Innerlichkeit, in äquatoriale Äußerlichkeit gekommen, kristallisierte monströse Bildungen, Kultur genannt. Aber dann mußte der Moment eintreten, wo die an harte Leistungen nach außen gewohnte Maschine den Dienst einstellte; der Mangel an Widerstand war unüberwindbar. Kamen nicht alle Eroberer und Schöpferrassen aus dem Norden, Chinesen, Inder, Hethiter und Juden, Hamiten, Türken, Germanen? Wurde der Mensch nicht hart, als er den Süden unfreiwillig zum Norden verließ, aber fing diese Härte nicht Funken und Feuer, wenn sie in den Süden zurückfiel? Entstanden nicht höchste Organisationen der Welt? Und brachen sie nicht zusammen? Auf die Dauer konnte die Maschine diesen Mangel an Arbeit nicht leisten; sie verausgabte sich. Sie war auf dieses bißchen Sonne mehr nicht angewiesen; aber es verdarb sie. Die Menschmaschine, die aus dem Norden kam, war das Dienern der Natur nicht wie der gegebene menschliche Organismus des Landstrichs gewohnt. Jene produzierte sich nicht nur ihr eigenes Bespülungsnetz, sondern auch ihre Beleuchtungs- und Ernährungsquelle. An ihrem Horizonte ging die Sonne auf und unter. Das Sonnenkind, der agilste, tapferste, beste und tüchtigste Typus einer bis jetzt erfundenen Menschlichkeit, war ja das Geschöpf des fernsten aller fernen Norden. In seinem Scheitel brannte ewig der glühende Ball der Sehnsucht. Seine Phantasie erwärmte ihn.

Die Menschen in der Nähe des Äquators aber sind nüchtern und sachlich, und seltsamerweise gleichwohl ohne die Tüchtigkeit des spintisierenden Nordländers. Sie sind nie Abenteurer im romantischen Verstande des Wortes, sondern entweder Poseure knallreicher Effekte oder bornierte Spießbürger mit zufälligen rücksichtslosen Geschäftsprinzipien. Jeder, der eine Erfahrung um des inneren Gehaltes willen gesucht, seine Einsamkeit im Strudel des Lebens um ihrer selbst willen exportiert hätte, wäre gesellschaftsunfähig geworden. Die Frauen? Die Frauen der Gesellschaft waren so glänzend und falsch wie ihre Diademe und pfundschweren Geschmeide, sie waren kalt und ohne erotische Einbildungskraft und benutzten innerlich stets die Hängematte zu einem faden Geschaukel. Stellt nicht die bevorzugte Hängematte an und für sich mit ihrer halbmondförmigen Grazie die ganze fruchtlose, für den Temperamentsausbruch vollkommen ungeeignete leibliche und seelische Indisposition eines Frauentyps dar, dem das Symbol des schlagfertigen, ebenso soliden als in seinen Möglichkeiten reichen Kanapees gegenübergesetzt war? Dies aber ist die Hängematte, das Erlebnis der amerikanischen, der westlichen Orientalin, diese Pendelbewegung zwischen Laster und Kälte, diese unheroische Andeutung von süßesten und heftigsten Situationen, die nicht erschöpft, ausgekostet und genossen werden. Diese literarische Art von Liebe, die nicht bis zum letzten geht, sondern vor der Tat langsam in den Traum zurückgleitet. Diese korrupte und gehemmte Leidenschaft, diese Süßigkeit der Schwäche und diese Spießbürgerlichkeit der moralischen Kraft ist die Hängematte, die Toilette der Kreolin, ein Garn von schlechtem Blute, eine krankhafte Fläche aus bösen Mischungen am Leibe einer Rasse. Die Hängematte war die enttäuschende Erfahrung des Nordländers. Was dann da von mehr oder weniger bürgerlichen Frauenschicksalen dem geübten Episodisten und forscherlustigen Chronikeur europäischer Zirkel erreichbar gewesen wäre, war so gut wie im Fusel ersoffen oder vom Heiratsgeschäft absorbiert. Der Glanz und Erfindungsgehalt mitteleuropäischer Liebesverhältnisse wurde umsonst irgendwo, und sei's auch mit Teilnahme am fremden Abenteuer, gesucht. Ich rechnete nach. Wie lange war's her, daß ich das Leben nach mondänen Genüssen gemessen hatte? Vor einer Woche hatten wir in einer kleinen Garnisonsstadt des holländischen Guyana die Zeit in Gesellschaft der paar anwesenden weißen Offiziere und einiger Negerdonnas verbracht. Vor drei Wochen hatte ich mit van den Dusen in Rio zum letzten Male einen Tanzsaal betreten. Und vor einem Monat, genau soviel vom heutigen Tage an zurück, war ich mit dem Manhattangirl, einem distinguiert verdorbenen Geschöpfchen, die große Schleifenbahn, das looping the loop, in Coney Island, immer und immer wieder abgefahren – hopp, da standen wir auf dem Kopfe, hopp, da waren wir herum, hopp, da sausten wir die Vertikale hinunter und hatten den Magen zwischen den Zähnen, weil er oben bleiben wollte!

