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Robert Müller: Tropen - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitleTropen
authorRobert Müller
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008927-1
titleTropen
pages5-16
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1915
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Slim lachte flegelhaft und ich erinnerte mich, daß er ein Yankee sei. Er trat herzu, dozierte, und wurde mir so mystisch und unbegreiflich wie je. »Ah, Sie studieren bei Rulc Malerei? Das ist gut, Sie können hier lernen. Lassen Sie sich lehren, alles dies ist elementarer, als was eure Malerei bis jetzt fertig gemacht hat. Kelwa lebt in jenem seelischen Stadium, da man noch Schragen sieht. Die Natur hält keine schönen Reden. Wo aber sind in euren schönen Kunstwerken die Schiefheiten, Einseitigkeiten, Zufälligkeiten? Wer sieht so aus, wie ihr ihn beschreibt, zeichnet, malt? Eure besten und idealsten Künstler sind süßliche Sudler gewesen. In diesen Bildern eines Barbaren liegt die einzige Humanität. Sie erfassen lebendige Form und die Dinge, die wahrhaft dahinter liegen. Denn, Johnny, merken Sie sich eins: Was wir wahrnehmen, sind Entschuldigungen unserer Sinne. Die tieferen Gründe der Reaktionen von Mensch auf Mensch liegen auf einem anderen Planeten als diese Erde ist oder liegen um Ewigkeiten von Zukunft hinter den Scheingründen verfrüht. Und den Urgründen ist Kelwa näher als Sie und Ihresgleichen – er hat die Zeit und die Entwicklung noch nicht entdeckt.«

In diesem Augenblick fand ich ihn unausstehlich. Gedanken, die ich zart und zweifelnd in mir trug, gab er einen derben Ausdruck. Er fuhr fort. »Sie werden dies noch nicht verstehen, nach diesen wenigen Bruchstücken meiner Anschauung. Ich habe Ihnen zwar schon davon erzählt. Mittlerweile ist aber in mir ein ganzes System entstanden. Wenn sie wollen...«

»O doch«, unterbrach ich ihn gierig, »ich verstehe schon. Dies ist... ich will sagen, in einer Manier von Landkarten gemalt. Aber wollen Sie behaupten, daß ich so aussehe... scheußlich, einfach scheußlich«, mußte ich lachen.

»No, Sir«, sagte Slim, »das ist es eben. Sie verstehen nicht über, beziehungsweise unter den Horizont Ihrer Sprache zu blicken. Unter Sprache verstehe ich jetzt das gesamte bildliche Ausdrucksvermögen. Die Sprache des Indianers ist seine Malerei; auch seine Wortsprache ist nur malerisch, nicht begrifflich. Die avancierte Sprache und Philosophie sind eins. Ist es Ihnen entgangen, daß die Welt auf deutsch bereits anders aussieht als auf französisch oder englisch? Die avancierte Sprache reagiert in der fünften Dimension. Darüber haben wir schon gesprochen, wie? Übrigens, was Sie da über die Landkarte gesagt haben, ist richtig, es stammt ja von mir.«

»Nein«, sagte ich verwundert, »das tut es nicht. Denn ich erinnere mich ganz deutlich an die Entstehung des Wortes. Ich könnte schwören, daß es von mir stammt. Ich habe es im Verlauf von Sekunden erobert, immerhin durch Beobachtungen erobert.«

»So?« sagte Slim gedehnt und sah mich lächelnd an. Er war maßlos eitel. Er schien mir wie ein Vampir, der die Gedanken und Ideen der anderen an sich saugte. Wiederum fiel es mir bei: Wer war hier der eigentliche Maler? Kelwa, das naive Genie, oder Slim, dem es vermöge seiner eigenen Durchdringungssphäre seines vielrassigen Ichs möglich war, in die Gedankenläufe anderer einzubiegen?

