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Robert Müller: Tropen - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleTropen
authorRobert Müller
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008927-1
titleTropen
pages5-16
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1915
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Da fühlte ich mich vom Leben vollständig besiegt, denn ich entsann mich, daß es acht Uhr morgens war und daß ich in die Schule mußte. Ferner, daß ich meine morgendliche Träumerei am Straßenpflaster in ungebührlicher Weise ausdehne. Ich fühlte mich tief geknickt, ohne Lebenslust, ohne das Schwergewicht eines Charakters, wie ich dalag, jenseits des Lebens, ganz nördlich von den einfachsten warmen Regungen, ohnmächtig, nur einen Finger zu rühren. Um aber meine Niedergeschlagenheit nun noch zu begründen, kam ein schlankes Mädchen des Weges daher. Sie war braun und hübsch, und ich schrie ihr zu: »Hallo, Zana, wie geht's?« Sie hatte einen dichten Schleier mit Fasern und Punkten vor dem Gesicht, so daß die Schatten davon auf ihrem Teint fleckten. »Ach, Zana«, sagte ich voller Sehnsucht, »nehmen Sie doch einmal den Schleier von Ihrer Tätowierung ab.« Sie sah recht rot an den Wangen aus, aber sie tat nicht, als ob sie mich gehört hätte. Sie ging weiter und ließ mich elend zurück. Heftig suchte ich mich zu bewegen, die seltsame Last meiner moralischen und körperlichen Pein zu sprengen. Angestrengt dachte ich nach und suchte mit den Augen nach meinen einzelnen Gliedern, die sich von mir losgelöst zu haben schienen. Meine ganze Konzentration legte ich in diesen Blick. Da wurde es mir bewußt, daß ich mich in einem Dämmerzustande befand, der zwei Tiefen besaß.

Ich dachte exakt, aber ich erlebte zweideutig. Es war die Trance, das große seelische Ereignis der Tropen. Ich wußte über meine geistige Anwesenheit Bescheid, aber ich vermischte die körperlichen Grundlagen, ich war imstande, zwei Räume ineinander zu schieben. Es ist ein entsetzlicher Abgrund von Tiefe, der sich hier auftut. Ich war imstande, zu denken, daß das Bild der Sinne im Verhältnis zum geistigen Zustande absolut gleichgültig sei; aber ich vermochte mitsamt der enormen Anstrengung von Gehirn und Willen nicht, dieses Bild zu beeinflussen, ich kam buchstäblich nicht vom Flecke. Mein Dasein blieb in diesen Minuten trotz außerordentlicher geistiger Leistungen ein nur verhältnismäßig Wirkliches.

Ich befand mich in diesem Augenblicke auf der Straße einer großen Stadt. Aber diese Wirklichkeit ignorierte ich. Ich war gezwungen, eine Vision zu erleben, die ich leugnete. Mühevoll leugnend nahmen meine angestrengten Augen eine grüne Spitze aus, die sich hypnotisierend bewegte. Langsam erinnerte ich mich, daß sie einem Palmblatte ähnlich sah. Ein Fräulein Zauner oder Zana – der Klang haftete mir nur flüchtig im Ohr – war wieder da. Sie hatte ihre Würde abgelegt, jetzt frotzelte sie mich und schwang die Palme wie ein Gassenmädel über mir. Meine Sehnsucht nach diesem Mädchen war grenzenlos. Es stand zu meiner Linken, irgendwo an ihm, auf einem Stengel hinterm Ohre oder in seinem Haar, schwankte eine pralle weiße Rose. Das Mädchen sagte nichts, aber es zirpte mit einem berückenden Laute so unaufhaltsam süß und furchtbar, daß sich meine Eingeweide vor Leid zusammenzogen und Tränen mir die Augenwinkel herabrannen. Wie das wollüstige Zirpen, so waren die Tränen schwer, schwer und rund, und ich konnte jede einzelne nachrechnen, konnte ihr förmlich mit den weinenden Augen nachblicken. So scharf und vielseitig war meine Beobachtungsunrast und die Spannung meiner Phantasie. Den