Hopp, wie meine Gedanken sprangen, wie mein Gehirn in rasend fallender Kurve die große Schleifenbahn des Lebens nahm! Nun saß ich also hier und fühlte, daß der Äquator tatsächlich ein glühender Reifen ist, der durch die Eingeweide hindurchgeht. Ich muß gestehen, ich saß mit einer leisen, satten Verliebtheit da. War es sonderbar, mein Verhältnis zu dieser Umgebung hatte einen erotischen Beigeschmack. In den ersten zwei Tagen war es eine Leidenschaft gewesen. Ich ahnte die Tiefe, ich suchte sie. Das mütterlich Nährsame der Landschaft, dämonisch an Urerinnerungen rührend, hatte den stechenden Zauber einer begehrten Frau, der goldene Tore vor himmelblauen Schicksalen aufspringen läßt. Die Natur war hier erkenntlich an dem Reiz der Gebärerin, in der ein Mann die ersten Anfänge und letzten Bedeutungen des Ichs sucht.

Erotik, wie sie von den klügsten und tiefsten Geistern einer Kultur, der das altruistische Empfinden eigentlicher Liebe verloren gegangen war, geübt wurde, war und wird noch lange ein Suchen des Ichs im andern sein. Was ist die moderne Liebe, wo sie am prächtigsten ist, die Liebe ohne und wider das Geschlecht? Ein ungeheurer, widernatürlicher, aber in seinem Verfall noch sittlicher und schöpferischer Eitelkeitsakt! Der Kraftaufwand gilt nicht dem Problem, wie zwei zusammen leben, sondern wie der eine durch das andere in den Genuß eines höheren und raffinierteren Bewußtseins gelangen könnte. Ist es statthaft? Es ist statthaft. Es ist vor allem besser als das Nichts, es ist, als Durchschnitt, besser als die Vereinzelung wirklich altruistischer Liebe. Je mehr man sich dieses goldhaltigen, seltenen, feiertäglichen Falles für fähig halten mag, desto begehrlicher wächst das Bestreben, die erotische Mappe zu füllen und die Mission zu Ende zu führen. Jener Fall ist so erhaben, er ist so sehr über jedes gewöhnliche Maß hinaus, daß er uninteressant ist; er ist der Gegenstand von Idyllen, die heute nicht mehr geschrieben werden und erst wieder auf eine heroische und absolute Zeit warten. Er ist vollständig, er ist erledigt, er benötigt keine Berichterstattung irgendwelchen Art, er benötigt weder Geständnisse noch Missionen. Aber die kleinen, die unvollkommenen Fälle sind es, die dem Menschengeschlechte die Mission hinterlassen haben, sie zu komplettieren, damit es sich wieder dem großen, uninteressanten Ernstfalle zuwenden kann. In diesem Sinne habe auch ich eine erotische Mission auf mich genommen, ich bin bereit, zum Wohle der Allgemeinheit ein gut Teil ihrer Inferiorität zu tragen, sie zu erleben, zu erfühlen, vor allem aber, sie zu schildern und an ihrer Hand Lehren zu geben. Ich bin überzeugt, daß ich den Menschen mit schrankenloser Aufrichtigkeit über alles, was uns betrifft, einen wesentlichen Dienst leiste, und ich will mit meiner erotischen Naturgeschichte nicht zurückhalten; indes vermag ich mir auch vorzustellen, daß man in späteren Zeiten diese selbe Erotik, die uns heute noch so gründlich beschäftigt, vorsintflutlich finden wird.

Einen solchen lehrreichen Fall habe ich vor mir. Ich habe Beziehungen zu einer Natur, die ganz Weib ist. Geschlechtliches schwebt über den Wassern und Blutgesänge mische ich in einen Chor. Der Wald ist das große Herz, und das braune Wasser des Stromes ist mein heiligstes Herzblut. Liebe entsteht, wenn es fließt, eine Liebe, an der ich beteiligt bin; aber es ist nicht das große geistliche altruistische Gefühl, es ist eine rasende, eine wilde und begehrliche Liebe, es ist eine mondäne und grausame Liebe, niedrig, interessant und höchst lehrreich. Es ergeben sich in ihrem Umkreise, soweit ein Urwald, ein Strom und eine Sonne Herren sind, Zwischenfälle der schamlosesten Art, wie ich mir denken kann. Trübe Geheimnisse tauchen aus der Seele eines Mannes auf, und ich ahne Demütigendes, Verwirrendes, Sinnloses, poetische Kräfte, die demoralisieren, Leidenschaften, die Selbstachtung mit schärferen Zähnen stumpf machen, spüre im Schwanken schon jetzt Erstreckungen voraus, die nicht in Raum und Zeit, und was der Mensch der Städte davon weiß, gegeben sind. Ich atme, fiebernd, Welten, unsagbar wo hinter der meinen, links, rechts, oben, unten?... und stürze in Existenzen hinab, die sich vor Urzeiten ereigneten. Das große Geschlecht der ursprünglichen Natur, Mutter und Hure zugleich, fordert meine Mannbarkeit heraus: ich enthülle mich, zeuge und reise.

