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Robert Müller: Tropen - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleTropen
authorRobert Müller
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008927-1
titleTropen
pages5-16
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1915
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Die Figur entschwand. Unbehagen und Unsicherheit zerstörten meinen Gedankengang. Ich wollte zurück in die große Straße, aber es mißlang. Sie schien mir plötzlich ebenso unwirklich wie die Landschaft, die ich träumte. Und nun war mir aller Boden entzogen und ich fiel in eine blasse, unkörperliche Wirklichkeit. Alles, was mir da erschienen war, schien gar nicht vorhanden, und ich stand, während ich doppellebig träumte, auf einem Grunde, den ich nicht wahrnehmen konnte, einer dritten unbekannten Welt, die aber einen Rückhalt in meinen Sinnen hatte. Und was ich da träumte, träumte ich gar nicht. Ich hörte es. Ich hörte die Worte und sie schufen mir Sinne, die sie befriedigten. Es war alles die Erzählung eines merkwürdigen Fremden mit mystischen Augen, den ich Slim nannte. Er sah mich schwarz und ziehend an und ich näherte mich ihm schwankend, vom Festen gelöst. Außer uns beiden gab es nichts, die Welt, die Stadt, die Landschaft waren nur seine Erzählung. Er erzählte singend und weitschweifig, stieg eine unendliche steile Leiter von Bildern hinan, um in einer ekstatischen Höhe die Stimme seiner Weltlust voll ausklingen zu lassen, formte mit fortgerissener tatkräftiger Hand eine halbdunkle ewige Masse, um den Funken seiner Seele in ihr verzischen zu lassen. Seine Erzählung war ein einziges langes, wildes Lied. Und schon begann ich bohrend zu fragen. Wer war ich in seiner Erzählung? Wer war er selbst? War er außerhalb seiner Erzählung? Und ich gewahrte, daß er nur ein Stück seiner Erzählung war. Er war die Gestalt eines Buches, das ich las. Während ich es aber las, schrieb ich es, und ich schrieb es ab von meiner Seele mit Schaudern und Staunen und Neugier. Alles was ich träumte, war nur ein Buch, das ich schrieb, und es sollte alle die schwere Weisheit meiner Jugend tragen, sollte im kalten Kelch meinen formlosen, doch feurigen Wein kredenzen.

Dies Buch sollte den Titel Zana tragen. Die Lautfügung Zana klang wie ein Orchester fremder Musik, die ich visionär zu hören bekam. Ich fühlte mich schwach vor diesem Buche, aber ich besann mich, daß es in der Trance geschähe und gab meine Selbstkritik auf. Noch nie hatte ich Sätze von so wollüstiger Bedeutsamkeit gelesen. Alle erschienen sie mir als runde und packende Griffe in mein Beobachterleben, die gewöhnlichsten Worte und Verbindungen waren mir unschätzbare Fundstücke, so übertrieben gehaltvoll, als hätte ich mich eigens um ihretwillen den Mühen jener Dinge unterzogen, die sie schilderten.

Wir waren eine Gesellschaft von Weißen aus aller Herren Länder und kamen in ein Dorf zu Wilden. Wir hatten zweideutige Erlebnisse, lächerliche Erlebnisse ohne Humor. Ich verliebte mich in Zana, die Priesterin und Künstlerin, immer mit dem dummen Gefühl, daß von rechtswegen noch etwas Romanhaftes passieren müsse. Aber alles Unheil, das wir anrichteten, war, daß wir uns nach Kräften blamierten. Zana, ach, ich hatte ein tiefes Verhältnis zu ihr und alle meine Sehnsucht war in ihr verkörpert. Sie war ein Exemplar mit gut erhaltenen Instinkten. Ich gab mir redliche Mühe, vor ihren Augen zu bestehen. Aber wir machten unsere Sache grundschlecht. Die Leute hatten bald heraus, daß wir charakterlos waren und den dringendsten Ansprüchen an Menschlichkeit kaum genügten. Wir konnten ja nicht einmal gehen, geschweige denn von anderem zu reden. Wie ich sie haßte und fürchtete, diese Gesichter von Müttern ungezogener Kinder, die uns mit gutmütigem Hohn auf die Füße stiegen und für unsere Kleidung mancherlei tiefgehende Neugier bewiesen! Es war der Stolz von Müttern, die eine Rasse geboren haben wollten, deren elementare Lebensregungen freudig zu begrüßen waren. Schon verkündigte sich in ihrem Getrampel der Takt, dem sie sich einreihen würden. Sie wuchsen auf zur Bildung, sie wurden groß und stark, sie formierten eine drohende wagende Kriegermasse. Im Sturmschritt tanzten sie vor ihren Müttern, ihren Frauen! Die Pace, die Pace, diese war es, diese besaßen sie und uns ging sie ab. Eingeborenenleben, lustvolle Verkrüppelungen, freudevoller Blödsinn des Daseins, all das ist höchst reizvoll und der Pflege wert. Und nun wußte ich auch, warum ich diese Geschichte aus dem indianischen Djungle schrieb. Ich hatte mich anzuklagen und zu rechtfertigen vor allen Zanamenschen, allen Menschen einer höheren Gattung, die den Kopf frei trugen und einen inneren Rhythmus, eine blutige Bestimmtheit mitbekommen hatten, Menschen ohne Masse, einfache Menschen, die ihre naiven Verrenkungen als schöne Krämpfe empfanden!