kleinsten und intimsten Dingen konnte sie sich mit der Bewußtseinsfalle zuwenden. Die Schauer dieses Zustandes, eine Mischung von Lust und Qual, unbegrenzter geistiger Freiheit und körperlicher Starre, wurzelten in einem Gefühl zartester Lauterkeit. Zana, kleines Grillenweib! träumte ich schluchzend. Aber mein Geist blieb indem hart bei der Wirklichkeit oder bei etwas, das er als solche empfand. »Bitte, Fräulein Zana«, sagte ich in seinem Sinne und sehr sachlich, »ich halte Sie für kokett. Ihr gemusterter Schleier mit seinen Teintwirkungen ist ein Nachkomme der indianischen Tätowierung. Geben Sie sich keine Mühe. Ich liebe Sie nicht. Zieren Sie sich nicht mit dem Schirm, ich weiß schon, daß es keine poesievolle Palme ist. Sie verwenden schrecklich alte Mittel, um mich zu fesseln. Ich verabscheue Ihre Pikanterien.« Mein Herz brach, als es so log. Aber es log mit den Wahrheiten meines Geistes. Er verwertete sie praktisch, benützte sie zu einem an und für sich simpeln Manöver, indem er auf den Weiberfang ging. Ha, was war es mit den geistigen Wahrheiten? Waren sie vielleicht überhaupt nur das Rüstzeug der geschlechtlichen Überlegenheit? Machte ich hier, von einem Frauenzimmer an die Straße gefesselt, diese Aperçus nur zu dem Zwecke, um ein Gegengewicht zu haben, wenn das Mädchen mit den Tupfen im Gesicht prahlte? Liebe macht geistig und ehrlich. Aber der Geist und die Ehrlichkeit sind so viel wert wie das Rouge einer Mädchenwange. Heiha, wie ich denken konnte; aber auch dieses Denken, das sich selbst bedenkt, ist nur ein Schleier, mit dem man etwas Wichtigeres reizvoll ornamentiert. Körperlich ausgeschaltet lag ich da als idealer menschlicher Organismus. Die selige Frage des Organs gestaltet sich zu einer profunden Erkenntnis. Während ich dem Mädchen nachsah, das dahineilte, ging es mir blitzschnell durch den außerordentlich klaren und angeregten, Kopf, daß Beobachtung ein nicht unwesentlicher Bestandteil der Lust und eine geradlinige Äußerung tierischer, ja vegetativer Funktionen sein möge.

Fräulein Zanas Abgang rührte mich. Ein knapper Rock fesselte sie über den Knöcheln. Sie konnte nicht ausschreiten, sie ging hastig und mit kurzen, humpelnden Schritten. Ihre Halbschuhe trugen Schnallen und Maschen. Da erkannte ich es wieder, wie ich es vor vielen Jahren erlebt hatte. War Zierlichkeit eine Ableitung, eine Verkleinerung, eine Korrumpierung von Grausamkeit? Der Sinn des Brutalen, Beschränkenden, Verstümmelnden schürzt die Falten am Körper des modernen Weibes, ringt verlangend in den Formen der Bekleidung, sprengt sich leer und inhaltslos, müde vom vergeblichen Bitten im sehnsüchtigen Schein des Tuches an, alte Lüste zu verbildlichen. Alles was der Mann einst hatte, prangt heute als starre Formel in der Toilette unserer Dame. Alles was der Mann einst an Männlichkeit vergab, näht, stickt und flickt sie sich heute nach Eigenbedarf. Sein Körper ist nicht mehr durch Muskeln interessant; sie aber trägt den Fetisch verwirrender Verschlungenheit, wie ihn der nackte Mann bot, nun zahm und zahnlos selbst mit sich herum. Und liebt, wie sollte es anders sein, den Halspelz wie einen Bizeps, den engen Rock, der Formen wirft, wie eine tastende Hand, das Korsett wie die gewaltige Umarmung, die einst die natürliche Schönheit ihrer Hüften und Brüste genoß, und schreitet mit dem schlanken Schuh den alltäglich gewordenen Phallustanz. Wild, grausam, geil prangt die Pracht unserer Weiber, seit nicht mehr Männer, nur Tuch und Leder ihrer Sehnsucht antworten. In den ursprünglichen Gewaltakten vom Opferblick gekitzelter Urmenschgatten sah ich die Eltern unserer Moden. Und so