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Robert Müller: Tropen - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleTropen
authorRobert Müller
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008927-1
titleTropen
pages5-16
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1915
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Die Bildwerke, die hier herumstanden, lenkten mich ab. Der Hundegenius mit seinem langschnauzigen süffisanten Gesichte – es war in der Tat ein Gesicht – beroch noch mit der gleichen Schleckrigkeit einen Liebesakt und das Leben. Die leidende Kreatur daneben schien mir bekannt. Es war offenbar ein Puma, der sich in Hunger oder Geschlechtsnot verzehrte. Sein Unterleib war sackartig gebläht, die Kopf- und Schulterteile waren mager. Sein Maul war bis zu den Speicheldrüsen jaunend aufgerissen und gen Himmel gestreckt, dünn gewölbt wie ein Vokalzeichen. Es beherbergte einen markerschütternden Schmerzensschrei. Neben den Tierbildern machten sich die gewohnten Räckeleien von Leibern breit, Gestaltungen von zwei und drei ineinander gepfropften Akten. Ich mußte Slim ansehen. Er sprach, vor den Tafeln stehend, lebhaft mit Kelwa und klopfte ihm auf die Schultern. Da kam mir eine Idee. Hier stand er wohl und begeisterte sich für das Ganze, weil er einen Teil begriff ? Wer konnte denn diesem Seelenleben, diesem so grundverschiedenen Phantoplasma, dieser nach schweren Umwälzungen überlebten Art von Anschauung in die Nähe kommen? Es war eine Verzweiflungstat, gottverdammte Dialektik, das war es! Vielleicht machte das Blut, das Blut, das durch das Hirngebirge rieselt, etwas aus. Wer war nun der eigentliche Maler? Dieser internationale und raffiniert erfahrene Abenteurer, der das Bewußtsein dieser Anschauungsformen motivierte und sich eigentlich schon auf einer Retourkutsche befand, oder Kelwa, der Eingeborene, der einfach malte, vermöge des Kontaktes zwischen seinem Hirn und seinem Handmuskel?

Ich starrte auf dieses Nebeneinander von Farben, das sich wie ein Rätsel im letzten Augenblicke, da man's zu fassen glaubt, verwirrte. Und plötzlich schien es zu meinen Gunsten verschoben. Der Eindruck von Wirklichem schnellte aus der Tafel, und als ich soweit gekommen war, hatte ich zum zweiten Male das Gefühl der Wandlung. Sah ich mit dem Rassenbewußtsein eines Indianers? Eine Formenwelt eröffnete sich mir, die technisch tief stehen mußte. Aber in ihrer Deutung war das Walten der Wesen nicht weniger erklärt, denn in der verwickeltsten plastischen Gruppe. Hier war alles entsprechend und befriedigend, restloser denn je ein Versuch der Natur, heroischer gleichsam als das Urbild. Alles war: Bild. Ja, gab es überhaupt einen Fortschritt der Technik oder war es nicht vielmehr das geänderte Bewußtsein, das eine geänderte Anschaulichkeit nach sich zog? Anschauen, beobachten heißt wollen. Wir unterziehen uns einer großartigen Suggestion. Das Wissen von Formen und Dingen ist vor der Wahrnehmung da. Im wesentlichen liegt allem das undimensional Gestaltete zugrunde. Was ist der einzelne Mensch? Eine Symbiose von Tieren. Dieser Kelwa besaß ein Phantoplasma, das seiner Art von Jägerleben entsprach. Seine Art Augen heulten und schnupperten in meinem Kopfe wie Hunde, für sie lag das Menschliche in so wohlgefälliger Häßlichkeit ausgebreitet wie etwa auf diesem Bilde. Hat man den Hund schon gefragt, wie die Welt aussieht? Würde er die Frauen Lionardos als Menschenporträte erkennen und würde er überhaupt Verständliches darin vorfinden? Wohlan, ich votierte für Kelwas Sehen. Was wir aus dem Sein analytisch herauskriegen, ist nur eine Synthese dessen, was wir zu unserer Lust brauchen. Kelwas Leben ist ein vollständiges System – eine Kultur. Kehre ich in der von mir erfundenen fünften Dimension gelegentlich zu ihm zurück, gut, so ist mir das Leben nach dreißig Generationen wieder einmal Jagd. Ich sehe Mensch und Tier unter der verwandten Form – denn die Form ist ein Vorwand für meinen Lebenswillen. Alle Lüste dieses Daseinszustandes versammle ich in dem Blicke, mit dem ich sie beschenke. In meiner Dimension ist eine enthalten, die Entwickelung heißt, das Substitut der »Zeit«. Suchen wir der »Zeit« ihre Kunst. Denn jede Dimension habe ihre Kunst. Die Musik ist das Undimensionale, der Punkt, das Sein an sich und der springende Punkt: die Lust. Wir haben ja jetzt Gott sei Dank entdeckt, daß die Lust auch bei Disharmonien nicht aufhöre und daß sie mit einem Worte allgegenwärtig sei. In der ersten Dimension haben wir die Kunst der Linie, die Architektur. Sie ist bei den frühesten Völkern zu Hause. Die Schwerkraft ist die Urlinie. Hat man nicht durch alle Zeiten geahnt, daß die Architektur der nächste Blutsverwandte der Musik sei? O wie sich alles klärt!