»Wie meinen Sie?« sagte Slim feurig. Seine Augen ergrauten in Verwunderung über meinen Widerstand. Er wurde nachdenklich. »Oh, nichts«, sagte ich schnell. Aber ich bemerkte, daß ich doch sehr gegen Kelwa war. Darum fing ich zu sticheln an; denn mager, abgöttisch mager fand ich seine Gestalten. »Zugegeben, es ist, physiologisch genommen, ein eigentümlicher Menschenschlag; meinetwegen eine Hochrasse; ihr reproduzierender Künstler ist auch ein Teilchen wahrhaftig in seinem Sehen. Aber diese Übertreibungen? Es ist unbeholfen, um Gott nicht künstlerisch, bitte sehr, nicht künstlerisch!«

Slim fuhr sich durch seinen guterhaltenen Haarschopf. Es war nicht auszuhalten mit mir! Rulc verschwand in die Hütte. Und vor uns bewegte sich ebenmäßig, klein und gelb der indianische Künstler, gerundet wie eine Statuette, voll, wie ein gutgenährter Knabe, mit einem zierlichen Wanste und tadellosen Füßen und Händen. Dies war der Mann, dessen Ideal im rachitischen, verrenkten Körper gipfelte.

Slim ließ seinen Haarschopf fahren. Ich war sicherlich noch dümmer als ich aussah. Er schien eines gewissen Einwandes von meiner Seite gewärtig, legte seine große Hand auf die Schulter des Männchens und sagte:

»Künstler, nun ja, Künstler brauchen nicht selbst ihren Idealen zu gleichen. Künstler schaffen Rassigkeiten, sind sozusagen das Ahnungsorgan einer Rasse. Sie werden das natürlich besser verstehen, wenn ich Sie einmal mit meiner ganzen Lehre vertraut gemacht habe. Künstler sind Maschinen zur Erzeugung neuer – –«

»Phantoplasmen«, sagte ich zufrieden und gelassen. »Ach nein, Phantoplasmen?« machte Slim, besann sich aber sofort und sagte: »Phantoplasmen, doch, das ist gut. Ich verstehe, Phantasie, Plastik. Das ist ausgezeichnet.« Er sah mich aufmerksam an. »Das ist besser als Phantomien. Phantomien ist nämlich das Wort, das ich dafür geprägt habe. Es ist doch merkwürdig, wie man auf dieselben Gedanken kommt, wenn man in der Einsamkeit sich gegenseitig ausgesetzt ist!« sagte er mit steinernem Gesichte. »Man durchdringt sich förmlich.« Ich errötete unter seinem Vorwurf. Seine gedankenvolle, nahezu weise Stirne schien der Ausdruck höchster Ironie. Er haßte mich, weil ich das bessere Wort gefunden hatte.

»Ja«, fuhr er fort, »das ist es wohl. Künstler schaffen Glückstypen und Schicksalsgenüsse. Auch eure rechten Künstler tun nichts anderes, sie schaffen die Glückstypen eurer Zeit. Der Glückstypus eurer westarischen Kultur ist der wissenschaftliche Mensch. Das Schicksal, das euch süß erscheint, ist die Plage der Analyse. Man hat ›Entwicklung‹. Es ist leicht möglich, daß man einmal über die Analyse hinauskommt und wieder zu stationären Typen gelangt, wie der Chinese. Aber hinter diesem – Phantoplasma von der Entwicklung vollzieht sich ewig gleich und unbeirrt das physische Urschicksal, das wir nicht kennen, das wir nur deuten, zu dem unsere Existenzen nur Symbol – wittern Sie die Kunst? – sind, und dem Kelwa durchaus nicht näher steht als ihr – nein, ich will sagen: wir. Durchaus nicht. Habe ich einmal etwas Ähnliches behauptet, so mit einem anderen funktionellen Werte als jetzt; nur bildlich, innerhalb eines Raumgleichnisses. Denn Kelwa hat ohne das Motiv der Entwicklung sein Phantoplasma, seine Rassenglücke und seine Dialektik. Seine Sprache ist unfähig, mich und meine Gedanken auszudrücken. Aber ahnen Sie schon, daß bei ihm das bloße Lustvermögen an den Farbenvorstellungen seiner Bilder genau so zureichende Erklärungen des Urempfindens einschließt wie unsere waghalsigsten Theorien? Er kann niemals denken wie ich und vielleicht – – –«