wandelte auch das Mädchen lieb und voll versteckter Demut in ihrem Gefängnis, trug es mit sich die Straße entlang und empfand sich prachtvoll. Ihr Rock brachte die doppelte Sattelung ihres Leibes über den Hüften und an den Knien zur Geltung. An den Knien wogte die Kontur ihres Rumpfes mit einer großartigen Schwingung zurück. Dieser Engpaß beschloß die schnittige Mulde ihres Schoßes. Sanftmut und Ergebenheit stiegen aus warmen Formen, folterten durch eine laue, entnervende Zärtlichkeit, die sich zwecklos in ihnen zu verschwenden schien. Das Tuch liniierte die Geheimnisse dieses Mädchens. Mein Kopf barst von uralten Empfindungen, entlegene Eigentümlichkeiten und Liebhabereien aus Kinderzeit fielen mir nachträglich ein. Schönheit, war es das, was wir als Fixes, mystisch geregeltes Göttliches anbeteten oder: Pietät gegen gute Erfahrungen?

In der langen Straße einer großen Stadt geschah es, daß mich die Sehnsucht nach dem Weibe ankam. Ich sah das Mädchen wandeln. Plötzlich begriff ich unseren Urzustand und erfaßte unser Verhältnis als eine primitive Frage erwünschter Gewalt diesseits von Sitte und Benehmen. Und nun geschah etwas, dessen Sonderbarkeit mir deutlich zum Bewußtsein kam. Der böse Palmzweig, den das Mädchen mit den schadhaften Stöckeln über mir geschwungen hatte, wurde eine vollständige und wirkliche Palme. Etwas Neues und Zusammenhängendes baute sich um mich auf. Ich begrüßte es mit einem schwachen Schimmer von Wiedererkennen. Es erlöste das Gemüt wie Langvertrautes; vage Bilder von Urgefühltem reiften langsam herauf: und da, mit einem Schlage war es da, hatte ich einen Namen und nannte es – Tropenlandschaft. Ich lag mit dem Rücken unter einer Palme. Das Kreuz schmerzte mich, so daß ich Bewegungen unterließ. Meine rechte Hand lag schwer unter mir, sie war gleichsam eingeschlafen und hing leer herab. Links über mir glomm in einem wilden Gewimmel von Sternen ein großer prallweißer Planet mit intensivem Lichte. Er stach nach meinen Augen, bändigte mich mit seinem Strahl wie jener lange Muskel, die Schlange. Er übte einen erstarrenden Einfluß aus. Er bannte mich, und ich träumte schwer, aber mein Scharfsinn blieb wach und kritisierte den Traum. Ich sah mich in einer Tropenlandschaft vor einer triangulären Hütte liegen, die aus Palmstroh bestand. Meine Augen waren rund aufgeschlossen und gebrochen: ich gewahrte sie mit Entsetzen wie etwas Fremdes; in ihnen saß kalt und fett ein weißer Stern und fraß sich wie ein metallischer Wurm, wie eine weißglühende Entzündung in den aasigen Glanz der Augäpfel ein. War ich tot oder war ich krank, daß ich so dalag und die Zeichen fiebernder Verwesung ihren Glanz in meine Augen bohrten? War es Erinnerung oder war es Vorzeichen? Oder war es Symbol, war alles nur Symbol für einen inneren Zustand? Ich dachte normal und schnell. Dieser Zustand entbehrte trotz einer leisen Qual, trotz Schauder und Zweifel nicht der Seligkeit. Ich war vor Glück erfroren, war in einem frostigen Wohlsein gelähmt. Ich ahnte die Tatsache Trance. In diesem Zustande waren die zwei Tiefen der Seele, Traum und Untraum, verschiebbar, und alles war Traum, alles war Wirklichkeit. Die Welt der Logik, das Phantoplasma, das Bild gewordene System der zureichenden Erklärungen war zwiefach. Es pendelte zwischen zwei Rhythmen, davon jeder bloß der Umschwung des anderen war. Was ich hier dachte, konnte ich auch dort denken. Derselbe seelische Verlauf konnte ein verschiedenes Phantoplasma, sei's Traum, sei's Wachleben, unterlegen. Phantoplasma, so nannte ich diese Entdeckung, die ich in meinem höchsten entkörperten Augenblicke, in der Trance, entdeckt habe.