Kelwa ist ein großer Künstler, denn er gibt durch seine außerordentliche dimensionale Reinlichkeit das sinngemäße Weltbild wieder. Ich werde seinem braunen Weibe den Hof machen. Wer die Liebe aus diesem Quell schöpft... Es ist begreiflich, daß Kelwa den geschärften Blick fürs menschliche Prototyp hat! Wie sie herübersieht! Es ist die Rührung selbst in ihren Augen. Er muß, Konterstimmungen abgerechnet, ein glücklicher Gatte und Künstler sein – –

Mit kühler Studienlust fraß ich mich in die simple Symbolistik der Bilder ein. Der schreiende Puma in seiner Leibesnotdurft mochte ein Stammeszeichen sein. Ich bemerkte ihn in blauer Tätowierung auf dem Bauche von Madame Kelwa. Ich schlug mich in ihre Nähe und wies, um eine Unterhaltung anzuknüpfen, mit stummem Finger und übertrieben deutenden Blicken auf das, was an ihrem Leibe mein Interesse anzog. Ich frug nach dem Puma. Da ereignete sich eine höchst peinliche Szene. Das Weib warf sich plötzlich, mit einem Ausdruck unnennbaren Grauens im Gesicht, rücklings auf den Boden und blähte bei gespreizten Beinen den bemalten Körperteil zu gespenstischem Volumen auf. Es war, als ob der gesamte Unterleib erigierte, der Bauch näherte sich in einer Art magnetischer Elevation meiner Fingerspitze. Aber diese Nähe war, wie ich hinterher nach der Lösung des Kontaktes begriff, nur eine eingebildete. Mein Finger wurde nicht angezogen und festgehalten, ich hielt ihn, trotzdem ich das Gegenteil erlebte, freiwillig auf sein Ziel gerichtet. Das Fürchterliche, ja nahezu Lächerliche an dieser Szene war, daß ich während der ganzen Dauer der Faszination, die von meinem Finger auf das röchelnde, schielende Frauenzimmer und umgekehrt ausging, meinen schrägen Finger nicht um einen Zoll von dem Bauche abwandte. Der Dämon einer solchen Sinnlichkeit zwang mich zu einem maßlosen Erstaunen, meine Verwunderung kannte keine Grenzen und war schwer wie ein Alpdruck. Als ich zu mir kam, mußte ich tief und unbändig seufzen. Daß ich den Finger nicht aus seiner Starre rührte, war seltsam. Aber ich erinnerte mich in jenem Augenblicke gar nicht an mich, obzwar ich mich über die Tatsache selber, daß ich so unbewegt dastand, nicht genug wundern konnte. Ich war mir vollständig klar darüber, daß ich es nicht tun mußte, und daß es keine irgendwie geartete Kraft auf Erden gab, die mich dazu zwang. Um so rätselhafter bleibt mir dieser Vorgang, den ich unter jener Sonne mehrmals erlebte. Ist unser Wille so schöpferisch, daß er reale Wirkungen eingebildeter Kräfte in die Beobachtung rückt; oder verschleiert unser Bewußtsein redliche Wirkungen der Natur mit Hilfe eines bildlichen Willens? Ist unser Wille Urheber oder Begleiterscheinung? Dieser Gedanke tauchte damals zum ersten Male in mir auf. Er verschwand wieder. Er hätte das gedankliche Gesamtresultat der letzten Tage vernichtet. Die Sache war die, meine Besinnung und mein Entschluß waren theoretisch; praktisch dagegen hatte ich in jenen Sekunden rein auf mich vergessen. Ich nahm die Wirkung eines Posenwechsels in Gedanken ruhig vorweg; in der Tat aber war ich, mit dem Finger schräg auf den gewölbten Bauch vor mir weisend und mit Augen, wie Saugnäpfe starrend, dagestanden. Ich war geistig frei; mein Körper war gebannt. Und dann war ich wieder im praktischen Besitz meiner Kräfte. Noch stand ich still; mit einer leisen und nicht ganz zweifelsfreien Neugier nahm ich mir vor, abzutreten – jetzt! und bevor ich es dachte, sank meine Hand, eine Spannung ließ in mir nach; doch ermangelte allen diesen Empfindungen etwas, das ich Ernst nennen möchte. Da war alles bedacht und seelisch motiviert, da war nichts von der illegitimen Einwirkung geheimer Kräfte. Nur das Verhalten der Indianerin widerrief die Gewöhnlichkeit des Vorgangs.

