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Robert Müller: Tropen - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
booktitleTropen
authorRobert Müller
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008927-1
titleTropen
pages5-16
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1915
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Da geschah das Unerwartete, daß der Holländer zu sprechen begann. Er ergriff meine Partei. Er war ein gerader Kerl, und ich mußte eine schwärmerische Vorliebe für derlei Charaktere in mir vorfinden. Ich überschüttete ihn innerlich mit Dankbarkeit und schwur ihm Treue und Solidarität. Die Situation war nicht unangenehm, wir waren jetzt zu zweit und marschierten siegreich aufs Ziel los. Aber eine kleine Verlegenheit trat doch ein. Slim fiel es mitten im Debattieren ein, nach seiner Coltpistole zu greifen. Er wog sie in der Hand, fühlte gleichsam seine eigene Solidarität und kostete das Vertrauen aus, daß auch er zu zweit da war. Sein gelbes, bärtiges Gesicht bekam einen lasziven, geradezu lasterhaften Zug, er sah nicht nach uns, sondern nach Zana, und so war es ungewiß, wem von seinen beiden Gegnern die Worte galten. Er sprach gutmütig; aber ich hätte gewettet, daß in seiner Stimme etwas ungeschickt verbissene Gereiztheit, eine Art falscher Gesang zu hören war. Am merkwürdigsten war, daß er das englische »du« gebrauchte, als ob er eine Art Bibeltext spräche, etwas besonders Herzergreifendes, vielleicht Verächtliches. Er sagte:

»Ich weigere mich, mit dir zu debattieren, my boy. Du bist langweilig. Ich bin dir viel zu sehr Problem. Du beschäftigst dich zuviel mit meiner Person, jedenfalls mehr als anständig und gesund wäre. Das geht nicht; wir sind füreinander einfach unmöglich. Aber das kann ich dir sagen, du bist vollständig irrsinnig, du bist toll, du hast den Koller. Denn das, was du dir einbildest, gibt es nicht. Es gibt keinen Parallelismus zwischen zwei Menschen. Das ist die Spiegelmanie deines Gehirns. Wie du mich krank machst!« Er stand auf und ging hinaus und kam erst am folgenden Morgen wieder zurück. Um Mitternacht fiel ein Schuß und das Klagegeschrei von Affen scholl lange fort.

Am dritten Tage wurde die Arbeit am Boote eingestellt. Die alte traumselige Monotonie beherrschte unser kleines Lager zwischen den Flußklippen im Schuttloch wieder. Slim war es eingefallen, daß wir Futter brauchten. Er nahm wortlos seine amerikanische Büchse auf und lockte den Hund an. Dieser gehorchte schwanzwedelnd, trabte dreißig Schritte hinter ihm her, machte aber plötzlich kehrt und kam mit gedruckter Miene zur Höhle zurück, wo er sich an seinem Stammplatz zwischen gewisse große Steine legte. Slim rief und kommandierte, Zana warf mit Steinchen und Erdknollen nach ihm und gebärdete sich, als hätte sie nie im Leben ein wichtigeres Sittengesetz zu verteidigen gehabt. Das Tier erhob sich mit laffen Gliedern und drückte seine Augäpfel mit sterbenstraurigem Appell an unsere Barmherzigkeit in die eine Ecke, während es mit seiner Schnauze bang in die Luft hinausschnüffelte. Slim ging geradewegs an das gegenüberliegende Ufer, wo der Djungle am schüttersten schien, und verschwand mit dem Hunde in den Büschen.

Unter den Zurückbleibenden entstand eine eigentümliche Bewegung. »Uff«, sagte der Holländer ungewiß, »nun ist doch eine Seele weniger im Raume oder in der Zeit oder, was weiß ich, in welcher Dimension!« Er sagte nichts weiter darüber, schien aber boshaft vergnügt, daß er das Drama unseres Zusammenlebens angedeutet hatte.