Ich horchte in meine Kultur hinaus. Sie war ein weiter Saal, durch die Menschen raunend schritten, kalt wie in einem Museum. Da war kein Takt, nur von den Galerien und Gängen, aus den Saalwinkeln und von den Türrahmen hörte ich ein Treten von Sohlen, Sohlen, Sohlen. Der Zehengänger waren nicht viele. Nicht viele waren sprungbereit und straff. Sie huschten mit ihren Illusionen an den Seltsamkeiten und toten Formen hin, ohne sie zu halten. In atavistischen Kleidungsformen ohne Kraft, Symbolen, deren seelische Mächte gestorben waren, die den Körper zwängten und den Schädel öde verlängerten, komplimentierten sie sich aus dem Leben hinaus. Diesem Leben fehlten Grausamkeit und Würde, ein später Falter aus heroischerem Geblüte pendelte es mit feudaler Verruchtheit im Gleichgültigen. Mit den Schimmern vergangener Zwecke und dem Atem prahlerischer Genießlichkeit behaftet, leidensunfähig und eitel, finden wir die Kelche des Lebens blaß und leer von Honig. Aber dies ist nicht des Menschen Sinn und Schicksal. Der Mensch ist vom Katzengeschlechte, klein, schlau und beharrlich, reüssierend, sich steigernd. Die Beobachtung war sein; er war das scharfsinnigste und jägerischeste aller Wesen. Er hatte durch Beobachtung und schöpferische Betrachtung seine Maße ins Ungeheure geschraubt, während alle anderen Systeme in ihrer Größe zurückgegangen waren. Sein Wille war sein Schicksal. Seine Beobachtung seine Klaue. Mit seinen Wimpern marschierte er in Weiten, die die Erde nicht kennt. Mit dem Strahl seiner Augen leitete er Ströme, die ihn, er muß nicht wissen wohin, ins Gute reißen. Er ist eine schnelle und eine tüchtige Katze, er paßt scharf, und er versteht es, Wild zu sein. Gott hat ihm Augen gegeben, zu lieben und zu verdauen. Dem Drachen aber den Wanst.

Beobachtung! Beobachte dich selbst und du nimmst zu! Unter deinem Blicke schwillt der Muskel. Du entwickelst dich von dir zu deiner Technik, von deinen Wünschen zu deiner Art, vom Vergnügen zur Lust, von deiner Hast zur Pace. Und die Pace ist gut. Haben wir sie verloren, so wollen wir sie uns wieder holen. Wir reisen. Wir bezwingen den Wilden, indem wir ihn sehen kommen. Und nun holen wir uns wieder, was wir für unser Gehirn eingetauscht hatten, aber wir geben den Tausch nicht auf. Wir behalten, was wir besitzen. Denn unser Gehirn ist unser Messer, eine feine Klinge der Beobachtung, die wir nicht vom Leibe geben. Es ist unsere Pupille in der Nacht, unsere Nüster wider den Wind, unsere Sehne zum sezierten Glied. Frigide Dichter, die Ruhe statt der Lust suchten und schwächliche Beobachter waren, haben uns die Analyse verleidet. Ein guter Beobachter aber freut sich seines Sehens. Er sieht nichts, das er nicht gerne sieht. Er sieht, auf daß etwas zu sehen sei. Denn der moderne Mensch ist jener, der solange hört, bis das Gras davon wächst. Es geht ihm gut dabei und er legt sich darin auf den Rücken und singt in den Himmel, wenn es soweit ist.