Sie lag drei Schritte vor mir. Ihr Bauch stand da wie eine Schwangerschaft, eine große reife Frucht, geschwellt, gleichsam vielleicht von meinem Finger angestochen. Als ich zurücktrat und die Hand fallen ließ, schwoll er sichtlich ab. Der Kopf der Frau mit den stellenweise tonsurartig ausgerupften, sonst schulterlangen Haaren war zurückgebogen, aber seine Augen kletterten kurz unter den Lidern speergerade auf mich zu. Der Mund zwischen den vollen Backen stand offen, ich sah in seine violette Höhlung mit den felsigen, trapezförmigen Kiefern. Ein unregelmäßiges Keuchen drang mit dünnem Knattern an den Schleimhäuten vorbei und brachte schnarchende Geräusche mit sich. Der Leib streckte alle viere vor, mit dem in trüber Sehnsucht blickenden Unterleibe als Mittelpunkt bewegte er sich in den dumpfen, niedrigen Sphären, die ich schon an Zana beobachtet hatte. Während das Gehirn wieder in seine Herrschaft trat, arbeitete sich das menschliche Wesen allmählich ins Lichtere empor, eine berauschende Liebenswürdigkeit und Demut zeichneten sich in die fremdartigen Mienen der Frau ein. Sie rollte sich zusammen und lauschte. Slims und Kelwas Gespräche kamen von hinter der Hütte her. Ich stand ruhig, mit großer Würde, und ließ mir die beschuhten Füße küssen. Meine Hand legte ich in ihr seifiges Haar, ohne Ekel zu spüren. Ich sprach nichts und nickte bloß mit dem Kopfe. Sie schnarrte einiges in ihrer Sprache. Ich nickte wieder. Und nun stand sie auf und entfaltete sich zu einem kleinen, merkwürdig gebauten Frauenzimmer. Der Oberkörper war mager, die Büste flach mit langen Brüsten, die Schultern wie gezimmert, die Schlüsselbeine hervortretend als knochige Ornamente, die Arme mit nach außen gesenkten Unterarmen, in der Ellbogengegend nahe am Körper liegend. Die Hüften aber waren wellig und nicht reizlos. Die Wirbelsäule, vibrierend wie eine gebäumte Schlange, glitt mit einer Schweifung zurück und verschwand in der Doppelwoge von festem, plastischem Fleisch. Das rotblaue Schürzchen aus Beeren und Perlen, das sich verschoben hatte, fiel jetzt mit Zucht über den dreizinkigen Schattenstern.

Sie sprach zu mir, als könnte ich nicht umhin, den natürlichen Ausdruck ihrer unfeindlichen Gesinnung zu verstehen. Vertrauensvoll sah sie mich von unten an. Da gewahrte ich, daß sie große, vollständig braune Augen hatte, die erwärmten. Die Oberlider waren gebrochen wie unsymmetrische Giebel. Unter der Nase prangte unvermeidlich ein zieres Eberzähnchen. Die Folge davon war, daß sie die verkürzte Oberlippe stets offen hielt und ihre guten gelben Zähne wies. Ihr Teint war nicht mehr frisch, aber sanft und samten. Die Babutschen, die aus allen Ecken des Hofes und dem Innern der Hütte sich vernehmbar machten, waren ihre Kinder.

