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Robert Müller: Tropen - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleTropen
authorRobert Müller
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008927-1
titleTropen
pages5-16
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1915
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XX

Hier wurde ich von Checho gestört. Ich erhob mich von der Matte und meinem Lager aus Palmstroh, trat vor die Türe und sah in die gleißende Vormittagssonne. Draußen stand Zana. Ich blickte sie ruhig und mit kalten Augen an. In der Ruhestellung erschien ihre kleine Gestalt mager und unschön. Sie konnte mir nichts anhaben. Ich hatte meine Seele verloren, sozusagen um einer Djungleseele willen aufgegeben; nun hatte ich sie wiedergewonnen. Ich hatte meine Pace in mir; ich wußte, da draußen, ungefähr wo die Sonne seit morgens herkam, wartete eine Gesellschaft befrackter Herren und pompöser Damen auf mich. Ihrer Art konnte ich mich anschließen. Wir hielten Seancen, versetzten uns in die Trance und konzipierten den neuen Menschen. Wir hatten die Pace, die neue Pace, und jeder einzelne von uns hatte das Heil. Das Gift der Analyse war zu Räuschen gewendet. Alles Glück der Zukunft mußte darin liegen, daß man mit den Trieben seiner Neugier in Frieden lebte...

Die magere Gestalt der braunen Tänzerin rührte sich nicht; auch dann nicht, als ich, aus der Türe tretend, mich an ihr vorbeizwängen mußte. Sie sah mich mit flaumigen Blicken an. Während ich mit einem plötzlich emporbrausenden Energiestrom meinen Blick streng und zwingend auf die schmalen firnisbraunen Ovale zu stürzen suchte, die sie mir tierisch wie eine elastische Kraft entgegenhielt, und ich vergeblich gegen diesen verfilzten Blick aufzukommen suchte, drängte ich sie behutsam mit der Hüfte beiseite. Da geschah etwas Unerwartetes. Sie lehnte sich mit dem ganzen wesenlosen Gewichte ihres leichten Körpers gegen mich und versperrte mir den Austritt, stemmte sich mit ihren kräftigen Muskelchen dagegen, das ganze Persönchen lang Jauchzen und Triumph wie ein kleines Raubtier, das zur Übung seines Spieltriebes jede entgegenkommende Bewegung bereitwillig als Aufforderung deutet. Jenes abtötende Gefühl, der Schmerz der Beherrschung, befiel mich wieder wie damals, als wir den entzückten Müttern zuliebe die Anhänglichkeit ihrer Bengels duldeten. Die Unkraft dieses Angriffes, der mit einem Bruchteil des Elans, den ich selbst als gegenwirksames Mindestmaß hätte verwenden müssen, erfolgte, benahm mir meine neugewonnene Energie. Wir sind der Kleinheit einer Aufgabe nicht gewachsen, weil wir uns Schwierigem angepaßt haben. Wäre hier Luluac selbst gestanden, ich hätte mich besinnungslos auf ihn gestürzt, so blitzschnell und schlagsicher waren meine Fäuste, in die Wut das Blut gepreßt hatte. Die Gefahr hätte ich in diesem Augenblicke sehnlichst gewünscht und ohne Umschweife ins Auge gefaßt. Das Ärgernis aber fand mich schwach und verlegen. Ich gab nach und zog mich in die Hütte zurück, wo Checho an unserem Gepäck hantierte.