»– – – vielleicht«, rief ich jubelnd, »ist dieser Kelwa nur eine Ausdeutung des Urempfindens aus Ihrem eigenen Phantoplasma heraus!«

»Glauben Sie?« sagte Slim mit einem Zuge um die Augen, der alles bisher Gesagte förmlich zurücknahm. Meine allzu bereitwillige Zustimmung mochte ihn genieren. Ich verstand, daß er bereits die Einschränkung nötig empfand. »Aber was bewiese das? Daß meine Theorie rund ist, sich selbst als Theorie behandelt, also vollkommen alle Chancen auf Wirklichkeit erschöpft!«

Hier hatte man den ganzen Slim. Einen sublimen Spitzbuben. Intelligenz ist Gaunerei höchsten Grades. Ich sah zu Kelwa hinüber, der ein Gesicht aufbewahrte, das mich ärgerte; die Züge der männlichen Sphinx, des Künstlers. Der Künstler, da war er: eine Mischung aus Idiotenhaftigkeit und Rassenahnung. Ein schweres unverdauliches Widerstreben stieg in mir empor. Und ich dachte: Wer war ich? Der Spitzbube oder der Idiot?

Aus der Hütte zankte eine weibliche Stimme. Kelwa bekam es plötzlich eilig. Slim rief ihm herausplatzend noch etwas nach. Ich wollte doch sehen, sagte ich; ging hin und steckte den Kopf hinter die Matte. Gleich darauf war ich mit beiden Nasenlöchern wieder an der frischen Luft. »Bohemewirtschaft!« nickte Slim. Wir gingen zusammen in die Pampas hinaus.

»Ich bin ein guter Leiter!« begann Slim. Er schien mit einem Gedanken, der ihm schwer nachgehangen hatte, sein Geschäft abgeschlossen zu haben. »So?« sagte ich, »ein guter Leiter, wieso?« Plötzlich fiel mir etwas ein. Funkelnd vor Bosheit setzte ich den Einfall hin, mit der bescheidensten und sachlichsten Miene von der Welt. »Sie meinen wohl ein gutes Medium; das scheint mir auch, Slim.« Slim schnappte nach Luft, denn er hatte bereits etwas anderes sagen wollen. »Ach, Medium«, sagte er mit einer Stimme voller Plage, »warum denn immer diese unoriginellen Worte. Ich sage Leiter, denn es ist etwas Neues und wir brauchen einen neuen Terminus dafür. Übrigens trifft es den Nagel auf den Kopf.«