In diese Hütte verschwand sie. Als sie wiederkam, trug sie einen mannsgroßen Schild in Händen. Sie brach ihn auseinander. Da begriff ich unser gemeinsames Geheimnis. Es war jener Schild, den ich tags vorher mitten durchgeschossen hatte. Drei meiner Schüsse hatten ihn getroffen. Er brach entzwei, das obere Teil krachte herab – nun stand meine liebenswürdige Indianerin da und hielt mir den Rest mit unterwürfigem Blicke entgegen.

Sie stand ganz nahe bei mir. Ihr Ellbogen berührte mich an der Hüfte. Ich roch ihre ölige, bronzene Haut, die mit einem fremden, flachschmeckenden Parfum getränkt war, einer Blumensalbe, die ganz zutiefst einen vermischten angenehmen Reiz aufwies, in ihrer stumpfen Penetranz aber abstieß. Es vermengte sich mit dem leimigen Duft ihrer leicht echauffierten Achselhöhlen. Dies war die Ausdünstung eines wilden Tieres oder einer geilen, feuchten Djunglepflanze, kräftig und unfeststellbar wie der Geruch von Protoplasma. Meine Organe weigerten sich gegen ihn. Ich blieb höflich und standhaft am Platze und empfing den leichten Druck ihrer Gestalt. Indem ich an die Gesundheit dieses transpirierenden Fleisches dachte, stärkte ich mich. Trotz der außerordentlichen Magerkeit der Schultern zog sich die Haut glatt und gespannt über das Skelett. Mein Auge tastete über Mulden und elfenbeinartig gemilderte Höckerchen. Und sofort verhielt ich mich passiv, wehrte mich nicht mehr gegen diese Ausdünstung und empfand sie vertraut. Ich stemmte den rechten Arm in die Seite. Er berührte ihren sehnigen Rücken leicht. Sie lehnte sich daran.

»Rulc!« sagte sie in ihrer Schlucksprache. Sie hieß also Rulc. Schnell fuhr sie auf dem Bild ein paar Konturen nach. Mühelos gelang es ihr, sich ihrer leiblichen Identität zu erinnern. Langsam kam ich nach, ihr Finger wiederholte, dem Lauf einer Linie wie auf einer Landkarte folgend. Ich faßte zusammen, sie hieß Rulc, und ich hatte ihr Konterfei entzweigeschossen. Ob es sehr geschmerzt hatte? Sie stand jetzt beinahe in meinem Arm, in einer skizzierten Umarmung, wie ein europäisches Mädchen. »Soso, wunderbar«, sagte ich englisch, weil ich mich nicht stumm verhalten wollte. Und plötzlich begann ich, zu ihr zu reden, obwohl ich wußte, daß sie mich nicht verstand. Ich erzählte ihr, plötzlich voll innerer Ausgelassenheit, daß sie reizend sei, und löste meine Faust von der Hüfte, sie gleichsam zum Nachdruck einer sehr wichtigen Mitteilung in das Fleisch ihrer Taille bettend. Da verspürte ich ein ziehendes Unwohlsein im Nacken. Ein Gegenstand von packendem Interesse suchte mich von rückwärts her nach sich hin zu lenken. Es drehte mir den Kopf herum, da folgte ich aus tausend Gründen. Zuletzt in diesem Bruchteil von Sekunde war wirklich ich es, der mit dieser Bewegung endigte, nicht das andere. Es war eine uralte Bewegung, deren Gründe dem Gefühl nach eine Spanne von Ewigkeiten zurücklagen. Ich erinnerte mich an sie, wie an eine lang vergessene Pflicht. Und ich sah Slims Gesicht hinter der Hütte hervorlugen.

Er mußte den Kopf etwas vorstrecken, denn seine Figur blieb verdeckt; er zog ihn auch nicht mehr zurück, sondern trat vollends hervor. Er lächelte; es schien wohlwollend und konnte böse sein. War er eifersüchtig? Er hatte ein schönes, tiefliegendes, ein wenig hartes Auge. Es war etwas Scham- und Scheuloses in diesem Auge, es war frech, ließ nichts unbelastet, machte nicht Platz, beanspruchte den ganzen Raum. Ich weiß nicht, warum mir dies gerade jetzt auffiel.

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