Aber was war das? Kaum sah Zana, daß ich den Kampf aufgab, als sie sich trotzig wie ein Gassenjunge in den Nacken warf und den Dingen ringsumher Fratzen schnitt. Es galt nicht mir, es galt den Dingen, die es mitangesehen hatten, wie ich sie beleidigte. Mit feiner Wut reagierte sie auf die Erniedrigung, die in meiner Ablehnung lag. Nun würde ich sie versöhnen, wußten wir beide. Und lächerlich, wie die Situation war, fiel auch die Sühne aus, rachesüchtig frischte ich den bitteren Humor des Augenblickes auf. Hurtig griff ich nach einer der großen Bouteillen Eau de Cologne, die Checho soeben aus einem Pack des Holländers zwischen Wäschestücken herausgeschält hatte. Der Zerstäuber saß noch von Rio her daran. Ich drückte den Ball und sprühte das Zeug dem Mädchen gerade ins Gesicht. Und nun schien es, als ob Zana doch noch ans Ziel ihrer Sehnsucht gelangen würde. Sie wollte etwas Gutes erfahren und sie erfuhr es. Als sie die Kühle des Äthers auf ihrer Haut spürte, erschrak sie, schrie leicht auf und trat Rückzug gegen die Türe hin an. Aber das kühle Feuer ging in ein wohltuendes Prickeln über. Ein Sturzbad von Kühle war auch für eine hartgesottene Tropenbewohnerin keine üble Sensation. Sie hielt die wohlriechenden Hände vor die Nase und schnupperte den fremden, blütenhaften Duft mit verständigen Zügen ein. Einen Augenblick später hatte ich sie wieder auf dem Halse. Ich mußte mich ihr mehrmals entwinden und hüllte sie von allen Seiten in einen tauigen Duft, wie sie, ausweichend und nach mir greifend, das Gesicht schützend gegen die Brust drückte. Schließlich riß ich den Zerstäuber samt der Kapsel weg und duschte sie in schiefen, schleunigen Quellgüssen mit dem letzten Inhalt der Flasche. Lachend zerrten wir uns beide über das Gepäck und die Strohlager der Hütte hin und her. Sie faßte mich beim Rocke, beim Arme, und suchte mir stürmisch wie ein Mannsbild das Gelenk auszudrehen. Sie mühte sich, eigensinnig auf die Zehen gestemmt. Immerhin, es schmerzte, so daß ich böse wurde und rauh nach ihren eigenen Gelenken griff. An diesen hielt ich sie kategorisch im Abstande von mir weg. Sie wand sich, verzog ihr Gesicht und ringelte den nervigen, geblähten Hals mit dem Kopfe über die Achseln, Brüste und den Nacken hin nach meinen Pulsen, schob die bloßgelegten Kiefer, tragend wie eine Viper, über den eigenen Leib hinaus gegen die Angriffsstellen vor. Jede Bewegung ihres Systems, das unabänderlich auf die beiden Berührungspunkte an ihren Knöcheln eingenietet war, kostete sie heftigen Schmerz. Hals und Kopf quollen über den Achseln förmlich vor wie über den Rand eines Gefäßes, brodelnd vor Wut und Haß wie das Schaumgekröse einer giftigen Flüssigkeit. In diesem Augenblicke hörte sie auf, Mensch zu sein. In ihren Gebärden war das dämonisch Formlose und Voraussetzungslose der von engen Instinkten bewegten Masse. Sie war ein wesenloser Körper mit einem einzigen stumpfen Bewußtsein, der Selbsterhaltung. Als in ihren entstellten und zu unmöglichen Vorstellungsformen zerlegten Leib plötzlich das jähe, züngelnde, flatternde Leben kam, war es so gespenstisch, wie wenn ein faltiger Lumpen wutentbrannt über sich selbst hinausstürzte. Es lag etwas von dem Haß des Frühorganischen und Elementaren in ihrem Treiben, ein katzendumpfes Reagieren, gleichsam ein linienlanges, direktes Dasein, eine formlose, primitive Seinserstreckung. Ihr Kopf wawerte erbost und nach Auswegen suchend zwischen den Achseln, während ich durch den schmerzhaften Druck auf die Nerven ihrer Handgelenke die Muskeln ihres Rumpfes steif und schachmatt erhielt. Es dauerte eine Weile, ihre Augen versanken in einer Art von Überanstrengung oder höchster Wonne in bläuliche Schatten, als sie diese plötzlich weit aufriß und mit einem namenlos schmachtenden Blicke auf mich richtete. Zugleich fühlte ich ihre Muskeln erschlaffen. Sie seufzte tief. Ihre Knöchel lagen willenlos in den Ringen meiner Hände, an deren Innenflächen ich es prickeln fühlte. Unter der glatten Haut des Mädchens schmiegten sich milde die strähnigen Sehnen und zarten Knochen des Armes in das sensitive Fleisch meiner Daumenballen. Ich stand von Entzückung ergriffen. Aber noch immer lauerte es hinter ihrer Süßigkeit wie eine Drohung, mir mit einem Biß an den Bauch zu springen, und so hielt ich sie von mir ab, wie sie so zu mir herstrebte. Checho stand schräg hinter meinem Rücken über das Gepäck gebeugt; ich sah ihn nicht deutlich; nur ein unscharfes und gebrochenes Bild fing sich von ihm am äußersten Ende meines Sehfeldes. Trotzdem wußte ich genau, daß er uns beiden den Kopf zuwandte. In seinem Gesichte mußte ein Lächeln liegen, das Unwillkommenes ausdrückt. Ich spürte dieses Grinsen mir im Nacken brennen. Meine Reizbarkeit war in diesem Augenblicke peinlich und ich fühlte mich geniert. Aber da war ich auch schon, bevor ich noch einen Entschluß gefaßt hatte, zurückgesprungen. Ich hatte zugestoßen. Zana taumelte gegen die Türe. Ich brach zurück, Chechos gebückte Figur floh in meinen Sehkreis. Da war das Lächeln, peinlich und neidvoll. Zana schrie auf. Hinter ihr auf dem lehmgelben Grunde des Türausschnittes stand ein hoher Schatten. Slim bückte den Kopf, trat ein und schob Zana unwirsch vor sich her. Sie zeigte sich bockig, er aber schlug eine Lache auf. Ein paar Worte bewirkten, daß sie sich an die Wand drückte. Slim stand hart und hoch im Raume und füllte ihn mit einem großen, kalten Dasein aus.