»Also Leiter. Wie meinen Sie denn das?«

»Sehen Sie, ich meine das so. Ein paar Anhaltspunkte genügen mir, um sofort mitten in ein Phantoplasma – wie Sie das herrlich genannt haben – versetzt zu sein. Sie mokieren sich natürlich darüber, daß ich kein Indianer bin, aber doch schon ein ganzes System über Indianertum zusammengestellt habe. Ist das so merkwürdig? Ich bin kein intellektueller Gauner. Geben Sie mir Kredit. Nein, geben Sie der Sprache Kredit. Ich schaffe Neues, vollständig Neues, mit keinem anderen Mittel als dem der Sprache. Ich brauchte das derbe materielle Erlebnis gar nicht. Ich denke; ich bin spekulativ veranlagt. Und ich habe die erschütternde Erfahrung gemacht – es war die ersten Male eine wirkliche Erschütterung – daß ich die Dinge alle so erlebte, wie ich sie erdacht hatte. Ich habe mein ganzes Leben zwischen vierzehn und zwanzig erlebt, als Seekadett, in eine Hängematte, eine Kabuse, ein Schiff eingesperrt. Damals wußte ich, wie jeder Seemann, nichts von der Welt. Nachher aber, als ich in die Welt kam, habe ich nichts mehr erlebt. Oder vielmehr, immer das Gleiche, immer wieder diese sechs Jahre persönlicher Einsamkeit, immer wieder diesen Inhalt von Erdachtem. Ich habe seither ein wildes Leben geführt, by Jove. Aber, von reifenden Ideen abgesehen, habe ich nichts Neues erlebt. Es war alles schon in mir, bevor ich noch seine Bekanntschaft machte. Ich weiß auch, warum es so ist. Es ist keine Schwäche, wie ich einmal dachte. Es ist eine merkwürdige Kraft, ja, Johnny, eine herrische Kraft, die mich anderen gegenüber oft in Verlegenheit bringt. Die Menschen laufen vor mir ohne eigene Gesichter herum, wie Brocken von meinem Ich. Ich besitze die Witterung, die Beobachtung, die Kombinationsgabe des Jägers. Ich habe aber in meinem Köcher Worte, Worte, nichts als Worte. Und ich bringe mein Wild zur Strecke, unabänderlich – lassen Sie sich sagen, daß die Jagdlust selbst das wichtigste Wild bedeutet, und daß Sie nicht von der Beute, sondern von der Jagd leben. Sie ist das einzige, erste und letzte physiologische Ereignis, und darauf kommt es an. Die Beute ist nur technisch da. An der Tatsache könnt Ihr verhungern – ich lebe von der Theorie. Ihr seid Träumer und beruft Euch auf den Augenschein. Just Ihr habt ihn nicht; Ihr habt ihn nie gehabt. Glaubt Ihr, daß Ihr sehen könnt? Ihr sehet ganz schwächlich. Ich halte mich an die Abstraktion. Ich stehe außerhalb des Lebens – ich denke das Leben, erschaffe es nach meinem Denken. Euch ist gesagt, Ihr sollt Euch kein Bildnis machen, nicht von Euch, nicht von ihm, von nichts – dies war der Apfel der Erkenntnis, der Euch verweigert wurde, eben dies! Ich aber mache mir dies Bildnis und die Realität prangt. Ich wechsle Sein und Denken, der Erfolg ist, daß ich lebe. Als Rest bleibt ein Schatz. Ein Schatz, Johnny, für den jeder andere nur Vorwand ist. Ich floriere, ich stehe hell in Blüte. Mir widerfährt das Wunder, und mein dürrer Stab schlägt aus. Ich erhalte physische Botschaft und höhere Bestätigung meines Denkens: Ich bin auf jenem menschlichen Maximalgrad von Existenz angelangt, der Glauben heißt; welcher Art mein Glaube ist, können Sie vielleicht erraten; ich will es Ihnen auch ein anderes Mal erklären. Nun fordere ich Sie auf zu lächeln, ich werde eine Antithese gebrauchen: ich habe Praxis im Erkennen. Sie sehen in mir das Endglied mehrerer Rassen von Jägern und Abenteurern, von Beobachternaturen. Ich habe wahrscheinlich ein Training von Jahrtausenden genossen – bitte, sofort dürfen Sie reden – ähnlich dem buddhistischer Fakire, die ihren Organismus in einer uns unverständlichen Weise beherrschen und sich nach vierundzwanzig Stunden Totenstarre und Begräbnis exhumieren lassen. Auch ich bin begraben und lebe. Ich bin der typische Lebenslaie; daß ich trotzdem im Leben stehe und erlebe, ist mein Spezialvergnügen, aber es ist unwesentlich. Ich könnte geradesogut in einem Pariser Hotel sitzen und Bücher schreiben oder Bilder malen. Der Jeweilslaie ist der Beobachter, er ist der Schöpferische. Er kann...«

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