Einige Zeit später, während ich mit müdem Kopfe die Vorgänge um mich herum anreihte, waren van den Dusen und Zana in ein entzückendes Spiel verwickelt. Sie bewarfen sich, mit was immer ihnen locker in die Hand kam, gerieten zufällig nahe aneinander, und ich hörte Zana eigentümlich lachen, als ob sie gekitzelt würde. Ich vermied es, schräg hinter mich zu sehen. Glühende Träume von brasilianischer Urwaldzärtlichkeit wucherten in meinem Hirne, das wie eine Sonnenlandschaft aus der Vegetation von Glutbrocken bestand. Im Paroxysmus der Wünsche, Hemmungen und Leiden über mein tatenloses Dasein krampfte ich mich zu einem Bündel zusammen und drückte mich mit voller, wahnwitziger Kraft rücklings an die Erde; ich folgte dem instinktiven Drange, mich zu begraben, mich vor dem Lichte, hei, dem weißen Lichte, vor dem meine Ohnmacht so kraß bloßlag, in den ewigen Schatten hinabzudrücken. Aus meinen Absichten wird nie und nimmer etwas werden. Nie und nimmer werde ich Zanas dünne Glieder umfassen dürfen, nie und nimmer werde ich ein Indianerprinz werden wie Luluac. Ich konnte das Rätsel nicht lösen. Es muß geheime natürliche Reize geben, denen das Weib sich unbewußt erschließt, oder doch solche, an die ein Europäer nicht zu denken wagt – denn mir fielen gewisse Süßigkeiten von den indianischen Gemälden ein, natürliche geschlechtliche Reflexe, die aus meinem Hirn gewaltsam weggestaut sein mußten. »Ich habe das Rätsel auch später nie gelöst.« Dieser Satz fiel mir damals ein; ich würde ihn zukünftig denken. »Ich habe Frauen aller Länder gesehen und genossen, aber immer wieder mußte ich mich an dieses seltsam häßliche Geschöpf voll verwickelter Reize erinnern. Der natürliche Egoismus eines anmutigen und starken Menschen hat saugende Kraft; die schwächere Seele wird leidend in ihn verarbeitet«, schrieb ich in Gedanken nieder. Häßlich – habe ich Zana wirklich jemals schön gefunden, wie oft ich sie auch so nannte? Zana, nein, besaß keinerlei von bleichgesichtigen Idealen und Künstlern her beeinflußte Schönheit. Sie war abnorm dünn, flötenhaft dünn, die Knochen sprangen unter ihrer braunen Haut durch wie Drähte, aber diese Haut war glatt und knapp und folgte geschmeidig dem Ornament des Baues. »Immer wieder habe ich auch dies Rätsel gefunden, daß das Geschlecht des Mannes einen originelleren Geschmack in seiner Wahl zeigt, als das an Prinzipien und Einmaligkeiten gewöhnte Kulturhirn.« Ich erinnerte mich nämlich in die Zukunft, ich nahm mit meinen Worten alles Kommende voraus; es war mir mit einem Male gewiß, daß ich diese Phrasen einst mit gutem Gewissen würde gebrauchen können. Plötzlich klangen Schüsse aus dem Djungle, abgeschwächt vom Laube. Wir horchten. Van den Dusen sagte: »Nun wird er bald da sein.« Er roch ihn gleichsam und wurde mißmutig.

Und Slim kam, ohne Beute und ohne Hund. Niemand verlor darüber ein Wort. Und auch ich will darüber kein Wort verlieren, denn ich kann diese tiefen und bösen Dinge nur andeuten, wenn ich sie nicht entkräften will. Alle atmeten auf. Der Hund war nicht mehr Überlebender, die Ahnungen waren lügengestraft. »Schlange«, erzählte Slim lakonisch in dieses Schweigen, und alle lächelten in sich hinein. Sofort empfanden alle anders. Wir fühlten das Lächerliche dieser nutzlosen Handlungen, diese karikaturartigen Äußerungen plötzlicher Lebenslust. Ein noch so langweiliger Slim mit symmetrischen Lebenskräften war ein Ding, das Respekt einflößte. Ein kapriziöser Slim aber fiel unserer Verachtung anheim.

Er kam mit harten Schritten und breit gehobenen Schultern über das Gerölle daher. Van den Dusen war blaß. Was konnte Slim wissen? Alles. Wir lasen einander die Gedanken ja vom Kopfe ab, wir wußten, daß jemand gegenüber im Djungle versteckt dagestanden und zu uns herüberspioniert haben konnte. So weit waren wir schon, daß wir alle zusammen mit unseren Einbildungen an der Leimrute einer allgemeinen Stimmungskrankheit kleben blieben. Nun trat die Katastrophe ein. Slim ging mit dem geladenen Gewehr in der Richtung auf den Holländer zu. Ich hörte es knacken; er hatte die Patrone im Lauf nachgesehen. Mitten im siedenden Kessel dieser Atmosphäre packte mich der Frost, zwei, drei Sekunden lang hatte ich eine deutliche Wahrnehmung des Fiebers, das sonst rhythmisch in mir dahinflutete. Ha, jetzt kam die Geschichte zum Klappen, jetzt entlud sich aller aufgestapelter Haß, jetzt gab es Blut und Befreiung von dieser gefährlichen Gemeinsamkeit. Und nun – – –

– – – und nun begann Slims Schritt auf dem Kies schwach und gewöhnlich zu werden. Es waren Dutzendschritte, die da herankamen, nicht Slims Kraftschritte. O über die Armseligkeit dieser Schritte! Ich dachte an die Triumphe, die Slim mit seinem Gange gefeiert hatte, an meine knabenhafte Verzagtheit vor diesem machtvoll scheinenden, gleichmäßigen Tempo. Um es nur zu sagen, ich war kleinlich geworden in seiner erdrückenden Nähe und auf eine Bagatelle von Überlegenheit erpicht. Nun, Slim machte schlapp; er büßte seine Haltung ein, als er unser ansichtig wurde, sein Zorn wurde zu einem Brei von Leidenschaft und versagte wie nasses Pulver. Er sank mit vertretenen Füßen in das Flußgeröll ein und sah uns wenig an. Slim pflegte in seiner Brutalität oder Gutmütigkeit gut auszusehen; aber seine Symmetrie war verschoben, das Charakteristische seiner Haltung entwürdigt, wie er sich mit dem Flußgerölle abmühte, und nun sah er im Widerstreit seiner Empfindungen lächerlich aus. Ein Gedanke stieg in mir auf, ich blickte scharf auf seine Füße: Slim zitterte in den Knien!