Auf der anderen Seite aber sehe ich im Hintergrunde den Takt der Arrieregarde, das gerettete Überbleibsel und den Ruin von uralten Lüsten, die tanzende Phalanx der Bürger, eine Humpelmaschine, lustlos und verdrießlich. Fade verlängern sie den Hohlraum der Schädel mit steifen Bräuchen und verschönern ihre Frauen mit engen Symbolen, deren Gleichniskraft erlosch. Das frohe Treiben alter Wildheiten und die freudige Kunst der Verrenkungen zieht sich langwierig und unnütz durch die Gesittung. Ein schäbig gewordener Rhythmus zupft noch galvanisch an ihren Leichen, raunt noch verblaßte Musiken zu ihrem Tun und läßt sie hohlzahnige Lieder singen. Darum sollt ihr Verlorenen und Vergessenen den Bürger mit dem steifen Helm guter Mächte nicht schelten! Aber ihr, Wildlinge und Urwaldseelen, scheltet ihn doch, und lachet lustig, wenn die alte Phalanx tanzt. Denn eine neue Bürgerlichkeit muß kommen! Eine neue strenge Sitte und Zucht, harte Gesetze und frohe gottgewollte Abhängigkeiten! Lasset die Pace klappern und freut euch. Die Eingeweide lechzen danach und schon knurren euch die Geister hungrig...

Stille war um mich her und ein weißes Licht. Strahlte so der Geist? Ich lag an der Grenzschneide zwischen Intellekt und Vegetation, ich fühlte, wie hart und lebendig hier alles war, fühlte diese Formen weißen Lichtes, die sich willig banden und lösten. Ich träumte, oh es war so gut, eine Wirklichkeit war's zwischen zwei Wirklichkeiten, höhere und gültigere Wahrnehmungen aus dem Lebensgefühle. Und ich kam innerhalb dieses Zustandes zu dem Schlusse, daß jede Wirklichkeit, je stärker, desto träumerischer sei.

Da nahte ich wieder, wenige Sekunden waren es, daß ich sie verlassen hatte, den bunten Schwärmereien des versinnlichten Traumes. Zana war an den Hütten vorbeigeschlichen. Ich schaute ins leere Sternenlicht. Draußen in der Savanne, gegen den Djungle zu, erscholl der Heulschrei einer brünstigen Hündin. Ein paar der Männchen im Lager schlugen an. Der Schrei der Hündin ging meinem traumbeschwerten Herzen aus irgendeinem Grunde nahe. Ich sah Zana, mit gefesselten Füßen in die Knie gesunken, die Arme hinterm Genick verschränkt. Da fühlte ich meine männliche Unzulänglichkeit. Wie Schuppen fiel es mir von den Augen: all diese Huld konnte mir gelten; auch mir, wenn ich ein anderer wäre, mit ebeneren Gliedmaßen und einer entsprechenden Haltung. Die Kleider, die mir grotesk um den Leib hingen, mißfielen; ich ahnte Zanas abfällige Blicke darauf gerichtet. Man müßte – ha, es war ein vortrefflicher Gedanke, dieser Gedanke von den Kleidern. Im Traume merkte ich, daß ich leis und zufrieden vor mich hin lächelte. Mein Körper spürte ein gutes Wohlsein. Das Lächeln wurde breiter, es kam aus dem Hirn, aus den Eingeweiden, es nahm den ganzen Körper ein und löste sich endlich als klingendes Lachen aus meinem Halse los. Hallo? Eine Vorstellung war mir durch den Kopf geschossen. Ich sah in der Ferne einen Mann vorübergehen, den ich van den Dusen nannte. Ein guter alter Bekannter, eine geläufige Figur meiner Phantasie, ein Standard meiner kritischen Beschäftigungen, der Typus des Durchschnittseuropäers. Er kam aus einer Hütte, die weiter oben an der Wegbiegung lag. Seine Gestalt war feist und schwerfällig und bewegte sich verzagt vorwärts. Aber noch etwas war an ihr, das mich lachen machte, das mich zum Biegen brachte vor Lachen, tiefem, donnerähnlichem Lachen. Mein Rücken schmerzte, er krachte, sprühte vor rieselndem Schmerz, ich fand plötzlich, daß mein rechter Arm eingeschlafen war und zog ihn auf Umwegen zu einiger Tätigkeit heran. Der Himmel stand voller Sterne. Sie gingen in Paaren und koppelten und bildeten wurmstichige Monde. Ich lag am Rücken und schwelgte in der Schärfe, mit der ich sah und dachte. Da überkam mich das Lachen, ich lachte fanatisch – – – – – – – – – – – und drüben kam van den Dusen in einer weißblaugestreiften Badehose aus seiner Hütte. Ich hatte die Wirklichkeit geträumt!

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