Diese stramme Kopfarbeit, für die ich sonst ungefähr die Konzentration einer Stunde berechnet hätte, wurde in wenigen körperlichen Sekunden geleistet. Denn das Mädchen hatte sich inzwischen erst einige Schritte entfernen können. Sein Entschwinden erweckte mich. Ich war wieder in der Straße zwischen den großen Häusern. Aber diese Schnelligkeit war gering zu dem Nichts an Zeit, mit dem sich die bildlichen Grundlagen meiner geistigen Erregung änderten. Diese Erregung war das einzige Solide und Dauernde während der ganzen Trance. Ich habe einen außerordentlich treu überlieferten Zusammenhang meiner Gedanken davon bewahrt. Mein Leib aber schien indessen doppelt vorhanden, ich fühlte zwei Leben mit derselben gemeinsamen, geistigen Spitze, ich lebte in der großen Straße und lebte in einem indianischen Dorfe; freilich ahnte ich im Grunde, daß die Stadt eine Realität, das Dorf aber eine, wenn auch heftig empfundene Vision war. Manchmal verschmolzen die Eindrücke; der eine war der, daß ich mich in einer städtischen Straße befände und mir gegenüber eine Figur, die ich intensiv als weibliches Wesen empfand, sich entferne. Plötzlich stand das Mädchen nackt da. Nein, es war nicht ganz nackt, sondern trug bis über die ominösen Knie schwarze Strümpfe und auf dem ein wenig schiefgelegten Kopfe einen pompösen Hut. Als ich mich mit den Knien beschäftigte, fielen die schwarzen Strümpfe fort. Die Knie sahen jetzt um ein gutes Stück harmloser aus. Der Hut mit der großartig wallenden Straußfeder machte gleichfalls eine Metamorphose durch. Das Kothurnprinzip, auf Schädel angewandt, das in diesem Hutriesen stack, vergrößerte den Maßstab der Figur, der weibliche Helm gab ein übertriebenes Zeugnis dämonischer Macht. Sein Nachfolger war ein mystisch und böse blickendes Geflecht, das nun das weibliche Haupt bedeckte, und Büffelhörner und Vogelschwingen spielten eine dräuende Rolle darin. Im Nu war auch dieser Standpunkt überwunden. Das nächste war jetzt ein kleines Gesicht mit schwarzen Strähnen bis zu den Achseln. Zwei reizende kleine Eberhauer durchbohrten die Oberlippe. Sie war im Verhältnis zur schmalen unteren, deren Fleisch sich wild und dunkelviolett durch die ein wenig narbige und verzerrte Haut preßte, voll und überreif wie platzende Beeren im Djungle. Da wußte ich, daß es das Gesicht der Figur war, die mir gegenüber an der Zeile der Strohhütten entlang mit dünnen Knien vorbeischlich und jetzt über den Grenzstrich der Schatten ins bleiche Licht hinaustrat. Sie war in einen Panzer von weich fließendem Silber gehüllt. Ihre Füße schienen ein wenig schadhaft. Obwohl die Entfernung zu groß war, wußte ich, daß die Figur an ihren Knöcheln eine kleine strählige Schorfwunde haben mußte, wie sie entsteht, wenn die Gelenke zart sind und sich bei einem gewissen weiblichen Gange scheuern.

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