Und so kam es denn, daß außer einem einzigen Worte Slims nichts gesprochen wurde. Nach dieser Demütigung Slims hätte man ein ehrliches Wort sprechen, das Übel abstellen und einander von mancher Last befreien können. Aber dies Wort kam keinem von uns dreien über die Lippen. Slims Gesicht bewegte sich beinahe schmerzhaft in Grimassen, er lachte aus Scham und Gott weiß was für Gefühlen, als er mit den Sandbänken im Flußbett kämpfte. Und angesichts dieses Lachens, das alles leugnete, wurden uns die braven und tapferen Worte, verstockt und elend wie wir waren, auf der Zunge dick. Unsere Gesichter verschieften sich gleich dem Slims, wurden unsymmetrisch wie unser Inneres. Ha, wir liebten und wir haßten einander, wir waren aufeinander angewiesen und waren doch unerträglich füreinander. Wir konnten einander nichts mitteilen, aber unsere Gedanken lagen offen wie geschlitzte Därme da. Wir platzten vor innerlichen Freisen, unsere Seelen waren wund und geschwollen und schon die Nähe der Fremden schmerzte. Im Höhepunkt dieser Erregtheit wollte ich schreien, bloß furchtbar und töricht herausschreien; aber ich hielt mich am letzten Haar zurück, denn ich wäre daran gestorben. Ich hätte mich totgeschrien.

Diese Krise, während der wir uns aufmerksam und mit leisen Spuren von Spannung beobachteten, dauerte nur Sekunden. Es waren Zeitmaße voll von einer ungeheuren langsamen Ödigkeit. Als diese epileptische Anwandlung sich abschwächte, nahm Slim mit deutlichen Anzeichen der Erschöpfung einen der umherliegenden Menagebeutel und stampfte brummend nach rechts davon.

Da tat ich denn desgleichen und marschierte nach links ab. Ich war ihm mit dem Blicke gefolgt, wie er über den weißen Schotter paddelte. Nun wußte ich mich selbst darüber hinpflügend, fühlte den Schmerz und die Wärme am Knöchel und sah die grelle Fläche unter mir. Einmal blickte ich um, ich hatte ein peinliches Gefühl im Rücken verspürt. Es war alles in Ordnung. Niemand hatte ein Schießeisen in Händen. Im Verhältnis zu dem schweren Kies waren meine Beine zu zerbrechlich, zu leicht und zu massearm waren sie. Es ging immer zäher und zäher, und als ich bei der großen schönblühenden Distel stand, die von der Robinsonade noch ersichtlich sein mußte, überkam mich die Sehnsucht. Mein Herz tat weh, ich liebte meine liebe alte Höhle mit dem wunderbaren Schatten, ich verlangte gierig nach van den Dusen, meinem weißen Freunde, nach Zana und den Indianern. Und da lag ich auch unter ihnen und war höchst peinlich berührt von der Anwesenheit eines anderen Weißen. Denn ich war erst gar nicht fortgewesen und legte das Gewehr, mit dem ich nachdenklich gespielt hatte, wieder an seine Stelle. Slim war ungefähr so weit, wie ich gerade in Gedanken gekommen war. Er hatte sich umgesehen. Er bog ein und verschwand von der Bildfläche.

Was war die Grundstimmung dieses Strategems? Ja, ich hatte aparte Pläne. Ich wollte mir eine Robinsonade auf eigene Faust gründen. Dort wollte ich leben und schlafen und arbeiten. Ich wollte jagen und mir mein Brot verdienen. Wie köstlich war es, des Morgens einsam zu erwachen, den ganzen Tag über sozusagen nur einmal statt dreimal auf der Welt zu sein, unbeobachtet und unverantwortlich für die Gedanken anderer, und mit der Aussicht, sich gehen lassen zu dürfen, wie man wollte? Ach Gott, Einsamkeit ist die Gunst des Schicksals. Besser, laute nutzlose Rede führen und in die Luft singen, statt das Tiefste, das man zu sagen hätte, verschweigen zu müssen. Einsam die Elegie dieser Einsamkeit bis zur Neige genießen, im schönen Singsang der Unbegrenztheit des eigenen Ichs die Zeit verbringen zu können! Ferne du, du selten gehaltenes Versprechen der Einsamkeit. Dich gedachte ich mit der geringen Distanz von fünfhundert Schritten zu erobern!

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