»Morgen reisen wir«, sagte er ruhig und stellte sich neben Checho zum Gepäck. »Das Luder kommt mit. Sie weiß es schon.«

Lieblich wie Entspannung legte es sich über mich. Ich sah auf Zana. Ihre braunen Ovale schaukelten mich elastisch an wie Tierblicke. Wie ein Schleier umwand mich das Grauen der Hoffnung.

Eine Viertelstunde, nachdem Slim die Indianerin weggeschickt hatte, schritten wir durch das Dorf. Vor Kelwas Hütte fühlten wir uns angehalten. Aus dem umfriedeten Vorhof ertönte Lärm und Zanken. Eine spröde Rachenstimme hatte die Führung. Hier war nicht alles in Ordnung. Auch sonst zeigte sich an den Männern, die auf den Wegen des sonnversengten Dorfes dahinschlichen, eine gewisse Ducknackigkeit. Die Weiber hatten ihre reizende Demut abgelegt und schalteten mit öder Gleichmütigkeit um das Wohl der Familie. Das Leben schien um einen Grad gewöhnlicher und leerer; der Nimbus des Exotischen war gefallen und ich spürte eine kräftige Gleichgestelltheit mit dieser mich sonst beherrschenden Umgebung. Ha, hatte ich endlich den richtigen Ton in mir angeschlagen und die eigene Pace gewonnen? Stellte sich endlich die alte Siegerlaune ins Gleichgewicht und würde ich nun dennoch zu meinen Eroberungen gelangen? Morgen brechen wir auf! Nun, da ich wieder mit einem Bein in der Ferne, im Reisen, in seinen Mühen und seiner Arbeit stand, erwachte mein gutes Selbstgefühl. Die Weibergeschichten waren abgetan – was etwa noch Angenehmes von dieser Seite zu erwarten war – ich dachte an Zana und war fröhlich gestimmt – konnte als wünschenswerte Zugabe mitgenommen werden. Denn nun ging es wieder los. Los, los, los! Vielleicht entdeckten wir den Schatz – einen richtigen Schatz. Und dann wartet auch ein Abenteuer nach dem anderen fidel auf uns. – Also, was sagte Slim da zu dieser Xantippe von Künstlersgattin? Ich stieß mit dem Kopfwirbel in die Richtung des Lärmes hin.

»Jerusalem!« schrie Slim auf, »das Nest ist verkatert! Hier sehen Sie den originären und wirklichen Katzenjammer. Wenn dieses Katzenpack einmal in vollster Seligkeit dahingesponnen hat, dann kollert's ihm den nächsten Tag genau so im Rückenmark wie dem dekadentesten Boulevardier. Auch hier ist die Aufnahmsfähigkeit für das Glück nur eine beschränkte. Sie werden noch Sehnsucht nach der gemäßigten Zone kriegen, Johnny. Das wirkliche Glück, das der Organismus braucht, spiegelt sein Bewußtsein, und sei es noch so niedrigstehend, nicht wider. Darüber und über seinen Konsum ist nichts bekannt. Auch der Katzenjammer ist eine Art Lebensfreude. Die Demut und die Selbstverachtung und die Krankheit sind zur Befriedigung just so nötig wie die geraden Kräfte. Diese Kessel- und Röhrensysteme aus Zellgewebe, die Sie da herumunken und tuten und aus allen Löchern der Qual des Lebenmüssens pfeifen hören, sind heute ungefährliche Leute. Ich habe damit gerechnet. Männer und Weiber tauschen für eine Weile ihre Reize – es liegt vielleicht eine weise Regel aus dem Haushalt der Natur dahinter verborgen. Wie gesagt, ich wußte, daß es so kommen würde und habe meinen Plan gemacht. Heute sind sie mürbe. Heute bekommen wir die Expedition zusammen – und Zana geht mit. Wenn wir bis morgen vor Tagesanbruch nicht aus dem Dorfe raus sind, wird es uns übel bekommen. Denn gestern abend – hätten wir eigentlich verspielt. Es war nicht nötig, daß Sie Purzelbäume schlugen. Sie haben uns lächerlich gemacht. Sagen Sie, was ist Ihnen eigentlich eingefallen? Ich glaube, Sie vertragen das Mandioka nicht?«