Ich halte meine Selbstgespräche geflissentlich, weil sie über die Beschaffenheit meiner erotischen Art Anhaltspunkte geben. Diese könnten später einmal tauglich erscheinen. Denn in dieser Geschichte handelt es sich, wie bei allen richtigen Geschichten, um ein Weib. Ich denke dabei nicht einmal an Zana, in der vielleicht erst all dieses zur Auslösung kam; ich denke an den Wald, den Urwald, an die Sinnlichkeit dieser Natur, ihre Roheit, ihren ursprünglichen Elan, ihren schrecklichen, verwirrenden Trieb, ich denke an den Trieb, die Tropen im Gemüt des weißen Mannes. Die Frau nämlich ist ihrerseits nie aus den Tropen herausgekommen; und so gewiß der weiße Mann ein gänzlich verändertes System im Verhältnis zu seiner Urwaldherkunft darstellt, so gewiß ist es, daß Zana sich von keiner Boulevarddame wesentlich unterschieden hat. So gewiß ist es aber auch, daß die weibliche Natur der Tropen in jener weiblichen einer modernen Großstadt wiederkehrt, und, daß der Schritt vom europäischesten Europa mitten in den Djungle hinein nicht so abenteuerlich ausfällt, als man es sich erwartet hat. Denn was immer man erlebt, es ist stets dasselbe Abenteuer, es ist gleichgültig, ob man unter einen Panter oder einen Autobus gerät, das Gleichgültigste aber ist, ob sie Zana oder Fräulein Soundso heißt. Ich will jedoch nicht vorgreifen; es zu beweisen, bin ich gekommen.

Soviel will ich verraten, ich trage mich mit einer löblichen Absicht; die Aufgabe ist, die Allmählichkeit einer Wirkung tropischer Zustände auf ein nordisches Nervenleben festzuhalten; oder als Frage gestellt: Wie kann man auf distinguierte Weise verrückt werden?

Ruhe! »Die seltsamen, tiefen Einblicke in mein Inneres, die mir während der verschiedenen Phasen der Reife gewährt werden, bringen mich gleich das erstemal, damals als ich die Sprache des Waldes, die leben heißt, zu verstehen beginne, auf die Idee, daß es sich um eine Art erotischer Vertauschungen, eine Art etwas gescheiterer Hysterie handelte. Heute denke ich, daß Liebe und Erotik niemals Untergründe, sondern Folgen sind. Man hat die Entwicklung des Menschen auf sein Geschlechtsleben zurückgeführt und behauptet, daß der Mensch sich in eben jenem Augenblicke mit sich zu beschäftigen beginne, da er liebe. Dies erscheint mir nunmehr unrichtig; in dem Augenblicke, da der Mensch zur Selbstbeobachtung reif wird, wird er erotisch; er sieht sich nach einem Werkzeug um und entdeckt es in irgendeinem weiblichen Wesen, dessen passives Temperament ebenso stark ist, wie sein aktives. Sie studiert ihn auf diese Weise in sich; er studiert sich in ihr. Die erotischen Wettläufe des intellektuellen Mannes haben um so weniger mit der Weltreise: Liebe zu tun, je höher sein Intellekt steht« – werde ich schreiben. Ich bitte zu bemerken, daß ich referiere, die Gedanken eines von Hitze verbrannten und zu Asche gewordenen Gehirnes wiedergebe; ich schildere einen Mann, der inmitten gesegneter, abenteuerlicher Umstände, wie er sich einbildet, das Buch schreibt, das er erst erleben wird. Dieser Mann war ich. Ich war mit visionärer Kraft meiner eigenen Zukunft vorangeeilt. Ich fuhr als Schreibtisch einen Strom hinauf und vermengte in der Geschwindigkeit ein wenig die Zeit. Mein Gehirn aber war, zu meiner Entschuldigung sei's gesagt, der Brennpunkt eines Dutzends ehrgeiziger Sonnen, die sich einander eine Schlacht um die Weltherrschaft lieferten.

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