»Nun, da irren Sie aber gründlich«, platzte ich ärgerlich heraus. Zuerst hatten seine Worte meinen Humor geweckt. Seine Ausdrücke für eine Erscheinung, die mir menschlich nicht fremd war, schienen zutreffend. Aber daß er damit gerechnet hätte, glaubte ich nicht. Das war aufgelegte Prahlerei. Jedenfalls war er schlau, es so auszulegen. Ich durchschaute ihn. Er war smart, der Amerikaner. Sein war die Tat, die kräftige Aktion, mein aber waren Spürsinn und das aufgeweckte Bewußtsein. Er hatte eine Menge Ideen geäußert, die von mir waren; er war beeinflußbar. Weiß der Kuckuck... Er verstand es, sich einen Anschlag in die Hand spielen zu lassen und dann weiter zu konzentrieren. Ein bißchen beklemmend war es. Soll man, während Slim sich für meine Idee begeistert und mir die Bedenken durch den Kopf schießen, mit einem Empfindungsresultate enden, das nahe an die Verachtung Slims streift? Nein, es empfiehlt sich, auf kleine Genugtuungen zu verzichten. Vor Größenwahnsinnigen und Plagiatoren verleugnet man seinen Selbsterhaltungstrieb. »Was glauben Sie wohl«, sagte ich, »ich bin Senior einer deutschen Burschenschaft. Mensch, Sie wissen nicht, was ein solcher Kerl vertragen kann. Allen Ernstes; ich nehme solche Reden krumm. Sehen Sie denn, ich bin treuherzig: bitte, lassen Sie das. Kleine Beleidigungen sind schwer zu übergehen. Also, wenn wir gut Freund sein sollen –«

»Well«, sagte der Amerikaner und fügte wie beiläufig hinzu, während er sich Mühe gab, über die Strohpalisade in Kelwas Hof zu blicken, »Selbstpersiflage oder Selbstübertreibung sind auch eine Methode, um eine neue Situation zu überbrücken..... Übrigens schwört der Dutchman, der auch von keiner trinkschwachen Rasse ist, in ganz der gleichen Weise auf seine Gurgel. Und nun sehen Sie sich den Kerl mal an. Heute nacht hat er sich verpflichtet gefühlt, den Indianer zu spielen. Er hat im Djungle irgend etwas angestellt. Zana scheint irgend etwas dabei zu tun gehabt zu haben; aber – –«

»Van den Dusen?«

»Yes, Sir. Aber das weiß ich: das Mädchen rührt mir keiner an! Ich habe eine Patrone für ihn im Lauf!«

Slim hatte breite Knochen und ein solides Gestell. Was geschah, wenn ich ihm an die Kehle sprang? Ich habe gegen Drohungen nichts einzuwenden. Aber Abgeschmacktheiten und Übertreibungen gehen mir wider den Strich. Nun konnte ich einem Unvorbereiteten, auch wenn er kräftiger war als ich, mit der nächsten Bewegung den Kopf eingeschlagen haben. Slim, Slim, das war nicht nur unverschämt, das war auch dumm. Im Grund gab es ja kein Mittel gegen mich, sobald ich mich ernst nahm – »Ja, Donnerwetter«, rief ich, »was ist denn los mit ihm? Wo ist er denn?«

»Er liegt in seinem Bau und ist lebensüberdrüssig, denn der Djungle hat ihn nächtlicherweise geschunden. Vielleicht war es auch das Weibsbild. Er ist verrückt. Wir wollen ihm nachher einen Besuch abstatten.«

Da hatte mir Slim seine Überlegenheit kurzerhand klargemacht und das Mädchen verboten, bevor ich noch Atem geschöpft hatte. Und jetzt war er plötzlich vergnügter Laune und beantwortete die Zurufe Kelwas, der uns inzwischen bemerkt hatte, mit Witzen. Beide unterhielten sich drastisch, während wir in den Hof eingelassen wurden.

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